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Wenn du wieder da bist

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Roman

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Wenn du wieder da bist — Inhalt

Alexa ist aufgeregt. Endlich kommt ihr Mann Dan wieder zurück, nach sechs Monaten Afghanistan. Das Haus ist von oben bis unten gewienert und aufgeräumt, die Kinder sind bei Freunden untergebracht, Alexa war bei der Maniküre. Dan wird überglücklich sein. Doch was, wenn alles ganz anders kommt?

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 17.02.2014
Übersetzt von: Angelika Kaps
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7680-9

Leseprobe zu »Wenn du wieder da bist«

KAPITEL 1

 

Noch bevor sie die Augen aufmachte, wusste Isabel, dass alle anderen im Haus bereits wach waren. Das Wasser rumpelte laut durch die Leitungen hinter der Wand, was es erst tat, seit der Wartungsdienst –irgendeine zivile Firma in Liverpool, die laut Isabels Mutter nichts taugte – da gewesen war, um die tropfende Dusche zu reparieren. Und sie konnte irgendwo die Zwillinge in dieser zwitscherigen Art plappern hören, die sie sich untereinander angewöhnt hatten.

Das war echt nervig. Es war nervig, als Letzte aufzuwachen und nicht als Erste. Isabel [...]

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KAPITEL 1

 

Noch bevor sie die Augen aufmachte, wusste Isabel, dass alle anderen im Haus bereits wach waren. Das Wasser rumpelte laut durch die Leitungen hinter der Wand, was es erst tat, seit der Wartungsdienst –irgendeine zivile Firma in Liverpool, die laut Isabels Mutter nichts taugte – da gewesen war, um die tropfende Dusche zu reparieren. Und sie konnte irgendwo die Zwillinge in dieser zwitscherigen Art plappern hören, die sie sich untereinander angewöhnt hatten.

Das war echt nervig. Es war nervig, als Letzte aufzuwachen und nicht als Erste. Isabel hatte die Erfahrung gemacht, dass sie besser zurechtkam, sich besser zusammenreißen konnte, wenn sie den Tag mit einem kleinen Vorsprung begann – und seien es nur fünfzehn Minuten. Diese Methode, sich bewusst und systematisch zusammenzunehmen, hatte sie in der Schule entwickelt (am besten sie dachte gar nicht erst an die Schule), um irgendwie mit dem Heimweh fertig zu werden. Vor allen anderen aufwachen und im Geiste sehnsüchtig die Bildergalerie von ihrem Zuhause mit Mum und den Zwillingen und dem Hund abschreiten, sich die Gerüche aus der Küche und Mums Pulloverschublade und dem sperrigen Wäscheschrank, dessen Tür nie richtig schloss, vergegenwärtigen, dann schlucken, schniefen, Augen abwischen, aufrichten und atmen. Atmen und atmen. Augen zu, Augen auf. Schlucken. Bürste nehmen und durchs Haar streichen, dabei daran denken, wie glücklich sie sich schätzen konnte, langes, dickes und glattes Haar zu haben und kein lockiges oder krauses, wofür man verachtet wurde, obwohl man überhaupt nichts dafür konnte. Haarbürste weglegen. Noch ein tiefer Atemzug. Auf.

Isabel legte locker die Finger über die Augenlider und schlug dahinter langsam die Augen auf. Sie war natürlich nicht in der Schule, sondern daheim in ihrem eigenen Zimmer, in Nummer sieben des Quadrant, Larkford Camp, Wiltshire, das nun seit knapp zwei Jahren ihr Zuhause war. Davor war ihr Zuhause eine Weile in Deutschland und eine Weile in Yorkshire und eine Weile in London gewesen, und davor, als es nur sie beide, sie und Mum gegeben hatte, eine Weile in einem anderen Teil von London, in einer hochgelegenen Wohnung mit einer Baumkrone vorm Fenster, an die Isabel eine ausgesprochen nostalgische Erinnerung zu haben glaubte. Überall war sie zur Schule gegangen, jedes Mal in eine andere.

