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Warschauer Verstrickungen

Teodor Szacki ermittelt

Taschenbuch
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Warschauer Verstrickungen — Inhalt

Weil einem Mann ein Bratspieß durchs Auge ins Hirn getrieben wurde, muss Staatsanwalt Szacki – groß, schlank, eisgraue Haare, nicht uneitel – den heiligen Sonntag opfern und die Ermittlungen aufnehmen. Der Tote war Teil einer Therapiegruppe, und, da sind sich alle einig, der unglücklichste Mensch auf dieser an Unglücklichen nicht armen Welt. Der Mörder wird wohl trotzdem nicht gerade ein Wohltäter sein. Zur Lösung des Falls muss sich Szacki durch ein Dickicht aus Korruption und politischen Verstrickungen kämpfen. Und sein Engagement stößt nicht gerade auf Gegenliebe…

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 13.07.2015
Übersetzer: Friedrich Griese
448 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1010-2
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.07.2015
Übersetzer: Friedrich Griese
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7796-7
»Dafür belohnt er [...] den Leser mit einer spannenden Geschichte, bissigen Dialogen und vor allem mit einem starken Ermittler.«
auf dem Vulkan
»In Warschauer Verstrickungen beleuchtet Zygmunt Miloszewski ein dunkles Kapitel polnischer Geschichte, das nur dürftig aufgearbeitet ist.«
GeoSaison
»Miloszewski macht es dem Leser erst einmal nicht leicht, muten die Ausführungen über die Abläufe der therapeutischen Sitzungen zunächst etwas ausführlich an, am Ende ist es erklärlich, warum sie diesen Platz erhalten. Dafür belohnt er mit einer spannenden Geschichte, bissigen Dialogen und vor allem mit einem starken Ermittler.«
Lauterbacher Anzeiger
»In Polen wurde diese realistische, historisch fundierte, kritische und politisch brisante Story bereits verfilmt und hat den bedeutendsten Krimi-Preis des Landes erhalten.«
literaturkurier Newsletter
»Ein glaubwürdiger, sehr realistischer Krimi ohne überflüssige Effekte, dafür mit spannenden Figuren und viel politischem Hintergrund.«
WDR 4 "Bücher"
»Das Buch ist gut geschrieben, faktenreich mit spannender Krimihandlung. Die Leser erfahren viel über Polen, das alltägliche Leben in der Hauptstadt Warschau und über die Arbeit der dortigen Staatsanwaltschaft.«
Radio Bremen

Leseprobe zu »Warschauer Verstrickungen«

Erstes Kapitel
Sonntag, 5. Juni 2005
Riesenerfolg für das reaktivierte Rockfestival in Jarocin, zehntausend Besucher jubelten den Bands Dżem, Armia und TSA zu. Die sogenannte JP2-Generation nahm am alljährlichen Gebetstreffen in Lednica teil. Der Kardiologe Prof. Zbigniew Religa verkündete, er werde für die Präsidentschaft kandidieren und wolle der »Kandidat der nationalen Einigung« werden. Zum zehnten Mal fand das Flieger-Picknick in Góraszka statt, wobei zwei F-16-Jäger die Zuschauer begeisterten. In Baku schlug die polnische Nationalmannschaft [...]

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Erstes Kapitel
Sonntag, 5. Juni 2005
Riesenerfolg für das reaktivierte Rockfestival in Jarocin, zehntausend Besucher jubelten den Bands Dżem, Armia und TSA zu. Die sogenannte JP2-Generation nahm am alljährlichen Gebetstreffen in Lednica teil. Der Kardiologe Prof. Zbigniew Religa verkündete, er werde für die Präsidentschaft kandidieren und wolle der »Kandidat der nationalen Einigung« werden. Zum zehnten Mal fand das Flieger-Picknick in Góraszka statt, wobei zwei F-16-Jäger die Zuschauer begeisterten. In Baku schlug die polnische Nationalmannschaft Aserbaidschan mit 3:0, zeigte aber kein überzeugendes Spiel. Der Trainer der Aseris wurde dem Schiedsrichter gegenüber handgreiflich.
Während einer Verkehrskontrolle in Warschau überreichten Polizisten den Autofahrern zur Abschreckung Bilder von Unfallopfern, im Stadtteil Mokotów geriet ein Bus der Linie 122 in Brand, und auf der Kinowa-Straße überschlug sich ein Krankenwagen, in dem sich eine zur Transplantation bestimmte Leber befand. Der Fahrer sowie eine Krankenschwester und ein Arzt erlitten Prellungen, das Organ blieb unbeschädigt und wurde noch am selben Tag einem Patienten der Klinik in der Banachstraße transplantiert. Die Höchsttemperatur in der Hauptstadt beträgt 20 Grad, zeitweise Niederschlag.

