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Unerwünscht

Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte

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Unerwünscht — Inhalt

Die drei Brüder Mojtaba, Masoud und Milad wachsen im Iran der 1980er Jahre als Kinder regimekritischer Eltern auf. Als ihre Mutter bei einer verbotenen Flugblattaktion auffliegt, müssen sie untertauchen und sind monatelang komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Bis sie die Flucht wagen und mit Hilfe eines Schleppers im Sommer 1996 mit nichts als einem Koffer illegal nach Deutschland gelangen. Ohne Geld, ohne Papiere und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, landen sie in einem Auffanglager bei Münster. Dann der Schock: Ihr Asylantrag wird abgelehnt, sie werden zur sofortigen Ausreise aufgefordert.

Wie Mojtaba, Masoud und Milad eine Integration gegen alle Widerstände gelingt, in einem Land, das sie nicht haben wollte - davon erzählen sie in diesem Buch. Es ist die Geschichte einer Suche dreier junger Menschen nach Heimat und Freiheit und eine Geschichte über den Wunsch, dazuzugehören. Es ist das Protokoll eines Flüchtlingsschicksals - vor allem aber eine so noch nicht gelesene Parabel über Brüderlichkeit, Mut und Menschlichkeit.

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 10.09.2012
256 Seiten
ISBN 978-3-8270-1079-7
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.05.2016
256 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30879-3
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.09.2012
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7562-8
»Der Roman erzählt von der Suche nach Heimat und Freiheit und dem Wunsch, dazuzugehören. Ein Flüchtlingsschicksal - vor allem aber eine so noch nicht gelesene Parabel über Brüderlichkeit, Mut und Menschlichkeit.«
Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide
»Dass sie nicht die Helden eines modernen Märchens sind, dass sie jahrelang abgeschoben werden sollten und Integration kein Selbstläufer ist, verdeutlichen sie in ihrem Buch 'Unerwünscht'«
Groß-Gerauer Echo
»Die drei Brüder nehmen den Leser mit auf ihren Weg durch di deutsche Bürokratie, aber auch zu den ersten Freunden, lassen sie teilhaben am Alltageiner Asylantenfamilie und füllen das Thema Integration mit Leben. Sehr lesenswert!«
Langener Zeitung
»Vielleicht ist es keine großartige Literatur, aber es ist ein wahres Buch, das ins Nachdenken bringt: über die Kraft, Liebenswürdigkeit und Hartnäckigkeit von Menschen, die gerne hier leben wollen, obwohl wir sie lieber abschieben würden.«
3 Sat "Scobel"
»Sie waren noch Kinder als ihre Eltern vor dem iranischen Klerus nach Deutschland flohen. Hier wuchsen sie auf mit dem Gefühl, unerwünscht zu sein. Sie sind erfolgreich, die drei Brüder, aber das Gefühl ist geblieben. Nun haben sie ein Buch darüber geschrieben.«
rbb Fernsehen
»Die Brüder Sadinam flüchteten einst aus dem Iran. [...] Ihr Buch "Unerwünscht" widerspricht dem gängigen Klischee, allein der Wille reiche aus, um sich 'vorbildlich' zu integrieren.«
Frankfurter Rundschau
»Als Kind floh Mojtaba Sadinam mit seiner Mutter und seinen Brüdern aus Iran nach Deutschland. Jahrelang hausten sie in Flüchtlingsbaracken, sie hatten Asyl beantragt, doch eine Ablehnung folgte der nächsten.«
Spiegel online
»Berührend schildern die drei abwechselnd ihre tragische Geschichte. Durch die Augen von Kindern wirkt das Verhalten der Behörden noch absurder und wird den LeserInnen so vor Augen geführt.«
asyl aktuell
»Die nicht anklagenden sondern meist nüchternen Schilderungen über entwürdigende Asylverfahren und Menschenbehandlungen treiben einem die Scham ins Gesicht. […] Und so stellt sich nach dieser Lektüre dem Leser die Frage: Wie wollen wir in Zukunft in diesem Land miteinander leben?«
SWR 2 „Forum Buch“
»Lange sollten sie abgeschoben werden, heute gelten sie als Vorzeigemigranten: Die Brüder Mojtaba, Masoud und Milad flohen 1996 aus Iran. In ihrem Buch beschreiben sie, wie sie es trotz renitenter deutscher Behörden an Elite-Unis schafften - und warum sie sich nicht instrumentalisieren lassen.«
Spiegel Online
»Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie wichtig tolerante und helfende Mitmenschen für Flüchtlinge sind, wenn der Staat jede Hilfe verweigert. Es ist eine sehr persönliche Geschichte über Familienbande und Freundschaft und das Sich-Hocharbeiten in einem fremden Land. Der Leser erhält einerseits Einblicke in die iranische Politik und Kultur sowie die Gründe, die viele Iraner zur Flucht treiben, und andererseits in die Mechanismen des deutschen Asylverfahrens und die zähe Bürokratie.«
Amnesty International

