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Versiebt, verkackt, verheiratet

Versiebt, verkackt, verheiratet

Vom Leben nach dem Happy End

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Versiebt, verkackt, verheiratet — Inhalt

Malte Welding, Pazifist in den Schützengräben der Scheidungskriege, weiß: Liebe macht vielleicht nicht blind – sie lässt uns aber mit der Zeit schielen. Humorvoll, kompetent und kompromisslos seziert er daher das Elend nach dem Happy End. Was also tun, wenn sich die große Liebe als Sexmuffel entpuppt, der Traumprinz dauernd an die Ex denkt oder einem keine schmutzigen Kosenamen mehr einfallen wollen? Welding lesen! Denn er weiß: Die Liebe ist undurchschaubar, nervtötend und maßlos – aber das Einzige, was wir haben.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.06.2014
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98113-2

Leseprobe zu »Versiebt, verkackt, verheiratet«

Ein seltsames Spiel

 

»Das Verhalten von Liebenden wandelt sich wie der Mond und ist so wenig vorherzusagen wie das Wetter.«
PETER SCHUSTER, KARL SIGMUND, »COYNESS, PHILANDERING AND STABLE STRATEGIES«

 

Das schönste Happy End, das ich jemals erlebt habe, war das von Roman und Mia. Nach vielem Hin und Her bekam der charmant-verdruckste Held endlich die Frau, die er schon den ganzen Film über geliebt hatte. Zig Fehltritte hatte es gegeben, verpasste Gelegenheiten und seltsames Zeug, das so nur Roman passieren konnte. Und dann saßen sie da als Mann und [...]

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Ein seltsames Spiel

 

»Das Verhalten von Liebenden wandelt sich wie der Mond und ist so wenig vorherzusagen wie das Wetter.«
PETER SCHUSTER, KARL SIGMUND, »COYNESS, PHILANDERING AND STABLE STRATEGIES«

 

Das schönste Happy End, das ich jemals erlebt habe, war das von Roman und Mia. Nach vielem Hin und Her bekam der charmant-verdruckste Held endlich die Frau, die er schon den ganzen Film über geliebt hatte. Zig Fehltritte hatte es gegeben, verpasste Gelegenheiten und seltsames Zeug, das so nur Roman passieren konnte. Und dann saßen sie da als Mann und Frau, vereint in Glückseligkeit. Was für eine Hochzeit! Mias Mutter machte Fotos, »Haltet doch mal still!« Im Hintergrund Romans Eltern, strahlend wie zwei Highschool-Sweethearts, davor Romans kleiner Bruder Paul, der seine verträumt schauende Freundin Greta an sich zieht, und Ben, der jüngste der drei Brüder, der gerade seiner kichernden Freundin Julia etwas ins Ohr flüstert.
Und Mia und Roman küssten sich, als wäre es das erste Mal.

 

Drei blendend aussehende Brüder mit ihren großen Lieben. So viel Zukunft war nie. Bald würden die beiden Jüngeren auch noch heiraten, Paul und Ben, und alle würden miteinander Topfschlagen spielen bis an ihr Lebensende. Kinder! Yoga! Kamin!
Und mittendrin ich, der gerade ein Buch über eine vereinsamende Gesellschaft geschrieben hatte. Es wurde viel gelacht, besonders über mich, es wurde viel getrunken, gesungen, getanzt und geknutscht.
Das war das Happy End. Abspann, Geigen.
Raus in die Wirklichkeit.
Romans und Mias Hochzeit ist jetzt anderthalb Jahre her.

 

In diesem Buch werden wir (und ich spreche hier nicht zufällig im Notaufnahme-Wir) uns über diese drei Paare beugen (wenn noch etwas Zeit bleibt, dann auch noch über Pauls besten Freund Jimo, da gibt es immer Stoff). Wir wollen versuchen zu verstehen, was nach dem glücklichen Ende geschehen ist.