„Fünf Schulen in sechs Jahren“, hatte Mum zu Isabel gesagt und versucht, triftige Gründe für ein Internat anzuführen. „Das ist zu viel. Das ist einfach zu viel für dich. Es ist nicht fair. Du findest Freunde und dann ziehst du weg und verlierst sie. Wäre dir nicht ein bisschen Beständigkeit lieber, auch wenn das hieße, nicht zu Hause zu schlafen?“

Isabel wusste es nicht. Selbst jetzt, da sie längst im Internat wohnte, wusste sie es nicht. Sie wollte sich aufgehobener fühlen, sie wollte sich einfügen. Ihr war klar, dass sie vielleicht erneut umziehen mussten, wenn Dan befördert würde – aber andererseits, wenn er es nicht würde, wenn sie nicht weg mussten und dieses Zuhause weiter bestehen blieb, warum durfte sie dann nicht auch dort sein? Und was war mit den Zwillingen? Sie gingen in einen lokalen Kindergarten, und mit fünf würden sie die lokale Grundschule besuchen.

„Aber die Zwillinge“, setzte Isabel an.

Mum blickte sie an. Isabel konnte ihr ansehen, dass sie zwar Verständnis hatte, jedoch keine rechte Antwort wusste. Sie sagte nur: „Wir – können nichts planen, verstehst du. Nicht, wenn wir als Familie zusammenbleiben wollen. Aber wenn du aufs Internat gehst, dann weißt du – dann weiß ich –, dass sich wenigstens eine Sache nicht ändert. Das ist alles.“

Isabels Erfahrung nach änderten sich nur die kleinen Dinge nicht, wie der Geruch des Wäscheschranks und die Weigerung der Zwillinge irgendetwas Orangefarbenes zu essen und der leicht krumm gewachsene Fingernagel an ihrer linken Hand. Die großen aber, zum Beispiel, wie es mit ihnen allen weitergehen würde, hingen immer als riesige Fragezeichen in der Luft und beeinflussten alles und jede Stimmung. Und selbst wenn ein Fragezeichen durch eine Antwort gelöscht wurde, tauchte sofort das nächste auf. So wie heute. Heute war ein großer Tag, ein Tag, auf den sie sich seit sechs Monaten gefreut hatten, ein Tag, der auf dem Küchenkalender eingekreist war und für den die Zwillinge ein riesiges, kunterbuntes Papierbanner gebastelt hatten, das aufs Geratewohl mit Schnipseln farbigen Glanzpapiers und rosafarbenen Federfetzen einer Kostümboa beklebt war.

Heute kam Dan aus Afghanistan heim, mit seiner gesamten Batterie. Isabel wusste, dass sie etwa hundert Soldaten umfasste. Plus Dan. Plus all die anderen Soldaten von den anderen Batterien des Regiments. In mehreren Flugzeugen kehrten sie alle gleichzeitig zurück. Dan sagte, diese Truppentransporter seien wie fliegende Ölsardinendosen, nur größer. Dans Heimkehr beseitigte also das Fragezeichen, ob er in seinem Einsatz getötet oder verwundet werden würde, was Isabel sehr erleichterte, denn er war immer nett zu ihr gewesen, und dafür war sie dankbar. Aber jetzt hing da anstelle des Ob-Dan-getötet-werden-würde-Fragezeichens ein anderes, das zwar nicht ganz so schrecklich, aber dennoch zutiefst besorgniserregend war.

Isabel nahm die Hände vom Gesicht und starrte angestrengt die Zimmerdecke an. In der Schule redeten die Leute ständig davon, was ihren Soldatenvätern alles passieren könnte. Eigentlich sollte niemand in der Schule Nachrichten hören oder sehen, aber sie machten es trotzdem, und dann wurde darüber getuschelt. Als im letzten Trimester ein Hubschrauber in Afghanistan abgestürzt war, hatte der Radiosprecher gesagt: „Alle Insassen sind dabei ums Leben gekommen. Die Hinterbliebenen wurden benachrichtigt“, und Libby Guthrie, deren Vater bei der Luftwaffe war, war ganz weiß geworden und hatte gesagt: „Oh, puh. Die Hinterbliebenen wurden benachrichtigt. Dann sind wir also nicht betroffen.“ Da schrien sie alle hysterisch auf vor Erleichterung und sprangen Arm in Arm herum, und Isabel hatte für einen kurzen Moment das heftige, berauschende Gefühl, dazuzugehören.

