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Unter Golems

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Roman

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Unter Golems — Inhalt

Die Universität von Giavolo gehört zu den stolzesten Akademien des Landes. An dieser Schule unterrichtet die Zauberin Verbena die magischen Künste und hat sich zusammen mit ihrem Kollegen Malachit einer geheimen Kunst verschrieben: der Erfindung von Golems. Diese biomechanoiden Ungeheuer, halb Mensch, halb Apparatur dienen den verschiedensten Zwecken – Verbenas neueste Kreation, ein Rechengolem, kann außerdem für kriegerische Einsätze genutzt werden. Als die Seher der Universität eine Attacke auf Verbena prophezeien, wird die Magierin fortan von Riyu, einem furchteinflößenden Ork-Leibwächter, auf Schritt und Tritt begleitet. Schließlich erfolgt der Angriff einer bislang unbekannten Golem-Art und Verbena bleibt dank des Orks unversehrt, doch Malachit wird samt des Prototyps des Rechengolems entführt. Können sie die feindlichen Golems besiegen und verhindern, dass ihre mächtige Erfindung in die falschen Hände gerät?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzer: Andreas Decker
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98127-9

Leseprobe zu »Unter Golems«

Kapitel 1

An dem Tag, als die Orks kamen, wurde Verbena Zeuge, wie es auf dem Weg zu ihrer Vorlesung zu einem Angriff vonseiten der Fakultät für Tanz und Gesellschaftslehre kam.

Gerade überquerte sie den großen Platz der Universität von Giavolo, da ertönte ein lautes Kreischen, gefolgt von dem hässlichen Krachen brechender Knochen. Bis zum Beginn der Vorlesungen waren es nur noch wenige Minuten, also wimmelte es hier nur so von Meistern und Studenten. Daher dauerte es einen Augenblick, bis sie die Ursache der Schreie entdeckte. Glücklicherweise [...]

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Kapitel 1

An dem Tag, als die Orks kamen, wurde Verbena Zeuge, wie es auf dem Weg zu ihrer Vorlesung zu einem Angriff vonseiten der Fakultät für Tanz und Gesellschaftslehre kam.

Gerade überquerte sie den großen Platz der Universität von Giavolo, da ertönte ein lautes Kreischen, gefolgt von dem hässlichen Krachen brechender Knochen. Bis zum Beginn der Vorlesungen waren es nur noch wenige Minuten, also wimmelte es hier nur so von Meistern und Studenten. Daher dauerte es einen Augenblick, bis sie die Ursache der Schreie entdeckte. Glücklicherweise ergriffen einige Studenten schreiend die Flucht und trampelten in die entgegengesetzte Richtung, was die Suche vereinfachte.

Mit einem lauten Seufzer drängte sich Verbena durch die Menge – und bot dabei einen eindrucksvollen Anblick. Hochgewachsen und ernst trug sie ihr schwarzes, von grauen Strähnen durchsetztes Haar lang. Durchdringend blickten ihre grauen Augen durch die Brille mit den halbmondförmigen Gläsern. Aber vielleicht eilte ihr doch nur ein eindrucksvoller Ruf voraus? Was auch immer davon zutreffen mochte, die Studenten machten ihr eilig Platz.

Majestätisch wirbelten Golems mit ausdruckslosen Gesichtern auf der anderen Seite des Platzes neben einem verzierten Springbrunnen in einer Reihe umher, ihre Glieder vollführten unverkennbar die Schritte eines gerade populären Tanzes. Ihre Messinggelenke funkelten im frühen Morgenlicht, und als sie eine Drehung beschrieben, erkannte Verbena auf ihren Holzrücken die mit roter Farbe aufgemalten Sigillen, die ihnen Leben verliehen. Ohne die Formation zu unterbrechen griffen die Golems nach den Studenten, die in der Nähe standen und denen der Brunnen den Fluchtweg versperrte. Ein paar von ihnen hatten das Pech, von den Tänzern an die Brust gerissen zu werden, dann wurden sie ohne jede Rücksicht auf die Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers durch die Tanzfiguren gezerrt. Einem oder zwei Studenten gelang es, auf den Füßen zu bleiben; eine dritte Studentin, deren Ellbogen jetzt in eine ganz verkehrte Richtung zeigte, schluchzte laut. Ein vierter hatte den Halt verloren und wurde hilflos über die Pflastersteine gewirbelt.

