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Vierunddreißigster SeptemberVierunddreißigster September

Vierunddreißigster September

Angelika Klüssendorf
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Roman

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Vierunddreißigster September — Inhalt

Ein hintersinniges Meisterwerk über eine Zeit der Wut, Melancholie und Zärtlichkeit

„Klüssendorfs Kunst ist die Vermeidung jedweder Künstlichkeit.“ DER SPIEGEL

Ein Dorf in Ostdeutschland: Walter, ein zorniger Mann, erschlagen in der Silvesternacht von Hilde, der eigenen Frau. Nur kurz vor seinem Ende war er plötzlich sanft und ihr zugewandt. Dann ein Friedhof: Die Toten studieren die Lebenden. Walter wird zum Chronisten, sieht sich dazu verdammt, die Schicksale im Dorf festzuhalten. Und er fragt nach dem Warum. Was war der Grund für Hildes Tat? Geschah es aus Hass oder aus Barmherzigkeit?
„Vierunddreißigster September“ wird zum Dorfroman einer anderen, neuen Art, er kommt den Menschen schmerzend nah. Aus Angelika Klüssendorfs Sprache strahlt eine mitreißende Kraft, sie ist präzise und voll tiefschwarzer Komik. Ein hintersinniges Meisterwerk über eine Zeit der Wut, Melancholie und Zärtlichkeit.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.09.2021
224 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05990-9
Download Cover
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 01.09.2021
224 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-97396-0
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„Es gehört zur Finesse dieser Literatur, dass hinter der vermeintlichen Grundkonstellation ein Abgrund lauert, der je nach Weltanschauung oder Religion aufatmen oder aufschrecken lässt.“
Der Tagesspiegel
„Dieser ungewöhnliche und hintersinnige Roman erzählt davon, dass das Schicksal der Toten und Lebenden untrennbar miteinander verknüpft ist - bis weit über den Tod hinaus.“
Kleine Zeitung
„Literarischen Reiz bekommen die bisweilen etwas beliebig wirkenden Szenen aus dem beschädigten Leben jedoch durch Angelika Klüssendorfs Stil. Er ist von kühler Lakonie und entwickelt mitunter eine gewisse räudige Poesie.“
Deutschlandfunk "Büchermarkt"
„Erzählt wird eine feine, skurrile Geschichte, die sich in ihrer Absurdität und Schönheit von Seite zu Seite steigert.“
NDR "Buch des Monats"
„Eine skurrile, wortgewandte Dorfgeschichte, gespickt mit tiefschwarzem Humor und bitterbösen Gesellschaftsanalysen“
Münchner Merkur
„Angelika Klüssendorfs neuer Roman ›Vierunddreißigster September‹ ist ein wildes, starkes und tröstliches Buch über die Trostlosigkeit. (...) Es sind diese Momente des Innehaltens und Wahrnehmens, die den Roman zu einem beglückenden Leseerlebnis machen.“
Süddeutsche Zeitung
„Das muss man erst einmal schaffen, auf nur gut 200 Seiten, maximal verdichtet und erzählerisch experimentell und trotzdem leicht und humorvoll, das ganze Elend und die ganze Gewalttätigkeit der deutschen Geschichte anhand eines Dorfes und seiner Bewohner zu entfalten. Angelika Klüssendorf ist das Kunststück geglückt, die lange Nachwirkung der sogenannten Wende einzufangen.“
Die Zeit
„Ein lesenswertes Gesellschaftsportrait in Miniatur“
Ruhr Nachrichten

Leseprobe zu „Vierunddreißigster September“

1  Hilde

Sieh mal die Blumen, wollte sie sagen, doch sie tat es nicht. Der Frost hatte das Fenster mit Eisblumen überzogen. Sie hauchte an die Scheibe, bis sie durchschauen konnte. Die Laternen warfen Splitter aus Licht, es war sechs Uhr morgens, der Dorfanger lag still da. Stille wie vor dem Weltende. Nur eine Taube hüpfte am Zaun entlang, ihr fehlte ein Fuß; sie sah ramponiert aus und fügsam, als wartete sie auf einen Habicht.

Sie hörte Walter rufen: Hilde, hast du meine Handschuhe gesehen?

Obwohl sie sich nach über vierzig Ehejahren noch nicht daran [...]

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1  Hilde

Sieh mal die Blumen, wollte sie sagen, doch sie tat es nicht. Der Frost hatte das Fenster mit Eisblumen überzogen. Sie hauchte an die Scheibe, bis sie durchschauen konnte. Die Laternen warfen Splitter aus Licht, es war sechs Uhr morgens, der Dorfanger lag still da. Stille wie vor dem Weltende. Nur eine Taube hüpfte am Zaun entlang, ihr fehlte ein Fuß; sie sah ramponiert aus und fügsam, als wartete sie auf einen Habicht.

Sie hörte Walter rufen: Hilde, hast du meine Handschuhe gesehen?

Obwohl sie sich nach über vierzig Ehejahren noch nicht daran gewöhnt hatte, dass er sie fragte, wo etwas lag – manchmal direkt vor seinen Augen –, blieb sie gleichmütig.

Hier, sagte sie und reichte ihm die Handschuhe, vergiss nicht den Arzttermin, doch da war er schon zur Tür hinaus. Sie folgte Walter durch den Garten. Er drehte sich zu ihr um, sein Atem stieg in kleinen Wolken auf.

Vergiss nicht den Arzttermin.

Er nickte, holte das Moped aus dem Schuppen und fuhr los.

In der Küche räumte sie das Geschirr in den Spüler, öffnete das Fenster und atmete tief aus. Der bleiche Mond, wie angeklebt, da oben. Sie hörte die ersten Autos starten. Die Bäuerin vom Mühlenhof wartete an der Bushaltestelle. Die Schriftstellerin ging mit ihrem Hund in Richtung Wald. Sie stand meist früh auf, doch es kam auch vor, dass sie erst mittags das Haus verließ, ramponiert wie die fußlose Taube. Hilde wusste nicht, ob sie die Schriftstellerin mochte. Leere Weinflaschen lagen verstreut in ihrem verwilderten Garten. Dann die laute Musik, oft bis zum frühen Morgen, und das Getrommel ihres Freundes. Ihn nannte sie nur den Trommler. Er war im vergangenen Sommer aufgetaucht, mit einer gelben Blume in der Hand, seitdem waren die beiden zusammen. Hilde wusste nicht, welchen Beruf er ausübte, aber er trommelte, wann es ihm in den Sinn kam. Ein großer, schöner Mann, Anfang fünfzig, Augen wie ein Husky.

 

Sie waren die Einzigen im Wartezimmer. Dr. Kies ging über den Flur und nickte ihr zu, sein Blick war ernst. Er war eigentlich Orthopäde und nur deshalb ihr Hausarzt, weil Hilde bis zur Rente als Arzthelferin für ihn gearbeitet hatte. Walter hatte zwei gut sichtbare Beulen auf der Stirn, links und rechts unter der Kopfhaut; sie bestanden aus Fettgewebe, hießen Lipome und waren in der Regel ungefährlich. Wenn sie auf ihn wütend war, dachte sie: Gehörnter. Heute tat er ihr leid. Walter mochte keine Ärzte. Sie hatte ihn lange überreden müssen und die Lipome vorgeschoben, doch was ihr wirklich Sorgen bereitete, waren seine rasenden Kopfschmerzen, dazu Schwindel und ein Gefühl der Taubheit in den Händen. In der vergangenen Woche hatten sie eine MRT machen lassen, gestern dann hatte Dr. Kies wegen der Ergebnisse angerufen.

Vor der Praxis zerriss ein Krachen die Stille, in vier Wochen war Silvester. Im letzten Jahr war ihr Briefkasten von Böllern zerfetzt worden. Hilde betrachtete die Bilder an den Wänden. Als Arzthelferin hatte sie oft davorgestanden und versucht, die schwarzen Striche und Kreuze zu deuten – sie hatte Wut und Verzweiflung darin gesehen. Aus der Tür des Behandlungszimmers trat Röschen heraus, die Alte, die draußen im Wald wohnte. Röschen nickte ihr zu und seufzte, sie sah verwirrt aus, fand Hilde, und einsam. Walter hockte gekrümmt auf dem Stuhl, den Kopf zwischen den Schultern, er schlief oder gab es zumindest vor. Innerhalb eines Atemzugs wusste Hilde Bescheid, sie musste allein mit Dr. Kies sprechen. Sie kannten sich gut; seiner Meinung nach konnten Männer bestimmte Arbeiten besser verrichten als Frauen und umgekehrt, während sie glaubte, dass Fürsorge und Herzenswärme den Frauen vorbehalten waren.

Hilde schloss die Tür hinter sich. Dr. Kies stand vor dem Fenster, sah sie verwundert an: Wo ist dein Mann?

Sie bemühte sich, ihm beizubringen, dass Walter ein schlechtes Ergebnis niemals ertragen würde.

Dr. Kies schüttelte den Kopf. Du weißt, ich muss –

So ein Quatsch, unterbrach sie ihn, setz dich. Ich will alles hören.

