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Wem gehört Deutschland?

Wem gehört Deutschland?

Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen

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Wem gehört Deutschland? — Inhalt

Die Mär vom Volksvermögen

Wem gehören die Immobilien in diesem Land, wem die Unternehmen und wem gehört eigentlich die Deutsche Bank? Warum erhalten Sparer heute kaum noch Zinsen für ihre Ersparnisse und warum scheint dies nicht für die Wohlhabenden zu gelten, deren Vermögen trotz Finanzkrise nach wie vor ungebremst wächst? Jens Berger geht diesen Fragen nach und wirft einen schonungslosen Blick hinter die Statistiken: Er erläutert Zahlen, Daten und Fakten, die so noch nicht veröffentlicht wurden.

Erschienen am 13.04.2015
224 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30719-2

Leseprobe zu »Wem gehört Deutschland?«

Wem gehört Deutschland?


Wen interessiert es, wem Deutschland gehört? Spielt es überhaupt eine Rolle, dass es reiche und arme Menschen gibt? Entscheidend ist doch, wie es uns persönlich geht. Und wenn wir mit unserem Geld ordentlich über die Runde kommen, stört es uns nicht sonderlich, dass es eine kleine, überaus wohlhabende Elite gibt, die ihren Reichtum von Jahr zu Jahr ausbaut. So oder so ähnlich argumentieren viele brave Bürger, die mit sich selbst und ihrem Leben im Reinen sind und die Verteilungsfrage vor allem für eine Neiddebatte halten.

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Wem gehört Deutschland?


Wen interessiert es, wem Deutschland gehört? Spielt es überhaupt eine Rolle, dass es reiche und arme Menschen gibt? Entscheidend ist doch, wie es uns persönlich geht. Und wenn wir mit unserem Geld ordentlich über die Runde kommen, stört es uns nicht sonderlich, dass es eine kleine, überaus wohlhabende Elite gibt, die ihren Reichtum von Jahr zu Jahr ausbaut. So oder so ähnlich argumentieren viele brave Bürger, die mit sich selbst und ihrem Leben im Reinen sind und die Verteilungsfrage vor allem für eine Neiddebatte halten.

Mit Neid, der ja bekanntlich eine der sieben Todsünden ist, hat die Verteilungsfrage aber nichts zu tun. Frei von Neid darf man jedem Menschen seinen Reichtum gönnen. Eine derartige Spreizung der Vermögensschere, wie wir sie in Deutschland im letzten Jahrzehnt beobachten mussten, ist jedoch nicht ohne eine Umverteilung von unten nach oben denkbar.

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

So einfach, wie Bertolt Brecht es sich in seinem 1934 veröffentlichten Gedicht »Alfabet« vorstellt, ist der Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum freilich nicht. Definiert man beide ganz einfach als statistische Abweichung, bedingt natürlich der Reichtum die Armut und umgekehrt. Dann würde auch die gerne von neoliberalen Kommentatoren genutzte Anekdote zutreffen, nach der ein Vermögenszuwachs der Wohlhabenden automatisch die (statistische) Armut erhöht und daher das Gerede von Armut ohnehin fehl am Platze sei. Schließlich sei ein deutscher Armer immer noch wohlhabender als ein armer Afrikaner – wobei Letzteres ohnehin nicht ganz stimmt, da niemand einem armen Afrikaner einen Kredit gibt, durch den er mehr Schulden als Vermögen aufbauen kann. Brecht als Kronzeugen des Neoliberalismus heranzuziehen, wäre aber nicht nur unfair, sondern auch töricht. Denn unterm Strich hat er durchaus recht, wenn er einen Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum herstellt.

Die 85 reichsten Menschen der Welt besitzen genau so viel wie die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen zusammen.1 Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über ein Vermögen von 80 Billionen Euro, das sind 80 000 Milliarden oder auch 80 Millionen Millionen – eine unvorstellbar große Zahl. Das ist 65-mal so viel, wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt. Seit ökonomische Kennzahlen erhoben werden, war der Abstand zwischen Arm und Reich noch nie so groß wie heute.

