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Wer braucht schon Schlaf?Wer braucht schon Schlaf?

Wer braucht schon Schlaf?

Roman

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Wer braucht schon Schlaf? — Inhalt

Kaum zu glauben, dass sie mal beste Freundinnen waren: Morgane, die aussieht wie Charlotte Gainsbourg, bis zum Morgengrauen auf Pariser Partys tanzt, und eine Karriere vor sich hat wie Anna Wintour. Und Émilie, die es sich mit ihrem Mann und zwei herzallerliebsten Sprösslingen in einem Häuschen im Grünen gemütlich gemacht hat. Doch als sie sich über Facebook wiederfinden, müssen beide zugeben, dass nicht alles Gold ist, was auf ihren Profilen glänzt. Morgane sehnt sich eigentlich nach einer Familie, und Émilie hat die Nase voll von durchwachten Nächten am Babybett. Die beiden schließen einen Pakt: Morgane macht aus Émilie eine perfekte Karrierefrau, und Émilie hilft Morgane, endlich mit ihrem Kinderwunsch klarzukommen. Doch kann das so einfach funktionieren?

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.02.2016
Übersetzer: Anja Rüdiger
368 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1031-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.02.2016
Übersetzer: Anja Rüdiger
300 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7809-4
»Französinnen gelten als Paradebeispiele für die Kombination von Kind und Karriere. Das ihr Spagat kompliziert ist, schildert ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen.«
Food & Friends

Leseprobe zu »Wer braucht schon Schlaf?«

Oktober
Émilie
Es ist gerade mal 22 Uhr, und mein Geburtstag ist bereits vorbei. Oben, in den Schlafzimmern der Kinder, sind die Barbapapa-Nachtlichter bereits erloschen und die Musikmobiles längst verstummt. Über das Babyfon höre ich aus dem hinteren Zimmer das gleichmäßige Atmen meines friedlich schlafenden Mannes. Bis zum letzten Moment habe ich daran geglaubt. Zuerst habe ich gedacht, dass er eine Überraschungsparty für mich organisiert hat. Dann, nachdem kein Auto vor dem Haus hielt, habe ich mich der Vorstellung hingegeben, dass er den Babysitter [...]

