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Vampire's Kiss

Vampire's Kiss

Die Wächter 2

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Vampire's Kiss — Inhalt

Die mysteriöse »Isle of Night« ist der Sitz eines mächtigen Vampirclans, der dort seine Wächter ausbildet. Diese Acari sind junge Mädchen, die nichts zu verlieren haben – außer ihrem Leben. Drew ist eine von ihnen und hat das erste Jahr mit Bravour bestanden. Nun wird sie gemeinsam mit dem düsteren – und attraktiven – Vampir Alcántara auf eine lebensgefährliche Mission geschickt: Ein Angehöriger des Clans wurde entführt, von Vampiren, die so abgrundtief böse sind, dass Drew und Alcántara keine Chance zu haben glauben. Es sei denn, sie setzen alles auf eine Karte ...

€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 14.02.2013
Übersetzer: Birgit Reß-Bohusch
336 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96050-2

Leseprobe zu »Vampire's Kiss«

Kapitel 1

Das Wichtigste in Kurz und Knapp, wie mein Freund Yasuo, der Vampir-Anwärter, sagen würde. Also schön, hier die Schlagzeilen :
1. Weibliches IQ-Wunder lässt asoziale Familienbande hinter sich; entdeckt auf einer Insel am Arsch der Welt echte Vampire.
2. Schlagkräftige Amazonen sind wild entschlossen, besagtes Genie in Vampir-Operative einzugliedern.
3. Mädchen setzt sich tapfer durch, findet Freunde und bla, bla, bla.
4. Fluchtpläne.
5. Im Überlebenskampf verursacht Mädchen versehentlich den Tod von anderen Wächter-Azubis.
6. Mädchen gewinnt [...]

