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Vater Morgana

Vater Morgana

Eine persische Familiengeschichte

Taschenbuch
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Vater Morgana — Inhalt

Es kann zu Verwicklungen kommen, wenn man versucht, die deutsch-österreichisch-amerikanisch-schwedisch-britisch-persische Familie endlich einmal unter dem Christbaum zu versammeln oder »Nowrouz« – das persische Neujahrsfest zu Frühlingsbeginn – gemeinsam zu feiern. Es kommt aber definitiv zu einer globalen Katastrophe, wenn man den Tod des eigenen Vaters vor dessen Mutter geheimhalten muss, weil die liebe Verwandtschaft befürchtet, dass Måmånbosorg, die persische Omi, diesen Schock nicht überleben wird.

€ 11,00 [D], € 11,00 [A]
Erschienen am 01.10.2011
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26438-9

Leseprobe zu »Vater Morgana«

Erster Teil


Dariush Ansari


Auferstehung in London I


Manche Begegnungen mit Menschen in unserem
Leben sind seltsam, unangenehm, befremdlich
und sehr erstaunlich, so zum Beispiel, wenn
man seinem eigenen Vater – drei Monate, nachdem er
begraben wurde – in einem Lokal in London gegenübersitzt.
Es war ein sonniger Tag Anfang März und ich war
vor einer Stunde am Londoner Flughafen Heathrow
angekommen, fuhr mit dem Heathrow Express bis zur
Paddington Station, nahm dort ein Taxi nach Covent Garden
und stieg vor dem persischen Restaurant Simurgh,
in dem wir verabredet [...]

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Erster Teil


Dariush Ansari


Auferstehung in London I


Manche Begegnungen mit Menschen in unserem
Leben sind seltsam, unangenehm, befremdlich
und sehr erstaunlich, so zum Beispiel, wenn
man seinem eigenen Vater – drei Monate, nachdem er
begraben wurde – in einem Lokal in London gegenübersitzt.
Es war ein sonniger Tag Anfang März und ich war
vor einer Stunde am Londoner Flughafen Heathrow
angekommen, fuhr mit dem Heathrow Express bis zur
Paddington Station, nahm dort ein Taxi nach Covent Garden
und stieg vor dem persischen Restaurant Simurgh,
in dem wir verabredet waren, aus, um auf meine Tante
Agathe zu warten, die sich, wie sie mir per SMS mitgeteilt
hatte, verspäten würde, da der Abendverkehr in
London extrem stark war.
Ich war nicht zum ersten Mal in London. Im Laufe
meiner vielen Besuche habe ich eine kleine Routine entwickelt.
Ich erreiche die Paddington Station, trinke in
einem der Bahnhof-Cafés meinen ersten englischen Tee
mit Milch, blättere die Times durch, die ich mir bereits
am Flughafen gekauft habe, und »komme in London an« –
wie ich dieses Ritual nenne. Fahre dann entweder
zu meiner Tante Agathe nach Pinner, fünf U-Bahnstationen
nach Wembley Park, oder ins Hotel, je nachdem, wo
ich dieses Mal übernachte. Ich übernachte meist nicht bei
Tante Agathe, weil ich selten allein in London bin, und
ein romantisches Wochenende macht sich in der Stadt
besser als in dem Vorort Pinner. Auch ist man ohne Tante
Agathe unabhängiger, was mit Lebensgefährtin immer

besser ist. Noch dazu ist Tante Agathe gar keine wirkliche
Tante, zumindest nicht meine, beziehungsweise: Sie
war einmal meine Tante, als sie noch mit meinem Onkel
Fereydoun verheiratet war und mit ihm in Wien lebte.
Nach der Scheidung ging sie aus Schmerz und Verzweiflung
nach England, um Urlaub zu machen und sich zu
verlieben. Nicht in einen anderen Mann, sondern in London.
In das London der 70er Jahre.
Komischerweise ist der Kontakt zu ihr nie abgerissen,
wahrscheinlich, weil ein Platz zum Schlafen in London
immer gut ist, was meine Schwester und ich in unserer
Jugend gerne schamlos ausnutzten, und vor allem, weil
Tante Agathe einer der nettesten, liebsten und unkompliziertesten
Menschen in unserer Familie ist. Wahrscheinlich
mit ein Grund, weshalb sie nicht mehr dazugehört.
Diesmal hatte ich keine Zeit, mein »Ich-komme-in-
London-an«-Ritual zu zelebrieren. Wir waren um 7 p. m.
mit meinem wiederauferstandenen Vater in Covent Garden
verabredet und mir blieb nicht einmal die Zeit, am
Flughafen eine Times zu kaufen, da ich keinen früheren
Flug nach London bekommen hatte können. Ich hatte
genau 45 Minuten, um von Heathrow nach Covent Garden
in die Garrick Street Nummer 17 zu kommen, was
schon bei normalem Londoner Verkehr an die vierzehn
Stunden dauert.
Es war zwei Minuten vor sieben. Wahrscheinlich war
mein Vater schon da. Ich starrte auf das Schild über dem
Eingang: »Simurgh« stand da zu lesen. Ich kannte dieses
Restaurant nicht, es war neu und ich hatte London zum
letzten Mal vor drei Jahren besucht. Der Name erinnerte
mich an etwas Unangenehmes. Etwas Bedrohliches.
Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Schließlich
war ich sehr angespannt. Andererseits kam mir der
Name Simurgh sehr bekannt vor. Irgendetwas hatte es

mit diesem Namen auf sich, aber im Augenblick kam ich
nicht dahinter. Mein alarmiertes Stammhirn verlangte
nach Beruhigung: »Wahrscheinlich ist es einfach ein persischer
Vorname und ich habe von jemandem namens
Simurgh gehört! Vermutlich heißt ein Freund meines
Vaters so!?«
Ich sah Tante Agathe aus ihrem Wagen steigen, winkte
ihr kurz zu und hob dann meinen Kopf, schloss meine
Augen, spürte kurz die Wärme der Londoner Wintersonne
auf meinem Gesicht, dachte noch ein Mal an
Simurgh und was es bedeuten könnte und atmete schließlich
tief durch: Gleich werden ich und Tante Agathe
meinem
Vater gegenübersitzen, einem Toten, der vor drei
Monaten gestorben ist ...
Sehen Sie, allein deshalb muss ich Ihnen die Geschichte
meiner Familie erzählen.

