Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
White Horse

White Horse

Roman

Download Cover
E-Book
€ 5,99
€ 5,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

White Horse — Inhalt

Eine Welt, die alle Hoffnung verloren hat. Eine junge Frau, die ihr ungeborenes Kind beschützen muss. Und ein uraltes Rätsel, das für uns alle zur tödlichen Gefahr wird … Die junge Zoe entdeckt in ihrer Wohnung ein merkwürdiges Glasgefäß, dessen Herkunft sie sich nicht erklären kann. Als sie den Behälter öffnet, breitet sich eine geheimnisvolle Seuche aus, »White Horse«. Unzählige Menschen sterben, das Ende aller Zeiten scheint gekommen. Zoe verliert nicht nur ihre Familie, sondern auch ihren geliebten Nick, der spurlos verschwindet und von dem sie schwanger ist. Auf sich allein gestellt, macht sich Zoe auf die Suche – wird sie Nick wiederfinden, um das Geheimnis von »White Horse« zu lüften?

Erschienen am 01.12.2016
Übersetzer: Birgit Reß-Bohusch
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98311-2

Leseprobe zu »White Horse«

PROLOG

 

ZEIT: DAMALS

 

Es ist so: Mein Therapeut soll nicht denken, dass ich verrückt bin. Dass mir die Lüge so glatt von der Zunge geht, ohne über meine Zähne zu stolpern, ist ein Wunder.
»Ich habe letzte Nacht von dem Gefäß geträumt.«
»Schon wieder?«, fragt er.
Das Leder unter meinem Kopf quietscht, als ich nicke.
»Von genau dem gleichen Gefäß?«
»Es ist immer das gleiche Gefäß.«
Seine Feder kratzt über das Papier.
»Beschreiben Sie es mir, Zoe.«
Wir haben diesen Dialog nun schon ein halbes Dutzend Mal geführt, Dr. Nick Rose und ich. Ich antworte immer [...]

weiterlesen

PROLOG

 

ZEIT: DAMALS

 

Es ist so: Mein Therapeut soll nicht denken, dass ich verrückt bin. Dass mir die Lüge so glatt von der Zunge geht, ohne über meine Zähne zu stolpern, ist ein Wunder.
»Ich habe letzte Nacht von dem Gefäß geträumt.«
»Schon wieder?«, fragt er.
Das Leder unter meinem Kopf quietscht, als ich nicke.
»Von genau dem gleichen Gefäß?«
»Es ist immer das gleiche Gefäß.«
Seine Feder kratzt über das Papier.
»Beschreiben Sie es mir, Zoe.«
Wir haben diesen Dialog nun schon ein halbes Dutzend Mal geführt, Dr. Nick Rose und ich. Ich antworte immer das Gleiche. Ich habe eine Engelsgeduld mit ihm. Oder er mit mir. Ich, weil mich dieses Gefäß verfolgt, und er vielleicht, weil er ein Boot kaufen will.
