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Was würde der Boss tun?

Was würde der Boss tun?

Roman

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Was würde der Boss tun? — Inhalt

Tom liebt Anna. Aber soll er sie deswegen gleich heiraten? Wozu eine eigene Familie gründen, fragt er sich. Denn eines weiß Tom ganz genau, seit sein Vater starb, als er selbst gerade laufen lernte: Das Glück kann sehr zerbrechlich sein. Fest steht aber auch: In ein paar Tagen wird Tom älter sein, als sein Vater je geworden ist. Höchste Zeit für ihn, erwachsen zu werden. Und wie immer in verzweifelter Lage gibt es für Tom nur eine Frage: Was würde der Boss tun? Diesmal aber werden ihm die Songtexte nicht weiterhelfen, diesmal muss er den Boss persönlich fragen.
Eine entwaffnend romantische Geschichte über die Liebe, über Vorbilder, Rock ’n’ Roll und den Mut, sich auch den schmerzlichen Momenten seines Lebens zu stellen.

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 07.03.2011
240 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95264-4

Leseprobe zu »Was würde der Boss tun?«

1. BORN IN THE USA

 

Der Boss und ich lernten uns Mitte der Achtziger in meinem Kinderzimmer kennen. Charlie hatte mir seinen Dual-Plattenspieler vererbt, weil er auf CD umgestiegen war. Und wie es unter Brüdern üblich ist, überließ er mir nur die Teile seiner Vinylsammlung, die er doppelt hatte oder für die er sich schämte. Huey Lewis & The News, Whitesnake, ZZ Top. Ein übler Mix.
Ich war irre stolz.
Zwischen Kraftwerk und einer Platte von UFO steckte Born in the USA. Noch verschweißt. Charlie leugnet bis heute, das Album je besessen zu haben. [...]

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1. BORN IN THE USA

 