1
»Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Es war einmal ein Zimmermann, der in einer Kleinstadt auf dem Lande lebte. Die Menschen in dem Städtchen waren arm, sie konnten sich neue Tische und Stühle nicht leisten, und so war auch der Zimmermann arm. Nur mühsam kam er über die Runden, und je älter er wurde, desto weniger glaubte er, dass sein Schicksal sich noch zum Besseren wenden könne. Er hatte eine schöne Tochter und wünschte sich, dass es ihr einmal anders ergehen würde. Eines sommerlichen Tages betrat ein reicher Herr das Haus des Zimmermanns. ›Tischler‹, sagte er, ›mein Bruder, den ich lange nicht gesehen habe, kommt zu Besuch. Ich möchte ihm ein einzigartiges Geschenk machen, aber weil er aus einem Land kommt, in dem es Gold, Silber und Edelsteine im Überfluss gibt, habe ich mich für eine hölzerne Schatulle, die von außergewöhnlicher Schönheit sein muss, entschieden. Wenn du sie bis zum Sonntag nach dem nächsten Vollmond fertig hast, wirst du nie mehr über Armut klagen.‹ Natürlich erklärte sich der Zimmermann dazu bereit und machte sich sogleich ans Werk. Es war eine äußerst mühselige und schwierige Arbeit, er wollte viele Holzsorten einarbeiten und die Schatulle mit kleinen geschnitzten Märchenfiguren verzieren. Er arbeitete beinahe ohne Pause, aß wenig und schlief kaum. Derweil hatte sich die Kunde vom Besuch des reichen Herrn und seinem nicht alltäglichen Auftrag in Windeseile im Städtchen verbreitet. Seine Bewohner mochten den bescheidenen Zimmermann sehr, Tag für Tag kam einer, der ein gutes Wort für ihn übrig hatte und ihm beim Schnitzen zu helfen versuchte. Der Bäcker, der Kaufmann, der Fischer, sogar der Schankwirt – jeder griff zu Beitel, Hämmerchen und Feile, damit der Tischler rechtzeitig mit der Arbeit fertig würde. Doch leider vermochte keiner von ihnen seine Arbeit korrekt auszuführen, und die Tochter des Zimmermanns sah voll Kummer, wie der Vater nur ausbesserte, was seine Freunde verdorben hatten. Als es bis zur Vollendung der Arbeit nur noch vier Tage waren und der verzweifelte Handwerker sich die Haare raufte, stellte seine Tochter sich frühmorgens vor die Tür der Hütte und jagte alle, die kamen, davon. Das ganze Städtchen empörte sich über die beiden, und von da an hieß es nur noch, der Zimmermann sei ein undankbarer Rüpel und seine Tochter eine ungezogene alte Jungfer. Ich hätte Ihnen gern erzählt, dass der Zimmermann zwar seine Freunde verlor, dafür aber den reichen Herrn mit seiner meisterhaften Arbeit bezauberte. Aber das wäre nicht die Wahrheit. Denn als der reiche Herr am Sonntag nach dem nächsten Vollmond in seinem Haus erschien, fuhr er sogleich wütend und mit leeren Händen davon. Der Zimmermann vollendete die Schatulle erst viele Tage später und schenkte sie seiner Tochter.«
Cezary Rudzki räusperte sich und schenkte sich Kaffee ein. Drei seiner Patienten saßen ihm am Tisch gegenüber, nur der vierte, Henryk, fehlte.
»Welche Lehre ergibt sich daraus?«, fragte der zu seiner Linken sitzende Mann, Euzebiusz Kaim.
»Diejenige, die Sie für sich selbst darin entdecken«, antwortete Rudzki. »Ich weiß, was ich dazu sagen würde, aber Sie wissen besser als ich, was Sie darunter verstehen möchten und welche Auslegung Sie jetzt gerade brauchen. Märchen kommentiert man nicht.«
Kaim verstummte, auch Rudzki sagte nichts mehr und strich sich über den grauen Bart, der ihm, wie manche meinten, eine gewisse Ähnlichkeit mit Hemingway verlieh. Er überlegte, ob er sich zu den Vorkommnissen der Sitzung am Vortag äußern sollte. Eigentlich war es nicht erlaubt, aber dennoch …
»Ich nutze die Gelegenheit, dass Herr Telak nicht da ist«, sagte er, »und möchte allen in Erinnerung rufen, dass man den Verlauf der Therapie nicht kommentieren darf. Das gehört zu den Grundregeln. Das gilt vor allem für eine so intensive Sitzung wie die gestrige.«
»Warum?«, fragte Euzebiusz Kaim, ohne den Blick vom Teller zu heben.
»Weil wir sonst das, was wir aufgedeckt haben, mit Wörtern und Deutungsversuchen wieder zudecken würden. Lassen wir doch lieber die Wahrheit für uns arbeiten. Lassen wir sie den Weg zu unserer Seele finden. Es wäre uns selbst gegenüber unredlich, diese Wahrheit durch akademisches Gerede zu ersticken. So ist es besser, glauben Sie mir!«
Sie aßen schweigend weiter. Die Junisonne fiel durch schmale, schießschartenähnliche Fenster und malte leuchtende Streifen in den dunklen Saal. Die Möblierung des Raumes war sehr bescheiden. Ein langer Holztisch ohne Tischdecke, ein paar Stühle, ein Kruzifix über der Tür. Ein kleiner Schrank, ein elektrischer Wasserkocher, ein winziger Kühlschrank, sonst nichts. Rudzki war entzückt gewesen, als er diesen Ort entdeckt hatte – mitten in der Stadt und doch vollkommen einsam gelegen. Er fand, dass kirchliche Räume für Therapiezwecke geeigneter waren als Ferienbauernhöfe. Er hatte recht. Obwohl sich in dem Gebäude außerdem eine Kirche, eine Schule, eine Poliklinik und einige Firmen befanden und die Łazienkowska-Straße direkt vorm Haus verlief, empfand man hier tiefen Frieden. Und genau das brauchten seine Patienten am meisten.
Der Frieden hatte seinen Preis. Es fehlte an einer Küche, und so musste er selbst den Kühlschrank, den Wasserkocher, die Thermoskanne und einen Satz Geschirr und Besteck kaufen. Die Mahlzeiten mussten geliefert werden. Alle Patienten wohnten in Einzelzellen, und darüber hinaus standen der Gruppe ein Refektorium, in dem sie jetzt saßen, und ein kleiner Sitzungssaal zur Verfügung. Der Saal hatte ein Kreuzgewölbe, das auf drei mächtigen Säulen ruhte. Es war zwar nicht ganz so prächtig wie die Krakauer St.-Leonardo-Krypta in der Wawel-Kathedrale, aber im Vergleich zu dem Zimmerchen, in dem er vorher seine Patienten empfangen hatte, doch beinahe.
In diesem Moment aber fragte er sich, ob er nicht einen allzu düsteren, allzu abgeschiedenen Ort gewählt hatte. Die bei den Sitzungen freigesetzten Emotionen schienen geradezu zwischen den Mauern gefangen, prallten wie Gummibälle von ihnen ab und trafen jeden, der sich zufällig in ihrer Flugbahn befand. Nach den gestrigen Vorkommnissen war er vollkommen erledigt, und er freute sich schon, dass es in Kürze vorbei sein würde. Er wollte hier so schnell wie möglich raus.
Er nahm einen Schluck Kaffee.
Hanna Kwiatkowska, 35, die Rudzki gegenübersaß, spielte mit dem Kaffeelöffel, ohne den Blick von ihm zu wenden.
»Ja, bitte?«, sagte er.
»Ich mache mir Sorgen«, erwiderte sie tonlos. »Es ist schon Viertel nach neun, und Herr Telak ist nicht da. Sie sollten vielleicht einmal nachschauen, ob alles in Ordnung ist, Herr Doktor.«
Er stand auf.
»Das mache ich«, sagte er. »Ich denke, Herr Telak wird nach den Aufregungen gestern einfach ausschlafen wollen.«
Er ging über den schmalen Korridor (alles in diesem Gebäude war schmal) zu Henryks Zimmer. Er klopfte an. Nichts. Er klopfte abermals, noch fester.
»Herr Telak, aufstehen!«, rief er.
Er wartete einen Moment, dann öffnete er die Tür und trat ein. Leer. Das Bett war unberührt, die persönlichen Dinge fehlten. Rudzki ging zurück ins Refektorium. Drei Köpfe wandten sich ihm gleichzeitig zu, als säßen sie auf ein und demselben Rumpf. Er musste an Drachen in illustrierten Kinderbüchern denken.
»Herr Telak hat uns verlassen. Nehmen Sie sich das bitte nicht zu Herzen. Es ist nicht das erste und sicherlich nicht das letzte Mal, dass ein Patient die Therapie ganz plötzlich abbricht. Gerade nach einer so intensiven Sitzung wie gestern kann das vorkommen. Ich hoffe, das, was er hier erlebt hat, wird seine Wirkung tun, und es geht ihm jetzt besser.«
Kwiatkowska verzog keine Miene. Kaim zuckte die Achseln. Frau Jarczyk, die letzte seiner drei – bis vor kurzem noch vier – Patienten, schaute Rudzki an und fragte:
»Heißt das, es ist vorbei? Können wir nach Hause gehen?«
Der Therapeut schüttelte den Kopf.
»Begeben Sie sich bitte für eine halbe Stunde auf Ihre Zimmer, legen Sie sich hin, beruhigen Sie sich. Punkt zehn treffen wir uns im Sitzungssaal.«
Euzebiusz, Hanna und Barbara nickten und gingen hinaus. Rudzki ging um den Tisch herum, prüfte, ob noch Kaffee in der Thermoskanne war, und schenkte sich den Becher voll. Er fluchte, weil er vergessen hatte, Platz für die Milch zu lassen. Jetzt musste er entweder etwas abschütten oder -trinken. Schwarzer Kaffee war ihm zuwider. Er goss eine kleine Menge in den Abfalleimer. Dann gab er Milch hinzu und trat ans Fenster. Er betrachtete die vorüberfahrenden Autos und das Stadion am gegenüberliegenden Weichselufer. Diese Stümper, dachte er, wieder hatten sie die Tabellenführung verpasst. Sie werden nicht mal Vizemeister, da half auch der vernichtende 5:1-Sieg gegen Wisła Krakau vor vierzehn Tagen nicht. Aber vielleicht holen sie wenigstens den Pokal. Das erste Halbfinalspiel gegen Groclin Grodzisk war morgen. Gegen dieses Team hat die Legia in den letzten vier Jahren kein einziges Mal gewonnen. So ein verdammter Mist!
Er lachte leise. Unglaublich, wie das menschliche Gehirn funktioniert, dass es jetzt in der Lage war, über Fußball nachzudenken. Er schaute auf die Uhr. Er hatte noch eine halbe Stunde.
Kurz vor zehn verließ er das Refektorium und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Auf dem Weg dahin begegnete ihm Barbara Jarczyk. Sie schaute ihn fragend an, weil er nicht zum Saal ging.
»Ich komme gleich«, sagte er.
Doch bevor er die Zahnpasta auf die Bürste drücken konnte, hörte er einen Schrei.


