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Wie aus dem NichtsWie aus dem NichtsWie aus dem Nichts

Wie aus dem Nichts

Roman

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Wie aus dem Nichts — Inhalt

Dana kann von ihrem Versteck aus hören, wie ihr Freund Alex erschossen wird. Starr vor Angst beobachtet die Inhaberin einer Alibi-Agentur, wie ein Mann mit Fuchsmaske kurz darauf die Wohnung verwüstet und dann einfach wieder verschwindet. Zunächst ist Dana überzeugt, dass Alex sterben musste, weil er als Enthüllungsjournalist zu viele Fragen stellte, doch die polizeilichen Ermittlungen ergeben schnell, dass er nicht der war, der er vorgab zu sein ...

Erschienen am 02.11.2016
368 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30873-1
Erscheint am 11.01.2019
368 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31422-0
Erschienen am 02.11.2016
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97478-3

Leseprobe zu »Wie aus dem Nichts«

1

Aus der Küche wehten vertraute Geräusche zu mir ins Bad. Alex machte Frühstück und summte auf seine unverwechselbare Art eine Melodie. Ich hätte nicht sagen können, ob es sich dabei um einen Song von Rihanna oder um einen von Adele handelte. Da er kaum jemals einen Ton traf, ließ sich keine der Melodien bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen – was keine Rolle spielte, denn das, was er völlig unbeschwert zum Besten gab, übte einen ganz eigenen Reiz aus.

In diesem Moment drehte er in der Küche das Radio laut. Der Moderator von Antenne Bayern verkündete [...]

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1

Aus der Küche wehten vertraute Geräusche zu mir ins Bad. Alex machte Frühstück und summte auf seine unverwechselbare Art eine Melodie. Ich hätte nicht sagen können, ob es sich dabei um einen Song von Rihanna oder um einen von Adele handelte. Da er kaum jemals einen Ton traf, ließ sich keine der Melodien bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen – was keine Rolle spielte, denn das, was er völlig unbeschwert zum Besten gab, übte einen ganz eigenen Reiz aus.

In diesem Moment drehte er in der Küche das Radio laut. Der Moderator von Antenne Bayern verkündete gerade wortreich, dass Freitag, der dreizehnte für ihn schon immer ein Glückstag gewesen sei. Die Zuhörer sollten sich bloß nicht vom Aberglauben verunsichern lassen, sondern den Tag einfach genießen. Wenn am Freitag, dem dreizehnten November das Thermometer auf fünfzehn Grad steigen würde, könne doch gar nichts mehr schiefgehen.

»Hast du gehört?«, rief Alex Richtung Bad. »Fünfzehn Grad!«

Ich ließ die Zahnbürste sinken. »Ja, hab ich. Klingt gut!«

»Wie wär’s dann heute Abend mit den Isarauen?« Seine Stimme kam näher.

»Willst du nicht erst einmal abwarten, wie das Gespräch mit Biggi verläuft?«, fragte ich ihn vom Waschbecken aus, als er im Türrahmen auftauchte. »Vielleicht braucht sie dich später noch. Es wird bestimmt nicht leicht für sie.«

Alex, der in gestreiften Boxershorts und einem weißen T-Shirt mit V-Ausschnitt steckte, kam ein paar Schritte näher und lehnte sich gegen die senfgelben Badezimmerfliesen. Mit der rechten Hand kämmte er seine dunkelblonden Haare zurück und brachte damit seine Geheimratsecken zum Vorschein. »Mach dir keine Sorgen um sie. Biggi kann einiges wegstecken. Da seid ihr beide euch ähnlich. Im Gegensatz zu dir hat sie allerdings nicht dieses Mutter-Teresa-Gen. Ich glaube, sie würde keinen Gedanken an dich verschwenden.« Er betrachtete mich auf eine Weise, die meinen Puls beschleunigte. »In dein großes Herz habe ich mich als Allererstes verliebt.«

Mit einem Lächeln wandte ich mich um, legte die Zahnbürste aufs Becken und spülte mir schnell den Mund aus. Dann ließ ich den Blick über sein Gesicht wandern, das zur Hälfte unter einem Dreitagebart verschwand und mir inzwischen sehr vertraut war. Ich hätte es mit geschlossenen Augen zeichnen können – die leicht schräg stehenden dunkelblauen Augen, die hohen Wangenknochen, die gerade Nase und das Grübchen am Kinn. »Und als Zweites? In was hast du dich da verliebt?«

»In deinen Mut.« Er grinste. »Weißt du noch, wie du an dem ersten Abend im Rüen Thai zu dem sturzbetrunkenen, pöbelnden Typ an den Tisch gegangen bist, ihm in aller Seelenruhe die Hand auf den Arm gelegt und gesagt hast Scht, es sind Damen anwesend!? Er hat dich angesehen, als wärst du geradewegs vom Himmel gefallen.«

»Ein wenig hast du mich auch so angesehen«, erinnerte ich mich und spürte wieder das elektrisierende Kribbeln unserer ersten Begegnung.

Alex schien es ähnlich zu gehen. Etwas Funkelndes stahl sich in seine Augen. »Wie viel Zeit haben wir noch?«

Gegen das Waschbecken gelehnt schüttelte ich den Kopf und seufzte. »Keine, ich muss gleich los.«

Um neun Uhr und keine Minute später begann mein Dienst. Auf Pünktlichkeit, das hatte Doktor Robert Eichberger in unserem ersten Gespräch betont, legte er allergrößten Wert. Sollte ich damit nicht zurechtkommen, würden wir uns schnell wieder trennen müssen. Das würden wir ohnehin, aber davon ahnte er nichts. Sobald ich die Informationen hatte, die für Alex so wichtig waren, würde ich kündigen und zu meiner eigentlichen Arbeit zurückkehren.

Alex kam auf mich zu, entfernte mit dem Daumen einen Rest Zahnpasta aus meinem Mundwinkel und strich mir eine meiner verwuschelten Locken aus dem Gesicht. Dann legte er seine Arme um meine Taille und zog mich an sich. »Wir könnten uns beeilen«, flüsterte er mir ins Ohr, um mich gleich darauf zu küssen.

Ich erwiderte seinen Kuss und ließ mich sekundenlang davon wegtragen. Am liebsten hätte ich seine Hand genommen und ihn mit mir unter die Dusche gezogen. Aber dann würde sich die Zeit auflösen.

»Er kündigt mir, wenn ich zu spät komme«, prophezeite ich, als seine Lippen seitlich an meinem Hals hinunterwanderten und seine Hände unter mein Nacht-Shirt glitten. »Du willst doch unbedingt, dass ich für ihn arbeite.«

»Im Augenblick will ich nur dich«, raunte er.