Aber das war inzwischen vergangen. Jetzt fühlte sie sich nur noch völlig isoliert und ängstlich. Dan kam nach Hause, und Mum war begeistert, und die Zwillinge waren begeistert, und sie selbst freute sich. Aber da war dieses neue Fragezeichen, diese neue Ungewissheit: wie würde Dan sein? Alexa stand in der Küche vor der geöffneten Kühlschranktür. Das Innere war blitzsauber, der Inhalt präzise nach Kategorien sortiert. Der Küchenfußboden – ein von der Army ausgelegter Vinylbelag mit einem Muster, das an altmodische italienische Bodenfliesen erinnerte – glänzte. Ebenso die Fenster. Die Wände, die sie selbst blassblau gestrichen hatte, obwohl sie wusste, dass sie sie wieder in hellbeige umstreichen musste, wenn sie das Haus verließen, waren blank bis auf das überschwängliche Willkommen-Daheim-Daddy-Poster. Auf dem Tisch standen Blumen, die Geschirrtücher waren gebügelt, und ihr Haar, noch feucht von der Dusche, war womöglich nie sauberer gewesen. Gestern Abend war ihre Freundin Mo auf dem Weg zu einem vorzeitigen Weihnachtsmarkt des Army-Wohltätigkeitsfonds vorbeigekommen – „Zwanzig Pfund für lauwarmes Curry mit den Veteranen. So ein Glück für dich, dass du keinen Babysitter hast und nicht mit mir kommen kannst“ – und hatte laut über den makellosen Zustand des Hauses gelacht.

„Mein Gott, ist es nicht rührend, was wir hier machen? Als Ben das letzte Mal vom Manöver nach Hause gekommen ist, war er total verdreckt und hat gestunken wie ein Iltis, und ich war makellos sauber, nicht ein Härchen am ganzen Körper. Also, ich bitte dich.“

Alexa begutachtete ihre manikürten Hände – kein Nagellack, aber auch keine eingerissene Nagelhaut – und sagte: „Es ist wahrscheinlich die Erleichterung. Und ...“ Sie hielt inne.

„Und was?“

„Typisch Army. Den äußeren Anschein wahren. Immer tipptopp alles.“

Mo betrachtete sich kurz in Alexas Dielenspiegel. Sie zog den Saum ihres bestickten Pullovers runter. „Ich sollte ein Kleid tragen. Um den Veteranen zu gefallen. Sie werden in Uniform mit ihren Regimentsabzeichen erscheinen, comme toujours.“

„Du siehst toll aus“, sagte Alexa.

„Auf einem Pferd würde ich noch besser aussehen. Es kaschiert mein tiefliegendes Gravitationszentrum.“ Sie beugte sich vor und drückte Alexa schnell einen Kuss auf. „Ich werde morgen an dich denken. Es wird ungewohnt, aber wundervoll sein. Streitet euch, um möglichst schnell klar Schiff zu machen – das treibt ihn aus seiner Höhle. Wir setzen das gewöhnlich für Tag vier an.“

Alexa zog eine Broschüre aus einem ordentlichen Stapel auf dem Dielentisch und hielt sie hoch. „Dasselbe empfiehlt der Sozialdienst, nur mit dezenteren Worten.“

„Was in aller Welt ist das?“

„‚Heimkehr’“, sagte Alexa. „Ein Ratgeber vom Sozialdienst, der einem hilft damit umzugehen, wenn die Männer weggehen und damit, wenn sie wieder zurückkommen.“

Mo machte keine Anstalten, danach zu greifen. „So ein Blödsinn.“

„Nichts davon ist Blödsinn.“

Es entstand eine kurze Pause, und dann machte Mo die Haustür auf. Sie warf Alexa noch eine Kusshand zu. „Irgendwie müssen wir halt damit fertig werden, oder? Das Haus sieht jedenfalls toll aus und du auch. Glücklicher Major Riley.“