Dein Platz ist leer


Also ich muss natürlich nicht, aber wenn Sie sich
dieses Buch schon gekauft haben, erzähle ich sie
Ihnen – wäre ja dumm, wenn die nächsten 360 Seiten
blank wären. Also, diese Geschichte ist ganz einfach:
Eine Katastrophe jagt bei uns die andere. Von Gefängnisaufenthalten
wegen Terrorverdachts bis zu Todesfällen,
die geheim gehalten werden müssen. Das mag vielleicht
alles ein wenig reißerisch klingen, aber schließlich will
ich ja, dass Sie weiterlesen und nicht das Gefühl bekommen,
da wird jetzt eine stinknormale
Durchschnittsfamilie
beschrieben – die wir genau genommen natürlich
sind. Wir haben zwar leider keinen Nobelpreisträger,
aber wenigstens auch keinen Mörder in unserer Familie
– zumindest nicht, dass ich wüsste.
Weil allerdings beides sehr schwer vor dem Rest der
Familie geheim zu halten wäre, gehe ich davon aus, dass
dem auch so ist. Obwohl einige in unserer Familie sehr
gut darin sind, offensichtliche Dinge lange vor anderen
geheim zu halten. Ich denke da nur an das Toupet eines
meiner Onkel, das er seit zehn Jahren trägt. Wobei in diesem
Fall die große Geheimhaltung nicht darin besteht,
dass er uns glauben macht, es wären seine echten Haare,
sondern dass wir ihm vormachen, nicht zu wissen, dass
er ein Toupet trägt. Wir sprechen über dieses Toupet
nicht, wir nehmen es nicht zur Kenntnis, wir verleugnen
es, es ist einfach kein Thema, nicht einmal dann, wenn
es regnet und mein Onkel Djafar mit plattem deutschem
Kunsthaar auf dem vorderen und gekräuseltem persischem
Echthaar auf dem hinteren Kopf vor uns steht.
Wir sind eine ganz normale Familie. Also, wir sind
natürlich keine ganz normale Familie ... Wie soll ich das
sagen ...? Lassen Sie es mich so formulieren: Wir sind eine
stinknormale persisch-österreichisch-deutsch-amerikanisch-
schwedisch-britisch-iranische Emigrantenfamilie,
aber zum Teil auch schon »hier« (wo auch immer Sie
gerade sind und dieses Buch lesen) geborene Familie!
Sagt man das so? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber in
einer solchen, von Ausländern überfluteten Familie hört
man ununterbrochen Dinge, die man so nicht sagt. Zum
Beispiel »Bezirk« anstelle von »Kanal«. Bei uns zu Hause
liefen die Fernsehsendungen nicht auf Kanälen, sondern
in Bezirken. Ich sehe meinen Vater selig noch vor mir, wie
er von seinem Platz auf der Wohnzimmercouch aus missmutig
auf den Bildschirm unseres alten Fernsehers starrt:
»Was gibs auf andere Bezirk?«
Auch ohne Platonlektüre war für ihn auf der Welt
nichts »wirklich«, sondern »wigli«. Wiener Dialekt mit
persischem Akzent. Für meine Kinderohren merkwürdig
verwandte Idiome. »Gehst du auf mein Nerven – wigli!«,
bekam ich gelegentlich zu hören.
Als ich dann Jahre später meiner ersten langjährigen
Beziehung, Sandra, die meinen Vater immer sehr
schlecht verstand, erklärte, was »wigli« bedeutet, meinte
sie, »Wigli« sei in Wahrheit eine unbekannte Figur aus
dem Dschungelbuch, nämlich die uneheliche Schwester
von Mogli. »Mogli und Wigli«. Nicht von vornherein
abwegig, aber die Frage bleibt doch, wie ein Waisenkind,
das im Dschungel bei den wilden Tieren aufwächst, überhaupt
eine uneheliche Schwester haben kann – aber egal.
Neben den grammatikalischen Besonderheiten, wie
»wigli« oder auch »gelaube isch« anstelle von »Isch
gelaube«, gibt es natürlich in unserer Familie auch eine
Reihe von persisch-deutschen oder persisch-englischen
Wortspielen, die bei einer solchen Konstellation unvermeidlich
sind. Mein Onkel Djafar, der seit seinem zwanzigsten
Lebensjahr in Berlin lebt, hatte dem ersten seiner
drei Schwiegerväter immer wieder gerne von der Stadt
Isfahan erzählt. Onkel Djafar liebte Isfahan, weil es ihn
immer an eine seiner vielen Großtanten erinnerte, die er
in seiner Kindheit mit seiner Mutter, meiner Großmutter,
gerne besucht hatte. Dochtarbas Chånum, wie sie genannt
wurde, servierte zum Nachtisch das beste Scholeh-zard,
das sich Onkel Djafar nur vorstellen konnte. Er liebt
bis heute diesen Reispudding mit Safran, Rosenwasser
und Kardamom, den er nie wieder so gut gegessen hat
wie damals in seiner Kindheit in Isfahan. Nachdem nun
Onkel Djafars erster Schwiegervater seinerseits immer
wieder von dem Milchreis schwärmte, den seine Großmutter
aus Potsdam für ihn kochte, hatten er und sein
damals zukünftiger Schwiegersohn beim ersten Treffen
in Charlottenburg 1972 bereits auf Anhieb ein gemeinsames
Thema gefunden. Bei dieser Gelegenheit entstanden
auch schon zwei der beliebtesten Wortwitze unserer
Familie. Paul, der erste Schwiegervater meines Onkels
Djafar, hatte natürlich als alter Berliner Schuhmachermeister
noch nie einen Perser gesehen, geschweige denn
das Wort Scholeh-zard gehört. Auch die Stadt Isfahan war
dem fleißigen Handwerker kein Begriff. Und so hatte er
noch Jahre später große Freude daran, selbst nach der
Scheidung seiner Tochter von Onkel Djafar, allen Leuten
zu erzählen, dass die Perser in der Stadt »Iswashans«
zum Nachtisch »Scholle zart« essen.
In unserer Familie wimmelt es also nur so von Ausländern
und grammatikalischen Besonderheiten, die der
nichtpersische Teil der Familie wohlwollend für eine