Verbena musste die Lippen fest zusammendrücken, um nicht lautstark loszufluchen. Es gehörte sich einfach nicht, vor den Studenten zu fluchen, auch wenn die meisten von ihnen dies schon zahllose Male getan hatten. Als Zauberin trug sie ständig einen Beutel Tilgungspulver mit sich, da von Studenten gewirkte Zauber grundsätzlich zum unpassendsten Zeitpunkt schrecklich schiefgingen. Also holte sie ihn unter ihrem Umhang hervor und schüttete sich etwas davon auf die Handfläche. Jetzt musste sie nur noch nahe genug herankommen, um es gegen die Sigillen der Golems einzusetzen. Und dabei zu Naverra beten, dass die künstlichen Wesen nicht von Schutzzaubern eingehüllt wurden.

»Haltet sie auf!«

Nur mühsam bewahrte Verbena das Gleichgewicht, als jemand sie zur Seite stieß. Eine Gruppe junger, ausgesprochen muskulöser Leute warf sich auf die Golems. Sie trugen Kadettenuniformen und hielten hölzerne Übungsschwerter in den Händen.

Oh, um Naverras willen!

Die Kadetten schlugen zwar enthusiastisch, wenn auch wenig erfolgreich auf die Golems ein. Die künstlichen Wesen ignorierten sie aber einfach – abgesehen von jenen, denen noch Tanzpartner fehlten. Diese schnappten sich sofort jeden Kadetten, der in Reichweite kam. Zwei der Möchtegernretter hatten Pech und wurden erwischt. Wild prügelten sie mit ihren nutzlosen Holzschwertern auf ihre Tanzpartner ein, bis sie in eine Pirouette gerissen wurden und ihre Füße sich vom Boden lösten.

Im Gegensatz zu ihren Flüchen behielt Verbena ein missbilligendes Schnauben nicht für sich. »Bei Naverras Augenlicht, steht da nicht einfach nur blöd rum und glotzt! Zur Seite mit euch!«

Die restlichen Kadetten sprangen schuldbewusst aus dem Weg. Auch wenn sie keinen Erfolg erzielt hatten, so hatte ihr Angriff doch zumindest gezeigt, dass die Golems keinerlei Anstalten zur Verteidigung machten. Verbena trat vor und warf ihre Handvoll Tilgungspulver auf den nächsten Golem, dann sprach sie die Zauberformel, die dafür sorgte, dass es von den belebenden Sigillen auch wirklich angezogen wurde.

In dem Augenblick, da Pulver und Sigillen sich berührten, blitzte es hell auf – dann lösten sie sich in Luft auf. Der Golem brach reglos zusammen und ließ seine Geisel los.

Die Zauberin wiederholte die Prozedur bei jedem Golem. Der letzte brach gerade zusammen, als ein Mann mit einer Meisterrobe über dem Wams angerannt kam.

»Oje!«, keuchte er, offensichtlich außer Atem. »Oh, das ist aber in der Tat eine unerwartete Entwicklung!«

Langsam senkte Verbena die Arme und wandte sich dem Mann zu. Ein paar der umstehenden Studenten erkannten den Ausdruck auf ihrem Gesicht und verstummten auf der Stelle, während sie angestrengt die Pflastersteine anstarrten und unbehaglich mit den Füßen scharrten.

»Und was meint Ihr damit?«, fragte sie mit täuschender Freundlichkeit.

Der Meister blinzelte sie an, ohne etwas zu begreifen. Er hatte eine wilde blonde Haarmähne, und das Purpurwams und die grünen Hosen unter seiner offenen Robe waren nach der neuesten Mode entworfen. »Nun, wir haben natürlich nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass sich die Tanzpartner auf diese Weise benehmen würden.«

Verbena starrte ihn an. »Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr für diese Golems verantwortlich seid?«

»Nun … ja.«

»Ihr wollt also sagen, dass Ihr an den Verletzungen mehrerer Studenten und dem Aufruhr auf diesem Platz ursächlich beteiligt seid?«