Leseprobe zu »Unerwünscht«

1
Die Flucht
Mojtaba: Die Dämmerung war bereits angebrochen, als
das Taxi über die ungeteerte Straße davonpolterte. Es zog
eine gewaltige Staubwolke hinter sich her, aus der die
kleinen rechteckigen Rückleuchten schimmerten wie rote
Augen. Sie wurden immer kleiner, bis sie schließlich ganz
verschwanden. Dann war es plötzlich still. So still, dass
ich glaubte, das Atmen der anderen hören zu können.
Masoud stand links neben mir. Er war so nah herangerückt,
dass unsere Schultern sich berührten. Milad
stand rechts von mir und hatte seinen Kopf an Madars
Brustkorb [...]

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1
Die Flucht
Mojtaba: Die Dämmerung war bereits angebrochen, als
das Taxi über die ungeteerte Straße davonpolterte. Es zog
eine gewaltige Staubwolke hinter sich her, aus der die
kleinen rechteckigen Rückleuchten schimmerten wie rote
Augen. Sie wurden immer kleiner, bis sie schließlich ganz
verschwanden. Dann war es plötzlich still. So still, dass
ich glaubte, das Atmen der anderen hören zu können.
Masoud stand links neben mir. Er war so nah herangerückt,
dass unsere Schultern sich berührten. Milad
stand rechts von mir und hatte seinen Kopf an Madars
Brustkorb gelehnt. Sie fuhr mit ihrer linken Hand streichelnd
durch sein braunes Haar und flüsterte halb zu uns,
halb zu sich selbst: »Ihr seid mein Leben. Niemand bringt
uns auseinander!«
Dann drückte sie auf den weißen Klingelknopf, der neben
einem ausladenden zweiflügeligen Metalltor angebracht
war.
Ich konnte nicht sehen, was hinter dem Tor lag, denn
es war umzäunt von einer hohen Ziegelmauer. Aber ich
hörte auf der anderen Seite etwas klappern und Schritte,
die sich uns näherten.
Masouds Schulter presste noch fester gegen meine. Als
ich merkte, dass mein Atem sich beschleunigt hatte, rückte
ich ein Stück von ihm weg. Ich wollte ihn nicht zusätzlich
beunruhigen.
Das Klackern der Schuhe war nun ganz nah. Schlüssel
klirrten. Unsere Mutter warf uns einen kurzen Blick zu,
als wollte sie sichergehen, dass wir noch alle da waren.
Da rastete ein Schlüssel im Schloss ein und das Tor öffnete
sich mit einem Ruck.
Madar setzte einen Schritt nach vorne und ich wollte
sie aus irgendeinem Grund an ihrem Manto festhalten,
als plötzlich eine sanfte Frauenstimme sie grüßte: »Salam
Chahar jan! Bitte, komm rein!«
Wir folgten ihr und kaum hatten wir das Tor passiert,
fiel es laut und metallisch schallend zu. Dahinter empfing
uns eine Frau von zierlicher Gestalt. Masoud und ich mit
unseren elf Jahren hätten uns nur auf die Fußspitzen stellen
müssen, um ihr direkt ins Gesicht zu schauen. Besonders
strenggläubig war sie wohl nicht, dachte ich, sonst
hätte sie auch jetzt ein Kopftuch getragen.
Madar umarmte die Frau fest und ich hörte sie leise sagen:
»Danke, dass du dein Versprechen gehalten hast.«
Wahrscheinlich war das gar nicht für unsere Ohren bestimmt,
aber ich hatte es gehört und es entfachte sofort
meine Neugierde. Als wüsste sie ganz genau, was in mir
vorging, wandte sich Madar mir zu. »Batscheha, geht
bitte rein, wir kommen gleich nach!«, wies sie uns an und
deutete mit dem Zeigefinger auf einen Punkt hinter uns.
Ich drehte mich um und nahm erst jetzt die Umgebung
wahr: Wir standen auf einem großen, schlicht gepflasterten
Innenhof, in dessen Mitte ein Blumenbeet etwa ein
Dutzend Rosen beherbergte. Madars Finger zeigte auf die
andere Seite des langen Hofs: Dort stand ein kleines Haus
mit flachem Dach. Es lag etwas höher als das Pflaster, sodass
eine Treppe zur Haustür hinaufführte.
