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Wer früher geht, verpasst den SchlussWer früher geht, verpasst den Schluss

Wer früher geht, verpasst den Schluss

Roman

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Wer früher geht, verpasst den Schluss — Inhalt

Der gemütliche Alltag der rüstigen Rentner im »Highland Home« wird jäh gestört, als das Seniorenheim neue Besitzer bekommt und die Gebühren deutlich erhöht werden sollen. Einige Bewohner können sich das nicht leisten, sie müssten ihre Freunde verlassen und wegziehen. Was nun? Ein Streik? Rebellion? Die fittesten Heimbewohner Miss Ross, Dorothy, Walter und Joan tun sich zusammen – ein Plan muss her! Ihre Überlegungen und Bestrebungen bleiben jedoch erfolglos, bis Joan eine geniale Idee hat: eine Sexhotline! Doch diese stellt sie und ihre Mitstreiter vor völlig neue Herausforderungen und ungeahnte Probleme. Trotzdem stürzen sie sich mit viel Humor und einer Portion Lebensweisheit ins Abenteuer.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Susanne Keller
352 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-86612-440-0
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Susanne Keller
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99167-4

Leseprobe zu »Wer früher geht, verpasst den Schluss«

Vorwort


Zu Anfang des Jahres 2015 begann ich, ein Theaterstück zu schreiben, das die Geschichte von drei Damen fortgeschrittenen Alters in einem Seniorenheim im schottischen Hochland erzählt. Als die neuen Eigentümer die Gebühren für die Unterkunft erhöhen, machen sich die drei auf die Suche nach einer ergiebigen Geldquelle. Das Ergebnis war Wer früher geht, verpasst den Schluss, eine Komödie, die sich aber auch mit ernsten Themen wie Einsamkeit, Freundschaft und Verzicht beschäftigt und zeigt, wie sich das Leben völlig verändern kann, wenn man sich [...]

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Vorwort


Zu Anfang des Jahres 2015 begann ich, ein Theaterstück zu schreiben, das die Geschichte von drei Damen fortgeschrittenen Alters in einem Seniorenheim im schottischen Hochland erzählt. Als die neuen Eigentümer die Gebühren für die Unterkunft erhöhen, machen sich die drei auf die Suche nach einer ergiebigen Geldquelle. Das Ergebnis war Wer früher geht, verpasst den Schluss, eine Komödie, die sich aber auch mit ernsten Themen wie Einsamkeit, Freundschaft und Verzicht beschäftigt und zeigt, wie sich das Leben völlig verändern kann, wenn man sich Fremden gegenüber öffnet.

Das siebzigminütige Spiel ging im darauffolgenden Herbst auf Tournee. Die Reaktion des Publikums kam für alle völlig überraschend, doch am meisten für mich selbst! Schon am ersten Abend spielten die etwas naive Dorothy, die spröde Miss Ross und die lebenserfahrene Joan vor ausverkauften Rängen. Grundlage für den vorliegenden Roman ist das Bühnenstück, doch den Leser erwarten hier viele weitere Akteure, Nebenhandlungen, Geheimnisse und Überraschungen.

 

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Eins

Mr Ferguson war tot. Miss Ross sah seine Füße und wusste Bescheid. Sie war gerade den Gang entlanggekommen, da ragten sie aus seiner Zimmertür. Der eine Fuß, bekleidet mit einer dünnen, braunen Socke, war nur geringfügig weniger abstoßend als der andere – nackt und von violetter Verfärbung, zeigte er kaum Spuren einer Pediküre, dafür umso mehr Schmutz unter den Zehennägeln.

Zugegeben, ihre Diagnose entbehrte jeglicher Wissenschaftlichkeit. Selbst der Pathologe in Lewis hätte den leblosen Körper zumindest einer flüchtigen Untersuchung unterzogen, ehe er verkündet hätte, dass das Opfer seit soundso vielen Stunden und Minuten tot war. Aber die Füße machten einen so entseelten Eindruck, außerdem – wenn man ein gewisses Alter erreicht hatte, entwickelte man ein Gefühl für diese Dinge.

Miss Ross verspürte kein Verlangen, noch weitere entblößte, möglicherweise ebenfalls violett verfärbte Körperteile des alten Mannes zu sehen. Sie drehte auf dem Absatz um und begab sich auf die Suche nach dem Pflegepersonal.