Die Couchkissen werfen Falten, als ich mich zurücklehne und ihn auf mich einwirken lasse wie diese erste Tasse Kaffee, die ich am Morgen trinke. In kleinen, genüsslichen Schlucken. Er ruht bequem in dem verknautschten Sessel. Sein Körper hat dem Leder einen sanften Schimmer verliehen, der dem Auge guttut. Seine großen Hände sind schwielig, gewöhnt an harte Arbeit, die nichts mit diesem Sprechzimmer zu tun hat. Sehr kurzer Haarschnitt, leicht zu pflegen. Die Augen dunkel, wie meine. Und wie seine Haare. Er hat eine Narbe am Kopf, an einer Stelle, die er im Spiegel wohl nicht sehen kann, und ich frage mich, ob er mit den Fingerspitzen darübertastet, wenn er allein ist, oder ob sie ihm gar nicht mehr bewusst ist. Die gebräunte Haut verrät, dass er kein Stubenhocker ist. Aber wie verbringt er seine Freizeit? Eher nicht auf einem Boot. Vielleicht auf dem Motorrad. Ich verkneife mir ein Lächeln, als ich mir das vorstelle. Sobald es nämlich nach außen dringt, fragt er mich nach dem Grund meiner Heiterkeit. Und auch wenn ich meine Gedanken offenlege, weihe ich ihn nicht in alle meine Geheimnisse ein.
»Wie Crème brulée. Maler würden vielleicht helles Ocker dazu sagen. Es ist … wie für mich gemacht. Wenn ich im Traum die Arme nach den Henkeln ausstrecke, bilden sie einen perfekten Winkel. Hatten Sie in Ihrer Klasse auch dieses eine Kind mit den total abstehenden Ohren?« Ich setze mich auf, streiche meine Haare nach hinten und biege die Ohrmuscheln unter Schmerzen nach vorn, bis sie einen rechten Winkel zum Gesicht bilden.
Sein Mund zuckt. Er würde gern lächeln. Ich spüre den Widerstreit in seinem Innern: Ist das professionell? Oder könnte sie darin eine sexuelle Belästigung sehen? Lach doch!, möchte ich ihm sagen. Bitte!
»Ich war dieses Kind.«
»Tatsächlich?«
»Nein.«
Sein Lächeln bricht sich Bahn, und einen Moment lang vergesse ich das Gefäß. Dieses Lächeln wirkt weder übertrieben noch perfekt, aber es gilt mir allein. Tausend Fragen kommen mir in den Sinn, jede darauf zugeschnitten, ihn so auszuloten, wie er mich auslotet.
»Haben Sie das auch – einen Traum, der sich ständig wiederholt?«, frage ich.
Das Lächeln zerrinnt. »Ich erinnere mich nicht an meine Träume. Aber wir sprechen von Ihnen.«
Richtig. Gönn mir keine Belohnung. »Das Gefäß, das Gefäß. Was soll ich Ihnen noch über dieses Gefäß erzählen?«
»Hat es irgendwelche Muster oder Inschriften?«
Das weiß ich auf Anhieb. Ohne nachzudenken. »Nein. Absolut nichts.« Meine Schultern schmerzen von der Anspannung. »Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«
»Welche Gefühle weckt es in Ihnen?«
»Angst. Schreckliche Angst.« Ich beuge mich so weit vor, dass meine Ellbogen eine Delle auf den Knien hinterlassen. »Aber auch Neugier.«