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Kapitel 1

Das Wichtigste in Kurz und Knapp, wie mein Freund Yasuo, der Vampir-Anwärter, sagen würde. Also schön, hier die Schlagzeilen :
1. Weibliches IQ-Wunder lässt asoziale Familienbande hinter sich; entdeckt auf einer Insel am Arsch der Welt echte Vampire.
2. Schlagkräftige Amazonen sind wild entschlossen, besagtes Genie in Vampir-Operative einzugliedern.
3. Mädchen setzt sich tapfer durch, findet Freunde und bla, bla, bla.
4. Fluchtpläne.
5. Im Überlebenskampf verursacht Mädchen versehentlich den Tod von anderen Wächter-Azubis.
6. Mädchen gewinnt harten Ausscheidungswettbewerb und damit Teilnahme an Mission, die von der Insel wegführt (Wiederholung von Punkt 4).
Ich saß mit Emma im Sand und dachte über meine Lage nach, aber meine uncharakteristisch optimistische Zusammenfassung erlitt einen starken Dämpfer, als ich bemerkte, dass mein Hintern allmählich feucht wurde. Ich verlagerte das Gewicht und zerrte an den Baumwoll-Shorts, die mir auf der Haut klebten. »Verdammt! Bist du sicher, dass er uns zum Strand beordert hat?«
Der Sportunterricht sollte heute im Freien stattfinden, und meine Freundin und ich waren zu früh dran – einerseits weil wir jede Chance nutzten, an die frische Luft zu kommen, und andererseits weil uns der neue Sportlehrer voll auf den Senkel ging.
Im letzten Semester hatte uns Ronan betreut. Seufz … Ronan. Ein rattenscharfer Typ. Lief allerdings unter der Rubrik Da-geht-gar-nix. Er gehörte zu den Suchern – war also einer der Kerle, die Mädels wie uns aufspürten und auf diese elende Insel verschleppten –, und dieses ernüchternde Detail kühlte meine Jungmädchen-Schwärmerei für ihn merklich ab. Okay, das und die Tatsache, dass er so eine Hypno-Voodoo-Masche draufhat, mit der er meine Gedanken beeinflussen kann, sobald er mich nur berührt. Nicht gerade die Basis für eine vertrauensvolle Beziehung.
Aber Ronan befand sich momentan weiß Gott wo – was meinen überreizten Teenager-Phantasien durchaus guttat –, und sein Ersatz für das Sommersemester hieß Otto. Er war Sucher wie Ronan, aber nicht der Typ, der ein Mädchenherz schneller schlagen ließ. Definitiv nicht.
»Er hat Strand gesagt.« Emma warf mir einen ihrer ruhigen, unbeirrten Blicke zu, und ich verdrehte die Augen. Ich kannte das Sprichwort Stille Wasser sind tief, aber musste sie deshalb immer so verdammt still sein? Manchmal hätte sie den Mund schon ein wenig weiter aufmachen können.
Zu meinem Leidwesen machte ich den Mund oft so weit auf, dass es für uns beide reichte. Etwa jetzt, da mich der Gedanke, welche abartigen Übungen uns heute Vormittag wohl am Meeresufer erwarteten, mit jeder Minute mehr vergrätzte. Ganz zu schweigen davon, dass mich der feuchte Sand inzwischen ganz schön nervte – er stank nach totem Fisch und war mit Kieselsteinen und scharfen Muschelsplittern durchsetzt, die sich schmerzhaft in meine Haut bohrten.
»Ich hasse Strandtage«, maulte ich, ohne mich dafür zu genieren, dass ich wahrscheinlich wie eine Vierjährige klang. Aber Sucher Otto ließ uns mit besonderem Vergnügen Sit-ups in der eiskalten Brandung machen, während ich nicht unbedingt ein Fan von derlei Wassersport war. Ich hatte erst vor kurzem schwimmen gelernt, und ich bezweifelte, dass ich mich je an dieses Gluckern in Nase und Ohren gewöhnen würde.
Ich musste an die strengen, kantigen Züge und das ordentlich gekämmte Blondhaar unseres neuen Lehrers denken. »Oder vielleicht hasse ich auch nur Otto. Der mit seinem harten deutschen Akzent! Der könnte glatt den bösen Nazi in einem Remake von Die Trapp-Familie geben. «
Emma sah sich nervös um. »Sprich etwas leiser!«
»Ja, ja, geliebtes Landei, ich bin schon still.« Ich streckte die Beine im Sand aus. Obwohl das Vampirblut den Heilungsprozess beschleunigte, sahen sie immer noch schlimm aus – vor allem die Knie, die von gelben und fahlgrünen Flecken übersät waren. Ich pickte eine Muschelschale von meiner Wade und begann sie in winzige Stücke zu zerbrechen.