Mit den Fingerspitzen strich ich über seine Hüften und seinen Rücken hinauf. »Dann rufe ich ihn an und …«

Alex hielt inne und sah mich mit einem schiefen Lächeln an. »Bloß nicht! Ich bin ja froh, dass er dich eingestellt hat.« Er warf einen Blick auf meine Uhr, die auf dem Waschtisch lag und Viertel nach acht anzeigte. Dann ließ er mich mit einem bedauernden Lächeln los und stellte sich in den Türrahmen. »Welchen Eindruck hast du von ihm?«

Ich musste lachen, weil sich seine Frage für mich inzwischen wie ein Dauerscherz anhörte. Seit ich vor zehn Tagen bei Robert Eichberger als Haushälterin angefangen hatte, fragte Alex mich das täglich, und jedes Mal bekam er von mir die gleiche Antwort, nur jeweils in etwas andere Worte verpackt: »Der Mann ist ein seltsamer Kauz. Er redet kaum mit mir und macht den Eindruck eines zutiefst traurigen Menschen. Ich kenne niemanden, der so zurückgezogen lebt. Und so anspruchslos ist.«

»Was ist an einer Jahrhundertwendevilla in Nymphenburg anspruchslos?«

»Das ist es ja. All das scheint ihm kaum etwas zu bedeuten. Es berührt ihn nicht. Als ich ihm etwas von seinem wunderschönen Haus vorschwärmte, hat er mich verständnislos angesehen. So als wäre ihm das gar nicht bewusst.«

»Lass dich nicht von ihm einwickeln, Dana. Das könnte auch eine Masche sein.«

»Wieso sollte er denn mir gegenüber eine Masche abziehen?«

»Du kennst ihn nicht.«

»Du doch auch nicht, sonst müsste ich ihn ja schließlich nicht für dich ausspionieren.« Ich zog mein Nacht-Shirt über den Kopf und ließ es auf den Boden fallen. »Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er an diesen Machenschaften beteiligt sein soll. Wozu auch, wenn ihm Geld nichts bedeutet?«

»Was Geld den Menschen wirklich bedeutet, zeigt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick. Deshalb hör auf mich und sei vorsichtig. Und lass dich vor allem nicht von ihm anmachen.«

»Ich bitte dich – der Mann ist siebzig!«, feixte ich.

Als er lachte, war es, als tauche die Sonne ihn in gleißendes Licht und als verändere sich die Atmosphäre im Raum. »Ich glaube nicht, dass er schon jemals eine so attraktive Haushälterin hatte.«

»Er steht nicht auf sportliche Dunkelhaarige mit braunen Augen und Stupsnase.«

»Woher willst du das wissen?«

»Weil überall in seinem Haus Fotos einer blonden Schönheit mit sehr weiblichen Rundungen stehen. Sie war seine Frau und ist wohl schon vor Jahren gestorben, wenn ich ihn richtig verstanden habe.«

»Hat er eigentlich Kinder? Ich habe nichts darüber herausfinden können.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Jedenfalls stehen nirgends Fotos, die darauf schließen lassen.« Ich schickte ihm einen Kuss durch die Luft, stieg in die Dusche und stellte das Wasser an. »Bin gleich fertig.«

 

Zehn Minuten später ließ ich meine kurzen Locken an der Luft trocknen, tuschte die Wimpern und schlüpfte in Jeans, T-Shirt und Kapuzenpulli. Im Flur zog ich meine Chucks an, schob mein Handy in die Hosentasche und ging in die Küche, wo Alex mir gerade frisch gepressten Orangensaft und ein Butterbrötchen auf den Tisch stellte. Ohne Frühstück war ich nur ein halber Mensch, während Alex auf diese Mahlzeit regelmäßig verzichtete.

Alex zog sich ein hellblaues Sweatshirt über und setzte sich in den Fensterrahmen, von wo aus er mir dabei zusah, wie ich hungrig aß und mein Gesicht den Sonnenstrahlen zuwandte, die durch das geöffnete Fenster fielen und mit dem morgendlichen Verkehrslärm in die Küche drangen. Er warf mir einen verliebten Blick zu. Ich erwiderte ihn und lächelte.

»Woran denkst du gerade?«, fragte er.

»An die Schmetterlinge in meinem Bauch.«

»Sonntag sind es schon zwei Monate, dass wir zusammen sind«, sagte er in einem Ton, als staune er darüber.

»Sonntag habe ich Geburtstag.«

»Ich weiß, und ich habe auch schon eine Überraschung für dich.«

»Was ist es? Sag schon!« Gespannt beugte ich mich vor.

Mit Daumen und Zeigefinger fuhr er seine Lippen entlang, als verschließe er sie.

»Dann rate ich eben! Mhm …« Ich tat, als müsse ich angestrengt nachdenken. »Du lässt mich einen Blick in dein Arbeitszimmer werfen?«

Alex hielt diesen Raum stets verschlossen. In seiner freien Zeit wollte er nichts von all den dunklen Abgründen wissen, die er als Journalist Tag für Tag durchleuchtete, um sie schließlich aufzudecken. Normalerweise hätte ich eine verschlossene Tür seltsam gefunden, aber in seinem Fall stieß sie auf mein stillschweigendes Einvernehmen. Auch ich war immer froh, wenn meine Bürotür hinter mir ins Schloss fiel und ich all das, was sich dahinter abspielte, für kurze Zeit vergessen konnte.

»Kennst du nicht das Märchen vom Ritter Blaubart?« Alex machte ein übertrieben ernstes Gesicht und senkte seine Stimme. »Wenn du diese Tür öffnest, erwartet dich die schrecklichste Strafe für deine Neugier.« Er grinste. »Du weißt doch, was mit neugierigen, ungehorsamen Frauen passiert.« Wieder senkte er seine Stimme. »Ich müsste dir das Haupt vom Rumpfe trennen.«

»Ich finde schon noch heraus, was du mir schenkst«, erwiderte ich grinsend.

»Wetten, dass nicht?«

»Fährst du vielleicht mit mir in den Downhill Bike Park in Leogang?«

»Um Gottes willen, nein! Ich bin doch nicht lebensmüde.«

»Wenn man es kann, ist es gar nicht so gefährlich«, verteidigte ich diese Sportart, die mir ein Ventil bot, wenn ich eines brauchte. »Okay, lass mich raten. Wenn es das nicht ist, dann vielleicht eine Glückskatze?« Die wünschte ich mir schon lange.

Er kam zu mir, zog mich vom Stuhl hoch und blies mir eine Locke aus der Stirn. Im Radio sang Andreas Bourani, und Alex summte die Melodie mit. Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben … auf das, was vor uns liegt … auf den Moment, der bleibt …

Mein Herz klopfte aufgeregt. Ich hätte etwas darum gegeben, diesen Moment festhalten zu können, Robert Eichberger zu vergessen und alle Fünfe gerade sein zu lassen.

»Du musst los«, flüsterte Alex und fuhr mit seinen Fingerspitzen über meine Oberarme. »Es ist schon Viertel vor neun.« Von einer Sekunde auf die andere wirkte er bedrückt, und ich wusste auch warum.

»Das Treffen mit Biggi wird bestimmt nicht so schlimm, wie du es dir vorstellst. Sie spürt vielleicht längst, dass etwas zwischen euch nicht mehr stimmt.«

Seit über einem Jahr hatte er mit ihr eine Beziehung, und um zehn Uhr war er hier mit ihr verabredet, um ihr heute endlich zu sagen, dass es aus war.

Mir hatte er gleich an unserem ersten Abend von Biggi erzählt. Er war offen gewesen und hatte nichts verschwiegen. Nicht einmal die intensiven Gefühle, die ihn immer noch mit ihr verbanden. Diese Gefühle, die dann mit denen für mich in einen Wettstreit getreten waren. Eigentlich hatte ich ihm noch am selben Abend sagen wollen, dass es keinen Sinn mit uns beiden hatte, aber ich hatte es nicht geschafft. Alex war auf eine Art liebevoll und faszinierend, der ich mich nicht entziehen konnte. Er war zärtlich und unkonventionell, und er weckte mich morgens mit Fragen, die mich lächeln ließen. Welche Farbe hat Sehnsucht? Wie fühlt sich eine Wolke an?

»Einfach wird es ganz bestimmt nicht«, sagte er in meine Gedanken hinein und schloss das Fenster.

