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Warum die Vögel sterbenWarum die Vögel sterben

Warum die Vögel sterben

Roman

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Warum die Vögel sterben — Inhalt

„Bewegt und verwundert taucht man wieder auf aus einem Roman, dessen Schönheit in seiner Schlichtheit liegt.“ Leïla Slimani

„Bewegt und verwundert taucht man wieder auf aus einem Roman, dessen Schönheit in seiner Schlichtheit liegt.“ Leïla Slimani --- In der Normandie regnet es tote Vögel vom Himmel, doch in Paris nimmt man kaum Notiz davon. Nur ein promotionsmüder Student will unbedingt erfahren, was sich da – unter anderem in seinem Heimatort – ereignet hat. Er versucht allerdings ausgerechnet auf einem Vergnügungsdampfer dorthin zu gelangen. Als (weitaus) jüngster Passagier auf der Seine Princess verliebt und schlägt er sich auf diesem ›trunkenen Schiff‹ mit einem Matrosen um die Herzdame ... Aber ist seine Reise nicht vor allem ein Versuch, die Familie wiederzufinden und ein wenig Ordnung in seine Notizen und sein Leben bringen? --- „Elegant, lässig, witzig, geschickt ... der Jungfernflug eines wahren Schriftstellers.“ Le Figaro Magazine

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 19.03.2019
Übersetzt von: Yvonne Eglinger
192 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1377-4
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 19.03.2019
Übersetzt von: Yvonne Eglinger
192 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7989-3
"Dem Autor Victor Pouchet, der selbst ein junger Literaturdozent ist, gelingt es, zwischen den lustigen oder lästigen Bagatellen und den großen Fragen des Lebens souverän zu navigieren...ein gelungenes Debüt."
FAZ
„Pouchets Kritik und Botschaft haben immer eine gewisse Komik inne, das sind kleine Seitenhiebe, die ihn trotz seitenlanger wissenschaftlicher Ausführungen niemals schulmeisterisch wirken lassen. Pouchet schiebt niemandem den Schwarzen Peter zu, sondern verpackt das, was er ansprechen will, in fein geschnürte Pakete aus Schlagfertigkeit, Witz und einer gewissen nordischen Kühlheit“
SR 2 KulturRadio

Leseprobe zu „Warum die Vögel sterben“

Es hatte tote Vögel geregnet. Das sagte ich den Flussschiffern am Anleger des Pariser Hafens immer wieder. Sie sahen mich seltsam an. Dabei stimmte es haargenau: Es hatte tote Vögel geregnet. Ich ging von Lastkahn zu Lastkahn, um mein Anliegen vorzubringen: Ich wollte mit ihnen die Seine hinunterfahren, um mir die Vögel anzusehen und um ins Umland von Rouen zu gelangen, wo es mehrfach Niederschläge toter Vögel gegeben hatte. Mehrere Schiffer lachten mir ins Gesicht, ein anderer hörte mir aufmerksam zu und riet mir, zur Gare Saint-Lazare zu gehen, wo [...]

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Es hatte tote Vögel geregnet. Das sagte ich den Flussschiffern am Anleger des Pariser Hafens immer wieder. Sie sahen mich seltsam an. Dabei stimmte es haargenau: Es hatte tote Vögel geregnet. Ich ging von Lastkahn zu Lastkahn, um mein Anliegen vorzubringen: Ich wollte mit ihnen die Seine hinunterfahren, um mir die Vögel anzusehen und um ins Umland von Rouen zu gelangen, wo es mehrfach Niederschläge toter Vögel gegeben hatte. Mehrere Schiffer lachten mir ins Gesicht, ein anderer hörte mir aufmerksam zu und riet mir, zur Gare Saint-Lazare zu gehen, wo stündlich Schnellzüge nach Rouen abfuhren, ein weiterer, der Sand transportierte, antwortete in einer Sprache, die ich für Tschechisch hielt. Sie würden noch nicht ablegen, sie verstanden mich nicht, sie hatten keinen Platz für mich, es interessierte sie nicht die Bohne.

