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Wehrlos

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Thriller

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Wehrlos — Inhalt

Der erbarmungslose Kampf einer Frau um das Leben ihres Sohnes

Als die Umweltaktivistin Rachel Karlsen das Schlauchboot besteigt, sind ihre Gedanken ganz bei den Delfinen. Auf den Faröer-Inseln will sie diese vor der rituellen Schlachtung bewahren. Niemals hätte sie gedacht, dass der Wendepunkt ihrer Reise dabei eine Nachricht von ihrem an den Rollstuhl gefesselten Sohn Sacha sein würde. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er seine Beine bewegen! Freut sich Rachel zu früh? Momente nach der ersten bekommt sie eine zweite Nachricht. Absender: unbekannt. Kurz darauf explodiert das Schlauchboot …

Erschienen am 01.09.2016
Übersetzer: Eliane Hagedorn, Barbara Reitz
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98306-8

Leseprobe zu »Wehrlos«

Kapitel Eins

21. August 2010

Es war der Tag des Wunders und des Massakers. Auf halbem Weg zwischen Norwegen, Island und Schottland durchpflügte die Serendipity das graue Wasser. Die metallisch glänzende Dünung schlug so heftig gegen den Rumpf des Trawlers, dass dieser bedenklich ins Schwanken geriet. Während sie auf den Einsatz wartete, döste Rachel Karlsen fröstelnd in ihrer Koje und kämpfte mit leichter Übelkeit. Seit sie knapp drei Wochen zuvor im dänischen Hafen Ålborg an Bord gegangen war, fror sie. Eine durchdringende Kälte, so als hätten ihre [...]

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Kapitel Eins

21. August 2010

Es war der Tag des Wunders und des Massakers. Auf halbem Weg zwischen Norwegen, Island und Schottland durchpflügte die Serendipity das graue Wasser. Die metallisch glänzende Dünung schlug so heftig gegen den Rumpf des Trawlers, dass dieser bedenklich ins Schwanken geriet. Während sie auf den Einsatz wartete, döste Rachel Karlsen fröstelnd in ihrer Koje und kämpfte mit leichter Übelkeit. Seit sie knapp drei Wochen zuvor im dänischen Hafen Ålborg an Bord gegangen war, fror sie. Eine durchdringende Kälte, so als hätten ihre Knochen bis ins Mark den feinen Regen gespeichert, der jeden zweiten Tag auf sie niederging. Es wollte Rachel einfach nicht gelingen, ihre innere Unruhe zu vertreiben. Dieser Tag markierte das Ende eines Lebensabschnitts: Es war ihre letzte Kampagne, diesmal gegen die mittelalterliche Barbarei, die alljährlich an den Ufern der Färöer-Inseln stattfand. Danach würde sie, das hatte sie fest beschlossen, nach Kopenhagen zurückkehren und ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Es würde sicher ruhiger und weniger intensiv sein, aber auch konstruktiver. Das wurde, nachdem sie nun über dreißig Jahre alt war, auch Zeit. Die Perspektive war beängstigend und aufregend zugleich.

Der vierzig Meter lange alte Industrietrawler fuhr unter holländischer Flagge inkognito Richtung Färöer-Inseln. Sein Name und sämtliche Logos der Nichtregierungsorganisation Green Growth – zwei ineinander verschlungene grüne Gs über einer blauen Erdkugel – waren von Rumpf, Bordmaterial, Ölzeug, Computern und persönlichen Gegenständen entfernt oder überstrichen worden. Nichts deutete auf die Zugehörigkeit der Gruppe hin. Offiziell begab sich eine Delegation von Vertretern des Whale Watching zu den dänischen Inseln, um neue Spots für diese beliebte touristische Attraktion zu entwickeln. In Wahrheit war die zwanzigköpfige Besatzung, die zur Hälfte aus Freiwilligen bestand, entschlossen, mit den Mördern der Grindwale abzurechnen. Zwanzig Aktivisten unterschiedlicher Nationalität und Vergangenheit: Anarchisten, Studenten, ein Punk, Kriegsdienstverweigerer und einige professionelle Umweltschützer – und alle waren kampflustig und hoch motiviert.

Am Bug des Schiffes stand Morten, der Expeditionsleiter, eine imposante Gestalt mit gebräuntem, von Wind und Gischt gegerbtem Gesicht. Seine linke Hand umklammerte die Reling, die rechte hielt ein Fernglas, mit dem er den Ozean absuchte. So weit das Auge reichte, war nichts anderes zu sehen als die schwarz schillernden, bewegten und undurchdringlichen Wassermassen. Seit zwei Wochen wartete der dänische Kapitän darauf, eine Rückenflosse oder den Blas eines der Meeressäuger zu entdecken. Vergebens. Sie hatten ein paar einzelne Delfine gesichtet, zwei Schwertwale, eine Schule Großer Tümmler, zwei Robben. Aber keinen einzigen Grindwal, obgleich es in diesem Gebiet viele Kalmare gab, die zu ihrer Hauptnahrung zählten.

Die ganze Reise über hatten sie schlechtes Wetter gehabt, und die Navigationsbedingungen waren äußerst beschwerlich. Mehr als einmal wäre die Geheimoperation beinahe vorzeitig beendet worden. Die argwöhnische dänische Marine hatte offenbar Verdacht geschöpft und zwei Patrouillen losgeschickt, die Fotos gemacht und die Besatzung befragt hatten, freilich ohne dass sie ihnen auf die Schliche gekommen wären. Die Serendipity kreuzte in den Fjorden, doch von Walen war keine Spur. Frederik, der »Rotschopf« – seit sechs Jahren festes Mitglied von Green Growth –, war sogar für eine Nacht an Land gegangen, um sich in den Fischerkneipen umzuhören. Dann war er mit Neuigkeiten an Bord zurückgekommen. Wahrscheinlich würde das Massaker an dieser Küste, in der Nähe von Klasvik, stattfinden, denn hier hatten Fischerboote Walschulen ausgemacht. Ab diesem Zeitpunkt hatte die Besatzung der GG begonnen, vor der Küste spezielle kleine Bojen auszusetzen. Es handelte sich um eine französische, an Mittelmeerdelfinen getestete Erfindung, die via Radiotransmitter Signale, ähnlich den Schreien jagender Schwertwale, von sich gab, um die Grindwale in die Flucht zu schlagen.