 

 

 

ERSTER TEIL


EINS

 

ZEIT: JETZT

 

Als ich aufwache, ist die Welt immer noch verschwunden. Nur Bruchstücke bleiben. Fragmente von Orten und Menschen, die einmal ganz waren. Die Landschaft auf der anderen Seite des Fensters ist giftig grün, so ähnlich wie das Zeug, das früher über die Flachbildfernseher der Säuferbars flimmerte. Zu grün. Dichte graue Wolken haben die Sonne schon vor Wochen verdrängt und zwingen sie, unser Sterben verzerrt durch eine nasse Linse zu beobachten.
Unter den kleinen Gruppen Überlebender kursieren allerlei Gerüchte. Dass der Regen die Sahara erreicht hat und bereits das erste Grün in der endlosen Wüste sprießt. Dass die Britischen Inseln dem Untergang geweiht sind. Die Natur bildet die Welt nach ihren eigenen Plänen um. Der Mensch hat sein Mitspracherecht verloren.
In einem Monat werde ich einunddreißig. Ich bin achtzehn Monate älter als zu dem Zeitpunkt, da die Seuche zuschlug. Zwölf Monate älter als zu dem Zeitpunkt, da der Krieg ausbrach und die ganze Welt erfasste. Irgendwo zwischen damals und jetzt drehte die Geologie durch und trieb das Klima in den Wahnsinn. Kein Wunder, wenn man überlegt, was geschehen war. Neunzehn Monate sind vergangen, seit ich das Gefäß zum ersten Mal zu Gesicht bekam.
Ich befinde mich im früheren Italien, im Wohntrakt eines ehemaligen Gehöfts. Das hier ist längst nicht mehr das Land, in dem fröhliche Touristen Münzen in den Trevi-Brunnen werfen oder in Scharen zum Heiligen Stuhl pilgern. Oh, anfangs strömten sie herein wie Sichelzellen, die sich in dichten Klumpen durch eine enge Ader zwängen, die Taschen voll mit Erspartem, das sie bereitwillig der Kirche ausgehändigt hätten – für den einen rettenden Schuss. Nun sind die Straßen von Vatikanstadt mit Leichen übersät. Bis nach Rom hinein verteilen sich die Toten. Niemand schiebt mehr mit stockendem Atem eine Hand in La Bocca della Verità und wispert eine der frommen Lügen, an die sich alle geklammert haben: dass nun jeden Tag ein Allheilmittel auf den Markt kommen wird; dass eine Forschergruppe auf einem abgelegenen Berggipfel einen Impfstoff entwickelt hat, der uns wieder gesund machen kann; dass Gott seine Heerscharen für eine heilige Rettungsaktion entsenden wird; dass wir alle mit dem Leben davonkommen werden.
Streitende Männerstimmen sickern durch die Wände und erinnern mich daran, dass ich zwar allein auf dieser Welt, aber nicht allein in diesem Haus bin.
»Es ist das Salz.«
»Was hast du bloß mit deinem Scheiß-Salz!«
Eine Faust dröhnt dumpf gegen Holz.
»Und ich sage dir, es ist das Salz.«
Ich liste im Geiste meine Habseligkeiten auf, während die Stimmen weiterstreiten: Trekking-Rucksack, Stiefel, Regenmantel, ein Stoffaffe, dazu eine Plastikhülle mit dem nutzlosen Pass und einem Brief, den ich aus Feigheit bis heute nicht geöffnet habe. Das ist alles, was ich in diese verlotterte Kammer retten konnte. Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass der Dreck in diesem Haus noch aus der Zeit vor dem Zusammenbruch stammt. Ärmlicher Haushalt, kein Geld für Reparaturen.
»Was ist es dann, wenn nicht das Salz?«
»Glucose-Fructose-Sirup«, sagt die andere Stimme überzeugt. Vielleicht hat der Typ ja recht. Wer weiß das schon?
»Aha! Und wie erklärt das Afrika? In Timbuktu gibt es keine Süßigkeiten. Deshalb sind die alle klapperdürr und haben aufgeblähte Bäuche.«
»Salz, Maissirup, was spielt das noch für eine Rolle?«, frage ich die Wände, aber sie sind ratlos und bleiben stumm.
Ich spüre eine Bewegung. Als ich mich umdrehe, sehe ich Lisa Ohne-Nachnamen im Eingang stehen. Sie füllt ihn nicht aus. Seit meiner Ankunft vor einer Woche ist sie noch schmächtiger geworden. Zehn Jahre jünger als ich, Engländerin, aus einem dieser kleinen Kaffs, die alle auf -shire enden. Die Tochter eines der Männer im Zimmer nebenan, die Nichte des anderen.
»Es spielt keine Rolle, was die Seuche verursacht hat. Jetzt nicht mehr.« Sie starrt mich mit fiebrig glänzenden Augen an. Aber das ist ein Trick. Lisa ist von Geburt an blind. »Oder?«
Meine Zeit läuft ab. Wenn ich die Fähre nicht erwische, schaffe ich es nie nach Griechenland.
Ich bücke mich, hieve den Rucksack auf die Schultern. Auch sie sind schmächtiger geworden. Im eingestaubten Wandspiegel sehe ich, wie sich meine Knochen unter dem dünnen T-Shirt abzeichnen.
»Nicht wirklich«, antworte ich. Als die erste Träne über ihre Wange rollt, gebe ich ihr das Letzte, was ich noch habe. Ich umarme sie und streiche ihr sanft über das spröde Haar.
Bis das Gefäß auftauchte, wusste ich nicht, dass ich Knochen aus Stahl habe. Das gottverdammte Gefäß.

 

ZEIT: DAMALS

 