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Oktober
Émilie
Es ist gerade mal 22 Uhr, und mein Geburtstag ist bereits vorbei. Oben, in den Schlafzimmern der Kinder, sind die Barbapapa-Nachtlichter bereits erloschen und die Musikmobiles längst verstummt. Über das Babyfon höre ich aus dem hinteren Zimmer das gleichmäßige Atmen meines friedlich schlafenden Mannes. Bis zum letzten Moment habe ich daran geglaubt. Zuerst habe ich gedacht, dass er eine Überraschungsparty für mich organisiert hat. Dann, nachdem kein Auto vor dem Haus hielt, habe ich mich der Vorstellung hingegeben, dass er den Babysitter bestellt hat, um mich zum Essen auszuführen. Um einen romantischen Abend mit mir zu verbringen. Soweit von der Romantik überhaupt noch etwas übrig ist.
Wie oft habe ich ihm gegenüber dieses wunderbare Restaurant an der Place des Épars erwähnt? Ein kurzer Anruf hätte genügt, um einen Tisch zu reservieren, und nach einer halben Stunde Autofahrt nach Chartres wären wir da gewesen. Ich habe sogar eine Kritik aus einer Zeitschrift ausgeschnitten, die ich zwischen die Termine der Kinder, den Plan der Dukan-Diät und das Paracetamol-Rezept an den Kühlschrank gehängt habe. Wenn das keine eindeutige Botschaft war …
Doch die Zeit verging, und Franck machte keine Anstalten, sein altes Nirvana-T-Shirt gegen irgendein anderes Kleidungsstück auszutauschen, woraus ich schließen konnte, dass sich mein Eintritt in die dritte Lebensdekade ohne viel Aufhebens vollziehen würde. Natürlich hat er mir ein Geschenk überreicht – eine von der Verkäuferin hübsch eingepackte Strickjacke – und angeboten, in der Bäckerei einen Erdbeerkuchen zu holen. Was ich aus Höflichkeit abgelehnt habe. Er hat dann nicht weiter darauf bestanden. In Ermangelung einer Kerze zum dreißigsten Geburtstag habe ich noch mal die neunundzwanzig vom letzten Jahr ausgepustet, die wir, weil es keinen Kuchen gab, in die halb verbrannte panierte Hähnchenbrust meiner Tochter gesteckt haben.
Ich werfe ihm das nicht vor, natürlich nicht, schließlich hat er es gerade nicht leicht. Man hat ihn damit beauftragt, in seinem Pharmaunternehmen den Sozialplan durchzusetzen, und nun muss er jeden Tag entscheiden, welcher Kollege bleiben darf und wer gehen muss. Dabei steht er selbst ständig unter Druck. Kurzzeitig bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich von meinem Mann so viel erwarte, obwohl er mir doch alles bietet, was sich eine Frau im Leben wünschen kann: ein schönes Haus und wunderbare Kinder. Also schlucke ich meine Klagen hinunter und greife nach der Fernbedienung. Im Fernsehen läuft der Vorspann von On n’est pas couché, der Talkshow mit Laurent Ruquier, natürlich ohne Ton – damit die Kinder nicht aufwachen. Und auf dem Couchtisch gammeln ein paar leere Billigjoghurtbecher neben einem Stapel schmutziger Löffel vor sich hin.
Ob das Alter mich die Dinge klarer sehen lässt? Denn zum ersten Mal seit Langem nehme ich die rosarote Brille ab und sehe mein Wohnzimmer so, wie es wirklich ist: Der grüne Kinderhochstuhl ist von oben bis unten mit Brei beschmiert, und die Plastiktischdecke hat an einigen Stellen Brandlöcher. Die Katze malträtiert mit ihren Krallen etwas, was wohl mal ein Plaid gewesen ist (woher auch immer der kommt. Ich kann mich nicht erinnern. Ein Geschenk meiner Mutter?), der Laufwagen sieht extrem abgenutzt aus, und die Vorhänge warten schon eine halbe Ewigkeit darauf, endlich mal gesäumt zu werden, und sind inzwischen schon leicht vergilbt. Die Wände sind nicht komplett gestrichen – in den Ecken löst sich bereits das Kreppband, mit dem sie abgeklebt sind –, und die unterschiedlichen Farbschichten sind deutlich zu erkennen.
Die Renovierungsarbeiten im Haus geraten immer mehr ins Stocken, und aus purem Überlebenswillen haben Franck und ich die schweigende Übereinkunft getroffen, nicht mehr über freiliegende Kabel oder halb eingerissene Zwischenwände zu reden. Daher laufen wir wie mit Scheuklappen durchs Haus, bewegen uns also in einer Art reduzierter Realität. In der Luft liegt ein Duftgemisch aus Neu und Alt: Der Geruch von frischer Farbe und Fliesenkleber trifft auf den von Katzenstreu, saurer Milch, Windelmülleimer und Pflegelotion, woraus eine Verbindung entsteht, die ich nicht wirklich definieren, jedoch unter tausend Gerüchen sofort wiedererkennen würde: »zu Hause«.
Franck und ich haben das Haus kurz nach der Geburt unserer Tochter gekauft. Damals haben wir uns nach Ruhe gesehnt und unseren Freunden bei jeder Gelegenheit mitgeteilt, dass wir unbedingt aus Paris rauswollten. Am Ende war es jedoch der Preis (ein Drittel von dem, was eine Wohnung in Paris kostet), der uns überzeugt hat. Wenn das Haus auch ziemlich renovierungsbedürftig war …
»Gefällt es dir?«
»Wenn es dir gefällt … Mir schon …«
»Sollen wir es nehmen?«
»Wenn du möchtest, nehmen wir es …«
Wenn ich damals vorausgesehen hätte, dass die Renovierungsarbeiten mehr als vier Jahre später immer noch nicht abgeschlossen sein würden, hätte ich der Vorstellung, mich für diese halbe Ruine auf fünfunddreißig Jahre zu verschulden, vielleicht nicht ganz so positiv gegenübergestanden.
Da die monatlichen Raten, die wir zu zahlen haben, niedriger sind als unsere bisherige Miete in Paris, haben wir beschlossen, dass ich Elternzeit nehmen und nur noch Franck arbeiten gehen würde. Die Fahrzeit von Maintenon nach Paris beträgt theoretisch gerade mal eine Stunde. Franck würde also seinen Job machen wie bisher, und ich hatte vor, möglichst oft nach Paris zu fahren, um Freunde zu besuchen. Wir dachten, die Stadt viel mehr genießen zu können, wenn wir wie Touristen nur ab und zu dort wären. Wir wollten an den Ufern der Seine entlangspazieren, mit unseren Kindern Museen besuchen, bei Berthillon Eis essen und dann in unser Haus zurückkehren, das dreimal so groß und dreimal billiger ist als eine Wohnung in der Stadt, um den Abend mit der Familie gemütlich vor dem Kamin zu verbringen. Natürlich ist es dazu niemals gekommen, aus dem einfachen Grund, dass der Kamin noch nicht existiert und bisher nur aus dem dafür vorgesehenen leeren Platz besteht.
Paris zu verlassen hat nicht dazu geführt, dass wir öfter ins Museum oder zum Eisessen zu Berthillon gehen, was wir jedoch auch nicht getan haben, als wir noch dort wohnten.