Was für die Welt gilt, gilt in besonderem Maße auch für Deutschland. Aktuelle Studien führender Wirtschaftsforschungsinstitute zeigen, dass die Vermögensschere in keinem anderen Euro-Land so weit auseinanderklafft wie in Deutschland: Wo es großen Reichtum gibt, gibt es meist auch große Armut. In der deutschen Nachkriegsgeschichte war beides vergleichsweise selten anzutreffen, heute gehören Reichtum und Armut zur gesellschaftlichen Normalität. Wir haben offenbar akzeptiert, dass im ökonomischen Bereich Darwins Lehre vom Überleben des Fittesten wieder ihre Geltung hat: fressen oder gefressen werden.
Es ist so, als befänden wir uns bei einem Ringkampf zwischen einer Ameise und einem Löwen und seien dabei selbst die Ameise. Nur sehr selten hat das Vermögen einer Person etwas mit ihrer wie auch immer definierten Leistungsfähigkeit zu tun. Vermögen werden in Deutschland in der Regel nicht erarbeitet oder gar zusammengespart, sondern ererbt. Der Unterschied zwischen Arm und Reich entscheidet sich also meist beim Spermalotto. In einer Gesellschaft, die in ihren Sonntagsreden stets viel Wert auf Chancengleichheit legt, ist dies ein seltsam anmutender Anachronismus.

Umso erstaunlicher ist das weitverbreitete Desinteresse am Thema Vermögensverteilung. Hohe Vermögen schweben schließlich nicht im luftleeren Raum. Vermögen bedeutet stets auch Macht: Wer Vermögen besitzt, hält auch den Hebel in der Hand, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und die politische Debatte zu lenken. Dafür sorgen nicht zuletzt die zahlreichen Denkfabriken, die auffällig oft von Familienstiftungen der Superreichen finanziert werden. Interessant ist auch, dass der im vergangenen Jahr vorgestellte jüngste »Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung« so ziemlich alles über Armut zusammenträgt, aber natürlich nichts Qualitatives über die Reichtumsverhältnisse in Deutschland. Auch aus diesem Grunde wurde dieses Buch geschrieben: Diese wichtige und offen klaffende Informationslücke muss geschlossen werden.

Die Spreizung der Vermögensschere ist nicht vom Himmel gefallen – im Gegenteil: Diese Entwicklung ist in der Bundesrepublik vergleichsweise neu. Bis Mitte der 1990er Jahre haben sich die Vermögen der Bundesbürger sogar immer weiter angeglichen. Erst seitdem öffnet sich die Vermögensschere mit ungeahnter Geschwindigkeit. Verantwortlich dafür sind vor allem sogenannte Reformen der Politik. Mit einem bunten Reigen an Steuersenkungen und -vereinfachungen wurde die Fiskallast der Vermögenden systematisch heruntergeschraubt, während der Rest der Bevölkerung durch höhere Steuern zusätzlich belastet wurde. Seit 1997 verzichtet die Politik sogar freiwillig auf die Erhebung der Vermögenssteuer, die das deutsche Recht vorsieht.

Arbeitsmarktreformen haben dafür gesorgt, dass ein Großteil der Bevölkerung immer weniger frei verfügbares Einkommen hat, mit dem er ein eigenes Vermögen aufbauen kann. Privatisierungen der öffentlichen Sozialsysteme haben dazu geführt, dass selbst die vorhandenen Ersparnisse der Bevölkerung zunehmend in Finanzprodukte gelenkt werden, von denen vor allem die Anbieter dieser Produkte profitieren.