Mein Apartment ist eine moderne Festung. Schlösser, Sperrketten und auf der Innenseite ein Code, der nicht mehr als drei Fehlversuche zulässt. Danach rückt ein Sicherheitstrupp an und überprüft, ob ich wirklich die bin, für die ich mich ausgebe. Das ganze System ist von einem schäbigen Holzrahmen umgeben.
Elf Stunden in hermetisch abgedichteten Räumen Böden schrubben, Toiletten putzen, Abfälle entsorgen. Elf Stunden einseitiger Small Talk mit Mäusen. Mir brennen die Augen von der langen Arbeit. Am liebsten würde ich sie aus den Höhlen reißen und mit kaltem Wasser abspülen.
Als die Tür aufschwingt, weiß ich sofort Bescheid. Erst denke ich, es ist das rote Lämpchen des Anruf beantworters, das mich von der Küche her anblinkt. Aber nein, es ist mehr. Die Luft hat etwas Fremdes an sich, als sei in meiner Abwesenheit etwas ungehindert durch meine Wohnung gezogen und habe alle Gegenstände berührt, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Goldenes Licht durchflutet das Wohnzimmer, sobald meine Finger den Schalter berühren. Ich muss blinzeln, bis meine Augen genügend schützende Tränenflüssigkeit gebildet haben. Die Pupillen verengen sich, wie es sein soll, und schließlich kann ich in die Helligkeit treten, ohne ins Stolpern zu geraten.
Es heißt, dass du nicht von Verfolgungswahn sprechen kannst, wenn tatsächlich einer hinter dir her ist. Ich spüre zwar kein warnendes Kribbeln im Nacken, das mich zwingt, einen Blick über die Schulter zu werfen, aber das mit der Luft war keine Täuschung: Jemand hat sie in meiner Abwesenheit geteilt und etwas in ihre Mitte gestellt.
Ein Gefäß.
Keines dieser Gläser, in die sie knackige Dillgurken abfüllen. Eher ein Museumsstück, ein Tongefäß, älter als diese Stadt, wenn man dem Schmutz in den Tiefen seiner Poren glauben kann. Und dieses antik anmutende Gefäß verbreitet in meiner Wohnung den Hauch längst begrabener Dinge.
Ich könnte es untersuchen, könnte es einfach nehmen und draußen vor die Tür stellen. Aber manche Dinge, die man berührt, werden nie mehr unberührt sein. Ich bin ein Produkt aller B-Movies, die ich je gesehen habe, aller abergläubischen Märchen, die ich je gehört habe, allen Altweibergeschwätzes, das man mir je erzählt hat.
Ich sollte das Gefäß untersuchen, aber meine Finger weigern sich, um mich vor dem Was dann? zu schützen. Stattdessen greifen sie nach dem Telefon.
Der Hausmeister hebt erst beim achten Klingeln ab. Als ich ihn frage, ob er jemand in meine Wohnung gelassen hat, begibt sich sein Gehirn erst mal auf Wanderschaft. Eine Ewigkeit vergeht. Ich stelle mir vor, wie er sich im Schritt kratzt, mehr aus Gewohnheit als aus anderen Gründen, und nebenher überschlägt, wie viel Bier er noch im Kühlschrank hat.
»Nein«, sagt er schließlich. »Is’ was weggekommen?«
»Nein.«
»Wo liegt dann das Problem?«
Ich lege auf. Zähle bis zehn. Als ich mich umdrehe, steht das Gefäß immer noch da, mitten im Wohnzimmer, genau zwischen Couch und Fernseher.
Der Sicherheitsdienst steht als Nächstes auf meiner Liste. Nein, bekomme ich zu hören. Nach ihren Aufzeichnungen hat niemand Apartment Dreizehn-Null-Vier betreten.
»Auch nicht vor etwa fünf Minuten?«
Schweigen. Dann: »Doch, das ist registriert. Möchten Sie, dass wir jemanden vorbeischicken?«
Die Polizei ist auch keine Hilfe. Niemand bricht ein, um Sachen herein- statt herauszutragen. Muss wohl ein Geschenk eines heimlichen Verehrers sein. Oder ich spinne. Sie halten das durchaus für möglich, umschreiben es aber mit höflichen Worten, damit ich das Gespräch beenden kann, ohne mich gekränkt zu fühlen.
Dann fällt mir das Blinklicht des Anruf beantworters ein. Als ich auf Wiedergabe drücke, schallt mir die Stimme meiner Mutter entgegen.
»Zoe? Zoe? Bist du da?« Eine Pause, dann: »Nein, Schatz, es ist das Gerät.« Wieder eine Pause. »Was? Ich hinterlasse eine Nachricht! Was – weshalb soll ich lauter sprechen?« Ein neckisches Klatschen deutet an, dass sie meinen Vater wegscheucht. »Deine Schwester hat angerufen. Sie will dir unbedingt jemanden vorstellen.« Sie senkt die Stimme zu einem Wispern, das alles andere als diskret ist. »Ich glaube, es handelt sich um einen Mann. Jedenfalls finde ich, dass du dich mal bei ihr melden könntest. Und komm doch einfach am Samstag zum Essen vorbei. Dann kannst du mir alles über ihn erzählen. So von Frau zu Frau.« Wieder eine Pause. »Klar, du bist auch dabei, Dad. Du gehörst doch fast zu uns Frauen.« Ich stelle mir vor, dass er hinter ihr steht und gutmütig lacht. »Sweetie, ruf mich an! Ich dachte schon daran, dich auf dem Handy anzurufen, aber du kennst mich ja: Irgendwie hoffe ich immer, dass du gerade ein Date hast, und da will ich nicht stören.«
Normalerweise steigt leiser Zorn in mir auf, wenn sie anruft, um mich wieder mal zu verkuppeln. Aber heute … Ich wollte, meine Mom wäre hier. Weil dieses Gefäß nicht mir gehört.
Jemand war in meiner Wohnung.