Denn wir sind nicht die einzigen Paris-Flüchtlinge, die auf diesen Gedanken gekommen sind. Die Autobahn in die Stadt ist von den vielen Pendlern aus den Randbezirken total verstopft, und Franck ist jeden Tag länger als vier Stunden unterwegs, wobei er morgens um halb acht das Haus verlässt und nie vor neun Uhr abends zurück ist.
»Was bringt es mir, dass ich einen Garten habe, wenn ich ihn nur im Dunkeln zu sehen kriege?«, stöhnt er abends oft frustriert, wobei er bei den seltenen Gelegenheiten, in denen er mal mit unseren Pariser Freunden telefoniert, weiterhin fleißig den Vorteil des Häuschens im Grünen preist.
Als ich das letzte Mal in Paris gewesen bin, war Dominique Strauss-Kahn noch Direktor des Internationalen Währungsfonds. Und zu unserer Einweihungsparty hagelte es Absagen, weil der Weg zu weit war: »Wir haben kein Auto.« »Benoît muss morgen früh arbeiten.« »Es tut uns leid, aber wir können uns einfach nicht aufraffen, der Weg ist zu weit.« Besuche wurden mit der Zeit immer seltener. Dabei haben wir uns beim Kauf des Hauses doch so begeistert ausgemalt, wie oft wir unsere Freunde zum Grillen einladen würden. Ein Ehepaar mit Kind, das geht gerade noch, aber eine vierköpfige Familie mit Katze wirkt auf Besucher irgendwie abschreckend. Sogar meine Mutter meinte seufzend: »Das ist aber ziemlich weitab vom Schuss«, und rollte angesichts des Renovierungsaufwands vielsagend mit den Augen.
Jedenfalls bin ich tagsüber allein dafür verantwortlich, dass die Kinder etwas zu essen bekommen, dass sie versorgt werden, wenn sie krank sind, und regelmäßig ein Bad nehmen, sodass ich mir oft sage, dass der einzige Unterschied zwischen meinem Leben und dem einer alleinerziehenden Mutter darin besteht, dass ich nachts das Schnarchen meines Mannes neben mir höre. Zum Glück gibt es das Internet. Ich stehe also in aller Ruhe auf, räume den Tisch ab, greife zur Milchpumpe, um ein wenig Reserve einzufrieren und meine Milchdrüsen zu stimulieren, nehme mir nebenbei einen Billigjoghurt aus dem Kühlschrank, wobei ich darauf achte, dass mein Blick weder auf die Kritik des Restaurants an der Place des Épars noch auf das lächelnde Porträt Pierre Dukans fällt, der leicht zerknittert seine auf Weizenkleie basierenden Rezepte vorstellt, und setze mich mit Francks MacBook auf den Knien wieder hin.
Immerhin haben mir ein paar Leute via Facebook zu meinem Eintritt in die dritte Lebensdekade gratuliert … Herzlich willkommen in den glorreichen Dreißigern! Du wirst sehen, 30 zu sein ist super. Ich runzele die Brauen und sehe mir noch einmal den letzten Satz an, um sicher zu sein, mich nicht verlesen zu haben. Unter all den virtuellen Geburtstagsgrüßen und Smileys finde ich auch eine Nachricht von Morgane, meiner besten Freundin aus der Schulzeit, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Émilie! Na gut, das ist ziemlich knapp und unpersönlich, aber wie auch immer … Sie hat daran gedacht. Ich erinnere mich, dass ich Morgane vor ein paar Monaten eher unbeabsichtigt über »Personen, die du vielleicht kennst« kontaktiert habe, indem ich den von Facebook vorgeschlagenen Button angeklickt, es jedoch gleich wieder bereut habe. Denn es gibt Dinge – oder Menschen –, die man besser in der Vergangenheit belassen sollte.
Das hält mich jedoch nicht davon ab, mir auf der Stelle das Foto meiner Jugendfreundin anzusehen, weil ich nun doch neugierig bin, was aus ihr geworden ist. Über Facebook erfahre ich, dass Morgane als Chefberaterin in einer großen Werbeagentur arbeitet – was mich wundert, denn in der Schule war sie eher faul – und dass sie mit einem gewissen Basile Cissé zusammen ist – was mich beruhigt, wenn ich bedenke, wie wir damals auseinandergegangen sind. Unter ihren Gefällt-mir-Angaben findet sich Dexter, Élisabeth Badinter, die Jungen Unternehmer, die Citroën-Werbung und der Rapper Skap’1. Sie hat 3781 Freunde.
Was das angeht, hat sie sich nicht verändert: stets gut darin, sich in Szene zu setzen. Etwa fünfzig Leute reagieren auf jede ihrer Statusmeldungen. Auch wenn sie sich nur über völlig unbedeutende Dinge auslässt wie das Fernsehprogramm oder die letzten Erklärungen des Präsidenten zur Lage in Syrien, fühlt sich eine Horde Internetnutzer dazu bemüßigt, auch die geringste ihrer existenziellen Betrachtungen zu mögen, zu kritisieren, zu kommentieren oder zu teilen.
Schon während der Schulzeit litt sie unter einer Art Beliebtester-Cheerleader-Syndrom, was bei den Mädchen in unserer Klasse eine Mischung aus Bewunderung und Furcht auslöste. Sie wurde entweder geliebt oder gehasst, was sie selbst nicht verstand und schrecklich fand, womit sie jedoch irgendwie leben musste.
Wie es aussieht, hat sie nun ein Faible für Fotos von sich selbst. Denn als ich auf die Rubrik »Fotos« klicke, wird mein Bildschirm mit Dutzenden von Morganes überschwemmt: Morgane im Bikini an einem Strand am Ende der Welt, mit einem Caipirinha in der Hand und einer Designer-Sonnenbrille im Gesicht; Morgane im Hosenanzug am Mikrofon auf einer Bühne; Morgane neben einer Frau, die Marion Cotillard sein könnte, vor einer Sponsorenwand von Dior; Morgane vor dem Madison Square Garden; Morgane vor dem Pariser Rathaus, Morgane … Sie hat sogar Schriftstücke als Fotos geposted und kommentiert, zum Beispiel mehrere VIP-Einladungen: »Das ist HUGE« oder »OMG, nichts wie hin!«. Als Reaktion auf ihren Geburtstagsgruß klicke ich auf »Gefällt mir« und schreibe: Danke, Morgane, bis bald hoffentlich. Das Symbol neben ihrem Namen zeigt an, dass sie online ist. Ich aktualisiere gleich mal, um zu prüfen, ob meine ehemalige Freundin sofort geantwortet hat. Nein. Wahrscheinlich hat sie Wichtigeres zu tun.
Ich schiebe mir einen Löffel Joghurt in den Mund und nähere mich dem Fernseher in der Hoffnung, etwas zu verstehen. Während auf dem Bildschirm ein Talkgast mit schweißglänzender Stirn wie ein Hampelmann herumzappelt, sage ich mir, ein kleines bisschen säuerlicher, als ich es eigentlich will, dass Morgane ein beneidenswertes Leben führt. Sodass ich mir mit meinen dreißig Jahren abends allein vor dem leise gestellten Fernseher und mit einem Joghurt in der Hand ziemlich schäbig vorkomme.