Während er weitersprach, versuchte sie sich zu erinnern, wann seine ergrauten Haare völlig weiß geworden waren. Glioblastom mit großer Raumforderung, sagte er, inoperabel, rasant, Hirnödem weit fortgeschritten – wie kleine Pinsel wucherten ihm Haare aus der Nase – statistisch gesehen …

Bei der Statistik winkte sie ab. Dr. Kies konnte nicht alle Weisheit für sich beanspruchen, auch er war ein Mann, der einen Bauch und dicke Hüften bekam und dessen Hände leicht zitterten.

Die Welt wird sich weiterdrehen, sagte sie, Statistik hin oder her, und natürlich keine Chemo.

Am nächsten Tag besorgte sie die Schmerzmittel. Walter hörte sich ihre Erklärungen an, ohne Fragen zu stellen, er schien nicht argwöhnisch, hegte bemerkenswerterweise keinen Groll auf den Doktor.

 

Drei Wochen nach der Diagnose stolperte Walter beim Gehen, sah neben sich seinen Hund Juri, der vor Jahren gestorben war, verwechselte den Dachboden mit dem Keller. Sie beobachtete ihn misstrauisch, wenn er sie morgens freundlich begrüßte. Er hatte sie sogar in den Goldenen Ochsen eingeladen und ihr freiwillig den Fensterplatz angeboten. Wer saß da in seinem Kopf und sah sie an?

Was ist nur los mit ihm, fragte sie den Arzt.

Ein Wesenswandel, erklärte Dr. Kies, das kommt vor.

Seine lebenslange Wut, einfach so verschwunden?

Dr. Kies nickte und nieste heftig, ohne sich die Hand vor die Nase zu halten, winzige Tropfen schnellten durch die Luft. Wir sollten das Thema Tod besprechen, sagte er. Dein Mann hat nicht mehr lange.

Das ist alles, fragte sie.

Er lachte laut: Das ist alles.

Die Temperatur im Raum schien sich zu ändern. Dr. Kies saß breitbeinig hinter dem Schreibtisch und schlürfte seinen Kaffee. Er sagte: Längst zu spät für eine Chemo.

Es klang für sie, als spräche er von einer vergeblichen Aufforderung zum Tanz, vor Jahren geäußert, nun eingefordert, längst zu spät.

 

Hilde nahm den Weg durch den Wald, der an dem versumpften Teich endete und sie an eine alte Abbildung aus der Kreidezeit erinnerte. Kahle Äste ragten über die Eislandschaft, der Morast lag unter einer dicken Schneeschicht begraben. Eine Brücke führte zu dem Haus von Röschen, an ihrem Grundstück floss ein Bach vorbei, auch der war zugefroren. Krähen jagten durch die Luft, hinter den Bäumen waren Schüsse zu hören. Sie machte sich auf den Rückweg. Es dämmerte, als sie das Dorf erreichte. Das Licht der Laternen fiel in den Garten der Schriftstellerin. Sie sah die Frau vor dem Brennholzstapel stehen und hörte sie mit sich selbst reden.

Hallo, Frau Nachbarin, rief sie.

Die Schriftstellerin drehte sich um, als hätte sie Hilde erwartet. Was machen Sie Silvester?

Das Übliche, antwortete Hilde.

Kommen Sie doch zu uns. Mein Freund gibt mit seiner Band ein Konzert. Wir können noch Gäste gebrauchen.

Oh, danke, erwiderte sie, überrascht von dem Angebot, und betrachtete die Schriftstellerin genauer. Sie trug einen Bademantel und kam ihr müde vor. Alles in Ordnung?

Stiche im Kopf, sagte die Schriftstellerin, eine meiner Romanfiguren leidet daran, und die Schmerzen sind auf mich übergegangen. Das kommt vor beim Schreiben.

Hilde war merkwürdig berührt, als sie sich verabschiedeten. Die freundliche Einladung brachte sie zum Staunen. Dann die Selbstgespräche und ihre Offenheit. Wie gern hätte sie der Schriftstellerin erzählt, dass sie ihren Traum lebte, oder ihr sogar eins ihrer eigenen Gedichte gezeigt.

Zu Hause stand ein Blumenstrauß auf dem Tisch – echte Rosen. Walter lächelte sie an und fragte nach ihrem Tag.

Sie erzählte ihm von der Begegnung mit der Schriftstellerin.

Vielleicht ist sie aus dem Takt, sagte er.

Nicht sie, dachte Hilde.

Die suchen jemanden in der Försterei.

Ja, und? Sie zuckte mit den Achseln.

Es ist wegen dem Jungen, Hans? Er wollte doch dort arbeiten, oder?

Hilde glaubte sich verhört zu haben. Das war Jahre her, und Walter hatte den Jungen gehasst, vor Wut gezittert, wenn sie nur seinen Namen nannte. Am liebsten hätte sie gegen seine Freundlichkeit angebrüllt. Hatte er denn alles vergessen? Wo war sein trockener, staubiger Kern, wo seine Bösartigkeit geblieben?

 

In diesen Tagen wollte Hilde nur gehen und gehen, in den Wald, über die Felder, bloß nicht nach Hause. Die Schneeflocken fielen dicht, schluckten die Geräusche. Mit jedem Schritt versanken ihre Stiefel tiefer im Schnee, sie entdeckte Fährten von Tieren, trotzdem ging sie weiter, konnte nicht aufhören. Sollte sie sich hier in der wattigen Stille von all dem Weiß begraben lassen? Sie blieb eine Weile stehen und atmete durch. Auf der Lichtung sah sie einen Fuchs. Er schoss aus dem Schnee, streckte seinen rötlichen Körper, die Läufe weit von sich, wirbelte durch die Luft, drehte sich einmal, zweimal, als würde er eine Tanzmelodie hören. Ein rauer Luftzug streifte ihr Gesicht. Der Fuchs war verschwunden, es hatte aufgehört zu schneien.

 

Walter sprach von Freunden aus seiner Schulzeit, als hätte er sie erst gestern verabschiedet. Er werde mit ihnen zelten fahren, an die Ostsee, mit dem Moped.

Er stand vor ihr und sagte: Ich bin verkatert, habe so viel getrunken gestern Abend.

Mit wem denn?

Mit Frieder, sagte er, wir haben gefeiert, er hat seine Fahrprüfung bestanden, das war zünftig.

Das war früher, sagte sie.

Kann schon sein, seine Stimme klang nachdenklich.

Du bist alt.

Aber wir sind zu Hause.

Wer ist Frieder?

Du kennst ihn nicht? Sein Erstaunen kam ihr echt vor.

Walter kramte alte Fotos hervor. Ein aufregendes Leben hatten wir, sagte er und zeigte ihr einen Schnappschuss, allerdings ohne Frieder. Sie beide standen rußverschmiert mit den anderen Dorfbewohnern vor dem Mühlenhof, und tatsächlich, es lag so etwas wie Glück auf ihren Gesichtern.

 

Ein Böllerknall jagte den nächsten. Die Tiere im Dorf spielten verrückt, sogar durch den stürmischen Wind waren die Schreie von Jackson zu hören und wildes Hundegebell. Die Schneewehen ragten inzwischen bis über die Kellerfenster.

Walter hatte sich Quarkkäulchen gewünscht, er wollte nur noch Süßes und hatte es so weit gebracht, dass Hilde ihm Schokoladenkuchen und Dosenpfirsiche servierte, bevor er auch nur daran dachte, bloß damit sie seine freundlich bittende Stimme nicht hören musste.

Darf ich dir beim Kochen zusehen, fragte er.

Tu, was du willst.

Ich erinnere mich an unsere Hochzeit, sagte er, wir sollten sie noch einmal feiern, ein großes Fest geben.

Nein, das will ich ganz bestimmt nicht.

Damals war schlechtes Wetter, aber wir waren selig.

Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Selig, das wusste sie genau, war sie nicht gewesen.

Wir könnten aufs Land ziehen.

Wo wohnen wir, wenn nicht auf dem Land?

Eine Katze anschaffen?

Du hast eine Katzenallergie. Trink einen Sherry, sagte sie und goss ihm ein Glas voll. Wir können einen Tierfilm anschauen, fügte sie versöhnlicher hinzu.

Die Feuerzangenbowle, fragte er.

Erleichtert über seinen Vorschlag nickte sie, auch wenn er ihr ganz und gar nicht gefiel, sie hatte den Film noch nie gemocht. Sie prostete ihm zu.

Walter trank sein Glas aus, wiegte sich gähnend hin und her.

Geh doch ins Bett, mach einen Silvesterschlaf.

Ich bin wirklich sehr müde. Er erhob sich schwerfällig aus dem Sessel. Sie hörte sein Schnaufen auf dem Weg ins Schlafzimmer, sein Gang war schleppend. Hast du alles, rief sie ihm hinterher.

Alles, was ich brauche.

Sie seufzte, erst still, dann ein zweites Mal laut hörbar, während sie die hellblaue Küchenwand musterte, die einen frischen Anstrich brauchte.