»Du weißt, du musst das nicht tun«, sagte ich leise. »Wir können auch noch eine Weile so weitermachen.«

»So wie das all deine Klienten tun? Das will ich nicht.«

Meistens prallten Anfeindungen und spitze Bemerkungen, die meine Arbeit betrafen, an dem Panzer ab, den ich mir dafür über die Jahre hinweg zugelegt hatte. Bei Alex zeigte er jedoch keine Wirkung. Seine Bemerkungen taten mir weh – vielleicht weil sie auf fruchtbaren Boden fielen. Alex hatte von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, wie wenig er von meiner Alibi-Agentur hielt und dass er sich wünschte, ich würde mit etwas Ehrenwerterem mein Geld verdienen. Menschen durch Lügen einen Freiraum zu verschaffen – wofür auch immer sie ihn benötigten – zählte in seinen Augen nicht dazu. Im Gegensatz zu mir hatte er aber auch nie die Erfahrung gemacht, dass ein Alibi ein Leben hätte retten können. Außerdem war Alex nicht nur beruflich ein Verfechter der Wahrheit, weshalb ihm die Situation mit Biggi auch schwer zu schaffen machte.

»Ich hätte es ihr längst sagen müssen«, fuhr er fort. »Es ist nur fair … euch beiden gegenüber.« Er drehte sich zu mir um.

»Willst du es dir nicht trotzdem noch einmal überlegen? Sie kommt von einem Langstreckenflug und ist ganz bestimmt übermüdet. Sie wird sich freuen, dich zu sehen, und du …«

Alex wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als es an der Tür klingelte. Er lief in den Flur, rief dann laut »Moment noch, ich bin gleich da!« und kam gleich darauf zurück. Flüsternd erklärte er mir, dass Biggi vor der Tür stünde. Ich solle mich auf der Empore im Wohnzimmer verstecken und mucksmäuschenstill sein.

»Aber ich muss doch los«, insistierte ich ebenso leise. »Kannst du sie nicht überreden, mit dir um die Ecke ins Café zu gehen?«

»Gute Idee. Aber versteck dich trotzdem so lange auf der Empore. Nur zur Sicherheit. Und komm erst wieder herunter, wenn die Luft rein ist, versprochen?«

»Gut, versprochen.«

Auf Zehenspitzen lief er ins Bad und kam mit meiner Zahnbürste und dem Nacht-Shirt zurück. Hektisch drückte er mir beides in die Hand und schob mich Richtung Wohnzimmer, als es bereits zum zweiten Mal klingelte.

»Bin schon unterwegs!«, rief er und vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, dass ich auch wirklich die Leiter zur Empore hinaufstieg. Dann schickte er mir einen Kuss hinterher, bevor er die Tür anlehnte und über das knarrende Parkett durch den Flur eilte, um Biggi zu öffnen.

 

2

Auf der zum Wohnzimmer hin offenen Empore war es stickig. Möglichst geräuschlos versuchte ich, das kleine Fenster zu öffnen, gab aber gleich wieder auf, da es klemmte. Mit Zahnbürste und Shirt in der Hand wollte ich mich gerade setzen, als mir meine Tasche einfiel, die auf einem Stuhl im Wohnzimmer schräg unter mir lag. Einige Sekunden lang überlegte ich, schnell hinunterzusteigen und sie zu holen, aber die gedämpften Stimmen aus dem Flur belehrten mich eines Besseren. Selbst wenn Biggi in den nächsten Minuten erfuhr, dass es mich gab, musste sie mich nicht gleich sehen.

Alex und ich hatten im Vorfeld ein paar Mal darüber diskutiert, was die bestmögliche Art und Weise war, sich zu trennen. Alex hatte vor, alles offen zuzugeben, weil die Wahrheit für ihn oberste Priorität hatte und weil er überzeugt war, dass sie sich immer ihren Weg bahnen würde, genauso wie Wasser. Warum also etwas abstreiten, das ohnehin irgendwann ans Licht kam? Ich war der Meinung, dass es Biggi weniger verletzen würde, wenn er die Trennung auf zu viel Arbeit schob und zu wenig Zeit für die Beziehung. Und auf seine Überzeugung, dass daran in absehbarer Zeit kaum etwas zu ändern war. Ich hielt nichts von der Wahrheit um jeden Preis. Manchmal reichte auch die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte in eine Lüge zu hüllen konnte viel Leid ersparen. Alex fand, das sei Wischiwaschi und letztlich feige. Wir hatten uns um diesen Punkt gestritten. Schließlich hatte ich gesagt, ich würde nicht wissen wollen, dass da eine andere sei, wenn er sich eines Tages von mir trennte. Von mir würde er sich nie trennen, hatte er entgegnet und die Hand zum Schwur erhoben: »Bis dass der Tod uns scheidet.« »Beschrei es nicht!«, hatte ich gesagt. »Immerhin war der Tod in unseren Familien schon ein paar Mal zu Gast. Allem Anschein nach fühlt er sich in unserer Nähe wohl.« Da hatte er gelacht und die Arme um mich geschlungen. Das sei Aberglaube, nichts weiter.

Ich sah auf die Uhr und wurde allmählich nervös. Allem Anschein nach hielten die beiden sich immer noch im Flur auf. Vielleicht war Biggi müde von dem Flug und wollte nicht gleich wieder aufbrechen, überlegte ich. Was würde Alex in dem Fall tun? Das Wohnzimmer würde er meiden, ebenso Schlafzimmer und Arbeitszimmer. Die Küche kam ebenfalls nicht infrage. Dort standen immer noch mein angebissenes Brötchen und mein halb ausgetrunkener Saft. Beides würde Alex unnötig in Erklärungsnot bringen. Warum hatte sie ausgerechnet heute früher kommen müssen? Ein paar Minuten später und ich wäre längst fort gewesen.

Einen Moment lang lauschte ich dem leisen Gemurmel im Flur, konnte aber nicht einmal Bruchstücke davon verstehen. Ich setzte mich in den zerschlissenen Ledersessel, in dem Alex so gerne las, und ließ den Blick über die zahllosen Bücher schweifen, die in Regalen standen und stapelweise am Geländer lehnten. Alex las so ziemlich alles, was er in die Finger bekam. Darin ähnelte er Niki, meiner Freundin und Mitarbeiterin. Sie fraß sich durch so ziemlich jedes Genre, konnte sich so viele Bücher allerdings meist nicht leisten und lieh sie deshalb stapelweise in der Bibliothek aus. Manchmal stahl sie sie aber auch in Buchhandlungen und brachte sie, wenn sie sie ausgelesen hatte, wieder zurück – sorgsam versehen mit den Preisetiketten. Ich musste plötzlich lächeln. Von meinem Onkel hätte sie sich nicht erwischen lassen dürfen. Fritz hatte jahrzehntelang eine kleine Buchhandlung geführt, wo ich mich zum Glück jederzeit frei hatte bedienen dürfen – vorausgesetzt, ich griff nach etwas Altersgerechtem. Als ich mit zwölf Stephen King lesen wollte, hatte er alles versucht, um es mir auszureden. Also hatte ich den Schutzumschlag meiner Hanni-und-Nanni-Ausgabe darum geschlungen und gebannt gelesen, wie Menschen in Extremsituationen reagierten, wie sie überlebten und wie es ihnen gelang, nicht daran zu zerbrechen, wenn es keinen Ausweg zu geben schien. Diese Fragen hatten mich damals aus gutem Grund sehr beschäftigt.

Der Glockenschlag der St.-Rupert-Kirche am Gollierplatz riss mich aus meinen Gedanken. Die Glocke schlug neunmal und mahnte an Robert Eichberger, der mich in diesem Moment bei sich zu Hause erwartete. Er würde sich wohl noch etwas gedulden müssen.

Ich lehnte mich zurück, schloss für einen Moment die Augen und lauschte dem Vogelgezwitscher, das durch das geschlossene Fenster drang.

Als ich gerade versuchte, die einzelnen Vogelstimmen zu erkennen, klingelte es erneut. Vermutlich war es der ständig gehetzte Paketbote, der es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, bei allen Bewohnern gleichzeitig zu läuten, nur um so schnell wie möglich eingelassen zu werden. Aber er war es nicht. Ich meinte, Alex so etwas sagen zu hören wie »coole Maske«, woraufhin der Mann an der Tür anfing, von »Spenden« und »Wildtieren« zu sprechen.