 

Mein ganzes bisheriges Leben ist parallel zu dem der drei Brüder verlaufen. Roman war in meiner Klasse, wir waren nicht beste Freunde, aber wir sind miteinander ausgekommen. Mit 13 hätte ich sehr gern mit seiner Mutter geschlafen oder sie zumindest nackt gesehen, was für mich damals allerdings nicht sonderlich speziell war, ich konnte mich gerade mal zurückhalten, nicht meine eigene Mutter nackt sehen zu wollen. Nach dem Abi zogen Roman und ich von Aachen erst nach Bonn, wo wir schon etwas mehr miteinander unternahmen (ich wollte auch nicht mehr so dringend mit seiner Mutter schlafen – wäre aber dazu bereit gewesen, wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte), wobei es ihm gelang, der einzige Soziologiestudent zu sein, der besser und vor allem dezenter angezogen war als meine Juraprofessoren. Und schließlich, nachdem ich mein Studium abgebrochen und er seins natürlich ganz fabelhaft abgeschlossen hatte, zogen wir von Bonn nach Berlin und wurden so etwas wie beste Freunde oder zumindest: älteste Freunde. Mit seiner Mutter würde ich jetzt nicht mehr schlafen, versprochen, Roman.

 

Exakt dieselbe Route von Aachen über Bonn nach Berlin nahmen auch Ben und Paul. Paul studierte wie ich Jura, allerdings mit sensationell geringem Engagement. Paul rief schon in der 5. Klasse nach einer strittigen Szene beim Pausenfußball: »Schiedsrichterball!« Sein Lieblingsergebnis bei großen Turnieren war damals angeblich Unentschieden, weil ihn die enttäuschten Gesichter der Verlierer so sehr grämten. Na gut, da war er noch sehr klein, aber der Ruf des Unentschiedenen hängt ihm bis heute nach.
Paul ging durch sein Leben, als würde er das eines anderen führen, seine Freundinnen tauchten so zufällig an seiner Seite auf, wie das Wetter von einem auf den anderen Tag wechseln konnte, nie hatte man den Eindruck, er würde sich seine Partnerinnen aussuchen, oder auch nur: Er würde sich überhaupt etwas aussuchen. Ein Mann ohne Leidenschaften.
Paul studierte Jura, weil nichts dagegensprach, und man kann sich meine Verwunderung vorstellen, als er vor mir fertig wurde.

 

Ben, der jüngste der drei Brüder, studierte Architektur. Zu den Vorlesungen kam er zu spät oder gar nicht, seine Projekte reichte er zu spät oder nur unvollständig ein und bekam trotzdem die beste Note. Ben muss man lieben, um ihn nicht zu hassen, was eigentlich nur geht, wenn man ihn schon gekannt hat, als er noch kniehoch war und mit einem viel zu großen Brötchen in der Hand hinfiel, weil er gegen einen Ball treten wollte.

 

Jimo nicht zu hassen fällt fast noch schwerer, schließlich ist er Schriftsteller, und seine Freundin, die aus einem mir nicht bekannten Grund alle Lala nannten, ist ein Original-Top-Model aus Eritrea, also nicht so ein Fernseh-Top-Model, sondern richtig mit Laufsteg und Lagerfeld-Entzücken, und natürlich auch nicht Model IN Eritrea, sondern Paris!, Milano!, Dings! und Düsseldorf. Man kann einem anderen Mann normalerweise kaum verzeihen, dass der ein Top-Model regelmäßig aus der Nähe nackt sehen darf, aber bei Jimo ist man überraschenderweise schnell milde gestimmt.
Jimo haftete nicht nur von jeher eine Aura des ständigen Verlusts an, sodass man sich in seiner Nähe immer unwillkürlich umschaute, als finde man den Wagen nicht, er schien auf irgendeine Art auch unter Lala und ihrer Schönheit zu leiden, was die Sache mit dem Nackt-Sehen wieder okay sein ließ. Natürlich trotzdem ein Arsch, dieser Jimo, aber eben einer von der guten Sorte. Irgendwie war er im Migrationsstrom aus Bonn nach Berlin geraten, er wohnte eigentlich immer mit Paul zusammen, den er auf eine sehr rührende Art sehr liebte und zu einem Mann mit Haltung zu machen versuchte, bis dann Paul mit der wunderbaren Greta zusammenzog und einen Beruf hatte und einen Steuerberater, während Jimo noch immer die Miete mit abartigen Jobs bestritt und hoffte, dass er endlich einen Agenten fand.