Ich ging zögerlich auf die Treppe zu, blieb davor stehen
und drehte mich zu meinen Brüdern um, die mir gefolgt
waren. »Ich gehe da nicht rein!«, sagte ich.
»Aber Madar hat doch …« Masoud schaute nochmal
zu ihr herüber,
senkte dann nachdenklich den Blick und
murmelte: »Nein, ich will da auch nicht rein.«
»Wir können doch nicht einfach so eine fremde Wohnung
betreten«, stimmte Milad bei. »Ich warte hier.«
Madar und die kleine Frau standen immer noch am
Tor und unterhielten sich leise. Sie hatte mittlerweile ihr
Kopftuch abgenommen und es wie ein Halstuch auf die
Schultern gelegt. Umgeben von ihrem dunklen, leicht gelockten
Haar, wirkte ihr Gesicht besonders hell und lebendig.
Aber es hatte heute diesen ungewöhnlichen Ausdruck,
den ich sonst nur von Lehrerinnen kannte, wenn
sie sehr schlechte Diktate zurückgaben und eine düstere,
aber zugleich besorgte Miene aufsetzten. Das beunruhigte
mich schon, seitdem sie uns vor einer halben Stunde aus
unserer Wohnung abgeholt hatte.
Milad machte die kleine Taschenlampe an, die er mitgenommen
hatte und immer noch in der Hand hielt. Er leuchtete
damit auf den Boden und ließ den Lichtstrahl langsam
kreisen. Seine Mundwinkel waren heruntergezogen,
als wollte er sich darüber
beklagen, dass wir zu Hause unser
Lieblingsspiel nicht zu Ende spielen konnten.
Milad war gerade mit Leuchten an der Reihe gewesen.
Dazu hatte er sich auf die breite Fensterbank am hinteren
Ende des Wohnzimmers gesetzt, seine Füße auf der
Heizung unterhalb der Fensterbank abgestützt und den
Lichtkegel der Taschenlampe auf die gegenüberliegende
Wand geworfen. Masoud und ich mussten den Kreis fangen,
während Milad ihn tanzen ließ.
Die Kunst bestand darin, Milads Bewegung vorauszuahnen
und blitzschnell mit der Hand auf den Kreis zu
schlagen. Doch das gelang uns recht selten. Milad hatte
einen Riesenspaß, wenn wir danebenhauten. Er war zwei
Jahre jünger als wir, aber konnte uns bei diesem Spiel so
lange hin und her laufen und hüpfen lassen, bis wir völlig
außer Atem auf dem Boden lagen. Dieser Anblick brachte
ihn jedes Mal so zum Lachen, dass seine Apfelbäckchen
erröteten und seine hellen Augen tränten.
Manchmal trampelten wir bei diesem Spiel dermaßen
laut herum,
dass unsere Nachbarn von unten zornig bei
uns klingelten, um sich zu beschweren. Aber wir hatten
von klein auf von Madar die Anweisung erhalten, Fremden
die Tür nicht zu öffnen. Und in solchen Fällen hielten
wir uns bereitwillig daran.
Dass wir heute unsere Partie nicht abschließen konnten,
lag jedoch nicht an den Nachbarn: Milad wollte gerade
mit seinem Lichtspiel beginnen, als sich plötzlich die
glänzend braune Holztür unserer Wohnung öffnete und
Madar mit großen Schritten hereinkam.
Sie war viel früher zurück als sonst. Für gewöhnlich kam sie zum Abendessen,
wenn es schon dunkel war, aber heute war die
Dämmerung gerade erst angebrochen.
»Salam Batscheha! Zieht bitte schnell eure Schuhe an,
wir besuchen heute jemanden.«
»Wen denn?«, wollte ich verwirrt wissen. »Gehen wir
zu …«
»Freunde von mir«, unterbrach mich Madar. »Wir sind
schon spät dran, bitte beeilt euch.«
»Madar«, sagte Masoud, während Milad mit enttäuschter
Miene von der Fensterbank herunterkletterte,
»wir müssen für unser Diktat morgen üben. Ich hole meine
Schulsachen, damit du uns gleich etwas diktieren kannst.«
Er wollte schon loslaufen, um seinen Schulranzen zu holen,
als unsere Mutter ihren Arm um seine Schulter legte, wobei
ich nicht sagen konnte, ob sie ihn streicheln oder festhalten
wollte. Sie zeigte nur mit der Hand auf seine Schuhe,