Morgane
Mein Zumba-Trainer hat die übliche Litanei über die Unerlässlichkeit der Dehnübungen noch nicht beendet, als ich mich bereits von Géraldine verabschiedet, meine Trainingsjacke angezogen und die Stöpsel meines iPods in die Ohren gesteckt habe.
Ich eile die Treppen des Mix Club hinauf, kehre den Lichtern des Montparnasse-Hochhauses den Rücken zu, laufe am Bahnhofseingang vorbei und gehe federnden Schrittes im Rhythmus von Ma Benz nach Hause. Noch bevor das Lied zu Ende ist, bin ich bereits im Eingangsbereich vor dem Briefkasten. Bei der Concierge liegt ein dickes Päckchen für mich. Inzwischen wirkt die Müdigkeit auf mich wie eine Droge. Ein Briefing nach dem anderen und seit drei Wochen kein einziger freier Tag – und die Zumba-Stunde hat mir den Rest gegeben. Dabei ist abends im Büro zu sein genauso öde wie die Timeline von Nadine Morano, der langweiligsten Politikerin der Welt, zu lesen, aber ich kann auf keinen Fall vor Jean-Jérôme nach Hause gehen. Lieber sterbe ich vor Langeweile mit dem Kopf auf dem Mauspad, als ihm das Feld zu überlassen.
Jean-Jérôme alias Jean-Jé ist genauso alt wie ich, hat den gleichen Studienabschluss und die gleiche berufliche Position, doch er verfügt über einen Trumpf, den ich nicht bieten kann: Er ist ein Mann. Zur Belohnung darf er nicht nur einen persönlichen Praktikanten knechten, sondern er erhält zudem ein um 7500 Euro höheres Jahresgehalt als ich.
Jeden Abend wetteifern wir darum, wer es länger aushält, und lassen das Büro des anderen nicht aus den Augen, in der Hoffnung, dass die Konkurrenz zuerst aufsteht, irgendein Schalter ausgeknipst wird, das Signal des Computers ertönt, der heruntergefahren wird, oder ein im Vorbeigehen zugerufener Abschiedsgruß.
»Du gehst schon?«
»Nein, es ist doch erst sieben … Warum? Gehst du?«
»Aber nein, ich habe noch jede Menge zu tun.«
»Klar, ich auch.«
Ein kurzer Seitenblick.
Ausgeschlossen, dass ich vor ihm das Büro verlasse, denn das käme der direkten Ankündigung gleich, dass ich aufgebe und ihm das Feld überlasse. Und den Gefallen werde ich ihm garantiert nicht tun, denn wenn ich den Platz räume, ist für ihn der Weg zum stellvertretenden Agenturleiter frei. Was allein schon aus Gründen der Emanzipation nicht infrage kommt. Solange ich lebe, werde ich nicht zulassen, dass dieses Muttersöhnchen mit seiner Föhnfrisur offiziell zum Vizechef befördert wird, obwohl es eine Frau, also mich, gibt, die diesen Posten viel eher verdient. Der Typ ist so was von zum Kotzen, seine ganze Persönlichkeit, seine Lacoste-Pullover mit V-Ausschnitt am »Casual Friday«, seine nuttige blonde Frau, die mindestens zwei Meter groß ist und zwischen zwei Shopping-Touren auf ihren Plateauabsätzen nabelfrei durchs Büro stöckelt, sein dummes Rumlispeln, seine Art, in jedes Gespräch einfließen zu lassen, dass er am renommierten Institut d’Études Politiques studiert hat, seine frauenfeindlichen oder rassistischen Witze und das ständige heuchlerische Gerede davon, dass er eines Tages alles aufgeben wird, um irgendwo in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Wobei er manchmal noch hinzufügt, dass solche Tätigkeiten wirklich superschlecht bezahlt werden.
Annick hat mich auf die für sie typische elegante Art bereits vorgewarnt: »Mein Stellvertreter kann nur jemand werden, der Eier hat, verstehst du? Eier!« Die Botschaft ist angekommen: Nicht nur, dass dieser Bernard Tapie für Arme mehr als ich verdient, obwohl er viel weniger Umsatz macht, jetzt soll ich es auch noch als eine Tatsache hinnehmen, dass er im Wettkampf um den begehrten Posten automatisch die Poleposition innehat, obwohl ich deutlich fähiger bin als er.
»Was willst du? Man wird wohl kaum die Welt neu erfinden. Ich habe mein ganzes Leben lang wie ein Tier geschuftet. Zu meiner Zeit war Gleichberechtigung noch kein Thema, ich habe mir alles hart erkämpfen müssen! Hart erkämpfen, verstehst du?« (Annick wiederholt gern noch einmal das Ende ihres Satzes und fügt ein empathisches »verstehst du?« hinzu; das ist reine Rhetorik, sie erwartet keine Antwort – anders, als ich in den ersten Monaten dachte.) »Ich bin als erste Frau Leiterin einer Agentur für Corporate Communication geworden und das ohne Frauenquoten oder Gleichberechtigung. Zu meiner Zeit wusste man, welche Wahl man zu treffen hatte. Wir haben nicht mit dem Uterus gedacht, waren nicht so aufs Kinderkriegen fixiert wie die Frauen heute mit ihrer tickenden Uhr, wir wussten, Simone de Beauvoir sei Dank, was zu tun ist!«, wettert Annick ständig mit der brennenden Zigarette im Mund. (Offensichtlich enthält das gesetzliche Rauchverbot irgendwo eine Ausnahme für leitende Angestellte von Werbeagenturen.) Wobei ich keine Ahnung habe, was sie damit erreichen will. Mich entmutigen? Irgendeine Art der weiblichen Solidarität ausdrücken? Mir deutlich machen, dass es nicht infrage kommt, dass ich von irgendwelchen Vorteilen profitiere, die sie nicht hatte …?
Ich nehme kurzzeitig die Stöpsel mit der Musik von NTM aus den Ohren und drücke auf die Klingel der Concierge. Natürlich steht auf dem Schild an der Tür, dass die Loge um acht Uhr abends schließt, aber es ist noch nicht mal zehn und wo soll sie sonst sein? Tue ich ihr nicht sogar einen Gefallen, wenn ich sie von dem dicken Umschlag befreie? Bringt es nicht ein wenig Abwechslung in ihren tristen Feierabend? Eigentlich müsste sie mir dankbar sein. Während der unendlich scheinenden Sekunden, die sie braucht, um zur Tür zur schlurfen (ich höre ihre Schritte und denke: bloß keine Hektik!), aktualisiere ich automatisch meinen Facebook-Account in meinem BlackBerry. Eine rote Sprechblase kündigt mir einen neuen Nachrichteneingang an: Émilie Percheron, jetzt Benoît, sendet einen Kommentar zu deinem Post. Aha, Émilie hat meine kleine Nachricht gelesen …
Im Grunde ist es nichts, zwei Klicks auf Facebook, doch als ihre Suchmeldung bei mir eingegangen ist, hat das bei mir eine Menge widerstreitender Gefühle ausgelöst. Natürlich habe ich mich gefreut, von meiner früheren besten Freundin zu hören, habe ein wenig wehmütig an unsere Schulzeit zurückgedacht, war irgendwie gerührt, dass sie nach mehr als zehn Jahren an unsere gemeinsame Zeit gedacht hat, und dann war ich auch ein wenig traurig, als mir wieder einfiel, wie wir damals auseinandergegangen sind, und wütend, dass wir so viel Zeit verloren haben, in der wir keinen Kontakt hatten.
Endlich rafft sich die Concierge dazu auf, die Tür zu öffnen, murmelt irgendwas von ihren Öffnungszeiten, übergibt mir mein Päckchen, sagt ihrem sabbernden Labrador, dass er wieder reingehen soll, und wünscht mir einen guten Abend. Ich habe unterdessen kein Wort herausgebracht und den Blick nicht von Émilies Profil abgewendet, denn ich bin zu neugierig, was aus ihr geworden ist, und kann es nicht erwarten, dank dieser virtuellen Zeitmaschine in ein Universum einzutauchen, das mich vielleicht in meine Jugend zurückversetzen wird. In die Zeit, als wir hochgekrempelte Jogginghosen und weiße Turnschuhe mit Plateausohlen trugen und unsere Wochenenden in Émilies Zimmer verbrachten, wo wir, mit viel Geduld und dem Duft von CK One umwölkt, den neuen NTM-Hit runterluden, mit Henna im Haar und nur schlecht unterm Bett versteckten zehn Reservepäckchen Marlboro lights. Ich schließe die Augen und sehe die Zimmerwände vor mir, die Werbeplakate mit Carla Bruni für Morgan und Kate Moss für Calvin Klein, aus einer Zeitschrift ausgeschnittene Fotos des Hip-Hop-Kollektivs Le Secteur Ä und das Filmposter von Romeo + Juliet.
Als ich sehe, dass Émilie Percheron, jetzt Benoît, Mitglied der Gruppen Die, die Nein zu Nutella sagen, Vollzeitmutter und Du weißt, dass du Mutter bist, wenn … ist, überlege ich, ihr zum nächsten Geburtstag eine Aufpolierung ihres Personal Brandings zu schenken. Émilie, Émilie, was ist aus dem Teenager geworden, der schnell wie der Blitz einen Joint drehen konnte und den Attestblock seines Vaters geklaut hat, um uns vom Sportunterricht zu befreien?