Nach zwanzig Tagen auf dem Meer mit nur einem einzigen Zwischenstopp, um aufzutanken und ein Radargerät reparieren zu lassen, wurde die Atmosphäre an Bord immer angespannter. Seekrankheit, Untätigkeit, die drangvolle Enge, die zwangsläufig vegetarische Kost und die Erwartung eines angekündigten Massakers hatten die gute Laune der ersten Tage vertrieben. Morten spürte, es fehlte nicht mehr viel, und einige Besatzungsmitglieder würden handgreiflich werden. Es war Zeit zu handeln.

Plötzlich fiel sein Blick auf einen Strudel, den er nur allzu gut kannte. Die glatte Oberfläche brach auf, legte einen schwarz glänzenden Rücken frei und schloss sich erneut. Mortens Herz begann schneller zu schlagen. Ein weiterer Strudel an anderer Stelle, eine Rückenflosse tauchte auf und verschwand wieder. Sie kamen näher. Und plötzlich waren es Dutzende. Die Grindwale durchbrachen die dunkle Seide und verschwanden wieder. Hier und da ein Blas, einer Fontäne gleich. Die majestätischen Mitglieder aus der Familie der Delfine schwammen in aller Unschuld in ihren sicheren Tod.

Nach einem Blick mit dem Fernglas nach Steuerbord stellte Morten fest, dass die zerklüftete Küste der Färöer-Inseln immer näher rückte. Die hohen, schroffen und baumlosen Felsen mit der niederen Vegetation, die die Nordküste säumten, wurden gen Osten hin immer flacher und verwandelten sich schließlich in sanfte grüne, in die Fjorde abfallende Hügel. Schon erkannte man die ersten roten Dächer der hübschen kleinen Häuser oberhalb der Bucht. Eine idyllische Kulisse, die bald in Blut getaucht sein würde.

Das geübte Auge des Wachpostens oben auf dem Felsen hatte die Wale sicher bereits entdeckt und Alarm gegeben. Morten konnte sich mühelos vorstellen, wie sich die Bewohner bewaffneten, Säbel, Macheten und Gewehre aus ihren Schränken holten. Das schrille Pfeifen des Windes schmerzte in seinen Ohren. Langsam spürte er Zorn in sich aufsteigen, der seine Adern durchströmte und seine Muskeln zum Angriff stählen würde. Als sich die dunkle Energie in seinem ganzen Körper ausgebreitet hatte, ließ er das Fernglas sinken und ging nach unten in die Messe. »Sie sind da, alle Mann an Deck!« Seine Mannschaft war auf acht Kabinen zu beiden Seiten des kleinen dunklen Gangs verteilt, der nach feuchtem Holz roch. Er klopfte an jede Tür, blieb an der dritten stehen und öffnete sie.

»Los, Rachel, aufstehen!«

Rachels zerzauster brauner Haarschopf tauchte in der unteren Koje auf. Sie schniefte. »Wie viele sind es?«

»Zwei Schulen mit jeweils mindestens hundert Tieren.«

Rachel griff nach der roten Neoprenhose, die zusammengeknüllt vor dem Bett lag, und schlüpfte hinein. »Ich komme.«

»Bist du froh, dass es das letzte Mal ist?«

»Dann muss ich mir wenigstens dein Gemecker nicht mehr anhören …«, meinte sie und zwinkerte ihm zu.

Morten wartete kurz, als wolle er noch etwas sagen, wandte sich dann jedoch ab und schloss die Tür hinter sich. Rachel fragte sich, ob er – genau wie sie – ein wenig sentimental wurde bei der Vorstellung, dass es sich um ihren letzten gemeinsamen Einsatz handelte. Seit nunmehr fünf Jahren vertrauten sie einander, um in der ganzen Welt Meereswilderer zu jagen. Sie schlüpfte in ihre Neoprenstiefel, stand auf, zog die Öljacke an, fuhr mit den Fingern durch ihr störrisches trockenes Haar und bändigte es mit einem Gummiband.

»Rachel«, rief Karl von der Messe aus, »vergiss die Walkie-Talkies nicht.«

»Okay«, antwortete sie ihm durch die geschlossene Tür.

Rachel, das bedeutete auf Hebräisch »das Lamm«. Lange hatte sie ihren Vornamen, Symbol der Unterwerfung, der in der biblischen Geschichte eine halb schmeichelhafte, halb abwertende Bedeutung hatte, verabscheut. Ein hübsches Dummerchen, in das sich Jakob auf Anhieb verliebt hatte und das vierzehn Jahre lang auf ihn wartete, während ihre Schwester und ihr durchtriebener Vater sie austricksten. Erst die Erklärungen eines jüdi­schen Psychiaters und Freundes ihrer Eltern hatten sie mit ihrem Namen versöhnt. »Rachel steht nicht nur dafür«, hatte er ihr gesagt. »Sie hat auch die goldenen Statuen ihres Vaters gestohlen, um gegen ein ungerechtes System zu protestieren, das nur den männlichen Nachkommen ein Erbe zuschrieb. Sie war die erste feministische Heldin der Geschichte!« Bei dieser Erin­nerung lächelte Rachel, denn als überzeugte Umweltschützerin und Feministin gefiel ihr diese Interpretation.

