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Wer sich zuerst bewegt hat verloren

Wer sich zuerst bewegt hat verloren

Eine Beamtin langweilt sich zu Tode

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Wer sich zuerst bewegt hat verloren — Inhalt

Nach acht Jahren Studium auf Frankreichs besten Verwaltungshochschulen tritt die 30-jährige Zoé 2007 hochmotiviert ihren Dienst in einer Stadtverwaltung an. Doch zu ihrer großen Überraschung sind ihre neuen Kollegen vor allem in einem richtig gut: im Nichtstun. Die Tage schleppen sich dahin zwischen Frühstückspausen, Kaffeepausen, Mittagspausen, Geburtstagsfeiern, Geburtstagsnachfeiern, Einständen, Ausständen und einem Schwätzchen an der Kaffeemaschine. Sinnlose Konferenzen, aufwändige und nie gelesene Berichte, Ahnungslosigkeit, Kompetenzmangel, alberne Hierarchiespielchen, Schleimerei … Diejenigen, die am wenigsten tun, sind immer »total gestresst« – aber nie bei der Arbeit anzutreffen. Selten wurde ein Klischee so witzig und unterhaltsam bestätigt: Beamte und Arbeit, das passt einfach nicht zusammen.

€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 05.10.2011
Übersetzt von: Susanne Reinker
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95366-5

Leseprobe zu »Wer sich zuerst bewegt hat verloren«

 

Vorgeschichte

 

Wer in Frankreich die Aufnahmeprüfungen für die höhere Beamtenlaufbahn bestehen möchte, sollte sich genauso vorbereiten wie jemand, der beim Poker zum Jackpot-König von Las Vegas aufsteigen will.
Unterm Strich kommt es nämlich nur darauf an, wie gut man blufft.
Ein Pokerspieler, der aus dem Spielverlauf Rückschlüsse auf die Karten seiner Gegner ziehen und sie entsprechend beeinflussen kann, hat schon so gut wie gewonnen. Und ein Prüfungskandidat, der sich auf die Kunst des cleveren Scheins versteht, wird am Ende immer zum Kreis der [...]

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Vorgeschichte

 