die ordentlich neben der Haustür lagen: »Jetzt nicht! Wir
haben keine Zeit dafür. Unten wartet schon ein Ajans, das
uns hinfahren wird. Beeilt euch!«
In diesem Moment wurde Milad aufmerksam, der bis
dahin still und mit gesenktem Kopf neben seinen Schuhen
auf uns gewartet hatte. »Wieso ein Ajans? Kommt Pedar
nicht mit? Er kann uns doch fahren.«
»Er kommt später nach«, grummelte Madar, ohne Milad
anzusehen. Sie warf noch einen kontrollierenden
Blick auf uns und vergewisserte sich, dass wir fertig waren, und
schon öffnete sie die Wohnungstür: »Kommt!«
Eigentlich wollte ich sie fragen, warum sie es so eilig
hatte, warum sie sich so komisch benahm und warum
wir nicht einmal unsere Schulsachen mitnehmen durften,
aber ich ging schweigend hinaus.
Wir gehorchten Madar immer, vor allem, wenn wir merkten, dass ihr etwas besonders
wichtig war. Sie zog die Tür hinter sich zu und
lief mit schnellen Schritten voran.
Wir folgten ihr. Dabei musste ich an Küken denken, die mit ihrer Mutter vor
etwas davonrannten. So wie bei unseren Familienreisen
aufs Land, wenn wir drei versuchten, die freilaufenden
Hühner zu fangen.
Unten auf dem Parkplatz wartete wirklich ein Ajans,
ein iranisches Ruftaxi, auf uns. Es war ein Peykan, eigentlich
wie alle Ajans. Aber auch sonst war jedes zweite Auto
auf Teherans Straßen ein Peykan. Er sei sehr beliebt, hatte
Pedar mir erzählt, weil er recht günstig und trotzdem langlebig
sei, aber wer es sich leisten könne, kaufe ein ausländisches
Modell, um sich von den anderen abzuheben.
Unser Vater fuhr auch einen dunkelblauen Peykan.
Madar setzte sich auf den Beifahrersitz und wir drei
nahmen auf dem Rücksitz Platz. »Salam, Punak darbast.«
Punak war ein Stadtteil im Norden Teherans.
Ich fragte mich, wo Madar mit uns hinwollte, denn dort kannte ich
niemanden. Und sie musste es wirklich eilig haben, denn
darbast bedeutete, dass das Taxi uns direkt, ohne zwischendurch
für weitere Fahrgäste anzuhalten, zum Ziel
fahren musste. Wir drei hatten schon oft zu viert oder zu
fünft auf der Rückbank gesessen. Wir waren noch klein
und je mehr Leute mitfuhren, desto günstiger wurde das
Taxi. Aber heute war ihr das Geld wohl egal.
Das Ajans setzte sich in Bewegung und nach dreißig
Minuten, in denen Madar kein Wort gesprochen und unsere
Fragen mit einer stummen Geste unterbunden hatte,
erreichten wir im Halbdunkeln das Haus, auf dessen Hof
wir nun standen.
Milad hatte mittlerweile die Taschenlampe ausgeknipst.
Und es dauerte nicht mehr lange, bis unsere Mutter und
die Frau ihr Gespräch beendeten und zu uns kamen. Ich
hielt es nicht mehr aus: »Madar, wo sind wir hier?«
Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte in einem
warmen Ton: »Bei Chaleh Laleh und Amu Haschem.
Das sind sehr gute Freunde von mir.«
Die kleine Frau war also Chaleh Laleh. Sie lächelte,
beugte sich nacheinander zu jedem von uns und küsste
uns auf die Wangen. »Choschamadid, Batscheha! Fühlt
euch wie zu Hause.«
Sie roch nach Reis und Hähnchen. Wahrscheinlich hatte
sie gerade das Abendessen zubereitet. Ihr Lächeln und die
Lachfältchen, die sich um ihre Augen schmiegten, verliehen
ihr ein lebendiges und freundliches Aussehen, sodass
ich mich innerlich spottend fragte: Warum
hattest du Feigling vorhin am Metalltor eigentlich solche Angst?
»Lasst uns reingehen«, schlug Chaleh Laleh vor. »Ich
habe Sereschk-Polo gekocht. Ihr habt bestimmt großen
Hunger.«
Sie ging die vier Stufen bis zur Haustür hinauf
und wir folgten ihr. Obwohl das Haus mit seinem gepflasterten