2
Teodor Szacki wurde von dem wach, was ihn sonntags für gewöhnlich weckte. Nein, es war nicht der Kater, nicht der Durst, nicht das Bedürfnis, zu pinkeln, nicht die grelle Sonne, die durch das Rollo aus Stroh drängte, und es war nicht der Regen, der auf das Dach über dem Balkon trommelte. Es war Hela, seine siebenjährige Tochter, die sich mit solchem Schwung auf Szacki warf, dass das IKEA-Schlafsofa erbebte. Er machte ein Auge auf und blickte auf eine kastanienbraune Locke, die vor seinen Augen baumelte.
»Schau mal, Oma hat mir Locken gemacht.«
»Das sehe ich«, sagte er und schob sich die Haare aus dem Gesicht. »Schade, dass sie dich nicht mit ihnen gefesselt hat.«
Er küsste seine Tochter auf die Stirn, schob sie von sich, stand auf und ging zur Toilette. Er war an der Zimmertür, als sich auf der anderen Seite des Bettes etwas regte.
»Setzt du mir das Wasser für den Kaffee auf?«, hörte er eine Stimme unter der Bettdecke murmeln.
Ein Wunschkonzert, wie an jedem Wochenende. Er spürte auf der Stelle den Ärger. Zehn Stunden hatte er geschlafen, aber er war trotzdem unglaublich müde. Wann hatte es angefangen, dass er bis mittags im Bett lag, aber wenn er aufstand, hatte er trotzdem den üblen Geschmack im Mund, Grieß in den Augen und einen ziehenden Schmerz zwischen den Schläfen? Ohne jeden Grund.
»Warum sagst du nicht gleich, dass ich dir Kaffee kochen soll?«, sagte er vorwurfsvoll in Richtung seiner Frau.
»Weil ich ihn mir selber mache«, nuschelte sie so sehr, dass er die einzelnen Wörter kaum verstand.
Szacki blickte theatralisch nach oben. Hela lachte laut auf.
»Aber das sagst du doch immer, und ich mach dir trotzdem jedes Mal den Kaffee!«
»Das brauchst du nicht. Ich bitte dich nur, das Wasser aufzusetzen.«
Nachdem er gepinkelt hatte, braute er seiner Frau den Kaffee und versuchte dabei, den Anblick des Geschirrbergs im Spülbecken zu vermeiden. Wenn er wie versprochen das Frühstück machte, würde ihn das zusätzlich eine Viertelstunde Geschirrspülen kosten. Herrgott, war er müde! Statt wie alle anderen Kerle in diesem patriarchalischen Land auszuschlafen und dann fernzusehen, machte er einen auf Traummann und Supervater.
Weronika hatte sich ächzend erhoben, stand in der Diele und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Auch er warf einen kritischen Blick auf sie. Sie war noch immer sexy, auch wenn sie nie wie ein Model ausgesehen hatte. Aber woher kamen das Doppelkinn und die Rettungsringe? Und dann dieses T-Shirt. Sie brauchte ja nicht jeden Tag in Seide und Spitze zu schlafen, aber wieso trug sie verdammt noch mal ständig dieses T-Shirt mit der verwaschenen Aufschrift »Disco Fun«, das sicher noch aus der Zeit der Geschenkpakete stammte? Er reichte ihr den Becher. Sie blickte ihn mit verschwollenen Augen an und kratzte sich unterhalb der Brust. Sie dankte ihm, drückte ihm reflexartig einen Schmatzer auf die Nase und ging ins Badezimmer.
Szacki seufzte, fuhr sich mit der Hand durch die schlohweißen Haare und schaute in die Küche.
Was will ich eigentlich?, dachte er, während er den Spülschwamm unter den schmutzigen Tellern hervorangelte. Kaffeemachen ist im Handumdrehen erledigt. Gut, das Geschirrspülen braucht seine Zeit und das Frühstück auch. Aber im Grunde war es nur eine halbe Stunde Aufwand, und alle würden glücklich sein. Er fühlte sich immer müder bei dem Gedanken an die Zeit, die ihm durch die Finger rann. Ständig stand er im Stau, Tausende öder Stunden vor Gericht, die verplemperten Stunden im Büro, in denen er nichts tun konnte, als Patiencen zu legen, das ständige Warten auf etwas, auf jemanden, das Warten auf das Warten. Warten ist die ermüdendste Aufgabe der Welt, dachte er bitter, während er ein Glas auf dem Trockengestell unterzubringen versuchte, obwohl dort eigentlich kein Platz mehr war. Warum hatte er das trockene Geschirr nicht vorher abgeräumt? Hol’s der Teufel! Ob das Leben für alle so anstrengend war?
Das Telefon klingelte. Hela nahm ab. Er hörte, dass sie etwas sagte, und ging, während er sich die Hände am Geschirrtuch abwischte, ins Zimmer.
»Papa ist da, aber er kann nicht kommen, weil er Geschirr spült und Rührei für uns macht …«
Er nahm ihr den Hörer aus der Hand.
»Szacki am Apparat.«
»Guten Tag, Herr Staatsanwalt. Es tut mir sehr leid, aber ich glaube, Sie werden heute für niemanden Rührei machen. Höchstens zum Abendbrot.« Es war die vertraute Stimme mit der Sprachmelodie aus dem Osten: Oleg Kuzniecow vom Kommissariat in der Wilcza-Straße.
»Oleg, ich bitte dich, tu mir das nicht an!«
»Das bin nicht ich, Herr Staatsanwalt. Die Stadt ruft Sie.«