Wer in Frankreich die Aufnahmeprüfungen für die höhere Beamtenlaufbahn bestehen möchte, sollte sich genauso vorbereiten wie jemand, der beim Poker zum Jackpot-König von Las Vegas aufsteigen will.
Unterm Strich kommt es nämlich nur darauf an, wie gut man blufft.
Ein Pokerspieler, der aus dem Spielverlauf Rückschlüsse auf die Karten seiner Gegner ziehen und sie entsprechend beeinflussen kann, hat schon so gut wie gewonnen. Und ein Prüfungskandidat, der sich auf die Kunst des cleveren Scheins versteht, wird am Ende immer zum Kreis der Auserwählten gehören. In beiden Fällen geht es einzig und allein um eine möglichst präzise Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Die schriftlichen Prüfungen der Vorrunde sind sterbenslangweilig. Man muss nur ein bisschen Zeitgeist und ein paar tagesaktuelle Skandälchen mit einigen Thesen der großen Intellektuellen von gestern und heute kombinieren, verschnürt das Ganze zu einem schicken Geschenkpaket – und fertig.
Was die ganze Sache so berechenbar macht, ist das Auswahlprinzip: Es sind Beamte, die über die Auswahl zukünftiger Beamter entscheiden.
Die Arbeit dieses Auswahlgremiums darf live miterleben, wer die Vorauswahl überstanden hat und zur zweiten Runde zugelassen wird, den mündlichen Prüfungen. Darunter auch die Königsdisziplin, von deren Beherrschung es letztlich abhängt, ob man in den exklusiven Club des höheren französischen Beamtentums aufgenommen wird oder nicht: die große Disputation.
Sie ist vergleichbar mit einem ersten Rendezvous: Man möchte sich von seiner besten Seite präsentieren und gemeinsame Werte und Interessen so deutlich wie möglich herausstreichen.
Genauer gesagt, handelt es sich um ein dreiviertelstündiges Blind Date mit neun Personen, für das man üblicherweise ein Kostüm wählt, das so wirkt, als hätte man es von Mama ausgeliehen.
Um trotz dieser Verkleidung einen blendenden Eindruck zu hinterlassen, bleibt dem Kandidaten keine andere Wahl: Er muss geradezu zwangsläufig zur Notlüge greifen.
Die paar Wochen zwischen der Zulassung zur zweiten Runde und der großen Disputation vergehen schnell – Einstein hatte recht, Zeit ist wirklich ein sehr relativer Begriff –, und als ich vor dem Prüfungszentrum stehe, habe ich das Gefühl, nicht einmal ein Viertel des erforderlichen Lernpensums zu beherrschen. Ich betrete also die Eingangshalle und befinde mich plötzlich in der Vierten Dimension.
In einem Paralleluniversum voller Anti-Ichs.
Ich hatte eigentlich mit lauter gestressten Kandidaten gerechnet, die hektisch wechselweise im Handbuch für öffentliches Finanzwesen und dem Handbuch der Allgemeinbildung blättern. Stattdessen finde ich Prüflinge vor, die es sich in Sesseln bequem gemacht haben und bei einem Kaffee anscheinend völlig entspannt die Zeitung lesen.
Eine Valium-Reklame.
Eine Versammlung von Buddhas in Anzügen.
Ich wäre wirklich nicht weiter erstaunt, wenn einer von ihnen anfinge zu schweben.
Doch bevor ich sie fragen kann, wie sie es geschafft haben, so unglaublich zenmäßig draufzusein, ruft ein Amtsdiener mich zu sich, damit ich aus einer Reihe vorbereiteter Umschläge eine Prüfungsaufgabe ziehe.
Die ersten 30 Sekunden sind schrecklich. Ich weiß plötzlich gar nichts mehr. Die Buchstaben tanzen vor meinen Augen. Trotzdem muss ich jetzt zwischen Vortrag und Erörterung wählen.
Ich entscheide mich gegen den Vortrag – das Thema »Anzahl und Entwicklung der Postämter in Frankreich« ist einfach zu spannend – und für die Erörterung. Hier lautet das Thema »Wissenschaftler im Dienste des Weltuntergangs?«.
Und dann geschieht eine Art Wunder. Die Stunden und Tage, die ich damit verbracht habe, Allgemeinwissen in mich hineinzustopfen, waren offenbar doch nicht völlig vergebens. Mir fallen ein paar gute Gedanken zum Thema ein und auch ein paar passende Beispiele.
20 Minuten später, mein Kopf ist leer und mein Notizblock vollgekritzelt, betrete ich dann die Arena.
Vor mir sitzen die neun Weisen, dem ernsten Anlass entsprechend gekleidet und ins Gespräch vertieft. Hinter dem für mich bestimmten winzigen Schulpult und dem dazugehörigen Stuhl lauert eine riesige Horde Zuschauer auf Patzer, Fettnäpfchen und Fauxpas der Kandidaten.
Dass ich sichtlich nervös bin, halten sie offenbar für ein vielversprechendes Zeichen.