Walter hatte sich nicht zugedeckt, er atmete schwer. Seine Füße waren groß und knochig, beim Gehen setzte er sie nach außen. Er sah abgekämpft aus. Sie dachte: Es muss ihn viel Kraft kosten, dieses heitere Gemüt. Er war ein freundlicher alter Mann geworden. Sie deckte ihn zu, berührte seine Haare, versuchte, sich ein Gefühl für ihn ins Gedächtnis zurückzurufen, doch da war nichts. Er begann zu schnarchen, stieß kurze zitternde Laute aus. Sie hätte das Gewehr nehmen können, entschied sich aber für die Axt. Hilde ließ sie auf seinen Kopf niedersausen, als wollte sie ein Holzscheit spalten.

Sie hatte sich vorgestellt, danach verändert auszusehen. Sie trat aus der Duschkabine, drehte den Kopf vor dem Spiegel nach rechts, nach links, alles wie immer. Die Versuchung, sich neben Walter zu legen und einfach liegen zu bleiben, war von kurzer Dauer gewesen.

Sie öffnete die Fenster, Schneeflocken wirbelten herein. Ich werde mich nicht mit Erinnerungen aufhalten, sagte sie laut in den Raum, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

Auf der Straße kämpfte sie gegen Wind und Schnee, dabei kam ihr in den Sinn, dass Walter frieren könnte. Sie widerstand jedoch dem Impuls, noch einmal umzudrehen und nach ihm zu sehen.

 

Das Haus der Schriftstellerin war früher ein Stall gewesen. Nun waren die Fenster hell erleuchtet, im Garten parkten Autos, es war warm und gemütlich, als sie eintrat. Im Flur standen Leute, die sich unterhielten und rauchten. Sie ging in den großen Saal, die Wände waren voller Bücher und Bilder, darüber wölbte sich eine blutrote Decke, in der Mitte zwei Säulen. Feuer im Kamin, daneben die fußlose Taube in einem Karton, sie ruhte am Boden und sah gar nicht mehr ramponiert aus. Hilde legte die Pralinenschachtel ab, entdeckte Dr. Kies im Gespräch mit der Schriftstellerin. Sein Gesicht sah aus, als wüsste er nicht, was er hier sollte. Der Trommler begann ein Solo, es wurde geklatscht und gepfiffen. Auf dem großen Tisch ein Durcheinander von Flaschen, Schüsseln, Tellern. Hilde schlenderte durch den Raum, kurz spürte sie ein Zittern in den Beinen, nahm ein Weinglas und setzte sich auf das Sofa.

Dr. Kies kam zu ihr und begann zu reden. Sie ließ sich das Glas von ihm nachfüllen und verstand nicht, was er ihr sagen wollte. Sie fragte sich, warum Männer in seinem Alter ihren Wanst vor sich herschoben, als wäre er das Verdienst eines heroischen Lebens. Sie bemerkte Schweiß auf seiner Stirn. Wo ist deine Frau, unterbrach sie ihn, ich kann sie nicht entdecken.

Hat den Kopf in den Wolken. Und Walter?

Der schläft, sagte sie.

Wie geht es ihm?

Ich glaube, sein Herz ist gebrochen.

Na, na, na, sagte er und tätschelte ihre Hand, nur nicht verzweifeln.

Sie stellte verwundert fest, dass sie sich wohlfühlte. Der Dackel der Schriftstellerin hatte seine Pfote auf ihren Schuh gelegt. Sie gab dem Hund ein Stück Brot, und er winselte freudig.

Dr. Kies redete weiter, seine Stimme schraubte sich in die Höhe, klang herausfordernd, überdreht. Sie stellte sich vor, wie sie seine Nasenhaare mit einer Stichflamme versengte, und lachte auf.

Was ist, fragte er und zeigte ihr seine schmutzigen Hände. Sie begriff, er sprach über seine Bilder. Es sei ihm wichtig, die Kunstwelt in Erstaunen zu versetzen mit der einzigen Farbe, die Beachtung verdiene: Schwarz, alles müsse schwarz sein. Er hielt inne, sein Blick löste sich von ihr und folgte dem Rollschuhmädchen. Helen fuhr durch den Raum, und es hatte den Anschein, als würde das Feuer im Kamin auflodern. Selbst ihre Knochen müssen schön sein, dachte Hilde, das Mädchen hatte die Beine eines Fohlens. Aus einem Impuls heraus wollte sie es umarmen. Bisher war sie neidisch gewesen auf seine Jugend und Schönheit. Kurz schoss ihr durch den Kopf, ob dieser Sinneswandel etwas mit Walters Tod zu tun hatte.

Als der Biobauer Hilde zum Tanzen aufforderte, folgte sie ihm, ohne zu zögern.

Dr. Kies ist momentan unausstehlich, sagte Wolfgang, sabbelt nur von seinen Bildern.

Wie geht’s auf dem Hof, fragte sie.

Eine Sau hat geworfen, komm mal vorbei, dir die Ferkel ansehen.

Sie bewegte sich langsam. Bin eingerostet, ist lange her, dass ich getanzt habe.

Das ist genau meine Musik, sagte Wolfgang und deutete auf die Band. Hilde sah hinüber: Der Gitarrist hatte die Haare blau gefärbt, der Sänger schien mit geöffneten Augen zu träumen, seine Stimme war rau und laut. Sie spürte ihr Muttermal brennen, nahm alles mit geschärfter Aufmerksamkeit wahr. Wolfgangs Tanzstil war gewöhnungsbedürftig, er sprang nach links, nach rechts, bewegte Arme und Hände, als wickelte er ein Wollknäuel auf. Er trug ein knallgelbes Hemd und eine Kette mit Tierzähnen.

Von welchem Tier, fragte sie.

Wolfszähne, sind magisch.

Die Stimme des Sängers wurde lauter, der Gitarrist schlug kräftiger in die Saiten, der Trommler wirbelte die Stöcke, wie unter Strom. Sie fühlte sich noch immer wohl inmitten der Musik und des Lärms.

In einer Pause erzählte sie Wolfgang von dem tanzenden Fuchs auf der Lichtung.

Wann war das, fragte er.

Als sie den Tag nannte, lachte er laut. Das war kein tanzender Fuchs, sagte er, den habe ich geschossen.

Er ist tot?

Wolfgang nickte.

Ich habe noch nie so etwas Schönes gesehen, sagte sie.

 

Längst war das neue Jahr angebrochen. Hilde hatte mit allen getanzt, sogar mit dem Trommler. Sie hatte ihn zum Lachen gebracht. Erstaunlich, dass sie dazu fähig war. Aber nun kam die Müdigkeit. Sie verabschiedete sich.

Passen Sie auf, draußen stürmt es, sagte die Schriftstellerin.

Der eisige Wind war so heftig, dass sie kaum vom Fleck kam. Es blitzte und donnerte, die Fensterscheiben vibrierten. Die Böen drückten Hilde an einen Gartenzaun. In dem anhaltenden Tosen ging ein Graupelschauer nieder, wurde abgelöst von einem Schneesturm, binnen Minuten lag der Schnee knöchelhoch. Sie kämpfte sich Schritt für Schritt voran. Erst am Dorfausgang blieb sie stehen und sah ihre Fußspuren weiß hinter sich verschwinden.

2  Walter

Das neue Jahr wurde von einem Sturm begrüßt, der meinen Namen trug. Keller wurden unter Wasser gesetzt, Erdgeschosse überschwemmt, Dächer abgedeckt. Die Stromversorgung fiel aus, Bäume lagen entwurzelt auf Straßen und Feldern. Blieb deshalb mein Tod tagelang unentdeckt? In unserem Haus standen die Fenster offen. Erst dem Rollschuhmädchen fiel auf, dass da etwas nicht stimmen konnte. Sie war es, die mich fand. Polizei und Spezialisten der Spurensicherung rückten an. Sogar im Fernsehen wurde unser Haus gezeigt. Journalisten kamen und drängten sich auf. Die Frage, wer Hilde zuletzt gesehen habe, das Warum, weshalb.

Wolfgang läuft noch immer in heller Aufregung umher, startet Suchaktionen und befragt jeden.

Wie merkwürdig, Gast bei der eigenen Beerdigung zu sein.

Es gibt einen Gottesdienst. In meiner Sterbeurkunde steht unter Religion: evangelisch. Die Trauerfeier findet in der Feldsteinkirche am Dorfanger statt, ein schöner Bau, von Efeu überwuchert, drinnen ist es eiskalt, minus zwei Grad. Bis zum letzten Platz ist der Raum besetzt, sogar aus den Nachbardörfern sind sie gekommen, einige stehen gedrängt im Vorraum.

Da sind sie nun, meine frierenden Trauergäste, neugierig, nicht nur auf die Rede der Pastorin. Sie richtet ihren Blick nach oben, keine Ahnung, wen sie dort zu sehen erwartet. Leo, der kleine Panzer, kichert in der ersten Reihe, neben ihm seine Mutter, die Besitzerin des Mühlenhofs. Wolfgang schaut sich misstrauisch um, als wäre hier der Mord passiert. Dr. Kies sitzt auf einer der mittleren Bänke roboterhaft neben seiner Frau. Branka hält sich die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu verbergen.