Inzwischen kannte ich Alex gut genug, um zu wissen, dass er den Typ nicht abweisen würde. Genauso wenig wie er an einem Bettler vorbeigehen konnte, ohne ihm etwas zu geben. Auch das war etwas, das uns verband.

Kurz darauf hörte ich die Tür ins Schloss fallen, und dann folgten mehrere Geräusche gleichzeitig. Es klang, als würde etwas Schweres zu Boden fallen, und mit ihm mehrere Gegenstände. Ich horchte genauer hin und vermutete, dass Alex gegen das Regal im Flur gestoßen war, als ich einen unterdrückten Schrei von Biggi vernahm. Wieder fielen Dinge auf den Boden. Irgendetwas rollte über die Holzdielen. Ich schlich schnell zu dem Geländer der Empore, vor dem sich ein Buchstapel neben den anderen reihte, um besser hören zu können, was dort unten vor sich ging.

Es hörte sich verdächtig danach an, als würde Biggi Alex gerade heftig attackieren. Ich hatte seine Worte noch im Ohr, als er sagte, Biggi könne einiges wegstecken und sei hart im Nehmen. Blieb zu hoffen, dass sie nicht auch hart im Austeilen war.

Zwar hatte ich Alex versprochen, erst wieder hinunterzuklettern, wenn die Luft rein war, aber als er mir dieses Versprechen abgenommen hatte, war er von einem zivilisierten Trennungsgespräch ausgegangen. Davon konnte inzwischen nicht mehr die Rede sein. Allem Anschein nach hatte Biggi nicht vor, das Feld kampflos zu räumen. Alex hatte sich getäuscht. Er war überzeugt gewesen, Biggi sei viel zu stolz, um ihm eine Szene zu machen. Sie würde ihn anhören und dann kommentarlos gehen. Aber Menschen handelten eben nicht nur aus Stolz.

Dann war es plötzlich ruhig, aber die Stille nach diesem Sturm der Gefühle währte nur kurz. Ihr folgten Schritte auf dem Parkett. Irgendetwas, das wie Glas klang, knirschte unter Sohlen. Ich tippte auf Turnschuhe, denn sie quietschten auf dem Boden. Also konnte es nicht Alex sein, der in seiner Wohnung nur barfuß herumlief.

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass keiner von beiden auch nur ein Wort gesagt hatte. Bis auf Biggis unterdrückten Schrei hatte es keinen einzigen Laut gegeben, seit die Wohnungstür wieder ins Schloss gefallen war. Hatte sie ihn geschubst, sodass er gegen das Regal gefallen war? Aber warum wehrte er sich nicht? War er verletzt? Die Schritte näherten sich der Wohnzimmertür. Vorsichtshalber ging ich in die Hocke und versteckte mich hinter den Büchertürmen. Durch einen der Zwischenräume sah ich Sekunden später jemanden im Türrahmen auftauchen. Fast hätte ich vor Schreck nach Luft geschnappt. Ich presste mir die Hand vor den Mund und starrte auf einen Mann, der eine Fuchsmaske trug. Der Spendensammler?

Sein Anblick wirbelte alles durcheinander. Mit einem Mal schien nichts mehr zu passen, so als spiele mein Gehirn verrückt. Ich beobachtete, wie der Mann stehen blieb und sich suchend umsah. Schnell duckte ich mich noch tiefer. Wo waren Alex und Biggi? Warum hörte ich nichts von ihnen? Nicht einmal den kleinsten Laut? Eine undefinierbare Angst ließ mein Herz hämmern. Ich hielt den Atem an.

Millimeterweise hob ich den Kopf und lugte vorsichtig durch die Ritzen zwischen den Büchern und dem Geländer. Der Fuchsmann, der mit dem Rücken zu mir stand und ein in Packpapier eingewickeltes Päckchen in der Hand hielt, sah sich noch immer suchend um. Plötzlich setzte er sich in Bewegung und blieb neben dem Stuhl stehen, auf dem meine Tasche lag.

Es traf mich wie ein Blitz: Biggi war von einem Langstreckenflug gekommen. Ihren Koffer hatte sie ganz bestimmt im Auto gelassen, aber ihre Tasche würde sie mitgebracht haben. Und jetzt lag da eine zweite. Ich betete, dass der Mann nicht zu den Menschen gehörte, die intuitiv spürten, wenn sich ein anderer mit ihnen im Raum befand oder wenn sie beobachtet wurden.

Aber er schien mich nicht zu bemerken. In aller Seelenruhe legte er das Päckchen neben meine Tasche auf den Sessel und begann, in meinen Sachen zu wühlen. Während ich gebannt jeder seiner Bewegungen folgte, steigerte sich meine Sorge um Alex und Biggi. Was war los mit ihnen? Warum hörte ich nichts? Lagen sie gefesselt und geknebelt in der Küche? Erst neulich war so etwas einem älteren Ehepaar widerfahren. Einbrecher hatten sie an einen Heizkörper gekettet. Sie hatten sich nicht bemerkbar machen können und waren erst neunzehn Stunden später von ihrer Haushaltshilfe gefunden worden. Allerdings waren sie von mehreren Tätern überfallen worden. Hier gab es nur einen. Wie hatte er Alex und Biggi allein überwältigen können? Und wieso gaben sie nicht einmal den kleinsten Mucks von sich?!

 

Inzwischen hielt der Mann meine Geldbörse in der Hand. Er würde nicht viel Freude daran haben, dachte ich mit einem Anflug von Galgenhumor, denn es befanden sich gerade mal zwanzig Euro darin. Ich hatte vorgehabt, auf dem Weg zur Arbeit am Geldautomaten vorbeizufahren. Als er meinen Personalausweis aus einem der Fächer zog und ihn zu studieren begann, sah ich mich nach etwas um, das ich als Waffe würde benutzen können. Hier oben gab es jedoch nur Bücher.

Als ich noch darüber nachdachte, wie schnell ich sein musste, um ihn möglichst effektiv damit zu bombardieren, steckte er den Ausweis zurück in meine Geldbörse, ließ sie zurück in die Tasche fallen und das Päckchen folgen. Weit davon entfernt zu begreifen, was da vor sich ging, sah ich ihm dabei zu. Ich fühlte mich wie jemand, der versuchte, Teile zu einem Ganzen zusammenzufügen, die einfach nicht zueinanderpassen wollten.

Da ich mich immer noch geduckt in der Hocke hielt, begannen meine Beine schmerzhaft zu kribbeln. Ich wagte jedoch selbst dann nicht, mich zu rühren, als er kurz aus meinem engen Blickfeld verschwunden war. Erst als er polternd mehrere Gegenstände zu Boden fallen ließ, traute ich mich, meine Position zu verlagern und durch einen anderen Spalt zwischen den Buchtürmen zu linsen.

Der Fuchsmann war gerade dabei, Alex’ Laptop, sein iPhone und mehrere Stapel mit Zeitschriften vom Couchtisch zu fegen, ohne auch nur einen Blick darauf zu verschwenden. Als Nächstes zog er die kleinen Schubladen des alten Apothekerschranks heraus und ließ sie achtlos fallen.

Wenn ihm dort unten das Material ausging, um noch mehr Chaos anzurichten, würde er dann die Leiter zur Empore hochsteigen?

So leise wie möglich zog ich mich hinter den großen Lesesessel zurück und war dankbar für den alten Perserteppich, der jedes Geräusch meiner Schritte schluckte. Alex hatte ihn längst entsorgen wollen, doch ich hatte ihm etwas von »Retrochic« erzählt, ohne zu ahnen, dass dieser Trend mich vielleicht eines Tages vor Unheil bewahren würde.