Der Boss und ich lernten uns Mitte der Achtziger in meinem Kinderzimmer kennen. Charlie hatte mir seinen Dual-Plattenspieler vererbt, weil er auf CD umgestiegen war. Und wie es unter Brüdern üblich ist, überließ er mir nur die Teile seiner Vinylsammlung, die er doppelt hatte oder für die er sich schämte. Huey Lewis & The News, Whitesnake, ZZ Top. Ein übler Mix.
Ich war irre stolz.
Zwischen Kraftwerk und einer Platte von UFO steckte Born in the USA. Noch verschweißt. Charlie leugnet bis heute, das Album je besessen zu haben. Wahrscheinlich sind wir deshalb so verschieden. Der Ältere hat seine einzige Platte von Bruce Springsteen nie ausgepackt, der Jüngere legte sie neugierig auf.
Ich zog die Hülle aus dem Stapel und blickte auf einen Jeanshintern vor der amerikanischen Flagge. Das Bild verwirrte mich. Trotzdem riss ich die Verpackung auf und setzte die Nadel auf die Rille. Direkt davor hatte ich Eye of the Tiger von Survivor gehört, das Fenster geöffnet, war ums Haus gegangen und hatte getestet, ob ich auch im Garten Musik hören könnte. Die Anlage war bis zum Anschlag aufgedreht.
Mein Leben veränderte sich Trommelschlag auf Trommelschlag. Es blies mir die Haare nach hinten. Springsteen brüllte mich an, als hätte ich ihm sein Cappy geklaut. Ich sank zurück auf den blauen Teppichboden meines Kinderzimmers. In Sekunde 49 war es um mich geschehen. Da setzt die Gitarre ein. Es hatte mich umgehauen. Ich wusste: Den mag ich.
Kurze Zeit später lernte ich in der Schule, was passiert, wenn zwei Menschen sich kennenlernen. Frau Bestmann, meine Grundschullehrerin sagte, dass es etwa fünf Minuten dauere, bis man jemanden zuverlässig einschätzen könne. In den ersten Sekunden ordne man sein Gegenüber in ein grobes Raster ein: männlich/weiblich, alt/jung, interessant/langweilig. Da verstand ich endlich, was in meinem Kinderzimmer passiert war. Und erinnerte mich an meine Verwirrung und dachte: Kein Wunder. Auf dem Cover sieht man nur Springsteens Arsch. Da war nichts mit Einordnung, nicht mal einer groben. Und dieser Arsch schrie mich aus voller Seele an: Born down in a dead man’s town. The first kick I took was when I hit the ground. End up like a dog that’s been beat to much. Until you spend half your life just covering up.
Es öffnete sich eine neue Welt für mich. In gerade mal vier Minuten und 39 Sekunden. Born in the USA, vom ersten bis zum letzten Moment.
Doch ich war hilflos. Born in the BRD. Und meinem Bruder konnte ich mit Springsteen nicht kommen. Er spielte in einer Hardrock-Band, sie nannten sich »Jigsaw«, und er besaß eine pinke Gitarre, die Metal-Stratocaster. Die ließ er schreien wie eine Katze, der man den Schwanz anzündet. Dabei verzerrte er sein Gesicht, als würde er gebären.
»Springsteen spielt eine Telecaster«, meinte Charlie abfällig. Er wedelte mit einer Bravo vor meiner Nase herum, die Bruce auf dem Titelblatt zeigte: »Nur schwule Cowboys spielen Telecaster.«
» Echt? «
»Das ist doch kein Rock, was der macht«, sagte Charlie.
»Was denn sonst?«
»Walzer.« Seine Verachtung stand kurz im Raum. »Ehrlich, da kannst du gleich Meat Loaf hören.«
»Was ist Miet Loof?«
»Oh Mann!«, Charlie schlug sich mit der Hand an die Stirn.
Er ist vier Jahre älter – logisch fühlte er sich damals als Chef unter uns Brüdern. Umso wichtiger war für mich, dass nun der Boss bei uns beiden einzog.
Charlie und ich führten einen Stellungskrieg im Haus. Er klebte Haare zwischen Tür und Rahmen, um nachzuweisen, dass ich regelmäßig sein Zimmer betrat. Gut, tat ich ja auch. Unter dem Bett hielt Charlie eine beeindruckende Playboy-Sammlung versteckt. Doch es blieb nicht ungestraft. Charlie hustete auf sein Essen, damit ich es nicht anrührte. Und wenn er selber nicht ganz aufaß, versteckte er die Reste in den tiefsten Ecken meines Zimmers. Dann maulte er, dass es bei mir stinke wie im Puff. Dabei wusste ich nicht mal, was das ist: Puff.