 

Roman erklärte mir mal, dass Alemannia Aachen schuld an unseren Persönlichkeitsstrukturen sei. Wir sind aufgewachsen mit dem Verein. Wir haben von klein auf gelernt, dass man immer wieder kurz vor dem Ziel scheitern kann. Alemannia Aachen stand unsere ganze Kindheit hindurch kurz vor dem Aufstieg in die Erste Liga und ist dann schließlich in die Dritte abgestiegen. »Wir hatten keine Chance, Indiana Jones zu werden, weil wir wie Jo Montanes geworden sind. Wir machen einfach immer weiter. Der Sinn des Lebens besteht für uns darin, sich die Schuhe anzuziehen und aufs Feld zu gehen.«
Jo Montanes hat siebzehn Jahre lang für Aachen gespielt. Er ist niemals aufgestiegen, hat alle fünfzig Spiele mal ein Tor geschossen, ist weitergerannt, den Kopf nach unten, er grätschte und schwitzte und verlor. Und stand am nächsten Samstag wieder auf dem Platz. »Monti«, riefen wir im Stadion, wir liebten den verlässlichen, nicht so richtig begabten Monti. So sollten wir jetzt also sein?
Es ist äußerst putzig, dass ausgerechnet Roman, der wie ein englischer Landadeliger aussieht und dessen Frisur jeder, den ich kenne, wegen ihres makellosen Sitzes aufrichtig bewundert, sich mit einem schwitzenden Malocher identifiziert.
Ich erkläre mir mich meistens eher über meine Eltern als über Alemannia Aachen. Die Eltern von Roman, Paul und Ben sind das klassische Paar schlechthin. Sie sind zusammen seit den ersten Tagen ihrer Studienzeit, er ist ein stattlicher Herr mit mittlerweile schlohweißem Haarkranz, sie ist immer noch schön (das sage ich aus größtmöglicher innerer Distanz). Gut: bei den beiden wussten wir alle, dass es längst nicht mehr so rosig lief, wie es auf der Happy-End-Hochzeit den Anschein hatte. Aber bei Roman und Mia, bei Paul und Greta, bei Ben und Julia, nicht einmal bei Jimo und Lala, die wirklich keine Teletubbies sind, hätte irgendjemand erwartet, was dann geschah.

 

Wie ein Unfallforscher den Ablauf eines Unfalls rekonstruiert und dabei nicht das neu gekaufte Auto untersucht, sondern die Trümmer – genau so werden wir die Katastrophen, die nach dem Happy End stattfanden, analysieren: Kein Wrack ist wie das andere, und trotzdem kann man aus der vergleichenden Betrachtung Sicherheitsstandards entwickeln. Wir werden versuchen, das Einfache im Komplizierten zu entdecken.

 

Der Psychologe Richard J. Sternberg hat die Dreieckstheorie der Liebe entwickelt. Demnach benötigt Liebe Leidenschaft, Intimität und Verpflichtung. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch gibt noch ein Element hinzu und nennt als vierte Strömung, von der die Liebe erhalten wird: »tiefes Vertrauen«. Idealerweise würde sich ein Paar also sagen können:
Ich begehre dich.
Ich mag dich.
Ich möchte mit dir zusammen sein.
Ich vertraue dir.

 

Das kann doch nicht so schwer sein?

