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Weil sie sich liebten

Weil sie sich liebten

Roman

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Weil sie sich liebten — Inhalt

Mike Bordwin ist stolz, Direktor der renommierten Avery Academy zu sein. Doch ein kurzer Moment genügt, um seinen Lebenstraum zu zerstören: Ein Video gerät an die Öffentlichkeit, auf dem sich drei Schüler mit einem deutlich jüngeren Mädchen amüsieren und dabei maßlos über die Stränge schlagen. Ein aufwühlender Roman über Leidenschaft und Treue, Begierde und die Zerbrechlichkeit des Glücks.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 09.10.2012
Übersetzer: Mechtild Ciletti
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96019-9

Leseprobe zu »Weil sie sich liebten«

Für Michael Pietsch

 

Mike

 

Die Kassette war klein, nicht viel größer als seine Hand, aber wenn Mike an die erschreckende Hemmungslosigkeit dachte, die auf dem Band zu sehen war, an das Risiko und die Zerstörungskraft, die es barg, hätte das kleine Plastikding ebenso gut radioaktiv sein können. Genauso hatte es gewirkt und mit seinem Gift die ganze Schule kontaminiert: Es hatte den Ruf der Avery Academy ruiniert, seines Wissens mindestens zwei Ehen zerstört, die Zukunft von drei Schülern zunichtegemacht und – das war das Schlimmste – einen Menschen in [...]

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Für Michael Pietsch

 

Mike

 