Wie es aussieht, hat sie die Fotos, die sie gepostet hat, äußerst sorgfältig ausgewählt. Man kann Schritt für Schritt die Entwicklung ihrer lächelnden blonden Kinder verfolgen: das unvermeidliche Foto des Neugeborenen mit einer Anzeige, die so gestaltet ist, als hätte das hochbegabte Baby sie am Computer der Eltern selbst geschrieben (»Ich wurde letzte Nacht um ein Uhr geboren« … Ja, ja und das Erste, was du gelernt hast, ist tippen, alles klar!), Fotos mit dem ersten Haarwuchs, den ersten Zähnen, dem ersten Fläschchen, dem ersten Brei, Fotos von irgendwelchen Aufführungen, aus dem Kindergarten, von Geburtstagstischen, Familienfotos und eine unglaubliche Sammlung von Fotos mit bemalten Babybäuchen, die sich gegenseitig an Albernheit überbieten. Was für eine Zeitverschwendung, sich mit Filzstift Herzchen auf den Bauch zu malen! Weiter zur Timeline: Bravo, mein kleiner Schatz, du bist sauber! Na ja, als der »kleine Schatz« sauber war, dürfte er nicht älter als drei oder vier Jahre gewesen sein, also kein Facebook-Profil gehabt haben. Wieso also muss man da einen Glückwunsch posten?
Wie es aussieht, wohnt sie in Maintenon – auf welcher Bahnlinie liegt das noch gleich (wahrscheinlich irgendwo rechts der Seine)? Aber für mich wird sie immer das Mädchen bleiben, das eines Tages im Deutschkurs am Lycée Claude Bernard auftauchte, bevor sie so wurde wie die anderen: ein etwas pummeliger Teenager in Doc-Martens-Stiefeln, mit einem Eastpack-Rucksack über der Schulter und der Musik von Green Day im Ohr, versteckt hinter einem dichten Pony, der den schelmischen Blick aus ihren blauen Augen verdeckte, der einzige Rockmusik-Fan in einer Klasse, in der nur zwei Musikrichtungen infrage kamen: amerikanischer Rap und französischer Rap. Schließlich speichere ich ein Foto von ihr, offensichtlich das einzig mögliche, ein Hochzeitsbild, auf dem sie, halb unter einem riesigen weißen Hut versteckt, ganz entzückend lächelt, während ein Reisregen auf sie niedergeht. In der Schulzeit haben wir uns geschworen, dass, wenn eine von uns heiratet, die andere ihre Trauzeugin sein wird.
Als ich die Wohnungstür öffne, tippe ich mit dem Daumen: Ich schicke dir meine freien Termine via Messenger, was ich sofort wieder bereue. Vielleicht hätte ich mit der Antwort lieber noch etwas warten sollen. Sieht das nicht ein bisschen voreilig aus? Wird sie jetzt denken, dass ich samstagabends um zehn nichts anderes zu tun habe, als auf ihre Nachricht zu warten? Soll ich lieber schnell noch eine Statusmeldung posten, die deutlich macht, wie viel ich zu tun habe, um Émilie zu beweisen, dass ich nicht nur rumsitze und darauf hoffe, dass sie sich meldet? Schließlich poste ich: 21 Tage Arbeit ohne Pause … #erst mal was trinken. Ich bin stolz auf mich. Meiner Meinung nach beinhaltet dieser Satz auf subtile Art, dass ich unentbehrlich bin, wobei das Ende darauf schließen lässt, dass ich cool genug bin, um mich trotzdem zu amüsieren. Dafür ernte ich sofort ein »Gefällt mir« von meiner Freundin Géraldine, die vor allem an dem mit der Raute gekennzeichneten Schlussteil interessiert ist, den sie wahrscheinlich gerade in die Tat umsetzt.
Die perfekte Gelegenheit, Émilie nebenbei zu signalisieren, dass ich keine kleinen Rotznasen habe, die mich davon abhalten, nach einem langen Arbeitstag und anschließendem Zumba-Kurs um zehn Uhr noch lustig auszugehen. Na ja, nicht dass ich das wirklich vorhabe, aber das muss sie ja nicht erfahren. Doch dann denke ich darüber nach. Und wenn sie mich jetzt für einen alkoholabhängigen Workaholic hält? Sollte ich lieber noch eine Statusmeldung posten, um klarzumachen, dass die erste nicht so wichtig war? Ich fühle mich wie ein junges Mädchen, das gerade einem Aufreißer in der Disco ihre Nummer gegeben hat, und zwar die richtige, und sich nun fragt, ob das nicht den Eindruck erweckt, sie sei zum allerersten Mal im Leben von einem Mann angesprochen worden.
Basile hat den Fernseher angemacht, in dem gerade Moderne Zeiten läuft. Ich höre, dass in der Dusche das Wasser läuft. Auf dem Couchtisch steht ein Teller mit Garnelen in süß-saurer Soße für mich bereit und daneben ein Glas Rotwein. Am leckeren Duft kann ich erkennen, dass ein Gü-Schokoladensoufflé im Ofen ist. Ich spieße eine Garnele auf, knabbere daran, esse sie auf und kippe den Rest in den Mülleimer. Irgendwie habe ich keinen Hunger, und außerdem hat er zu viel Pfeffer genommen. Es nervt mich, dass Basile nicht auf den Gedanken kommt, mich vorher zu fragen, sondern einfach so entscheidet, was es zum Abendessen gibt. Und was, wenn mir gar nicht nach Garnelen ist?
Ich öffne das »dicke Päckchen«, das ich bei der Concierge abgeholt habe: ein Kilo Ingwer. Ich brauche gar nicht nachzusehen, wer der Absender ist. Es kann nur Basiles Mutter sein, die von dem Wunsch besessen ist, dass ihr einziger Sohn ihr endlich einen Nachkommen schenken möge, und uns hartnäckig in regelmäßigen Abständen ziemlich eindeutige Hinweise darauf schickt. Ihr letztes Weihnachtsgeschenk war eine offenbar von ihr eigenhändig aus Ton geformte Skulptur einer Fruchtbarkeitsgöttin, eine kleine dicke Frau in einer undefinierbaren Farbe, die ich auf eBay weiterverkauft habe. Natürlich hat sie selbst in ihrem ganzen Leben nie gearbeitet, und so liegt ihr der Gedanke, dass eine Schwangerschaft nicht gerade förderlich für meine Karriere sein könnte, ziemlich fern.
Basile kommt aus der Dusche und wirft mir mit einer Geste in Richtung meines aufleuchtenden BlackBerry einen fragenden Blick zu. Ich habe Émilie ihm gegenüber nie erwähnt. Würde ich über Émilie reden, müsste ich auch den ganzen Rest erzählen, und das ist nicht das Bild, das er von mir haben soll. Er wird niemals erfahren, was ich getan habe. Niemals! In seiner Gegenwart verbiete ich mir sogar, auch nur daran zu denken.
»Okay, iss in Ruhe auf. Ich zieh mir schnell was über und warte dann im Bett auf dich. Haben die Garnelen geschmeckt?«
»Willst du eine Medaille dafür?«, entgegne ich, leicht genervt, dass er offensichtlich ein Lob dafür erwartet, drei Garnelen gekocht und ein Glas Wein serviert zu haben. Wie immer, wenn ich mal schroff reagiere, ist er erstaunt, behält aber seine legendäre stoische Ruhe bei.
»Ein Danke würde genügen …«
»In Ordnung. Kann ich jetzt ins Bad, oder willst du dir noch ein Nasenpflaster gegen Mitesser aufkleben?«
Ich weiß, wie das rüberkommt. Aber ich habe meine Gründe, so unleidlich zu sein. Denn wenn ich zu nett zu ihm bin, will er wieder, dass wir unsere Versuche fortsetzen, ein Kind zu bekommen. Doch seit Annicks Warnung ist das kein Thema mehr. Jetzt, da ich so nah am Ziel bin, kommt es gar nicht infrage, dass ich meine Aussichten auf den Posten der stellvertretenden Agenturleiterin durch eine Schwangerschaft ruiniere. Doch, ich hätte gern ein Kind, und ja, wenn, dann mit Basile und keinem anderen. Aber ich möchte, dass es unter den richtigen Umständen auf die Welt kommt. Denn sonst war alles umsonst. Ich ziehe einen weiten Pyjama und dicke Skisocken an, die laut der letzten Elle eindeutig signalisieren: no sex tonight. Als ich am Schlafzimmer vorbeigehe, sehe ich, dass er schnell ein bestimmtes Navigationsfenster schließt: pinkfarbener Hintergrund, weiße Schrift. Ich wette, dass er gerade auf Famili.fr interaktiv meine fruchtbaren Tage errechnet hat!
Zwanzig Minuten später, als er zum dritten Mal ruft, dass ich ins Bett kommen soll, da er sonst die dritte Staffel von Game of Thrones ohne mich anfängt, stelle ich meinen BlackBerry auf Vibrationsalarm und lege ihn wie üblich unters Kopfkissen. Und als ich zusehe, wie auf dem Bildschirm die Drachenmutter ihre Armeen um sich schart, sage ich mir schweren Herzens, dass sich im Grunde seit der Schulzeit nichts verändert hat.