 

ZEIT: JETZT

 

Der menschliche Körper versetzt mich immer wieder in Erstaunen. So produziert er laufend Säure, die ganz normale Speisen in einen ekligen, ätzenden Brei umwandelt.
Ich bin zurzeit ständig am Kotzen. Inzwischen habe ich darin eine wahre Meisterschaft entwickelt. Ich beuge mich genau so weit vor, dass meine Stiefel keinen Spritzer abbekommen. Wenn die Welt nicht am Ende wäre, könnte ich in dieser Disziplin bei den Olympischen Spielen antreten. Sobald das Frühstück hochzukommen droht, würge ich einen Apfel herunter. Das hilft.
»Willst du fort?«, fragt Lisa. Sie nagt an ihrer Unterlippe, bis die zarte Haut zu bluten anfängt.
»Ich muss nach Brindisi.«
Wir stehen im Hof des Anwesens, eingehüllt in diesen feuchten Nebel, der sich nicht auflösen will. Üppiges Moos wächst in den Ritzen der fahlen Steine, aus denen die Außenmauern errichtet sind. Mein Fahrrad lehnt an einer längst nicht mehr benutzten Wasserpumpe. Irgendwann hatten die Besitzer des Gehöfts genug Geld für Rohrleitungen und traten den Weg ins zwanzigste Jahrhundert an. Aber die Pumpe ließen sie stehen, aus Nostalgie oder Schlamperei. Das Fahrrad ist blau, und ich erwarb es erst unterwegs. Nicht für Geld. Der Kaufpreis war ein einziger Kuss vor dem Aeroporto Leonardo da Vinci di Fiumicino. Kein Zungenkuss übrigens. Einfach eine flüchtige Geste der Zärtlichkeit von einem Norweger, der nicht ohne eine letzte Umarmung sterben wollte.
»Bitte, bleib«, sagt Lisa.
»Ich kann nicht.« Berge von Bedauern türmen sich auf meiner Brust und schnüren sie zusammen. Ich mag die Kleine. Wirklich. Sie ist ein liebes Mädchen, das einst von schönen Dingen träumte. Nun kann sie im besten Falle hoffen, dass sie überlebt. An mehr ist nicht zu denken, weder jetzt noch irgendwann später.
»Bitte. Es ist schön, wenn noch eine Frau hier ist. Besser.« Verzweiflung schwingt in ihrer Stimme mit. Mit einem Schlag begreife ich. Sie will nicht, dass ich sie allein bei diesen Männern zurücklasse. Man sollte annehmen, dass sie Familienangehörige beschützen, und in gewisser Weise tun sie das auch. Aber die Blutsverwandtschaft ist nicht der einzige Grund dafür. Mir wird plötzlich klar, dass sie das Mädchen als ihren Besitz betrachten. Als eine Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben, bis die Menschheit mit einem letzten Keuchen ihr Leben aushaucht. Ich hätte es früher erkennen sollen, aber ich war so mit meinen eigenen Plänen beschäftigt, dass ich nichts von den Geschehnissen in meiner Umgebung wahrnahm.
»Das wusste ich nicht. Ich hätte es merken müssen, aber ich habe nicht darauf geachtet.«
Eine schwache Röte legt sich auf ihre helle Haut. Ich habe ihr Geheimnis erraten. Obwohl sie mich nicht sehen kann, wende ich einen Moment den Blick ab, um ihr die Gelegenheit zu geben, sich wieder zu fangen. Meine eigenen Wangen brennen vor Scham.
Die Stille dauert lange genug, dass sich der Nebel zu Regentropfen verdichtet.
»Du kannst ebenso wenig bleiben wie ich. Warum begleitest du mich nicht?« Ich sollte meine voreiligen Worte bereuen, aber ich tue es nicht. Wenn sie einwilligt, wird das meine Reise um weiß Gott wie viele Tage verlängern. Zeit ist ein großer Luxus, wenn man nicht sehen kann, wie viel Sand noch im Stundenglas ist. Aber Freundlichkeit und Güte sind selten geworden, seit sich die Menschheit ihrem Ende entgegenschleppt. Ich muss mich an die paar Dinge klammern, die noch meine Menschenwürde ausmachen.
»Wirklich? Du würdest mich mitnehmen?«
»Ich bestehe sogar darauf, dass du mitkommst.«
Ihre Halswirbel knacken, als sie den Kopf dreht, in Richtung des Wohnhauses.
»Das erlauben die nicht. Die lassen mich nicht gehen.« Was haben die Kerle dir angetan, Kleines?, möchte ich fragen. Aber mein Entschluss steht ohnehin fest, ganz gleich, was sie einwenden mag: Ich nehme sie mit.
»Geh nach oben und pack das Nötigste zusammen. Sieh zu, dass du ein paar warme und bequeme Sachen mitnimmst.«