poetische Blütenlese aus dem Orient hält. Neben den
Persern, auch Iraner genannt, setzt sich unsere Familie
zusammen aus Engländern, Amerikanern, Schweden,
Deutschen und Österreichern. Wir sind die Österreicher:
meine Mutter Angelika, meine Schwester Petra, mein
Vater Dariush und ich. Also die österreichischen Perser,
die gemeinsam mit den schwedischen, deutschen und
englischen Persern das Bollwerk gegen die Kulturlosigkeit
der amerikanischen Perser bilden. Letztendlich sind
wir zwar alle Perser – aber eben europäische oder amerikanische
Perser. Was uns trennt, obwohl wir eine Familie
sind, ist die Mentalität der einen Heimat, in die wir emigriert
oder in der wir aufgewachsen sind. Was uns eint,
ist die Mentalität der anderen Heimat, die wir verlassen
haben oder nur aus Erzählungen kennen. Und dann
haben wir natürlich noch etwas sehr Wichtiges gemeinsam:
unsere kleinen alltäglichen persischen Eigenheiten.
So gewisse Verhaltensweisen, die eben nur Perser an den
Tag legen. Wenn die Perser auch über die ganze Welt verstreut
leben, so bleiben sie doch immer Perser. Sie sind
sehr angepasst an das jeweilige Land, in dem sie leben,
nehmen mühelos die seltsamsten Bräuche und Sitten an,
auch wenn sie sich über diese sehr wundern, bleiben aber
im Herzen immer stolze Perser!

 

Kennen Sie die Perser? Also, die Perser, das sind die
aus der Schulzeit mit dem riesigen Weltreich, das sich
von Indien bis Griechenland erstreckt hat. Die Perser,
das sind die, die zwar andere Länder und Völker unterworfen
haben, deren Großkönige aber – wie zum Beispiel
Dareios II. oder Kyros der Große – den unterworfenen
Völkern erlaubten, ihre eigene Religion und ihre
eigene Verwaltung zu behalten – was die Perser zwar
zur Besatzungsmacht machte, aber zu einer sehr sympathischen
Besatzungsmacht. Deshalb brachten einmal
im Jahr, am 21. März, dem persischen Neujahr und
Frühlingsbeginn, alle Gesandten aus den Provinzen
dem Großkönig großköniglich großzügige Geschenke
in seiner Reichshauptstadt Persepolis dar. Ob freiwillig
oder nicht, wollen wir hier nicht klären. Jedenfalls
eine alljährliche Szene, die man noch heute, dreitausend
Jahre danach, auf einem Relief in den Ruinen von Persepolis
sehen kann.


Die Perser, das sind die, die dann von Alexander dem
Großen besiegt wurden und die sich mit tausenden Griechen
und Griechinnen verheiraten mussten, damit der
sein hellenistisches Reich gründen konnte. Drei-drei-drei,
bei Issos Keilerei.

 