Sie nahm die in wasserdichte Hüllen verpackten Walkie-Talkies, die über dem Spiegel ihres Nachtkästchens hingen. Joanna, die in der oberen Koje schlief, hatte am Spiegel ein kleines Foto ihrer Hunde befestigt. Drei muntere Promenadenmischungen, die in ihrem Blumengarten herumtollten. Auf der anderen Seite hatte Rachel ein Bild von ihrem Sohn angebracht. Sie beugte sich vor, um es zu betrachten, und strich liebevoll mit dem Finger darüber.

Sie hatte die gesamte Mannschaft des GG informiert, dass sie mit den Aktionen vor Ort aufhören und sich fortan nur um ihn kümmern würde. Und das stimmte auch. Sie konnte ihn in Zukunft nicht für so lange Zeit in die Obhut ihrer Schwiegermutter Christa geben, deren Gesundheitszustand nicht mehr der beste war. Sacha war erst vier Jahre alt, doch mit zunehmendem Alter würde der Alltag mit ihm komplizierter werden. Auf dem Foto grinste er verschmitzt und zeigte seine kleinen weißen Zähne, sodass man sich vorstellen konnte, wie er jeden Moment schallend loslachen würde. Sie erinnerte sich genau an jenen Morgen, an dem sie die Aufnahme gemacht hatte. Es war letztes Jahr im November gewesen, als in Kopenhagen der erste Schnee gefallen war. Bei der Aussicht, die ersten Flocken zu berühren, war Sacha furchtbar aufgeregt gewesen, hatte in seinem Kinderstuhl herumgezappelt und vor sich hingeplappert, unfähig, sich auf sein Müsli zu konzentrieren. So glich er jedem anderen dunkelhaarigen Jungen seines Alters. Doch Rachel wusste, dass hinter dem Stühlchen drohend der verhasste Rollstuhl lauerte, in dem er seit dem Zeitpunkt saß, da andere Kinder zu laufen anfingen.

»Die Lipomyelomeningocele, auch Spina bifida genannt, ist eine Fehlbildung des Fettgewebes im unteren Bereich der Wirbelsäule«, hatte ihr Professor Emil Hansen wenige Stunden nach der Entbindung mit sanfter, aber entschiedener Stimme mitgeteilt. »Die Schäden, die an den Nerven entstanden sind, können entweder aus dem Druck dieses Fettgewebes resultieren oder aus einer anormalen Entwicklung des Rückenmarks.« Er hatte erklärt, die häufigsten Symptome seien eine mehr oder weniger ausgeprägte Muskelschwäche in den Beinen, eine Veränderung des Gangs, eine Missbildung der Füße oder eine lokale Gefühllosigkeit in den Beinen und/oder den Füßen. Manchmal käme es leider vor, dass eine solche Behinderung beim pränatalen Ultraschall nicht festgestellt würde. »Diese Läsion kann kurz nach der Geburt operativ verschlossen werden. Durch eine spezielle Physiotherapie in den ersten Jahren wird der Junge auch ein wenig Autonomie erlangen können«, hatte Professor Hansen hinzugefügt. Nachdem diese Enthüllung Rachel für eine gute Weile die Sprache verschlagen hatte, brachte sie schließlich mühsam hervor: »Aber er wird laufen können, nicht wahr?« Emil Hansen hatte sich geräuspert und ihrem Blick standgehalten. »Es handelt sich um eine schwere Behinderung. Es gibt kaum Chancen, dass er je seine Beine wird benutzen können. Aber die Medizin macht große Fortschritte, und man darf nie die Hoffnung verlieren. Es gibt viele Kinder, die sehr gut mit ihrem Handicap leben können.« Rachel erinnerte sich noch genau an das körperliche Gefühl, sich im freien Fall zu befinden. Sie hatte sich an dem Pfosten ihres Bettes festklammern müssen.

Die Tür, die sich hinter dem Arzt schloss.

Das Schluchzen, das in ihrer Kehle aufstieg.

Die Tränen, die nicht kommen wollten.

Das Zittern und die eisige Kälte,

die sie ergriffen hatten.

Und das kleine, so empfindliche Wesen.

Empfindlich und gebrochen.

Rachel wandte den Blick von dem Foto ab und zog – vermutlich zum letzten Mal – den Reißverschluss ihrer Öljacke zu.

Ab jetzt würde sie sich um Sacha und um alle anderen Dinge kümmern, für die es sich lohnte, morgens aufzustehen. Durch den wachsenden Einfluss der Menschen war die Erde aus dem Gleichgewicht geraten. Es wurde höchste Zeit, dass sich dieses Bewusstsein auch im kollektiven und individuellen Handeln umsetzte und eine neue Solidarität zwischen allen Lebewesen entstand. Sobald sie in den Büros von Green Growth heimisch geworden wäre, wollte Rachel all ihre Energie aufwenden, um andere davon zu überzeugen, das Erbe der Menschheit zu bewahren und zu schützen. Das bedeutete einerseits, sich im täglichen Leben entsprechend zu verhalten, und andererseits, die öffentlichen und privaten Stellen zu verpflichten, unter allen Umständen der nachhaltigen Entwicklung den Vorzug zu geben.

Peter Tomasson, der Leiter von Green Growth Dänemark, hatte ihr angeboten, ihren bisherigen Posten als Aktionsleiterin, der sie in alle Ecken der Welt geführt hatte, gegen den der Verantwortlichen für Klima, Energie und Biodiversität einzutauschen. In ihrem neuen Büro in Kopenhagen erwartete sie ein Stapel Akten zur Vorbereitung der bevorstehenden Kampagnen: Kampf gegen den Klimawandel, gegen eine gentechnisch veränderte Landwirtschaft und gegen Atomkraft sowie für den Schutz der Biodiversität. So lautete die offizielle Version.