Die anderen Mädels trudelten allmählich ein und schlenderten über den Sand, während wir auf den Unterrichtsbeginn warteten. Unser Kurs war geschrumpft – die tödlichen Zweikämpfe am Ende des Semesters dienten auch dazu, die Zahl der Studentinnen zu verringern –, und mir fiel auf, dass nicht wenige sich bemühten, ein Humpeln oder sonst eine Verletzung zu verbergen. Manche Wunden waren frisch, manche dagegen stammten noch von dem kürzlich ausgetragenen Wettstreit um den Semesterpreis des Direktorats. Die Vampire gaben uns keine Chance, unsere Blessuren auszuheilen, sondern setzten im Sommersemester das harte Training fort. Nur die stärksten und wildesten Kämpferinnen überlebten.
Emma spürte meine Gedanken. Sie rutschte über den Sand näher an mich heran und senkte die Stimme, weil sie ebenso gut wie ich wusste, dass wir keinem der anderen Mädels trauen konnten. »Wir sind nicht mehr so viele. «
»Und zum Sommer hin werden es noch weniger sein«, wisperte ich. Meine Antwort klang brutal, aber ich wusste, wovon ich sprach. Unsere Lehrer würden von Semester zu Semester aussieben, bis nur noch eine Handvoll der ursprünglichen Truppe übrig blieb. Ich dachte an die Mädels, die bis jetzt gestorben waren, und wusste nicht recht, was ich davon halten sollte, dass ich eine Menge Namen bereits wieder vergessen hatte.
»Ich schätze, dass wir im Herbst Nachschub bekommen. «
Ich bedachte Emma mit einem säuerlichen Blick. »Mehr von diesen Zicken?«
»Nun ja, jetzt, da Lilou fort ist, brauchst du eine neue Zimmergenossin. «
Ich schüttelte mich. »Du kannst einen echt aufmuntern. «
Aber auch wenn es mir nicht passte – Emma hatte recht. Ich musterte die übrigen Acari. Das war der schräge Name, mit dem sie uns Wächter-Lehrlinge bezeichneten. Ganz offenkundig hatten die Vampire eine Schwäche für gutaussehende Teenager. Alle Mädels hier waren auf irgendeine Weise hübsch und manche sogar ausgesprochen schön. Das war ärgerlich und sexistisch. Echt krass eben. Aber die Vampire, die hier das Sagen hatten, hatten nicht unbedingt die modernsten Ansichten. Manche von ihnen weilten schon seit ein paar hundert Jahren auf der Erde, und da lag es nahe, dass sie bei der Ausbildung des weiblichen Wächter-Heeres, das ihnen Agenten, Schutzengel und vielleicht auch Killer liefern sollte, Wert auf ein erfreuliches Äußeres legten.
Davon mal abgesehen, waren wir ein gemischter Haufen. Emma, die auf einer einsamen Farm aufgewachsen und harte Arbeit gewohnt war, stellte die große Ausnahme dar. Lilou vom Typ Reich-geboren-aber-auf-die-schiefe-Bahn-gekommen hatte ebenfalls eine Sonderstellung eingenommen. Jede von uns verfügte darüber hinaus über ganz besondere Talente. Ich beispielsweise besaß einen IQ, der mich zum Genie stempelte, und konnte (danke, mein allerbester Daddy!) einiges an Hieben einstecken. Und Lilou war eine begnadete Pyromanin gewesen – davon zeugten noch jetzt meine zotteligen, weil angekokelten Haare.
Aber es gab auch einen gemeinsamen Nenner: Wir waren alle Außenseiter der Gesellschaft. Ausreißerinnen, Gang-Bräute, was auch immer – wir waren alle von daheim abgehauen, und unsere Lieben weinten uns keine Träne nach.
Emma ließ wie ich ihren Blick über die Anwesenden schweifen. »Mir ist aufgefallen, dass einige der Sucher fehlen. Wahrscheinlich haben sie den Auftrag, neue Mädels herzuholen. «
Ihre Bemerkung machte mich nachdenklich. War das der Grund für Ronans Abwesenheit? Sammelte er Nachschub für die nächste Acari-Klasse?
Wie alle guten Sucher hatte er den Auftrag, geeignete Acari-Anwärterinnen aufzuspüren und mit allen erdenklichen Mitteln davon zu überzeugen, dass es zu ihrem Besten sei, ihr bisheriges Leben aufzugeben und gegen einen Aufenthalt auf einer fernen Insel mitten in der Nordsee einzutauschen, wo sie entweder zu Wächtern für einen Haufen Vampire ausgebildet wurden oder, falls sie sich als untauglich erwiesen, starben. Ich wusste nicht, wie die anderen Sucher das anstellten, aber Ronan besaß ganz besondere magische Kräfte, die ihm seine Aufgabe sehr erleichterten.