3
Der große alte Citroën passierte schwungvoll den Pylon der Świętokrzyski-Brücke, von deren Eleganz viele der anderen Autos nur träumen konnten. Dieser Piskorski mochte ja ein Betrüger sein, dachte Szacki, aber zwei Weichselbrücken hat er doch gebaut. Unter Kaczyński war nicht daran zu denken, dass sich irgendjemand getraut hätte, sich zu solch einer Investition zu entschließen. Schon gar nicht kurz vor den Wahlen. Weronika war als Juristin in der Stadtverwaltung tätig, und hin und wieder erzählte sie, wie Entscheidungen heutzutage getroffen wurden. Sicherheitshalber erst einmal gar nicht.
Als er Richtung Powiśle abbog, atmete er wie immer erleichtert auf. Hier war er zu Hause. Seit zehn Jahren wohnte er jetzt im Stadtteil Praga, rechts der Weichsel, aber noch immer hatte er sich dort nicht eingelebt. Er gab sich Mühe, aber die neue Heimat hatte für ihn nur einen Vorteil – sie war nicht allzu weit vom eigentlichen Zentrum entfernt. Er fuhr am Ateneum-Theater vorbei, wo er sich vor etlichen Jahren in das Theaterstück »Antigone in New York« verliebt hatte, passierte das Krankenhaus, in dem er geboren wurde, und das Sportzentrum, wo er Tennis spielen gelernt hatte, dann den Park hinter dem Parlament, wo er und sein Bruder so gern die Hügel hinabgerodelt waren, und schließlich das Schwimmbad, wo er schwimmen gelernt und sich eine Pilzerkrankung zugezogen hatte. Er war in der Stadtmitte angekommen, im Zentrum seiner Stadt, im Zentrum seines Landes, im Zentrum seines Lebens.
Hinter dem zerfallenden Viadukt bog er in die Łazienkowska-Straße ein, parkte vor dem Kulturzentrum und dachte dabei an das zweihundert Meter entfernte Stadion, in dem die Warschauer Mannschaft vor kurzem Wisła Krakau vernichtend geschlagen hatten. Sport interessierte ihn nicht, doch Weronika war ein so begeisterter Fan, dass er sämtliche Ergebnisse der Spiele von Legia Warschau aus den letzten zwei Jahren auswendig hätte hersagen können. Seine Ehefrau würde morgen bestimmt mit ihrem rot-grün-weißen Legia-Schal zum Spiel gehen. Das Pokal-Viertelfinale.
Er schloss den Wagen ab und betrachtete das Gebäude auf der anderen Straßenseite, eines der merkwürdigsten Bauwerke der Hauptstadt; im Vergleich dazu konnten sogar der Kulturpalast und die Siedlung Za Żelazną Bramą als Musterbeispiele einer eleganten Baukunst gelten. Hier hatte einmal die Pfarrkirche der heiligen Mutter Gottes von Tschenstochau gestanden, die im Krieg zerstört worden und während des Warschauer Aufstands ein wichtiger Ort des Widerstands gewesen war. Jahrzehntelang hatte das Gelände brachgelegen, mit finsteren Ruinen, Säulenstümpfen und offenen Kellern, und als man es schließlich wieder aufbaute, wurde es zur Visitenkarte der Stadt. Wer die Łazienkowska-Straße entlangfuhr, der erblickte unweigerlich diese ziegelrote Chimäre, eine Mischung aus Kirche, Kloster, Festung und Gargamel-Burg. An diesem Ort hatte sich einst auch der »Böse«, ein stadtbekannter Mörder, herumgetrieben. Und jetzt hatte man ausgerechnet hier eine Leiche gefunden.
Szacki rückte den Knoten seiner Krawatte zurecht und überquerte die Straße. Es fing an zu regnen. Am Hauseingang standen ein Streifenwagen und ein nicht gekennzeichnetes Polizeiauto. Ein paar Gaffer, die aus der Frühmesse gekommen waren, standen herum. Oleg Kuzniecow unterhielt sich gerade mit einem Techniker vom Kriminaltechnischen Labor. Als er Szacki erblickte, kam er auf ihn zu und gab ihm die Hand.
»Hast du vor, hinterher noch auf einen Cocktail zu den Sozis in die Rozbrat-Straße zu gehen?«, spöttelte der Polizist, während er ihm das Revers seines Jacketts korrigierte.
»Gerüchte über die Politisierung der Staatsanwaltschaft sind ebenso falsch wie Gerüchte über zusätzliche Einnahmequellen von Warschauer Polizisten«, gab Szacki schlagfertig zurück. Er mochte es nicht, wenn man sich über seine Kleidung lustig machte. Er trug bei jedem Wetter Anzug und Krawatte, weil er Staatsanwalt war und eben kein Gemüselieferant.
»Was haben wir da?«, fragte er, während er eine Zigarette hervorholte. Die erste von dreien, die er sich täglich gestattete.
»Eine Leiche, vier Mordverdächtige.«
»Lieber Gott, wieder ein Blutbad unter Säufern. Ich hätte nicht gedacht, dass diese verdammte Stadt selbst eine Kirche entweiht. Und dann haben sie sich ausgerechnet am Sonntag umgebracht, keinen Funken Respekt.« Szacki war ehrlich angewidert. Und noch immer wütend, weil sein Familiensonntag also definitiv ins Wasser fiel.
»Interessante Vermutungen, aber leider das Thema verfehlt, Teo«, murmelte Kuzniecow, während er sich nach allen Seiten drehte, um eine Position zu finden, in der ihm der Wind die Flamme nicht ausblies. »In diesem Gebäude gibt es außer der Kirche noch einige Firmen. Einzelne Räume sind vermietet an eine Schule, ein Gesundheitszentrum und allerlei katholische Organisationen, und es gibt noch so ’ne Art Exerzitienhaus. Da versammeln sich an den Wochenenden verschiedene Gruppen, um zu beten, miteinander zu reden, Predigten zu hören und dergleichen. An diesem Wochenende hat ein Therapeut mit vier Patienten die Räume gemietet. Am Freitag haben sie gearbeitet, am Samstag haben sie gearbeitet, und nach dem Abendessen gestern sind sie auseinandergegangen. Zum Frühstück erschienen heute Morgen der Arzt und drei der vier Patienten. Den vierten fanden sie kurz darauf. In welchem Zustand er ist, wirst du gleich selber sehen. Diese Räume befinden sich in einem gesonderten Flügel, in den man nicht gelangt, ohne an der Pförtnerloge vorbeizukommen. Die Fenster sind vergittert. Keiner hat etwas gesehen, keiner hat etwas gehört. Und bislang hat noch keiner gestanden. Eine Leiche, vier Mordverdächtige – nüchtern und wohlsituiert. Was sagst du jetzt?«
Szacki machte die Zigarette aus und ging ein paar Schritte, um sie in den Abfallkorb zu werfen. Kuzniecow schnipste seine auf die Straße, direkt unter die Räder eines Linienbusses.
»An solche Geschichten glaube ich nicht, Oleg. Wir werden gleich erfahren, dass entweder der Pförtner die halbe Nacht geschlafen hat oder dass ein Langfinger sich hineingeschlichen hat, um Geld für seinen Fusel zu klauen, wobei er auf den armen Neurotiker stieß und ihm in Panik das Messer in den Leib jagte. Er wird sich vor einem eurer Spitzel damit brüsten, und die Sache ist schnell erledigt.«
Kuzniecow zuckte mit den Schultern.
Szacki glaubte an das, was er zu Oleg gesagt hatte, aber seine Neugier wuchs, als sie das Gebäude betraten und den schmalen Korridor entlang zu dem Saal gingen, in dem die Leiche lag. Er holte tief Luft, um die Mischung aus Erregung und Angst zu dämpfen, die ihn immer beim ersten Anblick einer Leiche überkam. Als er den Toten erblickte, stand ihm professionelle Sachlichkeit ins Gesicht geschrieben. Teodor Szacki versteckte sich hinter der Maske des Beamten, der über das Gesetz des Staates wacht.