Entsetzt schnappte der Meister nach Luft. »Nun … nein! Nein, so natürlich nicht! Das heißt, wir hätten nie damit gerechnet, dass sich die Golems so verhalten! Ihr müsst wissen, wir brauchten sie … Einige Eltern hielten es für unpassend, dass die männlichen und weiblichen Studenten während des Tanzunterrichts zusammenkommen … zu viel Aufregung für das junge Blut, versteht Ihr … Also, äh, erschufen wir … diese da.«

Ihr wütender Blick ließ ihn kläglich verstummen. »Hab ich Euch also richtig verstanden?«, fragte sie und sah zufrieden, dass er unter ihrem Blick wie ein zurechtgewiesener Junge zusammenschrumpfte. »Ihr, ein Meister der Fakultät für Tanz und Gesellschaftslehre, wenn ich mich nicht irre, Ihr habt Golems erschaffen, ohne Euch vorher mit der Fakultät der Magischen Wissenschaften zu beratschlagen?«

Der Mann rang die Hände. »Aber … aber … mein Schwager hat vor langer Zeit in Eurer Fakultät studiert, und die Grundsätze kennt er nach wie vor. Es ist ja schließlich nicht so, als hätten sie etwas Komplizierteres als tanzen sollen.«

»Und Ihr seid ja auch wirklich erfolgreich gewesen! Sie taten wirklich nichts anderes als zu tanzen!«

Der Mann duckte sich, während Verbena ihn als nutzlos abschrieb, obwohl sie sich vornahm, beim Kanzler eine offizielle Beschwerde einzureichen. Sie wandte ihm den Rücken zu und begab sich zu den verletzten Studenten. »Ihr müsst zu den Heilern gebracht werden«, sagte sie energisch. »Mädchen, könnt Ihr laufen? Nein? Ihr da, Kadett, Ihr seht doch recht kräftig aus. Hebt sie auf. Und dann folgt Ihr mir.« Sie hielt lange genug inne, um dem Meister einen bösen Blick zuzuwerfen. »Natürlich bedeutet dies, dass ich zu spät zu meiner Vorlesung kommen werde. Bedauerlich, dass nicht jedes Mitglied dieses Kollegiums nachdenkt, bevor es dem Rest von uns den Tag versaut.«

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht über den Zwischenfall. Als Verbena die verletzten Studenten den geschickten Händen der Heiler übergeben hatte, hatte die Glocke im Springenden Turm mit ihrer unheimlichen menschlichen Stimme bereits den Lehrbeginn verkündet. Manche Klassen würden nicht darauf warten, dass ihr Dozent endlich auftauchte, aber Verbena wusste genau, dass allein der Ruf, der ihr vorauseilte, ihre Studenten auf den Plätzen hielte. Sie kam zu dem Schluss, dass es nicht angebracht war, die Zeit ihrer Klasse zu verschwenden. Also verzichtete sie vorerst darauf, ihre Beschwerde gegen die Narren einzureichen, die die Golems entfesselt hatten, und eilte stattdessen zu ihrem Hörsaal in der Fakultät der Magischen Wissenschaften.

Glücklicherweise war ihr Zauberlehrling Weißdorn eingesprungen und hatte damit angefangen, den Stoff der Vortage noch einmal durchzugehen. In diesem Kurs ging es um Runenformeln, und als sie an der offenen Tür innehielt, sah sie, dass Weißdorn mit Kreide einen Kreis auf die Schiefertafel vor der Klasse aufgemalt hatte. Ein roter Strich teilte den Kreis, ein blauer schuf einen Winkel. Neben der Zeichnung waren in Weißdorns Schrift die Berechnungen hingekritzelt, die nötig waren, um den Kosinus zu ermitteln.

»Aber ich verstehe nicht, warum wir den Kreisumfang überhaupt wissen müssen«, beschwerte sich eine Studentin.

Verbena stieg die Stufen zum Boden des Hörsaals herab. »Weil der Kreisumfang die Menge der Magie bestimmt, die man herbeiruft und kontrolliert, Studentin Langalia«, sagte sie streng. »Darum entscheidet er auch über die Art und Anzahl der Runen, die man darin platzieren kann. Kurz gesagt, er wird verhindern, dass Ihr Euch und jeden in Eurer Nähe in einen Aschehaufen verwandelt – aber sollte dies Eure Absicht sein, dann geht doch vorher nach Benevalia. So schadet Ihr wenigstens unseren Feinden und nicht uns.«

Das Mädchen errötete und versteckte sich hinter ihrem Buch.