Mein Vertrauen in das Gute im Menschen wird tief erschüttert. Unsicheren Schrittes nähere ich mich dem Pult. Mit einer Stimme, die so klingt wie damals in der Grundschule, wenn ich die Lehrerin bat, das letzte Wort des Diktats noch mal zu wiederholen, stürze ich mich in die Schlacht: »Guten Tag, sehr geehrter Präsident und sehr geehrte Mitglieder der Prüfungskommission.«
Neun Paar inquisitorisch starrende Augen richten sich auf mich, und der Besitzer des am strengsten dreinblickenden Paares, der Präsident der Prüfungskommission, ergreift das Wort: »Mademoiselle, wir sind ganz Ohr.«
Also beginne ich mit meiner Erörterung. Die ersten zehn Minuten bringe ich relativ problemlos hinter mich: Ein Thema in These, Antithese und Synthese zu untergliedern, gehört für jeden Prüfling zum kleinen Einmaleins. Heikel wird es erst danach.
»Sie haben sich also für die Erörterung entschieden«, stellt der Jurypräsident fest. Er gehört offenbar zu den großen Logikern unserer Zeit.
Soll ich jetzt vielleicht sein überragendes Kombinationsvermögen preisen? Sicherheitshalber beschränke ich mich auf ein diplomatisches Nicken.
»Warum?«, fragt Einstein daraufhin.
Warum ich mich gegen einen Vortrag über den Rückgang der Postämter in der französischen Provinz entschieden habe? Meinen Sie das im Ernst? Haben Sie vielleicht Tatis Schützenfest angeschaut, während Sie sich die Prüfungsaufgaben ausgedacht haben?
Ich muss in dieser verdammten Disputation einfach glänzen, immerhin wird die in diesem Prüfungsteil erworbene Punktzahl sechsfach gewertet. Also beschließe ich, dem Jurypräsidenten meine mangelnde Leidenschaft für das französische Provinzpostwesen zu verschweigen und ihm stattdessen eine rasch improvisierte Notlüge zu servieren. Die erste einer ganzen Reihe leicht wahrheitswidriger Aussagen.
»Ich hielt das Thema der Erörterung für interessanter.
Außerdem hätte ich im Vortrag auf Aspekte der Reform des Postwesens eingehen müssen, mit denen ich nicht vertraut bin.«
Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Der Saal hallt wider vom schallenden Gelächter der Prüfungskommission.
Einerseits stimmt mich deren Reaktion traurig – sie haben offenbar allesamt einen erbärmlichen Humor –, andererseits bin ich auf einmal guten Mutes: Dieses segensreiche Auswahlprinzip plus ein paar schwache Witzchen plus etwas intellektuelle Anbiederung – so kann ich das vielleicht schaffen.
»Sie sind für eine Gebietskörperschaft tätig, die ein Forschungsvorhaben subventioniert. Wie überprüfen Sie die Zweckmäßigkeit der Mittelverwendung?«
Da ist sie, die Gelegenheit für einen Überraschungscoup. Rasch reihe ich all die magischen Stichwörter aneinander, die jede Prüfungskommission verzaubern: »Ich denke, man sollte eine Research Group bilden und ihr flankierend einen Beirat zur Seite stellen. Beide Gremien müssten regelmäßig tagen, um punktuelle Evaluierungen vorzunehmen. Dies erfordert zunächst die Erstellung einer Matrix, mittels derer die Zielvorgaben und die Zielerreichung der Initiatoren des Forschungsvorhabens in Relation gesetzt werden können. Des Weiteren müssen ebenso einfache wie effiziente Monitoring-Maßnahmen ergriffen werden, um den Forschungsfortschritt zu kontrollieren. Die Zukunft liegt meines Erachtens nicht im normenorientierten, sondern im zielorientierten Verwaltungsmanagement.«
Ehrfürchtiges Staunen rundum. Selbst die Schnepfe ganz links scheint beeindruckt zu sein. Dem Jurypräsidenten selbst gelingt es kaum, ein lustvolles Stöhnen zu unterdrücken. Er steht zweifellos kurz vor einem Orgasmus. Der Klappergreis rechts neben ihm nickt wie ein Besessener.
Bevor ich anfange, kritisch über meine persönliche Integrität in Prüfungssituationen nachzudenken, ergreift der good cop der Jury (keine Krawatte, das muss der Pseudo-Nette sein) das Wort. Und stellt die Frage.
»Warum möchten Sie die höhere Beamtenlaufbahn einschlagen?«
Das ist die Klischeefrage schlechthin. Trotzdem wird sie garantiert in jedem Bewerbungsgespräch gestellt. Und deshalb bin ich auch bestens auf sie vorbereitet.
»Ich bin der Überzeugung, dass wir uns hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der Gebietskörperschaften und ihrer Organe an einem Wendepunkt befinden. Die Reformen von 2004 haben uns bereits den Weg gewiesen. Es ist mein größter Wunsch, einen persönlichen Beitrag zur Optimierung des kommunalen Verwaltungswesens leisten zu dürfen.«