Dies war schon der zweite Bewohner, der in den letzten Wochen gestorben war. Bald würden neue Gesichter im Speisesaal erscheinen und überrascht in die Runde blicken. (Altenheim? Vor Kurzem waren sie doch noch jung gewesen.)

Dem Verstorbenen wurden die diskreten Dienste von Mr Dunn zuteil, dem örtlichen Bestatter. Es warf ein düsteres Licht auf das Leben hier im Seniorenheim, dass Mr Dunn häufiger zu Gast war als manche Familienangehörige, eine Tatsache, die Dorothy schmerzlich bewusst war. Der letzte Besuch ihres Sohnes lag schon recht lange zurück. Sie wollte sich auf gar keinen Fall aufdrängen und hoffte sehnlichst, dass Andrew einmal von sich aus von sich hören ließ, doch das schien ihm nicht in den Sinn zu kommen. Da draußen waren alle immer so beschäftigt heutzutage. Die Bewohner der Seniorenresidenz Highland Home hingegen hatten mehr Zeit, als ihnen manchmal lieb war.

Sie hatten keinen Grund sich zu beklagen, ermahnte sich Dorothy. Ein jeder musste sich den Dingen stellen, die da kamen. Sie alle hatten ihr Leben gelebt. Man musste den nachfolgenden Generationen Platz machen. Man wurde älter, man brauchte mit den Jahren immer weniger, und am Schluss … kam Mr Dunn.

Das jüngste Hinscheiden eines Mitbewohners war natürlich das Hauptgesprächsthema beim Mittagessen. Es war der dritte Dienstag im Monat, also gab es Bœuf bourguignon, das bei vielen zunächst Misstrauen ausgelöst hatte, bis klar wurde, dass es sich schlicht um Schmorbraten handelte. Die Köchin, die die neuen Eigentümer eingestellt hatten, verstand jede Menge vom Kochen, aber nicht ganz so viel von alten Menschen.

»Der arme Mr Ferguson«, sagte Dorothy. »Es muss ja ein furchtbarer Schock für Sie gewesen sein, ihn so vorzufinden, Miss Ross.«

»Ich sah seine Sohle und wusste, der ist tot.«

»Du liebe Güte, Sie haben seine Seele gesehen? Wie sah sie aus?«

»Kein schöner Anblick … violett und leicht fusselig.«

»Violett?«

»Violett.«

»Ach, du liebes bisschen. Und fusselig, sagen Sie?«

»Jemand sollte der neuen Reinigungskraft wirklich einmal zeigen, wie man mit dem Staubsauger umgeht.«

»Reinigungskraft?«

»Sie ist aus Polen.«

»Oh – und da haben sie keine Staubsauger?«

»Nun, das möchte ich doch sehr hoffen, aber offenbar weiß sie nicht, wie man in Großbritannien staubsaugt.«

»Ach so … ja, verstehe.«

Dorothy verstand keineswegs, das war offensichtlich. Manchmal war sie unfassbar schwer von Begriff. Das hatte durchaus nichts mit ersten Anzeichen von Demenz oder etwas in der Art zu tun – anders als bei gewissen Personen im Heim, die weit über erste Anzeichen hinaus waren. Nein, was sich hinter den großen Brillengläsern in dem rötlich getönten Kassengestell verbarg, war eher, nun, wie sollte sie es sagen … Unschuld.

Ein wenig wirkte sie wie ein Ausstellungsstück aus einem dieser Heimatmuseen, die jetzt auch in den unscheinbarsten Orten aus dem Boden schossen. Wie durch Zauberhand zum Leben erweckt in ihrem wadenlangen Glockenrock, ihrer Bluse und der handgestrickten Wolljacke war Dorothy ein lebendes Denkmal einer längst vergangenen Zeit, als die Welt noch heil war. Und genau das war es vielleicht, was ihr diese gewinnende Ausstrahlung verlieh.