Die Tür fiel laut hinter ihr zu, und dann hörte Alexa, wie Mo die Autotür zuschlug, den Wagen zurücksetzte und dröhnend davonraste, als hätte sie Angst, einen Zug zu verpassen. Dan hatte mal gesagt, Mo sei am glücklichsten in Notsituationen, und Alexa hatte erwidern wollen, dass so ein offener und heftiger Energieausbruch wohl eher eine Art Bewältigungsmechanismus sei, aber dann hatte sie es doch nicht getan, wenn auch aus einem Grund, auf den sie nicht besonders stolz war. Dan bewunderte Menschen, die in Notsituationen funktionierten. Schließlich war er für solche Notsituationen ausgebildet worden. Und das war nur eine von vielen Sachen, die sie hatte lernen müssen.

Etwas anderes, das sie inzwischen gelernt hatte, lag vor ihr im Kühlschrank. Lebensmittel für einen Mann, der von Nahrung in Folienbeuteln die Nase voll hatte. Einfache Proteine – Steak, Hühnchen – Bier, Obst und Gemüse, kräftiger reifer Cheddarkäse. Er würde wahrscheinlich ein oder zwei Tage lang gar nichts essen – obwohl das Bier verschwinden würde und zweifellos auch etliches aus der Flasche Whiskey, die sie im Supermarkt gekauft hatte – und dann würde er gierig alles verschlingen, was sie ihm an umkomplizierten, firlefanzlosen, nur mit reichlich Tabascosauce übergossenen Speisen vorsetzte. Die British Army, dachte sie manchmal, konnte genauso viel Tabascosauce aufsaugen, wie die Firma Avery Island, Louisiana produzieren konnte. Die Zwillinge spielten Kaufmannsladen mit den ausgespülten Miniatur-Tabascofläschchen, die jeder Tagesrationspackung der Army beigelegt waren – Dutzende, bis hin zu dem McIlhenny-Etikett perfekte Kopien der Originale. In Alexas Vorstellung glühten die Eingeweide der Soldaten und waren längst feuerfest geworden vom jahrelangen Verzehr der scharfen Sauce, die ihrer Meinung nach alle Speisen auf ein geschmackliches Gleichmaß herunterbrannte. Was vielleicht genau das war, was Soldaten wollten – eine scharfe, pfeffrige Pampe, die man direkt aus der Mikrowelle oder aus einem Topf mit heißem Wasser in sich reinschaufeln konnte. In dem kleinen Supermarkt jedenfalls, der die Baracken hinter der Absperrung versorgte, in denen über dreitausend Single-Soldaten lebten, war das Frischeste, das man kaufen konnte, ein dreißig Zentimeter langes Wurstbrötchen – keine ungewohnten Zutaten, weder Zubereitung noch Besteck nötig.

Der Kühlschrank gab einen grellen Alarmton von sich, weil er zu lange geöffnet war. Alexa fuhr zusammen und schlug die Tür zu. Was machte sie hier, mit nassem Haar auf die in Reih und Glied geordneten Joghurtbecher starrend, während noch keins der Kinder angezogen war oder gefrühstückt hatte? Vermutlich genau das, was ihre Mutter früher vor jeder ihrer Diplomatenpartys gemacht hatte: mit flauem Gefühl im Magen alles doppelt und dreifach überprüfen, geradezu besessen von der Überzeugung, dass sie weder das bevorstehende Ereignis bewältigen konnte, noch die Vorstellung ertragen, dass es nicht stattfand.

Sie ging hinüber zum Fenster und stützte sich auf den Rand des Spülbeckens. Ruppiger Herbstrasen – sie hatte ihn vor drei Wochen und hoffentlich zum letzten Mal in diesem Jahr gemäht – erstreckte sich von der Vorderseite des Hauses zu der verwilderten Hecke, die ihr Haus und das unmittelbar angrenzende Nachbarhaus von der schmalen Asphaltstraße trennte, die um den Quadrant herumführte. In der Mitte des Quadrant befanden sich eine große, runde Grasfläche und eine Birkengruppe, durch die sich die unverkennbare Gestalt der Frau des Brigadegenerals – klein, aufrecht und zielstrebig – ihren Weg bahnte, gefolgt von zwei braun-weißen Spaniels. Sie war die einzige Offiziersfrau im Regiment, die keinen Labrador – keinen schwarzen Labrador – hatte. Sie sei mit Spaniels aufgewachsen, sagte sie, und einfach an sie gewöhnt. Sie hatte auch Katzen.