Die Pastorin positioniert sich direkt vor den Toten, die natürlich auch da sind, doch davon später. Sie begrüßt die Gemeinde mit ernster, fast tonloser Stimme und beginnt: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Die Trauergäste reden miteinander oder schauen zur Tür, als könnte Hilde jeden Moment hereinspazieren und ihnen erklären, was sie wissen wollen. Die Schriftstellerin hat sogar einen Notizblock dabei.

Wer hat mich ermordet? Wo ist Hilde? Die Fahndung nach ihr hat nichts ergeben, sie gilt weiterhin als vermisst. Während die Pastorin über mich zu reden beginnt – er starb zu früh, wurde unerwartet aus dem Leben gerissen –, bläst Heinrich seinen Säuferatem in Bipolarchens Nacken. Hans trägt einen Pferdeschwanz und Kopfhörer, ohne Rollstuhl beansprucht er mit der Prothese eine ganze Sitzbank, halb im Liegen trinkt er aus seinem Flachmann. Er ist ohne seine Mutter hier, es heißt, die dicke Hubert passe nicht mehr durch die Tür. Doris, die Ortsvorsteherin, ist wie immer akkurat gekleidet und schnäuzt sich laut. Das Rollschuhmädchen tuschelt mit Röschen. Eisenalex kommt zu spät.

Die Pastorin beendet ihre Rede, dankt dem Förderkreis für Spenden, vom Erlös kann ein Kirchentor repariert werden.

Beim Verlassen der Kirche trennt sich die Spreu vom Weizen, ein Grüppchen begleitet den Sarg, doch die meisten folgen Branka direkt in den Goldenen Ochsen. Mit der Beerdigung haben sie einen guten Vorwand, schon mittags ihr Bier zu trinken.

Der Sarg ist mit gerafftem Stoff ausgeschlagen wie ein Babykörbchen. Über dem Totenhemd – eine Gabe der Ortsvorsteherin – trage ich meinen alten Anzug. Es gibt noch keinen Grabstein. Die Frau von Dr. Kies steht so nah an der Grube, als wolle sie sich hineinstürzen. Die Erde fällt dumpf auf den Sargdeckel. Ich verabschiede mich von meinen sterblichen Überresten. Die anderen Toten schauen gelangweilt – welch billiges Spektakel, verraten ihre Mienen. Was unterscheidet die Toten von den Lebenden? Tote weichen dem Bus nicht aus. Gerda Engel, Hildes Mutter, winkt mir zu. Ich werde später mit ihr reden.

3   Noch einmal: Hilde

Es gab eine Sonnenfinsternis, als sie Walter das erste Mal sah. Sie stand inmitten von Schaulustigen, die selbst gebastelte Brillen trugen, während sie ihre Augen nur mit der Hand beschirmte. Davon kann man blind werden, sagte der Mann neben ihr. Er lieh ihr seine Brille, sie kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie sich schon einmal begegnet waren. Er hatte einen verletzten Kollegen zu Dr. Kies gebracht – und da war sie gewesen. Hilde war sich dessen nicht bewusst, tat aber so, als bestünde die Möglichkeit. Man kann Sie nicht verwechseln, sagte er und tippte sich an die Wange, genau dahin, wo bei ihr das Muttermal war. Er wohnte nur drei Dörfer entfernt und hatte seine Sommerferien in ihrem Dorf verbracht, bei Bauer Lehmann. Hilde erinnerte sich, ihre Mutter hatte von dem Bauern erzählt.

Als sie Walter kennenlernte, lag ihre Mutter im Krankenhaus, wegen der Verkalkung eines Herzbeutels, einer constrictio pericardii, auch Panzerherz genannt. Schon wenige Stunden nach der OP schien es ihr wieder blendend zu gehen, sie stritt mit der Bettnachbarin. Gerda Engel bezeichnete sich selbst als zähes Ding. Bis vor zehn Jahren war sie Schäferin gewesen, dann war sie bei der Bergung eines toten Schafs von einem Bus angefahren worden und hatte seitdem ein steifes Bein. Es fiel ihr schwer, nicht mehr arbeiten zu können, und die Missgeschicke häuften sich. Sie stürzte, brach sich das Handgelenk, die Schulter, litt unter chronischen Schmerzen und Arthrose. Das zog sich über Jahre hin, bis das Panzerherz ihr kaum noch Luft zum Atmen ließ. Hilde war da sechsunddreißig.

 

Walter und ihre Mutter spielten im Krankenhaus Karten, redeten über frisch geborene Lämmer und die besten Weideplätze; beide verband die Liebe zu ihrem Beruf. Gerda Engel schien schon als Schäferin geboren, Walter war Waidmann durch und durch. Er war sechs Jahre älter als Hilde, sie fühlte sich geborgen, wenn sie mit den beiden in der Küche saß, die Blicke der Mutter friedlich und die von Walter ihr zugewandt. Als Gerda Engel von Hochzeit sprach, war er sofort einverstanden, während Hilde nur nickte, als erwiderte sie einen beiläufigen Gruß.

Walter erwarb das einzig freie Haus in ihrem Dorf; es lag nur einen Katzensprung von Dr. Kies entfernt.

Die Hochzeit war unspektakulär. Sie fuhren mit dem Bus in die Stadt. Regenwetter, zwei Trauzeugen von der Straße. Die Standesbeamtin unterstrich ihre Rede mit ruckartigen Kopfbewegungen, keines ihrer Worte handelte von Liebe.

 

Später fragte Hilde sich immer wieder, warum sie so unbeteiligt geblieben war. Sie hatte sich aufheben lassen wie einen Stein vom Wegesrand. Sie hatte es einfach nicht fertiggebracht, Nein zu sagen. Walters Lipome links und rechts auf der Stirn waren nur zart anmutende Beulen gewesen. War es seine Verlässlichkeit, sein meckerndes Lachen, in das sie sich verliebt hatte? War sie überhaupt in ihn verliebt gewesen? Sie wusste es nicht, und das Warum tickte noch nicht – einer Zeitbombe gleich – in ihrer Brust.

 

Hilde hatte solche Häuser nie gemocht. Grauer Kratzputz und innen holzvertäfelt. Als sie einzogen, versuchte sie, die Räume frisch zu gestalten. Bunte Gardinen, Kunstdrucke an den Wänden: Monet, Klee. Die Artistin von Kirchner hatte sie selbst nachgemalt. Es schien ihr ewig her, dass sie im Kunstverein gewesen war. Sie hatte damals das Gefühl gehabt, das junge Mädchen auf dem Bild zu sein, sich selbst zu malen. Was ihr allerdings wirklich am Herzen lag, waren Gedichte. Seit ihrer Kindheit schrieb sie Poesie und kurze Geschichten. Sie war im Zirkel schreibender Arbeiter gewesen, eins ihrer Sonette war sogar in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht worden. Sie hatte erwogen, ernsthaft zu schreiben, doch nicht mit ihrer Mutter gerechnet, die ihr diesen Plan entschieden ausredete. Schreiben sei etwas für Träumer, sie solle einen klaren Kopf behalten und etwas Nützliches machen. Hilde wurde Arzthelferin. Und sie begann intensiv zu lesen.

Zweimal wöchentlich fuhr sie in die Stadt und lieh Bücher aus der Bibliothek.

Das erste Jahr im neuen Haus zog an ihr vorbei, als wäre sie nicht anwesend. Im Frühjahr pflanzte sie Ziergehölze, Sträucher und Obstbäume und wartete darauf, dass sich im September die rötliche Blattfärbung der Goldjohannisbeere zeigte und im nächsten Frühjahr der Flieder in voller Blüte stand. Vom Dorfanger her hörte sie im Mai die Frösche quaken. Sie pflanzte Lärchen und Tannen, nur mit den Blumen hielt sie sich zurück. Walter mochte keine Blumen. Er wies sie nachdrücklich auf die von Ungeziefer befallenen Pflanzen hin und wurde wütend, als sie ihm erklärte, dass Raupen Futter für Jungvögel seien.

Obwohl ihre Mutter am Ende des Dorfes wohnte, sahen sie sich kaum. Walter setzte das Kartenspiel mit ihr nicht fort, überhaupt schienen diese weit zurückliegenden Wochen zu einem anderen Leben zu gehören.

 

Als die Mauer fiel, trug der Birnbaum erste Früchte. Das Dorf befand sich in einem seltsamen Zustand; wochenlang standen alle auf der Straße und diskutierten über das Für und das Wider der gefallenen Mauer, tauschten sich über Reisen und günstige Angebote aus dem Westen aus. Silvester feierte noch die Hälfte der Dorfbewohner zusammen. Ein heißer Sommer folgte, doch es schien nicht an der Hitze zu liegen, dass es so still wurde auf den Straßen. In diesem Jahr schlachtete man zum Erntefest kein Schwein. Zwei Jahre später wurde ein Kinderspielplatz gebaut, obwohl es keine Kinder gab.