»Aber …« Ich kann sehen, dass sie immer noch befürchtet, die Männer könnten sie auf halten.
»Ich kümmere mich um den Rest.«
Wir gehen gemeinsam ins Haus und genießen einen Moment lang das Dach über dem Kopf, das uns vor dem Regen schützt. Dann trennen sich unsere Wege. Ich gehe in Richtung Küche, während sie sich die Treppe hinauftastet.
Die Küche ist, soweit ich das beurteilen kann – und ich habe nicht allzu viele Vergleiche –, karg eingerichtet. Das hat wenig mit Funktionalität zu tun, sondern es fehlt einfach an allen Ecken und Enden. Der Raum erinnert an eine magersüchtige Frau, die stur an ihrem Untergewicht festhält. Ich kann genau sehen, wie er sich mit etwas Gestaltungsgeschick und Liebe zum Kochen verschönern ließe. Er schreit geradezu danach, mit Leben erfüllt zu werden. Mit einer Familie.
Jetzt sitzt nur ein Mann da: Lisas Onkel. Ein feister Typ, der über die Ränder eines robusten, wahrscheinlich Generationen alten Stuhls quillt. Das Holz dieses Möbels ist im Lauf der Zeit dunkel geworden, während die Sitzfläche aus grobem Weidengeflecht wie Honig schimmert. Der Stuhl hat sieben leere Geschwister.
Der Fettsack sieht auf. Seine Blicke tasten mich nach Schwächen ab, die er für sich ausnützen könnte. Ich halte den Atem an, während ich meine Schultern straffe und das Kinn in die Luft recke, um mir zumindest den Anschein von Stärke zu geben. Er findet nichts, was er ohne größere Anstrengungen bekommen könnte, und beginnt wieder an dem Brot zu kauen, das ich vor zwei Tagen gebacken habe, nachdem ich die Kornkäfer aus den reichlichen Mehlvorräten der Speisekammer geklaubt hatte. Krümel fliegen ihm aus dem Mund und bedecken den Tisch mit feuchten Klecksen, die hart werden und kleben bleiben, wenn man sie nicht bald wegwischt. Wenn Lisa und ich nicht mehr da sind, um solche Arbeiten zu erledigen. werden sich diese Männer in kürzester Zeit im eigenen Dreck suhlen.
»Lisa kommt mit mir.«
Er knurrt, schluckt und fixiert mich mit seinen Knopfaugen, die an tief in weichen Teig gedrückte Rosinen erinnern.
»Sie bleibt.«
»Das war keine Frage.«
Seine Massen ballen sich gleich einer bedrohlichen Sturmwolke, als er sich von seinem Stuhl hochdrückt.
»Wir sind ihre Familie. Sie gehört zu uns.«
Das kann nicht gut gehen. Eisige Kälte breitet sich von einem Punkt in meinem Nacken über den ganzen Körper aus. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Er ist ein Koloss im Vergleich zu mir. Krankhaft fett und schwerfällig, sicher, aber wenn er es schafft, mich zu Fall zu bringen, bin ich geliefert.
Wir versuchen einander mit Blicken einzuschüchtern. Wären wir Kampf hunde, hätte er allein durch seine Größe die Macht auf seiner Seite.
Ein Aufschrei zerreißt die unnatürliche Ruhe. Er kommt aus dem oberen Stockwerk. Lisa. Eine Sekunde lang bin ich abgelenkt von der seltsamen Stille, die auf den Schrei folgt.
Der Fettsack wirft sich nach vorne. Lisa ist in Schwierigkeiten, aber das Gleiche gilt jetzt für mich.
Ich täusche einen Schritt nach links an, hechte nach rechts. Er donnert wie ein Crashtest-Fahrzeug gegen die Wand. Putzstaub hüllt ihn in einen weißen Schleier. Es dauert einen Moment, bis er sich aufgerappelt hat. Er schüttelt den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben. Dann greift er wieder an.
Erneut gelingt es mir, ihm auszuweichen. Jetzt starren wir uns wieder an, nur durch die Breite der Tischplatte voneinander getrennt. Keine Waffen in Sicht. Lisa sorgt für Ordnung in diesem Haus, auf das ihre Leute durch Zufall gestoßen sind wie ich, und obwohl es ihr nicht gehört, ist alles an seinem Platz.
Wieder ein Schrei. Diesmal treibt er davon wie die Samen einer Pusteblume.
Mein Herz hämmert hart gegen die Rippen, die es gefangen halten. Es weiß, dass ihr Vater bei ihr ist, und es weiß, was dort droben passiert.
»Ich gehe jetzt zu ihr«, sage ich. »Und wenn du mich aufzuhalten versuchst, bist du ein toter Mann.«