 

No Milk Today (Tag 1)

 

»Cool guys don’t look at explosions
They blow things up and then walk away«
ANDY SAMBERG, »COOL GUYS
DON’T LOOK AT EXPLOSIONS«

 

»Sie hat mich entsorgt«, sagte Paul zu seinem Bruder Roman, noch außer Atem von den fünf Treppen. »Ausgetauscht.«
Roman trug nur einen Bademantel, den er vorn zusammenhielt.
»Komm rein«, sagte er.
Romans Frau Mia hatte sich in ein Tuch gewickelt und lief leise fluchend über den Flur ins Bad. Paul fragte, ob er störe. »Nein, gar nicht«, sagte Roman.
Roman klang, als meine er das auch so. Selbst im Bademantel hatte er noch dieses Richardvonweizsäckerhafte, das er schon als kleiner Junge gehabt hatte. Paul dagegen wirkte noch zerfluster als sowieso immer.

 

Außer Atem sah man Paul sonst ausgesprochen selten. Er war immer schon sehr geschickt darin gewesen, sein Leben um sein Bett herum anzuordnen. Als wir noch alle in Bonn wohnten, gab er mir einen Schlüssel zu seiner Wohnung, damit er nicht aufstehen musste, um mich reinzulassen. Alles, was er für den Tag brauchte, platzierte er so, dass es schlimmstenfalls eine Armlänge entfernt lag. Zigaretten, Schokolade, Zeitung, Cola. Man könnte sagen, dass sein gesamter Ehrgeiz darin bestand, möglichst lange liegen bleiben zu können.
Nach einem gerade noch bestandenen juristischen Staatsexamen, das allgemein als »Das Wunder von Bonn« bezeichnet wurde, zog er zu Greta nach Berlin. Er hatte sie auf dem Kölner Ringfest bei einer Tamponpromotion kennengelernt.
Mit Greta kam er der Umsetzung seines Plans recht nahe: Er verbrachte nun fast sein ganzes Leben im Bett. Sie wurde für ihn eine Art mentale Windel, ein Rundum-sorglos-Paket aus Nestwärme, zärtlichen Rüffeln und Anschubsern. Sie war verantwortlich für das Wunder von Bonn, Paul war sich dessen durchaus bewusst. Ohne sie wäre er noch immer ein Jurastudent gewesen, der den ganzen Tag im Bett verbrachte. Mit ihr war er ein Anwalt, der den ganzen Tag im Bett verbrachte.

 

Paul stand nun also vor Roman und sah aus wie ein Bootsflüchtling. Paul fürchtete sich vor Durst. Er hatte einmal gelesen, dass es schon zu spät sei, wenn man den Durst erst einmal hatte, man müsse rechtzeitig trinken. Diese harmlose Information aus der Verbraucherbeilage einer überregionalen Tageszeitung trug er mit sich herum wie ein dunkles Geheimnis. In seiner Gegenwart reichte es nicht aus, die Durstlöschung zu einem späteren Zeitpunkt in Aussicht zu stellen. Sagte Jimo, sein bester Freund, er habe Durst, müsse aber zunächst noch etwas erledigen, blaffte Paul ihn an: »Dann ist es schon zu spät!«
Die Furcht vor dem Durst war nicht Pauls hervorstechendste Eigenschaft, es war nur so, dass er dadurch niemals einen guten ersten Eindruck hinterließ. Wo immer Paul hinkam, kam er verschwitzt an. Er war eben eher ein Sitzer oder Lieger, zudem ein Trödler, und so musste er immer sehr hetzen, um innerhalb der Verspätungstoleranzgrenze an sein Ziel zu gelangen. Weil nun ein sich beeilender Sitzer nahezu unweigerlich auch ein heftig tropfender Schwitzer wird, litt Paul also infolge seiner Reisetätigkeit zumeist an feuchtem Nacken, angeweichtem Hemd und nasser Stirn. Und das bedeutete: Wassermangel. Er stieß die Wartenden zur Seite, stürzte zur Toilette und hängte sich unter den Wasserhahn. Auf Paul zu warten war, wie an einer Oase mit einem Kamel verabredet zu sein.
Jetzt hatte Paul es zwar nicht eilig gehabt, aber die vielen Treppen hatten ihm trotzdem zugesetzt.
»Cola?«, fragte Roman, und Paul sagte: »Besser nicht.«

 