Walter war ein wütender Mensch geworden, und es sah so aus, als wäre ihm die Wut in die Lipome gestiegen, nun zwei wuchtige Beulen, spitz zulaufend. Er war Brigadeleiter für Forstwirtschaft, es gab Entlassungen, Stellen wurden gestrichen. Die Kollegen verhielten sich anders, und Walter fragte sich oft, ob er beleidigt worden war. Seine übliche Sorgsamkeit galt plötzlich als Pedanterie, die Grenzöffnung machte ihm mehr zu schaffen, als er zugab. Er behielt sein Parteibuch, zeigte aber kein Interesse an einer weiteren Mitgliedschaft. Ich wurde getäuscht, sagte er, als nähme er jede Veränderung persönlich.

 

Hilde wollte es nicht sehen. Sie wollte ihn nicht sehen. Ihre Fehlgeburt hatte er später als Abgang bezeichnet. Du warst nicht mal im vierten Monat, außerdem bist du viel zu alt, hab dich nicht so, das waren seine Worte. Sie fühlte sich ausgehöhlt, als würde ein kalter Wind durch ihre Gedärme gehen. Sie war Anfang vierzig, und erst mit dem Einsetzen der Blutungen war ihr klar geworden, dass sie sich das Kind gewünscht hatte. Nach dem Verlust schmerzte ihr Bauch, doch sie ließ sich nicht krankschreiben, hatte es eilig, wieder aus dem Haus zu kommen.

 

Als der laut werbende Gesang des Buchfinken verstummt war, beobachtete sie das Weibchen, das Wurzeln, Grashalme und Federn für den Nestbau heranschleppte. Es baute das Nest in einer Gabel des Ahorns, und schon bald konnte Hilde die geschlüpften Jungen sehen. Anfangs saßen sie nur da, die Schnäbel aufgesperrt, als wollten sie die Welt verschlucken. Nach den ersten Flugversuchen flatterten sie hierhin und dorthin, und schon wenig später, kaum fuhr ihnen der Wind in die Federn, flogen sie endgültig auf und davon. Ein Sommer verging, noch einer und dann der nächste.

 

Hilde und Walter saßen beim Abendessen, Doris, die Ortsvorsteherin, lief an ihrem Fenster vorbei und rief: Kommt helfen, es brennt! Auf dem Mühlenhof war ein Blitz in den alten Nussbaum gefahren, der im Fallen die Mühle unter sich begraben und dabei in Brand gesetzt hatte.

Walter warf das Brot auf den Teller und lief hinaus, sie konnte kaum mit ihm Schritt halten. Der Feuerschein hatte den Mühlenhof in eine grelle Kulisse verwandelt, das Lodern der Flammen übertönte alle anderen Geräusche. Walter stürzte sich ins Geschehen und erstaunte sie mit seiner Umsicht. Er wies die anderen Dorfbewohner an, eine Kette zu bilden und im flirrenden Funkenflug die Ruhe zu bewahren. Die freiwillige Feuerwehr kam ohne ihren Einsatzleiter. Heinrich lag betrunken im Bett, war nicht zu wecken gewesen. Und dann, welch ein Wunder: Die Wolkendecke riss auf, und durch den brandigen Dunst schlugen schwere Wassertropfen zu Boden. Der Regen wütete wie gerade noch das Feuer. Als die letzten Flammen gelöscht waren, standen alle da, bis auf die Knochen durchnässt, Ruß auf den Gesichtern. Rauch hing wie eine Glocke über dem Hof. Branka ließ eine Schnapsflasche herumgehen. Die Besitzerin des Mühlenhofs, Nelli Panzer, hielt ihren Leo fest umklammert, als würden sie sonst jeden Augenblick auseinanderbrechen. Es war ihr Jüngster, der Ältere lag seit Jahren auf dem Friedhof.

 

Wolfgang, der heimliche Dorfpolizist, sprach sogleich von Brandstiftung, doch den Biobauern nahm niemand richtig ernst.

Ein Wunder, dieser Regen, sagte Branka.

Das glaubt uns keiner, sagte Leo, und dieses uns, so empfand Hilde es später, lag wie ein Hoffnungsschimmer zwischen den taumelnden Ascheflocken. Die Mühle war längst nicht mehr in Betrieb gewesen, der Brand hatte Wohnhaus, Ställe und Tiere verschont. Nur noch dünne Rauchsäulen stiegen auf. Die Feuerwehr fuhr wieder ab, hupte laut vor Heinrichs Fenster. Die Ortsvorsteherin bot Nelli und dem Jungen an, im Gemeindehaus zu übernachten.

Wir müssen uns um die Tiere kümmern, sagte Nelli Panzer, und jetzt hörten es alle: Jackson, der alte Keiler, stieß ein erbärmliches Grunzen aus.

 

Hilde stand vor Tagesanbruch auf und begann zu putzen. Ruß war durch die Ritzen des Hauses gedrungen. Sie säuberte Schränke, polierte Fenster, bohnerte die Treppe, betrachtete danach zufrieden ihr Werk. Als Walter in die Küche kam, schaltete er das Radio an: Mal sehen, ob sie was bringen.

Das hätte auch uns treffen können, sagte Hilde.

Wie von einer frischen Brise getragen, empfand sie die nächsten Tage. Sie waren davongekommen, dieser Gedanke streifte sie mit einem leichten Glücksgefühl. Sie tranken Wein zum Abendessen, gingen gemeinsam zum Ort des Geschehens, die Dorfbewohner redeten miteinander, gaben alte Weisheiten preis, und ein Schuldiger war schnell ausgemacht: Heinrich hatte den Einsatz verschlafen.

Der Wetterbericht hatte das Gewitter angekündigt und vorher die Hitze, da war doch alles klar, sagte Branka.

Aber nicht für unseren Einsatzleiter, rief Wolfgang, der lag stockvoll im Bett.

Bipolarchen, der neben Heinrich wohnte, tippte sich verächtlich an die Stirn: Wisst ihr, was er mir gesagt hat? Er habe sich den Magen verdorben.

 

Die Hitze der letzten Wochen hatte die Teerflicken der Straße aufplatzen lassen, Gras und Unkraut verdorrten. Eine solche Stille. Hilde hätte am liebsten einen Brief geschrieben und alles geschildert, aber wem? Freunde von früher passten nicht in ihr heutiges Leben. Ihr Mann war kein Briefeschreiber, und soweit sie wusste, hatte er ohnehin keine Freunde. Die Entrüstung über Heinrich klang ab, der Alltag pendelte sich wieder ein. Nur Walter konnte nicht loslassen, als wollte er das Unglück vom Mühlenhof konservieren.

Es muss Konsequenzen geben, sagte er.

Was meinst du damit, fragte sie.

Ein Unglück kommt selten allein. Der Brandschutz im Dorf muss wieder besser werden. Wir sollten eine Versammlung abhalten. Niemand kümmert sich mehr um irgendwas, sagte Walter. Er traf sich mit Wolfgang, der tagelang durchs Dorf schlich, um Informationen zu sammeln, die einen Tatverdacht bestätigen könnten. Der Biobauer wollte sogar den Polizeibericht einsehen, was man ihm verweigerte. Es habe keine Brandstiftung gegeben, hieß es knapp. Schließlich hatte Walter genug.

Wenn Hilde ihm nun allerdings sein geliebtes Kreuzworträtsel geben wollte, winkte er ab: zu nervös. Stattdessen blätterte er zu den Todesanzeigen und rechnete aus, wie viel Lebenszeit ihn von den Toten trennte. Dreizehn Jahre habe ich schon länger, sagte er über einen früheren Kollegen, und der war Vegetarier. Fortan wollte er öfter Fleisch essen.

 

Hilde beschloss, einen Schwimmkurs zu besuchen. Der Bus ging dreimal am Tag und brauchte fünfundvierzig Minuten bis in die Stadt. Sie mochte es, Dörfer und Landschaften hinter sich zu lassen, davon zu träumen, was möglich wäre. Sie war die Älteste in dem Kurs, außer ihr fast nur Kinder, zwei jugendliche Mädchen noch. Sie hatte gedacht, sie würde sich schämen für ihren Körper, der ihr oft nutzlos vorkam. Stattdessen empfand sie Freude, sich im Wasser zu bewegen, sie scherzte mit den Kindern und schnorrte von einem der Mädchen Zigaretten, die sie rauchte, wenn sie den Bus absichtlich verpasste und durch die Straßen ging. So erfuhr sie von einem Sprachkurs in der Volkshochschule; Tschuktschisch, beheimatet im nordöstlichen Zipfel des russischen Fernen Ostens. Eine gefährdete Sprache, der Kurs war kostenlos. Sie besorgte sich alle Bücher des Tschuktschen Juri Rytcheu und folgte ihm auf seinen Reisen. Auch dieser Kurs bereitete ihr Freude, sie lernte schnell, und auf dem Heimweg verlor sie sich in Träumen, die nichts mehr mit ihrem Leben zu tun hatten. Nach Kursende lernte Hilde, Holz zu hacken.

Als sie an einem Sonntag zum See fuhren und sie Walter ihre neuen Schwimmkünste vorführen wollte, folgte er ihr mit Badelatschen ins Wasser.

Ich dachte, wir schwimmen gemeinsam, sagte sie.

Nicht so viel denken, sagte er.