Bruce befreite mich, nein, mehr noch. Er rettete unsere Bruderliebe. Ich sparte jeden Pfennig und kaufte mir alle seine Platten. Sogar die ersten zwei Alben, die kaum jemand kannte. Viele wissen nicht einmal, dass Springsteen vor Born in the USA überhaupt Musik veröffentlicht hat. Born to Run kennen noch ein paar Leute. Aber jeder, wirklich jeder kennt Born in the USA. Soweit ich weiß, hat sich außerThriller in den Achtzigern kein anderes Album so häufig verkauft. Für mich war das ein Grund, eine Weile sauer zu sein auf diese Platte. Sie hat Springsteens Ruf ruiniert. Egal wo ich hinkam und sagte, dass ich den Boss toll finde, hörte ich nur: »Und, wo ist dein Stirnband, du Prolet?« Alle, die ihm nicht zuhörten – und keiner hört bei Songtexten wirklich zu –, hielten Springsteen für Ronald Reagans und Rambos Musiklieferanten. Für einen Idioten also. Und damit irgendwie auch mich. Die Guten, diejenigen, die ich auf meiner Seite haben wollte, die fanden mich bescheuert wegen dieser Heldenverehrung. Bis heute hat sich daran nichts Grundlegendes geändert – außer, dass es mir inzwischen egal ist.
Heute habe ich eine Ohrenspülung hinter mir. Tage, die mit einer Ohrenspülung beginnen, sind gute Tage. Bei dieser Prozedur drückt ein Arzt eine Art Duschkopf auf die Ohrmuschel des Patienten und schickt einen lauwarmen Wasserstrahl auf die Reise. Diese Behandlung muss ich in regelmäßigen Abständen vornehmen lassen, seit ich mir das linke Trommelfell auf einem Rockkonzert verdorben habe.
U2. Eine gerechte Strafe.
Jedenfalls: Ein HNO, der es richtig draufhat, der einen Patienten derart intensiv an einer Stelle kratzt, die dieser sonst nie im Leben erreichen würde, bewegt sich für mich auf einer Stufe mit einem Violinisten. Ich rate jedem, sich mal die Ohren ausspülen zu lassen.
So fühlt sich mein Hirn gereinigt an, und mein Geist ist erfrischt, als Ben an diesem Freitagabend vorbeikommt. Ben und ich rauchen schlechtes Gras, trinken zu viel Bier und hören alte Springsteen-Platten. Es läuft jedes Mal so. Der Boss ist auch so einer, der mich an Stellen kratzt, an die ich sonst nicht herankomme. Und Ben ist der Einzige, der meine bedingungslose Liebe für Bruce Springsteen nicht nur versteht, sondern sogar teilt.
Dieser Freitagabend mit Ben würde also werden wie jeder andere Freitagabend mit Ben. Wie soll ich Abende mit Ben unterscheiden? Sie tragen keine Fähnchen wie E-Mails, deren Absender darauf bestehen, dass man sie sofort lesen soll. Wir sitzen in meinem verrauchten Wohnzimmer. Es ist spät, so spät, dass uns die Papers ausgehen. Wer mit über dreißig noch kifft, überlässt eigentlich nichts dem Zufall.
Ben und ich, da passt wenig zwischen. Wir rauchten zusammen die erste Zigarette und wurden von Bens Vater dabei erwischt. Er griff zielsicher in Bens Jackentasche, holte die Schachtel heraus und schmierte ihm eine. Wir gründeten eine Band in dem Rattenloch unseres Schulkellers und schliefen mit denselben Frauen – er sogar mit einer dort unten im Keller. Rock ’n’ Roll, fanden wir. Später unternahmen wir gemeinsam Roadtrips ans andere Ende der Welt, wo wir in reißenden Bächen schwammen und an Lagerfeuern saßen.
Ben hat sein Manuskript mitgebracht. Er schreibt an seinem ersten Theaterstück, und er schreibt es von hinten. So, wie er auch Zeitschriften liest. Deshalb ist die Schlussszene das Erste, was ich von seinem Stück höre.
Er räuspert sich: »Dann die finale Regieanweisung: Müller steht über Lottas leblosem Körper. Das Blut strömt aus den Schnittwunden an seinen Handgelenken und vermischt sich mit dem Sommerregen. Er sackt zur Seite und fällt lautlos ins hohe Gras. Lotta schlägt die Augen auf. «
Ben macht eine bedeutungsvolle Pause. Vorhang. Er klappt seinen schwarzen Schreibblock zu und steigt von der Bühne, meinem alten Fifties-Sideboard, das an der langen Wand meines Wohnzimmers steht. Er geht ein paar Schritte über das knarrende Parkett und legt das Manuskript vor mich auf den Couchtisch. Ich lehne mich vor und lese, was er mit Füller auf das Etikett des Blocks geschrieben hat:

 

Nach der Liebe
( Arbeitstitel )
Eine Tragödie in drei Akten
Von Ben Stadler

 

Dann schaue ich auf. Die hohe Decke und der Stuck umrahmen Bens Gesicht. Von hier unten betrachtet, kann ich ihn mir als Regisseur sogar vorstellen. Vielleicht liegt das aber auch am Gras.
»Und?«, fragt er. »Was sagst du?«
Ich lehne mich wieder zurück und werfe das Manuskript auf den Tisch. » Wie willst du das mit dem Regen machen? Technisch, mein ich. Geht das überhaupt im Theater? «
»Das ist doch überhaupt nicht der Punkt!«
»Nein, ich mag’s«, sage ich. »Wirklich. Ein bisschen wie Faust meets Romeo und Julia
Das wollte er jetzt auch nicht hören.
»Ich bin hier nicht der Theaterexperte. Ich verkaufe T-Shirts, okay? «
Ben schweigt kurz. »Scheiß Modefuzzi.«
» Sag mal, warst du inzwischen mal beim Arzt wegen deines Tourette-Syndroms? «
» Entschuldige. «
Ich schaue beleidigt an die Decke: »Spasti.«
Ben war gerade im elften Semester Soziologie, als er abends bei mir saß und verkündete, dass er seine wahre Berufung gefunden habe: Die Theaterwissenschaft. Seitdem arbeitet er an der kleinen Bühne im Park und überlegt abends an seinem Stück herum. Manchmal sucht er per E-Mail Rat bei meinem Bruder, der schon einige Abhandlungen über große Werke verfasst hat. Das ganze Theaterding mag ein weiterer Irrweg sein, aber zumindest passt er besser zu ihm. Ben gewann sein Lachen zurück, bei dem man ganz viel fröhliches Zahnfleisch sieht.
Bis dahin neigte Ben zum Aufgeben. Die Sache mit der Konstanz sei einfach nicht so sein Ding, behauptet er gerne. Da draußen gäbe es zu viel, was auszuprobieren sei. Klar, recht hat er, aber im Laufe der Jahre hatte ich mich im Gegensatz zu ihm doch für ein paar Sachen entschieden. Für den Job zum Beispiel. Außerdem bin ich aus unserer gemeinsamen WG ausgezogen, in der es tagelang nach Fisch stank, wenn wir Forellen in die Pfanne gehauen hatten. Jetzt lebe ich in einer etwas größeren Wohnung, und obwohl ich mir eine silberne Dunstabzugshaube gekauft habe, stinkt es immer noch nach Fisch.
Seit wir uns kennen, hat sich die Welt verändert. Ronald Reagans zweite Amtszeit ging zu Ende, Kurt Cobain blies sich den Schädel weg, und sogar Helmut Kohl war irgendwann nicht mehr Bundeskanzler. Einer aber blieb: der Boss. Genau genommen führen Ben und ich mit Bruce Springsteen eine ziemlich stabile Beziehung.
»Soll Lotta blond sein oder brünett?«, fragt Ben und notiert sich meine Antworten.
»Blond natürlich«, sage ich.
» Stellst du dir Müller eher kahl vor? Oder hat er volles Haar? «
» Vielleicht solltest du das Stück von vorne schreiben und dir solche Sachen vorher überlegen?«, ich schiele auf den Laptop.
»Scheiße, du bist überhaupt nicht bei der Sache.«
»Tut mir leid. Tourdaten. Weißt schon.«
» Heute? «
» Heute. «
»Na, dann schau schon nach.« Ben wirft sich aufs Sofa. »Bist du sicher, dass es heute ist?«
» Ganz sicher. «
Tagelang schon kursiert in Internetforen das Gerücht, dass Bruce Springsteen seine Welttournee verlängern wird. Schon länger als ein Jahr war der Boss mit seiner E Street Band unterwegs, und weil ein paar der Musiker inzwischen aussehen wie Penner bei der Armenspeisung, machen wir uns Sorgen, die letzte Show zu verpassen.
»Eigentlich jämmerlich«, sagt Ben. »Es ist Freitagnacht. Wir sollten da draußen sein und was erleben. Stattdessen verbringen wir unsere Wochenenden wie alte Säcke. «
» Da draußen gibt es nichts zu erleben «, erwidere ich. »Wir wohnen seit zwölf Jahren in München. Diese Stadt ist leer erlebt. Und Mann, entspann dich.«
»Ich bin entspannt.«
»Dann hör auf mit deinem Bein zu wackeln und hol lieber noch ’n Bier.«
Ben bricht widerwillig auf. Zwischen dem Aschenbecher, einer Bierlache und der Flasche Jameson steht mein Laptop. Ich klicke auf den Refresh-Button. Springsteens Homepage lädt von Neuem.
Keine Änderung.
»Wer weiß, wie oft er noch auf Tour geht«, rufe ich.
» Mit der Drohung, dass das jetzt garantiert die letzte Tour wird, finanzieren sich die Rolling Stones seit dreißig Jahren«, antwortet Ben aus der Küche. »Wir sind schon so bescheuert wie die Fans von Mick Jagger«, sagt er und stellt vier Flaschen vor mir ab.
Ich sehe ihn fragend an.
»Zwei sind doch sowieso gleich leer.«
Als ich erneut klicke, friert der Bildschirm ein. »Es tut sich was.« Ich packe ihn am Ärmel. »Es tut sich was!« Ben lässt sich von mir aufs Sofa ziehen, er klickt seinerseits. Die Seite lädt, und die Liste an Städten ist nun beinahe doppelt so lang.
»Ich glaub’s nicht«, sagt Ben nachdem er ein zweites Mal die Liste überflogen hat. »Alles in den USA. Noch mal nach Europa zu kommen, hat er nicht nötig, oder wie?« Ben steht auf und schleudert seinen Pullover gegen die Wand.
»Biblischer Zorn«, ich nicke anerkennend.
»Ich hab ihn auch nicht zwei Mal gesehen auf dieser Tour. «
» Was kann ich dafür, dass du dir kein Zugticket nach Mannheim leisten kannst?«
» Verfickte Scheiße. «
» Tourette. «
» ’Tschuldigung. «
»Okay, hör zu, Benni. Lass uns nach New York fahren.« Ich vergewissere mich auf dem Bildschirm. »Madison Square Garden. Das wird legendär.«
» Nee. «
»Ich streck dir den Flug vor.«
» Nee. «
»Komm schon. Wenn wir nach New York fahren, spielt er bestimmt Thunder Road
Ben und ich hatten mehr als zwanzig Konzerte besucht, aber der Boss hat kein einziges Mal Thunder Road gespielt – unseren absoluten Lieblingssong. Über den Typen, der sein Mädchen abholt und rausfährt aus der Stadt, einem besseren Leben entgegen. Den Song spielt er einfach nicht, wenn wir im Publikum stehen. Es ist wie verhext. Als würde Paul McCartney Hey Jude weglassen.
»Nee, echt, geht nicht.«
» Hör zu, du bist jetzt schon seit Monaten nicht mehr zusammen mit dieser Dings.«
» Yvonne. «
Bens Beziehungen gehen zu schnell zu Ende, als dass sich jemand die Namen seiner Freundinnen merken könnte.
»Yvonne. Ben, du bist mein bester Freund, du hast die verdammte moralische Verpflichtung, mit mir nach New York zu kommen. Ich ruf gleich bei Charlie an, wir können bestimmt bei ihm wohnen. Der nimmt dich dann noch mit an die Uni und stellt dich als gefeierten Jungautoren vor. Und dann machst du ein Jersey Girl klar. Die Deutschstudentinnen …
» Ja? «
»… die stehen total auf Deutsche.«
» Echt? «
»Warum sollten die das sonst studieren?«
»Ich kann aber nicht«, sagt Ben und schüttelt vehement den Kopf.
»Benni, Benni, Benni, Benni, Benni …« Ich stupse ihn Dutzende Male mit meiner Faust.
»Welchen Teil von Nein verstehst du nicht?«
»Ach, Scheiße, verdammt. Komm doch einfach mit. «
»Jetzt hast aber du das Tourette-Syndrom.«
» ’Tschuldigung. «
»Was bist du denn so aggressiv, Mann?«
Ich blicke zu Boden. »Ich muss einfach mal raus. Ich will, ach, was weiß ich. Und wofür arbeiten wir denn den ganzen Tag?«
Jetzt wird Ben laut: »Ich mache ein Praktikum am Theater. Das ist keine Arbeit, das ist Kultursklaverei! Und tu du bitte nicht so, als müsstest du nicht zuerst mit Anna sprechen.«