Weißdorns Augen – das eine war grün, das andere unpassenderweise blau – funkelten amüsiert, obwohl er die Lippen schnell zu einem grüßenden Lächeln verzog. »Ich hörte von dem Zwischenfall auf dem Platz«, sagte er und trat vom Dozentenpult. »Als Ihr beim Glockenschlag nicht da wart, hielt ich es für eine gute Gelegenheit, sich noch einmal ein paar von den Konzepten anzuschauen, die den Schülern Schwierigkeiten bereiten.«

»Das war auch richtig so«, erwiderte sie und nahm ihren Platz hinter dem Pult ein. Weißdorn war ein gescheiter Kopf; andernfalls hätte sie ihn auch nie als Zauberlehrling angenommen. Davon abgesehen war er ein freundlicher junger Mann, was bedeutete, dass sich die Studenten gern mit ihren Fragen an ihn wandten. Sie war sich durchaus ihres Rufs bewusst, gelegentlich etwas zu kurz angebunden zu sein.

Aber nicht bei denen, die ernsthaft Schwierigkeiten haben. Nur bei jenen, die zwar etwas im Kopf haben, aber zu faul sind, ihn zu benutzen. Leider erkannten die meisten Studenten diesen Unterschied nicht, und Verbena wusste genau, dass sich im Laufe der Jahre einige wenig schmeichelhafte Spitznamen für sie angesammelt hatten.

Nach dem Ende der Vorlesung hatte sie eine Freistunde, also stieg sie nach der Glockenstimme in ihr Laboratorium hinauf. Die Steintreppen der Fakultät waren mit Studenten bevölkert, von denen die meisten lachten und miteinander plauderten. Ein paar versuchten, unterwegs in Schriftrollen zu lesen, andere blickten so verzweifelt, dass sie entweder schlechte Neuigkeiten über ihre Noten oder ihre Liebschaften erhalten haben mussten.

Weißdorn folgte ihr auf dem Fuß, den schweren Sack mit den Büchern über die Schulter geworfen. Seine Lehrlingsrobe war ungebügelt, sein braunes Haar zerzaust. »Lange Nacht oder früher Morgen?«, fragte die Zauberin.

Er grinste verlegen. »Ein bisschen von beidem. Was ist denn nun heute Morgen auf dem Platz wirklich geschehen? Ein paar Studenten behaupteten, Benevalia hätte uns angegriffen.«

Verbena schnaubte. »Eine bloße Übertreibung. Der Angriff kam von der Fakultät für Tanz und Gesellschaftslehre.«

»Also noch schlimmer. Was ist passiert?«

Kurz skizzierte sie die absurde Situation. Als sie geendet hatte, sagte er: »Gut, dass Ihr da gewesen seid. Sonst hätte es möglicherweise noch viel mehr Verletzte gegeben.«

Verbena winkte ab. »Besser wäre es gewesen, wenn ich gar nicht erst hätte eingreifen müssen. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was sich dieser Narr dabei gedacht hat. Vorausgesetzt, er kann überhaupt denken.« Die Glocke ertönte erneut, und sie warf ihrem Lehrling einen scharfen Blick zu. »Hättet Ihr jetzt nicht angewandte Numerologie?«

»Bei Naverras Titten! Ups, entschuldigt meine Ausdrucksweise, Meisterin.« Hastig deutete Weißdorn eine Verbeugung an, dann fuhr er auf dem Absatz herum und rannte los. Der schwere Büchersack hüpfte auf seiner Schulter.

Kopfschüttelnd wandte sich Verbena der Tür zu. Ein schlichter Messingring war tief in das Holz eingelassen. Verbena malte eine Sigille in die Kreismitte. Das Ganze leuchtete kurz auf, bevor das Knirschen des Riegels, der sich zurückschob, die Luft erfüllte. Langsam schwang die Tür auf, aber nun ertönten hinter der Zauberin eilige Schritte.