Die Perser, das sind die, die, bevor sie von den Arabern
islamisiert wurden, als erstes Volk neben den Juden
an einen einzigen Gott glaubten. Ahura Mazda, den Gott
des Lichts, den guten Gott, der seine Lehre durch den
Propheten Zarathustra verkünden ließ.
Die Perser, das sind aber auch die, die Sie aus dem
Fernsehen kennen, die mit dem Ayatollah Khomeini, der
islamischen Revolution, dem gestürzten Schah und dem
Präsidenten Ahmadinejad, der Israel ausradieren will,
sobald er die Atombombe gebaut hat.
Und die Perser, das sind auch die, die nach der Revolution
die amerikanische Botschaft besetzt haben, die Menschen
steinigen und die im Jahre 1979, also deutlich nach
dem Mittelalter, einen Gottesstaat ausgerufen haben!
Diese Perser nennen wir in unserer Familie lieber Iraner.
Die mit den siebentausend Jahren Geschichte, das
sind die Perser, und die mit der Atombombe, das sind die
Iraner. Und wir, die wir hier im Westen leben, in Europa
oder Amerika, wir sind natürlich die guten Perser und
die, die zu Hause geblieben sind und den Terrorismus
unterstützen, das sind die bösen Iraner. Aber ganz im
Ernst: Die bösen Iraner sind genauso gute Perser, so wie
die bösen Perser gute Iraner sein können. Wenn allerdings
jemand meinen Vater gefragt hat: »Wie denken Sie
eigentlich über den Atomstreit mit dem Iran? Darf der
Iran eine Atombombe bauen oder nicht? Und was halten
Sie von den Steinigungen junger Frauen, die Ehebruch
begangen haben?«, konnte ihn das nicht in Verlegenheit
bringen: »Was soll isch dazu sagen, isch kenne mich mit
dem Politik nischt aus.«
»Wenn man von den Morden an Oppositionellen hört,
wie fühlt man sich da als Iraner?«
»Was soll isch sagen? Isch bin kein Iraner, isch bin
Perser!«
Hier machte er immer eine kleine Pause, wartete, ob
das Gegenüber den vermeintlichen Unterschied zwischen
Perser und Iraner verstanden hatte, und fügte zur
Sicherheit hinzu:
»Nur eines isch weiß isch e-sischer: Unter dem Schah,
es hätte das nischt gegeben!«
Das waren seine zwei Standardsätze, wenn es um brisante
Themen der Zeit ging: »Ich kenne mich mit dem
Politik nischt aus« und »Nur eines isch weiß isch e-sischer:
Unter dem Schah, es hätte das nischt gegeben!«
In den Diskussionen über eine drohende Umweltkatastrophe,
die wir in meiner Jugend aufgrund meiner
Begeisterung für den Umweltschutz sehr leidenschaftlich
führten, schlug sich mein Vater stets auf die Seite der
modernen Technik und der Errungenschaften unserer
Zivilisation, die ihm mehr bedeuteten als das Überleben
von irgendwelchen Fischen. Als ich ihn eines Tages in
einer solchen Diskussion damit konfrontierte, dass der
Meeresspiegel um einen Meter steigen werde, und ich ihn
fragte, was er denn dagegen zu tun gedenke, meinte er
geistesabwesend: »Isch bin Perser, warum soll ich etwas
mit dem Meeresspiegel machen? Nur eines isch weiß isch
e-sischer: Unter dem Schah, es hätte das nischt gegeben!«
Damit widmete er sich wieder der Zubereitung seines
persischen Tees.
Diese Reaktion führte damals zum pubertären Bruch
mit meinem Vater, den ich ab diesem Zeitpunkt für einen
arroganten, orientalischen Macho hielt. Interessanterweise
bekam ich exakt diese drei Worte – arroganter,
orientalischer Macho – 25 Jahre später von meiner Ex-
Frau zu hören, und das, obwohl ich niemals behauptet
hatte, dass es unsere Ehe unter dem Schah nie gegeben
hätte. Ich hatte lediglich gemeint, dass der Begriff »Treue
in der Ehe« für Perser dehnbar sei, da sie ja als Muslime
bis zu vier Frauen gleichzeitig ehelichen dürften. Aber
darum geht es jetzt ja gar nicht. Ich wollte Ihnen von den
persischen Eigenheiten erzählen.
Wenn ich von persischen Eigenheiten spreche, so
meine ich weder jahrtausendealte kulturelle Rituale noch
den innersten Drang, eine amerikanische Flagge zu verbrennen.
Diese Dinge gibt es, aber sie sind nicht typisch
persisch!
Typisch persisch ist: zu spät zu kommen. Es gibt keine
pünktlichen Perser. Sehen Sie, die Perser empfinden da
anders. Wenn ein Perser um acht Uhr einen Termin hat,
geht er um acht Uhr außer Haus und kommt so gegen
acht Uhr dreißig am verabredeten Ort an. Pünktlich zu
sein bedeutet in der persischen Mentalität nichts Positives.
Im Gegenteil, wenn man bei einer persischen Familie
zum Essen geladen ist, sagen wir um 19 Uhr, so sollte man
nicht vor 19 Uhr 30 erscheinen. Das wäre unhöflich, man
würde die Gastgeber unter Druck setzen. Unter Persern
gilt als höflich: 15 bis 30 Minuten nach dem vereinbarten
Termin zu erscheinen. Damit gibt man den Gastgebern
Zeit, alles gewissenhaft vorzubereiten. Würde man bei
einer persischen Familie um 19 Uhr auftauchen, so wäre
das sogar äußerst unhöflich, da man ihnen dadurch zu
verstehen geben würde, sie sollen sich gefälligst beeilen!
»Schnell! Schnell! Es ist doch hoffentlich alles fertig, die
Gäste sind da!«
Diese unterschiedliche Auffassung führt natürlich zu
interkulturellen Missverständnissen. Mein Onkel Djafar,
der in Berlin lebt, erzählte mir, dass die Deutschen gerne
einige Minuten vor dem vereinbarten Termin erscheinen.
Davon ist ganz dringend abzuraten, da können Sie
Ihrem persischen Gastgeber auch gleich, nachdem er die
Türe geöffnet hat, ins Gesicht spucken. Einige Minuten
vor dem Termin da zu sein, ist absolut unhöflich! Sollten
Sie gar eine Viertelstunde vor dem Termin erscheinen, so
kann es Ihnen passieren, dass noch nicht einmal Ihre persischen
Gastgeber da sind.
Damit ist natürlich noch längst nicht alles gesagt. Aber
Sie werden die Perser im Laufe unserer Familienkatastrophen
schon noch kennen lernen.
Ich kann Ihnen natürlich nicht jede einzelne Katastrophe
erzählen, die es in meiner Familie gegeben hat. Das
würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Aber ich will
Ihnen von der letzten großen Katastrophe berichten. Diese
letzte große Katastrophe nahm ihren Anfang in Europa
und das, obwohl sie eine zutiefst persische Katastrophe
ist. Genauer gesagt, in der Hauptstadt von Österreich, in
Wien. In Deutschland, in Berlin, wurde sie um eine interessante
Nuance erweitert, in Marlborough, Massachusetts,
einer amerikanischen Kleinstadt in New England in
der Nähe von Boston, wurde sie bestätigt, Stockholm versuchte
sie zu verhindern, New York konnte sie ein wenig
hinauszögern und London hat ihr erst ihre richtigen,
abgrundtief entsetzlichen Ausmaße gegeben. Und doch
ist es nur eine kleine Familiengeschichte. Das mag etwas
angeberisch klingen – aber ich schwöre es Ihnen, genau so
war es. Weil unsere Familie über die ganze Welt verstreut
ist, wächst sich eine Familienkatastrophe immer gleich zu
einem globalen Ereignis aus.
Aber ich werde Ihnen nicht nur von der einen großen
Katastrophe erzählen. Dazwischen gilt es von der einen
oder anderen kleinen Katastrophe zu berichten, um die
handelnden Charaktere sozusagen einzuführen. Wenn
ich Ihnen zum Beispiel meine Cousine Rochsana vorstellen
möchte, so würde ich Ihnen die Katastrophe mit
ihrer persischen Nase erzählen, die sie sich, ohne ihre
Mutter zu fragen, im Alter von 18 Jahren operieren hat
lassen. Was natürlich nicht die einzige Katastrophe in
Rochsanas Leben ist. Rochsana gehört, wie ihr Bruder
Shapour, zur Amerikafraktion. Sie sind beide in Amerika
zur Welt gekommen und beide haben ihr ganzes bisheriges
Leben dort verbracht, ausgenommen eine einzige
Europareise und zweimal Karibik, wie sich das für Amerikaner
gehört!
Ich erinnere mich an einen Amerikabesuch vor sechs
Jahren. Ich wurde von meiner Cousine vom Flughafen
abgeholt. Ein etwas ungewöhnliches Ereignis, da
sonst immer die ganze Amerikafraktion zu solchen
Gelegenheiten in Erscheinung tritt: die Großmutter,
meine Tante Niloufar und mein Onkel Ali, von dem sie
allerdings seit einigen Jahren geschieden ist, was ihn
nicht davon abhält, ebenfalls dabei zu sein – gemäß
dem persischen Verhaltenskodex: Egal wohin, es müssen
alle mit! –, und eben meine Cousine Rochsana.
Mein Cousin Shapour war selten dabei, er hatte immer
irgendwelche Termine – sehr unpersisch! Nicht dass
man als Perser keine Termine hätte, sogar dringende:
»Morgen« oder »Nächste Woche – ist egal!«.
Diesmal war die amerikanische Fraktion also nicht
geschlossen angetreten, um mich abzuholen. Meine
Tante Niloufar war mit ihrer Mutter beim Arzt. Großmutter
hatte Herzprobleme und musste für teures Geld
untersucht werden. Mein weggeschiedener Onkel Ali, er
unterrichtet Mathematik und Physik an einem College –
sehr unpersisch –, konnte ebenfalls nicht kommen, da er
eine wichtige Prüfung abhalten musste. Also war diesmal
nur Rochsana gekommen, um mich abzuholen. Wir
saßen im Wagen und hatten den Parkplatz des Logan
Airport in Boston noch nicht verlassen, da erzählte sie
mir bereits von dem Typen, mit dem sie zusammen war,
der sie geschlagen hatte und von dem sie schwanger
wurde, und von der Abtreibung, und dass ihr Bruder zu
viel kifft. Ich bekam einen kleinen Schweißausbruch und
wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Eigentlich
hatte ich sie nur gefragt: »How are you!? I haven’t seen
you since like ... what ... two years?!«
Und plötzlich brach es wie ein Schwall aus ihr heraus:
»Well, you know. I met this guy one year ago and he was
wonderful and very caring in the beginning, and then it
turned out, that he has a drinking problem, he started to
beat me all the time. I got pregnant and had an abortion
last February. Oh, and your cousin is a drug addict – he
smokes too much pot!«
Ich war fassungslos. Was soll man da drauf sagen?
Dieses Geständnis wäre schon zu viel, käme es von der
eigenen Schwester, die man dreimal im Monat sieht –
aber von einer amerikanisch-persischen Cousine, von
der man zwei Jahre nichts gehört hat?
»But anyway! How is your life?«, sagte sie in plötzlich
wieder höflichem Konversationston. Das war die
Rettung! Ich musste nichts auf diese Aufzählung ihrer
Katastrophen antworten, ich durfte stattdessen eine einfache
Frage beantworten. In unglaublich hohem Falsett
antwortete ich: »Thanks! I’m fine! – Sorry, my throat! The
air in the plane – you know!«
Das ist einer der Nachteile, wenn man Familie auf der
ganzen Welt hat: Man lebt in einem anderen Universum,
man kann sich gar nicht auf dem Laufenden halten. Gut,
im Falle meiner Cousine Rochsana will ich auch vieles
gar nicht wissen. Sie ist nämlich eine amerikanische Tussi.
Also, ich würde das ja nie von ihr behaupten – das sind
die Worte meiner Großmutter. Sie kam zu dieser Erkenntnis,
nachdem Rochsana sich ihre Nase hatte verkleinern
lassen. Junge Perserinnen lieben es nämlich, ihre Nasen
zu »verwestlichen«, da den meisten von ihnen ihre Nase
zu orientalisch ist. Perserinnen mögen es gar nicht, wenn
man ihnen sagt, sie sehen orientalisch aus. Sie wollen
spanisch, französisch, italienisch aussehen, aber nur nicht
orientalisch! Also muss um teures Geld an den Nasen der
Perserinnen herumgeschnippelt werden. Die Wahrheit
ist: Spätestens mit vierzig müssen sie sich nicht mehr nur