Einer der Schiffer verwies mich schließlich an das Büro der Gesellschaft Blue Seine, die Flussfahrten auf diesem gar nicht so blauen Fluss anbot. Auf einem Plakat am Eingang tranken junge Rentner an Deck eines Schiffes bunte Cocktails und lächelten dazu nachdrücklich vor der Kulisse eines Steilufers: „Gehen Sie an Bord der MS Botticelli und entdecken Sie bezaubernde Landschaften und die Kulturschätze zwischen Paris bis Honfleur.“ Ich stieß die Tür auf. War ich nicht letztlich so etwas wie ein Rentner von bald neunundzwanzig Jahren? Meine Haare wurden allmählich grau, ich war schon lange vergesslich, lebte gemessen vor mich hin.

Eine junge Frau in Matrosenuniform verkündete mir, dass sich die MS Botticelli derzeit in Reparatur befinde, es aber verbilligte Plätze auf der vornehmen Seine Princess gebe, einem Schwesterschiff mit der gleichen Reiseroute. „Wir befinden uns da genau im selben Angebotssegment“, erklärte sie mir, als wollte sie jede romantische Illusion, die ich möglicherweise mit dieser Reise verband, im Keim ersticken. Ich kaufte ein Ticket und bekam eine Zweierkabine auf diesem Schiff von hundertzehn Metern Länge und elf Metern Breite, das in fünf Tagen ablegen würde.

 

Ich hatte nicht gewagt, ihr den Grund meiner Reise zu nennen. Ich hätte ihr die Bilder von dem Feld toter Vögel beschreiben müssen, die vorige Woche auf meinem Fernsehschirm aufgeflackert waren und nun wie in Endlosschleife durch mein Hirn geisterten. Ich erinnerte mich an die Totale, die einen Eindruck der Szene vermittelt hatte. Dann an den Kommentar des Reporters, der den Fundort näher beschrieb: »In einem Umkreis von etwa hundert Metern ist dieser seltsame Regen in der Kleinstadt Bonsecours …«

„Bei mir, das ist bei mir!“, schrie ich das Fernsehgerät an. Diese Sintflut hatte sich in meiner Heimat ereignet, in der Stadt, in der ich vor meinem Umzug nach Paris die schlimmsten und besten Jahre meines Lebens verbracht hatte, also eine Kindheit. Den genauen Schauplatz in Bonsecours hatte ich nicht wiedererkannt. War es vielleicht hinter der alten Turnhalle in der Nähe der Route de Darnétal? Man sah ein von Einfamilienhäusern gesäumtes Feld, auf das von zarter Hand an die hundert kleine schwarze Leichen gebettet schienen. Einige lagen auf der Seite, andere reckten die Füßchen gen Himmel. Auf den Flügeln glänzte irgendetwas, als wären alle Federn mit zähem Blut verklebt.

Die an ihren Haustüren gefilmten Anwohner sagten wenig mehr als dies: Es war weder ein richtiger Platzregen noch ein kurzer Schauer gewesen, aber am frühen Nachmittag hatte es für wenige Minuten tote Vögel geregnet. Hunderte Vögel waren auf die Erde gestürzt. Ein Kind, das gerade auf der Schaukel saß, war vom Schnabel eines Stars am Ohr verletzt worden, die Leute wurden durch das dumpfe Geräusch von Gegenständen, die auf ihr Dach klatschten, aus dem Mittagsschlaf gerissen. Einige Einwohner hatten einen Angriff vermutet. Doch die gefiederten Bomben explodierten nicht, sie stürzten einfach ab, wie vom Fliegen erschöpft. Von Weitem schien das Ganze eine geometrische Form darzustellen, die es zusammenzufügen galt, wie bei diesen Zeichnungen für Kinder, bei denen man Zahlen verbinden muss, damit ein Umriss entsteht. 26-27-28-29-30: Prinzessin, Elefant, Totenkopf?

Im Fernsehbeitrag tauchte immer wieder das Wort Regen auf, obwohl das Ereignis herzlich wenig mit einfachem, zu Tropfen kondensiertem Wasserdampf zu tun hatte. Es ließ eher an den Weltuntergang denken, an die Auflösung der Gesetze der Schwerkraft, die Unmöglichkeit des Fliegens und der Leichtigkeit. Es war Oktober, Herbstanfang, und in der Haute-Normandie hatte es Tierkadaver geregnet.