Tief bewegt füge ich noch hinzu: »Es geht um den täglichen Einsatz für unser aller Zukunft. Diese überaus spannende Herausforderung muss und will ich annehmen.«
Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, frage ich mich, wie ich es damals bloß geschafft habe, ernst zu bleiben.
Der good cop ruft begeistert: »Da rennen Sie bei mir offene Türen ein !«
»Mit welchem Bereich würden Sie sich gerne schwerpunktmäßig beschäftigen?«, fragt nun ein anderer Juror, der physisch und psychisch so charismatisch ist, dass ich ihn bisher gar nicht bemerkt habe.
Die ersten Notlügen sind immer die schwersten. Danach verselbstständigt sich das Ganze zu einer Art Münchhauseniade, und die Lügen perlen einem mit einer im Nachhinein verstörenden Leichtigkeit über die Lippen.
»Da ich mich insbesondere für das öffentliche Finanzwesen interessiere, würde ich gerne an der Implementierung der integrierten Verbundrechnung für die Gebietskörperschaften mitwirken.«
»Welche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bewundern Sie?«
Weil ich vermute, dass mir eine ehrliche Antwort – Angelina Jolie und Brad Pitt – kaum Punkte einbringen würde, werfe ich den Shootingstar des französischen Verwaltungswesens ins Gespräch: »Mein großes Vorbild ist Jean-Luc Boeuf. Ich bewundere ihn nicht nur aufgrund der steilen Karriere, die er bereits in jungen Jahren gemacht hat, sondern auch wegen seines außerordentlichen schriftstellerischen Talents! Ich lese, ach, ich verschlinge jeden Artikel, den er im Mitteilungsblatt Kommunalverwaltung über die Entwicklung des öffentlichen Haushaltswesens veröffentlicht !«
Der Präsident der Prüfungskommission hat vor Rührung ganz feuchte Augen.
»Und was können Sie uns nun hinsichtlich der Reform des Postwesens berichten?«, fragt die Schnepfe und lehnt sich so selbstgefällig in ihrem Stuhl zurück wie ein Fahrlehrer, der einem allzu selbstbewussten Schüler mal eben kurz demonstrieren will, wie schnell man einen Totalschaden verursachen kann.
Vor meinem geistigen Auge blinkt die Kurzinfo zum Thema auf, die ich mir vor ein paar Tagen durchgelesen habe. Ich erinnere mich zwar nur mehr ungenau daran, aber es dürfte reichen, um ihr den Schnabel zu stopfen.
»Soll ich mein Referat über die Reformen des Postwesens mit der ersten Freimarkenvergabe der ›Schwarzen Ceres 20 Centimes‹ beginnen, oder ziehen Sie eine chronologische Darstellung ab 1849 vor?«
Schwächung des Gegners gelungen. Die Schnepfe sieht aus, als würde ihr gleich das Stück Sandkuchen wieder hochkommen, das sie kurz vor meinem Betreten der Arena verdrückt haben muss, wie die zahlreichen Krümel auf ihrem Tisch beweisen.
»Offenbar beherrschen Sie das Thema doch. Warum haben Sie vorhin das Gegenteil behauptet?«, entrüstet sie sich.
Ich versetze ihr den Gnadenstoß.
»Weil ich unglücklicherweise durchaus einige Wissenslücken habe: So kann ich mich beispielsweise nicht an die genaue Legierung des Gusseisens erinnern, das für die Briefkästen des ausgehenden 19. Jahrhunderts verwendet wurde.«
»Was würden Sie als Ihre größte Schwäche bezeichnen?«
Wenn es eine Frage gibt, die Prüfungskandidaten geradezu dazu auffordert, schamlos zu lügen – dann ist es diese. Ich für meinen Teil kann jedenfalls sehr wohl zwischen einer mündlichen Prüfung und einer Sitzung beim Therapeuten unterscheiden.
»Ich bin Perfektionistin und erwarte diese Grundeinstellung zur Arbeit auch von meinen Kollegen und Mitarbeitern. Mir ist selbstverständlich bewusst, dass mein hoher Anspruch zu Spannungen innerhalb des Teams führen kann, deshalb arbeite ich bereits an diesem Problem.«
»Wie?«
»Ich engagiere mich in Arbeitsgruppen und kann auf diese Weise unmittelbar beobachten, durch welche Eigenschaften sich die Gruppenteilnehmer auszeichnen, die von den anderen als Leader anerkennt werden. Die Führungs- und Problemlösungskompetenz dieser Persönlichkeiten fasziniert mich.«
Der Präsident wendet sich den Mitgliedern seiner Prüfungskommission zu und nickt zufrieden.
»Sehr gut, Mademoiselle. Wir haben keine weiteren Fragen.«
»Auf Wiedersehen, sehr geehrte Damen und Herren.«
Und so kam es, dass eine Kandidatin, die zwar physisch eine große Ähnlichkeit mit mir hatte, aber ansonsten so ziemlich das Gegenteil von mir war, dank einer herausragenden Bewertung tatsächlich die höhere Beamtenlaufbahn im kommunalen Verwaltungswesen einschlagen konnte.
Und wo bin ich am Ende gelandet?
Hier.