4
Der Mann im grauen Anzug, um die fünfzig, etwas rundlich, graumeliert, aber volles Haar, lag rücklings auf dem grünen Linoleumfußboden, der ganz und gar nicht zu dem niedrigen Kreuzgewölbe passen wollte. Neben ihm stand ein altmodischer grauer Koffer, der nicht mit einem Reißverschluss, sondern mit zwei Metallschlössern verschlossen und zusätzlich durch kurze Riemen mit Schnallen gesichert war.
Blut war eigentlich kaum zu sehen, aber das änderte nichts daran, dass es Szacki große Überwindung kostete, um mit sicherem Schritt an das Opfer heranzutreten und sich neben seinem Kopf hinzuhocken. Ihm kam die Galle hoch. Er musste laut schlucken.
»Irgendwelche Fingerabdrücke?«, fragte er sachlich.
»Am Tatwerkzeug gibt es keine, Herr Staatsanwalt«, erwiderte der Leiter der Kriminaltechnik, der sich ebenfalls hingehockt hatte. »Wir haben an anderen Stellen welche gefunden, auch Mikrospuren. Sollen wir Geruchsproben nehmen?«
Szacki schüttelte den Kopf. Wenn der Tote in den beiden letzten Tagen mit mehreren Personen zusammen gewesen war, von denen eine ihn getötet hatte, dann waren Geruchsproben wertlos. Vor Gericht waren sie schon so oft entkräftet worden, dass es ihm um die Zeit der Techniker zu schade war.
»Was ist das überhaupt?«, wandte er sich an Kuzniecow und deutete auf die lange Nadel mit einem kleinen schwarzen Griff, die aus dem rechten Auge des Opfers ragte. Es verschaffte ihm Erleichterung, dass er der Frage wegen zu dem Polizisten aufschauen konnte, statt die weinrot-graue Masse anzustarren, die einmal das Auge des Mannes gewesen sein musste und jetzt auf seiner Wange zu einer Form geronnen war, die Szacki unweigerlich an einen Boliden aus der Formel 1 denken ließ.
»Ein Grillspieß«, erwiderte Oleg. »Oder etwas in der Art. Im Speisesaal gibt es einen ganzen Satz im gleichen Stil. Verschiedene Messer, ein Hackmesser, Essbesteck.«
Szacki nickte. Das Tatwerkzeug stammte von hier. Was ebenfalls dafür sprach, dass der Täter nicht von draußen gekommen war. Der Richter konnte allerdings theoretisch zu der Meinung gelangen, dass sich hier eine Menge Leute auch unbemerkt aufgehalten haben könnten. Und beim leisesten Zweifel … Den Rest kannte er.
Er überlegte sich gerade, wie er die Sache mit den Zeugen anpacken sollte, die ja ebenfalls Mordverdächtige waren, als einer der Uniformierten in den Saal hineinschaute.
»Herr Kommissar, die Ehefrau des Toten ist da. Kommen Sie?«
Der Staatsanwalt ging mit Oleg nach draußen.
»Wie hieß er?«, fragte er Kuzniecow flüsternd.
»Henryk Telak. Seine Frau heißt Jadwiga.«
Am Streifenwagen stand eine der Frauen, wie sie von Männern gern als stattlich bezeichnet werden. Hochgewachsen, schlank, mit Brille, leicht ergrauenden Haaren und markanten Gesichtszügen. Sie trug ein hellgrünes Kleid und Sandalen. Sie musste einmal eine Schönheit gewesen sein – jetzt trug sie stolz zur Schau, was davon geblieben war.
Kuzniecow ging auf sie zu und verneigte sich.
»Guten Tag, mein Name ist Oleg Kuzniecow, ich bin Polizeikommissar. Das ist Staatsanwalt Teodor Szacki, der die Ermittlungen leiten wird. Wir möchten Ihnen unser tiefempfundenes Beileid aussprechen. Wir versprechen, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um den Mörder Ihres Mannes zu finden und seiner gerechten Strafe zuzuführen.«
Die Frau nickte. Sie wirkte abwesend, wahrscheinlich hatte sie schon ein Beruhigungsmittel genommen. Und möglicherweise hatte sie auch noch nicht ganz begriffen, was geschehen war. Zuerst, das wusste Szacki, reagiert man auf den Tod eines nahestehenden Menschen mit Unglauben. Der Schmerz kommt später.
»Wie …?«, fragte sie. »Ein Raubüberfall«, log Szacki und wirkte dabei wie immer so authentisch und selbstsicher, dass man ihm schon des Öfteren geraten hatte, Rechtsanwalt zu werden. »Alles deutet bislang darauf hin, dass ein Einbrecher in der Nacht zufällig auf Ihren Mann traf, es ist sogar denkbar, dass er ihn zu stellen versuchte und der Dieb ihn deshalb tötete.«
»Wie?« fragte sie.
Die Männer wechselten einen Blick.
»Ihr Mann wurde mit einem spitzen Gegenstand am Kopf getroffen.« Szacki konnte den kriminalistischen Neusprech nicht leiden, aber immerhin nahm er dem Tod das Dramatische. Es klang einfach sanfter als »Jemand hat ihm einen Grillspieß durch das Auge ins Gehirn gerammt«. »Er war sofort tot. Der Arzt sagt, er hat nicht leiden müssen.«
»Immerhin«, sagte sie nach einem Moment des Schweigens und hob zum ersten Mal den Kopf. »Kann ich ihn sehen?«, fragte sie an Szacki gewandt, vor dessen Auge plötzlich alles im Grau verschwamm.
»Das sollten Sie nicht tun.«
»Ich möchte mich von ihm verabschieden.«
»Wir sind noch dabei, die Spuren zu sichern«, fügte Kuzniecow hinzu. »Es herrscht eine geschäftige Atmosphäre, und glauben Sie mir bitte, der Anblick ist wirklich nicht angenehm.«
»Wie Sie meinen«, sagte sie resigniert, und Szacki unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. »Dann kann ich jetzt wohl gehen?«
»Selbstverständlich. Wir wüssten nur gern, wie wir Sie erreichen können. Ich habe noch einige Fragen an Sie.«
Die Frau nannte Kuzniecow ihre Adresse und ihre Telefonnummer.
»Und der Leichnam?«, fragte sie.
»Leider müssen wir eine Obduktion vornehmen. Aber spätestens am Freitag wird das Bestattungsunternehmen ihn abholen können.«
»Das ist gut. Vielleicht lässt sich die Bestattung dann am Samstag einrichten. Man sollte einen Menschen vor dem Sonntag begraben, sonst stirbt noch im selben Jahr jemand aus der Familie.«
»Das ist doch bloß Aberglaube«, erwiderte Szacki. Er holte zwei Visitenkarten aus der Tasche und reichte sie der Witwe. »Auf der einen stehen meine Telefonnummern, auf der anderen die Nummer einer Notfallstelle für Angehörige von Verbrechensopfern. Rufen Sie dort an, das hilft manchmal.«
»Können die auch tote Ehemänner wieder zum Leben erwecken?«
Szacki wollte es unbedingt vermeiden, dass das Gespräch diese Richtung nahm. Irreale Bemerkungen waren in der Regel das Vorspiel einer Hysterie.
»Nein, aber sie helfen den Verbliebenen, wieder in das Leben zurückzufinden, vor dem sie sich fürchten. Sie können natürlich tun, was Sie für richtig halten. Ich sage nur, dass Sie dort Menschen finden, die helfen können.«
Sie nickte und steckte beide Visitenkarten in die Handtasche. Der Bulle und der Staatsanwalt verabschiedeten sich und kehrten ins Gebäude zurück.
Oleg fragte Szacki, ob er jetzt die drei Patienten vernehmen wolle. Aber er war sich nicht ganz sicher. Hatte er im ersten Moment vorgehabt, so schnell wie möglich mit ihnen zu sprechen, noch hier vor Ort, so hielt er es jetzt für besser, die Sache ein bisschen hinauszuzögern, um sie ein wenig zu verunsichern. Die gute alte Methode von Inspektor Columbo. Er fragte sich, woran sie jetzt in ihren Zellen – nomen est omen – denken mochten. Bestimmt wendeten sie jedes kleine Wort, jede Geste der beiden letzten Tage hin und her, auf der Suche nach einem Indiz, wer von ihnen der Mörder sein könnte. Außer dem Mörder selbst, der vermutlich überlegte, ob er sich im Laufe der letzten zwei Tage nicht durch ein kleines Wort oder eine Geste verraten hatte. Das alles stand natürlich unter der Annahme, dass tatsächlich einer von ihnen den Mord begangen hatte. War es wirklich auszuschließen, dass der Mörder von außen ins Gebäude eingedrungen war? Nein. Wie immer in einem so frühen Stadium der Ermittlungen, war nichts auszuschließen. Das konnte ein interessanter Fall werden, eine wohltuende Abwechslung nach all den gewöhnlichen Morden in dieser Stadt: Gestank, leere Schnapsflaschen, Blut an den Wänden, eine schluchzende Frau auf dem Fußboden, die dreißig Jahre älter aussieht, als ihre Geburtsurkunde weismachen will, erstaunte, weggetretene Kerle, die nicht glauben können, dass einer von ihnen im Rausch den Freund abgemurkst hat – wie oft hatte er das schon gesehen.
»Nein«, erwiderte er. »Ich sag dir, wie wir’s machen. Du vernimmst sie jetzt, so wird das schließlich für gewöhnlich gehandhabt. Aber mach es selbst und schick nicht irgendeinen Wachtmeister hin, der noch vor vierzehn Tagen bei Mama und Papa am Stadtrand von Siedlce gewohnt hat. Ruhig und oberflächlich, und jeder wird als gewöhnlicher Zeuge verhört: Wann er Telak zuletzt gesehen hat, wann sie sich kennengelernt haben, was er in der Nacht gemacht hat. Frag sie nicht nach den anderen oder nach der Therapie, sie sollen sich sicher fühlen. Und ich habe dann einen Grund, sie noch mehrmals vorzuladen.«
»Was fällt dir eigentlich ein?«, empörte sich Oleg. »Ich soll also mit ihnen spielen, um den Boden für dich zu bereiten? Protokolle in Schönschrift schreiben und dann in die zweite Reihe treten …«
»Lach dir ’ne Wachtmeisterin an, die das Protokoll für dich schreibt. Wir treffen uns morgen im Kommissariat, tauschen Dokumente aus, sprechen die Sache durch, legen fest, wie es weitergeht. Ich sollte zwar zur Urteilsverkündung im Fall Pieszczoch gehen, aber ich werde Ewa bitten, dass sie für mich einspringt.«
»Du spendierst den Kaffee.«
»Das ist wohl ein Witz! Ich arbeite doch nicht bei der Verkehrspolizei, sondern bin einfacher Staatsbeamter. Meine Frau ebenfalls. Wir spendieren keinen Kaffee, wir machen uns in der Büroküche irgendeine Instantbrühe.«
Oleg nahm eine Zigarette aus der Packung, und Szacki hielt sich mit Mühe davon ab, es ihm gleichzutun. Dann wäre es nur noch eine für den Rest des Tages.
»Du spendierst den Kaffee, keine Widerrede.«
»Du bist ein räudiger Russe.«
»Ich weiß, das hör ich ständig. Um neun im Gorączka?«
»Ich hasse diese Bullenkneipe.«
»Dann im Brama?«
Szacki nickte. Oleg begleitete ihn zum Wagen.
»Ich fürchte, es könnte schwierig werden«, sagte der Polizist. »Wenn der Mörder keinen Fehler gemacht hat und die anderen nichts gesehen haben, dann ist da nichts zu machen.«
Szacki konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
»Sie machen immer Fehler.«