Die Kassette war klein, nicht viel größer als seine Hand, aber wenn Mike an die erschreckende Hemmungslosigkeit dachte, die auf dem Band zu sehen war, an das Risiko und die Zerstörungskraft, die es barg, hätte das kleine Plastikding ebenso gut radioaktiv sein können. Genauso hatte es gewirkt und mit seinem Gift die ganze Schule kontaminiert: Es hatte den Ruf der Avery Academy ruiniert, seines Wissens mindestens zwei Ehen zerstört, die Zukunft von drei Schülern zunichtegemacht und – das war das Schlimmste – einen Menschen in den Tod getrieben.
Nachdem Mike das Band von der Schulsekretärin Kasia Gorzynski bekommen hatte, in einem weißen Briefumschlag (als hätte er vielleicht vor, es zu verschicken!), hatte er es mit nach Hause genommen, um es sich am Bildschirm seines Fernsehers anzusehen – ein äußerst kompliziertes und nervenzehrendes Unternehmen, da er zuerst seine Filmkamera, die mit Bändern des gleichen Formats arbeitete, heraussuchen und dann die diversen Kabel fachgerecht an den Fernsehapparat anschließen musste. Manchmal wünschte Mike, er hätte die widerwärtige Kassette einfach in einen Topf mit kochendem Wasser geworfen, in einer Plastiktüte in den Müll befördert oder das Band mit einem Bleistift herausgefummelt und hoffnungslos verheddert.Auch wenn er den drohenden Skandal wahrscheinlich nicht hätte abwenden können, so hätte er vielleicht doch seine weitere Entwicklung beeinflussen und den Schaden begrenzen können.
In dem Raum musste bereits einiges geschehen sein, bevor die Kamera das Quartett ins Visier nahm. Man sah, wie das Mädchen (für Mike war sie immer nur das Mädchen) sich mit einer schnellen Drehung von einem hochgewachsenen, schlanken Jungen in Jeans wegbewegte (wegwirbelte, wie es schien) und sich einem anderen etwas kleineren, kräftiger gebauten nackten Jungen zuwandte, der sie an sich zog und heftig an ihrer rechten Brustwarze zu saugen begann. Bis zu dieser Stelle waren keine Gesichter zu erkennen gewesen, alle Körper waren nur bis zu den Schultern zu sehen, zweifellos Absicht der Person hinter der Kamera. Und bis zu diesem Moment hatte Mike, damals Schulleiter der Avery Academy, einer Privatschule mit exzellenter Reputation, nicht bemerkt, dass sich das alles im Zimmer eines der Wohnheime des Internats abspielte. Der kleinere Junge schubste das unbekleidete Mädchen dem ersten zu, der seinen Gürtel öffnete und seine Jeans, als wäre sie für seine schmalen Hüften viel zu weit, herunterrutschen ließ wie in einem Cartoon. Nach einem ruckartigen Kameraschwenk, bei dem Mike fast übel wurde, war ein schmales Bett zu sehen, auf dem, splitternackt, ein dritter Junge lag, anscheinend etwas älter als die anderen beiden, der sich an sich selbst zu schaffen machte. Den Anblick des beeindruckend großen, purpurfarbenen steifen Penis und der straff gespannten Brust- und Armmuskeln des Jungen hätte Mike wie alle anderen Bilder auf diesem Band gern aus seiner Erinnerung gelöscht. Die Kamera schwenkte erneut zur Mitte des Raums, zurück zu den beiden stehenden jungen Männern und dem Mädchen, das jetzt kniete.
Erst an dieser Stelle der Aufnahme bemerkte Mike, dass sie mit Ton unterlegt war; er hörte, von der Seite des Zimmers, wo das Bett stand, eine Art übertriebenes Stöhnen und hämmernde Musik (die allerdings aus irgendeinem Grund gedämpft schien). Der hochgewachsene Junge mit den schmalen Hüften hielt unterdessen den blonden Kopf des Mädchens an seinen Unterleib gedrückt. Sie schien genau zu wissen, was sie zu tun hatte – als hätte sie vor dem Ereignis geübt. Für Mike jedenfalls sprach beinahe Routine daraus, wie sie den erigierten Penis des stehenden Jungen mit der Hand umschloss, bevor sie sich vorbeugte und ihn in ihren Mund einführte. Der Junge kam mit einem durchdringenden Laut beinahe kindlicher Überraschung zum Orgasmus. Der Kameramann (dass eine Frau filmte, konnte Mike sich nicht vorstellen) zog das Objektiv aufwärts, um das Gesicht des Jungen einzufangen, und Mike Bordwin erkannte es entsetzt.Als Kasia ihm vor knapp einer Stunde sehr ernst das Band übergeben und mit tonloser Stimme zu ihm gesagt hatte: Ich finde, Sie sollten sich das mal ansehen, hatte er angenommen, es handle sich lediglich um einen konfiszierten Pornofilm (nicht, dass das Band nicht pornografisch gewesen wäre) – eine Sache, um die sich ein Haustutor kümmern konnte. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass ihm bekannte Personen an der Handlung beteiligt sein könnten – Schüler, denen er täglich in den Korridoren, in der Schulkantine und auf dem Basketballplatz begegnete. Das ging ihm erst auf, als er das Gesicht des Jungen sah, lustverzerrt und ziemlich grotesk für den unbeteiligten Beobachter. Rob, dachte er, und: Das kann nicht sein. Der Rob, den er kannte, war ein höflicher, fleißiger Schüler und dazu ein hervorragender Angreifer in der Basketball-Schulmannschaft. Hatte er, fragte er sich in diesem Augenblick, während er noch Robs Gesicht beim Orgasmus vor sich hatte, die ihm anvertrauten jungen Menschen immer nur so gesehen, als ausgezeichnete Schüler oder talentierte Schauspieler, eingebildete Schleimer oder gute Sportler? Dann wurde ihm jetzt deutlich gezeigt, wie irreführend solche Etikettierungen waren. Er schien bisher nur Rob, das Kind, gesehen zu haben, und nicht den heranwachsenden, sexuell interessierten Teenager, den ihm das Band zeigte. Mike war wie erstarrt unter dem Ansturm neuer und erschreckender Erkenntnisse.
Das Mädchen nahm sich kaum Zeit zum Luftholen, ehe sie sich dem anderen stehenden Jungen zuwandte, dessen Gesicht, beim ersten Kameraschwenk nicht zu sehen, jetzt dafür umso deutlicher zu erkennen war. Es traf Mike wie ein Schlag, er rief laut den Namen des Jungen – Silas! –, bevor er aufstöhnte. Silas und das Mädchen legten sich auf den Boden, Silas obenauf, und gingen ans Werk, konventionell, aber heftig. Der Körper des Mädchens klatschte auf den Fußboden, auf dem leere Bierdosen herumlagen und der jetzt ganz deutlich als der eines Wohnheimzimmers zu erkennen war. Mike schloss die Augen, gerade diesem Jungen wollte er nicht beim Orgasmus zusehen.Als er sie wieder öffnete, war die Kamera auf das Gesicht des Mädchens gerichtet, das offenbar höchste Lust empfand oder dies sehr talentiert vortäuschte. Erst da bemerkte er, dass das Mädchen sehr jung war – sehr, sehr jung: die Zahl vierzehn ging ihm durch den Kopf –, ihren Namen allerdings kannte er damals noch nicht. Es war keineswegs ungewöhnlich, dass ein Schulleiter nicht alle Schüler mit Namen kannte, schon gar nicht die in den unteren Klassen, die sich noch nicht in irgendeiner Weise hervorgetan hatten, und zu denen gehörte sie, wenn Mike nicht alles täuschte. Unvermittelt fragte er sich, wie viele andere – Lehrer und Schüler – das Band gesehen haben mochten. Es war der bis dahin schlimmste Augenblick in seinem Leben. (Aber es sollte noch weit schlimmer kommen.)
Er tastete nach der Kamera und drückte auf Pause. Er fühlte sich elend und schwach, und die Brust war ihm so eng, dass er sich die Hand aufs Herz presste, als fürchtete er einen Angina-Pectoris-Anfall. Wenn er sich vorstellte, wer alles das Band vielleicht schon gesehen hatte, war ihm, als setzte vorübergehend sein Herzschlag aus; in Wirklichkeit setzte vorübergehend sein Gehirn aus, er konnte keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen. Zu furchtbar waren die letzten gewesen und dazu von Bildern begleitet, bei denen ihm augenblicklich Begriffe wie Polizei,Vergewaltigung, Alkohol und Presse durch den Kopf geschossen waren, lauter Dinge, mit denen kein Schulleiter zu tun haben wollte, ganz gleich, in welchem Zusammenhang. Wichtig schien ihm, sich auf das Mädchen zu konzentrieren, um zu erkennen, ob und inwieweit sie bei dieser – dieser Sache, deren Zeuge er hier wurde, freiwillig mitgemacht hatte. Da er es nicht über sich brachte, zurückzuspulen und sich anzusehen, was sich vorher abgespielt hatte, drückte er auf Play und wünschte, er könnte das Geschehen verlangsamen, nicht etwa, um sich daran zu delektieren – um Gottes willen, nein –, sondern um die Schwierigkeiten, die ihn erwarteten, in ganzer Tragweite erfassen zu können. Um sich innerlich auf sie einzustellen, sozusagen.
Das Band begann wieder zu laufen, wieder war es ein Schock für ihn, wieder zeigte es das Gesicht des Mädchens in Nahaufnahme. Bestürzt erkannte Mike, wie jung sie tatsächlich noch war, so erfahren sie zuvor auch gewirkt hatte (und in ihrer relativ überzeugenden Ekstase auch jetzt noch wirkte). Eine Neuntklässlerin, Highschool im ersten Jahr, ohne Zweifel. Er meinte beinahe, Gesicht und Körper in einem Sporttrikot vor sich zu sehen – Feldhockey? Fußball? Jugendmannschaft? Drittes Team? – und war sicher, dass sie zu den Internen gehörte und nicht zu den Externen wie Silas, der völlig ausgepumpt auf dem Mädchen lag, das jetzt lächelte, tatsächlich lächelte. Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?, fragte sich Mike verzweifelt.
