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Weichselkirschen

Roman

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Weichselkirschen — Inhalt

Die Journalistin Anna besucht nach dreißig Jahren das kleine, ehemals deutsche Dorf in Polen, in dem sie aufgewachsen ist. Die Fahrt nach Niederschlesien führt sie in ein fremdes Land und auch in ihre eigene Vergangenheit. Anna begegnet vertrauten Menschen aus ihrer Kindheit, ihrer alten Liebe Ludwik, dem Vater ihrer Tochter, und der neuen politischen Wirklichkeit.

Ein bewegender, poetischer Roman über die jüngere deutsche Geschichte.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 09.11.2015
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30831-1
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 09.11.2015
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97208-6

Leseprobe zu »Weichselkirschen«

Wenn Suszko durchs Dorf fährt, hat er stets eine Mütze auf, eine verbeulte Postmütze.

Ohne Mütze ist er nur die Hälfte wert, denn ohne sein Amt wären Suszko alle Möglichkeiten genommen, mehr zu wissen als die anderen im Dorf. Deshalb nimmt er die Mütze nie vom Kopf. Und fragt man die Bewohner von Ujazd, wer denn den Suszko schon einmal ohne Mütze gesehen hätte, könnte das niemand außer der Sabina behaupten.

Aber auch Sabina hat Suszko nur ein ein­ziges Mal ohne Mütze gesehen und das sehr kurz, weil er sie sofort wieder aufsetzte, obwohl er versuchte, es [...]

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Wenn Suszko durchs Dorf fährt, hat er stets eine Mütze auf, eine verbeulte Postmütze.

Ohne Mütze ist er nur die Hälfte wert, denn ohne sein Amt wären Suszko alle Möglichkeiten genommen, mehr zu wissen als die anderen im Dorf. Deshalb nimmt er die Mütze nie vom Kopf. Und fragt man die Bewohner von Ujazd, wer denn den Suszko schon einmal ohne Mütze gesehen hätte, könnte das niemand außer der Sabina behaupten.

Aber auch Sabina hat Suszko nur ein ein­ziges Mal ohne Mütze gesehen und das sehr kurz, weil er sie sofort wieder aufsetzte, obwohl er versuchte, es mit ihr zu machen. Bei Tag – im Kuhstall des Kombinats, wo sie beide im Grunde nichts zu suchen hatten.

Hinterher hatte der Suszko ein Stückchen Kuhfladen auf der Amtsmütze, was aber Gott sei Dank niemandem weiter auffiel.

Das Licht scheint gelbweiß vom Himmel. Kein Lüftchen in den Pappeln. Perkas Enten liegen flach auf der Straße, als wären sie bereits überfahren. Das Grün der Dorfstraßenbäume hat einen Blaustich. Die alte Jula sitzt auf einer Bank an der Stelle, wo früher das deutsche Kriegerdenkmal stand.

Unbeweglich blinzelt sie in die Sonne, und das kann sie nur, weil sie fast blind ist.

Suszko rückt die Mütze zurecht, schwingt sich auf sein Rad und verläßt das Postgebäude.

Dreißig Jahre früher, als Ujazd noch deutsch war und Rohrdorf hieß, verließ täglich um die gleiche Zeit ebenfalls ein bemützter Mann mit Fahrrad das Haus. Nur war die Mütze nicht blau, sondern grün, und es war auch keine richtige Mütze, eher ein sich nach oben verjüngender Helm, dessen Abzeichen, eine Handbreit über der Augenpartie, den Dorfpolizisten kennzeichnete. Das Haus beherbergte damals auch nicht die Post, sondern die Gendarmerie.

An die Gendarmerie erinnern sich heute noch einige Bewohner von Ujazd, wie Jacek Staszak, Elka Perka, die Pawlakowa vom Kombinat und natürlich Jula. Aber die schlimm­sten Erfahrungen hatte wohl Staszak gemacht – später auch Ludwik Janik. Aber niemand spricht mehr darüber. Staszak sagt, es hat keinen Zweck, und die anderen geben ihm recht.

Suszko weiß, was in seiner Posttasche ist. Da wird es eine Menge zu reden geben. Es juckt ihm schon die Zunge, als er an Perkas Gartentor vorbeifährt.

Co nowego, Suszko? ruft Elka, was soviel heißt wie: Was gibts Neues? Umständlich sammelt sie die ersten Äpfel aus dem Gras in ihre Schürze.

Suszko steigt von seinem Rad.

Dem Lenart Marek gehts an den Hof, sagt er schließlich, obwohl er das dem Marek eigentlich zuerst mitteilen wollte. Aber Suszko geht es nicht viel anders als seinem Freund Jodko, dem Magaziner vom Kombinat. Ewig bleibt es bei den Vorsätzen, er kann den Mund nicht halten und tut manches, was er lieber nicht tun sollte.

Elka steht mit den Äpfeln in der Schürze am Zaun.

Meinst du, die nehmen ihm jetzt den Hof?