»Verbena! Da seid Ihr ja!«

Ein kleiner stämmiger Mann in einer Meisterrobe lief mit einem Gesicht, das von der Anstrengung rot angelaufen war, die Stufen hinauf. Beim Anblick ihres Kollegen fragte sich Verbena unwillkürlich, was wohl jetzt schon wieder schiefgelaufen sein mochte. »Ist alles in Ordnung, Malachit? Bei den Göttern, jetzt sagt aber nicht, dass schon wieder jemand Amok läuft! Hat die Fakultät der Kulinarischen Künste vielleicht einen denkenden Pudding auf die Welt losgelassen?«

Malachit blinzelte sie überrascht an. »Nein, nein, nichts dergleichen. Der Kanzler will uns beide sehen.«

»Der Kanzler? Warum?«

»Keine Ahnung.« Malachit zog ein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich das Gesicht ab. »Ich habe einen Quietscher in Euren Hörsaal geschickt, der Euch Bescheid sagen sollte, aber Ihr seid schon weg gewesen. Also dachte ich, ich würde Euch hier erwischen.«

»Und das habt Ihr jetzt ja auch.« Verbena seufzte und ließ die Tür mit Bedauern wieder zufallen. »Eigentlich hatte ich gehofft, vor meiner nächsten Stunde noch ein paar Berechnungen fertigstellen zu können. Na ja, so kann ich meine Beschwerde gegen die Dummköpfe der Fakultät für Tanz wenigstens direkt beim Kanzler vorbringen.«

»Der Fakultät für Tanz?«

»Egal.« Energisch schob Verbena die Brille den langen Nasenrücken hinauf. »Gehen wir. Es wäre sicher nicht angemessen, den Kanzler warten zu lassen.«

Das Studierzimmer des Kanzlers befand sich in der zweiten Etage des Verwaltungsgebäudes. Verbena hatte es damals bei ihrer Anstellung lediglich ein paar Mal betreten, und im Laufe der Jahre hatte es hier keine großen Veränderungen gegeben, wie sie fand.

In dem großen Kamin lag ein Feuersalamander schlafend unter einer dicken Ascheschicht, aber zweifellos würde er beim Nahen des Winters aktiver werden. An den Wänden drängten sich Porträts von Leuten in Roben, die auf lächerliche Weise geschmückt waren. Dazwischen erhoben sich hohe Fenster mit dicken Samtgardinen. Teppiche sorgten auf dem Boden für mehrere Schichten aus Wolle und Seide und dämpften jeden Laut. Ein gewaltiger Schreibtisch nahm den größten Teil des vorhandenen Platzes ein. Auf der einen Seite stand ein teurer Jorgensenschreiber: Das war eine von einem Mechanismus angetriebene Hand, verbunden mit einem großen Ohr, die jedes hineingesprochene Wort vervielfältigte. Die Luft roch nach Patschuli, das der Kanzler verströmte, sowie nach geöltem Stahl. Dieser Geruch ging auf die anderen Gäste zurück.

Beim Anblick der Kreaturen, die sich den Raum mit dem Kanzler teilten, blieb Verbena plötzlich stehen. Die massigen Körper nahmen den größten Teil des Studierzimmers in Beschlag und ließen die ohnehin schon zierlichen Karaffen und Instrumente auf der Kommode noch zerbrechlicher erscheinen. Alle drei Gestalten hatten moosgrüne Haut und dunkle Augen, dazu flache Nasen und schnauzenhafte Kiefer. Gefährlich aussehende Elfenbeinstoßzähne ragten aus den Mündern und krümmten sich über die Unterlippen. Die Ohren waren so lang und spitz wie bei manchem Tier; der untere Rand wurde jeweils von einer dicht gedrängten Reihe Goldringe durchbohrt. Das raue schwarze Haar war scheinbar ganz willkürlich zu kleinen Zöpfen geflochten, die in Perlen endeten. Sie alle waren in lackierte Rüstungen gekleidet und in Schärpen, die um die Taille geschlungen waren, steckten zwei Schwerter – ein langes und ein kurzes.

Verbena öffnete den Mund und schloss ihn wieder, als ihr klar wurde, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sie eigentlich sagen wollte.

Orks. Orks im Arbeitszimmer des Kanzlers.