 

Hilde hörte den Aufprall und lief hinaus, sah das Motorrad auf dem Dorfanger vor der alten Kastanie, eingehüllt in blauem Qualm, und im Herankommen den jungen Mann verrenkt danebenliegen. Der Motor brummte wie ein ferner Hornissenschwarm, Sekunden verstrichen, ehe sie das Bein sah, zermatscht und voller Blut. Sie lief ins Haus, rief den Rettungsdienst, suchte den Verbandskasten. Als sie zurückkam, umstanden etliche Dorfbewohner die Unfallstelle. Sie beugte sich über den Verunglückten, nahm keine Atmung wahr, tastete den Brustkorb ab, drehte ihn auf die Seite. Es war Hans, der Sohn der dicken Hubert. Sie band den Oberschenkel ab; wie ferngesteuert, würde sie später denken. Sie fühlte die Wärme des jungen Mannes unter der Kleidung und noch immer keinen Atem. Er hatte bestimmt eine gehörige Menge Alkohol intus, und das am frühen Vormittag.

Eine Woche und mehrere Bluttransfusionen später wurde er aus der Intensivstation verlegt. Zwei Rippen hatten seinen rechten Lungenflügel durchstoßen, der linke Unterschenkel hatte amputiert werden müssen. Nur mit seinem Kopf schien, obwohl er ohne Helm gefahren war, alles in Ordnung zu sein. Hilde nahm den Bus in die Stadt, dann die Straßenbahn zum Krankenhaus. Sie hatte zwar einen Führerschein, war seit ihrer Hochzeit aber nicht mehr gefahren. Walter wollte es nicht.

Kaum hatte sie das Krankenzimmer betreten, begann Hans zu reden. Sie haben mich gerettet, rief er. Ich wäre längst tot ohne Ihre Hilfe.

Überraschenderweise begann Hilde zu weinen. Oh Gott, sagte sie, das will ich nicht. Sie fand ein Taschentuch in ihrer Jacke und schnäuzte sich. Er war zwanzig, seine Augen lagen weit auseinander, azurblaue Iris, winzige Pupillen, und sie dachte, dass sein Blick von einer immensen Einsamkeit zeugte. Sie hatte zuvor nie ein Wort mit ihm gewechselt, im Dorf ein kurzes Nicken im Vorübergehen, sonst nichts.

Beim nächsten Besuch sagte sie: Es ist auch Glück im Unglück, Sie sind ohne Helm gefahren und haben nur eine Gehirnerschütterung.

Wenn Sie das glauben, sagte er. Aber wenigstens mein Bein hätte man retten können.

Hilde war unsicher, ob er sie damit meinte oder die Ärzte. Er war inzwischen nicht mehr so euphorisch, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Sie hatte ihm Obst mitgebracht und ein Buch: Huckleberry Finn.

Bitte lesen Sie mir vor, bat er.

Mittagssonne fiel durch das Fenster, Hilde hörte das Blut in ihren Ohren rauschen.

Ich möchte Tom Sawyer sein, sagte Hans, bevor er einschlief.

Anderntags wechselte er zum Du. Du musst was machen, sagte er. Ich will keine Prothese.

Mit einem künstlichen Bein kannst du laufen, vielleicht sogar wieder Motorrad fahren, entgegnete sie.

Der letzte Dreck werd ich sein, mit ’ner scheiß Prothese.

Der Junge hätte recht, wenn er fünfzig wäre oder sechzig, dachte sie, er jedoch befand sich am Anfang seines Lebens, bloß konnte sie ihm das unmöglich sagen. Ihr Trost blieb flüchtig, sie hatte sich nur kurz von ihrer Arbeit freinehmen können, Dr. Kies wartete längst.

 

Wenn sie abends nach Hause kam, sah Walter demonstrativ auf die Uhr. Er arbeitete seit Monaten nur noch halbtags in der Försterei. Seit dem Mauerfall werde geschludert, sagte er, und er allein könne nichts dagegen ausrichten. Walter befand sich in einem Kampfmodus, wusste aber nicht, wen er bekämpfen sollte. Und jetzt gab es diesen verunglückten Selbstdranschuld; er kaute auf dem Wort herum, ehe er es ausspuckte: Selbstdranschuld.

Sein Name ist Hans, sagte sie.

 

Walter sah sie nun anders an, wie etwas Bedrohliches, einen Dorn, in den er treten könnte, und sie nahm die Verachtung in seinem Gesicht wahr. Neuerdings verschwand er jede freie Minute im Wald, begleitet von seinem Dackel Juri, benannt nach dem berühmten Kosmonauten.

Die Leute aus dem Dorf fragten Hilde seit dem Unfall bei kleinen und größeren Verletzungen um Rat, zeigten eine Unbekümmertheit im Umgang mit ihr, als hätte sie inzwischen die Kompetenz einer Ärztin.

 

Hilde besuchte Hans alle zwei, drei Tage und las ihm nach Tucholsky und Rilke auch eigene Gedichte vor.

Ich brauche Arbeit, du musst mir helfen, Arbeit zu finden – das war ansonsten sein Mantra. Sie half ihm, die Formulare für die Versicherung auszufüllen.

Engel, sagte er, in deinen Gedichten kommen Engel vor, das ist schön. Wie willst du mal sterben?

Am liebsten im Schlaf, antwortete sie.

Das ist doch langweilig, sagte er. Ich bin allergisch gegen Tonic, wenn ich Gin Tonic trinke, schwillt mein Hals an, ich bekomme keine Luft mehr, und dann ab die Post! Hast du Allergien? Ja? Welche? Schon mal geschlafwandelt? Wovor ekelst du dich?

 

Einmal besuchte ihn seine Mutter, eine Hundertvierzig-Kilo-Frau, die ihren Gram unter einem Berg Fett zu verbergen schien, so verzweifelt sah es aus, wenn sie sich bewegte. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Hans in der Försterei unterkommen kann, murmelte sie.

Hilde verstand nicht, was sie meinte.

Hör auf, sagte ihr Sohn. Er sah verärgert, nicht verlegen aus, während seine Mutter sorgenvoll Luft ausstieß.

Ich dachte, sagte sie –

Halt den Mund, fiel Hans ihr ins Wort.

So erfuhr Hilde, dass er sich eine Anstellung in der Försterei wünschte.

Da gibt es doch bestimmt ’ne Stelle, sagte seine Mutter.

Nicht, dass ich wüsste, antwortete Hilde und begriff erst jetzt, wie ernst es dem Jungen damit war. Sie würde es nicht fertigbringen, Walter darauf anzusprechen. Sie fragte sich, wie Hans überhaupt auf die Idee kam, dass es eine freie Stelle in der Försterei geben könnte, dann dachte sie, es gab kaum noch Jobs in der Nähe, und Walter war ihr Mann, wen hätte er sonst ansprechen sollen? Wider besseres Wissen sagte sie: Das kriegen wir hin, und machte eine für ihr Temperament untypische Geste.

Hans lachte beglückt, seine Mutter blies sich mit einem Seufzer den Pony aus der Stirn. Es gibt doch ’ne Menge Möglichkeiten, sagte er, ich könnte Revierförster werden, sogar Jäger. Er zeigte ihr eine Zeitschrift über Förster und Jäger und las ihr die Witze auf der letzten Seite vor. Die Mutter klopfte sich mit der Hand auf die wogende Brustmitte, als steckte da drinnen jemand, der beruhigt werden müsste.

 

Hilde saß im Garten, hatte ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las aber nicht. Sie ließ sich schläfrig durch den frühen Abend treiben, hörte das Tschäk-Tschäk einer Grasmücke, dann wieder Stille, bis sie das Surren und Reiben von Gummireifen auf Sand wahrnahm. Sie horchte über den Gartenzaun hinaus: Hans hatte im Krankenhaus die erste Rollstuhlfahrt geübt, nun schob er sich bis an ihr Tor. Bin schon da, rief sie und erhob sich eilig. Sie lief neben ihm her und half, wenn der Weg zu steinig wurde.

Ich will hier raus, sagte er.

Sie deutete auf seinen Beinstumpf und fragte: Wann ist die Prothese fertig?

Ich will aus dem Dorf raus, von diesem Friedhof verschwinden. Sein Ton klang gereizt.

Sie machte eine Handbewegung, die ihn besänftigen sollte.

 

Sie besuchte Hans zu Hause. Die Küche lag im Souterrain, dort stand der Fernseher, der den abgedunkelten Raum erhellte. Er lag auf dem Sofa. Über den Boden waren Bierflaschen verteilt. Im Fernsehen lief eine Kochshow.

Könnte ich sofort alles wegfuttern, sagte er statt einer Begrüßung.

Hast du Hunger, fragte sie.

Immer, erwiderte er und sah mit dem Bier in der Hand dem Koch zu, der gerade eine Gans in den Backofen schob.

Sie nahm sich ebenfalls ein Bier, ohne zu fragen, danach ein zweites, ein drittes. Später lachte sie so sehr über seine Witze, dass ihr am nächsten Tag die Bauchmuskeln schmerzten.