Émilie
»Mama, ich trau mich nicht allein aufs Klo …« Der Ruf kommt aus Dalis Zimmer. Welchen Tag haben wir heute? Ach ja, bald Montagmorgen … Ich öffne ein Auge, und die großen roten Ziffern auf dem Wecker bestätigen mit mathematischer Unverfrorenheit, dass ich nicht mal vier Stunden geschlafen habe. »Mama, ich trau mich nicht allein aufs Klo …« Ich bin vielleicht wach, aber mein Körper schläft offensichtlich noch. Er will einfach nicht auf meine Befehle reagieren. Zu erschöpft. »Mama, ich trau mich nicht allein …« Eine tiefe Stimme erhebt sich nur wenige Zentimeter neben mir und dröhnt in meinen Ohren: »Ist gut, Mama kommt schon, Schätzchen!«
Franck. Das heißt, er ist wach.
»Warum gehst du nicht?«
»Sie hat nach dir gerufen …«
Absolut überzeugt von seiner Argumentation, dreht Franck sich um und zieht sich die Decke über die Ohren, als wolle er damit bekräftigen, dass ihn diese triviale Pipi-Angelegenheit nichts weiter angeht.
»Mama, ich hab Pipi ins Bett gemacht …«
»Bist du jetzt zufrieden?«
»Ich hab ja gesagt, du sollst gehen!«
»Hilfst du mir beim Saubermachen?«
»Ich hab die ganze Woche hart gearbeitet …«
Wenn ich Francks Gedankengang folge, dann muss ich mich also auch nachts und am Wochenende um die Kinder kümmern, weil ich das ja schon die ganze Woche über mache, wenn er arbeiten geht. Ein nie endender Teufelskreis. Wahrscheinlich eher, um einen Streit zu vermeiden, als aus wirklicher Überzeugung, steht Franck schließlich auf. »Du wäschst die Kleine, ich kümmere mich um das Bett, okay?« Er nimmt Dali an die Hand und geht mit ihr in die Dusche. Während ich das nasse Laken abziehe, höre ich sie schreien: »Au, das ist viel zu heiß!«
»Es ist überhaupt nicht heiß.«
»Mama, Papa macht das Wasser viel zu heiß!«
Dali weint; sie wird noch ihren Bruder aufwecken …
»Ist schon gut, ich mach das schon. Du bist mal wieder eine große Hilfe! Geh zurück ins Bett, Franck!«
Ohne die Ironie zu verstehen – oder verstehen zu wollen –, schlurft Franck geradewegs zurück ins Schlafzimmer. In dem Maße, in dem ich zunehme, nimmt er ab; inzwischen ist er nur noch Haut und Knochen, wobei seine Haut ein bisschen schlaff ist. Außerdem verliert er immer mehr Haare; aber er lässt sie auf einer Seite lang wachsen und drapiert sie so auf dem Kopf, dass er ein bisschen wie Laurent Fabius in jungen Jahren aussieht – wenn der überhaupt jemals jung gewesen ist. Was Franck wohl denkt, wenn er mich ansieht? Ich habe nach jeder Schwangerschaft zehn Kilo zugenommen, keine Zeit mehr, mich zu epilieren, seit Jahren keinen Friseur mehr gesehen außer im Fernsehen bei Top Cut, und meine Garderobe besteht größtenteils aus Umstandsmode und Stillkleidern – ich warte vergeblich darauf, endlich abzunehmen, bevor ich sie erneuere. Und da ich im Grunde noch nie gern shoppen gegangen bin …
In meiner Kindheit bedeutete einkaufen zu gehen, mich meiner Mutter auszuliefern und mit ihr in irgendwelche Kaufhäuser mit Neonlicht zu pilgern, die genauso gnadenlos waren wie sie: Sie fand mich immer zu dick, zu klein, zu krumm, was meistens damit endete, dass sie der Mutter in der Umkleidekabine nebenan zu den schlanken Beinen und der geraden Haltung ihrer Tochter gratulierte. Später habe ich mich dann Morganes Meinung angeschlossen, die entschieden hatte, dass Shopping ein Zeitvertreib für Schwächlinge sei, für willige Opfer der Modeindustrie, die wiederum nichts anderes als den verlängerten Arm des männlichen Herrschaftsanspruchs verkörpere. Als junge Erwachsene war es mir dann endlich möglich, die Freuden eines Kaufrauschs zu genießen, doch dann wurde ich gleich schwanger und muss seitdem meine Pfunde in Übergrößen quetschen. Und es ist wirklich kein Spaß, aus den drei Modellen für »Schwangere« auswählen zu müssen oder die Verkäuferin nach der »größten Größe« zu fragen, die daraufhin zu der Latzhose in Größe zweiundvierzig greift, die ich gerade zurückgehängt habe, weil sie im Schritt kneift, da ich ja »gerade erst entbunden habe …«.
Erst als Mutter habe ich entdeckt, wie viel Vergnügen es macht, in Geschäften zu stöbern, allerdings nicht für mich. Da die Damenkleiderabteilung mich nun nicht mehr interessiert, verbringe ich Stunden damit, in Babykleidern, Bodys, Jäckchen und Röckchen zu wühlen. Das hat auch dazu geführt, dass mir der eigentliche Unterschied zwischen Mädchen und Jungen bewusst wurde: Um einen einigermaßen warmen Pullover für Dali zu finden, muss ich in der Jungen-Abteilung nachsehen, weil offensichtlich ausschließlich Kleinkinder mit XY-Chromosomen bis oben hin geschlossene Kleidung tragen dürfen; kleine Mädchen dagegen sind dazu ausersehen, sich in hübschen Jäckchen mit nur einem Knopf oder, wenn’s hochkommt, mit zwei Knöpfen herzuzeigen. Mit zwei Paillettenknötchen gegen den peitschenden Wind zu segeln, sozusagen. Wer schön sein will, muss leiden. »Auch du wirst eines Tages eine Frau sein, meine Tochter.« Morgane hatte damals gar nicht so unrecht. Ich weiß nicht, ob die Mode wirklich der verlängerte Arm des männlichen Herrschaftsanspruchs ist, aber auf jeden Fall müssen wegen ihr kleine Mädchen am Bauch frieren.
»Fertig, Mama, ich bin sauber!«, reißt Dali mich aus meinem inneren Monolog. Ich hänge den Duschkopf auf und hülle ihren dünnen, noch feuchten Körper gleich in ein frisches Nachthemd. Dann bringe ich sie zurück ins Bett und schlafe in Gedanken an den Tag, der vor mir liegt und der garantiert nicht besonders angenehm sein wird, neben ihr ein.
Ich muss die Kinder wecken und fertig machen, meinen Autoschlüssel suchen, nach meiner Krankenversicherungskarte fahnden, Dali vor dem Klingeln im Kindergarten absetzen, zur Apotheke düsen, um mir neuen MMR-Impfstoff geben zu lassen – den letzten habe ich vergessen, in den Kühlschrank zu legen –, zum Kinderarzt eilen, es überhören, wenn er sagt: »Wollen Sie Ihren Sohn stillen, bis er achtzehn ist?«, für Dali ein Paar Gymnastikschuhe in Größe 26 besorgen, weil die in 25 nicht mehr passen, sie abholen und wieder in den Kindergarten bringen, diesmal mit den neuen Gymnastikschuhen, in denen sie ihre Motorik trainieren kann, wieder nach Hause fahren, eine Maschine Wäsche anschmeißen, die Steuern bezahlen, darauf achten, ob der Kleine nach der Impfung fiebert, Francks Anzug zur Reinigung bringen, Dali abholen und unterwegs Inès einladen, Essen kochen, natürlich ohne Palmöl, E5353 und Phtalate, denn sonst verdonnert mich Franck zu einem Auffrischungskurs in Sachen Sünden der Ernährungsindustrie, die Kinder baden, sie bettfertig machen, Abendessen herrichten, das, was die Kinder übrig lassen, in mich hineinstopfen, die Kleinen ins Bett bringen und auf »Mama, ich hab Durst!«, »Mama, da ist ein Monster unter meinem Bett!« und »Mama, ist Papa schon wieder da?« reagieren.
Ich werde auf das Auto lauschen und mich freuen, wenn ich endlich das Geräusch der Reifen auf dem Kies höre, Francks und mein Essen zubereiten, mir die Zähne putzen, zu Bett gehen, vor Erschöpfung nicht einschlafen können, mir im Geiste aufzählen, was ich am nächsten Tag tun werde, und das alles, ohne dabei mehr als zwölf Worte mit einem erwachsenen Menschen geredet, dafür aber fünfmal Windeln gewechselt und sechsmal lächelnd an mein Glück gedacht zu haben, zwei so wunderbare Kinder zu haben, und nur zweimal daran, wie mein Leben wohl aussehen würde, wenn sie niemals geboren wären. Am Abend resümiere ich in Gedanken den Tag: zu 65 % Lust auf ein drittes Kind und nur zu 45 % das Bedürfnis, mich aus dem Fenster zu stürzen. Kein schlechtes Ergebnis heute.
Ich habe keine Zeit mehr, über irgendetwas länger nachzudenken, ich schalte den ganzen Tag auf Autopilot, ich handle instinktiv wie ein Tier, ein gehetztes Tier, das von seinen eigenen Kindern gejagt wird. Ich gebe Milch wie eine Kuh, umhege meine Kinder wie eine Glucke, beschütze sie wie eine Wölfin, erziehe sie wie eine Tigerin, wasche sie wie eine Katze, mit meiner Spucke am Daumen, und renne ständig hinter ihnen her wie ein Hamster in seinem Rad, endlos und ohne Pause, bis in alle Ewigkeit, sieben Tage in der Woche, vierundzwanzig Stunden am Tag, zweiundfünfzig Wochen im Jahr, seit vier Jahren immer das Gleiche. Jedes Mal, wenn ich gerade in den Tiefschlaf sinken will, ruft jemand nach mir. Schon wieder stillen? Dabei kann Franck mir wirklich nicht helfen. Hört das denn niemals auf?