Suszko wirft den Kopf nach hinten und schlägt mit der flachen Hand gegen die Kehle. Wenn er das – er tippt nochmals mit der Handkante an den Hals –, wenn er das so weitermacht, wird er nicht mehr viel zum Wohnen haben und schon gar nichts zum Wirtschaften. Jesusmaria, sagt Elka und wirft die wurmigen Äpfel in den Graben. Früher war die auch hübscher, denkt Suszko, als er ihr so zusieht. Elkas Brust ist groß und schlaff, wie ein gemolkenes Kuheuter, ihre Beine sind dick, und der Leib hat den Umfang eines Ölfasses. Und sonst? Elka nickt zu Suszkos Posttasche hin. Suszko fummelt an seiner Mütze und setzt sie gerader auf.

Die Niemka vom Schloß kommt – er schiebt sein Kinn Richtung Tasche –, Telegramm an den Direktor vom Kombinat.

Elkas Augen werden rund wie Stachelbeeren. In ihren Mund, in dem nur sonntags Zähne zu sehen sind, könnte der Suszko jetzt einen ganzen Mohnkloß stecken.

Welche Niemka?

Na, eben die vom Schloß!

Aber da gibt es zwei. Die eine heißt Lora, die andere Anna! Suszko bezieht sich auf das Postgeheimnis und fährt davon. In Wirklichkeit weiß er nicht, ob die Niemka, die nach Ujazd kommt, nun die Lora oder die Anna ist.

Im Grunde genommen gehen ihn ja auch die Leute, denen einmal das Schloß gehört hat, nichts an.

Er, der Suszko, ist nicht von hier und auch nicht von drüben, vom Polnischen, wie man früher sagte. Er, der Suszko, ist ein Zabuzak, ein sogenannter Hinterbugler oder, wie Suszko es lieber hört, ein Abenteurer, der in den Wilden Westen gezogen ist, um etwas zu erleben. Im Jahre 1946 war hier auch genug los.

Sicherlich, heute ist er nicht mehr als der Postbote von Ujazd. Und schließlich ist es heute­ gar nicht mehr so gut, wenn man über all das spricht, was damals hier geschah.

Die alte Jula hält ihr Ohr dem Geräusch von Suszkos Fahrrad entgegen.

He, Suszko, co nowego? krächzt sie und fuchtelt mit ihrem weißen dünnen Stöckchen in seine Richtung.

Nic nowego, brummt er ärgerlich, weil er nicht weiß, ob nun die Anna oder die Lora nach Ujazd kommt.

Geh mir aus dem Weg, ich bin im Dienst!

Aber Jula geht nicht aus dem Weg. Die Frauen am Kiosk holen schon das Brot. Und wenn sie das Brot holen, dann ist es Julas Sache, etwas zu erzählen, was die anderen noch nicht wissen.

Julas Nachrichten sind frischwarm wie die in die Schürzen gewickelten Brotlaibe.

Wenn der Tag wie jeder andere beginnen soll, muß Jula etwas aus dem Suszko heraus­bekommen.

Im Dienst? Sie fältelt ihr Gesicht in ein blindes Grinsen. Deinen Dienst kenn ich!

Suszko steigt ab. Immer steigt er ab, wenn ihn die Jula anquatscht – weiß der Himmel, warum, aber es ist so.

Nichts kennt ihr, alte Hexe, mault Suszko, die Hände fest über der Posttasche. Seht zu, daß die Frauen die Milchkannen nicht zudecken, wenn Ihr an den Ställen vorbeischleicht. Jula fältelt ihr Gesicht noch kleiner zusammen. Ihr Greisenzünglein zwischen den randlos gewordenen Lippen glitzert feucht in der Sonne.

Dich haben die guten Geister verlassen – ich fühls!

Suszko fährt der Schreck durch die Glieder. Jula tippt mit ihrem krüppeligen Zeigefinger auf den Leberfleck mitten zwischen ihre blinden Augen.

Es sticht, Suszko, sagt sie. Paß auf, daß es dich nicht erwischt!

Wie ein Auge ist Julas Leberfleck auf seine Posttasche gerichtet.

Suszko fühlt sich in der Klemme zwischen Amtlichkeit und Julas Leberfleck. Er rückt an der Mütze herum, als brauchte er Luft auf der Kopfhaut.

Dem Lenart Marek wirds an den Kragen gehen­!

Dem wird so sein, antwortet Jula, der Herr hat das Korn zum Brotbacken gegeben und nicht zum Schnapsbrennen!

Jawohl, sagt Suszko froh und glaubt, damit Julas Neugierde befriedigt zu haben. Aber sie ist nicht zufrieden.

Was noch?

Die Niemka vom Schloß kommt – ein Telegramm!

Suszko fummelt wieder an seiner Mütze. Verflucht, knurrt er, ich bin im Dienst!

Aber Jula ist schon aufgesprungen, hurtig wie ein Kaninchen, und glotzt Suszko mit ihren milchigen Augäpfeln an. Lora oder Anna?

Das hat Euch nichts anzugehen. Ein hundsgemeiner Fluch liegt ihm auf der Lippe, aber er verschluckt ihn. Sicher ist sicher. Mit Hexen wie Jula muß man sein Auskommen finden.

Er schwingt sich auf sein Fahrrad, stemmt sich ins Pedal und radelt schnurstracks an Kirkors Laden vorbei. Kirkors Neugier hätte ihm jetzt gerade noch gefehlt.