 

Die Verkäuferin idyllischer Kreuzfahrten lächelte mich ruhig an und überreichte mir einen Umschlag mit meinem Ticket und eine Reisebroschüre. Ich hätte ihr erklären sollen (gefragt hatte sie mich nicht), dass mich Vögel schon sehr viel länger beschäftigten als seit jenem Oktobermorgen. Ich hätte ihr die Geschichte vom grün-gelben Papagei mit den schwarzen Flecken erzählen sollen, den wir in jenem Herbst, als ich sieben Jahre alt war, in Bonsecours aufgelesen hatten. Wir hatten geglaubt, dass er den Winter in der Normandie nicht überleben würde, und ihn deshalb eingefangen, als er nah genug an uns vorbeiflog, überzeugt davon, eine gute Tat zu vollbringen. Wir kauften ihm einen großen, blauen Käfig, tauften ihn Alfred, was, wenn man nur will, ein echter Papageienname ist, und er verbrachte den Winter im Warmen in unserem Wohnzimmer. Doch schon im folgenden Sommer begann Alfred, sich merkwürdig zu benehmen: An manchen Tagen kreischte er stundenlang ohne Unterlass, dann wieder hüpfte er wie wild auf seinem Futtertrog herum. Wir lagerten ihn in den Garten aus, um dieses Toben nicht länger aushalten zu müssen. Eines Julinachmittags, als ich gerade allein im Wohnzimmer spielte, hatte Alfred sich unvermittelt mehrmals gegen sein Käfiggitter geworfen und dazu spitze Schreie ausgestoßen. Ich lief zu ihm, um ihn nach Möglichkeit hinter seinen Gitterstäben hervorzuholen, aber er flatterte immer entschlossener und verstörter, und ich bekam Angst vor den Schreien, den ausgerupften grünen und gelben Federn, Angst, dass er auch mich mit seinen Krallen oder seinem Schnabel verletzen könnte. Ich trat zurück und wohnte den letzten Augenblicken des Vogels bei, der sich nach einigen Minuten schließlich selbst zerschmettert hatte, in einem Wust aus Federn und Blut. Es war das erste Mal, dass ich ein Lebewesen sterben sah. Meine Eltern (wo waren sie zu diesem Zeitpunkt?, ich habe nicht die geringste Ahnung) kamen nach Hause und fanden mich in Tränen aufgelöst vor dem Grabkäfig hocken, unfähig zu sprechen, sogar unfähig zu erklären, was sich abgespielt hatte. Ich war überzeugt, für diesen Tod verantwortlich zu sein, und ich brachte unter Schluchzern nichts anderes hervor als: „Es ist meine Schuld, es ist meine Schuld.“ Mein Vater hatte versucht, mich zu trösten: „Jetzt beruhig dich wieder, ist nicht so schlimm, der Vogel ist doch jetzt egal!“ Die Szene hatte mich so tief verstört, dass meine Mutter mir schließlich sogar verbieten musste, tote Vögel in meine Schulhefte zu zeichnen, was ich damals geradezu zwanghaft tat. Ein paar Monate später hatte ich von meinem Bruder das Video von Die Vögel erbettelt, das er mit unserem Rekorder aufgenommen hatte. Ein erstes Mal sah ich mir den Hitchcock-Film heimlich und schreckensstarr auf dem Fernsehgerät auf unserem Dachboden an. Dann schaute ich ihn sicher noch drei oder fünf Mal, ich weiß es nicht mehr so genau. Nachts gingen mir das Gekrächz der Raben und das Geschrei der Möwen nicht mehr aus dem Kopf und krallten sich in meinen Haaren fest. In meinem Bett spielte ich manchmal, dass ich mich verbarrikadierte, wie Tippi Hedren, wenn sie in dieser einen Szene im Zimmer im obersten Stock angegriffen wird. Ich warf Plüschtiere auf meinen Verschlag – sie stellten die Vögel dar, und ihre Schnäbel waren nicht allzu scharf, sodass ich überlebte. Eines Tages war die Videokassette verschwunden. Irgendwann hatte ich dann andere Dinge im Kopf, ersetzte meine ornithologischen Ängste durch andere, schicklichere Sorgen, etwa schulischen Erfolg oder den Wunsch, meinen Eltern und den Mädchen zu gefallen: Der Vogel war doch jetzt egal.