Denn inoffiziell würde Rachel gemeinsam mit Peter eine groß angelegte Operation vorbereiten. Es ging darum, einen der größten amerikanischen Konzerne zu entlarven, der nicht nur die Umwelt verschmutzte und die Bevölkerung vergiftete, sondern auch hinter den Kulissen unter Einsatz von Milliarden von Dollar alle Umweltschutzgesetze umging. Und Rachel hatte mit ihnen noch eine alte persönliche Rechnung zu begleichen. Wie jedes Mal, wenn sie an diesen Chemiemagnaten dachte, biss sie die Zähne zusammen. Selbst auf dem Meer, das normalerweise ihren Kopf frei machte, erinnerte sich Rachel noch ganz genau an den Anruf, den sie vier Tage nach ihrer Heimkehr von der Entbindungsstation von Professor Hansen bekommen hatte: »Ihre Plazenta weist einen erhöhten Anteil an PCB auf«, hatte ihr der Arzt erklärt. »Alles deutet darauf hin, dass dies die Ursache für die Spina bifida, das heißt für Sachas Behinderung ist. Neuere Veröffentlichungen haben belegt, dass so etwas bei mit PCB vergifteten Frauen häufig vorkommt, vor allem in China.« »Ich war noch nie in China«, hatte Rachel gestammelt. »Das kann schon sein, aber wissen Sie, PCB gibt es überall.«

Rachel wusste genau, was Polychlorierte Biphenyle waren. Doch in diesem Augenblick waren all ihre Kenntnisse wie weggeblasen gewesen. Verblüfft hatte sie Hansens Erklärungen gelauscht. »Es handelt sich um ein Basisprodukt, das für elektrische Kondensatoren, Farben und Isoliermittel verwendet wird. Seit den Achtzigerjahren weiß man, dass es sich um einen orga­nischen Giftstoff handelt, der verboten wurde. Leider gehört auch eine lange Haltbarkeit in der Umwelt zu seinen Charakteristika, sodass Wasserläufe und der Boden verseucht sein können. Vor allem wird er im Fett der Fische und Meeressäugetiere gespeichert.« Endlich hatte Rachel reagiert. »Ich habe nie belas­teten Fisch gegessen.« »Vielleicht ohne es zu wissen«, hatte Hansen gemeint. »Die Akkumulation geht progressiv vor sich.« Rachel hatte ungläubig geschwiegen. Die wahre Ursache der Vergiftung sollte sie erst zweieinhalb Jahre später entdecken.

Damals hatte sie dem Professor geantwortet: »Ich hatte aber nie irgendwelche Symptome oder Anzeichen.« »Studien haben erwiesen, dass die Vergiftung bei Erwachsenen unbemerkt bleiben kann, am gefährlichsten ist sie für den Fötus, es tut mir leid.« Hansen hatte gehüstelt, ehe er fortfuhr: »Leider müssen Sie Ihr Kind sofort abstillen. In der Muttermilch ist die PCB-Konzentration besonders hoch. Auch das tut mir unendlich leid.«

Ein weiterer Messerstich ins Herz.

Rachel durfte ihr Kind nicht mehr stillen, weil ihre Milch vergiftet war. Sie hatte viel geweint und sich schließlich in ihr Schicksal gefügt.

Jetzt warf sie einen letzten Blick auf das Foto ihres Sohnes. »Wir werden die Schuldigen zu fassen bekommen, mein Liebling, damit sie für alles bezahlen, was sie uns schon angetan haben und noch antun werden.« Darüber hatte Rachel ein Zitat von Théodore Monod aufgehängt:

Utopie ist einfach nur das, was noch nicht versucht wurde.

In der Kajüte unterhalb der Kommandobrücke hatte sich die ganze Mannschaft versammelt. Der Geruch nach Pulverkaffee, vermischt mit dem nach Motoröl, stieg ihnen in die Nase. Die gesamte Einsatztruppe, das heißt sechzehn Aktivisten in rotem Ölzeug, stand vor Morten.

Endlich schritt man zur Tat.

Rachel trat zu Karl, einem großen, kräftig gebauten blonden Deutschen, der bei ihrer letzten Aktion das Schlauchboot steuern würde. Morten bedachte sie mit einem autoritären und zugleich wohlwollenden Blick. Er war ein unvergleichlicher Seemann und Einsatzleiter, der seit zwanzig Jahren auf den Weltmeeren kreuzte, um die Waljäger zu verfolgen. Er führte seine Mannschaft mit fester Hand. Wer mit seiner direkten Art zurechtkam, schätzte seine Integrität und seinen Mut. Er wandte sich an seine Leute: »Zwei Schulen kommen von Norden, insgesamt mindestens zweihundert Tiere. Die Fischerboote werden anfangen, sie in die Bucht zu treiben. Karl und Rachel also wie immer im Schlauchboot, um zu filmen. Joanna, Lorenzo und Clara übernehmen die Bordwache, Frederik den Lautsprecher. John und Maria assistieren mir beim Manöver.«

Rachel suchte den Blick von Joanna, deren blond gelocktes, zu Zöpfen geflochtenes Haar unter der grünen Mütze versteckt war, doch diese sah nur zu Morten. Rachel sagte sich, dass sie seit ihrer Abreise keinen großen Austausch mit ihrer Kabinengenossin gehabt hatte. Joanna war nicht so entspannt und spontan wie normalerweise. Offensichtlich beschäftigte sie etwas, doch Rachel hatte nicht herausfinden können, was. Die Dänin hatte einen provokanten, überschwänglichen Charakter, konnte aber bisweilen auch schweigsam sein. Rachel wusste, dass jeglicher Versuch, sie zum Sprechen zu bewegen, sinnlos war.