die Beine, die Achseln und die Arme rasieren, sondern
auch die Oberlippe und sie sind wieder so orientalisch
wie Alibaba und die vierzig Räuber.
Die neue amerikanische Nase meiner Cousine war
natürlich eine Katastrophe. Meine Großmutter war entsetzt.
Sie sah in dem »hässlichen, amerikanischen Zinken
«, wie sie nicht müde wurde, den winzigen physiognomischen
Eingriff bei jeder sich nicht bietenden
Gelegenheit laut zu apostrophieren, einen Vorwurf, den
ihr eigen Fleisch und Blut gegen ihre iranische Herkunft
erhob.
Tja, wir sind eben eine typisch iranische Exilfamilie.
Insgesamt gibt es – wie in jeder persischen Familie – so
zirka an die zweihundert Menschen, die miteinander
verwandt sind. Aber an direkter Verwandtschaft gibt
es »nur« 25 Leute. Ich kann Ihnen leider nicht alle 25 in
diesem Buch vorstellen, alleine schon deswegen, weil
ich einigen von ihnen selbst noch nie in meinem Leben
begegnet bin.
Die direkt mit meinem Vater verwandten ... ja, so ist es
am vernünftigsten – beginnen wir mit den Onkeln und
Tanten, dann kennen Sie sich vielleicht etwas besser aus.
Also, da wäre mein Vater Dariush (Wien), mein Onkel
Djafar (der schon kurz erwähnte Berliner), mein Onkel
Fereydoun (New York), mein Onkel Djamjid (Upplands
Väsby, 45 Minuten nördlich von Stockholm) und meine
Tante Niloufar (Marlborough, MA, wie ebenfalls schon
erwähnt, eine Stunde von Boston). Darunter drei Teppichhändler
(Dariush, Djafar, Fereydoun), ein Gemüsehändler
– weil eigentlich im Iran Schauspieler und Filmemacher
– (Djamjid) und eine Schneiderin mit eigener
Boutique (Niloufar): die Kinder meiner Großmutter.
Lassen Sie mich von meiner Großmutter erzählen.
Meine Großmutter ist indirekt an dieser letzten, ganz,
ganz großen Katastrophe schuld. Sie lebt seit über zwanzig
Jahren in den USA. Mehr oder weniger unfreiwillig.
Sie musste den Iran nach der Revolution verlassen.
Wenn ich Ihnen Måmånbosorg (das ist das persische
Wort für »Großmutter«) vorstellen müsste, würde ich
über die Katastrophe erzählen, die ihr Leben ist. Also
zumindest ist es das aus meiner Sicht. Måmånbosorg
wurde im Alter von zwölf Jahren verheiratet – an einen
Mann, der über 35 Jahre älter war als sie. Eine damals
übliche Praxis im Iran der 30er Jahre. Über Europa brach
die Katastrophe in Form von Adolf Hitler herein – meine
Großmutter lernte unseren Großvater kennen. Letzten
Sommer habe ich sie zum letzten Mal besucht. Wir saßen
in ihrer Küche in ihrem Haus mit Garten in Marlborough,
Massachusetts, und ich sah ihr zu, wie sie ein halbes
Kilo frische Kräuter in eine Küchenmaschine stopfte,
um sie zu zerkleinern. Estragon und Minze. Wenn Sie
mich fragen würden, wonach der Iran, wonach Persien
schmeckt, ich würde Ihnen zur Antwort geben: Estragon
und Minze. Probieren Sie das einmal. Nehmen Sie
ein wenig frischen Estragon und frische Minze, jeweils
ein, zwei Blätter, und achten Sie auf das Aroma, das sich
beim Zerbeißen entfaltet: So schmeckt der Iran, das ist
der Duft von Persien.
Ein anderer Duft stieg mir ebenfalls in die Nase, dampfender
Basmatireis. In einem Sieb, das in der Abwasch
stand, dampfte der al dente gekochte persische Reis. Er
wartete darauf, von Måmånbosorg gewaschen zu werden,
bevor er wieder zurück in den Topf kommt, um
dort eine Stunde lang zu garen.
Perser haben ein erotisches Verhältnis zum Essen. Essen
ist unendlich wichtig. Einerseits ist das persische Essen
die einzige Verbindung zur verlorenen Heimat. Andererseits
ist es einfach unglaublich wichtig, gut zu essen.
Perser lieben es zu essen. Perser haben eine große Esskultur.
Was einerseits daran liegt, dass man für die Zubereitung
der meisten persischen Speisen länger als zwei
Stunden braucht. Es müssen Kräuter geputzt, gezupft
und geröstet werden. Fleisch muss stundenlang schmoren.
Melanzani und anderes Gemüse müssen gewaschen,
gewürzt, gebraten werden, der Reis muss roh fünfmal
gewaschen werden. Dann al dente gekocht noch einmal,
bevor er eine Stunde dampfen muss. Wenn man für ein
Gericht vier Stunden braucht, um es zu kochen, dann
kann man es nicht in wenigen Minuten essen. Dann muss
das Mahl zelebriert werden. Vorspeisen, Hauptspeisen,
dazu Kräuter, Radieschen und Käse. Und nie gibt es in
einem persischen Haushalt nur eine Vorspeise, selten
nur ein Hauptgericht. Die Zubereitung der meisten Eintöpfe
dauert wahrhaftig vier Stunden. Kalle Påhtsche – ein
Gericht aus Lammkopf, Lammzunge und Lammfüßen –
muss vierzehn Stunden langsam vor sich hin köcheln.
Ihr Essen ist den Persern heilig. Jeder, der nach
Europa oder Amerika zu Besuch kam, reiste mit fünf
Koffern. Ein Koffer mit Gewand und vier Koffer mit
Sabzije Ghormesabzi, Sabzije kukusabzi, Limo torsch, Lubiåh
båghåli, Lubiå tschiti, Kashk, Nanå, Torschi, Peste, Tochme,
Gåz, Baghlawå, Anår (getrocknete Kräuter für Kräutereintopf
mit Lamm und Bohnen, getrocknete Kräuter für
ein Kräuteromelett, süße Zitronen, getrocknete Limetten,
große grüne Bohnen, kleine gelbe Bohnen, eingedicktes
Schafjoghurt, getrocknete Minze, eingelegtes
saures Gemüse, Pistazien, gesalzene und geröstete Wassermelonenkerne,
persisches Nugat, Baklava und Granatäpfel).
Sie können sich nicht vorstellen, was in meiner Kindheit
los war, wenn meine Måmånbosorg diese Koffer in
unserem Wohnzimmer in Wien öffnete. Delikatessen aus
Tausendundeiner Nacht, Farben, Düfte, das Rascheln
von iranischen Tageszeitungen, in denen einige der
Delikatessen verpackt waren. Der Iran war damals zu
uns nach Hause in den fünften Wiener Gemeindebezirk
oder zu meinen Cousins in die Lantern Lane 17, im
amerikanischen Bundesstaat Massachusetts, oder nach
Charlottenburg ins ehemalige Westberlin gekommen, in
den Koffern unserer Großmutter. Heute, zwanzig Jahre
später, bekommt man die meisten iranischen Delikatessen
in kleinen iranischen Läden, die es in fast jeder
Großstadt auf dieser Welt gibt. Ja, Essen ist sehr wichtig!
Wenn man eine persische Großmutter hat, muss man
immer hungrig sein.
Måmånbosorg schaltete die Küchenmaschine ein und
der Lärm, den sie machte, war mir unerträglich. Ich verwende
in Wien auch eine solche Küchenmaschine, aber
mir scheint, die amerikanischen machen mehr Lärm als
die europäischen. Die Kräuter waren klein genug und
Großmutter schüttete sie in eine Schüssel. Ich sah ihr zu
und fragte sie plötzlich aus heiterem Himmel: »Måmån,
wer war eigentlich unser Großvater?«
Ich wusste nichts über ihn. Es sprach auch niemand über
ihn und es gab kein Foto, zumindest keines, das ich kannte.
»Abbas Ansari!«
Sie machte eine Pause.
»Was willst du wissen?«, fragte sie mich schließlich
etwas missmutig.
»Warst du sehr verliebt in ihn?«
Sie machte eine weitere Pause. Außer uns beiden war
niemand in ihrem Haus. Sie kochte das Abendessen
für Tante Niloufar, mich und meine zwei amerikanischen
Cousins. Auch erwarteten wir Onkel Fereydoun
aus New York für heute Abend zum Essen. Es waren
»nur« vier Stunden mit dem Auto von Manhattan nach
Marlborough, und da wir einander seit meiner Ankunft
vor drei Wochen noch nicht gesehen hatten, wollte er
heute unbedingt zum Abendessen erscheinen und übers
Wochenende hier bleiben.
»Verliebt? Ich weiß nicht! Vielleicht erzähle ich dir einmal
von ihm!«
Sie schien sich nicht besonders gerne an ihn zu erinnern.
Wer war er? Was machte er? Ich wusste nichts. Es
wurden immer nur Geschichten von unserem »zweiten«
Großvater, unserem Stiefgroßvater, erzählt, Måmånbosorgs
zweitem Ehemann, der 1978, ein Jahr vor der
islamischen Revolution, an Krebs verstarb.
»Verliebt! Wie denn? Ich war zwölf Jahre alt, als wir
uns kennen lernten! Er war wie ein Lehrer für mich. Ich
war ein Kind!«
Sie schwieg und kümmerte sich weiter um den Estragon
und die Minze. Er war 35 Jahre älter als sie, das
erzählte mir dann drei Tage später meine Tante Niloufar.
Er starb recht bald und hinterließ eine 24-jährige Witwe
mit fünf Kindern.
Bis zu meiner Abreise habe ich kein Wort mehr über ihn
verloren. Als Måmånbosorg mich am Boston Logan Airport
umarmte, um sich von mir zu verabschieden, was
nie ohne Tränen für uns beide möglich war, flüsterte sie
mir zu: »Ich erzähle dir die ganze Geschichte, wenn wir
uns wiedersehen. Komm mich bald wieder besuchen. Ich
bin alt, wer weiß, wie lange ich noch zu leben habe!«
Ich drückte meine Måmånbosorg ganz fest, atmete den
Duft ihres Parfums ein, der sich mit dem Küchendunst
vermischt hatte, versprach bald wiederzukommen, hatte
Tränen in den Augen und bestieg meine Maschine nach
Wien mit einer Geruchsmischung von Chanel und Knoblauch
in der Nase.
Im Flugzeug musste ich feststellen, dass ihre großmütterliche
Erpressung – »Wer weiß, wie lange ich noch am
Leben bin, komm mich bald wieder besuchen« – bereits
über Grönland Wirkung zeigte. Ich blätterte in meinem
Kalender und suchte nach der nächsten Möglichkeit,
wieder zurück nach Amerika zu meiner Oma zu fliegen.
Ich besuche sie regelmäßig, aber doch in Abständen von
einem Jahr. Ich habe viel Zeit mit ihr in ihrer Küche verbracht
und gelegentlich laden wir sie nach New York
ein. Mein Onkel Fereydoun und ich versuchen dann
immer, ihr diese wunderbare Weltmetropole schmackhaft
zu machen, aber eigentlich hasst sie Amerika. Sie
behauptet auch seit zwanzig Jahren, sie könne kein Wort
Englisch. Sie spricht es auch kaum und wenn, dann nur
sehr gebrochen. Aber eines Abends saßen wir zu zweit
vor dem Fernseher und es lief ein alter Woody-Allen-
Film und Woody Allen sagte gerade zu Diane Keaton:
»Ich hasse Wagner! Jedes Mal, wenn ich Wagner höre,
überkommt mich der innere Drang, Polen überfallen zu
wollen!«
Und meine Måmånbosorg lachte. Laut. Ich sah sie
verwundert an. Sie sah mich an und ihr Lachen erstarb:
»Sein Gesicht!«
»Was?«
Sie wusste genau, dass ihre Lüge aufgeflogen war.
»Sein Gesicht ist lustig! Er macht ein lustiges Gesicht,
und da muss ich lachen!«
Ich wollte ihr widersprechen und sie darauf hinweisen,
dass man in dieser Szene sein Gesicht gar nicht
sehen konnte, weil die Kamera weit von den Schauspielern
weg platziert war. Man sah nur den kleinen Woody
Allen und die kleine Diane Keaton über den Platz vor
der Metropolitan Opera gehen. Es gab keine Großaufnahme.
Leider konnte ich meiner Måmånbosorg nicht
widersprechen, da ich nicht wusste, was Großaufnahme
in Farsi hieß. Farsi, so heißt die persische Sprache. Ich
spreche sie leider nur sehr bruchstückhaft. Es reicht für
normale Gespräche, aber für tiefgehende Diskussionen
ist es zu wenig. Auch habe ich einen Akzent im Persischen
– Måmånbosorg meint, ich klänge wie ein Türke.
Sie lacht über Woody Allen, aber hasst Amerika! Also
dachte ich mir, diese Frau ist in ihrer tiefsten Seele New
Yorkerin, und organisierte eine Reise nach New York.
Måmånbosorg war nicht besonders begeistert von New
York. Wir kamen mit dem Bus. Fünf Stunden von Marlborough
nach Manhattan mit einem kleinen Zwischenstopp
in Hartford, Connecticut, wo ich mir bei Subway
ein Sandwich kaufen wollte.