Als ich die Regenbilder aus Bonsecours sah, hatte ich den Eindruck, ein verschütteter Teil meiner Kindheit würde vor meinen Augen wiedererstehen. Als hingen diese Vogelfälle mit einem alten Unheil zusammen, das sich endlich offenbarte. Die Angestellte von Blue Seine lächelte mir zu, und ich sah sie gar nicht richtig an. Ich hätte ihr erklären müssen, dass mich diese Fixierung auf Vögel seit einigen Tagen beinahe beruhigte. Es drehte sich nicht mehr alles nur um mich.

Mein Vater lebte noch immer in Bonsecours, und mir kam der Gedanke, dass er vielleicht mehr darüber wissen könnte. Ich hatte ihn daraufhin mehrmals zu erreichen versucht, aber er war nicht ans Telefon gegangen.

 

Wenn drei Tage nach dem spektakulären Regen von Bonsecours nicht ein weiterer in Blainville-Crevon niedergegangen wäre, einige Kilometer nördlich von Rouen, und am Tag darauf bei Bardouville, gegenüber der Abtei Saint-Martin, wieder in einer Seine-Schleife, vielleicht wäre ich gar nicht an Bord gegangen oder wenigstens nicht so bald.

Ich saß im Café an der Ecke Rue des Martyrs und Avenue Trudaine. Ich hatte die Zeitung aufgeschlagen, aber mein Blick schweifte immer wieder von den Seiten zu dem Karussell hinüber, das auf dem Platz mir gegenüber aufgebaut war und in so grellbunten Farben leuchtete, wie man sie nicht einmal im knalligsten Zeichentrickfilm findet. Ich betrachtete die verlorenen Blicke der Kinder, die sich dort vergnügten (zumindest gab jedermann vor, an dieses Vergnügen zu glauben). Mir schien es eher, als wüssten die rotierenden Knirpse gar nicht, was sie an diesem Gekreise eigentlich finden sollten. Auf ihren Sitzen im Führerhaus eines Feuerwehrautos, in einem Raumschiff, auf dem Rücken eines Reihers oder auf einem Motorradsattel – in wie viele Leben die Kleinen da nicht schlüpfen konnten – schienen sie bei jeder Runde nach ihren Eltern zu spähen und auch wieder nicht zu spähen, die diesen Blick erwiderten oder auch nicht, vertieft in eine Zeitschrift, eine Unterhaltung oder vielleicht bloß in das mittelmäßige Drehbuch ihres eigenen Lebens, bar jeden Schwindels. Das Karussell war mir damals wie ein sehr ernstes Spiel vorgekommen, dessen Reiz darin bestand, seiner Mutter nur ja keine Beachtung zu schenken, um sie bei der nächsten Umdrehung umso sicherer wiederzusehen; man jagt sich selbst Angst ein und erlöst sich wieder davon, man versucht, sich zu verlieren. Ich betrachtete diese Szene und dachte erneut, dass es, anders als einen manche Leute immer noch glauben machen wollen, so etwas wie eine unbeschwerte Kindheit nicht gibt. Auf dem Karussell sah ich wieder den Jungen mit den wirren Locken vor mir, der ich selbst meiner Meinung nach einmal gewesen war, der davon träumte, bewundert zu werden, seinen Platz in der als Strudel empfundenen Welt zu finden, verstrickt in seine Sehnsüchte, zweifelnd, ob es wohl im Hubschrauber oder festgeklammert an Mickymaus schöner wäre. Als ich dann weiter in meiner Tageszeitung blätterte, riss ein Artikel mich abrupt aus meinen Träumereien: „Neue Niederschläge toter Vögel entlang der Seine in der Haute-Normandie, bei Blainville-Crevon und Bardouville. Rund um den Fluss mehren sich die Fragen.“

 