Verwackeltes Durcheinander folgte.Vielleicht hatte der Kameramann das Gerät einen Moment sinken lassen.Mike kniff die Augen zusammen, als er merkte, dass ihm übel zu werden drohte. Das Objektiv verweilte einen Moment auf einem harmlosen Tischbein, an dem ein schmutziger weißer Turnschuh mit geöffneten Schnürsenkeln lehnte. Dieses Bild, das ihm in seiner Unschuld für unendlichen Verlust zu stehen schien, erschütterte ihn. Im Hintergrund waren Stimmen zu hören – sehr undeutlich allerdings. Mike war jedoch sicher, dass er die Worte Hey und Schlag zu und Los, du bist dran hörte (vielleicht nicht in dieser Reihenfolge), dann vollführte die Kamera plötzlich einen wilden Sturzflug zu dem dritten Jungen hinunter. (Nein, dachte Mike, Junge trifft es in diesem Fall überhaupt nicht. Es gab einen Moment, da Jungen unversehens zu Männern wurden, und mit Alter, Bartwuchs oder Stimmlage hatte das nichts zu tun. Es zeigte sich – zu diesem Schluss war er gekommen, nachdem er es in nahezu zwanzig Jahren an höheren Schulen unzählige Male beobachtet hatte – vielmehr in der festeren Muskulatur, in der klarer definierten Kontur des Kinns, in der ganzen Haltung.) Dieser junge Mann allerdings hatte alle Haltung verloren, während er über dem Körper des rücklings daliegenden, herzzerreißend schönen Mädchens onanierte, das ihn mit rhythmischen Zuckungen und Körperverrenkungen animierte,die es wahrscheinlich in irgendwelchen Filmen gesehen hatte. Der Kameramann hatte den Blickwinkel geändert, und deutlich, allzu deutlich, trat jetzt die absolute Entschlossenheit im Gesicht des jungen Mannes zutage, eines, wie Mike augenblicklich erkannte, sogenannten PG, eines Post Graduate, der seinen Schulabschluss bereits in der Tasche hatte, aber vor Aufnahme des Universitätsstudiums noch ein zusätzliches Schuljahr hatte einlegen wollen. Man hatte ihn nach Avery geholt, damit er das Basketballteam in die Entscheidungsspiele um die Meisterschaft führte. Mike rechnete nach und kam auf die Zahl neunzehn kurz bevor der junge Mann, den die anderen Schüler J. Dot (wie in seiner E-Mail-Adresse J. Robles@ Avery.edu) nannten, sich über Brust, Hals und Kinn des mindestens vier Jahre jüngeren Mädchens ergoss. Mike hielt das Band an und wünschte,er könnte so auch die Zukunft anhalten, wenigstens lange genug, um zu überlegen, was er mit diesem unwillkommenen und hochexplosiven Film in seiner Kamera anfangen sollte.
Er lehnte sich in das Sofa des Fernsehzimmers zurück, das er während der ersten Jahre in dem imposanten georgianischen Haus seiner Stellung angemessen gern als Bibliothek bezeichnet hatte. Tatsächlich aber hatten er und Meg in diesem Raum mehr Zeit mit Fernsehen als mit Lesen verbracht und sich schließlich angewöhnt, ihn als das zu bezeichnen, was er war. Mike atmete schwer, sein Mund war trocken. Dass die Sache auf dem Band noch weiterging, schien undenkbar. (Hatten nicht alle drei Jungen innerhalb von Minuten nacheinander ihren Orgasmus gehabt? Aber das waren natürlichTeenager.) Er wollte sich das nicht weiter antun. Einerseits war er froh, andererseits tat es ihm leid, dass Meg nicht zu Hause war; froh war er, weil er in Ruhe darüber nachdenken wollte, was jetzt zu tun war, und leid tat es ihm, weil sie ihn vielleicht getröstet hätte. Obwohl – wahrscheinlich eher nicht.Wäre Meg so entsetzt gewesen wie er? War sie den jungen Leuten näher?Verstand sie sie besser?
Mike fragte sich sofort, wo und in welchem Wohnheim die Sache stattgefunden hatte. Nach der Anzahl der Bierdosen auf dem Boden zu urteilen, war da offenbar eine Sauferei zur Sexorgie ausgeartet. Vielleicht lag auf einem Schreibtisch etwas Verräterisches, vielleicht war auf einem Kalender ein Datum angestrichen. Es war ziemlich sicher ein Samstagabend gewesen; an Wochentagen, auch freitags, wenn am Samstag Unterricht war, mussten die Schüler um zwanzig Uhr zur Studierstunde in ihren Wohnheimen sein.Am vergangenen Wochenende war ein Schulfest gewesen. Geoff Coggeshall, zweiter Direktor und für Schülerangelegenheiten zuständig, hatte erwähnt, dass die übliche Zahl junger Leute beim Trinken erwischt worden war oder sich verdächtig gemacht hatte. Der Alkoholmissbrauch war einfach nicht zu stoppen und stand ganz oben auf der Sorgenliste beinahe aller Leiter weiterführender Schulen im Land. Obwohl zahlreiche Konferenzen und Seminare zu dem Thema veranstaltet worden waren, hatte sich das Problem nach Mikes Meinung im laufenden Jahr noch verschlimmert. Er fragte sich manchmal, ob durch diese Kampagne gegen den Alkoholmissbrauch, die eigentlich auf die Gefahren des Trinkens aufmerksam machen sollte, dasThema nicht tatsächlich ungewollt so sehr in den Vordergrund gerückt wurde, dass es mittlerweile eine unerhörte Bedeutung erlangt hatte. Jede Schülergeneration hatte ihre Alkoholexzesse, aber nach allen Daten, die er kannte, war ziemlich klar, dass die jungen Leute immer früher mit dem Trinken begannen und der gewohnheitsmäßige Konsum von Alkohol wesentlich weiter verbreitet und intensiver war als noch ein Jahrzehnt zuvor.