Als ich den Fuchsmann jetzt die Leiter erklimmen hörte, versuchte ich, mich so klein wie möglich zu machen. Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Wieder hörte ich mehrere Gegenstände fallen, dieses Mal waren es Bücher. Ich rechnete damit, jeden Moment seine Stimme zu hören, einen bellenden Befehl, der mir auftrug, hinter dem Sessel hervorzukommen.

Stattdessen war das Knarren der Leitersprossen zu hören. Das Parkett im Wohnzimmer und im Flur verriet mir, dass er sich auf dem Rückzug befand. Kurz darauf hörte ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Ich ließ ein paar Sekunden verstreichen, um sicherzugehen, dass er nicht noch einmal zurückkam. Dann sprang ich auf und hechtete Richtung Leiter. Ich konnte an nichts anderes denken als an Alex. Ich musste mich vergewissern, dass es ihm gut ging. Dass es beiden gut ging. Ich rutschte an einer der Sprossen ab, landete unsanft auf dem Boden und hastete über das mit allen möglichen Gegenständen übersäte Parkett. Fünf Sekunden später stand ich im Flur und wäre beinahe über Alex gestürzt.

Sein ehemals hellblaues Sweatshirt war blutdurchtränkt. Sein Kopf schien in Blut und Scherben zu baden. In der Mitte seiner Stirn war ein Loch. Seine Augen waren halb geschlossen. Sekundenlang kam es mir vor, als hielte mich ihr Anblick wie in einem Schraubstock gefangen. Dann löste ich mich, beugte mich hinunter und tastete gegen jede Chance mit zitternden Fingern an seinem Hals und den Handgelenken nach einem Puls.

Im ersten Moment meinte ich, noch etwas zu spüren, dann begriff ich, dass mein Herz so heftig schlug, dass ich es bis in die Fingerspitzen fühlte. So tief wie möglich grub ich zwei Finger in seine Haut, immer wieder, als könne ich damit seinen Puls aus der Deckung locken. Es war eine ebenso verzweifelte wie sinnlose Suche, aber etwas in mir wollte ihn nicht gehen lassen, nicht so. Dabei war er längst gegangen. In mir fühlte sich plötzlich alles wie taub an.

Dann entdeckte ich Biggi. Sie lag im vorderen Teil des Schlafzimmers. Bis dorthin hatte sie fliehen können. Im Gegensatz zu Alex war sie im Fallen auf dem Bauch gelandet. Ich stand langsam auf und ging auf sie zu. Ihr kurzes rosa Wollkleid war verrutscht. Das viele Blut hatte ein bizarres Muster darauf gemalt. Mein Blick glitt zu ihrem Kopf. Eines der für sie bestimmten Geschosse hatte sie in die Schläfe getroffen. Die anderen hatten den Rücken durchdrungen. Auch bei ihr suchte ich vergebens nach einem Lebenszeichen.

Mit blutverschmierten Fingern tastete ich nach meinem Handy. Als ich es zu fassen bekam, entglitt es mir und landete in Biggis Blut. Ich wischte es an meiner Jeans ab und wählte den Notruf. Die Polizei müsse kommen, stammelte ich mit einer roboterhaften Stimme ins Telefon. Es gebe zwei Tote, sie seien erschossen worden.

Es kostete mich eine ungeheure Anstrengung, mich zu konzentrieren und die erforderlichen Angaben zu machen. Ob er die Verbindung halten solle, fragte der Beamte am anderen Ende der Leitung.

»Nein«, flüsterte ich, als könnten Alex und Biggi noch durch irgendein Geräusch gestört werden. »Nein, ich schaffe das.«

Bevor er auflegte, instruierte er mich, keinesfalls am Tatort etwas zu verändern. Am besten solle ich mich in ein anderes Zimmer zurückziehen, bis die Kollegen vor Ort wären.

In ein anderes Zimmer zurückziehen, hallten seine Worte in meinen Ohren. Sie umwehten mich, konnten jedoch nichts ausrichten gegen den überwältigenden Geruch von Blut – wie süßes Eisen. Er spülte Erinnerungen an die Oberfläche – Bilder voller Schmerz und Angst – und katapultierte mich an einen anderen Ort. Einen anderen Tatort. Mitten hinein in eine Szene, die sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt hatte. Und aus der mir in all den Jahren kein einziges Detail abhandengekommen war.

 

3

Im Bad hatte ich mich übergeben. So lange, bis ich nur noch gewürgt und mein Magen nichts mehr hergegeben hatte. Dann hatte ich die Wasserspülung gedrückt und mich neben die Toilette auf den Boden sinken lassen. Dort fanden mich die beiden Polizeibeamten, die als Erste eintrafen. Ihre Stimmen drangen wie durch Watte zu mir. Sie wollten wissen, ob ich verletzt sei und woher das Blut an meinen Händen und meiner Kleidung stamme. Ich erklärte es ihnen.

In diesem Moment hörte ich eine andere Stimme. Sie gehörte einer Kripokommissarin, die sich als Corinna Altenburg vorstellte. Sie fasste mich behutsam am Arm und bat mich, mit ihr zu kommen. Umsichtig dirigierte sie mich durch den Flur über Blutlachen hinweg und flankierte mich dabei so, dass mir der Blick auf Alex versperrt war. An der Wohnungstür sprach sie kurz mit einem der schwer bepackten Beamten in weißen Overalls, die gerade eingetroffen waren und nach einem Platz suchten, um ihre Koffer abzustellen.

»Sind Sie Frau Rosin?«, fragte sie, nachdem sie mich im Wohnzimmer sanft in die eine Ecke von Alex’ Sofa gedrückt, sich dann in ausreichendem Abstand neben mich gesetzt und schließlich ein Notizheft samt Stift gezückt hatte. »Haben Sie den Notruf gewählt?«

Jemand reichte mir ein Glas Wasser. Ich nahm es, ohne aufzusehen, trank jedoch nicht. Auch der kleinste Schluck hätte meiner Übelkeit weiter Vorschub geleistet. Langsam hob ich den Blick und verankerte ihn in dieser Frau, die mich aufmerksam beobachtete. Sie anzusehen half mir, die anderen Bilder zurückzudrängen. Ich konzentrierte mich auf sie, als gebe es nichts Wichtigeres in diesen Sekunden.

Corinna Altenburg hatte die Fünfzig wohl bereits vor einigen Jahren überschritten. Sie war schlank, wirkte aber gleichzeitig robust und saß sehr aufrecht da. Einige Strähnen ihrer hennarot gefärbten Haare hatten sich aus der Spange gelöst. Sie schob sie hinters Ohr, während sie mich weiter aus wachen grauen Augen ansah. An irgendjemanden erinnerte sie mich, aber mir fiel nicht ein, an wen. Ich wusste nur, es war eine gute Erinnerung.

»Sind Sie Frau Rosin?«, wiederholte sie ihre Frage.

Ich nickte und schlang die Arme um meinen Körper, weil mir eiskalt war.

»Das hier ist mein Kollege Leo Parsinger.« Sie deutete auf den Mann, der mir das Wasser gebracht hatte.

Er konnte höchstens Mitte dreißig sein, hatte braune Haare mit widerspenstigen Wirbeln, graublaue Augen, einen sonnengebräunten Teint, und er trug einen Ehering. Seine Stimme war tief und rau. Er wählte seine Worte mit Bedacht und ließ sich Zeit, als er mich fragte, ob ich mich in der Lage fühle, ihnen ein paar Fragen zu beantworten. Er schien ganz selbstverständlich von einem Ja auszugehen, denn er ließ sich auf einem Sessel mir gegenüber nieder. Auf dem Weg dorthin hatte er akribisch darauf geachtet, wohin er trat.