Diese Entwicklung war vorauszusehen – ja, sie war geplant. Die folgenden Kapitel zeigen, wie weit sie bereits geht, an welchen Stellen sich die Vermögensschere besonders stark öffnet und welche Auswirkungen dies auf unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem hat. Wir suchen auch Antworten auf Fragen wie: Wie konnte es so weit kommen, welche Akteure haben ein Interesse an einer Spreizung der Vermögensschere, und warum hat die Politik sich nicht ausreichend zur Wehr gesetzt? Wem gehört Deutschland? Wem gehören die Immobilien, wem die Unternehmen, und wem gehört eigentlich die Deutsche Bank? Warum erhalten Sparer heute kaum noch Zinsen für ihre Ersparnisse, und warum scheint dies nicht für die Wohlhabenden zu gelten, deren Vermögen trotz Finanzkrise nach wie vor ungebremst wächst?
Die Beantwortung all dieser Fragen ist keinesfalls so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Deutschland weiß zwar fast alles über seine Armen, die statistisch gründlich durchleuchtet werden, über seine Reichen wissen wir jedoch so gut wie nichts. Die Behörden erfassen keine statistischen Daten zum Reichtum, sämtliche Daten zu Vermögensverhältnissen sind Verschlusssache. Wer sich diesen Fragen nähern will, muss schon Detektivarbeit leisten und sich durch Studien und Daten fressen, die der Öffentlichkeit oft nicht bekannt sind.

Ziel dieses Buches ist es, die Debatte über die Vermögensverteilung anzuregen und gleichzeitig zahlreiche Zahlen, Daten und Zusammenhänge verständlich aufzubereiten. Diese Debatte ist längst überfällig. Bei der faktisch vorhandenen Vermögensungleichverteilung handelt es sich um weit mehr als ein reines Gerechtigkeitsproblem. Die Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, steuert mit steigender Ungleichverteilung bedrohlich auf die nächste Krise zu. Die Finanzmärkte neigen ohnehin zur Instabilität, eine weitere Ungleichverteilung könnte hier desaströse Verwerfungen hervorrufen. Es steht also einiges auf dem Spiel, das weit über den informativen Charakter, wem denn nun Deutschland gehört, hinausgeht.

Jens Berger

Über Jens Berger

Biographie

Jens Berger ist freier Journalist und politischer Blogger der ersten Stunde. Als der Redakteur der NachDenkSeiten und Herausgeber des Spiegelfechters schreibt er regelmäßig zu sozial-, wirtschafts- und finanzpolitischen Themen.

Medien zu »Wem gehört Deutschland?«
Inhaltsangabe

Inhalt


Wem gehört Deutschland?


1 Man sieht nur die im Dunkeln, die im Lichte sieht man nicht: Probleme der Vermögensstatistiken

  • Armut
  • Was ist Vermögen?
  • Reichtum, die große Unbekannte
  • SOEP: Hoffnungsschimmer mit methodischen Schwächen
  • PHF-Studie der Bundesbank: detailreiche Ergänzung mit Scheuklappen
  • Äpfel und Birnen: Über die Vergleichbarkeit von Vermögensstudien

2 Wie viel Reichtum können wir uns leisten?
Schattenseiten des Reichtums

  • Gemessene Ungleichheit
  • Welche Relevanz haben diese Zahlen?
  • Umverteilung von unten nach oben
  • Umverteilung politisch gefördert und gewollt

3 Im Geldspeicher von Dagobert Duck: unser Geldvermögen
Große Geldvermögen: die große Unbekannte

  • Eine Million Millionäre

4 Millionen kleine Kapitalisten: unsere Altersvorsorge

  • Privatisierung gegen jede ökonomische Vernunft
  • Lebensversicherungen: ein Produkt mit Traditionund Problemen
  • Willkommen in der Niedrigzinsära
  • Private Krankenversicherung: Patient mit unsicherer Prognose
  • Riester: Rettungsprogramm für die Versicherungs­branche
  • Faustischer Pakt

5 Unser Oma ihr klein Häuschen: unsere Immobilien

  • Wem gehört das Haus?
  • Mythos vom Volkseigentum
  • Angriff der Heuschrecken
  • Wohnraum und Umverteilung
  • Wer hat, dem wird gegeben:
  • Immobilienkauf und Umverteilung