Also war er im Moment unterwegs, um ein anderes Mädchen mit seinen geheimnisvollen grünen Augen zu verzaubern und mit seinen hypnotischen Berührungen zum Schmelzen zu bringen? Ich runzelte die Stirn.
Emma erriet, in welche Richtung meine Gedanken gewandert waren. »Deshalb hast du Ronan wahrscheinlich schon länger nicht mehr gesehen«, sagte sie. Ihr sanfter, verständnisvoller Tonfall ärgerte mich.
»Ich habe nicht an Ronan gedacht.« Das war gelogen, weil ich nur an Ronan dachte. Von seinem scharfen Äußeren mal abgesehen, war er einer der wenigen Menschen auf der Insel – ach was, einer der wenigen Menschen in meinem Leben –, die sich je besorgt um mich gezeigt hatten. Er hatte es geschafft, sich in mein Bewusstsein zu schleichen, und seitdem saß der Traum von einem Mann, der auf mich aufpasste, wie ein Stachel in meinem Herzen.
Aber natürlich erinnerte ich mich auch daran, wie er mich ausgetrickst hatte. Bei seiner Anmache auf einem Parkplatz in Florida war ich davon ausgegangen, dass da ein heißer College-Boy seinen Schmachtblick an mir ausprobierte. In Wahrheit hatte er versucht, mich zu hypnotisieren. Zu hypnotisieren! Das muss man sich mal vorstellen.
Aber so leicht ging das bei mir nicht – zu irgendetwas musste es ja gut sein, dass mein IQ jede Norm sprengte –, und er hatte nicht nur seine Augen, sondern auch noch seine magischen Berührungen eingesetzt, um mich in das Flugzeug zu locken, das uns auf dieses öde Felseneiland namens Eyja næturinnar brachte. Insel der Nacht. Ein lachhafter Name, da es im Sommer, den die Vampire zu meinem Ärger als Dämmerlicht bezeichneten, null Dunkelheit gab – nur grauen, grauen, grauen Himmel, der schwer auf uns lastete.
In der Anfangszeit, als mir die Dunkelheit Angst machte, hatte Ronan mich gewarnt, dass ich sie noch vermissen würde. Er hatte es gewusst, so wie er viele andere Dinge über mich zu wissen schien. In der Tat, wenn ich genau darüber nachdachte, war er einer meiner ersten Freunde hier auf der Insel gewesen.
Also versuchte ich, nicht genau darüber nachzudenken.
Stattdessen betrachtete ich das aufgewühlte graue Meer und tat so, als hätte ich mit scharfen Jungs und ihren seelenvollen Blicken absolut nichts am Hut. Und wem machte ich damit was vor? Ich vermisste Ronan. Ich vermisste ihn echt. Nicht nur als Lehrer, obwohl ich so ziemlich jeden Sucher für Otto eingetauscht hätte. Aber irgendwas – keine Ahnung, was – fehlte, wenn er nicht da war.
Beispielsweise Ronans Augen, die an tiefe Wälder erinnerten und mich immer so durchdringend beobachteten.
»Okay, dann hast du eben nicht an Ronan gedacht«, sagte Emma, und ich hörte die Skepsis in ihrer Stimme. Sie verlagerte nachdenklich ihr Gewicht. Lange Reden waren nicht ihr Ding; sie sprach meist langsam und wählte ihre Worte mit Bedacht. »Ich finde nur, dass du seit dem Semesterpreis des Direktorats irgendwie … verändert bist. Früher hast du dich gut mit Ronan verstanden. Ich sah euch oft zusammenstehen und reden. Aber dann kam der Wettbewerb, und du hast gewonnen, und seitdem war Sense. Kein Kontakt mehr. Da dachte ich, vielleicht … «
Die Gefühle übermannten mich, so heftig und unvermittelt, dass ich die Zähne zusammenbeißen musste.
Was dachte sie? Dass ich ihn vermissen könnte? Dass ich seine Nähe als selbstverständlich betrachtet hatte? Dass die Aussicht, ihn nie wiederzusehen – denn sie ahnte wohl, dass ich jede Möglichkeit zum Untertauchen nutzen würde –, mein inneres Gleichgewicht schwer durcheinandergebracht hatte ?
Wenn dem so war, dann hatte sie in allen Punkten recht.
Ich winkte ab. »Ich habe nur ein paar Fragen an ihn. Das ist alles.«
Genau genommen ein ganzes Bündel von Fragen. Fragen, die ich ihm nun natürlich nicht mehr stellen konnte. Ich hatte die Endausscheidung gegen Lilou gewonnen. Der Preis war eine Reise, die von dieser Insel wegführte. Vielleicht für immer, wenn ich es geschickt anstellte. Aber dann hatte ich Ronan ertappt, wie er mich heimlich beobachtete, und in seinem Blick hatte ich etwas gelesen – Bedauern? Kummer? Sehnsucht? –, das mich seitdem verfolgte.