 

Sie bereitete Walter das Frühstück zu, auch am Wochenende. Seine Feindseligkeit hatte sich längst auf den Tisch, das Salzfässchen, die Uhr an der Wand übertragen, das Ticken klang bedrohlich, tick, tack, er sah über sie hinweg, als wäre sie Luft.

Sie hatte Walter nicht gefragt, ob es einen Job in der Försterei gab, sie hatte Hans belogen. Warum, fragte sie sich später, hatte sie das Offensichtliche übersehen? Wenn der Junge mit zwei gesunden Beinen von Sozialhilfe gelebt hatte, wie sollte er da im Rollstuhl oder mit Prothese als Jäger oder Förster arbeiten können? Tage später war Hans außer sich, er beschimpfte und verdammte sie für ihren Verrat.

 

Hilde ging zum ersten Mal in die kleine Backsteinkirche, um sich eine Predigt anzuhören. Der Organist musste sein Spiel wegen eines Hustenanfalls unterbrechen. Verlasset euch auf Gottes Mitgefühl, sagte die Pastorin. Sie hätte der Frau gern geglaubt. Doch es gelang ihr nicht, zumal Gott ein Mann war, und mit Männern schien sie gerade nicht auf gutem Fuß zu stehen. Elende Drecksau, hatte Hans geschrien, als er ihre Fensterscheiben einwarf.

Walter verbarg seine Wut nicht mehr hinter heimlichen Attacken, etwa dass er die Spülung der Toilette nicht betätigte oder Hildes Sachen im Haus versteckte. Er machte sie klein, wann immer es ging, entwertete und erniedrigte sie. Hast du dein Haar gekämmt, sagte er am Frühstückstisch, dich gewaschen? Wenn sie im Weg stand, stupste er sie weg, mit dem Ellbogen, wie zufällig.

In ihren Schuppen wurde eingebrochen, zersplittertes Glas auf dem Boden, ihre alten Tagebücher waren verschwunden.

 

Als ihre Mutter drei Jahre später starb, fand sie ein Sparbuch mit 5800 Mark zwischen den selbst gestrickten Socken. Hilde hatte sie vormittags abholen lassen, und schon abends konnte sie sich nicht mehr an das Gesicht der Toten erinnern. Sie empfand Bedauern über die Endgültigkeit und hätte gern getrauert, geweint, sich trösten lassen – doch es gab nichts zu trösten. Gerda Engel war es egal gewesen, wie das Leben ihrer Tochter verlief. Getroffen hatte sie nur, dass sie die Schafe hatte aufgeben müssen.

Mit dem Geld bezahlten sie den Eichensarg. Teure Kiste, billiges Begräbnis, so hätte es deine Mutter gewollt, befand Walter. Nur die Dorfvorsteherin stand neben ihnen am Grab. Es gab keine Trauerrede, keinen Leichenschmaus. Auf dem Grabstein Geburts- und Todestag, ihr Name.

 

Hilde mochte ihre Arbeit. Dr. Kies lobte sie für ihren Einsatz, mit den Überstunden hätte sie ihren Urlaub um Wochen verlängern können. Sie erledigte ihre Aufgaben sofort und genau, unterhielt sich gern mit den Patienten. Sie legte neue Ordner für die Patientenakten an, entfernte alte Zeitungen, kümmerte sich um die Termine mit Handwerkern, machte nach ihrem Dienst noch das Waschbecken und die Toilette sauber – die Putzfrau kam nur freitags.

 

Einmal kam die dicke Hubert humpelnd in die Praxis. Sie begrüßte Hilde freundlich, als hätte Hans ihr nie die Fensterscheiben eingeworfen. Sie habe sich beim Tanzen den Fuß verknackst.

Beim Tanzen, fragte Dr. Kies und musterte ihren Körper.

Hilde meinte, seine Gedanken lesen zu können, und wusste, dass er falschlag. Sie selbst hatte die Frau tanzen sehen. Sie hatte mit Hans im Garten gesessen und einen Joint geraucht, als sie die dicke Hubert hinter dem Fenster erblickte und – graziös und schwer zugleich – ihre massige Gestalt bewegen sah.

Hilde hatte nie mehr ein Wort mit Hans gewechselt. Sobald sie das Sirren seines Rollstuhls auf der Dorfstraße hörte, verschwand sie im Haus.

 

Sonntags war das Haus auf eine besondere Art still. Sie wollte die frühen Stunden ohne Walter verbringen, saß über ihren tschuktschischen Vokabeln oder träumte vor sich hin. Er gewöhnte sich an, ebenfalls früh aufzustehen, und beim Frühstück war ihr, als hätte er den ganzen Platz der Küche eingenommen – so wenig Atemluft.

Walter merkte sich nichts von dem, was sie ihm erzählte, er verdrehte die Namen ihrer Bekannten und setzte sich über ihre Richtigstellungen hinweg. Wenn sie davon sprach, jemanden einzuladen, war er dagegen, er wolle das Geld nicht zum Fenster hinauswerfen und ertrage keine Fremden. Als Hilde entgegnete, sie müssten ja nicht fremd bleiben, höhnte er, ob sie nicht logisch denken könne, dann seien es ja keine Fremden mehr, und Nichtfremde möge er noch weniger. Er beschwerte sich über das Essen, das ihm zu fad oder versalzen war, nur ihren Hochzeitstag vergaß er nie. Zum Zwanzigsten schenkte Walter ihr wie all die Jahre einen Gummibaum. Mittlerweile wuchs ein hässlicher kleiner Wald in ihrem Wohnzimmer.

Zwanzig Jahre, sagte sie, so alt kann ein Nymphensittich im Käfig werden.

Es gibt Schwämme im Meer, die bringen es auf zehntausend, erwiderte er.

Beide haben keine Wahl, sagte Hilde und war verwundert, dass er ihr kein Widerwort gab.

 

Auch zu den folgenden Hochzeitstagen bekam sie Gummibäume, die sie alle längst nicht mehr pflegte und unauffällig zu entsorgen versuchte. Ein pedantischer Zug hatte sich in Walters Mundwinkeln festgesetzt wie eine Flechte. Er bestand auf gebügelten Taschentüchern, kommentierte ihre Sätze, legte ihr Zeitungsausschnitte vor über Legionellen im Wasser, das sie fortan abkochte, und natürlich gebe es heilende Medikamente gegen Krebs, doch eine Ärztelobby halte sie zurück. Dann die Frauen, sie hätten es nicht leicht, weil ihnen übel mitgespielt werde, und sie ließen sich auch noch von ihren Hunden befriedigen. Er wisse doch, was da los sei. Walters Gesicht wurde vollends unversöhnlich, wenn über die DDR berichtet wurde, alles Lügen, sagte er und schaltete den Fernseher aus.

 

Das Trommeln aus dem Garten der Schriftstellerin klang wie ihr unregelmäßiger Herzschlag, vergrößerte Hildes Verzagtheit. Dort schien es nie langweilig zu sein. Sie umkreiste das Haus auf der Suche nach etwas Hässlichem. Es freute sie, wenn sie die Frau mit ihrem Trommler streiten hörte, aber dann gab es noch dieses Gestöhne, bei dem Walter hellhörig wurde und Hilde sich schämte, so wie bei Liebesszenen im Fernsehen, wenn sie das Zimmer verließ. Doch saß die Schriftstellerin im Garten und schnippelte Bohnen, hätte sie sich am liebsten dazugesetzt, die Sonne strahlte genau auf diesen Flecken mit einer besonderen Intensität. Dafür verschimmelten die Erdbeeren, ihre Rosen waren hinüber vom Mehltau, Beete und Sträucher verwahrlost. Und manchmal fegte der Wind abgenagte Hühnerknochen, Fischgräten und leere Weinflaschen vom Tisch.

 

Dass sie nicht den Mut fand, Walter zu verlassen, zermürbte Hilde. Seine schlechte Laune hatte etwas mit ihr gemacht. Als hätten sich seine Halsstarrigkeit und sein Missmut wie ein düsteres Puzzle in ihr ausgebreitet, das Bild einer kahlen, von Würmern zerfressenen Landschaft. Wurde auch sie boshaft?

Nebenan war eine neue Mieterin eingezogen, und Walter sah nun öfter aus dem Fenster. Gabriela, eine junge, kräftige Frau, mindestens eins neunzig groß, mit sehnsüchtigem Blick und tiefer Stimme. Als sie sich unterhielten, bemerkte Hilde den Oberlippenbart, das grobe, kantige Gesicht, dann gab es das Gespräch über Frauenleiden, später kam hinzu, was man sich im Dorf erzählte: ein Zwitter, der ganz eine Frau werden wollte. Walter wusste nichts von all dem. Sie ist spröde, sagte er, und seine Blicke bekamen eine gewisse Anzüglichkeit. Hilde ließ ihn in dem Glauben, und als er Gabriela einen flotten Käfer nannte, pflichtete sie ihm bei. Wenn sie stritten, hatte sie nun ein Geheimnis. Was würde er wütend werden, den flotten Käfer aus dem Dorf vertreiben wollen, und erst sein Hass auf sich selbst! Gehörnter, dachte sie, wenn du nur wüsstest.