Er nimmt nicht etwa den Weg geradeaus zur Stadt, sondern rechts herum über das Kopfsteinpflaster an der Kirche, dem Pfarrhaus vorbei, wo Hochwürden in seinem Garten herumfuhrwerkt, als hätte er das Paradies zu jäten.

Suszko fährt zwischen den herrschaftlichen Pfeilern hindurch über schwarzen Kies, rechts den Springbrunnen, links das, was der Direktor jetzt Sattelkammer nennt und was früher ein ganz normaler Schuppen war, bis vor das Portal. Die eingegitterten Hunde bellen aus Gewohnheit, und Suszko sagt schschsch! Da hören sie auf. Und während sie sich wieder friedlich in die Sonne lungern, macht sich Pani Pawlakowa auf, Suszko entgegenzugehen. Die Post ist da. Suszko räumt für Sekunden die Mütze vom Kopf. Das heißt, er wischt sie egentlich mehr über seinem Schädel auf und ab.

Dzień dobry, Pani.

Pani Pawlakowa sagt nichts. Sie nickt nur und steht in der feudalen Haustür des ehemaligen Kavaliershauses vom Rohrdorfer Gutshof.

Wie die da steht, denkt Suszko und kramt das Päckchen mit der Kombinatspost aus der Tasche, als wenn alles ihres wäre!

Ein Telegramm, sagt er, obwohl das Pani Pawlakowa selbst sehen kann.

Immer mit der Zigarettenspitze im Mund, denkt Suszko, wie eine Gräfin.

Pani Pawlakowa pafft blaue Wölkchen und macht das Telegramm vor Suszko so auf, daß er kein Wort lesen kann.

Lora oder Anna, wie soll er das nur herausbekommen? Es bleibt ihm nichts übrig, als zu fragen. Die Lora oder die Anna?

Pani Pawlakowa faltet das Telegramm wieder zusammen und sieht Suszko an. Durch und durch geht dem der Blick. Vorne herein und hinten heraus, wie ein Schuß. Jeder im Kombinat weiß, daß die Pawlakowa einen so ansehen kann.

Da ist es am besten, man macht sich davon. Suszko schwingt sich auf sein Rad, daß der schwarze Kies spritzt, diesmal den Springbrunnen rechts liegen lassend und links die Sattelkammer.

Pani Pawlakowa steht noch eine Weile mit dem Telegramm in der Hand auf der Treppe.

Tatsächlich, die Niemka kommt her. Aber wen interessiert das?

Plötzlich rutscht Pani Pawlakowa in die alten Erinnerungen und besonders in jene Zeit, in der ihre Jugend zwischen Nowawies und Ujazd von Kowalek begraben wurde.

Jawohl – Kowalek, der heute auch nicht mehr der Jüngste ist. Die Gedanken zappeln in ihrem Kopf wie Fliegen an einem Fliegenfänger. Süß und tot zugleich. Dabei ist die ganze Geschichte an die dreißig Jahre her.

Damals, wenn sie sich aufmachte, um nach der Sperrstunde Stefan Kowalek zu treffen, Kowalek, den damaligen Forstgehilfen vom Rittergut Rohrdorf, dann hatte Wanda Pawlakowa jedesmal ein Gefühl, das sie nicht beschreiben konnte. Weder damals noch heute.

Da war zum Beispiel die Angst, nach der Sperrstunde erwischt zu werden. Das konnte ebensogut eine Geldstrafe wie die Abschiebung in ein Arbeitslager zur Folge haben. Selbst heute kommt sie noch nicht mit dem Grauen zurecht, welches sie bei nächtlicher Finsternis befällt.

Außer Kowalek hat das niemand gewußt, und der hat es längst vergessen.

Nacht für Nacht, wenn sie atemlos durch die Wälder rannte, um hinter den Eichen am Sperlingswinkel auf Kowalek zu warten, hatte sie es anfangs immer mehr mit der Angst als mit der Liebe zu tun gehabt. Das änderte sich erst mit Kowaleks Erscheinen, der hin und wieder auf sich warten ließ.

Da wurden aus Geräuschen Schatten, aus Schatten Licht, und wenn der Nebel in einzelnen Bündeln über das Kartoffelkraut zog, fing Wanda Pawlakowa an zu weinen. Kowalek gefie­len Wandas Tränen, weil er dachte, daß sie seinetwegen geweint wurden, und er darin einen hinreichenden Grund sah, Wanda mit außerordentlicher Männlichkeit zu trösten.

Mit der Zeit hatte das zu Mißverständnissen geführt und Stefan Kowalek in die Arme von Friedel getrieben. Wanda Pawlakowa ko­­stete das die Fähigkeit zu lieben. Sie wurde berechnend und mißtrauisch. Sie überlegte sich ihre Beziehungen zu den Männern von nun an zweimal. Aber trotz allen Mißtrauens und aller Berechnung in Herzenssachen fiel sie auf einen zweiten Mann herein.

Auf Adam Banaś, den heutigen Direktor des landwirtschaftlichen Kombinats Ujazd – Ordensträger und hochgeachteter Politiker der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei.