Ich hatte den Rest des Tages im Bett verbracht, als wöge die Neuigkeit zu schwer, um mich weiter auf den Beinen zu halten. Nach dem ersten Bericht hatte ich sehr gewissenhaft damit begonnen, alle Artikel über den Vorfall auszuschneiden und in ein Heft zu kleben. Paris-Normandie hatte das Thema wiederholt behandelt, einmal sogar auf einer ganzen Seite, die überregionale Presse widmete ihm einige Kurzmeldungen, Umweltschutzorganisationen schickten Pressemitteilungen raus, regionale Ornithologen- und Jagdverbände äußerten sich öffentlich, menschliche Wesen setzten Posts in Internetforen ab. All das übertrug ich in mein Heft. Ich klebte Fotos ein, Bilder lebender und toter Stare, aufgenommen in Bonsecours und anderswo, wissenschaftliche Arbeiten über die große Familie der Sperlingsvögel und alles, was mit früheren, diesem Regen vergleichbaren Ereignissen zu tun hatte. Ich sammle Hinweise auf den sich vollziehenden Weltuntergang, dachte ich bei mir. Die Frage nach den Ursachen wurde von niemandem mit Bestimmtheit beantwortet, zu viele Theorien waren im Umlauf. Auch über die Abfolge war nichts zu finden: Wann genau waren diese Vögel gestorben? Im Flug, beim Aufprall auf die Erde, in einem gewaltsamen Regen oder schon lange vorher? Ich vertiefte mich wieder in mein Heft und klebte den neuen Artikel ein. Ich hatte Gleichungen aufgestellt, die mich keinen Schritt weiterbrachten, Datumsangaben mit der Anzahl toter Vögel multipliziert, die Koordinaten von Längen- und Breitengraden durch den Umkreis des Vogelfalls geteilt. All das führte zu nichts, und ich verfiel in kritzelnde Rastlosigkeit. Im Internet startete ich mit immer neuen Begriffslisten diverse Suchanfragen: „regen tote vögel 20. jahrhundert normandie“, „absturz stare rouen bonsecours“, „gift vögel seine blainville crevon“, „ornithologe experte vogelsturz fluss“, „grund plötzlicher tod vögel im flug“ und weitere Wortfolgen für den Algorithmus, den ich mir allmächtig erhoffte. Bei dem Ausdruck „Suchmaschine“ stellte ich mir eine riesige, lärmende Turbine vor, die im Maschinenraum eines Ozeandampfers Schmieröl und schwarzen Rauch ausdünstete, und dieses Bild wollte so gar nicht zu der nüchternen Internetseite passen, auf der in einer großen, weißen Wüste bloß der bunte Schriftzug „Google“ prangte. Ich habe versucht, diese Wörter zu drehen und zu wenden, und mich gefragt, warum und an wessen Stelle sie sich in meinem Kopf einnisteten: Vögel Regen tot tote Vögel Vogelregen. Ich hatte die Hoffnung, dass ein sinnvoller Satz dabei herauskäme. Abrupt stand ich vom Schreibtisch auf und legte mich wieder ins Bett, mir war heiß, ich öffnete das Fenster, starrte die apathischen Tauben auf dem Balkon gegenüber an, als könnten sie mir irgendwelche Erkenntnisse liefern. Dann ging ich zurück an den Computer und aktualisierte fieberhaft die Website von Paris-Normandie, in der Hoffnung auf Neuigkeiten. Über die Vögel gab es nichts, nichts als diese zwei alten Artikel, die bereits in die Untiefen der Seite verdrängt worden waren, hinter dringlichere Kriege und wichtigere politische Äußerungen. Ich regte mich auf, wollte am liebsten laut schreien oder tief und fest einschlafen. Schließlich fand ich die Telefonnummer von Olivier Villemain, dem Ornithologen des Pariser Naturkundemuseums, der in mehreren Zeitungsartikeln zitiert wurde. Ihn rief ich an und stellte mich als Journalist vor. Er erklärte mir, dass er von Interviews die Nase voll habe, dass das alles keine große Sache sei, eine „Belanglosigkeit“, wie er noch hinzufügte. Trotzdem fragte ich ihn, ob er das nicht auffällig finde, diese drei Regen so kurz hintereinander. Er erwiderte: »Ja, vielleicht, das kann ich Ihnen auch nicht sagen, mich wundert vor allem, dass sie so nah beieinander aufgetreten sind, alle entlang der Seine. Falls irgendetwas dahintersteckt, hat es was mit dem Fluss zu tun, aber wissen Sie, bei dieser Art von Unfällen …« Er führte seinen Satz nicht zu Ende, gab mir zu verstehen, dass er sehr in Eile war, und legte auf.