4  Walter

Vergangenen Sommer habe ich zum letzten Mal das Grab meiner Schwiegermutter besucht. Es ist noch derselbe Ort und doch ein anderer. Als Toter scheint mein Blick genauer zu sein: Der Friedhof sieht verwahrlost aus, einige Gräber sind in katastrophalem Zustand. Das Eisentor hängt lose in den Angeln, verwehte Glitzerkunstblumen, ein umgestoßener Engel. Hier nach Lebensende zu landen, kann sich niemand wünschen, doch wie es aussieht, habe ich keine Wahl.

Das Alter spielt bei uns keine Rolle mehr, jung sind die, die noch nicht lange tot sind, sagt Gerda Engel.

Was für ein Schwachsinn, soll ich etwa gewindelt werden, gibt man mir die Flasche?

Sie schaut mich an, ihre trockene Haut knistert vor Humorlosigkeit.

Wer hat hier das Sagen? Gibt es so was wie einen Friedhofsvorstand? Warum sehen mich alle so merkwürdig an?

Sie kennen dich noch nicht lange so.

Was heißt so?

Jeder stirbt so, wie er in der letzten Endlichkeit gelebt hat, sagt sie. Das Wichtigste sind die Stunden vor dem Übergang.

Jetzt verstehe ich nichts mehr. Ich habe sie noch nie so reden gehört.

Das wird dir schon noch aufgehen. All die Jahre haben die Toten einen wütenden Menschen gesehen, und dann wurdest du in den letzten Wochen lammfromm. Außerdem sieh dich an, dein Schädel ist ziemlich hinüber.

Das ist ungerecht, erwidere ich, die paar Wochen gegen den ganzen Rest?

Wer sagt, dass es im Tod gerechter zugeht als im Leben?

Woran bist du so gestorben?

Wahrscheinlich Überdruss. Sie winkt ab.

Ich dachte, es war dein Panzerherz, sage ich, und erst jetzt entdecke ich neben Gerda Engel ein winziges mumifiziertes Wesen. Was ist das?

Mein Steinkind. Ihre Stimme klingt stolz.

Dein was?

Eine Steinfrucht, die jahrzehntelang in meinem Beckenboden festsaß.

Kurz bin ich sprachlos, dann erinnere ich mich, in einem Kreuzworträtsel die Frage nach einem solchen Fötus beantwortet zu haben. Ein Lithopädion, sage ich.

Mein Lithopädion, bestätigt sie.

Wann wurde es gezeugt?

Sie schüttelt den Kopf, dann sagt sie: Der Vater liegt nicht hier.

Es gibt also einen Vater. Kopf und Körper ausgebeult, verknöchert, kurzer Rumpf, verdrehte Beinchen, schlickfarbene Augen.

Es kann leider nicht richtig laufen, sagt sie, tritt mir ständig auf die Füße.

Ich habe Gerda Engel noch nie so zufrieden erlebt. Wie sie das unförmige Ding ansieht, mit so etwas wie Liebe im Blick.

Ich bin froh, dass du da bist, sagt sie. Der Letzte muss berichten. Sie deutet auf den Friedhof.

Wer sagt das?

Ist einfach so.

Es gibt also Regeln im Jenseits?

Du bist jetzt der Berichterstatter.

Was muss ich tun?

Erzählen, was dir wichtig ist.

Dann bin ich eine Art Chronist?

Nenn es, wie du willst. Und vergiss nicht, du hast alle Zeit der Welt.

Und wo ist Hilde?

Gerda Engel tippt sich an die Stirn und verschwindet.

Angelika Klüssendorf

Über Angelika Klüssendorf

Biografie

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Roman-Trilogie „Das Mädchen“,...

Ein Dorfkosmos als Gesellschaftsspiegel – hochaktuelle, große Literatur

„Ein Dorf in Ostdeutschland. Jeder kennt hier jeden, aber was den Einzelnen umtreibt, wissen dessen vermeintlich Nächste meist weniger gut als diejenigen auf der anderen Seite der Straße. Und überhaupt: Wer weiß schon, was für einen anderen das Beste ist? Im Fall des wütenden Walter, den ein Hirntumor über Nacht lammfromm macht, ist es vielleicht der plötzliche, schnelle Tod. Oder wollte seine Frau Hilde nur sich selbst und nicht ihn erlösen? Wie sich herausstellt, kennen selbst die Toten nicht alle Geheimnisse der Lebenden…

Nach ihrer gefeierten autobiographisch geprägten Trilogie legt Angelika Klüssendorf ihren neuen Roman vor. Es ist eine Geschichte, die in ihrem Eigensinn, ihrer Zart- und Schroffheit, ihrem dunklen Witz und ihrer sprachlichen Kraft die besonderen Qualitäten der Schriftstellerin Angelika Klüssendorf für mich auf eindringliche Weise erfahrbar macht und eine konsequente Fortschreibung ihres Œuvres. „Vierunddreißigster September“ ist ein Dorfroman der ganz anderen Art. Er erzählt von Gemeinschaften wider Willen, zwischen Nachbarn, Paaren, Freunden, Lebenden und Toten, von dem, was Menschen vereint und was sie trennt, und von der Schwierigkeit aller Veränderung.“ Verlegerin Felicitas von Lovenberg

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Montag, 04. Oktober 2021 in Frankfurt
Zeit:
19:30 Uhr
Ort:
Literaturhaus,
Schöne Aussicht 2
60311 Frankfurt

Moderation: Christoph Schröder

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Lesung und Gespräch
Dienstag, 05. Oktober 2021 in Hamburg
Zeit:
19:30 Uhr
Ort:
Literaturhaus,
Schwanenwik 38
22087 Hamburg

Moderation: Ulrich Kühn, NDR

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Lesung und Gespräch
Montag, 18. Oktober 2021 in Berlin
Zeit:
20:00 Uhr
Ort:
Pfefferberg Theater,
10119 Berlin
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Lesung und Gespräch
Donnerstag, 28. Oktober 2021 in Leipzig
Zeit:
19:30 Uhr
Ort:
Literaturhaus,
Haus des Buches, Gerichtsweg 28
04103 Leipzig

Moderation: Alexander Suckel

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Lesung und Gespräch
Freitag, 29. Oktober 2021 in Halle (Saale)
Zeit:
19:00 Uhr
Ort:
Literaturhaus,
Bernburger Str. 8
06108 Halle (Saale)
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Lesung und Gespräch
Samstag, 13. November 2021 in Freiburg
Zeit:
10:00 Uhr
Ort:
Literaturhaus,
79098 Freiburg

Freiburger Literaturgespräch
Moderation: Thomas Geiger

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Lesung und Gespräch
Donnerstag, 16. Dezember 2021 in Berlin
Zeit:
20:00 Uhr
Ort:
Buchhändlerkeller,
10825 Berlin
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Pressestimmen
Der Tagesspiegel

„Es gehört zur Finesse dieser Literatur, dass hinter der vermeintlichen Grundkonstellation ein Abgrund lauert, der je nach Weltanschauung oder Religion aufatmen oder aufschrecken lässt.“

Kleine Zeitung

„Dieser ungewöhnliche und hintersinnige Roman erzählt davon, dass das Schicksal der Toten und Lebenden untrennbar miteinander verknüpft ist - bis weit über den Tod hinaus.“

Deutschlandfunk "Büchermarkt"

„Literarischen Reiz bekommen die bisweilen etwas beliebig wirkenden Szenen aus dem beschädigten Leben jedoch durch Angelika Klüssendorfs Stil. Er ist von kühler Lakonie und entwickelt mitunter eine gewisse räudige Poesie.“

NDR "Buch des Monats"

„Erzählt wird eine feine, skurrile Geschichte, die sich in ihrer Absurdität und Schönheit von Seite zu Seite steigert.“

Münchner Merkur

„Eine skurrile, wortgewandte Dorfgeschichte, gespickt mit tiefschwarzem Humor und bitterbösen Gesellschaftsanalysen“

Süddeutsche Zeitung

„Angelika Klüssendorfs neuer Roman ›Vierunddreißigster September‹ ist ein wildes, starkes und tröstliches Buch über die Trostlosigkeit. (...) Es sind diese Momente des Innehaltens und Wahrnehmens, die den Roman zu einem beglückenden Leseerlebnis machen.“

Die Zeit

„Das muss man erst einmal schaffen, auf nur gut 200 Seiten, maximal verdichtet und erzählerisch experimentell und trotzdem leicht und humorvoll, das ganze Elend und die ganze Gewalttätigkeit der deutschen Geschichte anhand eines Dorfes und seiner Bewohner zu entfalten. Angelika Klüssendorf ist das Kunststück geglückt, die lange Nachwirkung der sogenannten Wende einzufangen.“

Ruhr Nachrichten

„Ein lesenswertes Gesellschaftsportrait in Miniatur“

Kommentare zum Buch
Vierunddreißigster September
Petra Engelbrecht am 09.09.2021

Spannender Roman, den man nicht mehr weglegen möchte, Buch ist einzigartig, unterhält und regt zum Nachdenken an. Ich kann das Buch nur empfehlen, gut für den Herbst und Winter, man versinkt in eine andere Welt.

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