Gemeinsam mit ihm hatte sie vor dreißig Jahren mit fünf klapprigen Pferden, ein paar kaputten Maschinen und Banaś’ außerordentlichem Geschick eine staatliche Landwirtschaft begonnen. Aus den paar Äckern von damals ist eines der angesehensten Kombinate Polens mit viertausend Hektar Land geworden. Das Verdienst – wie es hieß – von Banaś und Wanda Pawlakowa, für das beide Orden, Ehren und lobende Erwähnungen erhielten.

Pani Pawlakowa? Die Stimme von Pan Banaś ist herrisch.

Wanda schlüpft aus ihren Erinnerungen, als hätte Banaś sie im Unterrock erwischt. Sie glättet Post, Telegramm und betritt das Büro.

Die Niemka hat ihre Ankunft telegrafiert!

Unterkunft im Gästehaus, Kaminfeuer in der Sattelkammer, später Essen im Klubhaus, dazwischen Besichtigung des Kombinats, sagt Banaś.

Es ist Sonntag, wendet die Pawlakowa vorsichtig ein, das Küchenpersonal ist nicht da, und ein Kaminfeuer – jetzt im Sommer?

Unbeweglich und schwerfällig hockt Banaś in seinem Drehsessel, den Oberkörper nach vorn gebeugt, den Kopf seitlich, als höre er schwer, den Blick gesenkt, mit seinen Gedanken längst wieder woanders. Man könnte meinen, er wäre eingenickt, und die Pani denkt, daß sie Adam Banaś in den vergangenen dreißig Jahren nie schlafend sah. Die Feststellung kommt spät für die lange Zeit, die sie sich kennen.

Stehen Sie nicht herum, Wanda, sagt Banaś mit unbeholfener Freundlichkeit. Ich möchte, daß die Niemka den notwendigen Empfang bekommt. Es ist mir egal, ob es Sommer oder Winter ist. Muß ich Ihnen das denn erklären?

Nein, sagt Wanda, mir nicht!

Da Suszko immer noch nicht weiß, ob es sich bei dem Besuch der Niemka um Lora oder Anna handelt, radelt er schneller als sonst am Haus des Kaufmanns Kirkor vorbei. Suszko verzichtet sogar auf Kirkors Wodka, den dieser hin und wieder ausgibt. Das Ausschenken von Alkohol in Lebensmittelgeschäften ist zwar gesetzlich nicht erlaubt, aber Kirkor sagt, was niemand sieht, kann niemand verbieten, und kippt mit Suszko einen Roten von der billigen Sorte. Sie stoßen an und trinken auf die Gesundheit, auf die Frauen und auf ihr Jung­gesellenleben. Heute ist nichts damit.

Jula ist aus der Sonne gegangen und hat sich auf den Weg zur Kirche gemacht, wo sie unter allerlei Pflichten, die sie sich selbst auferlegt hat, ihren Gebeten nachkommt.

Wispernd wischt sie den Staub von den Bänken, der Bibel Gottes und den Füßen des gekreuzigten Herrn Jesus.

Sie lüftet die Sakristei, sie zieht die Uhr des Pfarrers auf, was sie eigentlich nicht soll, und gießt die Blumen. Sie füllt den Kerzenstand vor dem Altar der Mutter Gottes auf und kratzt das vertropfte Wachs von den Fliesen.

O Mutter Gottes, flüstert Jula, weil ihr die seit eh und je vertrauter ist als Jesus Christus, laß den alten Sawko nicht in den Himmel einfahren. Es würde mir Schwierigkeiten bringen! Jula murmelt zahnlos, tonlos ein paar Aves, erhebt sich, küßt die von ihr abgestaubten Füße des Herrn, schließt die Kirche ab und wartet zwischen Gräbern und Kräutern im Schatten der Kastanien auf die Zeit, wo sie im alten Holzturm neben der Kirche, zwischen zwei Ketten hängend, mit zähen Greisenarmen die Glocken zum Zwölfuhrläuten bringt.

Dann reißt, zuckt und zerrt es in Julas Knochen. Vom Augenblick des Geläuts an hebt sich ihr kleiner Körper im Rhythmus der pendelnden Glocken schräg in die Luft und abwärts zurück auf die Bohlen, daß ihr die Latschen von den Füßen fliegen.

O Josef und Maria, keucht sie im Hin und Her der Glockenketten, laßt mir den Sawko nicht unters Gras kommen, nicht heute und, wenn es geht, auch noch nicht morgen! Es könnte mir schaden!

Doch es sieht ganz so aus, als würde sich der Sawko ans Sterben machen. So kommt es jeden­falls Suszko vor, als er dem Alten die bunte Postkarte aus Amerika auf die Bett­decke legt.

Von den Enkelkindern, sagt Suszko.

Sawko rührt sich nicht. Er starrt auf die Fliegen an der Wand, als seien es die himmlischen Heerscharen, die eigens auf Erden gekommen wären, um ihn zu holen.

Suszkos Meinung nach machts der Alte nicht mehr lange.

Na, fragt er die Adomskowa mehr aus Höflichkeit als aus Interesse, was hat der Doktor gesagt?

Ach der – der gibt dem Sawko keine Hoffnung. Ich hab die Jula geholt!

Und?

Sie hat den Sawko behandelt und gesagt, er wird noch leben!