5
Er konnte sich nicht erinnern, dass ihn das Wetter in der Tatra jemals so verwöhnt hatte. Vom Gipfel der Kopa Kondracka hatte er eine prächtige Aussicht in sämtliche Himmelsrichtungen, nur in weiter Ferne über dem slowakischen Teil der Hohen Tatra waren ein paar Wölkchen zu sehen. Die Sonne hatte ihn begleitet, seit er am frühen Morgen in Kiry geparkt und nach einem kurzen Spaziergang durch das Tal Dolina Kościeliska mit dem Aufstieg auf das Bergmassiv der Czerwone Wierchy begonnen hatte. Der Pfad war immer steiler geworden, der niedrige Latschenbewuchs hatte keinerlei Schatten gespendet, und kein Wildbach zur Abkühlung war in Sicht gewesen, und so hatte sich die kleine Wanderung in einen Marsch durch einen glühenden Kessel verwandelt. Ihm fielen Geschichten von amerikanischen Soldaten in Vietnam ein, deren Hirnflüssigkeit bei der täglichen Patrouille unter den von der Sonne aufgeheizten Helmen angeblich zu kochen begonnen hatte. Das hatte er immer für Unfug gehalten, aber jetzt fühlte er sich ähnlich, obwohl er keinen Helm, sondern eine sandfarbene Mütze trug.
Als er schon fast den Grat erreicht hatte, begann es ihm vor den Augen zu flimmern, seine Knie wurden weich, und er verfluchte seine Torheit, zu glauben, auch mit siebzig alles genauso zu können wie früher. Genauso zu trinken, genauso zu lieben, genauso Berge zu besteigen.
Oben sank er kraftlos zu Boden, genoss den aufkommenden kühlen Wind und lauschte dem rasenden Rhythmus seines Herzens. Wenn es denn so weit wäre, dachte er, dann war es doch besser, auf dem Gipfel des Ciemniak zu sterben als auf einer Warschauer Prachtstraße wie der Marszałkowska. Als sein Herz sich ein wenig beruhigt hatte, dachte er, dass er noch lieber auf dem Gipfel des Małołączniak sterben wollte, denn das klang nicht so bescheuert wie dieser verdammte Ciemniak. Warum nannte man einen Berggipfel auch »Dummkopf«? Es fehlte noch, dass sie nach seinem Tod Witze über ihn rissen. Also schleppte er sich weiter, trank etwas Kaffee aus der Thermoskanne, versuchte, nicht an seinen wichtigsten Muskel zu denken, und erreichte bald die Kopa Kondracka. Merkwürdig, aber es sah so aus, als würde das schwache Herz ihn selbst in Verbindung mit der Alterstorheit auch diesmal nicht umbringen. Er schenkte sich noch einen Kaffee ein, wickelte das Butterbrot aus der Alufolie und betrachtete die fettleibigen Dreißigjährigen, die sich ebenfalls hier hochquälten, als handele es sich um einen Siebentausender. Beinahe hätte er ihnen geraten, sich Sauerstoffflaschen mitzunehmen.
Wie kann man sich dermaßen gehenlassen, dachte er voller Verachtung. Als er in ihrem Alter gewesen war, konnte er morgens den Weg von der Hütte auf der Hala Kondratowa zum Gipfel der Kopa und zurück durchs als »Hölle« verschriene Tal laufen, nur um sich aufzuwärmen und das Frühstück zu verdienen. Das waren die Zeiten, in denen alles ganz einfach gewesen war und einen Sinn ergeben hatte.
Er streckte die braungebrannten und noch immer muskulösen Unterschenkel in die Sonne und schaltete sein Handy ein, weil er seiner Frau, die in einer Pension in Zakopane auf ihn wartete, eine SMS schicken wollte. Kaum hatte das Telefon Empfang, klingelte es. Der Mann fluchte und nahm ab.
»Ja?«
»Guten Tag, hier spricht Igor. Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie.«
»Ja?«
»Henryk ist tot.«
»Wie ist es passiert?«
»Ich glaube, es war ein tragischer Unfall.«
Er überlegte nicht einen Moment, was er darauf antworten sollte.
»Das ist in der Tat eine traurige Nachricht. Ich werde versuchen, morgen wieder zurück zu sein, aber jetzt muss ganz schnell die Todesanzeige geschaltet werden. Hast du verstanden?«
»Allerdings.«
Er machte sein Handy aus. Jetzt hatte er keine Lust mehr seiner Frau zu schreiben. Er trank den Kaffee aus, warf sich den Rucksack über und marschierte los. Im Berghotel auf der Kalatówki-Alm würde er noch ein Bier trinken und sich überlegen, wie er ihr beibringen könnte, dass sie nach Warschau zurückmussten. Fast vierzig Jahre waren sie zusammen, aber solche Gespräche fielen ihm noch immer schwer.