 

Gegen zehn Uhr abends hatte ich beschlossen, vor die Tür zu gehen. Ich verspürte den Wunsch, jemand anderen zu sehen als die Tauben von gegenüber und mein beunruhigtes Spiegelbild auf dem Computerbildschirm. In der Rue Véron traf ich Gilles, im Grand Hôtel de Clermont, das alles andere als ein Grandhotel ist und vor allem von aus der Zeit gefallenen Enzianlikörtrinkern aufgesucht wird. Ich erzählte Gilles von den Vögeln und meinem unbedingten Drang, die aktuellen Ereignisse zu verstehen. Ich fing noch einmal ganz von vorn an. Ich berichtete ihm von Bonsecours, Blainville, Bardouville, dem wiederholt auftretenden Regen, dem übergeschnappten Papagei. Er musterte mich mit einem Lächeln, das ich für völlig unangebracht hielt. Ich sagte: »Nichts fällt einfach so runter. Mir kommt es vor, als wären diese Vögel auf mich gestürzt, auf mein Dorf, meine Kindheit oder vielleicht auch auf etwas ganz anderes. Auf uns. Auf unsere Absturzobsession. Die Zeitungen erschöpfen uns mit ihren Krisen, mit ihrem ›allumfassenden Gefühl des Niedergangs‹. Die Krise ist uns doch zur zweiten Natur geworden. Wir merken das gar nicht mehr. Jeder lebt mit der Krise, in der Krise. Aber Vögel fallen vom Himmel, und keiner schaut hin.« Gilles hatte gelacht und gestichelt: »Na gut, dann geh doch, fahr deine Stare angucken. Und du könntest sie dir ruhig ein bisschen näher ansehen, statt nur vor dem Computer rumzuhängen. Mach doch mal die Augen auf. Alle Stürze sind entlang der Seine passiert? Das ist doch schon mal ein Anfang, hat auch dein Ornithologe gesagt. Du könntest Nachforschungen anstellen, dich ein bisschen nützlich machen.« Ich sah ihn fragend an. „Ja, fahr hin, nimm die Sache unter die Lupe, ist ja nicht so, als hättest du neben der Uni überhaupt keine Zeit, oder?“ „Dazu hab ich doch gar kein Recht, Gilles, und außerdem sind die Absturzorte weit vom nächsten Bahnhof weg, die Vögel sind ja nicht auf die Pariser Metrogleise gefallen.“ „Und was hindert dich daran, mal wieder nach Hause zu fahren, also zu deinem Vater? Die Seine entlangzuwandern oder zu trampen?“ Und da kam mir die Idee: Wie könnte man die Vorgänge am Flussufer besser untersuchen als per Schiff? Es war der einzige Anhaltspunkt, den der Ornithologe erwähnt hatte, das musste ich ausnutzen, musste einen Lastkahn finden, der uns an Bord nehmen würde, Schiff per Anhalter fahren, irgendwo ein kleines Boot auftreiben. Ich schlug Gilles vor, mich zu begleiten. Er entgegnete in irgendwie mitleidigem Ton, Vögel seien nicht so sein Ding. Ich rief: »Aber Vögel sind niemandes Ding, Gilles! Mein Ding sind sie auch nicht, darum geht’s doch nicht. Die fallen aber nun mal gerade vom Himmel, nur ein paar Hundert Kilometer von hier, und auch, wenn das ›nicht so dein Ding‹ ist, bleibt es doch ein Unding.« Er hatte einen Augenblick geschwiegen und sich dann über mich lustig gemacht, über den in den Regen schreienden Möchtegernpropheten, der berauscht ist von seinem einsamen Feldzug, der sich auf Vögel beruft, um die Massen zu erreichen.