»Das kommt doch gar nicht in Frage!«
Måmånbosorg kramte in ihrer überdimensionalen
Handtasche und förderte eine in Silberpapier gewickelte
Jause zutage.
»Hier! Ein persischer Hamburger!«
Tatsächlich. In dem Silberpapier befand sich etwas,
das man persischen Hamburger nennen konnte. Ein in
ganz dünnem persischem Fladenbrot (Lawasch) eingewickeltes
Kebab Kubide (ein länglicher Hackfleischspieß,
gegrillt) mit einer gegrillten Tomate, gehackten Essiggurken,
rohen Zwiebelringen und frischem Basilikum.
»Wir müssen diesen amerikanischen Mist nicht essen!«
Und auch sie biss genüsslich in ihren persischen
Hamburger. Als wir mit unserer Jause fertig waren,
meinte sie: »Schade, dass wir keinen persischen Tee
haben!«
Perser trinken nach dem Essen immer schwarzen, bitteren
Tee. Auf der Weiterfahrt schlief sie dann ein wenig
und ich war sehr nervös, wie ihr New York denn gefallen
werde, schließlich brachte ich sie zum ersten Mal in den
Big Apple.
Der Port Authority Bus Terminal, also der Busbahnhof
von NYC, befindet sich in der 8th Avenue zwischen 42.
und 43. Straße, nicht gerade die beste Gegend, aber auch
nicht besonders schlimm – New York eben. Laut, hektische
Fußgänger, homeless people.
Måmånbosorg stand auf der 8th Avenue, blickte sich
um, rümpfte ein wenig die Nase – es riecht auf den Straßen
New Yorks immer ein wenig nach altem Küchendunst,
gemischt mit Abgasen – und sah sich den der
Busstation gegenüberliegenden Wolkenkratzer an. Sie
schüttelte nach einer Weile den Kopf, dann sah sie mich
an. Ich strahlte über das ganze Gesicht! Meine Oma in
New York!