6
Staatsanwalt Teodor Szacki brachte den starken Dreiliter-V6-Motor seines Citroëns nur mühsam in Gang – mit dem Gaspedal war schon wieder etwas nicht in Ordnung – und musste kurz warten, bis die Hydraulik seinen Drachen vom Boden gehoben hatte. Dann fuhr er in Richtung Weichseluferstraße, um über die Łazienkowski-Brücke auf die andere Flussseite zu gelangen. Im letzten Moment überlegte er es sich anders, bog in Richtung Wilanów ab und hielt dort an der Bushaltestelle in der Nähe der Gagarin-Straße. Er schaltete die Warnblinkanlage an.
Früher, vor zehn Jahren, also vor einer Ewigkeit, als Hela noch nicht auf der Welt gewesen war, hatte er hier mit Weronika gewohnt. Einzimmerwohnung im zweiten Stock, beide Fenster gingen zur Weichseluferstraße hinaus. Ein Albtraum. Tagsüber ein LKW nach dem anderen, bei Dunkelheit die Nachtbusse und die knatternden Fiats 126p, die mit hundertzehn Stundenkilometern vorbeirasten. Er lernte, die Automarken am Klang ihres Motors zu erkennen. Auf den Möbeln bildete sich eine dicke schwarze Staubschicht, und die frisch geputzten Fenster waren eine halbe Stunde später wieder schmutzig. Am schlimmsten war es im Sommer. Die Fenster mussten sie öffnen, damit sie nicht erstickten, aber dann war kein Gespräch möglich, und auch an Fernsehen war nicht zu denken. Damals hatten sie sich häufiger geliebt, als sie die Nachrichten schauten. Und jetzt? Er war sich nicht sicher, ob sie den Landesdurchschnitt schafften, über den sie sich früher so lustig gemacht hatten. Gab es tatsächlich Leute, die es nur einmal in der Woche machten? Hahaha.
Szacki prustete los und öffnete das Fenster. Es regnete unaufhörlich, Tropfen drangen ins Auto ein und hinterließen dunkle Flecken auf den Polstern. Durch ein Fenster sah er, wie eine zierliche Blondine mit schulterlangen Haaren in einer Wohnung umherging, sie trug nur ein kurzes Hemdchen.
Wie wäre es, dachte Szacki, wenn ich jetzt im Hof parken würde und in die Wohnung im zweiten Stock ginge, und dort würde diese Frau auf mich warten. Wenn ich ein völlig anderes Leben hätte, andere CDs, andere Bücher in den Regalen, wenn ein anderer Körper mit einem anderen Duft neben mir liegen würde? Wir könnten im Łazienki-Park spazieren gehen, ich würde ihr erzählen, warum ich heute zur Arbeit, sagen wir, ins Architekturbüro musste, sie würde mir sagen, dass ich tüchtig bin und dass sie mir am Theater auf der Insel ein Eis kaufen wird. Alles wäre anders.
Wie gemein, dachte Szacki, dass wir nur ein Leben haben und dass es uns so schnell langweilt.
Eins steht fest, dachte er, als er den Zündschlüssel umdrehte: Ich brauche Abwechslung. Ich brauche unbedingt eine Abwechslung.