„Es mögen zickige Tiere sein“, hatte sie mal zu Alexa gesagt. „Aber auch gescheit. Ich mag kluge Geschöpfe.“

Alexa wandte den Kopf. Hinter ihr lag Dans schwarzer Labrador Beetle, der aufmerksam schaute, sich jedoch erst rührte, wenn man ihn dazu aufforderte. Er war kein kluges Geschöpf, aber fügsam, freundlich und zuverlässig. Er war außerdem der erste Hund, mit dem Alexa je zusammengelebt hatte, da ihre Jugend von diplomatischer Nomadenhaftigkeit geprägt gewesen war, was das Halten von Haustieren nicht erlaubte, mit der einmaligen Ausnahme von einer Kiste mit winzigen Schildkröten, die sie anfangs wegen ihrer Größe und Perfektion faszinierend gefunden hatte, bald aber nur noch so aufregend wie eine Schachtel bewegter Steine. Beetle war das erste Lebewesen, das Dan Alexa vorgestellt hatte – noch vor irgendwelchen Freunden oder seinem Vater. Durch Beetle hatte Isabel gelernt zu akzeptieren, dass Dan in ihrem Leben bleiben und darin die Vaterrolle übernehmen würde, die sie bis dahin nur mit einer Fotografie in Verbindung gebracht hatte.

„Guter Hund“, sagte Alexa.

Beetle nahm das Lob mit freundlichem Schwanzwedeln zur Kenntnis. Er war wahrscheinlich der Einzige im Haus, dessen Reaktion auf Dans Heimkehr vollkommen unkompliziert sein würde. Selbst bei den Zwillingen war sich Alexa nicht ganz sicher. Sie waren kaum zwei Jahre alt gewesen, als Dan mal für einen Monat zur Ausbildung in Kanada gewesen war. Als er zurückkam und sich hinunterbeugte, um sie zu umarmen, verkrochen sie sich aus Angst vor dem unbekannten Riesen kreischend hinter Alexa. Dan war am Boden zerstört gewesen. Alexa entdeckte ihn später auf einer kaputten Bank in ihrem damals deutschen Garten. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und konnte oder mochte nicht mit sich reden lassen. Es dauerte eine Woche, bevor Tassy, die kühnere von beiden, ihn aufforderte, sie zu baden. Und eine weitere Woche, bevor Flora ihm schweigend anbot, ihr die Schuhe anzuziehen. Und die ganze Zeit über redete Dan kaum. Er schmollte nicht, er war nur einfach woanders – „In der Zone“, nannte er es – und Alexa blieb nichts weiter übrig, als zu warten.

Dieses Mal hatte sie allerdings sechs Monate lang gewartet. Sie hatte die Kinder versorgt, Beetle ausgeführt, gekocht und geputzt, das Auto und den Rasenmäher und den launischen Heizkessel gewartet; sie hatte sich um die Freundinnen der Junior Officers gekümmert, die oft noch nicht einmal die Eltern ihrer Freunde kennengelernt hatten, sie hatte das Gras geschnitten, abends ungezählte DVDs angesehen, tagsüber etlichen harmlosen weiblichen Zeitvertreiben beigewohnt. „Er ist bei der Army“, hatte ihr Vater seinerzeit mit forcierter Fröhlichkeit gesagt, als sie von ihrem Entschluss erzählte, Dan zu heiraten: „Du wirst also als Soldatenfrau enden und deine Tage mit Kaffeekränzchen herumbringen!“ Sie hatte versucht, nicht täglich E-Mails an Dan zu schicken und vor allem nicht solche, die erkennen ließen, welche Gefühle sie plagten, wie gefangen und unsicher sie sich vorkam. Und sie ging nie vom Telefon weg.