Morten erklärte den Ablauf der Operation in allen Einzelheiten: »Die bewaffneten Männer werden warten, bis die Boote die Grindwale zum Strand getrieben haben, um sich auf sie zu stürzen und sie zu massakrieren. Wir versuchen, vorher einzu­greifen.«

Er wandte sich nun an alle: »Die Fischer können ebenso schnell bei uns sein wie wir bei ihnen. Meiner Meinung nach misstrauten sie uns von Anfang an, sonst hätten sie uns nicht zweimal die Küstenwache auf den Hals gehetzt. Ihr wisst, dass die Sache gefährlich ist. Sie werden nicht zögern, auf uns zu schießen, um uns zu vertreiben. Also kein falscher Heroismus, ich will euch alle wieder heil und gesund nach Hause zurückbringen.«

Rachel blickte in Mortens dunkle Augen und spürte, wie die Erregung ihres Chefs auf sie überging.

»Wir sind die Einzigen, die die Grindwale heute retten können«, fuhr er trotzig fort, »wir sind ihre letzte Chance.«

Plötzlich griff Rachel in die Tasche ihrer Öljacke, in der ihr Handy vibrierte. Offenbar hatten sie hier in Küstennähe wieder Netzempfang. Seit einer Woche hatten sie nur über das Bordfunkgerät Kontakt zur Außenwelt gehabt. Sie sah nach, wer sie angerufen hatte. Ihre Schwiegermutter Christa hatte ihr eine Nachricht hinterlassen. Diskret hob Rachel das Handy ans Ohr und hörte ihre Mailbox ab.

Ich bin im Krankenhaus, ruf mich an.

Rachels Herz begann schneller zu schlagen. Im Krankenhaus? Sie entschuldigte sich, lief auf die Brücke und wählte die Handynummer ihrer Schwiegermutter. Rachel lebte allein mit Sacha. Seinen Vater Niels, den Sohn von Christa, hatte sie fünf Jahre zuvor auf einem Green-Growth-Schiff kennengelernt, doch nach der Entbindung war er verschwunden. Christa hatte sich um den Säugling gekümmert, als wäre er ihr eigenes Kind, und hatte sowohl die Rolle der Mutter übernommen, die Rachel immer gefehlt hatte, als auch die der liebenden Großmutter. Christa antwortete beim ersten Klingelton.

»Hej, hier ist Rachel, was ist los?«

»Hallo, meine Hübsche, ich bin wegen des Kleinen im Krankenhaus.«

Christas Stimme klang schrill und aufgeregt.

Das Handy fest ans Ohr gedrückt, trat Rachel an die Reling. »Was ist passiert?«

»Ich gebe dir den Professor.«

Rachel hörte ein Rauschen und Knistern in der Leitung. Die Sekunden der Ungewissheit zogen sich in die Länge. Dann ertönte eine ruhige Stimme, die sie gut kannte.

»Rachel, hier ist Emil Hansen. Wie geht es Ihnen?«

»Was ist mit Sacha los, Professor?«

»Etwas Unglaubliches, Rachel.«

»Was denn?«

Rachel hatte fast geschrien. Eine Windböe erfasste sie, und sie hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Vor allem aber hörte sie nichts mehr.

»Doktor, Doktor?«

Ein Knistern war die einzige Antwort. Sie warf einen Blick auf ihr Handy und stellte fest, dass sie kein Netz mehr hatte. Rachel wählte erneut die Nummer ihrer Schwiegermutter.

Keine Verbindung möglich.

Verdammt! Sie versuchte es noch dreimal – vergeblich. Dann kehrte sie um und lief, die Augen auf das Display ihres Handys gerichtet, zurück. Etwas Unglaubliches, der Arzt hatte gesagt, etwas Unglaubliches … Plötzlich tauchte ein schwaches Netzzeichen auf. Mit steifen, zitternden Fingern wählte Rachel die Nummer. Endlich vernahm sie einen Rufton.

»Rachel?«

»Wir sind unterbrochen worden. Was haben Sie gesagt?«

»Es ist etwas Unglaubliches passiert!«

»Ja, ja, aber was denn?«

»Sacha hat die Füße gehoben und zwei Schritte gemacht.«

Fassungslos hielt sich Rachel an der Reling fest, um nicht zu fallen. Die Wellen verschwammen vor ihren Augen.

»Er hat die Füße gehoben?«

»Ja, genau, gut zehn Zentimeter!«

Rachel hatte plötzlich ihren vierjährigen Sohn vor Augen: Die unteren Gliedmaßen waren durch die Läsion fast vollständig gelähmt. Dank mehrerer Operationen und der Physiotherapie konnte Sacha in einem Laufwagen stehen, doch noch nie hatte er einen Fuß heben können.

»Aber das ist unmöglich! Sie haben gesagt, es sei völlig unmöglich!«

Durch das stetige Pfeifen des Windes gestört, hob Hansen die Stimme. »Das ist die Theorie, Rachel. Ich weiß, dass Sie Christa per Vollmacht ermächtigt haben, in Ihrer Abwesenheit über die medizinischen Maßnahmen zu entscheiden. Aber ich wollte Ihnen die Neuigkeit selbst mitteilen und Sie informieren, dass wir so schnell wie möglich Untersuchungen vornehmen werden.«

»Schmerzhafte Untersuchungen?«

»Nein, mehrere Elektromyografien.«

»Tausend Dank, Professor, halten Sie mich auf dem Laufenden.«

»Ich muss für eine Woche zu einem Kongress in die USA, aber gleich nach meiner Rückkehr sehen wir uns und besprechen die neue Physiotherapie.«

»Wunderbar!«

»Passen Sie auf sich auf, ich gebe Ihnen Christa.«

Rachel befand sich in einem Ausnahmezustand, und die Stimme ihrer Schwiegermutter drang wie durch einen Filter zu ihr vor. »Ist das nicht ein Wunder? Er wird vielleicht eines Tages laufen können. Halleluja!«

Rachel war derart verblüfft, dass sie nicht antworten konnte. Die Kälte der Sicherheitsreling war der einzige Kontakt mit der Realität, den sie noch klar wahrzunehmen vermochte.