Was genau hatte dieser Blick bedeutet? Wusste er, dass ich meine Flucht plante?
»Glaubst du, er ist eifersüchtig auf Alcántara?« Emma senkte ihre Stimme zu einem Flüstern, eine kluge Maßnahme, wenn man sich über Vampire unterhielt – und ganz besonders über Hugo de Rosas Alcántara, der aus dem 14. Jahrhundert stammte und einst am spanischen Königshof gelebt hatte.
»Eifersüchtig?« Das würde voraussetzen, dass zwischen Alcántara und mir etwas lief. Obwohl ich tatsächlich den Verdacht hegte, dass er meinen Kampf gegen Lilou irgendwie manipuliert hatte. Dazu kam sein Verhalten nach meinem Sieg, die Art, wie er mich umarmt und festgehalten hatte, als mein geschundener Körper den Dienst zu verweigern drohte. Aber wenn Ronan eifersüchtig war, hieß das doch, dass ich ihm nicht gleichgültig war. Der Gedanke wühlte mich auf. »Niemals. Ronan ist nicht eifersüchtig. «
Sehr viel wahrscheinlicher hatte ihn der flüchtige Blick in die dunklen Tiefen meines Wesens beunruhigt, die Erkenntnis, dass es mir ein wildes, primitives Vergnügen bereitete, meine Rivalin auszuschalten. Es fiel mir selbst schwer, diesen Charakterzug zu akzeptieren. »Vielleicht haben ihn diese Kämpfe bis zum bitteren Ende mehr mitgenommen, als er sich eingestehen wollte.«
Emma schüttelte ernst den Kopf. »Er ist das im Gegensatz zu uns gewohnt. Ihr beide seid Freunde. Er wollte, dass du gewinnst.«
»Freunde?« Ich atmete tief durch. Das war ein gefährliches Wort. Alcántara hatte mich vor Freunden gewarnt. Und außerdem war es nicht gerade eine Freundestat gewesen, wie Ronan mich auf diese Insel gelockt hatte.
Ich fuhr mir mit den sandigen Fingern durch die Haare und verfluchte das Gedankengewirr in meinem Kopf. Meine Nägel blieben in den ebenfalls wirren Strähnen hängen. Seit Lilou meinen langen Zopf abgefackelt hatte, musste ich mit einer schulterlangen, ständig verfilzten Mähne herumlaufen. »Blöde Haare«, maulte ich.
Blöder Ronan! Das war es, was ich eigentlich meinte.
Obwohl wir uns inzwischen mehr oder weniger verbündet hatten, machte mich die Erinnerung an seinen anfänglichen Verrat immer noch wütend. Bei unserer ersten Begegnung hatte er mich berührt, und ich spürte seine Finger immer noch heiß auf meiner Haut. Dabei war der Grund für diese Berührung nicht etwa, dass er sich zu mir hingezogen fühlte. Er hatte vielmehr den Auftrag, mich anzumachen, bis ich total heiß war – und dämlich genug, mich von ihm an Bord eines Flugzeugs ins Nirgendwo abschleppen zu lassen.
Ich dachte an die nächsten Opfer, die Ronan draußen in der Welt aufsammeln und berühren würde – jede von ihnen garantiert ein heißer Feger.
» Na großartig «, murmelte ich. » Aber wie dem auch sei, er gurkt jetzt durch die Weltgeschichte und macht sich neue Mädels zu Freunden, die wir dann im Kampftraining fertigmachen, in Fallen locken, von hinten angreifen und schließlich töten werden.«
Emma starrte mich an. Wenn ihre Lider nicht ein wenig geflattert hätten, wäre sie glatt als Sphinx durchgegangen.
»Spuck’s aus!«, forderte ich sie auf.
»Ich glaube trotzdem, dass es irgendwie mit Master Alcántara zu tun hat.«
Diesmal warf ich einen nervösen Blick über die Schulter. »Bitte, sprich diesen Namen nicht aus! Ich habe Angst, dass er plötzlich aus dem Nichts erscheint, wie Voldemort oder so.«
In Wahrheit befürchtete ich, dass sie recht hatte. Es ließ sich kaum leugnen, dass Alcántara Gefallen an mir gefunden hatte. Wann immer ich den Vampir dabei ertappte, dass er mich ansah – und ich ertappte ihn ziemlich oft dabei –, war es, als lotete er die Tiefen meiner Seele aus und arbeitete sich durch einen Masterplan, der dort angelegt war.