Meine blutverschmierten Hände zitterten. Ich wollte nur weg, fort von diesem Ort, den Alex nie wieder mit Leben füllen würde. Ich wusste, was mit solchen Orten geschah. Sie nisteten sich in mein Gehirn ein und waren nicht mehr daraus zu vertreiben. »Können wir das nicht auf morgen verschieben?«, bat ich mit einer Stimme, die ich fast nicht wiedererkannte.

»Das würden wir gerne.« Corinna Altenburg beugte sich ein paar Zentimeter in meine Richtung. »Aber die Erfahrung zeigt, dass es besser ist, möglichst wenig Zeit zwischen Ereignis und Befragung verstreichen zu lassen.«

»Glauben Sie allen Ernstes, ich würde mich morgen nicht mehr an das hier erinnern?«

»Vertrauen Sie mir, Frau Rosin, dieses erste Erinnern ist wirklich entscheidend. Jetzt ist alles noch ganz frisch, und Sie befinden sich direkt am Tatort. Je öfter Sie Ihre Erinnerungen erzählen, und das dann auch noch in einer anderen Umgebung und einer anderen Stimmung, desto eher werden sie verfälscht. Wir alle neigen dazu, bei längerem Nachdenken Erinnerungslücken durch etwas Plausibles aufzufüllen. Das hat niemand unter Kontrolle, es geschieht einfach.« Sie sah sich um. »Im Flur und in der übrigen Wohnung ist bereits die Spurensicherung am Werk, wie Sie gesehen haben. An uns ist es, die Informationsspuren zu sichern. Und das so schnell wie möglich. Wollen wir es einfach mal darauf ankommen lassen und schauen, wie weit wir kommen? Was meinen Sie?«

Ich stellte das Glas Wasser auf dem Tisch ab und nickte verhalten.

Sie nahm mein Nicken auf, verstärkte es und öffnete ihr Notizheft. »Gut. Aber bevor wir anfangen, bitte ich Sie, uns kurz Ihr Handy zur Prüfung zu überlassen.«

»Mein Handy?«, vergewisserte ich mich irritiert. »Warum?«

»Noch können wir nicht einschätzen, was hier geschehen ist. Sie haben sich am Tatort aufgehalten, und wir wollen nichts versäumen, was sich später nicht nachholen ließe.«

Ich zog das Handy aus der Hosentasche und reichte es ihr.

Sie rief einen der Beamten von der Kriminaltechnik zu sich und gab es an ihn weiter. »So, dann schlage ich vor, wir beginnen damit, dass Sie uns etwas über sich erzählen.«

»Über mich? Was denn?«

»Ihren Namen, Ihr Alter und Ihren Beruf.«

»Ich heiße Dana Rosin, bin dreiunddreißig Jahre alt und betreibe eine Alibi-Agentur.«

»Das heißt, Sie liefern Menschen Alibis für Seitensprünge?«, hakte sie in neutralem Tonfall nach und zeigte nichts anderes als ein professionelles Interesse.

»Nicht nur für Seitensprünge«, erklärte ich, »auch wenn sie längere Zeit krank sind oder arbeitslos oder wenn ihr Umfeld nichts von ihrer Homosexualität wissen darf, wenn eine Schönheits-OP nicht ans Licht kommen soll oder wenn sich jemand nur mal ein freies Wochenende wünscht oder Weihnachten ausnahmsweise nicht bei den Eltern oder Schwiegereltern verbringen möchte.«

»Aha«, sagte Corinna Altenburg, als vermerke sie meine Antwort im Geiste. »In welcher Beziehung stehen Sie zu den beiden Toten?«

»Alex Wagatha ist mein Freund. Wir sind noch nicht so lange zusammen, erst seit zwei Monaten. Die Frau ist seine Freundin.« Sekundenlang stockte ich. »Alex wollte sich heute von ihr trennen.«

Die Beamtin machte sich Notizen und sah dann gleich wieder auf. »Kannten Sie sich?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe sie heute zum ersten Mal gesehen. Als sie bereits tot war. Sie heißt Biggi, ist neunundzwanzig Jahre alt und arbeitet im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung.«

»Wissen Sie vielleicht ihren Nachnamen und wo sie gewohnt hat?«

»Nein.« Ich hatte so wenig wie möglich über Biggi wissen wollen, um ihr kein Gesicht zu geben. »Aber sie hat doch bestimmt einen Ausweis in ihrer Tasche.«

»Wir haben bisher keine Tasche gefunden, lediglich einen Schlüsselbund, der neben ihrer Hand lag. Sie hatte allem Anschein nach auch keinen Mantel bei sich.« Sie hielt kurz inne. »Was können Sie mir über Ihren Freund erzählen?«

Ich sah mich suchend um. »Mir ist so kalt. Können Sie mir bitte die Decke dort geben?«

Sie zog eine zusammengefaltete Wolldecke unter zwei Kissen hervor und legte sie mir um die Schultern.

»Danke.« Ich schluckte. »Was hatten Sie gefragt?«

»Was Sie uns über Ihren Freund erzählen können.«

»Alex ist … Er war zweiunddreißig Jahre alt und hat für verschiedene Medien als Enthüllungsjournalist gearbeitet.« Als die Vergangenheitsform drohte, mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen, riss ich mich mit aller Kraft zusammen. »Er lebte erst seit zwei Jahren in München. Aufgewachsen ist er in Landshut, und studiert hat er in Köln.«

»Wo lebt seine Familie? Wissen Sie das?«

»Seine Eltern sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als er zwei Jahre alt war. Seine beiden älteren Geschwister saßen damals mit im Auto. Sie sind kurz hintereinander im Krankenhaus gestorben. Alex wurde dann von einem Landshuter Ehepaar adoptiert, das selbst keine Kinder hatte. Als er neunzehn war, sind seine Adoptiveltern beim Skilaufen in einer Lawine tödlich verunglückt. Seitdem hat er sich alleine durchgeschlagen.«

Wieder schrieb Corinna Altenburg etwas in ihr Notizheft. »Seit wann war er mit Biggi befreundet?«

»Die beiden waren etwas über ein Jahr zusammen.«

»Wusste sie von Ihnen?«

»Ich glaube nicht.«

»Wusste sie, dass es heute zu diesem Trennungsgespräch kommen sollte?«

»Alex hat ihr vorher nichts davon gesagt. Die beiden waren um zehn Uhr hier verabredet. Biggi ist …« Ich versuchte, mich zu erinnern. »Ich glaube, sie ist irgendwo aus Fernost gekommen, weil sie dort beruflich zu tun hatte. Vermutlich ist ihr Flugzeug früher gelandet als geplant. Deshalb war sie schon vor neun hier.« Ich spürte den Blick von Leo Parsinger auf mir ruhen und sah zu ihm.

»Hat es zwischen Ihnen und Alex Wagatha Streit wegen dieser Doppelbeziehung gegeben?«, fragte er.