Etwa fünfzehn Stunden zuvor, es musste zwischen vier und fünf Uhr morgens gewesen sein, hatte Paul beschlossen, sich auf LSD einen runterzuholen. Er war, auch wenn alle das glaubten, eher kein Drogentyp, ab und an kiffte er auf Parties, aber ansonsten fühlte er sich auch drogenfrei schon unbrauchbar genug.
Björn, ein alter Studienfreund, den alle Bart nannten, weil er mal Bartträger gewesen war, hatte aus Amsterdam etwas mitgebracht, das er LSD nannte. Nach einigen erstaunlichen Erlebnissen in einer riesigen Proletendisco und an der Spree hatte Bart ihn wieder zu Hause abgesetzt.

Seine Freundin Greta war bei ihren Eltern und Paul allein auf LSD. Bei Gretas Handy ging nur die Mailbox dran, auf dem Festnetz konnte er nachts nicht anrufen, weil ihn Gretas Eltern sowieso hassten. Hm, allein auf LSD. Das Einzige, was Paul über LSD wusste, war, dass man hängen bleiben konnte. Er stellte sich vor den Spiegel und leuchtete mit der Schreibtischlampe in seine Augen. Seine Pupillen waren riesig.
Ab wann man wohl hängen geblieben war? Besorgt rief er Jimo an, seinen besten Freund. Auf Jimos Handy meldete sich ein unbekannter Mann, der es wahnsinnig komisch fand, dass Paul Jimo suchte. »Also, Liebelein, das fragen wir uns alle. Wo ist Jimo?« Paul legte auf, ein kurzer Blick in den Spiegel. Pupillen: riesig.
Dann also der Entschluss zur Masturbation. Im fünften Anlauf gelang es ihm, den Computer einzuschalten und sich ein Girls-Gone-Wild-Video runterzuladen. Die meisten, die Paul nur oberflächlich kannten, hätten nun gesagt: »Typisch Paul.« (Leute, die so faul sind wie Paul, stehen oft in dem Ruf, allerlei Lastern anzuhängen.) Wenn Paul aber schon kein Drogentyp war, dann erst recht kein Pornotyp. Er mochte Körperkontakt. Seitdem er das erste Mal Sex gehabt hatte, liebte er den Moment, in dem klar wurde, dass es jetzt losgehen würde, das Mädchen nackt im Bett lag und er sich auf sie legte. Er mochte die Umarmung, ihre Brüste an seinem Brustkorb, seine Hände an ihrem Hintern.
Wenn sich in einer Fernsehsendung jemand über Kuschel-oder Blümchensex beklagte, zuckte Paul leicht zusammen, denn er hatte sich im Verdacht, genau das zu praktizieren: Kuschelsex, Bumsen als Gemeinschaftserlebnis.
Nun aber mit diesem Spitzenprodukt holländischer Drogendesigner im Blut, dachte er, Porno könne virtueller Sex sein, das honigfarbene Haar der Spring-Break-Mädchen in dieser Scripted-Reality-Porno-Show würde duften, ihre Schokoladenhaut sich zart an seinen Bauch schmiegen, ihr Lachen wie ein Gebirgsbach plätschern. Stattdessen durchschaute Paul allzu klar, dass in dem Filmchen keine wirklichen High-School-Absolventinnen herumsprangen, die aus Freude an der Nacktheit ihre Brüste entblößten. Sein Schwanz blieb weich, so sehr er auch an ihm herumdrehte, alles, was er sah, waren orangefarbene Fingernägel und billiger Schmuck, kleine Schmetterlingspiercings in solarierten Bauchnäbeln, Knasttattoos und dumme Augen.