Ich kann nicht behaupten, dass mich das alles kaltließ oder dass mir seine Aufmerksamkeit gänzlich unangenehm war. Schließlich wirkte Alcántara immer noch so jung und scharf wie seinerzeit … vor ein paar hundert Jahren. Aber er hatte etwas von einem Panther an sich – geheimnisvoll verführerisch und doch ein Raubtier. Ein Mann, vor dem man sich fürchten und, zumindest nach Ronans Worten, in Acht nehmen musste.
Emma nickte. »Je unauffälliger du dich verhältst, desto besser. «
»Das darfst du laut sagen. Aber während unserer Mission werde ich ihm nicht immer ausweichen können.«
»Weißt du schon, was dich erwartet?«
»Ich weiß nicht, wohin die Reise geht. Ich weiß nicht,
was wir tun werden, und ich weiß nicht, warum wir es tun werden. Alles, was ich weiß, ist, dass ich bis zum Ende des Sommersemesters warten muss. Alcántara besteht auf einem zusätzlichen Training.«
Was ich Emma nicht verriet, war, dass ich ohnehin nicht allzu viel über die Mission erfahren würde, wenn alles nach Plan lief. Weil ich nämlich beabsichtigte, diesem öden Felseneiland für immer den Rücken zu kehren.
Richtig. Ich dachte im Moment nur daran, meine Flucht vorzubereiten. Die Flucht, die mir praktisch seit meiner Ankunft vorschwebte, auch wenn ich sie eine Weile aus den Augen verloren hatte, eingelullt durch ein Gefühl der Sicherheit, der Zugehörigkeit. Ich hatte kluge Lehrer, lernte coole Sachen und gewann ein paar echte Freunde, was mir bis dahin nie vergönnt gewesen war. Ich war allmählich zu der Überzeugung gelangt, dass ich im Kreis der Wächter eine Heimat finden könnte, einen Ersatz für die Familie, die ich nie besessen hatte. Bis zu unserem Semesterwettbewerb, der mir die Augen geöffnet hatte, welche Spielregeln auf der Insel der Nacht wirklich galten: Töten oder getötet werden. Ich hatte den Sieg errungen, und das lag zum Teil sicher daran, dass ich klüger als die meisten anderen war. Aber ich war nicht stärker als die meisten anderen, und deshalb hegte ich den Verdacht, dass ich es nur mit Alcántaras heimlicher Hilfe bis an die Spitze geschafft hatte. Meine Gegnerin Lilou war seit ihrer Niederlage verschwunden, und ich hatte begonnen, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen – mit dem Ergebnis, dass ich besser von hier verschwand, bevor die Vampire ihre Meinung änderten und auch mich auf die Todesliste setzten.
Ich bemühte mich vorwärtszuschauen, aber meine Gedanken kehrten immer wieder zu der Frage zurück, was mit Lilous Leiche geschehen war, nachdem ich sie besiegt hatte, und ob mir das gleiche Schicksal drohte, falls mein Fluchtversuch tödlich enden sollte.
Die Acari-Truppe ringsum geriet in Bewegung, und wir spähten wie die anderen in Richtung Strand. Sucher Otto kam näher, einen Stapel Leinensäcke unter dem Arm.
Ich ließ die Schultern hängen. »Scheiße. Unser zackiger Freund bringt die Sandsäcke mit.« Sandsäcke waren ein angenehmer kleiner Zeitvertreib: Wir füllten mit bloßen Händen Sand in Leinenbeutel, um diese Last dann hoch über den Kopf zu stemmen und im Kreis zu rennen. »Sehr anstrengend und absolut sinnlos.«
Ein schwaches Lächeln zuckte um Emmas Mundwinkel – was bei meiner rothaarigen Freundin einem herzhaften Gelächter gleichkam. Aber im gleichen Moment wandte sich Otto uns zu, und sie versteifte sich.
Die übrigen Acari gesellten sich zu uns und ließen sich ordentlich gestaffelt im Sand nieder. Sucher Otto stürmte die Reihe entlang, warf uns die leeren Beutel vor die Füße und raunzte im besten Feldwebel-Ton: »Säcke füllen – los, Marsch!« Das Einzige, was ihm fehlte, um seine Anordnungen zu unterstreichen, war eine Trillerpfeife.
Er erreichte das Ende der Reihe und machte kehrt. Ich konnte mich nicht beherrschen und murmelte: »Los, Marsch, sonst gibt’s einen Tritt in den Arsch!«
»Acari Drew.« Eine weiche Stimme ertönte hinter mir.
O Gott! Zu spät bemerkte ich den Schatten, der auf mich gefallen war. Eine Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen, als hätte mich eine eiskalte Brise gestreift.