Er ließ den Kopf an die Rückenlehne sinken und schloss die Augen. Das Haus war leer und still. Er hörte den Wind an den Fenstern rütteln und, aus der Küche, das Geräusch der neuen Eiswürfelmaschine. Jetzt musste er handeln, Schüler befragen, den Disziplinarausschuss zusammenrufen, und dies alles unbemerkt von der Presse, die, wenn sie von der Sache Wind bekam, das Ganze zu einem Riesenskandal aufbauschen würde. Privatschulen hatten da ungerechterweise einen schwereren Stand. Er war sicher, dass so ein Band bei der Presse nicht das geringste Interesse finden würde, wenn es an einer öffentlichen Schule ans Licht käme. Es würde vielleicht unter der Hand die Runde machen, ein paar Schüler würden fliegen, Sitzungen abgehalten werden, aber beim Lokalblatt, dem Avery Crier (dessen Herausgeber,Walter Myers, man praktisch jede Story ausreden konnte, die für die ortsansässigen Schüler und ihre Eltern eventuell peinlich gewesen wäre), würde es ebenso wenig ankommen wie bei der regionalen und überregionalen Presse. Bei den großen Zeitungen, vermutete Mike, würden sie über eine Geschichte von Sex und Alkohol an einer öffentlichen Schule, selbst wenn eine Vierzehnjährige darin verwickelt war, höchstens mit den Schultern zucken.Wenn aber dieselbe Geschichte an einer exklusiven Privatschule passierte und einem Reporter beim Rutland Herald oder beim Boston Globe zu Ohren kam, konnte man darauf wetten, dass der Mann sofort losgeschickt wurde, um herauszubekommen, was da lief. Und, so sich Kopien von dem Band auftreiben ließen, um pikantes Anschauungsmaterial zu liefern. Lag es daran, dass man an Privatschulen höhere moralische Anforderungen stellte, denen gemäß ein solcher Zwischenfall nicht vorkommen durfte? Oder lag es daran, dass alle Welt sich freute, wenn die Elite (selbst wenn zu dieser Elite ein Bauernsohn mit Stipendium gehörte) vom hohen Ross fiel und sich gründlich blamierte?Vermutlich spielte beides eine Rolle, wobei Letzteres vielleicht das größere Gewicht hatte.
Weit beunruhigender als die Gedanken an die Presse war die Möglichkeit, dass die Polizei sich einschalten würde. Obgleich Mike nichts als Ekel empfand, wenn er an den Silas und an den Rob dachte, die er eben auf dem Band gesehen hatte (Jungen, die er bis dahin geachtet und, in Silas’ Fall, ausgesprochen gern gehabt hatte), fand er die Vorstellung entsetzlich, dass sie in Handschellen aus dem Schulgebäude abgeführt werden würden. (Legte die Polizei Jungen unter demVerdacht der sexuellen Nötigung im Sinn des Gesetzes des StaatesVermont automatisch Handschellen an?) Die Polizei, das waren in diesem Fall entweder Gary Quinney oder Bernie Herrmann. Beiden würde die Festnahme nicht die geringste Genugtuung bereiten; zumal Gary Silas’ Onkel war. Würden die Jungen dann einige Monate später im ehrwürdigen Gerichtsgebäude gegenüber der Schule, diesem von arroganter Selbstgerechtigkeit strotzenden Bau, einem Richter vorgeführt werden? Mikes Stellung würde auf dem Spiel stehen, und vermutlich würden einige der Lehrer – vielleicht auch alle –, die an jenem Abend bei dem Tanzfest und im Wohnheim Aufsicht gehabt hatten, entlassen werden. Es war nicht zu erwarten, dass die Mitglieder des Schulkuratoriums den Zwischenfall und das damit verbundene rechtliche Tamtam auf die leichte Schulter nehmen würden. Und die Jungen – würden sie ins Gefängnis kommen, ins Staatsgefängnis vonVermont in Windsor, wo sie ihrerseits Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgesetzt wären?
Mike zügelte seine Gedanken. Er durfte sich jetzt nicht in Spekulationen verlieren. Er musste sich zusammennehmen und schnell handeln. Drei Jungen drohten ernste Schwierigkeiten, und einem Mädchen … wenn sich die Sache als ein Fall von sexueller Nötigung erwies, so war der Kleinen schon jetzt Schlimmes geschehen, mit unabsehbaren Folgen für sie.
Mike lockerte seinen Schlips und öffnete den obersten Hemdknopf, als hoffte er, eine bessere Durchblutung seines Gehirns könnte ihm helfen, das Problem zu lösen. Zum ersten Mal dachte er anEindämmung und traf damit moralische, ethische und politische Entscheidungen, deren Konsequenzen er erst später erkannte, als ihm einfiel, dass er auch etwas anderes, etwa Aufdeckung oder Hilfe, hätte wählen können.