 

Oktober

 

Welcome to my life

 

»Like the philosopher Jagger once said :
›You can’t always get what you want.‹«

 

Gregory House, Dr. House

 

Montag, 16. Oktober 2006

 

In Frankreich ist der öffentliche Dienst in drei Bereiche untergliedert : staatliche Behörden, Kommunal- und Regionalverwaltung sowie Einrichtungen im Gesundheitswesen. Insgesamt sind in diesen Bereichen über fünf Millionen Menschen beschäftigt.
Die Kommunal- und Regionalverwaltung wurde 1984 im Zuge der Dezentralisierungsbestrebungen des Landes geschaffen. Zu ihr zählen alle Beamten und Angestellten der Gebietskörperschaften sowie der angeschlossenen öffentlichen Einrichtungen und übergeordneten Verwaltungseinheiten. In diesem Bereich des öffentlichen Dienstes arbeiten über 1,5 Millionen Menschen.
Darunter auch ich.

 

8.59 Uhr

 

Es gibt Menschen, die können beim ersten Weckerklingeln aufstehen und unter die Dusche springen, nachdem sie das Wasser für ihren grünen Tee aus ökologischem Anbau aufgesetzt haben. Anschließend schlüpfen sie in perfekt gebügelte Kleidung und nehmen ein ausgewogenes Frühstück zu sich, wie es von Ernährungswissenschaftlern und der Fernsehwerbung immer empfohlen wird. Nachdem sie ihr Frühstücksgeschirr sorgfältig gespült und wieder in den Schrank geräumt haben, greifen sie zu Mantel und Aktenkoffer und begeben sich federnden Schrittes zur Stätte ihres täglichen Wirkens.
Und es gibt Menschen wie mich. Ich schlafe grundsätzlich wieder ein, sobald ich den Wecker abgestellt habe, und quäle mich erst zu einer Zeit aus dem Bett, zu der ich längst am Schreibtisch sitzen und mein Tagwerk in Angriff nehmen sollte. Ich hole meine Klamotten aus dem Haufen, den ich am Abend zuvor neben meinem Bett habe fallenlassen, hetze mit dem Mantel im Arm das Treppenhaus hinunter und nehme mir fest vor, an diesem Abend nun aber wirklich einmal früher schlafen zu gehen.
Ein Vorsatz, den ich selbstverständlich nie in die Tat umsetze. Weshalb ich jeden Morgen die letzten 500 Meter bis zu meiner Arbeitsstätte in einem rasanten, kräftezehrenden Kurzsprint bewältigen muss. Der heutige Tag bildet da keine Ausnahme: Mit heftigem Seitenstechen, hochrotem Kopf und einer Jeans, die noch verkrumpelter aussieht als vorhin beim Anziehen, komme ich endlich vor dem Rathaus an, wo ich als frischgebackene Verwaltungsrätin seit nunmehr sechs Monaten in Diensten von Bertrand Dupuy-Camet stehe, dem Hauptabteilungsleiter für Internationale und Europäische Angelegenheiten, kurz IEA. Meine offizielle Amtsbezeichnung innerhalb der Hauptabteilung lautet »Sonderbeauftragte«. Ein schwammiger Begriff für eine Tätigkeit, die man eigentlich gut unter dem Motto »Entsorgungsdienst für Schrottprojekte« zusammenfassen könnte.
Das ist natürlich weniger eindrucksvoll als der Titel auf meiner Visitenkarte. Dafür aber wesentlich präziser im Hinblick auf den Aufgabenbereich, für den ich seit Beginn meines Dienstverhältnisses tatsächlich verantwortlich bin.