Gilles hatte vielleicht nicht einmal unrecht mit seiner Herablassung. Und er musste ja auch arbeiten, sich auf einen Prozess vorbereiten, für nächste Woche noch Akten wälzen. Ich war in einem Alter, in dem das Leben der meisten meiner Freunde in geregelten Bahnen verlief und sie ihre Karrieren und auf Dauer angelegten Beziehungen aufbauten, mit klaren Linien und hübschen Farben. Wenn man es so sah, befand ich mich noch immer auf dem Stand eines vor sich hin kritzelnden, farbenblinden Kleinkinds. Seit ich mich von Anastasie getrennt hatte, verliebte ich mich jede Woche neu, gleich mehrmals am Tag, an der Bushaltestelle oder in der Bibliothek. In der Gegenwart meiner Freunde fühlte ich mich, als triebe ich schwerelos dahin, ein Flaschenteufel, der nach Jahren des Zauderns und zu vielen Studiensemestern in einem trüben Bad herumgeschwemmt wird. Die meisten Leute in meinem Umfeld lebten vermutlich ebenfalls ein großes Täuschungsmanöver, aber sie spielten ihre Rollen in der Komödie namens Erwachsensein besser als ich. Ich fing an, Gilles meine Theorie vom großen Täuschungsmanöver zu erklären, aber er musste schon wieder lachen und warf mich auf meine überzogenen Ängste zurück. Mit denen schlug ich mich schon deutlich länger herum als mit den Vögeln und auch noch mit diversen anderen Fragen, etwa der Furcht vor Bedeutungslosigkeit, dem Gefühl des vergeblichen Sichabstrampelns, aber auch mit der unbestimmten Hoffnung, dass eines Tages vielleicht das Abenteuer beginnen würde. Ich bestellte noch ein Bier. Offenbar hatte ich gar keine andere Wahl, als diesen Regen toter Vögel zu meiner Sache zu machen.

 

Während ich auf die Abfahrt der Seine Princess fünf Tage später wartete, machte ich mir weiter Notizen und las in meinem Heft. Ich trödelte herum und suchte nach Büchern, die ich mit auf die Reise nehmen wollte. Ich hatte Zeit und ein paar Hundert Euro auf dem Konto – die Universität zahlte mir ein Stipendium, noch für mehrere Monate, damit ich eine Doktorarbeit schrieb, an der ich nicht schrieb, eine eher beunruhigende als bequeme Situation.

Also setzte ich meine Vogelforschungen ernsthaft fort, mit dem angstvollen Perfektionismus des Musterschülers, denn diese Stare waren gewissermaßen auf mich persönlich eingestürzt, entlang jenes Flusses, der mich mit der Kindheit verband. Dieses Schuldgefühl war einerseits mein größtes Hemmnis und andererseits eine der wenigen Kräfte, die mich überhaupt noch antreiben konnten. In ein paar Tagen hatte ich alle verfügbaren Presseschnipsel über die Vogelfälle zusammengetragen, auch die aus dem Internet (bei der Suchmaschine war ich bis auf Seite 172 vorgedrungen, bevor ich diesen bruchstückhaften und oft kindischen Roman enttäuscht wieder schloss). Um auf andere Antworten zu stoßen, musste ich das Feld der Ermittlungen ausdehnen, meine Netze weiter spannen. Ich weiß nicht, warum ich mich dabei vor allem von meinen Erinnerungen an den Religionsunterricht leiten ließ: Ich sah wieder den eisigen Pfarrsaal von Bonsecours vor mir, der an das Pfarramt grenzte, und vernahm deutlich die Lispelstimme von Pater Simon, der uns von den Abenteuern des Waisenkindes Mose und anderen erbaulichen Episoden aus dem Alten und Neuen Testament erzählte. Es erschien mir vollkommen logisch, meine Suche von dort aus anzugehen. Ich schlug meine Jerusalemer Bibel auf. Sie war wie ein Schulbuch in Plastikfolie eingeschlagen, und innen im Buchdeckel standen in spitzer, roter Kugelschreiberschrift noch immer mein Nachname in Großbuchstaben, mein Vorname und dahinter meine Klassenstufe: 5D. Für einen kurzen Moment trauerte ich der behüteten Zeit nach, als Schule und Glauben noch verpflichtend gewesen waren.