Hof und dem sehr sauberen, hellen Putz der Wände nach
einem modernen Neubau aussah, war die Tür in einem
traditionellen Stil gehalten, den ich aus iranischen Dörfern
kannte. Ihr dunkles Holz wirkte massiv und war an
den Rändern mit geschnitzten Blumen und geschwungenen
Formen verziert. In der Mitte hing ein bronzener Türklopfer,
wobei ich mich nicht entscheiden konnte, ob er
eine Faust oder eine Rose darstellen sollte.
Wir traten ein und quetschten uns in den kurzen Flur,
wo wir unsere Schuhe auszogen und ordentlich aufreihten.
Chaleh Laleh zeigte auf eine Tür auf der rechten Seite
des Flurs: »Hier ist die Toilette. Da könnt ihr euch den
Staub der Straße von den Händen waschen, bevor wir
essen.«
Dann folgten wir ihr in einen Raum, den sie uns als das
Wohnzimmer vorstellte. Mir fielen sofort seine strahlend
weißen Wände auf. Den Boden des Wohnzimmers bedeckte
ein ebenfalls heller, aber rauer Teppichboden. Auf
der rechten Seite erhob sich ein Bücherregal voll mit bunten
Buchrücken. Auf den ersten Blick waren viele persische
Titel zu sehen, aber eine Reihe enthielt nur ausländische
Bücher. Weiter hinten in der Ecke stand auf einem
Holztisch ein altes Fernsehgerät. Hinten links machte der
Raum einen Knick. Dort gruppierten sich zwei erdfarbene
Ledersofas um einen flachen Glastisch. Unter ihnen lag
ein roter Teppich mit einem Muster aus zierlichen Motiven,
der im sonst hellen Raum wie ein dicker, lebendiger
Farbklecks wirkte. Fasziniert starrte ich auf sein Muster,
bis ich hinter mir Chaleh Lalehs Stimme hörte.
»Da drüben, rechts vom Bücherregal, geht es in die Küche
und links davon ist das Schlafzimmer von mir und
Amu Haschem. Asisanam, lasst uns jetzt essen.«
»Chaleh jan, wo ist Amu Haschem?«, fragte Milad,
der neben ihr vor dem Bücherregal stand. Milad war zwei
Köpfe kleiner als sie und musste hochschauen. In solchen
Momenten erinnerte er mich an ein Kätzchen, das
mit weit geöffneten Augen nach Essen miaute. Niemand
konnte diesem Blick widerstehen.
»Asisam, Amu arbeitet noch. Er kommt erst spät nach
Hause.« Sie streichelte sanft Milads Wange, als wollte sie
sich dafür entschuldigen.
Ich sah meine Brüder in die Küche gehen und wollte ihnen
folgen. Doch als ich beim Bücherregal angekommen
war, bemerkte ich, dass Madar und Chaleh Laleh ganz in
der Nähe vor der einzigen Tür standen, über die Chaleh
kein Wort verloren hatte. Außerdem unterhielten sie sich
wieder ganz leise und machten ernste Gesichter. Ich verlangsamte
meinen Schritt, wandte mich dem Regal zu und
gab vor, an den vielen Büchern interessiert zu sein.
Zufällig entdeckte ich Golestan von Sa’di und griff es
heraus.
Unser Nachname, Sadinam, war sozusagen eine
Hommage an diesen großen persischen Dichter des dreizehnten
Jahrhunderts. Ich hatte eigentlich nichts von ihm
gelesen, aber schlug selbstbewusst den kunstvoll bedruckten,
ledernen Einband auf und starrte auf eine beliebige
Seite. Doch in Wirklichkeit konzentrierte ich mich nur auf
mein Gehör und versuchte, ein paar Worte des Gesprächs
hinter mir zu erhaschen.
»Und, wie geht es ihr?«, fragte Chaleh vorsichtig.
»Ich weiß es nicht. Niemand weiß es.«
»Habt ihr eine Vermutung, wo sie ist?«
»Nein. Wir hoffen, dass zumindest die Eltern benachrichtigt
werden.«
»Glaubst du, sie machen jetzt ernst?«
»Wann tun sie das nicht?« Madar seufzte und für einige
Sekunden wurde es völlig still.
Ich wollte nicht auffallen und blätterte eine Seite weiter.
Im selben Moment bereute ich es schon, denn das Papier
schien so laut zu rascheln, dass sich gleich alle Augen