Die Verbindung wurde immer schlechter. »Ich höre dich kaum, was hast du gesagt?«

»Ich wusste, dass es funktionieren würde.«

»Woher wusstest du das?«

»Ich habe das Nötige unternommen, Rachel. Und es hat geklappt, es ist ein Wunder!«

Rachel verstand nicht, was ihre Schwiegermutter sagte. »Was hast du unternommen, Christa?«, schrie sie in ihr Handy.

»Durch meinen Glauben habe ich ihn gerettet!«

»Was redest du da?«

»Bete mit mir, Rachel, bete!«

»Christa, bitte«, erwiderte Rachel und zwang sich, nicht zu brüllen, »sag mir, was du getan hast?«

»Ich habe zum Papst und zu den Heiligen gebetet, das ist alles.«

Fassungslos blinzelte Rachel. »Gibst du mir bitte den Kleinen?«

»Der Doktor hat ihn mitgenommen, tut mir leid.«

»Gib ihm einen dicken Kuss von mir, und sag ihm, dass seine Mama an ihn denkt, ihn lieb hat und ihm einen riesigen Berg Geschenke mitbringt. Danke noch einmal, dass du dich um ihn kümmerst. Ich liebe euch.«

Doch dann bemerkte Rachel, dass sie ins Leere sprach, die Verbindung war erneut unterbrochen. Verblüfft starrte sie auf das Handy, ganz so, als handelte es sich um einen mystischen Gegenstand. Sie stellte fest, dass der Akku fast leer war. Ihre Hand zitterte, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und Tränen stiegen ihr in die Augen.

Ein Wunder!

Ein Wunder war geschehen! Sie spürte ihren Körper nicht mehr und hatte das Gefühl zu schweben. Die Rührung war in ihr angeschwollen wie ein großer Ballon, der jeden Moment platzen könnte. Sacha kann laufen. Diese geheime Hoffnung, die sie seit vier Jahren immer wieder mit aller Macht unterdrückt hatte, schien jetzt endlich gerechtfertigt. Plötzlich fasste sie die verrückte Vorstellung ins Auge, Sacha könnte, stolz auf seine weißen Turnschuhe, auf seinen Beinchen stehen, er könnte gehen, vielleicht sogar laufen. Hör auf, das ist unmöglich.

Rachel bemerkte, dass es auf dem Vorderschiff unruhig geworden war, und stellte fest, dass die Mannschaft die Vorbereitungen für den Einsatz fast beendet hatte. Morten und Joanna warfen ihr fragende Blicke zu. Und mit einem Schlag war sie wieder in der Gegenwart. Sie war mitten auf dem Meer vor diesen verlorenen Inseln, Kilometer vom Festland entfernt, und konnte nicht einfach nach Hause fahren. Frustration und Schuldgefühle überkamen sie. Sie saß hier fest, während ihr kleiner Sohn einen außergewöhnlichen Tag erlebte und sich wichtigen Untersuchungen unterziehen musste. Sie überlegte schnell, welche Möglichkeiten sie hatte, auf der Stelle von hier zu verschwinden, und kam zu dem Schluss, dass es keine einzige gab. Sie fluchte leise. Verdammter Mist! Wenn sie nach dem Einsatz an Land gehen und mit der Fähre oder durch den Tunnel nach zweistündiger Autofahrt den Flughafen Vágar errei­chen und einen Flug bekommen könnte, wäre sie mit etwas Glück heute Nacht, schlimmstenfalls morgen Mittag wieder in Kopenhagen.

Sie betrachtete die Küste, die Felsen waren grandios und beängstigend zugleich. Das Team war fast fertig angezogen. Los, mach deine Arbeit, und fahr nach Hause. Rachel bemerkte den beunruhigten Blick von Joanna und gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie gleich kommen würde. Sie ging noch einmal schnell in die Kabine, um ihr altes Handy an das Ladegerät zu hängen. Als sie den Stecker hineinschob, vibrierte der Apparat. Ein kleiner Briefumschlag zeigte an, dass sie eine SMS empfangen hatte. Da sie dachte, sie könnte von Christa kommen, las sie die Nachricht sofort.

Steig nich in das bot sie wollen dein kof

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Rachel runzelte die Stirn und schnaubte. Was soll denn dieser Blödsinn? Schon wieder ein Verrückter. Sie war bereits etlichen dieser Sorte begegnet, seit sie sich aktiv bei den Umweltschützern engagierte. Am schlimmsten war es gewesen, als vor einem Jahr der UNO-Gipfel zum Klimawandel in Kopenhagen stattgefunden hatte. Zu dieser Zeit hatte sie mehr Beleidigungen, Drohungen und Einschüchterungsversuche hinnehmen müssen als während ihrer gesamten zehnjährigen Aktivistenlaufbahn. Sie legte das Handy auf das Nachtkästchen zurück und beschloss, so wie sie es immer gehalten hatte, die seltsame Nachricht sofort zu vergessen.

Rachel vertrieb alle störenden Gedanken, die ihren Einsatz gefährden könnten, und bemühte sich um eine gleichgültige Haltung. Sie schloss den Kragen ihrer Öljacke und ging eilig zum Vorderschiff. Dort traf sie ihre sechs Kollegen an. Morten warf ihr hinter der Glasscheibe des Ruderhauses einen fragenden Blick zu. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Rachel lächelte.