Ich warf einen Blick über die Schulter und erschrak, als ich sah, wie dicht Alcántara hinter mir stand, ohne dass ich sein Kommen bemerkt hatte. Der blanke Wahnsinn! In meiner Welt konnte eine solche Unaufmerksamkeit den Tod bedeuten.
Er stand da, groß, aber nicht übermächtig, mit unergründlichen dunklen Augen und glatten schwarzen Haaren, die den Kragen seiner schwarzen Lederjacke streiften. Ich fand, dass er aussah wie ein cooler, in Marmor gemeißelter Indie-Rocker … Ich erhob mich ehrerbietig, so gut es sich in feuchten, sandigen Turnshorts machen ließ. Jetzt erst fiel mir auf, dass alle anderen Acari verstummt waren und selbst Sucher Otto respektvoll schwieg. Sie wussten ebenso gut wie ich, dass das plötzliche Auftauchen eines Vampirs eine Todesdrohung sein konnte. Ich hoffte nur, dass nicht ich das Opfer sein würde.
Ich räusperte mich und sprach betont langsam, um mich nicht zu verhaspeln. »Master Alcántara.«
Einer seiner Mundwinkel zuckte zu einem Lächeln hoch, das irgendwie verrucht wirkte, und obwohl meine Haut eiskalt war, spürte ich in meinem Innern eine Hitzewoge aufsteigen. »Acari Drew«, wiederholte er und ließ die Worte auf seiner Zunge zergehen. »Sandsäcke füllen ist nicht nach deinem Geschmack?«
Scheiße, Scheiße, Scheiße. Ich zermarterte mir das Hirn. Wie sollte ich diese Frage korrekt beantworten? Nein, Sir, und ich war eine Unruhestifterin. Doch, Sir, und ich war eine langweilige Streberin.
»Plötzlich so still?« Und obwohl Alcántara seine nächsten Worte an Otto richtete, schaute er mir in die Augen und sprach ganz langsam, als wollte er mir eine besondere Botschaft übermitteln. »Sucher Otto, wie mir scheint, spielt Acari Drew nicht mehr gern im Sand.« Sein Lächeln vertiefte sich. »Vielleicht sucht sie eine Aufgabe, die mehr Intellekt erfordert.«
Hinter meinen Schläfen schrillten sämtliche Alarmglocken. Hatte er meine Gedanken gelesen? Oder war es nur ein unheimlicher Zufall, dass er aussprach, was mir gerade durch den Kopf gegangen war?
»Ich … ja«, stammelte ich und zweifelte meine Worte sofort wieder an. Was sage ich bloß? Dann kam mir die rettende Idee, und ich überspielte meine flatternden Nerven mit einem kühnen Vorstoß. »Und nein. Ich meine, ich sehne mich nach geistigen und körperlichen Herausforderungen. «
Alcántara stieß ein lautes Lachen aus, das sehr selbstzufrieden klang. Ich merkte, dass ich knallrot anlief. Wie kam es, dass sein Gelächter meinen Worten einen so zweideutigen Nachhall gab?
Ich versuchte fieberhaft das Thema zu wechseln und deutete auf den schlaffen Beutel zu meinen Füßen. »Ist es nicht an der Zeit, die Dinger hier zu füllen?« In diesem Moment wäre ich lieber mit einem schweren Sandsack über dem Kopf auf und ab gerannt, als Alcántaras Blick noch länger zu ertragen.
» Ja – «
»Nein«, unterbrach Alcántara den sichtlich erschütterten Sucher Otto. »Ich finde diese Übung zu … vulgär für Acari Drew.« Die Stimme des Vampirs war samtig wie Brandy, mit einem leicht schwülen spanischen Akzent. Sein gemurmeltes Vulgär ließ Sandsäcke als endkrasse Erfindung eines kranken Leuteschinder-Gehirns erscheinen.
Ich warf Alcántara einen verstohlenen Blick zu, unsicher, ob ich Dankbarkeit oder Furcht vor der neuen Aufgabe empfinden sollte, die er für mich vorgesehen hatte. Das Glitzern in seinen schwarzen Augen entschied die Frage: Nicht Furcht, sondern Grauen war das angemessene Gefühl.
»Auf Acari Drew wartet ein Spezialauftrag, der ab sofort Einzelunterricht erfordert.«

Über Veronica Wolff

Biografie

Veronica Wolff, geboren in den USA, lebte lange in Indien und studierte dort Sprachen und fernöstliche Kunst. Nach ihrer Rückkehr nach Kalifornien nahm sie einen Job in einem Internetunternehmen an, entdeckte jedoch bald das Schreiben als ihre wahre Aufgabe. Ihre romantischen Abenteuerromane wurden...

Kommentare zum Buch

Isle of night
Nicole Lünser am 23.07.2015

Hallo, wollte mal fragen, ob noch eine Chance besteht, dass Teil 3+4 der Buchreihe Isle of night in deutsch erscheinen werden? MfG Nicole

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