 

Ellen

 

Du wartest auf den Anruf in der Nacht. Du wartest seit Jahren. Du stellst dir die Stimme am anderen Ende vor, eine männliche Stimme mit förmlichem Ton. Immer ist die Stimme männlich. Du verstehst die einzelnen Wörter, aber es gelingt dir nicht, einen Satz daraus zu machen. Es bringt Unglück, die Wörter zu Sätzen zusammenzufügen, deshalb hältst du dich damit nicht auf, sondern springst in Gedanken weiter, zu dem Moment, da du am Telefon stehst und die Nachricht bereits erhalten hast, und fragst dich: Wie werde ich mich verhalten?
Wirst du schreien? Das ist unwahrscheinlich. Du bist keine, die losschreit. Du kannst dich nicht erinnern, wann du das letzte Mal laut geschrien hast. Wirst du dann also zusammenbrechen, an die Wand gelehnt mit weichen Knien zu Boden gleiten? Oder wirst du, wie du vermutest, erstarren, schlagartig in totale Lähmung verfallen, über Stunden wahrscheinlich, weil sich bewegen weiterleben hieße, und du keine Ahnung hast, wie du das nach dem Anruf schaffen sollst.
Aber der Anruf überrascht dich nicht mitten in der Nacht – er erreicht dich an einem Mittwochvormittag um halb elf. Du bist schon halb zur Tür hinaus, weil du zu einer Routinekontrolle bei der Dermatologin musst. Du hast dir einenTag unbezahlten Urlaub genommen, um sämtliche Arzttermine in einem Schwung erledigen zu können. Beim Zahnarzt warst du schon, und nach diesem nächsten Besuch bist du bei der Frauenärztin angemeldet. Für die Fahrt zur Dermatologin braucht man fünfunddreißig Minuten, der Termin ist um elf, und Dr. Carmichael ist sehr pünktlich. Mit keinem Gedanken bist du in diesem Augenblick bei deinem Sohn, der in einem Internat in Vermont bestens aufgehoben ist, von Leuten umsorgt, denen du mittlerweile große Achtung und volles Vertrauen entgegenbringst. Du hast deine Schlüssel in der Hand und bist schon im Mantel, draußen ist es eisig, wie seit Wochen, und der Frühstückstisch sieht aus wie ein Schlachtfeld, aber das macht nichts, du kannst die Reklamesendungen, die Müslischale und den Orangensaft auch wegräumen, wenn du nach Hause kommst, einen Moment bist du versucht,gar nicht mehr ansTelefon zu gehen, den Anruf einfach dem Anrufbeantworter zu überlassen. Aber dann fällt dir ein, dass es Dr. Carmichaels Praxis sein könnte, dass die Dermatologin vielleicht denTermin absagen möchte, und du dann die ganze weite Fahrt umsonst machen würdest.Also gehst du doch dran.
Als du die Stimme hörst (ja, die eines Mannes; ja, der Ton förmlich), sagst du dir im ersten Moment, dass du glimpflich davongekommen bist; dies ist der erwartete Anruf und dein Kind ist nicht auf einem Highway gestorben; und vielleicht klingt deine Stimme ein wenig zu – erleichtert. Doch dann folgt am anderen Ende der Leitung eine Pause spürbaren Unbehagens, nach der du all die Worte, die nicht in deine Welt gehören, wirklich hörst, Worte, die du unbedingt von dir fernhalten wolltest: »Ihr Sohn hat einen schwerwiegenden Regelverstoß begangen. Es handelt sich um ein sexuellesVergehen.«
»Wieso …?«, fragst du. »Das ist ausgeschlossen …«. Und: »Das verstehe ich nicht …«