Wie lange?

Wie lange! Leben wird er halt! Oder lebt er vielleicht nicht?

Da muß man aber schon zweimal hinsehen, brummt Suszko und denkt sich seinen Teil.

Vor Jahr und Tag hat der alte Sawko seinen Hof den jungen Adomskis überschrieben.

Denen kann es also egal sein, wann der Alte an die Reihe kommt. Was der aß, war nicht der Rede wert. Selbst neue Pantoffeln wollte Donat Sawko nicht mehr haben. Die alten reichen­ mir bis zum Friedhof, hatte er geantwortet, was soll ich mir jetzt noch neue Pan­tinen einlaufen.

Nein, der alte Sawko kostete die Adomskis nicht das Schwarze unterm Nagel.

Suszko legt die Hand an die festsitzende Mütze und fährt zum Lenart. Suszko will aus zweierlei Gründen zuerst beim Lenart vorbei. Einmal hat er Unangenehmes lieber hinter sich als vor sich, und zum zweiten würde der Inhalt des amtlichen Schreibens an Lenart in jedem Fall die Frage, ob nun Lora oder Anna käme, in den Hintergrund stellen.

Bisher hatte Marek Lenart noch keinen Brief bekommen, den Suszko ihm nicht vorgelesen hätte. Allein deshalb, weil Lenart von früh bis abends besoffen ist und ihn das Leben verdammt schwer ankommt.

Auch Suszko kann nicht lesen, wenn er den Kanal voll hat. Seines Erachtens kann das überhaupt niemand.

He, Marek, schreit Suszko und wirft das Hoftor hinter sich ins Schloß, daß der Riegel hüpft.

Nichts!

Bei Lenarts auf dem Hof ist es mucksmäuschenstill wie bei anderen Leuten am Sonntag. Nicht einmal der klapprige Köter will bellen. Er glotzt Suszko an – müde, hungrig und teilnahmslos.

Hinterm Hof rupft Lenarts ausgemergelter Schimmel ein paar Grasbüschel aus dem Sand.

Das ist kein Pferd mehr, sagt sich Suszko, während er das Fahrrad abstellt, das ist gerade noch ein verschissenes Stück Fell mit Knochen drin!

He, Marek?

Suszko geht in den Stall. Da hilft kein Schreien­, das sieht er gleich. Marek liegt mit dem Gesicht im Mist und schnarcht, daß es dampft. Wirklich, es dampft und das bei der Hitze.

Da wird Lenart wieder Denaturat gesoffen haben. Tintenblauen Brennspiritus, aus dem Marek mit Zahnpasta das Blau herausholt.

Einmal Spiritus – einmal Zahnpasta.

Marek Lenart drückt die halbe Tube in das leuchtende Blau, schüttelt mächtig und mit Ausdauer die Flasche, deren Vorderseite mit einem warnenden Totenkopf gekennzeichnet ist, wartet, bis sich die Zahnpasta vergißmeinnichtfarben auf den Boden der Flasche senkt, und hebt an zu trinken. Schluck für Schluck.

He, Marek?

Suszko stößt Lenart den Fuß in den Hintern. Lenarts Gesicht rutscht ein Stück weiter in den Mist hinein.

Suszko reibt sich das Kinn. Er hätte Marek gern den Brief von der Behörde vorgelesen. Aber so?

Marek wird später nicht wissen, daß Suszko hiergewesen ist, und erst recht nichts wird er von dem Brief wissen.

Dienst ist Dienst, seufzt Suszko, vielleicht ist Genowefa da.

Er geht durch die offene Haustür in die Küche. Aber Genowefa ist auch nicht da, und die Kinder sind wohl in der Schule. Nur diese klägliche Stille überall.

Suszko ist nicht wohl. Einerseits möchte er gehen, andererseits muß er sich als Postbote des Briefes entledigen. Und so entschließt er sich doch noch, im Garten nachzusehen. Da entfährt ihm ein ungewolltes Jesusmaria. Das Wasser läuft ihm im Mund zusammen, und auch sonst kommt bei Suszko einiges unvorhergesehen in Bewegung.

Das ist zu verstehen, wenn man Sabina dort im Garten zwischen den Schoten in der Sonne liegen sieht.

Wer im Dorf legt sich schon so mitten am Tag und mitten in der Woche in die Sonne?

Ganz nackt ist sie nicht, das könnte Suszko nicht behaupten. Aber mit was sie sich ihre Blöße bedeckt, das macht Suszko verrückt, das hat er einfach noch nicht gesehen. Er paßt sich der Mucksmäuschenstille an, gafft sich die Augen feucht, und es fehlt nicht viel und er nähme auch noch die Mütze vom Kopf.

Sabina liegt zwischen den halbhohen Schotenreihen in der Sonne, den Schoß mit einer der mickrigen Lenartschen Katzen bedeckt, während sie über ihre Brustspitzen zwei lila Malvenblüten gestülpt hat. Wie kleine Tüten sitzen die auf den Brustknospen, als gäbe es keinen Wind. Und die Katze, die sich gähnend und krallenlos zwischen Sabinas Beinen streckt, die tut so, als könnte sie nichts vertreiben.

Suszko bückt sich nach einem Kieselstein.