»Großartig, nicht! Diese Wolkenkratzer! Wahnsinn, das
ist New York!«
»Schrecklich! Was sind das für Menschen?!«
»Was meinst du?«
»Was sind das für Menschen, die unbedingt so hoch
bauen müssen, damit sie direkt unter den Eiern vom lieben
Gott wohnen können!«
Wir wohnten in Onkel Fereydouns Appartement in
der 88. Straße East zwischen der York Avenue und der 1st
Avenue. Es waren zwei wunderbare Wochen, die ich mit
meiner Oma in New York verbrachte.
»Djåje pedar-mådare to chålist!«, sagte Måmånbosorg,
als wir im Wohnzimmer saßen, Süßigkeiten aßen und
persischen Tee tranken, den uns Onkel Fereydoun zur
Begrüßung aufgesetzt hatte. Eine persische Redensart,
die ausdrückt, dass man jemanden vermisst. Wortwörtlich
übersetzt würde man sagen: »Der Platz deiner Eltern
ist leer!« Man sagt das, wenn man mit Familie oder
Freunden beisammensitzt und eine allen nahe stehende
Person nicht da sein kann. Vielleicht ist das die eigentliche
Geschichte unserer Familie, dass immer irgendwer,
der einem sehr nahe steht, nicht da sein kann. Wenn ich
in Amerika bin, fehlt meiner Oma ihr Sohn, und wenn
ich mit meinem Vater in Schweden bei seinem Bruder zu
Besuch bin, fehlt ihnen ihre Mutter.