»Das sind die modernen Zeiten«, sagte Joyce, die sich gerade genüsslich einer zweiten Portion Bœuf bourguignon widmete. Was Essen anging, war Joyce ein Phänomen. Während alle anderen ausnahmslos mit den Jahren immer kleinere Mahlzeiten zu sich nahmen und schmaler und schwächer wurden, verhielt es sich bei ihr genau umgekehrt. »Alles geht den Bach hinunter, da könnt ihr jeden fragen. Nichts ist mehr, wie es einmal war … im Restaurant bekommt man halb leere Teller serviert … kein Benimm mehr … und vom Staubsaugen hat auch keiner mehr Ahnung.«

Miss Ross stöhnte innerlich auf, unweigerlich würde jetzt ein Lamento darüber folgen, wie viel besser früher alles war – in der guten alten Zeit. Doch Rettung nahte, in Gestalt von Walter, einem sehr angenehmen Herrn, der in früheren Tagen wohl als »adrett« bezeichnet worden wäre. Er hatte so gar nichts mehr gemein mit dem Mann, der vor eineinhalb Jahren zu ihnen gekommen war, völlig gebrochen nach dem Tod seiner Frau, mit der er vierzig Jahre verheiratet gewesen war.

Dieser Umschwung war zweifellos seiner bezaubernden Nichte zu verdanken, die ihn seit drei Monaten zuverlässig jeden Donnerstag besuchte. Sie blieb oft fast den ganzen Tag, immer zu einem kleinen Schwatz aufgelegt, immer freundlich, immer hilfsbereit. Wirklich eine durch und durch reizende Person.

»Darf ich mich dazusetzen?«, fragte Walter.

Die Damen am Tisch lächelten und nickten. Natürlich musste er keineswegs um Erlaubnis bitten, aber es war sehr höflich von ihm und gab ihnen das Gefühl, dass sie doch noch Entscheidungen treffen konnten.

»Wir sprachen gerade über den armen Mr Ferguson«, erklärte Dorothy.

»Wer wohl sein Nachfolger wird?«, überlegte Deirdre. »Eine gewisse Joan soll ja das andere freie Zimmer bekommen.«

Miss Ross machte sich gar nicht erst die Mühe zu fragen, woher sie das wusste. Sehr wahrscheinlich hatte Deirdre die Neuigkeit auf einem ihrer Spionage-Streifzüge aufgeschnappt. Sie hatte die Angewohnheit, grundsätzlich nur an strategisch günstigen Stellen stehen zu bleiben, um wieder zu Atem zu kommen, was sie hier im Haus zur offiziellen Quelle für Klatsch jeder Art und zum inoffiziellen Moralapostel qualifizierte.

»Ich wünschte, sie würden endlich etwas gegen diesen Kerl unternehmen«, murrte Deirdre, ihre Augen auf Mr Forsyth geheftet, der gerade den Raum betrat, splitterfasernackt, wie ihn der liebe Gott vierundachtzig Jahre zuvor erschaffen hatte. Ein Anblick, der hier kaum noch jemanden überraschte, die meisten im Saal aßen ungerührt weiter. Ben, einer der jungen Pfleger, stürzte auch schon mit einem Morgenmantel herbei, in den er ihn energisch einwickelte.

»Da sind Sie ja, Mr Forsyth! Sie werden sich noch den Tod holen, und das wollen wir doch nicht, oder?«

Den alten Mann bekümmerte es offensichtlich wenig, ob er hüllenlos war oder nicht. Nun einigermaßen präsentabel gekleidet, setzte er sich an einen Tisch, und Ben ging ihm etwas zu essen holen.

Im Heim wurden den Bewohnern fast jeden Tag alle möglichen Aktivitäten angeboten. Außerdem kamen verschiedene Dienstleister – vom Friseur bis zum Optiker – mit ihrem vollständigen Equipment ins Haus. An diesem Nachmittag waren der Zahnarzt und der Akkordeon-Mann an der Reihe. Ersterer pflegte während der Behandlungen zu singen, und obwohl seine stimmlichen Qualitäten ausbaufähig waren, so war er musikalisch doch deutlich breiter aufgestellt als Letzterer.

An den Akkordeon-Tagen zog Walter es vor, den Nachmittag in seinem Zimmer zu verbringen und sich einer seiner Lieblingsbeschäftigungen zu widmen: Er wählte eine berühmte Schachpartie früherer Großmeister aus und spielte sie mit seinen wunderschönen, handgeschnitzten Schachfiguren nach. Ihm hatte ein Spielpartner gefehlt, als er seine Liebhaberei vor sechs Monaten wiederbelebt hatte. Doch das war, bevor Julies Besuche begonnen hatten. Seitdem war in seinem Leben nichts mehr wie zuvor. Und dass er endlich jemanden zum Schachspielen gefunden hatte, war nur ein kleiner Nebeneffekt.