Einmal pro Woche konnte sie über Satellit mit Dan in Afghanistan sprechen. Wenn es irgendeine Krise oder einen plötzlichen Einsatz gab, wurde sämtliche Kommunikation eingestellt, und wenn man dadurch sein Telefonat verpasste, verpasste man es eben und wurde dafür von umso schlimmeren Ängsten heimgesucht, bis es den Männern wieder erlaubt war, zu kommunizieren. Sorgen wegen Isabels Problemen in der Schule, wegen Floras Schielen (sie trug eine Minibrille, bei der ein Glas abgedeckt war, was ihr ein niedliches Gelehrtenaussehen verlieh), wegen Beetles Knotens an der Seite, musste sie für sich behalten, auch wenn die Telefonverbindung funktionierte, weil Dan mental an einem anderen Ort oder auf einem ganz anderen Planeten war. Zu diesem Einsatz hatte er nicht mal Fotos von ihnen mitgenommen und auch keins der Bilder, die die Zwillinge für ihn gemalt hatten.

„Ich kann es nicht ertragen“, sagte er. Er stand im Schlafzimmer zwischen seiner ordentlich zurechtgelegten Ausrüstung. „Das letzte Mal konnte ich sie nicht ansehen, und hab mich deshalb beschissen gefühlt. Also nehme ich sie besser gar nicht erst mit.“ Er stieß ein halbherziges Lachen aus. „Ich fühle mich so schon beschissen genug.“

Neben diesen Telefonaten – die ebenso lebensnotwendig wie unbefriedigend waren – rief Alexa jeden Tag ihre Freundinnen im Camp an. Sie rief Mo an und Franny und Sara und Prue. Sie rief auch einmal die Woche Dans Vater an, aus Zuneigung, und ihre eigenen Eltern, aus Pflichtgefühl. Und sie rief Jack an. Sie rief ihn beinahe so oft an, wie Jack sie anrief, was er annähernd jeden Tag tat.

Alexa kannte Jack Dearlove seit ihrem siebten Lebensjahr. Beide Väter waren im diplomatischen Dienst gewesen, und trotz ihrer ständig wechselnden Dienstorte führte der Zufall die Kinder nach mehreren Versetzungen immer wieder zusammen, zuletzt in Bonn, kurz bevor Jack und Alexa mit dem Studium anfingen. An seiner Universität in Newcastle freundete Jack sich eng mit einem etwas älteren Kommilitonen an, den er dann Alexa in einer Livemusik-Bar auf der Fulham Road vorstellte. Der Freund hieß Richard Maybrick, und sein Foto, das ihn mit zerzaustem Haar und strahlendem, unbeschwertem Lächeln bei einem Wanderurlaub in Frankreich zeigte, bewahrte seine Tochter Isabel in ihrer Kommode in Nummer sieben des Quadrant im Larkford Camp auf.

Richard Maybrick war im neurologischen Krankenhaus in Queen Square, London, an einem Gehirntumor gestorben, als Isabel noch ein Baby war. Der Tumor wurde diagnostiziert, als er sechsundzwanzig Jahre alt und seine Frau Alexa mit ihrem ersten Kind schwanger war, achtzehn Monate später starb er daran. Während dieser Monate war die untersetzte, gemütliche Gestalt von Jack Dearlove nie weit weg gewesen. Er war da nach den Untersuchungen, er war da nach jeder der intensiven und beängstigenden Behandlungsrunden, er war da, als Alexa aus Richards letztem Krankenhauszimmer kam und niedergeschmettert sagte: „Es ist vorbei.“

Alexas Eltern nahmen damals an, ihre Tochter würde nach einer angemessenen Zeitspanne Mrs Dearlove werden. Alexas Mutter, die schon immer sehr viel Wert auf Äußerliches gelegt hatte, bemerkte sogar, was für ein attraktiver Nachname das wäre. Eigentlich noch besser als Maybrick, fügte sie unbedacht hinzu. Aber Alexa, die Jacks Wärme und Verlässlichkeit und Prinzipienfestigkeit durchaus liebenswert fand, konnte nichts Romantisches oder Aufregendes an ihm entdecken. Jack seinerseits war der Witwe und dem Baby seines Freundes Richard treu ergeben, aber er liebte ein äthiopisches Model von umwerfender, ätherischer Schönheit, das er eroberte und heiratete und dann wieder verlor, aber nie zu lieben aufhörte. Er wurde der perfekte Bruder-Freund, wie Alexas Freundin Franny es ausdrückte. Er hatte Alexa während Richards Krankheit und nach dessen Tod beigestanden. Sie hatte ihm während Ekas Kapitulation und ihrer anschließenden Flucht beigestanden – sofern er sie ließ. Alexa wusste, er war dafür geschaffen, anderen am Boden liegenden Menschen wieder aufzuhelfen, nur nicht sich selbst.