Er versuchte es mit den schwermütigen Russinnen auf der Homepage des russischen Fotografen Grigori Galitsin. Es regte sich etwas. Ewigkeiten vertiefte er sich in die Achselhöhlen tadschikischer Ballerinen, war verzaubert von den dichten Schamhaaren einer Kasachin, die auf ihrem Profil in der Rubrik Hobbys Violine, Schachspiel und Taekwondo angegeben hatte. Er sah butterblonden Zwillingen bei Tanzübungen zu und ejakulierte schließlich im hohen Bogen beim Anblick eines Ladebalkens. Er hatte es geschafft, beim Onanieren zu früh zu kommen. Sein Herz schlug zu laut und zu schnell. Er schaute auf die Uhr. Halb acht. Jetzt konnte er Greta anrufen (und – wow! er konnte auch ziemlich lange onanieren!). Wieder die Mailbox.
Schließlich rief er doch auf dem Festnetzanschluss der Ulmenthals an. Die unendlich müde Stimme von Gretas Mutter. Er sagte, dass er er sei, und fragte: »Ist Greta schon wach?« – »Paul?« – »Ja, Guten Morgen, hier ist Paul.« – »Woher soll denn ich wissen, ob Greta schon wach ist?« Während er versuchte, Frau Ulmenthal zu erklären, dass Greta oben in der Ulmenthal-Villa in ihrem alten Kinderzimmer liegen müsse, und Frau Ulmenthal ihm parallel dazu klarzumachen versuchte, dass das nicht der Fall war, passierte genau das, was im Zusammenhang mit solchen Situationen meist bloß metaphorisch beschrieben wird. Der Boden schwankte unter seinen Füßen und verschwand schließlich ganz. Paul hing über einem Abgrund, nur der Telefonhörer gab ihm noch Halt.
Greta war wirklich nicht da. Greta hatte überhaupt nicht bei ihren Eltern übernachtet. Greta hatte gelogen.
Er konnte den Hörer nicht auflegen, obwohl Frau Ulmenthal längst wieder ins Bett gegangen war. Er rief bei Gretas drei besten Freundinnen an. Dreimal der Anrufbeantworter.
»Bestimmt ist sie bei einer von den dreien, sie hat sich halt kurzfristig umentschieden, alles ganz harmlos, nimm eine Schachtel Aspirin, leg dich schlafen. Und wenn du aufwachst, dann ist alles wieder gut«, sage er zu sich, aber er hörte sich nicht recht zu. Greta hatte gelogen. Er war allein. Und das LSD hörte nicht auf zu wirken.
Er rief Roman an und beschwor ihn, alles stehen und liegen zu lassen, egal, woran er gerade arbeite. Notfall. Super-GAU. Der Untergang. Roman versprach, ihn in einer Stunde wieder anzurufen. Er solle Milch trinken, das habe Hoffmann auch gemacht bei seinem ersten LSD-Selbstversuch. »Aber Milch bringt doch Greta nicht zurück.«
Als Paul aufgelegt hatte, bekam er »No Milk Today« nicht mehr aus dem Ohr.
Er überlegte, zu seiner Hausärztin zu gehen, aber er erinnerte sich an einen Artikel über ein Super-LSD, dessen Wirkung durch die Medikamente, die man beim Arzt bekommt, verstärkt wurde.
»No milk today. My Love has gone away.«
Das Telefon. Roman sagte, er habe einen Termin verschoben und werde jetzt gleich vorbeikommen. Paul stellte sich die nächste Viertelstunde an die Tür, um rechtzeitig öffnen zu können. Unterdessen sprach er fünfzehn Mal auf Gretas Mailbox. »Hey Greta, na! Gut geschlafen? Meld dich mal.« – »Greta, du bist gar nicht bei deinen Eltern. Wo bist du denn dann?« – »Greta, mir geht es nicht so gut, bitte ruf an!« – »Greta, wenn du das hörst, also das ist kein Problem, dass du nicht bei deinen Eltern bist, ruf einfach an, dann bewerbe ich mich auch, wo du willst.«
Roman hatte ihm einen Schlaftee besorgt. Er bereitete ihn Paul zu. Paul zitterte, Roman machte ihm eine Wärmflasche.
»Greta liebt dich doch, das ist nur ein blödes Missverständnis.« – »Greta war zuletzt nicht mehr so richtig zufrieden, glaube ich.« – »Du siehst Gespenster.«