Ihre Gedanken rasten, während sie sich daran zu erinnern versuchte, was sie über diese Kreaturen wusste. Begegnet war sie ihnen noch nie. Da war nur die undeutliche Vorstellung, dass sie groß, muskulös, gewalttätig und dumm waren, und dass diejenigen, die es in die Länder der Menschen verschlug, für gewöhnlich als Söldner dienten. Was nicht im Mindesten erklärt, warum sie sich hier auf dem Universitätsgelände befinden sollten, geschweige denn im Zimmer des Kanzlers. Er kann von Glück sagen, dass sie es noch nicht in seine Einzelteile zerlegt haben.

»Verbena, also ehrlich, Ihr versperrt mir den Weg«, nörgelte Malachit hinter ihr. Ihre Größe – an der es ihm deutlich mangelte – verhinderte, dass er die Orks sehen konnte. Sie sammelte ihren Mut, trat über die Schwelle und bemerkte, wie Malachit erstarrte, als er sie ebenfalls zu Gesicht bekam.

»Oh, schön, schön«, sagte gerade eine Menschenstimme. Verbena blinzelte. Die Gegenwart der Orks war so überwältigend, dass sie den Kanzler fast schon vergessen hatte. Kanzler Smaragd diVello war ein stämmiger Mann, dessen in letzter Zeit kahl werdender Kopf von einem grauen Haarkranz umgeben wurde. Selbst unter normalen Umständen schon neigte er zum Schwitzen, und jetzt tupfte er sich hastig mit einem bestickten Taschentuch die Stirn ab. Das Licht, das aus den hohen Fenstern fiel, ließ die Ringe an seinen Wurstfingern funkeln.

»Vergebt uns, Kanzler«, sagte Malachit und musterte nervös die Orks, als befürchte er, sie würden jeden Augenblick angreifen. Sie starrten jedoch eher passiv zurück, ihre primitiven Züge verrieten überhaupt nichts. »Ich hatte es so verstanden, dass wir augenblicklich kommen sollten. Wir überlassen Euch Euren Geschäften und werden später zurückkehren.«

»Nein, nein, dies hier betrifft euch beide«, erwiderte der Kanzler und winkte sie näher. Verbena und Malachit tauschten einen Blick und näherten sich vorsichtig dem Schreibtisch, und zwar dem Ende, das am weitesten von den Orks entfernt war. »Dies hier sind nämlich eure neuen Leibwächter.«

Die … Orks? Leibwächter? »Kanzler, Ihr beliebt zu scherzen!«

»Ich wünschte, es wäre so.« Der Kanzler wischte sich wieder über das aufgeschwemmte Gesicht. »Lasst mich am Anfang beginnen. Die letzten Wochen über hat der Fachbereich Hellsehen böse Omen erblickt.«

Verbena rollte mit den Augen. »Soll ich raten? Wir alle schweben in Gefahr, aber die Anzeichen sind zu undeutlich, um uns etwas Nützliches mitzuteilen.«

»Äh, nun, man hat mir gesagt, dass der allgemeinen Meinung zufolge jemand Verschleierzauber gewirkt habe, die sie davon abhalten sollen, etwas Konkretes zu erkennen«, sagte der Kanzler bedauernd. »Sie versuchten es mit Kartomantik, Geomantik, Oneiromantik und einem Haufen anderer Dinge, die ich nicht begreife und deren Bezeichnung ich ehrlich gesagt auch schon wieder vergessen habe.«

»Aber natürlich haben sie das getan«, sagte Verbena kalt. »Kanzler, bei allem nötigen Respekt, aber das ist lächerlich. Wir führen Krieg gegen Benevalia – natürlich lauern da Gefahren. Aber das ist wohl kaum ein Grund, dass Ihr Malachit und mir diese … Kreaturen als Leibwächter zuteilt.«

»Da stimme ich Verbena völlig zu«, warf Malachit ein und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Das ist einfach grotesk. Man kann doch wohl nicht von uns erwarten, unsere Vorlesungen abzuhalten und unsere Experimente durchzuführen, während diese … Tiere dauernd um uns herum sind und im Weg stehen. Um Naverras willen, wir haben empfindliche Geräte, die man nicht so ohne Weiteres ersetzen könnte, wenn sie sie einmal zerbrochen sind!«