November
Morgane
Die frühe Novemberdunkelheit dringt in die Büros und scheint das Neonlicht herauszufordern. Annick öffnet abrupt ihre Tür. Ihre kleine, mit einem Helm aus silbrigem Haar gekrönte Silhouette erscheint im Open Space, und sie ruft mit heiserer Stimme: »Wir haben den gesamten Procter-Etat bekommen! Wir kriegen das komplette Budget und Publis gar nichts! Gar nichts, versteht ihr?« Innerhalb von wenigen Sekunden werden die braven, fleißigen Ameisen zu hysterischen, summenden, verrückten Bienen. Sie springen auf, schreien, fallen einander in die Arme; Sophie, unsere Mediaplanerin, sagt ins Telefon: »Ich rufe Sie zurück, ein Notfall!«, und legt auf, während sie eine Flasche Champagner hervorzaubert und den Korken knallen lässt; Lorenzo, unser AD (Artdirector), tanzt auf dem Tisch, während die Werbeleiter, die KR (Konzeptredakteure) und die Assistenten sich lachend umeinander scharen.
Ein Unbeteiligter könnte meinen, dass wir gerade einen Impfstoff gegen Aids erfunden oder den Israel-Palästina-Konflikt beendet hätten. Dabei bedeuten Annicks Worte lediglich, dass unsere Agentur von Procter als Kommunikationsberater ausgewählt wurde und wir damit Publis – die Konkurrenzagentur – ausgestochen haben, die leer ausgeht. Das heißt im Klartext, dass wir feiern, uns in den nächsten Monaten wie die Irren Tag und Nacht abrackern zu müssen, um der Fachpresse zu beweisen, dass wir diesen Etat auch wirklich verdient haben; außerdem begießen wir gleichzeitig die Tatsache, dass bei Publis nun möglicherweise eine Entlassungswelle droht.
Aus irgendeinem Grund fühle ich mich, nachdem ich so hart an der Präsentation gearbeitet habe, von diesem Schauspiel ausgeschlossen. Obwohl ich Jean-Jés Fehler ausgebügelt, mich bei dem Kunden eingeschleimt – »Die Marke Procter ist wirklich etwas Besonderes, genau wie Sie!« – und massenweise Grafiken und PowerPoint-Sheets erstellt habe, um deutlich zu machen, dass wir alle sofort bereit wären, zum Wohle Procters unsere Großmütter zu verkaufen …
Vielleicht stehe ich noch zu sehr unter dem Einfluss des virtuellen Wiedersehens mit Émilie, das so vieles in mir aufgewühlt hat, jedenfalls ist mir absolut nicht nach Feiern zumute. Ich wende mich von den jubelnden Kollegen ab und gehe zurück in mein Büro. Jean-Jé, mit einem Champagnerglas in der Hand, ruft mir mit zuckersüßem Lächeln hinterher: »Nicht gerade corporate, diese Einstellung!« Aber ich will nur eins: nach Hause gehen, endlich diese enge stahlblaue Hose ausziehen und schlafen. Schlafen. Schla…
Als ich die Augen wieder öffne, brauche ich einen Moment, um zu realisieren, wo ich bin. Jean-Jé hat einen Tintenroller in der Hand und hält Hof. Alle lachen sich kaputt.
»Habt ihr noch nie jemanden schlafen sehen?«
Sie krümmen sich vor Lachen. Langsam dämmert mir, warum Jean-Jé den Stift in der Hand hat. Ich betrachte mein Spiegelbild im Fenster: eine entzückende gut sichtbare Zeichnung verziert meine recht Wange. Dieser Vollidiot hat tatsächlich nichts Besseres zu tun gehabt, als auf meinem Gesicht rumzukritzeln, während ich geschlafen habe! Und natürlich ist es kein Schmetterling geworden, den er gemalt hat! Wenn ich jetzt ausraste, gelte ich als Spielverderber, wenn ich es einfach hinnehme, halten mich alle für ein Weichei, dem man mal eben einen Schwanz ins Gesicht malen kann. Ich wähle den Weg der Ironie.
»Sehr schön, Jean-Jé, ein Kunstwerk! Wenn auch ein bisschen klein geraten. Aber ich nehme an, du hast dein eigenes Prachtstück zum Vorbild genommen. Du erlaubst?«
Ich nehme ihm den Stift aus der Hand und verlängere seine Zeichnung.
»So! Jetzt kann es sich sehen lassen.«
Ich werfe den Stift auf meinen Schreibtisch, nehme meine Handtasche und lasse Jean-Jérôme mit seinem Hofstaat stehen.
Es ist erst 18.30 Uhr, zum ersten Mal beschließe ich, vor Jean-Jé das Büro zu verlassen, was kaum einem auffällt, da alle zu sehr damit beschäftigt sind, sich kollektiv einen runterzuholen – bildlich gesprochen. Was soll’s? Nachdem ich vergeblich versucht habe, ein freies Taxi zu finden, steige ich in den Bus, wobei ich im Stillen die Geschäftsführung verfluche, weil sie zu geizig ist, den Sitz der Agentur in die Stadt zu verlegen. Publis hat vielleicht den Procter-Etat verloren, aber immerhin residieren sie gegenüber dem Arc de Triomphe. Wenn ich irgendwann mal dort arbeiten sollte, würde ich für den Weg nur … mal sehen …
»Madame? Madame! Ach herrje, schon wieder so eine Junkiebraut aus dem Bois de Boulogne! Porte Maillot, Endstation, aussteigen!«
Ich steige aus, ohne ein Wort zu sagen, nehme meinen BlackBerry aus der Tasche und gebe Ich schlafe ständig ein bei Google ein. Vielleicht habe ich irgendeinen Virus. Die Ergebnisse lassen nicht lange auf sich warten, und der zweite Link macht mich stutzig: Dort erzählt eine gewisse feminautin, dass sie ebenfalls überall eingeschlafen ist … zu Beginn ihrer Schwangerschaft. Ist das möglich? Bin ich vielleicht schwanger? Es könnte durchaus sein, schließlich hatten Basile und ich das Projekt Baby kurzzeitig in Angriff genommen, und auch wenn wir unsere Bemühungen zwischenzeitlich wieder eingestellt haben – okay, ich habe sie eingestellt –, könnten unsere ersten Versuche ja auf fruchtbaren Boden gefallen sein. Ich greife in meine Handtasche und taste nach dem Schwangerschaftstest, den Basile letzten Monat während unseres Urlaubs auf Korsika gekauft hat, als ich immerhin einen halben Tag überfällig war.
Dies ist einer jener Momente, in denen ich bedauere, keine Mutter zu haben. Meine Mutter ist gestorben, als ich sechs Jahre alt war, und im Grunde hat sie mir nie wirklich gefehlt. Dazu hatte ich zu wenige Erinnerungen an sie. Nein, ich habe mich nie nach meiner Mutter gesehnt, wohl aber danach, eine Mutter zu haben. Jedes Mal, wenn ich eine Mutter mit ihrer Tochter mit einer Strumpfhose bei Monoprix an der Kasse anstehen sehe, werde ich traurig. Wie gern hätte ich eine Mutter gehabt, die mit mir bei Monoprix Strümpfe kauft! Ich hätte viel dafür gegeben, dieses Gefühl auch nur ein Mal zu erleben!