 

Durch das zweite Staatsexamen hatte Greta Paul in Berlin genauso durchmanövriert wie durch das erste, sie hatte ihm anschließend Stellenanzeigen rausgesucht und ihm für jedes Bewerbungsgespräch so etwas wie eine vorzeigbare Frisur arrangiert, und all ihre Mühen hatten Früchte getragen: Er bekam eine richtige Stelle in einem richtigen Unternehmen mit richtigem Gehalt und richtigen Urlaubstagen.
Aber dann schmiss er kurz nach der Hochzeit von Mia und Roman hin und ersetzte seine richtige Stelle durch einen Schreibtisch in ihrer gemeinsamen Wohnung (vom Bett nur zehn Meter Luftlinie entfernt) und zweieinhalb Mandanten, von denen zwei seine Brüder Roman und Ben waren, die nie Rechtsstreitigkeiten hatten. Greta wäre auf breites Verständnis gestoßen, wenn sie Paul zu diesem Zeitpunkt verlassen hätte. Doch sie hängte unten an ihren Hauseingang ein Messingschild, das sie besorgt hatte, auf dem stand: »Rechtsanwalt Paul Klinghofer«. Und Paul fand einen Weg für sich. Sein einnehmendes Gesicht, seine ruhige Art und sein diplomatisches Geschick, das er an zahllosen Abenden, an denen er das Schweigen zwischen seinen Eltern durch vorsichtigen Humoreinsatz für kurze Zeit hatte unterbrechen müssen, machten ihn zu einem richtig guten Mediator.
Innerhalb eines Jahres brachte er es auf gerade so viele Klienten, dass er nicht schlecht verdiente und dennoch nicht dauernd das Bett verlassen musste. Es war alles perfekt.

 

Paul trank einen Schluck von dem Schlaftee und schaute Roman vorwurfsvoll an. Dann las Roman ihm aus seinen Akten vor, bis Paul einschlief.
Gegen achtzehn Uhr wurde Paul wach. Roman war weg. Paul ging aufs Klo. Das Telefon klingelte.
Den Zusammenhang zwischen Stuhlgang und Telefon haben schon viele Humoristen, Satiriker und Philosophen zu ergründen versucht, und doch kann niemand erklären, warum die wichtigsten Anrufe immer dann eingehen, wenn man gerade auf dem Klo sitzt.
Greta klang fremd. An den genauen Wortlaut des Gesprächs kann Paul sich heute nicht mehr erinnern. Es war kein Missverständnis. Es tat ihr wahnsinnig leid, dass er es so … Paul erinnerte sich noch, dass sie diesen Satz nicht zu Ende gesprochen hatte. Wozu auch. Die Aussichtslosigkeit. Sein Paulsein. Der ganze Streit. Und ja, ein anderer. Nein, natürlich nicht: betrogen. Nur eben: besser für sie jetzt. Und bestimmt das Beste für sie beide. Und dann, recht übergangslos: der praktische Teil. Die Wohnung könne er sich sowieso nicht allein leisten, sie dagegen schon. Sie wäre sehr dankbar, wenn er irgendwo anders unterkommen könnte. Wenn er ihre Entscheidung, wenn er sie ernst nähme, würde er nicht mehr in der Wohnung sein, wenn sie käme. Warum er überhaupt so oft angerufen habe und vor allem: bei ihren Eltern? LSD? Ach, Paul.
Als sie sich nach von langem Schweigen unterbrochenen Stammeln verabschiedeten, war er nicht einmal richtig traurig. Er zog die Hose hoch, raffte ein paar Sachen zusammen, Zahnbürste, ein paar Unterhosen und zwei T-Shirts. Kurz dachte er, dass das doch Quatsch sei, dass er hier bleiben und um sie kämpfen sollte. Dann nahm er die Sachen und fuhr zu Roman und Mia.
Für die 5-Minuten-Strecke brauchte er eine halbe Stunde, weil Paul die Fähigkeit eingebüßt hatte, links abzubiegen. Er fuhr so lange, bis er etwas wiedererkannte. Natürlich fand er zunächst keinen Parkplatz, alle Lücken waren zu klein, auch die großen. Schließlich stellte er den Wagen unter ein Parkverbotsschild.
Er schaute in den Außenspiegel eines Nissan Micra. Seine Pupillen waren immer noch so groß wie die von Mickey Mouse. Ein junger Mann, der genauso aussah wie Paul vor acht Jahren, verscheuchte ihn von seinem Wagen. Ratlos stolperte Paul davon, drehte sich noch einmal um, aber der junge Mann saß schon im Micra, und Paul konnte ihn nicht mehr genau genug erkennen. Doppelgängersichtung ist ein sicheres Anzeichen für einen bevorstehenden epileptischen Anfall. Der wäre Paul jetzt allerdings sehr recht gekommen. Dann müsste Greta. Dann würde Greta doch. Dann hätte Greta doch die verdammte Pflicht. Lieben müsste sie ihn dann bis an das Ende ihrer Tage.
Er stand ein paar Minuten einfach so auf dem Gehweg und war froh, in einer Stadt zu leben, in der Irre nicht auffallen. Er atmete vorsichtig und möglichst regelmäßig, immer auch mit dem Bauch. Endlich fühlte er sich bereit weiterzugehen und stand kurz darauf vor dem Haus, in dem Roman wohnte. Auf dem Klingelschild stand R. und M. Klinghofer-Dumitrescu. Er drückte die Klingel, und um garantiert gehört zu werden, drückte er sofort noch einmal. Der Türöffner surrte eine Ewigkeit nicht, er klingelte dringlicher. Je sonne. Personne. Je resonne. Re-Personne. Er summte diese Nabokov-Zeile, bis sie in den beruhigenden Klang des Öffners überging.