»Ich habe deinen Vater fünfzehn Jahre nicht gesehen. Das
ist nicht gut, eine Mutter soll ihren Sohn nicht so lange
vermissen. Überrede ihn doch, nach Amerika zu kommen!
« Das war vor fünf Monaten, letzten August. Zu
Weihnachten desselben Jahres gab es keine Möglichkeit
mehr für Måmånbosorg, ihren zweitältesten Sohn in dieser
Welt jemals wiederzusehen.
Meine Mutter stand am 24. Dezember in unserem
Wohnzimmer in Wien und wählte die Nummer meines
Onkels Fereydoun. Er ist der Älteste, er solle es als Erster
erfahren.
Meine Mutter hörte den typischen amerikanischen
Klingelton, dann sprang die Mobilbox an und sie hinterließ
eine Nachricht, die bedeuten sollte, dass sein Platz
für immer leer bleiben wird: »Dariush is dead! Please,
call me back – your brother died!«

Über Michael Niavarani

Biografie

Michael Niavarani, geboren 1968 in Wien, begann 1986 eine Schauspielausbildung bei Michael Mohapp und Dany Sigel. Nach vielen Auftritten im Graumann Theater wechselte er 1989 ins Kabarett Simpl, wo er 1993 die künstlerische Leitung übernahm. Michael Niavarani ist in zahlreichen österreichischen...

Pressestimmen

Die Presse am Sonntag

Herzerweichend herzig.

Falter

Wirklich gut.

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