 

9.25 Uhr

 

Meine Hoffnung, mich möglichst unauffällig an meinen Arbeitsplatz schleichen zu können, schwindet im Nu, denn Clothilde Richard, die Leiterin der Abteilung für Internationale Angelegenheiten, steht mitten im Eingang und versperrt mir den Weg. Madame Richard, im Rathaus besser bekannt unter ihrem Kosenamen »Intrigantin«, versteckt ihren maßlosen Ehrgeiz hinter dem Banner des öffentlichen Dienstes und wird nie müde zu betonen, dass sie ihre derzeitige Tätigkeit lediglich als Sprungbrett für eine Karriere im diplomatischen Dienst ansieht. Seit acht Jahren arbeitet sie schon am Aufstieg in das Reich ihrer Träume – bisher allerdings mit dürftigem Erfolg.
Während sie lebhaft gestikulierend erzählt, hängt Penelope, eine der beiden Sekretärinnen des Hauptabteilungsleiters IEA, an ihren Lippen und betrachtet sie mit dem verklärten Blick einer Krankenschwester, die mit dem Chefarzt flirtet.
Als ich unauffällig meinen Mantel in die Handtasche stopfen will, um so zu tun, als käme ich gerade von einer Besprechung in einem anderen Stockwerk, ruft Penelope mir zu: »Ich habe dir die Haushaltspläne der beiden letzten Jahre auf den Schreibtisch gelegt, zusammen mit einem Post-it mit den Anweisungen vom Chef … Er musste nämlich schon um neun Uhr in seine Sitzung, und weil du da wie immer noch nicht da warst …«, lässt sie ihren Satz mit bedeutungsschwangerem Blick verebben.
Wie immer.
Penelope »Plemplem« Montaigne ist das intellektuelle Schwarze Loch und zugleich die Buschtrommel unserer Abteilung. Sie hängt an der Kaffeemaschine wie eine Nierenkranke am Dialysegerät und verbringt drei Viertel ihrer Zeit in der Nähe des Haupteingangs. Das restliche Viertel weilt sie aus oben genannten Gründen logischerweise auf der Toilette.
Jeden Tag aufs Neue widmet sie sich ihrer großen Mission: die Grenzen des Schwachsinns weiter auszudehnen. Eine Mission, die sie mit bewundernswerter Ausdauer erfüllt.
An Plemplem soll es nun wirklich nicht liegen.
Doch Plemplem zeichnet sich nicht nur durch das bemerkenswerte Talent aus, Schriftstücke grundsätzlich mit der falschen Seite nach unten zu faxen und nach dem Kopieren das Post-it mit der Aufschrift »Bitte dringend kopieren, danke!« auf der Glasplatte des Kopierers zu vergessen. Darüber hinaus lässt sie keine Gelegenheit aus, unpünktliche Mitarbeiter umgehend bei ihrem Chef zu verpetzen. Womit sie allein, was mich betrifft, ziemlich viel zu tun hat.

 

9.36 Uhr

 