»Nein.«

»Ist das nicht ungewöhnlich?«

»Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Alex hat mir Biggi nicht verschwiegen.«

»Aber ihr hat er ganz offensichtlich Sie verschwiegen. Ist es denkbar, dass sie es herausgefunden hat und dann ihn und Sie überraschen und sozusagen in flagranti ertappen wollte?«

»Vielleicht hat sie gespürt, dass zwischen Alex und ihr irgendetwas nicht mehr stimmte. Aber hätte sie gewusst, dass ich hier bin, hätte sie doch bestimmt sofort nach mir gesucht. Die beiden sind jedoch im Flur geblieben, bis es zum zweiten Mal klingelte.«

»Die Frage mag Ihnen seltsam erscheinen«, fuhr er fort, »aber ich möchte mir gerne ein möglichst umfassendes Bild machen. Was, glauben Sie, hat die Beziehung zwischen den beiden ausgemacht?«

Ich sah auf meine blutverschmierten Finger und versuchte, meinen Eindruck in Worte zu fassen. »Biggi muss sehr gut in ihrem Job gewesen sein. Das hat Alex imponiert. Er hat sie als hochintelligent beschrieben, als schnell im Kopf, als so ein Multitalent. Er sagte, ihn fasziniere der intellektuelle Austausch mit ihr.«

»In meinen Ohren klingt das nicht gerade nach einer tiefen emotionalen Verbindung, sondern eher, als sei sie kopfgesteuert gewesen.«

»Das schließt Gefühle doch nicht aus«, wandte ich ein. »Und es würde eine Beziehung auch nicht weniger wertvoll machen. Entscheidend ist doch, ob ein Paar einen gemeinsamen Nenner findet. Und den hatten die beiden. Über alle Bewunderung hinaus hatte ich immer den Eindruck, dass Alex sehr an Biggi hing.«

Corinna Altenburg sah von ihren Notizen auf und legte den Stift ans Kinn. »Was hat ihn an Ihnen fasziniert?«

»Mein großes Herz«, wiederholte ich mit heiserer Stimme Alex’ Worte. »Und mein Mut.«

Für einen flüchtigen Moment erhellte ein Lächeln ihre Miene, bevor sie zu ihrer nächsten Frage ansetzte. »Waren Sie eifersüchtig auf Biggi?«

»Dazu hatte ich keinen Grund. Alex wollte sich von ihr trennen.«

»Ich stelle es mir schwierig vor, sich von solch einer hochintelligenten Konkurrenz nicht erdrücken zu lassen.«

»In diesen Kategorien habe ich gar nicht an Biggi gedacht. Eigentlich habe ich fast gar nicht an sie gedacht, sondern Gedanken an sie eher verdrängt. Ich wollte so wenig wie möglich von ihr wissen. Es ist kein schönes Gefühl, der Trennungsgrund zu sein und eine andere Frau ins Unglück zu stürzen. Außerdem war es mir gar nicht so eilig mit dieser Trennung. Ich hätte viel lieber erst einmal herausgefunden, ob Alex und ich wirklich zusammenpassen.«

»Hatten Sie da Zweifel?«

»Ich war in Alex verliebt, aber ich bin alt genug, um zu wissen, dass das auf Dauer nicht reicht. Wir kannten uns ja noch nicht so lange. Doch Alex wollte klare Verhältnisse schaffen. Er wollte, dass wir uns öfter sehen können – ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.«

»Was für ein Mann war Alex Wagatha?«, fragte Leo Parsinger.

Seine Frage hatte die Kraft, einen Staudamm zu öffnen. Ich spürte die Tränen hinter meinen Augen und drängte sie mit aller Macht zurück. Ich würde noch genug Zeit haben, um zu weinen.

»Alex war sehr liebevoll … übersprühend … unkonventionell, hilfsbereit, voller Ideen. Er war engagiert und hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Deshalb hat er sich wohl auch auf Enthüllungen von Missständen spezialisiert.« Ich runzelte die Stirn. »Vielleicht waren sie es, die ihn manchmal in sich gekehrt haben sein lassen. In solchen Momenten war er nicht ansprechbar und wollte nur in Ruhe gelassen werden.«

»Sie sagen vielleicht. Hat er solche Momente später nicht erklärt?«

»Ich habe ihn nicht dazu gedrängt. Ich habe doch nicht geahnt, dass ich ihn irgendwann nicht mehr danach würde fragen können.« Ich verhakte meine Finger ineinander. »Alex hatte in seinem Leben schon so viel durchgemacht. Er hat zweimal seine Familie verloren und war früh auf sich selbst gestellt.« Ich hatte seine Worte noch im Ohr: Ich hatte nicht das Glück, einen Onkel zu haben wie du, jemanden, der wie ein Fels in der Brandung ist.

»Wie hat das zusammengepasst?«, fragte Leo Parsinger. »Alex Wagatha, der sich, wie Sie sagen, der Enthüllung von Missständen und damit ja letztlich der Wahrheit verschrieben hat, und Sie, deren Geschäft die Lüge ist?«

Da war sie wieder – die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, die ich nur allzu gut kannte. Die so klar und eindeutig bestimmte, auf welcher Seite des moralischen Grats ich stand. Anfangs hatte ich mich noch gerechtfertigt, doch irgendwann hatte ich beschlossen, es nicht mehr zu tun – nicht mehr zu erklären, warum ich mich vor sechs Jahren für diesen Weg entschieden hatte, der sich mit der Zeit als ein ziemlich steiniger herausgestellt hatte, da Steine auch gerne mal aufgehoben wurden, um sie zu werfen.

Ich holte tief Luft, bevor ich antwortete. »Alex war sich bewusst, auf wen er sich da einließ. Ich will gar nicht verhehlen, dass es ihm lieber gewesen wäre, ich hätte meine Agentur geschlossen und mich für etwas in seinen Augen Seriöseres entschieden. Aber Alex war selbst ein Überzeugungstäter. Vielleicht hat er auch geglaubt, mich irgendwann davon abbringen zu können.«

Ein Kollege in weißem Schutzanzug trat zu Leo Parsinger und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der überlegte kurz und nickte dann, bevor er sich wieder mir zuwandte. »Sie sagten, Ihr Freund sei Enthüllungsjournalist gewesen. Unter welchem Namen ist er seiner Arbeit nachgegangen?«

»Seinen Auftraggebern gegenüber hat er seinen wahren Namen benutzt – Alex Wagatha. Für Recherchen hat er auf Tarnnamen zurückgegriffen.«

»Unter welchem Namen haben Sie ihn kennengelernt?«

»Unter seinem wirklichen natürlich. Mir gegenüber brauchte er schließlich keinen Tarnnamen.«

»Aha.« Er runzelte kurz die Brauen. »Woran hat er aktuell gearbeitet?«

Ich hob die Schultern und ließ sie langsam wieder sinken. »An einer Geschichte, bei der es um illegalen Organhandel ging. Alex vermutete, dass ein medizinisches Labor hier in München darin verwickelt ist. Angeblich sollen dort Blutproben von Patienten heimlichen Tests – genauer gesagt Typisierungen – unterzogen werden, um auf diese Weise Organspender zu finden und die Informationen dann an Organhändler weiterzuverkaufen. Glauben Sie, er musste deshalb sterben?«

»Das wissen wir noch nicht«, antwortete Leo Parsinger. »Was machen die Organhändler mit den Typisierungen?«

»Alex vermutete, sie würden sich die potenziellen Spender schnappen und sie dann irgendwo ausweiden.«

»Wie weit war er mit seinen Recherchen?«

»Noch nicht sehr weit. Er hatte bisher nur eine ganz vage Information, und sie hätte sich durchaus noch als Finte erweisen können. Alex meinte, es sei schon hin und wieder vorgekommen, dass jemand auf diese Weise versuche, einen Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Deshalb sei er mit derartigen Vermutungen und Gerüchten sehr vorsichtig. Der Ruf eines unbescholtenen Menschen sei schließlich schnell ruiniert.«

»Wer soll denn dieser unbescholtene Mensch sein? Und wie heißt das Labor?«

Gerade als ich antworten wollte, dass der Drahtzieher des Ganzen vermutlich der Eigentümer des Labors sei, der siebzigjährige Arzt Robert Eichberger, zögerte ich plötzlich und nahm nun doch einen Schluck Wasser.

»Ich … Ich weiß nicht genau«, sagte ich schließlich, um Zeit zu gewinnen. Mir war klar, dass ich der Polizei alles über Alex’ Recherchen offenlegen musste, falls er deswegen umgebracht worden war. Gleichzeitig musste ich versuchen, meine Rolle dabei irgendwie weitestgehend zu verschweigen.