6 Land der viereinhalb Millionen Unternehmer:
unsere Kleinunternehmer und Mittelständler

  • Mythos Mittelstand
  • Großkonzerne beherrschen die Wirtschaft
  • Standortdebatte, Lohnentwicklung
  • und Strukturwandel

7 Ende der Deutschland AG: unser Betriebsvermögen

  • Traum vom Volkskapitalismus durch Aktien
  • Willkommen in der Deutschland AG
  • Entdeckung des Shareholder-Values
  • Abwicklung der Deutschland AG
  • Showdown des Finanzkapitals 101
  • 1 300 Unternehmen regieren die Welt

8 BlackRock und Co.: das globalisierte Finanzkapital

  • Schöne neue Finanzwelt
  • Goldgräberstimmung an den Börsen
  • BlackRock betritt die Bühne
  • Versuch, Risiken messbar zu machen
  • Gigant ohne Agenda
  • Wem gehört BlackRock, wem die großen Banken?

9 Armut GmbH  &  Co. KG: unsere prekären Selbstständigen

  • Der Strukturwandel schlägt zu
  • Boom der Solo-Selbstständigkeit
  • Wenn die Sozialversicherung zum Luxus wird
  • Prekäre Selbstständigkeit ist politisch gewollt
  • Wenn Freiheit eine andere Bedeutung bekommt

10 Wer hat, dem wird gegeben: unsere Sparer und Erben

  • Von Tellerwäschern und Millionären
  • Kann man sich ein Vermögen zusammensparen?
  • Zinseffekt: oft ignoriert und noch öfter überschätzt
  • Wem gehört Deutschland statistisch gesehen?
  • Erbschaften in Billionenhöhe

11 Uns gehört Deutschland: Deutschlands Vermögende

  • Die Billigheimer
  • Die Profiteure
  • Die Dividendenkönige
  • Die Kriegsgewinnler
  • Die Spendierfreudigen
  • Die Medienbarone
  • Die Finanzmogule
  • Die Rüstungsmagnaten, Wurstkönige
  • und Hühnerbarone
  • Die Heiler
  • Uns gehört Deutschland

12 Sozialismus für Reiche: warum die Vermögensschere sich weiter öffnet

  • Als die Vermögenden zur Kasse gebeten wurden
  • Geburt der Sozialen Marktwirtschaft
  • Ende der Sozialen Marktwirtschaft

UmFAIRteilen: 16 Punkte für einen Weg zu einer gerechten und stabilen Gesellschaft

  • Beginn einer ernsthaften statistischen Erhebung der Vermögen der Wohlhabenden
  • Wiedereinführung einer Vermögenssteuer und vielleicht auch einer einmaligen Vermögensabgabe
  • Rücknahme aller Steuersenkungen und Steuer­erleichterungen seit 1998
  • Einführung einer Millionärssteuer von 75 Prozent
  • Abschaffung der Sonderregelungen bei der Erbschaftssteuer
  • Einführung einer Steuerpflicht auf die weltweiten Einkünfte
  • Einführung einer wirksamen Finanztransaktionssteuer
  • Abschaffung von Steuerschlupflöchern
  • Verschärfung des Stiftungsrechts
  • Rücknahme der Umsatzsteuererhöhung von 2007
  • Rücknahme der Hartz-Reformen
  • Einführung eines Mindestlohns von 10 Euro und politische Flankierung zur Steigerung der Lohnquote
  • Ausweitung der staatlichen Eigenheimförderung und Einführung einer wirksamen Mietpreisbremse
  • Verbesserung der schulischen und universitären Ausbildung und bessere Förderung von armen Kindern und Jugendlichen
  • Sofortiges Ende der Privatisierungspolitik
  • Stärkung der gesetzlichen Rente, sofortiges Ende der Zuschüsse für Riester- und Rürup-Rente und Rück­abwicklung der privaten Krankenversicherung
  • UmFAIRteilen ist alternativlos

Anmerkungen

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