Ich betrete das Büro, das ich mir mit Monique teile, einer der Projektbeauftragten der Intrigantin. In dieser Abteilung besteht das Geheimnis von Ruhm und Erfolg darin, den Eindruck größtmöglichen Arbeitseifers zu erwecken. Also leere ich umgehend meine Tasche und breite ihren Inhalt sorgfältig auf meinem Schreibtisch aus: Regierungsprogramm zur französischen Strukturreform, Handbuch für kommunales Finanzwesen, Gesetzesentwürfe, USB-Stick, Terminkalender, Notizblock sowie zwei dicke Aktenmappen, deren Inhalt mir völlig unbekannt ist. Sobald jeder Quadratzentimeter bedeckt ist, bin ich offiziell bereit, mit meiner heutigen Scheinarbeit zu beginnen.
Lange Zeit war ich davon ausgegangen, dass mein Faulheitsgen nur schwach ausgeprägt sei. Doch seit ich in der Kommunalverwaltung tätig bin, musste ich feststellen, dass es sich in einer günstigen Umgebung prächtig entwickeln konnte. Und das, obwohl ich es während meiner Studienjahre nach Kräften unterdrückt habe. Damals ging es mir schließlich im Wesentlichen darum, das Auswahlverfahren für die höhere Beamtenlaufbahn zu schaffen.
Wobei das Auswahlverfahren an sich eigentlich völlig falsche Erwartungen bei den Auserwählten weckt, die es am Ende tatsächlich als höhere Beamte ins kommunale und regionale Verwaltungswesen schaffen. Das Leistungsniveau, das während des Studiums vorausgesetzt wird, verhält sich nämlich genau umkehrt proportional zu dem Leistungsniveau, das später im Dienst von ihnen erwartet wird – beziehungsweise: nicht erwartet wird.
Wie von Plemplem versprochen, liegt ein enormes Aktenbündel auf meinem Schreibtisch. Obendrauf klebt ein Zettel, auf dem kurz und knapp »Bitte Torten machen« steht. Ich öffne die Aktenmappe und fische die Tabellen für die Budgetplanung der letzten beiden Jahre heraus.
Mit »Torten machen« meint Plemplem die Umwandlung der Exceltabellen in Tortendiagramme, die die Entwicklung der diversen Budgetposten der Abteilung im Zweijahresvergleich veranschaulichen sollen. Eine Aufgabe, die mich etwa 20 Minuten meiner Arbeitszeit kosten wird. Darüber hinaus jedoch auch eine Aufgabe, deren Erfüllung mir die ewige Dankbarkeit meines Vorgesetzten Bertrand Dupuy-Camet einbringen wird, da der erstens recht leicht zu beeindrucken und zweitens unfähig ist, auf seinem PC das Programm zu finden, mit dem er zwei und zwei zusammenrechnen kann.
Wenn ich zu den Torten die vier Parlamentsberichte hinzuzähle, die ich zusammenfassen soll, und die zwei Sitzungen, an denen ich teilnehmen muss, komme ich auf eine geschätzte Wochenarbeitszeit von acht Stunden.
Das entspricht in diesem gelinde gesagt etwas irritierenden Bereich der modernen Arbeitswelt einer überaus anstrengenden Woche.
Als mir das zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, hätte ich vor lauter Verblüffung fast einen Lachkrampf bekommen.
Aber nur die ersten fünf Minuten.
Nach all den Jahren meiner Ausbildung war das hier doch einfach verrückt.
Acht Jahre schuften, davon zwei Jahre Vorbereitungskurse, zwei Jahre Studium der Politikwissenschaften und anderthalb Jahre FAG. Nicht FAG wie Fernstudium Angewandte Gesundheitswissenschaften, sondern FAG wie Französische Akademie für Gebietskörperschaften, die Kaderschmiede für alle Beamten auf Kommunal- und Regionalebene.
Acht Jahre für das hier!
Das hier, das waren zirka 50 Seiten Unterlagen, die The Boss mir an meinem ersten Arbeitstag mit verlegenem Gesichtsausdruck auf den Schreibtisch legte.
»Könnten Sie mir von diesen Akten über die Verwendung von EU-Fonds bitte eine möglichst kurze Zusammenfassung machen? Sie haben auch die ganze Woche dafür Zeit, reicht Ihnen das?«, fragte er vorsichtig, sichtlich gequält von der Vorstellung, als Menschenschinder geoutet zu werden.
»Soll das ein Scherz sein?«, fragte ich ungläubig.
»Ich weiß«, fügte er eilig hinzu, »es ist … wie soll ich sagen …«
… beleidigend, mir zu unterstellen, dass ich volle fünf Tage für eine Zusammenfassung brauche, die ich binnen 20 Minuten geschrieben haben werde, inklusive Pause?

Zoé Shepard

Über Zoé Shepard

Biografie

Trotz ihres Pseudonyms wird Zoé Shepard alias Aurélie Boullet bald nach Erscheinen des Buches in Frankreich demaskiert – ihre Kollegen in der Regionalregierung von Aquitaine im französischen Südwesten hatten sich im Buch wiedererkannt und gaben zu, dass wenig des Geschilderten übertrieben ist. Im...

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