 

Anna. Meine große Liebe, die leider nicht meine Liebe zu Bruce Springsteen teilt. Wir hören viel Musik, Anna und ich. Gut, dieser Satz könnte auch lauten, wir hören viel Bruce Springsteen, Anna und ich. Wir hören ihn im Auto, wir hören ihn im Bad, und wenn ich im Wohnzimmer Gitarre spiele, dann im Zweifel auch etwas vom Boss. Anna ist hart im Nehmen, aber manchmal hat sie die Schnauze voll von Bruce und dieser Band und den stressigen Rock-Schlachten. Nicht dass Missverständnisse aufkommen: Anna hört nicht Phil Collins oder so. Sie steht auf Singer-Songwriter, wenn auch auf eher verhuschte Jungs, nicht auf Arbeiterhelden. Erst neulich habe ich versucht, ihr beim Zähneputzen zu erklären, dass Ben Kweller genau die gleiche Musik macht wie Bruce – nur leiser und schlechter. Sie zog einfach nur den Duschvorhang zu. Ich unterteile unsere Beziehung in Boss-Zeit und Nicht-Boss-Zeit. Und gerade ist eindeutig Nicht-Boss-Zeit. Heute Morgen rief Anna bei mir im Büro an, als ich gerade bei Youtube eine alte Aufnahme von Born to Run gefunden hatte.
»Geht das deinen Kollegen nicht langsam auf die Nerven? «
»Wart mal … gehe ich euch auf den Sack mit Springsteen?«, rief ich und hielt den Telefonhörer in die Runde.
»Nicht mehr als Kim Jong-il«, antwortete meine Kollegin Lena laut genug, damit Anna es hören konnte.
»Da hast du’s«, sagte ich.
» Oh Mann. «
» Anna, du solltest vorsichtig sein. Ich hab heute eine Zeitungsmeldung gelesen: In Australien hat eine Frau ihren Freund getötet, weil der partout keine Springsteen-Platten mit ihr hören wollte.«
»Mit welchen Liedern hat sie seinen Schädel denn zum Explodieren gebracht?«