»Sehr gute Nachrichten bei mir zu Hause, alles in Ordnung.«

Joanna trat zu ihr und flüsterte ihr zu: »What’s up, dear?«

»Das war Christa. Sacha ist im Krankenhaus, aber kein Grund zur Sorge. Es ist ein Wunder geschehen, er hat die Füße gehoben.«

Joanna drückte ihren Arm. »Das ist ja Wahnsinn, ich dachte, so was wäre ganz unmöglich!«

»Ich auch …«

Eine Welle der Erleichterung ergriff die Mannschaft. Karl wandte seine Aufmerksamkeit dem Fjord zu. »Sie formieren sich!«, rief er und deutete auf die Ausfahrt der Bucht.

Alle blickten in die Richtung, in die er zeigte. Ein Dutzend kleiner Fischerboote war aufs Meer gefahren und bildete jetzt, der Tradition entsprechend, vor der Küste einen Halbkreis. Ohne es sehen zu können, ahnte man, dass sie in dem so abgeteilten Sektor die beiden Grindwalschulen in die Zange nahmen. Die Boote näherten sich dem Ufer und trieben die Delfine in den Fjord. Das Meer schloss sich hinter ihnen wie eine Falle.

Morten gab Gas, und die Serendipity steuerte die Bucht an.

Seit sich die ersten Siedler im 9. Jahrhundert auf den Färöern niedergelassen hatten, fand hier zu Ehren der Wikingertradition das Grindadráp statt, die Jagd auf die Grindwale. Die örtlichen Behörden genehmigten sie, obwohl es sich laut der Konvention der Internationalen Walfangkommission um geschützte Tierarten handelt. So wurden am Ende des Sommers alljährlich um die tausend Globicephala melaena getötet und zerteilt. Die Färinger behaupteten, dieses Schauspiel, an dem sich alle Inselbewohner beteiligen konnten, sei Teil ihrer Kultur und Geschichte, der Tod der Wale sei schmerzlos und durch die Tatsache gerechtfertigt, dass das Fleisch getrocknet und das Jahr über verzehrt würde.

Green Growth hatte dies als Lüge enttarnt. In Wahrheit hatte das färöische Gesundheitsministerium Ende 2008 das Fleisch der Globicephala wegen der hohen toxischen Belastung als ungeeignet für den Verzehr erklärt. Damit war die blutige Corrida aus ernährungstechnischer Hinsicht unnütz. Dennoch wurde sie im Namen der Tradition – und um die Touristen mit Walzähnen zu beliefern – fortgesetzt. Siebzehn Städte und Dörfer an der Küste des Fjords waren noch berechtigt, das Gemetzel fortzusetzen. Heute würde die Schlächterei vermutlich im Fjord von Klasvik stattfinden.

Die Färinger Fischer spannten mit Steinen beschwerte Netze zwischen ihren Booten und trieben die Tiere in den Fjord. Da es verboten war, die Tiere auf dem offenen Meer anzu­greifen, wurden sie, einmal gestrandet, mit Fanghaken und Seilen auf den Sand gezogen und dort mit Messern getötet und sofort zerteilt.

Die dunklen Wolken, die am Himmel aufzogen, kündigten neue Regenfälle an. Unter Missachtung der Warnschüsse und des Hupens entlang der Küste fuhr die Serendipity in den Fjord. Dutzende Autos mit aufgeblendeten Scheinwerfern parkten am Ufer und auf den Hügeln. Die Bewohner traten aus den weißen Häusern mit den roten Türen. Fast die gesamte Insel­bevölkerung war versammelt, denn um nichts auf der Welt wollten sie dieses Schauspiel versäumen. Mit Fanghaken und Messern bewaffnet, gingen sie hinab zum Strand. Männer, Frauen und Kinder kamen, um das Ritual durchzuführen. Es wurde gesungen, gelacht, gescherzt, die Stimmung war wie bei einem Dorffest.

Das Schlauchboot der Serendipity wurde zu Wasser gelassen und schaukelte in der Dünung.

»Hast du den Motor überprüft, Karl?«, fragte Rachel, die sich nach dem aufwühlenden Anruf, so gut es ging, zu konzentrieren versuchte.

»Es kommt gerade aus der Werkstatt in Ålborg. Nach dem letzten großen Schaden ist es komplett überholt worden.«

Rachel und Karl stiegen die drei Sprossen der an der Steuer­bordseite befestigten Metallleiter hinab und sprangen in das Schnellboot. Frederik ließ die wasserdichte Box mit der Videokamera herab. Rachel nahm sie entgegen, setzte sich auf den Seitenwulst und klemmte die Füße unter die am Boden gespannten Sicherheitsgurte, während Karl an der Ruderpinne stand und den Motor anließ. Rachel schaltete die Videokamera ein, überprüfte die Einstellung und bedeutete der restlichen Mannschaft, den Daumen in die Höhe gereckt, dass alles in Ordnung war. Alle applaudierten zur Ermutigung. Rachel gurtete sich an der Sicherheitsleine an.

»Auf geht’s!«, rief Morten mit donnernder Stimme.

Die Serendipity würde Unordnung in das Treiben der Wale bringen, während Rachel und Karl so dicht wie möglich heran­fahren sollten, um zu filmen. Morgen wäre das Video im Internet zu sehen.

Das Schiff der Green Growth legte an Tempo zu und positionierte sich zwischen den Booten der Treiber und dem Strand. Näher konnten sie nicht heranfahren, wenn sie nicht im Schlick stecken bleiben wollten. Mit einem schnellen Manöver überholte Karl die Serendipity. Rachel filmte die Totale: den Halbkreis aus Fischerbooten, der sich immer enger zusammenzog, das Green-Growth-Schiff in der Mitte der Bucht, die schwarzen Rücken der Grindwale, die in der Falle saßen. Frederik, der am Bug des Schiffes stand, griff nach dem Megafon. »Hören Sie auf, diese Jagd ist verboten. Sie verstoßen gegen die Gesetze der Inter­nationalen Walfangkommission!«

Die Antwort auf seine Anschuldigung war ein Schuss in die Luft, der am Strand abgefeuert wurde. Dann erhob sich am Ufer Protestgeschrei.