Laß das, sagt Sabina, ich habe dich längst gehört!

Sie zieht ein Handtuch aus den Schoten­reihen und legt es über die Malvenblüten und die Katze. Das sieht im Gegensatz zu vorher lächerlich aus und ärgert Suszko.

Was hast du schon noch zum Zudecken, sagt er anzüglich und überlegt sich, wo er es mit ihr machen könnte. Hier zwischen den Schoten, in der Scheune oder gar im Haus?

Marek würde die nächsten Stunden nicht zu sich kommen, Genowefa mochte in der Stadt sein, die Kinder, wie gesagt, in der Schule.

Suszko geht auf Sabina zu. Fauchend springt die Katze unterm Handtuch hervor.

Du geiler Briefträger, schreit Sabina in die Stille hinein, daß es ohne weiteres auf der Dorfstraße zu hören ist und Suszko zur Be­­sinnung bringt.

Du bist vielleicht eine, sagt er.

Ich habe einen Brief von der Behörde für euch, aber dein Vater liegt besoffen im Kuhstall mit dem Gesicht im Mist.

Ich weiß, sagt Sabina, den kriegt niemand wach!

Suszko holt den Brief aus der Tasche. Soll ich ihn dir vorlesen?

Sabina schüttelt den Kopf. Ihre Haare sind schön blond. Ihre schräggestellten Augen, ähnlich denen der mickrigen Katze, die jetzt wieder unter das Handtuch kriecht, diese Augen sind blau wie Suszkos ausgeblichene Postmütze.

Ich kann selber lesen, du Trottel, und ich kanns dir auch unterschreiben, wenns was Behörd­liches ist!

Suszko reicht ihr den Kugelschreiber, das Papier, den Brief. Die Katze rollt sich unterm Handtuch zurecht. Sabina unterschreibt mit großen, steilen Buchstaben die Empfangsquittung.

Weißt du denn, was das ist? will Suszko wissen­.

Ja, ich weiß es. Du weißt es doch auch – alle wissen es im Dorf, was fragst du? Mach dich fort und tratsch herum, daß den Lenarts der Hof genommen wird.

Sabina!

Hau ab!

Suszko macht sich davon. Als Beamter will er keinen Ärger, immerhin ist er noch im Dienst.

So sieht er auch nicht die Tränen in Sabinas Augenwinkeln. Sie zieht das Handtuch weg und legt es zurück zwischen die Schotenreihen.

Suszko radelt wieder die Dorfstraße entlang, diesmal in Richtung von Staszaks Wirtschaft, wo heute eine Menge los ist.

Es ist das letzte Fuder Heu, das Jacek Staszak von seiner Wiese nach Hause fährt. Hochge­laden, von Jacek eigenhändig gestapelt, ein wahres Meisterwerk, schwankt der Wagen auf dem von Regenpfützen zerlöcherten Weg dem Dorf zu. Die Zügel reichen gerade noch zu ihm hinauf. Jacek Staszak muß sogar ein wenig krumm sitzen, wenn er Pferde und Weg übersehen will.

Lauft lieber nebenher, hatte eben noch Jurek geraten. Wenn die Ladung ins Rutschen kommt, werdet Ihr Euch den Hals brechen!

Was ich lade, kommt nicht ins Rutschen, hatte Jacek Staszak gebrummt, blieb, wo er war, oben auf dem Fuder, und knallte mit der Peitsche. Hüüüüüh – vorwärts!

Soll er sich doch das Genick brechen, der alte Dickschädel, und Jurek war mit dem Rad davongefahren, ohne Staszak noch einen Blick zu gönnen. Verrückt genug, daß die Dorf­jugendorganisation dem Alten die Ernte einbrachte!

Alleingelassen weiß Staszak, daß Jurek recht hat. Wenn die Ladung ins Rutschen kommt, wird er sich die morsch gewordenen Knochen brechen. Der Weg ist schlecht genug, und er muß sich mehr auf die Pferde verlassen als auf sich selbst.

Aber es hat seinen Grund, warum Staszak ausgerechnet auf diesem miesen Weg nicht neben dem Wagen läuft.

Niemand außer Staszak kennt diesen Grund, und er erzählt auch niemandem davon. Allein schon deshalb, weil er sich lange Zeit seines Lebens bemühte zu vergessen. Aber selbst nach dreiunddreißig Jahren ist ihm das nicht gelungen.

Es gibt eben Erinnerungen, die sitzen fest im Hirn wie das Haus auf der Schnecke. Man muß es bis zum Sanktnimmerleinstag mit sich herumschleppen. Jacek Staszak weiß das inzwischen. Er weiß es, wie es Wanda Pawla­kowa weiß, Ludwig Janik oder Elka Perka.

Damals waren es nicht Pferde, mit denen er hier entlangfuhr, sondern Ochsen. Er saß auch nicht auf dem Wagen, sondern er lief nebenher. Und auf dem Wagen lag kein Heu, sondern ein halbes Dutzend Eggen, die er vom Feld geholt hatte.

Weder Ochsen, Wagen noch Eggen gehörten ihm, sondern dem Rittergut von Rohrdorf, genau wie Jacek selbst auch.