 

Ben geht zur Stereoanlage, lässt sich in den braunen Drehledersessel fallen und kramt im Plattenregal. Sein Ramones-Shirt spannt inzwischen ein wenig, und in sein rabenschwarzes Haar mischen sich graue Strähnen. Wir hatten vor zwei Jahren unseren Dreißigsten zusammen gefeiert, und als bräuchte es einen Beweis dafür, dass mit diesem Tag eine Ära endet, waren wir seitdem kein einziges Mal abgestürzt. Früher wussten wir morgens oft nicht mehr, wie wir heißen.
»Ich könnte übrigens mal einen Packen Ramones-Shirts in deiner Größe drucken lassen. Du bist kein M mehr. «
»Brauchst den Umsatz, was?«
»Martin und Martin fehlen jedenfalls, das kann ich dir sagen.« Martin Trenk und Martin Zeus, die Gründer meiner kleinen Firma, hatten sich ausbezahlen lassen und die meisten Rechte an einen Konzern abgetreten. Ihren langjährigen Produktdesigner – mich also – haben sie zurückgelassen. Nun darf ich das fränkische Großkapital von T-Shirt-Designs überzeugen. Das ist, als müsste man der Queen erklären, dass die Sache mit der Monarchie nicht mehr ganz zeitgemäß sei.
»Läuft’s immer noch so beschissen mit dem neuen Chef? «
»Es gibt ja auch noch andere Sachen im Leben als den Job «, sage ich und lächle müde. Ich bin tatsächlich : müde.
»Wo ist Anna eigentlich?«
» Bei Ralf. «
»Oh«, Ben steckt sich einen Finger in den Hals. »Aber läuft’s gut bei euch?«
»Ja, läuft super.«
Wir nicken ein paar Sekunden lang vor uns hin.
»Seid ihr auf Lenas Hochzeit eingeladen?«
» Klar. «
»Wie, klar? Mich hat sie nicht eingeladen.«
» Ben, du gräbst seit fünf Jahren an Lena herum. Und seit fünf Jahren ist sie mit ihrem zukünftigen Ehemann zusammen. Warum zum Geier sollte sie dich einladen? Damit du der Typ bist, der bei der Trauung aufspringt, sobald der Pfarrer fragt, ob irgendjemand Einwände hat? «
Wir tauschen einen Blick aus, der deutlich macht, wie gut uns diese Vorstellung gefällt.
»Und wann heiraten Anna und du?«
»Ich hab Zeit, das weißt du doch.«
»Warum eigentlich nicht jetzt? Machen doch alle gerade«, fragt Ben und krümelt viel zu viel Gras in den Tabak.
»Was bist du denn plötzlich so hartnäckig? Und bau nicht so ’ne Bombe.«
»Weil ich auf deiner Hochzeit feiern will.«
» Ich soll heiraten, damit du dich betrinken kannst? «
»Ich würde Champagnerflaschen mit dem Säbel köpfen. «
»Heiraten kann ich, wenn ich alt bin. Weiß du noch, der alte Western? In dem Robert Mitchum zu seinem Elternhaus zurückkehrt und diesen alten Mann dort vorfindet. «
»Was sagt Mitchum noch: Ist aber einsam hier
»Und der Alte antwortet: Wenigstens bin ich nicht verheiratet, da ist man auch immer einsam, aber dafür nie allein. «
Ben verkneift sich ein Lachen: »Mein Lieber, das Leben ist kein Western und auch kein Rocksong.« Ben wirkt nun wie ein betrunkener Psychotherapeut. Er auf dem Sessel, ich auf der Couch. » All die Mädels, die heiraten, löchern Anna bestimmt, wann es bei euch soweit ist. «
»Ist mir doch egal.«
» Aha. «
» Was diese Zicken fragen, ist mir vollkommen wurst. Anna und ich machen das anders. Wenn ich Lust habe, mit sechzig im Hasenkostüm zu heiraten, dann mach ich das. «
»Ach, Tom …«
Ich muss ja zugeben: Oft hab ich darüber nachgedacht. Und ich glaube auch, dass Anna sich riesig freuen würde, wenn ich sie frage. Obwohl sie es noch nie ausgesprochen hat. Oder habe ich es nur nicht verstanden? Manchmal kapiere ich die einfachsten Signale nicht.
»Ich werde dich jedenfalls nicht fragen«, hat sie mal gesagt.
Aber man fragt doch auch nicht deshalb, damit sich der andere freut. Scheiße. Irgendwie konnte mir noch niemand schlüssig erklären, was das soll: heiraten. Und weder Bens noch meine Familiengeschichte sind besonders grandiose Beispiele dafür, dass eine Hochzeit zu ewigem, ungebrochenen Glück führen würde.
»Anna und ich müssten sowieso erst mal zusammenziehen. «
»Und, macht ihr’s?«
» Was jetzt? «
» Zusammenziehen. «
»Ben, lass mich in Ruhe.«