Er hatte ihr oft genug wieder aufgeholfen, war still und leise immer dann aufgetaucht, wenn sie ihn brauchte, mit dieser überaus treuen Verlässlichkeit der besten Schwester aus einem Jane Austen Roman. Oft dachte sie, dass er in ihrem Leben präsent war und ihr Halt geben konnte wie kein anderer Mensch. Nicht ihre Freundinnen, nicht einmal Dan. Jack war immer irgendwie da, selbst wenn er sich tatsächlich in London aufhielt. Er war wie ein gutmütiges, zuverlässiges, liebevolles menschliches Geländer.

Heute Morgen hatte er recht früh angerufen, bevor er Joggen gegangen war. Er joggte andauernd oder machte Indoor Cycling oder stemmte Gewichte im Fitnessstudio in Chiswick nahe seiner Wohnung. Das sei Teil eines endlosen Kampfes, den er gegen sein Gewicht führe, gab er fröhlich zu, da er die mangelhafte Körpergröße seines Vaters und den mangelhaften Stoffwechsel seiner Mutter geerbt habe.

„Ich brauche einen Doughnut nur anzusehen“, sagte er, „und schon sitzt er mir auf den Hüften.“

An diesem Morgen begrüßte er Alexa mit den Worten: „Dir ist hundeelend zumute, oder?“

Alexa, die mit der Shampooflasche in der Hand auf dem Weg zur Dusche war, lächelte ins Telefon: „Noch elender.“

„Aber es ist aufregend.“

„Ja.“

„Trägst du Korsett und Netzstrümpfe?“

„Ich bin dreifache Mutter“, sagte Alexa. „Ich trage einen Fleece-Morgenmantel, den mir mein Schwiegergroßvater zu Weihachten persönlich beim Kaufhaus Elys auf der Wimbledon Street ausgesucht hat.“

„Elys, echt?“

„Es gefällt ihm dort“, sagte Alexa. „Er mag keine allzu modernen Einrichtungen wie etwa Coffeeshops. Bei Elys servieren sie in der dritten Etage starken Tee in einer Metallkanne und dazu ein getoastetes Rosinenbrot. Nur eins, zum langsamen Verzehr.“

„Ich hoffe, du isst etwas. Frühstück, meine ich.“

„Vielen Dank, Kindermädchen, aber ich kriege nichts runter. Ich beschränke mich auf Kaffee und einen sehnsüchtigen Blick zur Brandyflasche.“

Jack sagte mit gespieltem Erstaunen: „Du hast Brandy im Haus?“

Und Unkrautvernichter.“

„Wow“, sagte Jack. „Ihr lasst es wirklich krachen da unten in Wiltshire.“

„Das tun wir“, sagte Alexa. „Der Fleece-Morgenmantel und ich. Und jetzt werde ich mir die Haare waschen.“

Jacks Ton änderte sich. „Ich werde an dich denken.“

„Bitte tu das.“

„Ruf mich morgen an.“

„Klar.“

„Und einen Gruß an den alten Helden.“

Alexa ließ das Telefon in die Tasche gleiten und streifte sich den Morgenmantel von den Schultern. Sie trat in die Dusche – an der Wand fehlten ein paar Kacheln, durch die Plastikwanne lief ein feiner, gezackter Riss – und merkte, dass sie summte. Mit Jack zu reden war so ähnlich, wie einen vergessenen Geldschein in der Obstschüssel wiederzufinden. Es gelang ihm immer, sie aufzumuntern.

Joanna Trollope

Über Joanna Trollope

Biografie

Joanna Trollope schreibt seit dreißig Jahren Romane, die in Großbritannien regelmäßig an der Spitze der Bestsellerlisten stehen und von denen einige verfilmt wurden. Sie lebt in London und Gloucestershire.

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