Zwei


 

Dienstag, 23. Februar

Wo sind die Jahre geblieben? Wie kommt auf einmal diese Liebe in mein Leben? Das eine zu verlieren und das andere zu gewinnen – beides macht mich gleichermaßen fassungslos. Erst am Ende meiner Tage begreife ich, worum es im Leben wirklich geht. Was soll ich nur tun, jetzt, da mir kaum noch Zeit bleibt? Ich kann es fühlen. Der Funke in meinem alten Körper wird immer schwächer, wenn das neue Licht auch noch so stark leuchtet. Ich muss mir beides so lange wie möglich erhalten.

 

 


Drei


Für zwei der Heimbewohner begannen die Tage bereits kurz nach fünf Uhr morgens. Beide waren Landwirte gewesen, und das frühe Aufstehen war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Mr Forsyth machte sich allmorgendlich auf den Weg, um die Kühe zu melken und nach seiner Zuchtsau zu sehen, die er dringend rauslassen musste, wie er stets betonte. Immerhin war er dabei meist hinreichend bekleidet, musste jedoch routinemäßig vom Personal davon überzeugt werden, dass die Tiere bereits versorgt seien, um ihn daran zu hindern, das Haus zu verlassen und bei den gesicherten Türen den Alarm auszulösen.

Viele Bewohner benötigten keine Hilfe, um morgens ihr Bett zu verlassen, sodass es immer schon recht lebhaft zuging, wenn das Tagespersonal den Dienst antrat. Das Heim hatte dreißig Zimmer, die fast immer vollständig belegt waren, es sei denn, ein Bewohner war gerade ausgezogen (für gewöhnlich in Begleitung von Mr Dunn) und der Nachfolger noch nicht eingetroffen.

Wie in Einrichtungen dieser Art üblich, überwog der weibliche Anteil an Bewohnern bei Weitem. Und ganz wie draußen, im richtigen Leben, bildeten sich auch hier Grüppchen und Freundschaften, die unweigerlich zu Eifersüchteleien, Streit und Zerwürfnissen führten und die den Vergleich mit einem Zickenkrieg auf dem Pausenhof einer Grundschule nicht fürchten mussten.

Im Speisesaal saßen Dorothy und Miss Ross wie so oft gemeinsam am Frühstückstisch. Der Kontrast zwischen ihnen hätte nicht größer sein können, so unterschiedlich waren sie in ihrer Persönlichkeit, in der Art, sich zu kleiden, und dem Leben, das sie geführt hatten. Dorothy war lieb und irgendwie einfach nur »zum Knuddeln«, während die pensionierte Schuldirektorin stets … vielleicht nicht hart, aber doch … überaus akkurat wirkte. Sie hätte es wohl kaum übel genommen, als penibel bezeichnet zu werden. Auch wenn im Haus immer recht großzügig geheizt wurde, waren Tweedrock und eine gestärkte weiße Bluse ihre Markenzeichen, selbstverständlich ergänzt durch eine lange Perlenkette.

Trotz aller Unterschiede waren die beiden seit Miss Ross’ Einzug vor drei Jahren unzertrennlich. Sie teilten durchaus gemeinsame Interessen und waren regelmäßig in Dorothys Zimmer anzutreffen, wo sie strickten und plauderten, als kennten sie einander schon ein Leben lang.

Miss Ross konnte nicht anders, als ihre Mitbewohner eingehend zu studieren, auch wenn sie sich bemühte, das so diskret wie möglich zu tun. Die Gebrechlichsten unter ihnen hatten nicht selten den schärfsten Verstand, wohingegen andere, die körperlich noch ausgesprochen gut in Schuss waren, jeden Morgen ihrem Vieh nachjagten.

Zwischen diesen Extremen gab es jede nur denkbare Variante und Schattierung.

Am Nachbartisch saß die alte Mrs Campbell, vom Alter schon sehr geschwächt, aber dank ihres Rollators immer noch mobil und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Sie half gerade Albert mit seinem Frühstück, der es offenbar verwirrend fand, dass er erst Milch in seine Schüssel geben sollte, ehe er seine Frühstücksflocken essen konnte. Manchmal hatte Albert aber durchaus noch klare Momente und entpuppte sich dann als ein reizender Gesprächspartner.

Doch an diesem Morgen konnte davon keine Rede sein. An solchen Tagen war es kaum vorstellbar, dass er einmal hochdekorierter Stabsoffizier bei der Armee gewesen war und durch seinen Beruf die ganze Welt gesehen hatte. Gebrechlichkeit, Krankheit und Pflegeheime waren große Gleichmacher. Was auch immer man in seinem Leben erreicht haben mochte, eines davon traf einen früher oder später mit voller Wucht.

»Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, keine Toaststreifen mehr in mein Ei tunken zu können«, seufzte Dorothy und riss ihre Freundin aus ihren Grundsatzbetrachtungen über die Menschheit zurück zu profaneren Problemen. »Ich verstehe nicht, warum es so hart und trocken sein muss, dass man einen Bohrer bräuchte, um den Toast hineinzustecken. Meine Toaststreifen knicken ein, als ob sie vor der Queen einen Diener machen.«

»Vielleicht liegt es ja auch am Toast.«

»Was soll mit dem Toast sein?«

»Nun ja, möglicherweise ist er heutzutage einfach nicht mehr so … standhaft, wie er es einmal war. Vielleicht liegt das Problem also beim Toast und nicht beim Ei.«

Stirnrunzelnd dachte Dorothy einen Moment darüber nach. Miss Ross war eine gebildete Person, und was sie sagte, hatte stets Hand und Fuß und war es wert, gehört zu werden. Allerdings war sich Dorothy nie ganz sicher, ob Miss Ross sie nur aufziehen wollte.

»Oh, Sie nehmen mich auf den Arm!«

Miss Ross lächelte. »So sind nun mal die Vorschriften. Das Küchenpersonal hat strikte Anweisung, uns keine Eier zu servieren, die auch nur annähernd weich sind. Alles im Interesse unserer Gesundheit und Sicherheit.«

»So ein Unsinn! Ich wünschte, die da oben würden aufhören, uns ständig die paar Dinge zu vermiesen, die uns noch Freude machen. Als junges Ding habe ich es geliebt, meinen Toast in kleine Stückchen zu schneiden und in mein Ei zu tunken. Und es hat mir nicht geschadet.«

»Sie müssen dann eben das Ei aus der Schale pellen und es auf der Toastscheibe verteilen.«

»Ja schon, das tue ich ja auch. Aber es ist eben einfach nicht dasselbe.«

Dorothy war eine sanfte und freundliche Natur, wenn sie sich tatsächlich einmal beschwerte, wirkte sie auf so komische Weise rührend, dass Miss Ross einfach lachen musste.

»Ich weiß wirklich nicht, was daran lustig sein soll«, murrte Dorothy und brach dann ebenfalls in Gelächter aus. »Sehen Sie sich das Elend doch nur an, diese schlaffen Dinger blamieren sich doch vor der Queen.«

»Nun, wer das Eigelb nicht ehrt … ist den Toast nicht wert.«

Einige der Mitbewohner beobachteten die beiden Frauen amüsiert, die sich vor Lachen nur so bogen. Was um alles auf der Welt konnte zu dieser frühen Stunde nur so erheiternd sein? Und hatten sich die beiden nicht erst gestern Abend noch lang und breit unterhalten?

 

»Hier ist auch nichts mehr, wie es einmal war«, bemerkte Joyce und setzte sich zu den anderen an den Tisch. Sie saßen im Café des nahe gelegenen Gartencenters, das von den Bewohnern des Highland Home gern besucht wurde. Es fühlte sich fast wie ein zweites Zuhause an, weshalb Joyce auch in der Handtasche ihre Pantoffeln mitgebracht hatte. Sie schlüpfte aus den Halbschuhen, zog die bequemen Slipper über und seufzte zufrieden.

»Haben sie schon wieder die Regale umgeräumt?«, erkundigte sich Walter. In seinem nachtblauen Anzug mit passender Krawatte war er das ganze Gegenteil von Joyce. Er besaß drei dieser Outfits, ein blaues, eines in einer Art Mauve-Ton und eines in einem dunklen Flaschengrün. Jeder dieser Anzüge war todschick, auch wenn Walter, um der Wahrheit die Ehre zu geben, in der aktuellen Umgebung ein wenig overdressed wirkte.

»Aber nein, ich meine, was sie verkaufen. Früher ging man in so ein Geschäft, weil man etwas zum Einpflanzen wollte. Jetzt haben sie hier Schlafzimmermöbel, Bücher, Haushaltswaren und Aromakerzen. Pflanzen sind wahrscheinlich gar nicht mehr im Angebot. Und wenn, dann nur aus Plastik.«

»Damals bekam man nicht mal eine Tasse Tee, und jetzt haben viele Gartencenter sogar ein richtiges Restaurant«, erwiderte Deirdre. »Du bist ja schon fast persönlich beleidigt, wenn du dein Drei-Gänge-Menü nicht bekommst.«

»Ich sage ja gar nicht, dass alles schlechter geworden ist«, meinte Joyce und biss genüsslich in ihren zweiten Scone.