»Dann versuchen Sie sich bitte daran zu erinnern.«

Alex hatte mich angefleht, mich um den Job zu bewerben, als Robert Eichberger eine neue Haushaltshilfe gesucht hatte. Ich würde ihm damit einen unschätzbaren Dienst erweisen. Mir würde er vertrauen – mir und meiner Intuition. Ich solle einfach Augen und Ohren offen halten, die Besucher notieren, seine Gespräche mithören und Alex dann darüber berichten. Ob das denn nicht gefährlich für mich werden könne, hatte ich wissen wollen. Wenn dieser Robert Eichberger tatsächlich der Drahtzieher sei, würde er doch ganz sicher keine Skrupel haben, mich aus dem Weg zu räumen, sollte er in mir eine Gefahr sehen. »Keine Sorge!«, hatte Alex mich beruhigt. »Wir machen deine Tarnung hieb- und stichfest, und dein wirklicher Name wird nirgends auftauchen – weder in deiner Bewerbung noch in meinen Unterlagen. Ich habe schließlich Erfahrung damit. Und nicht nur ich.« Ich sei eine kompetente Lügnerin und würde mich schon allein deshalb bewähren. Außerdem würde ich doch ständig Zeugnisse, Diplome und Referenzen für meine Klienten fälschen. »Aber doch nicht, um sich damit tatsächlich irgendwo zu bewerben, sondern nur für den privaten Gebrauch«, hatte ich ihm entgegengehalten. »Um damit zum Beispiel einem enttäuschten Vater imponieren zu können oder der Ehefrau zu beweisen, dass man in der knappen Freizeit ein zeitaufwendiges Studium betrieb.« Nichts davon würde je nach außen dringen. Was er hingegen von mir erwarte, falle in den Bereich der Urkundenfälschung, denn ich würde es einem potenziellen Arbeitgeber vorlegen. »Der womöglich kriminell ist«, hatte Alex gesagt und mich bekniet, über meinen Schatten zu springen. Nur dieses eine Mal.

Also war ich mit leisem Bauchgrummeln gesprungen und hatte mich bei dem Laborarzt unter dem Namen Elisa Tenzer beworben. Danach war es erschreckend einfach gewesen. Ich hatte vermutet, dass ich für diese Arbeit auf Herz und Nieren geprüft werden würde, aber Robert Eichberger hatte nicht mehr als eine halbe Stunde gebraucht, um Vertrauen zu mir zu fassen. »Und dieser Mann soll die kriminelle Energie besitzen, illegal Typisierungen vorzunehmen und Menschen erbarmungslos ans Messer zu liefern?«, hatte ich Alex gefragt. Er habe schon alles erlebt, hatte seine Antwort gelautet. Ich solle mich nicht von diesem ersten Eindruck täuschen lassen. Vermeintliche Harmlosigkeit sei eine hervorragende Tarnung. Vermutlich gehöre der Mann zu der Art von Verbrechern, die, weil sie über lange Zeit hinweg unentdeckt blieben, irgendwann überzeugt waren, unantastbar zu sein. Solche Menschen überschätzten sich leicht. Und sie überschätzten ihre Menschenkenntnis. Und dann würden sie Fehler machen.

»Frau Rosin? Wie heißt der Mann?«, fragte Leo Parsinger.

Ich kehrte mit meinen Gedanken in Alex’ Wohnzimmer und zu den beiden Beamten vor mir zurück. Es ging ihnen nur um den Namen. Mit ein wenig Glück konnte meine Rolle bei den Recherchen im Dunkeln bleiben. Sie würde sie bei ihren Ermittlungen ohnehin nicht weiterbringen. Aber die Existenz meiner Agentur konnte es gefährden, wenn die Urkundenfälschung ans Licht kam.

»Ich glaube, der Mann heißt Eichberger.«

Leo Parsinger zog die Stirn in Falten. »Sind Sie sicher?«

»Ja. Robert Eichberger.«

»Was hat Ihr Freund Ihnen über diesen Mann erzählt?«

»Das, was ich Ihnen gerade gesagt habe.«

»Mehr nicht? Hat er ihn nicht vielleicht noch in einem anderen Zusammenhang erwähnt?«

»Nein«, antwortete ich irritiert. »Worauf läuft denn Ihre Frage hinaus? Kennen Sie ihn?«

»Wir werden dem nachgehen«, drückte er sich um eine Antwort herum.

»Aber bitte: Es hat sich lediglich um einen vagen Verdacht gehandelt. Alex hatte noch keine Beweise.«

»Hatte Herr Wagatha irgendwo Notizen oder sonstige Unterlagen zu seinen Recherchen?«

»Informationen zu Alex’ aktuellen Recherchen finden Sie ganz bestimmt in seinem Arbeitszimmer. Ich durfte den Raum nie betreten, niemand durfte ihn betreten. Alex hat ihn immer abgeschlossen.«

»Hatten Sie den Eindruck, dass er Ihnen nicht traut?«, fragte Corinna Altenburg. »Oder war er generell so vorsichtig?«

»Ich hätte gar kein Problem damit gehabt, wenn es so gewesen wäre, dass er mir noch nicht völlig vertraut. Ich sehe mir Menschen auch erst eine ganze Weile an, bevor ich ihnen vertraue, aber das war nicht der Grund. Alex sagte, dieses Zimmer abzuschließen sei sein Weg, um all das Schlimme, das Dunkle einzuschließen und es nicht zu sehr in sein Privatleben sickern zu lassen.«

Die Beamtin notierte ein paar Worte und klopfte dann mit dem Stift aufs Papier. »Hat sich Ihr Freund bedroht gefühlt?«

»Nein, ich glaube nicht. Zumindest nicht stärker als sonst. Er sagte mir einmal, er nutze effektive Verschleierungstaktiken, um sich zu schützen. Tarnnamen, Verkleidungen, so etwas in der Art. Und die Medien, denen er seine Geschichten verkaufe, würden seine Tarnnamen schützen. Ihm könne man nicht so schnell auf die Spur kommen. Deshalb habe er auch keine Angst.«

»Hätte er es Ihnen gesagt, wenn er Angst gehabt hätte?«

»Das wünsche ich mir.«

Einen Moment lang war es still im Raum, nur aus dem Flur waren Geräusche und Stimmen zu hören.

»Hat er vielleicht in letzter Zeit seltsame Anrufe bekommen? Oder hat er sich beobachtet gefühlt?«

»Nein, nicht dass ich wüsste.«

»Was ist mit seinen Freunden? Kennen Sie die?«, wechselte Leo Parsinger überraschend das Thema.

»Er wollte sie mir und mich ihnen erst vorstellen, wenn er sich von Biggi getrennt hat … aus Respekt vor ihr. Das mochte ich an ihm, dass er so rücksichtsvoll war.« Ich suchte den Boden nach Alex’ Handy und Computer ab. Als ich beides unter ein paar Zeitschriften entdeckte, zeigte ich darauf. »Auf seinem Laptop und dem iPhone werden Sie sicher deren Nummern und Adressen finden.«

Corinna Altenburg stand auf, zog Einmalhandschuhe über und hob die Geräte auf, um sie auf den Couchtisch zu legen. Dann rief sie jemanden von der Spurensicherung, der sie eintütete und mitnahm.

»Ich würde jetzt gerne zu den Ereignissen von vorhin kommen«, sagte sie, nachdem sie sich wieder gesetzt hatte. »Können Sie mir bitte so genau wie möglich schildern, was geschehen ist?«

Sabine Kornbichler

Über Sabine Kornbichler

Biografie

Sabine Kornbichler, geboren 1957, wuchs an der Nordsee auf und arbeitete in einer Frankfurter PR-Agentur, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Schon ihr Debüt »Klaras Haus« war ein großer Erfolg, mit ihrem Kriminalroman »Das Verstummen der Krähe« wurde sie für den Friedrich-Glauser-Preis...

Pressestimmen

Dolomiten Magazin

»Hochinteressant und hochspannend.«

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