Der Kanzler zuckte zusammen. »Meister Thymian diGiavolo, der Leiter des Fachbereichs Hellsehen, war da sehr bestimmt. Er beharrte darauf, dass es für die Meister dieser Universität eine direkte Bedrohung gebe. Da wir magisch bereits so gut abgesichert sind, wie es Eurer Fakultät möglich ist, und uns keine weiteren Hinweise vorliegen, sind der Rat und ich zu dem Entschluss gekommen, unseren bekannteren Meistern Leibwächter zuzuweisen. Glücklicherweise ist es uns gelungen, eine freie Orktruppe anzuheuern. Seht sie Euch nur an! An solchen Wächtern kann doch nichts vorbeikommen, oder?« Er bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln, das angesichts ihrer versteinerten Mienen aber schnell verblasste. »Ich sprach bereits mit einigen Eurer Kollegen, und natürlich ist keiner besonders glücklich über die Situation, aber die Entscheidung ist gefallen. Bis mir Meister Thymian Bescheid gibt, dass die Bedrohung vorüber ist, erhält jeder von Euch einen Leibwächter, der Euch ununterbrochen beschützen wird.«

Verbena musste sich zusammenreißen, um ihre Einwände zurückzuhalten. Die Lage erschien ihr vollkommen lächerlich. Nur ein weiteres Beispiel, in dem Aberglaube den gesunden Menschenverstand vernebelt und Leute dazu veranlasst, dumme Entscheidungen zu treffen, bloß weil sie das Gefühl haben, irgendetwas tun zu müssen. Ganz gleich, wie unsinnig es auch ist. In ihrer Studienzeit hatte sie außerdem auch noch das Hellsehen studiert, und obwohl es wie bei jeder anderen Wissenschaft Fortschritte gab, blieb es doch noch immer eher eine Kunst. Zog man in Betracht, wie viele Scharlatane sich davon angezogen fühlten, verlieh es der Magie einen schlechten Ruf.

Malachits Antlitz war rot angelaufen, aber auch er sagte kein Wort. Der Kanzler lächelte breit, da er ihr Schweigen als Zustimmung deutete. »Nun, dann ist das ja geklärt.« Er wandte sich der einzigen Frau unter den Orks zu. »Nagati?«

Sie nickte und richtete die dunklen Augen auf Verbena. »Verbena-naga, ich erbiete Riyu-ga Euren Diensten. Sein Mut gleicht dem des Seewolfs, und seine Ehre ist makellos.«

Verbena blinzelte, denn eigentlich hatte sie mit nichts Eloquenterem als einem Grunzen gerechnet. Der Kanzler räusperte sich. »Sagt ihr, dass Ihr annehmt«, drängte er sie.

»Oh.« Flüchtig fragte sich Verbena, was wohl geschehen würde, sollte sie ablehnen. Doch den Kanzler zu verärgern war nicht unbedingt die beste Methode, die Geldmittel für ihr Laboratorium weiterhin fließen zu lassen. »Natürlich. Ich akzeptiere.«

Einer der Männer ließ sich auf ein Knie nieder und senkte den Kopf; für ein Geschöpf dieser Größe war dies eine überraschend anmutige Geste.

»Ich trete in Eure Dienste, Verbena-naga.« Seine Stimme war zwar tief, aber ruhig, wie ein fernes Donnergrollen. »Bei der Ehre meiner Vorfahren, ich beschütze und behüte Euch, bis ich sterbe oder aus Euren Diensten entlassen werde.«

Nagati wandte sich an den anderen Mann. »Malachit-ga, ich erbiete Bihai-ga Euren Diensten. Sein Mut gleicht dem des Seewolfs, und seine Ehre ist makellos.«

»Ja, ich akzeptiere. Nicht dass ich in dieser Angelegenheit eine Wahl hätte«, knurrte Malachit. Während sein Leibwächter die gleichen rituellen Worte äußerte, wandte er sich Verbena zu. »Jetzt werden wir wohl gar keine Arbeit mehr erledigt bekommen.«

Über Elaine Corvidae

Biografie

Elaine Corvidae ist Biologin und Autorin dutzender Fantasy- und Sciencefiction-Romane. Wenn sie nicht scheibt, geht sie wandern, hört laute Musik und genießt gutes Bier. Sie lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Charlotte, North Carolina.

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