Vom Himmel regnende Tiere stellten in der Bibel keine Seltenheit dar. Meist handelte es sich um göttliche Strafen. Im Buch Exodus steht, wie Jahwe sie mehrfach gegen den Pharao einsetzte, der sich weigerte, die Juden aus Ägypten ausziehen zu lassen. Zuerst Frösche, die „in den Häusern, in den Höfen und auf den Feldern starben“, dass das Land davon stank, später Heuschrecken, die alle Pflanzen verschlingen sollten, und davor bereits Hagel, Stechmücken und Ungeziefer. Ich dachte an die brennenden Bremsenstiche zurück, die ich mir bei meinen Spaziergängen auf Korsika in der Nähe der Ziegenherden geholt hatte, und ich stellte mir vor, dass mein Körper von diesen schillernden Insekten bedeckt war, die sich klammheimlich niederlassen, Vieh und Menschen das Blut aussaugen. Woher wollte man wissen, dass es sich nicht um dieselben Biester handelte, die Gott einst dem Pharao gesandt hatte, oder zumindest um ihre niederträchtigen Nachkommen? Wie schon die Male zuvor hatte Jahwe den Pharao allerdings gewarnt: »Denn wenn du mein Volk nicht ziehen lässt, lasse ich Ungeziefer auf dich los, auf deine Diener, dein Volk und deine Häuser. Die Häuser in Ägypten werden voll Ungeziefer sein; es wird sogar den Boden, auf dem sie stehen, bedecken.«

Genau wie bei den Heuschrecken und Fröschen macht Jahwe seine Drohung wahr und lässt Ungeziefer regnen.

Muss auch Bonsecours für etwas sühnen? Ein Stück weiter hinten, ebenfalls im Buch Exodus, gibt es einen Wachtelregen. Diesmal handelt es sich nicht um eine Strafe für die Ägypter, vielmehr kommt Gott den Israeliten zu Hilfe. Die sind bereits zwei Monate zuvor aus Ägypten ausgezogen. In der Wüste Sin, zwischen Elim und dem Sinai, sind sie dem Hungertod nahe und beginnen erneut, die Existenz des Herrn anzuzweifeln. Sie fangen an, gegen Mose und Aaron zu „murren“ und auch recht nachdrücklich gegen Gott. Deshalb verkündet Mose ihnen durch Aaron, dass der Herr ihr Murren gehört hat und sie am Abend Fleisch zu essen bekommen sollen. Und da dies ein bevorzugter Versorgungskanal des Allerhöchsten zu sein scheint, ereignet sich die wundersame Brotvermehrung kurz darauf in Form eines Regens toter Vögel. Beim Erwachen am nächsten Morgen verwandelt sich der Reif in eine Art Honigbrot – da haben sie also schon fast eine vollwertige Mahlzeit.

 

Ich hatte so meine Schwierigkeiten, mich bei all den Niederschlägen, Plagen und Himmelsgaben zurechtzufinden. Wie sollte man dieses Import-Export-Geschäft zwischen Himmel und Erde deuten? War der Vogelregen in Bonsecours ein Zeichen, dass es höchste Zeit wurde, aus dem Reich der Franzosen zu fliehen, das Rote Meer zu teilen und sich schleunigst aus dem Staub zu machen, indem man dem erstbesten Mose folgte, der einem über den Weg lief? Nur eins war gewiss: All das hatte sich lange vor unserer Zeit zugetragen.

Victor Pouchet

Über Victor Pouchet

Biografie

Victor Pouchet wurde 1985 in Paris geboren. Lange Jahre hat er lieber Vögel beobachtet, als seine Doktorarbeit über die Nachfahren Stendhals im Spiegel der Kritik des 20. Jahrhunderts zuende zu schreiben. Seit seiner Promotion lehrt er moderne Literatur; Warum die...

Pressestimmen
FAZ

"Dem Autor Victor Pouchet, der selbst ein junger Literaturdozent ist, gelingt es, zwischen den lustigen oder lästigen Bagatellen und den großen Fragen des Lebens souverän zu navigieren...ein gelungenes Debüt."

SR 2 KulturRadio

„Pouchets Kritik und Botschaft haben immer eine gewisse Komik inne, das sind kleine Seitenhiebe, die ihn trotz seitenlanger wissenschaftlicher Ausführungen niemals schulmeisterisch wirken lassen. Pouchet schiebt niemandem den Schwarzen Peter zu, sondern verpackt das, was er ansprechen will, in fein geschnürte Pakete aus Schlagfertigkeit, Witz und einer gewissen nordischen Kühlheit“

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