Über Alex Adams

Biographie

Alex Adams wurde in Auckland, Neuseeland, geboren und lebte in Australien und Griechenland, bevor sie nach Portland, Oregon, auswanderte. »White Horse« ist ihr erster Roman.

Pressestimmen

fictionfantasy

»Alex Adams zeigt uns mit ihrem Debüt, dass es auch noch innovative Dystopien gibt.«

Darmstädter Echo

»Ein beklemmendes Endzeit-Epos. (...) Ein Buch, das man gar nicht mehr weglegen will.«

Alles für die Frau

»Packend.«

Steffis Bücherblog

»Eine gelungene Dystopie mit tollen und sympathischen Charakteren, einer spannenden Handlung und unvorhersehbaren Wendungen.«

Wiener Zeitung

»Ein grausiges Plädoyer für Menschlichkeit – und ein unglaublich spannender Roman, eine intime Entwicklungsgeschichte, ein geschickt aufgebautes Drama,... – einfach großartig!«

wewantmedia.de

»Wer (...) auf eine rasante, überaus spannend und lebendig beschriebene Weltuntergangsgeschichte mit abwechlungsreichen Charakteren abfährt, der wird mit White Horse von Alex Adams hervorragend unterhalten.«

readme.de

»(...) spannend und glaubwürdig.«

Buchmarkt

»(...) eine düstere Neuerfindung des klassischen Mythos um die Büchse der Pandora.«

Nautilus

»Absolut überzeugend!«

Bücher

»Spannend bis zum Schluss.«

Neues aus Anderwelt

»Eine Dystopie mit einer düsteren Grundstimmung, einer interessanten Idee und einem tollen Schreibstil.«

Dark Spy

»Beängstigend fesselnd!«

VIRUS

»Brutal eindeutig und gleichzeitig eigenständig, melancholisch und poetisch gehört ihr Szenario zum Ergreifendsten, was das Subgenre zuletzt produziert hat.«

Unimag

»Einschüchternd zeigt der erste Roman von Alex Adams, wie hilflos wir erst sind, wenn jegliche Kommunikationsmöglichkeiten zusammenbrechen und wir auf uns allein gestellt sind. Abscheulich wirklich erzählt und durch Sprünge in die Vergangenheit und das aktuelle Erleben der Hauptperson unter Spannung gehalten, wird "White Horse" zu einem einzigartigen Leseerlebnis.«

Szene Köln/Bonn

»Fesselnd«

fictionfantasy.de

»Ein Muss für alle Fans von düsteren, gut durchdachten Endzeitromanen!«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)