Dominik Schütte

Über Dominik Schütte

Biografie

Dominik Schütte, geboren 1976, studierte an der Deutschen Journalistenschule in München und hat unter anderem für die taz, die Süddeutsche Zeitung und das ARD-Studio in New York gearbeitet. Zwischen 2007 und 2010 arbeitete er als Redakteur bei NEON, seit August 2010 ist er Mitglied der...

Pressestimmen

Frankfurter Neue Presse

»In Dominik Schüttes Roman geht es ums Erwachsenwerden, um Vorbilder, Musik und den Mut, auch den Schmerz des Lebens auszuhalten. Leicht schreibt der 35-jährige Autor und Journalist über Befindlichkeiten seiner Generation.«

Nürnberger Zeitung

»Spaßiger und flüssig zu lesender Selbstfindungstrip mit nachdenklichen Untertönen.«

Nürnberger Nachrichten

»Dominik Schütte ist mit seinem ersten Roman ›Was würde der Boss tun?‹ eine fesselnde Geschichte über Fan-Sein, Liebe, Freundschaft und das, was im Leben zählt, geglückt. Der Journalist entpuppt sich darin als ebenso scharfsinniger und aufmerksamer Beobachter seiner Generation wie auch als sehr humorvoller Erzähler. Seine Protagonisten sind lebendige Sympathieträger, die den Leser rasch in ihren Bann ziehen und nur langsam wieder loslassen. (…) Eine tragikomische und doch romantische Geschichte über das komplizierte Gefühlsleben von Männern in den besten Jahren.«

MDR Sputnik

»Es wimmelt auf den knapp 240 Seiten vor charmanten bis lustigen Momenten, in denen sich jeder wiederfindet.«

WDR 1Live

»›Was würde der Boss tun?‹ ist mehr als eine popkulturelle Hommage an Springsteen – es ist ein verspäteter Coming of Age-Roman, unterlegt mit dem Sound von ›Born to Run‹«

Bild am Sonntag

»Runde Geschichte mit viel Männer-Pathos.«

Musikexpress

»Das Buch funktioniert; gerade weil die Handlungen auf so ein unvermeidliches Finale zusteuern, in dem alles auf einmal kommt, nur noch wenige Worte gemacht werden, aber dafür große Gesten. Weil es dann traurig und sentimental und kämpferisch und romantisch und auch ein bisschen heldenhaft wird. Wie so ein Springsteen-Song natürlich, den man mit der Faust in der Luft und einem Kloß im Hals mitsingt. Soll keiner sagen, Männer wären für Kitsch nicht empfänglich.«

Playboy

»›Was würde der Boss tun?‹ ist ein Jungs-Liebesroman: bewegend, musikalisch und dennoch heiter.«

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