»Die haben hier sogar Bio-Eier«, berichtete Dorothy. »Im Gegensatz zu dem Lebensmittelladen, in dem ich neulich war.«

»Was, die hatten keine Eier?«, fragte Walter ungläubig.

»Doch, da stand auch was von Bodenhaltung, aber die sind auch nur aus diesen grässlichen Legebatterien. Ich habe mich richtig aufgeregt.«

»Aber, aber, Dorothy! Ich hoffe doch, es kam nicht zu Handgreiflichkeiten.«

»Ich bin zur Kasse und habe gesagt: ›Hören Sie mal, junger Mann, Hand aufs Herz – haben Sie denn keine richtigen Eier? Ihre Eier sind wirklich in ganz bedauernswertem Zustand, so winzig und nicht mal bio!‹«

»Das haben Sie nicht gesagt«, ächzte Miss Ross.

Walter krümmte sich auf seinem Stuhl und gab seltsam gurgelnde Geräusche von sich. Die kleine, etwas unscheinbare Mrs MacDonald tätschelte ihm den Rücken.

Miss Ross versuchte, die Fassung zu bewahren, und fragte mit gepresster Stimme: »Was hat der Verkäufer denn geantwortet?«

»Nichts. Es muss ihm wohl irgendetwas heruntergefallen sein, denn er verschwand mit einem Mal hinter der Theke, und ich habe ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

»Alles geht den Bach runter«, nickte Joyce, zufrieden, ihren Lieblingssatz anbringen zu können. »Keiner hat mehr Ahnung.«

»Nur die Leute in den Altersheimen«, bemerkte Deirdre trocken.

Insgesamt acht Heimbewohner hatten sich zu dem kleinen Ausflug aufgemacht, begleitet von Anna vom Pflegepersonal und Hamish, der Mädchen für alles, Gärtner und Busfahrer in Personalunion war. Mit von der Partie waren auch Albert und Mrs Butterworth. Letztere neigte zwar gelegentlich dazu, Unfälle zu erleiden, doch nur bei Albert bestand immer die Gefahr, dass er davonspazierte und verloren ging. Beim letzten Besuch im Gartencenter hatte er sich in der Toilette eingeschlossen und musste von einem Angestellten befreit werden. Doch dieses Mal ging alles ruhig und ereignislos vonstatten. Interessant werden sollte es erst wieder bei ihrer Rückkehr ins Highland Home.

 

Als die kleine Gruppe den Empfangsbereich betrat, war Oberschwester Maureen gerade im Gespräch mit einer Frau mit unnatürlich blond gefärbtem Haar, einem tief ausgeschnittenen Oberteil und einer ziemlich lauten Stimme. Die beiden standen vor der großen Informationstafel, an der die Fotos aller Mitarbeiter hingen, deutlich mit Namen und Aufgabenbereich bezeichnet, und wo vermerkt war, wer gerade Dienst hatte.

Die Fremde verstummte und musterte die Ankömmlinge mit wachem und leicht spitzbübischem Blick. Ein Teil der Gruppe blieb am Eingang stehen, um auf die Langsameren zu warten. Eine kleine Geste der Höflichkeit, die bei der Rückkehr von Ausflügen üblich war.

Deirdre begriff sofort, um wen es sich bei der Unbekannten handeln musste, und ging rasch auf sie zu. Sie wollte die Erste sein, die die Neue begrüßte – das konnte sich nur günstig auf ihren Einfluss bei künftigen Machtproben auswirken.

»Sie müssen Joan sein. Mein Name ist Deirdre«, sagte sie und streckte die Hand aus. »Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich gern an mich. Jeder hier kann Ihnen bestätigen, dass ich über alles bestens Bescheid weiß.«

Falls die neue Bewohnerin überrascht war, gleich identifiziert worden zu sein, ließ sie es sich nicht anmerken, ergriff die angebotene Hand und begann, diese so kräftig zu schütteln, dass ihre Besitzerin schließlich etwas peinlich berührt wirkte.

»Freut mich«, tönte die Stimme der Neuen gut hörbar durch den Eingangsbereich.