Zygmunt Miloszewski

Über Zygmunt Miloszewski

Biografie

Zygmunt Miłoszewski, geboren 1976 und früher Journalist bei Newsweek Polen, katapultierte sich mit »Warschauer Verstrickungen« in die erste Reihe der osteuropäischen Autoren, die gerade die internationale Krimiszene aufmischen. Für das Buch erhielt er den Preis Wielki Kaliber, die höchste polnische...

Weitere Titel der Serie »Teodor-Szacki-Reihe«

Trilogie des polnischen Autors Zygmunt Miloszewski um den eigenwilligen Staatsanwalt Teodor Szacki, die in drei verschiedenen polnischen Städten spielt, ebenso unkonventionell wie faktenreich und spannend erzählt.

Pressestimmen

auf dem Vulkan

»Dafür belohnt er [...] den Leser mit einer spannenden Geschichte, bissigen Dialogen und vor allem mit einem starken Ermittler.«

GeoSaison

»In Warschauer Verstrickungen beleuchtet Zygmunt Miloszewski ein dunkles Kapitel polnischer Geschichte, das nur dürftig aufgearbeitet ist.«

Lauterbacher Anzeiger

»Miloszewski macht es dem Leser erst einmal nicht leicht, muten die Ausführungen über die Abläufe der therapeutischen Sitzungen zunächst etwas ausführlich an, am Ende ist es erklärlich, warum sie diesen Platz erhalten. Dafür belohnt er mit einer spannenden Geschichte, bissigen Dialogen und vor allem mit einem starken Ermittler.«

literaturkurier Newsletter

»In Polen wurde diese realistische, historisch fundierte, kritische und politisch brisante Story bereits verfilmt und hat den bedeutendsten Krimi-Preis des Landes erhalten.«

WDR 4 "Bücher"

»Ein glaubwürdiger, sehr realistischer Krimi ohne überflüssige Effekte, dafür mit spannenden Figuren und viel politischem Hintergrund.«

Radio Bremen

»Das Buch ist gut geschrieben, faktenreich mit spannender Krimihandlung. Die Leser erfahren viel über Polen, das alltägliche Leben in der Hauptstadt Warschau und über die Arbeit der dortigen Staatsanwaltschaft.«

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