Der Mann amTelefon ist geduldig, er hat deineVerwirrung vielleicht vorausgesehen, ganz sicher dein Erschrecken. Er wiederholt die unerwünschte Mitteilung, und du lässt dich hart auf die Bank fallen, die direkt unter dem Wandtelefon steht und eigens dort aufgestellt wurde, damit man in Ruhe telefonieren kann, auch wenn bestimmt keiner an ein Gespräch dieser Art gedacht hat. Sind Sie ganz sicher?, möchtest du fragen. Kann es nicht ein Irrtum sein? Und, Ist es denn gewiss? Aber du weißt genau, dass es unsinnig ist, solche Fragen zu stellen. Kein vernünftiger Mensch würde so eine Nachricht der falschen Mutter übermitteln.Wahrscheinlich bist du sogar die Letzte, die es erfährt, wahrscheinlich sind andere weit gründlicher informiert, wahrscheinlich haben sie bereits ausführliche Gespräche geführt und alles analysiert, Schlussfolgerungen gezogen. Du könntest nach Einzelheiten fragen, aber du spürst schon, dass die Geschichte vielleicht zu – zu peinlich ist,um amTelefon besprochen zu werden.Und in dem Moment erkennst du klar, dass es bei diesem Anruf nicht allein darum geht, dich von dem ›Vorfall‹ in Kenntnis zu setzen, sondern vor allem darum, zu veranlassen, dass du schnellstens kommst.
Ein paar Minuten lang bleibst du mit den Schlüsseln in der Hand auf der Bank sitzen, die Lähmung hat dich schon im Griff. Du starrst die Küchenschränke an und denkst, Rob. Bilder tauchen auf, eines nach dem anderen. Ein aufwärts gewandtes Gesicht, im Licht glänzende runde Wangen, zwei Zähnchen zwischen leicht geöffneten rosa Lippen.Ein nackter,nasser Zweijähriger in einem Catchergriff gefangen, dein lachender Sohn frisch aus der Badewanne. Ein zartes Gesicht vom Kunstpelz der Kapuze des Schneeanzugs umrahmt, so steht er neben einem schmelzenden Schneehaus. Die Liebe zu deinem Sohn scheint fast unerträglich. Du weißt, warum dir diese unschuldigen Bilder gerade in diesem Moment in den Sinn gekommen sind, weil die Unschuld jetzt zerstört ist. Nach diesem Anruf, den du eben erhalten hast.
Du überlegst, ob du Arthur im Büro anrufen sollst, verwirfst den Gedanken aber sogleich. Er wird für den Heimweg fast eine Stunde brauchen, und so lange kannst du nicht warten. Schon die vier Stunden Fahrt zum Internat werden die Hölle werden. Außerdem wird Arthur, wenn du ihn anrufst, wahrscheinlich sofort mit Tommy, eurem Anwalt, Kontakt aufnehmen, und du weißt instinktiv, dass das im Augenblick der falsche Schritt wäre. Erst einmal musst du allein mit eurem Sohn sprechen.
Du stehst auf. Was brauchst du? Die Antwort ist einfach: sehr wenig. Nur deinen Mantel und deine Handtasche, und die hast du schon. Nichts hindert dich daran, gleich ins Auto zu steigen. Nur vorher noch rasch zur Toilette, wo du bemerkst, dass deine Hände zittern.

Anita Shreve

Über Anita Shreve

Biografie

Anita Shreve, geboren 1946 in Massachusetts, verbrachte einige Jahre als Journalistin in Afrika und bereiste weite Teile Kenias, bevor sie in die USA zurückkehrte und Schriftstellerin wurde. Ihre Romane »Die Frau des Piloten« und das für den Orange Prize nominierte...

Pressestimmen

Siegener Zeitung

»Sehr einfühlsam.«

Dolomiten Tagblatt

»Ein aufwühlender Roman über Leidenschaft und Treue, Begierde und die Zerbrechlichkeit des Glücks.«

Tina Woman

»Dramatisch.«

Cosmopolitan

»Kühl-elegant und doch fast brutal zeigt Anita Shreve das Ereignis aus allen Perspektiven und führt uns die Zerbrechlichkeit des Glücks vor Augen. Absolut fesselnd!«

Entertainment Weekly

»Mit großem Einfühlungsvermögen entlarvt Anita Shreve die Motive aller Beteiligten.«

Daily News

»Ein erschütterndes Drama, gleichermaßen fesselnd wie aufrüttelnd.«

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