Das Megafon am Mund, setzte Frederik seine Aufforderung fort. Das Schlauchboot näherte sich dem Strand. Es befand sich jetzt zwischen der zusammengetriebenen Grindwalschule und den Färingern, die ins Wasser stiegen. Mit ihren hohen Gummistiefeln, die Fanghaken in der Hand, drängten die kräftigsten Männer in das dunkle Nass. Rachel schaltete die Kamera ein. Eine Totale der Hunderte von Walen, die auf das Schlauchboot zuschwammen, es streiften und überholten. Eine Großaufnahme der Färinger, die tiefer in das Meer schritten und mit der Zunge schnalzten, um die Meeressäuger anzulocken. Ein mächtiger, dumpfer Klagelaut erhob sich: Das Nebelhorn der Seren­dipity ertönte mit voller Kraft. Einige aufgescheuchte Grindwale versuchten umzukehren, doch die Mehrzahl drängte weiterhin in die Bucht. Morten, Joanna, Maria und Frederik setzten die Sirenen in Gang, während die Unterwassersonden schrille Pfiffe ausstießen. Die Antwort vom Land ließ nicht lange auf sich warten. Die bewaffneten Färinger schossen Salven in die Luft. Der Geräuschpegel wurde unerträglich.

Das von den Tieren auf der einen, von den Jägern auf der anderen Seite bedrängte Schlauchboot zog immer engere Kreise. Die vor Aufregung geröteten Gesichter der Fischer kamen näher. Rachel klammerte sich mit der einen Hand an der Sicherheitsleine fest, während sie mit der anderen filmte. Der erste in die Enge getriebene Wal steuerte auf einen der Jäger zu.

Der nahm sofort den Kampf auf.

Ein weißhaariger Färinger mit breiten Schultern und kantigem Kinn stieß als Erster sein Messer in die glänzende Haut des Delfins. Das Blut schoss in einer hohen Fontäne aus der Wunde empor.

Die Lippen zusammengepresst, zoomte Rachel die Szene näher heran. Eine heftige Welle schlug gegen die Seite des Schlauchboots und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie fing sich wieder und filmte weiter. Sie hörte Schreie und Beleidigungen, die ihr galten. Einer der Grindwale machte eine Kehrtwendung und versetzte dem Boot dabei einen Schlag mit der Schwanzflosse. Karl fuhr zur Seite, um ihm den Weg frei zu machen. Rachel richtete ihre Kamera aus. Jetzt strandeten die Grindwale am Ufer und wurden sogleich einer nach dem ande­ren von den Jägern harpuniert. Das karmesinrote Blut spritzte aus der schwarzen Haut. Gischt und Sand röteten sich. Die blutverschmierten Männer töteten alles, was ihnen in die Quere kam. Mit ihren Messern schnitten sie die königlichen Tiere auf und zerlegten sie, während ihr Herz noch schlug.

Bald tanzte das Schlauchboot durch die tiefrote Brandung. Rachel filmte Flossen und die aufgeschlitzten Leiber der sterbenden Wale. Sie wollte noch näher heran und rief: »Karl, zieh nach rechts, ich …«

Weiter kam sie nicht. Eine starke Druckwelle hob den Bug des Boots an. Es richtete sich senkrecht auf und zerbarst in der Luft wie ein Ballon. Eine gewaltige Explosion hallte wider.

Rachel wurde hochgeschleudert und stürzte dann nach hinten. Sie traf mit dem Rücken auf der Wasseroberfläche auf, ihr Kopf schlug gegen etwas Hartes.

Sie verlor kurz das Bewusstsein. Doch das eisige Wasser, das durch ihre Kleider drang, elektrisierte ihren Körper. Sie kam wieder zu sich, schluckte Wasser, spuckte und rang nach Luft. Ein Gewicht an ihrem Knöchel zog sie nach unten. Ihre Hände schlugen gegen die Trümmer des Schlauchboots. Ein glitschiger Körper streifte sie: Ein ebenso panischer Grindwal versuchte zu entkommen. Rachel kämpfte, wollte schwimmen, doch ihr rechtes Bein hing fest. Sie hörte Stimmen, die ihr etwas zurie­fen, und das dumpfe Pfeifen der Wale, die in der Falle saßen wie sie selbst auch. Sie konnte sich, von der Kälte gelähmt, kaum noch an der Oberfläche halten. Sie schluckte das blutige Wasser. Sie würde ertrinken. Sie öffnete die Augen und blickte in die von Sacha. Sie hörte sein Lachen. Mein Liebling. Als ihr Kopf in den rot gefärbten Wellen versank, galt ihr letzter Gedanke ihrem kleinen Jungen, der über die Felder lief.

Über Elena Sender

Biografie

Elena Sender, geboren 1972, arbeitet als Wissenschaftsjournalistin für die renommierte französische Zeitschrift Sciences et Avenir. Als Expertin für Gehirn- und Emotionsforschung lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Paris. Nach ihrem Debüt "Begraben" legt sie mit "Wehrlos" ihren...

Pressestimmen

Deutschlandfunk

»Der neue Roman der französischen Wissenschaftsjournalistin Elena Sender enthält alle Zutaten eines spannenden Forschungsthrillers. (...) Man wird von diesem Thriller zugleich bestens informiert und unterhalten.«

Dresdner Morgenpost

»Dieses Buch fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.«

Krimilandblog

»Lesenswert. Ein ambitionierter Thriller - spannend und unterhaltsam.«

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