Mit einem lila P auf gelbem Grund war Staszak, wie seine Landsleute, als Eigentum des Deutschen Reiches gekennzeichnet. Staszak hatte genau wie Ludwik Janik seine eigentliche Ausbildung verleugnet, um so der sicheren Einweisung in eine Munitionsfabrik zu ent­gehen.

Ochsenknecht, hatte Staszak gesagt und kam als solcher 1939 nach Rohrdorf, ohne daß seine­ Aussage genauer überprüft worden wäre. Was sollte ein Pole schon anderes sein!

So lief er winters wie sommers, Jahr für Jahr, zwei Ochsen als dritter hinterdrein. Er pflügte, eggte, fuhr Mist, Steine, Grünfutter und Jauche. Jacek grüßte, schuftete, hungerte, fror und wartete von einem Tag zum anderen auf Gerechtigkeit und Freiheit.

Nachts lag er bei fünfundzwanzig Grad Wärme wie bei fünfundzwanzig Grad Kälte in seiner Kammer unterm Dach, ohne Licht und Heizung, zwischen Stroh und Brettern. Da hatte er vor Schlottern und Schwitzen das Schlafen verlernt.

Noch heute kommt Jacek mit fünf Stunden Schlaf aus. Nur hin und wieder half ihm unverhofftes Glück von Stroh und Brettern in Barbaras Kammer und in deren Arme. Barbara, Polin wie Staszak, auch aus dem Posischen und gleichfalls seit 1939 Eigentum des Deutschen Reiches, hatte es auf die Straußmannwirtschaft verschlagen. Dort ging es ihr gut, und sie wurde – wie sie noch heute sagt – wie des Straußmannsbauern seinesgleichen behandelt.

So schlief Jacek Staszak hin und wieder, auch wenn es verdammt eng war, bei Barbara, die dann nicht etwa vor Liebe zu Jacek kein Auge zumachte, sondern vor Angst. Jacek aber schlief wunderbar tief. Dabei hielt er sie wie ein Lamm oder eine kleine Ziege in den Armen. Nicht zu fest, aber so zärtlich und mit solch einem Lächeln im schlafenden Gesicht, wie es überhaupt nicht zu dem Ochsenknecht Staszak passen wollte. Wenns der Straußmann­bauer also nicht merkte, auch nicht die Bäuerin, wenn der Dorfpolizist ihnen nicht auf die Schliche kam und sonst ihnen keiner weiter eins auswischen wollte, verbrachten sie die Nacht zusammen.

Darauf bekam Barbara ein Kind und war schon im dritten Monat, als Jacek das passierte, was ihm heute noch und für alle Zeiten in der Erinnerung sitzt.

Da Barbara damals noch keine einundzwanzig Jahre zählte, durfte sie als Polin nach deutschem Gesetz Jacek nicht heiraten. Sie arbei­tete weiter als Magd, und die Straußmannbäuerin war gut zu ihr.

Ein Tag, lange nicht so heiß wie heute, aber ein Tag, an dem man bei der Arbeit ins Schwitzen­ kam. Staszak hatte das halbe Dutzend Eggen von den Feldern auf den Gutshof zu fahren.

Die Ochsen trotteten gleichmäßig dahin, unberührt von der Sonne und von Jaceks Zurufen­. Ochsen schwitzen nicht. Aber Jacek schwitzte, und das wurde sein Unglück. Der Dorfpolizist – überall und nirgends – stand plötzlich vor ihm.

Jacek hatte seine Jacke mit dem auf genähten P ausgezogen und auf den Wagen gelegt. Sein ausgemergelter Oberkörper leuchtete weiß in der Sonne.

Von jetzt auf gleich kam der Dorfpolizist in Rage. Er brüllte etwas von Polackenschwein, von Pflicht und der dazugehörigen Schuldigkeit. Er regte sich über die Maßen auf und drohte Jacek, den er schon seit lan­gem für einen­ Volksfeind hielt. Jacek sagte kein Wort.

Er nahm die Jacke vom fahrenden Wagen und hängte sie sich um. Aber Jacek Staszak nahm mit der Jacke auch den Ochsenziemer vom Wagen. Fest hielt er ihn im Griff und holte­ mit unbeweglichem Gesicht aus.

Pfeifend sauste das Lederstück an des Dorfpolizisten Nase vorbei auf die Hinterbacken des linken Ochsen.

Hüüüh, schrie Jacek, blaß vor Zorn, es ist noch nicht aller Tage Abend!

Das war dem Polizisten zuviel. Er stellte sein Fahrrad an den nächsten Baum, zog seinen Notizblock hervor und schrieb sorgfältig und in Sütterlinschrift auf, was sich zugetragen hatte.

Die Ochsen legten an Tempo zu und gelangten schneller als üblich an die Gastwirtschaft vom Hoffmann.

Ein guter Mann, der Wirt, der nicht darauf achtete, wer seinen Schnaps trank. Ob Pole oder nicht, das war ihm, auf deutsch gesagt, scheißegal. Die Hauptsache, der Selbstgebrannte kam schnell unter die Leute und brachte dem Hoffmann Gewinn.

Jacek, der wußte, daß er weder am Abend noch am hellichten Tage eine Gastwirtschaft betreten durfte, ließ die Ochsen im Schatten der alten Linde halten.