»Ähem … ja, also … ganz meinerseits«, antwortete Deirdre und sah sich Hilfe suchend nach ihrem allzeit bereiten Schatten um. Sie entdeckte die Komplizin ganz in der Nähe und winkte Mrs MacDonald heran, die zögernd im Hintergrund stand. »Und dies ist Mrs MacDonald, eine sehr liebe Freundin.«

Die »sehr liebe Freundin« zuckte zusammen. Ein Kompliment aus dieser Richtung war in etwa so wahrscheinlich wie Schweinebraten auf einer Bar-Mizwa. Joan grüßte sie sehr freundlich und ganz ohne übertriebene Handgymnastik.

Miss Ross hatte wie alle anderen Anwesenden das Schauspiel, das sich ihnen darbot, beobachtet und konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neue Bewohnerin in den kommenden Monaten für einige Unterhaltung sorgen würde. Denn die hatte auf Anhieb erfasst, wer die ausgewiesene Klatschtante im Haus war. Diese Frau hatte ganz offenbar so einiges gesehen in ihrem Leben, wer weiß, vielleicht musste man sich sogar ein wenig vor ihr in Acht nehmen?

Oberschwester Maureen begann, die Gruppe vorzustellen, was ohne Zwischenfälle verlief, bis die Reihe an Albert kam, der eine Mundharmonika aus seiner Tasche zog und zu spielen begann. Genau genommen spielte er nur zwei Töne, da er nur die Luft einzog und ins Instrument blies, ohne es hin und her zu bewegen. Aber Joan lauschte ihm, als wäre es ein grandioser Auftritt, und Albert strahlte, als sie applaudierte und ihn für seine Darbietung lobte.

»Und hier haben wir schließlich Miss Ross und Dorothy«, sagte Oberschwester Maureen, als sie zu den letzten zwei Bewohnern kam.

Von Nahem betrachtet, wirkte Joan deutlich älter als aus der Entfernung – das dick aufgetragene Make-up konnte die Verwüstungen der Zeit nicht kaschieren. In der Blüte ihrer Jahre musste sie eine attraktive Frau gewesen sein, die gute Figur von einst war immer noch zu erahnen.

»Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Miss Ross«, sagte sie und bemerkte mit einem Blick auf den Beutel, den Dorothy in der Hand hielt, »und Sie stricken gern, wie ich sehe.«

»Oh ja, schon seit meiner Kindheit.«

»Ich bin auch ganz verrückt aufs Stricken. Im Moment arbeite ich an einem Aran-Pullover. Vielleicht können wir ja Muster austauschen.«

»Ja, das wäre schön.«

»Meine Siebensachen sind wohl schon in mein Zimmer gebracht worden, aber vor lauter Plaudern mit der Oberschwester habe ich es noch gar nicht gesehen! Oberschwester Maureen hat sicher Besseres zu tun – vielleicht könnten Sie mir das Zimmer zeigen? Und anschließend trinken wir zusammen einen Tee? Was meinen Sie?«

Joan hakte sich bei Dorothy ein, und die beiden Frauen gingen fröhlich schwatzend den Flur hinunter, als wären sie alte Freundinnen. Oberschwester Maureen sah, dass sie nicht mehr gebraucht wurde, und ging in ihr Büro. Deirdre, die noch im Hintergrund abgewartet hatte, beschloss, dass sie hier nichts mehr ausrichten konnte. Alle anderen waren längst ihrer Wege gegangen, nachdem sie Joan vorgestellt worden waren.

Nur Miss Ross stand noch an derselben Stelle, wie ein zurückgelassener Gegenstand. Ein Bild drängte sich in ihre Gedanken. Sie war noch ein Kind, als sie eine Puppe wiederfand, die einmal ihr Lieblingsspielzeug gewesen war, mit der sie aber seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt hatte, sie hatte sie ganz vergessen. Die Puppe hatte ihren Reiz verloren, und sie hatte sie zurück in eine Kiste geworfen.

Auf einmal fühlte Miss Ross sich furchtbar einsam.

P. I. Paris

Über P. I. Paris

Biografie

P. I. Paris ist Autor, Dramaturg und Journalist. Wer früher geht, verpasst den Schluss schrieb er ursprünglich als Theaterstück, das auf verschiedensten Bühnen Schottlands mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Die überwältigende Nachfrage veranlasste ihn dazu, die Geschichte als Roman...

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