Natürlich hat Papa sein Bestes getan, aber Papa war eben Papa: ein Mann. Er hat mir einfach seine Bankkarte gegeben und mich zu Pimkie in der Rue de Rennes geschickt, um mir eine neue Hose zu kaufen. Und an der Kasse hatte ich jedes Mal Angst, denn ich wusste, was passieren würde: Die Karte würde nicht angenommen werden. Bezahlvorgang abgebrochen. Schüchtern lächelnd habe ich dann versucht, mir einzureden, dass die Kassiererin sich nicht insgeheim von mir verschaukelt fühlte – »Völlig egal, die Kassiererin siehst du nie mehr wieder!« –, um nicht auf der Stelle vor Scham im Boden zu versinken. Bezahlvorgang abgebrochen. »Oh, es tut mir leid, aber mit Ihrer Karte gibt es ein Problem.« Geheuchelte Überraschung. Vorgeschobener Ärger auf die Verkäuferin. »Haben Sie vielleicht noch eine andere Karte?« Worauf ich am liebsten gesagt hätte: »Natürlich ich habe noch eine Amex- und eine Goldkarte, genau deswegen habe ich dir ja zuerst die Bankkarte gegeben, du Blitzmerker!«
Die Karte zurücknehmen. Die Hose wieder wegbringen. Nach Hause fahren. An dem ganzen Pack in unserer Wohnsiedlung vorbeigehen. Die einen mustern, die anderen ignorieren, dabei immer stolz nach vorn sehen, den Blick auf einen Punkt am Horizont gerichtet. Nein, ich höre nicht, dass du mir hinterherpfeifst. Der Geruch nach kaltem Zigarrenrauch im Treppenhaus von Gebäude B, nur schwach überlagert von dem nach dem täglichen Curry der Pakistanis.
Papa ist in der Küche und kocht Nudeln, um sie zu irgendeinem essbaren Gericht zu verarbeiten, und lauscht konzentriert auf die Nachrichten in seinem kleinen Radio, als versuche er so, mit der großen weiten Welt in Kontakt zu bleiben, da er ja zu Hause festhängt und sich um seine Tochter kümmern muss. Ich höre ihn über die Situation in den ehemaligen Kolonien schimpfen und über die Nichtanwendung des Küstengesetzes auf Korsika. Sein fragender Blick, weil ich mit leeren Händen komme. Lügen: »Danke, Papa, ich habe die Hose bestellt. Nächste Woche ist sie da.« Ihm die Karte zurückgeben. Seinem Blick ausweichen, als er zufrieden feststellt: »Siehst du, wir kommen auch ohne Mutter zurecht.« In meinem Zimmer versuchen, nicht zu weinen, während ich die raue, abgewetzte, verwaschene schwarze Hose bügele, damit ich sie noch einen Monat länger anziehen kann …
Ich hätte so gern eine Mutter gehabt, die mit mir eine Hose kaufen geht, die Frau an der Kasse runterputzt und meinen Vater zum Lächeln bringt.
Ich hätte so gern jemanden gehabt, dem ich Ketten aus rohen Nudeln, Aschenbecher aus Salzteig oder Windlichter aus Joghurtbechern hätte schenken können, wie wir sie jedes Jahr zum Muttertag in der Schule gebastelt haben. Davon ließen die Lehrer sich von der Vorschule bis zum Abitur nicht abbringen, und das war eine verdammt lange Zeit, in der ich jedes Jahr im Mai zusehen musste, wie mein Vater versuchte, das unnütze Geschenk irgendwo zu verstauen. Die andere Möglichkeit war, mit vor der Brust verschränkten Armen hinten im Klassenraum sitzen zu bleiben und darauf zu warten, dass die Mitschüler, die jemanden hatten, den sie beschenken konnten, mit ihrer fröhlichen Bastelei fertig waren.
Am schlimmsten war es, die Gespräche zweier dämlicher Mütter mit anhören zu müssen, deren Tageshöhepunkt irgendwann zwischen 16.25 Uhr und 16.35 Uhr erreicht war. »Ach je, das ist Morgane, die arme Kleine, ihre Mutter ist gestorben …« »Weißt du, wer ihre Mutter war? Diane de Peretti!« »Nein, das wusste ich nicht …« Meine Mutter war tot, aber da sie in den Achtzigerjahren ihre große Stunde als Feministin hatte, war das in Ordnung, oder was?
Später wäre ich gern mit jemandem zum Casting der Mutter-Tochter-Werbung von Comptoir des Cottoniers gegangen, um abgelehnt zu werden und sich gemeinsam über diejenigen lustig zu machen, die genommen wurden; ich hätte gern jemanden gehabt, den ich hätte fragen können, wie man einen Tampon einführt, dem ich von meinem ersten Freund erzählen oder bei dem ich mich darüber beklagen hätte können, dass sich der Sportlehrer beim Volleyball ziemlich intensiv mit den Gesäßmuskeln der Mädchen beschäftigte oder in die Kabine kam, um nachzusehen, ob sie sich auch brav umzogen.
Ich hätte gern jemanden gehabt, der Papa davon überzeugt hätte, mich Heartley High sehen zu lassen und nicht mit dem Zigarillo in der Hand über der Tastatur seines Computers einzuschlafen; jemanden, den ich hätte bitten können, mit mir zum Gynäkologen zu gehen und mir die Pille verschreiben zu lassen; jemanden, dem ich die Elle, den Nagellack und die Schuhe hätte stibitzen können; jemanden, der mir beigebracht hätte, dass man sich nie gleichzeitig den Mund und die Augen schminken sollte; jemanden, über den auch ich beim Rauchen vor der Schule hätte sagen können: »Im Moment geht mir meine Alte echt auf die Nerven!«; jemanden, mit dem ich hätte reden können, bevor Émilie und ich uns am Ende der Schulzeit aus den Augen verloren haben; jemanden, mit dem ich für die mündliche Abiturprüfung hätte lernen können; jemanden, der mich manchmal einfach nur in die Arme genommen und mir gesagt hätte: »Wein doch nicht, meine Kleine!«; jemanden, der mir geholfen hätte, die richtige BH-Größe für mich zu finden; jemanden, der mir erklärt hätte, dass es den Zähnen schadet, wenn man jeden Abend absichtlich erbricht; jemanden, der mir gesagt hätte, dass ich besser nicht literweise Apfellikör trinken und auf der Suche nach Liebe abends mit irgendeinem Fremden auf der Toilette enden sollte; jemanden, dem ich stolz Basile hätte vorstellen können; jemanden, der mir zum Einzug eine Orchidee geschenkt hätte; jemanden, den ich im Adressverzeichnis meines BlackBerry an erster Stelle unter dem Namen »Mama« hätte speichern können; jemanden, der auf Facebook peinlicherweise alberne Herzchen für mich postet, während ich im Büro bin; und jemanden, den ich an diesem Abend an der Endhaltestelle der Buslinie hätte anrufen können, wo ich mit einem Schwangerschaftstest in der Tasche und einem gemalten Penis auf der Wange gelandet bin.


Marlène Schiappa

Über Marlène Schiappa

Biografie

Marlène Schiappa, ist die Gründerin von „Maman travaille“, einem Netzwerk für junge arbeitende Mütter, und dem dazugehörigen Blog, das sich für die Rechte und Gleichstellung von Arbeitnehmerinnen mit Kindern einsetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in Paris.

Pressestimmen

Food & Friends

»Französinnen gelten als Paradebeispiele für die Kombination von Kind und Karriere. Das ihr Spagat kompliziert ist, schildert ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen.«

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