Malte Welding

Über Malte Welding

Biografie

Malte Welding ist Liebes-Kolumnist der Berliner Zeitung. Dort tackert er ohne Narkose die gebrochenen Herzen von Teenagern und Rentnern, Frauen in den Wechseljahren und Männern im Liebeswahn zu sammen – sehr zum Vergnügen derer, die nicht betroffen sind.

Medien zu »Versiebt, verkackt, verheiratet«

Pressestimmen

Blick am Abend

»Mit leichtem Galgenhumor und fachmännischem Wissen nimmt Malte Welding das Leben nach dem Happy End – also nach der Hochzeit – gekonnt auseinander.«

MDR

Welding erklärt leichtfüßig und ohne den erhobenen Wissenschaftszeigefinger, warum Liebe am Ende vor allem immer noch eins macht: glücklich

Inhaltsangabe

Inhalt

9 Ein seltsames Spiel

15 No Milk Today (Tag 1)

24 67 Tage plus

40 Männer wie Woody (Tag 2)

55 Top Quark (Tag 2)

72 Die sonnige Seite (Tag 2)

84 Lassen Sie mich, ich bin durch – Findet Jimo (Tag 2)

102 <Liebe/> (Tag 2)

115 Bondgirl (Tag 2)

127 Krabbel-AIDS

133 Der Liebestöter

143 Bach rauf, Bach runter

153 Jump The Shark (Tag 7)

171 Nach der Liebe ist vor der Liebe

181 Lost in Relocation (Tag 9)

194 Roman und Mia sehen einen Porno (Tag 12)

209 Am liebsten zu dritt (Tag 15)

218 Liegt doch auf der Hand (Tag 16)

222 Besser als schlechter

228 Windel (Tag 19)

233 Der Sex des Jahrhunderts (Tag 21)

248 Der Fetisch eines jeden – Was man mögen sollte und was nicht

257 Kachelmann-Komplex (Tag 22)

260 Herr Schlecht (Tag 23)

269 Eine Welt weniger (Tag 23)

272 Surreal, aber schön (Tag 23)

283 Happy Entlein (Tag 25)

289 Angstrasen (Tag 25)

296 Fluss hinauf (Tag 27)

306 Vater unser (Tag 28)

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