Bereitwillig und wie angewurzelt blieben die Tiere stehen. Ihre Kiefer malmten stetig. Nicht einmal die Fliegen in ihren Augenwinkeln schienen sie zu stören.

Einen Doppelten, sagte Jacek zum Hoffmannswirt.

Der aber sah Jacek Staszak nur an.

Einen Doppelten, wiederholte Jacek.

Der Wirt machte keinerlei Anstalten, Jacek zu bedienen. Ähnlich unbeweglich wie die Ochsen vor der Tür stand er hinter seinem Tresen.

Ich zahls dir morgen, sagte Staszak schließlich.

Morgen, morgen und nicht heute, sagen alle faulen Leute, antwortete der andere. Ohne Bargeld ging bei ihm nichts über die Theke. Allein schon wegen des Risikos, das sich seiner Meinung nach für ihn bei Polen verdoppelte. Einmal war das Ausschenken von Alkohol an Zwangsarbeiter verboten, zum anderen wußte man nie, ob diese armen Teufel nicht plötzlich verschwanden. Verschluckt, wie vom Erdboden, und er konnte dann sehen, wo seine­ Penunzen blieben.

Nein, nein, sagte er, ohne Geld kein Schnaps!

Jacek wollte sich gerade aufmachen, als er durchs Fenster Anna von ihrem kohlrabenschwarzen Wallach absteigen sah. Die Anna vom Schloß, sagte der Wirt.

Jacek sagte nichts.

Anna trat ein, und Jacek Staszak zog grußlos die Mütze.

Guten Tag, Fräulein Anna, sagte der Wirt.

Guten Tag! Der Gruß galt beiden, auch der Blick.

Ein Gehabe hat die, dachte Staszak, als wenn sie kein Wässerchen trüben könnte.

Augen hat die, dachte der Hoffmannswirt, als wenn der ganze Tag zum Lachen da wäre.

Anna aber dachte nur daran, wie sie dem Staszak eine Nachricht für Ludwik zustecken könnte.

Eine Runde, sagte sie, und der Wirt setzte sich, jetzt auch ohne Geld zu sehen, in Bewegung.

Wieviel?

Soviel wie wir hier sind!

Während sich der Hoffmannswirt stöhnend nach dem Selbstgebrannten bückte, nutzte Anna die Gelegenheit. Eine Schachtel Ziga­retten rutschte in Jaceks ausgefranste Jackentasche. Sie beugte sich dicht zu ihm, so dicht, daß er sie riechen konnte. Ein feiner Geruch und ganz anders als der von Barbara. Ihre Hand legte sich auf seinen Arm. Ganz leicht war diese Hand. Auch anders als die von Barbara. Deren Hände waren schwer von Hornhaut, außen rot und zerrissen, die Finger von der Arbeit breit, die Nägel kurz und ständig schwarz.

Annas Fingernägel waren weiß und lang gefeilt­ wie bei den Mädchen in den Illustrierten. Jacek hätte ihre Hände gern von innen gesehen­, allein weil er solche Hände noch nie von innen gesehen hatte.

Sag dem Ludwik, flüsterte sie in sein Ohr, morgen – morgen soll er kommen!

Staszak nickte. Der Ludwik, der wußte sicher, wie die Hände der Anna innen aussahen.

Geben Sie nur anständig einen aus, Fräulein Anna, sagte Staszak laut und kippte einen nach dem anderen.

Keiner der drei – weder der Wirt noch Anna, am allerwenigsten aber Staszak – hatte bemerkt, daß plötzlich der Dorfpolizist in der Wirtschaft stand.

Heil Hitler!

Heil Hitler, grüßte der Hoffmannswirt hilflos zurück, während Anna ihr Schnapsglas in die Tasche ihrer Reithose gleiten ließ.

Heil Hitler!

Wie es dann weiterging, weiß Jacek Staszak heute nicht mehr so genau. Ob er den Dorf­polizisten oder der Dorfpolizist ihn zuerst am Schlawittchen gehabt hat – in jedem Fall waren durch Jaceks Griff an des Polizisten Kragen ein paar Knöpfe von der Uniform gesprungen und durch die Wirtschaft gekullert.

Anna – daran kann sich Jacek noch gut erinnern –, Anna war auf einmal rückwärts gegangen, kalkweiß im Gesicht, immerfort rückwärts, bis ihre Stiefelabsätze die Türschwelle erreicht hatten. Sprachlos, mit aufgerissenen Augen, ohne Jacek zu helfen oder ein Wort der Besänftigung für den Polizisten zu finden, machte sie sich auf ihrem Pferd davon, als wäre nichts geschehen.

Jacek kam damals nicht mehr dazu, die Eggen­ auf den Gutshof zu fahren. Weiß der Himmel, wie lange die Ochsen unter des Hoffmannwirts Linde gestanden haben mochten. Auch dem Ludwik hatte er Annas Nachricht nicht mehr mitteilen können, und Barbara sah er erst lange nachdem sie ihren Sohn geboren hatte, wieder, und als der Krieg zu Ende war.

Leonie Ossowski

Über Leonie Ossowski

Biografie

Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, ist Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und zuletzt mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen...

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