auf mich richten würden. Ich erstarrte und wartete darauf,
meinen Namen zu hören.
Beim ersten Laut zuckte ich zusammen, beruhigte mich
aber schnell, als ich merkte, dass er nicht mir galt. »Und
was glaubst du, wie lange ihr hierbleiben müsst?«
Madar zögerte einen Moment, antwortete dann leise:
»Ich … ich weiß es nicht.«
»Mach dir keine Sorgen! Ihr könnt euch hier wie zu
Hause fühlen. Haschem und ich freuen uns sehr, dass wir
helfen können. Ich habe auch schon das Zimmer für euch
vorbereitet.«
»Danke. Ich muss es nur noch den Kindern beibringen.
Sie wissen noch von nichts.«
Mein Herz raste vor Aufregung. Das ergab doch alles
keinen Sinn! Als ich dann hörte, wie die Türklinke
des geheimnisvollen Zimmers heruntergedrückt
wurde, platzte es aus mir heraus:
»Ich will nicht hierbleiben!
Ich will nach Hause!« Ruckartig drehte ich mich um
und wollte meinen Protest fortsetzen, aber als ich Madars
blasses Gesicht sah, verstummte ich. Ich lief zu ihr,
umarmte fest ihre Taille und presste mein Gesicht gegen
ihre Brust.
»Was ist los?«, hörte ich kurz darauf
Masouds zitternde Stimme hinter mir fragen.
Madar breitete ihre Arme aus. Milad und Masoud kannten
dieses Zeichen. Sie kamen herüber, Madar drückte die
beiden an sich und schaute zu uns herunter.
Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, doch ihre Augen schimmerten
so, als würden sich gleich darin Tränen bilden.
Einige Sekunden lang sah sie uns nacheinander
an und ich hörte sie schwer atmen. Das, was sie dann sagte, klang
kaum wahrnehmbarer als ein Windhauch: »Ich habe etwas
getan, weshalb die Männer von der Regierung sehr verärgert
sind.« Ihr Blick schweifte ab und sie seufzte nochmals.
Dann sprach sie deutlicher: »Sie suchen mich jetzt.
Deswegen müssen wir erstmal hierbleiben.«
Ihre Worte hallten in mir nach: »… suchen mich … müssen
hierbleiben, hierbleiben, hierbleiben, hierbleiben.«
Am nächsten Morgen wachte ich sehr früh auf. Es war
noch völlig dunkel, aber ich konnte nicht wieder einschlafen.
Regungslos lag ich auf meiner dünnen Decke auf dem
Boden, starrte ins Leere und fasste einen Entschluss: Ich
würde uns retten!
Die anderen schliefen noch. Links neben mir Milad,
daneben Masoud und am anderen Ende Madar, die laut
schnarchte. Das war merkwürdig, denn sonst schlief sie
völlig ruhig.
Das Zimmer, das Chaleh Laleh und Amu Haschem für
uns vorgesehen hatten, war sehr klein. Wenn ich mein
Bein ausstreckte, konnte ich mit den Zehenspitzen den
viertürigen Kleiderschrank zu meiner rechten Seite berühren.
Der Schrank war genauso breit wie der Raum.
Und ich wunderte mich, dass Madar überhaupt schlafen
konnte, denn sie war auf der gegenüberliegenden
Seite an die Wand gepresst, ihre Füße lagen zwischen den Beinen
des kleinen Schreibtischs in der Ecke und kaum eine Armlänge
von ihrem Kopf entfernt ragte ein großer Gummibaum
in die Höhe. Er stand direkt am Fenster und bekam
wohl viel Licht ab. Ohnehin, dachte ich mir, musste
es gleich sehr hell werden, denn die Fensterreihe über unseren
Köpfen war genauso lang wie das Zimmer. Da die
dicken blauen Vorhänge nicht zugezogen waren, würde
das Sonnenlicht gleich den Raum durchfluten und alle
aufwecken. Die Zeit lief mir also davon.

Über Masoud Sadinam

Biografie

Masoud Sadinam durchläuft dieselben Stationen wie sein Zwillingsbruder Mojtaba. Nach dem Abitur mit Auszeichnung beginnt er mit Unterstützung der Begabtenförderung ein Geschichts- und Politikstudium an der internationalen Jacobs University in Bremen, das er inzwischen in Frankfurt am Main fortsetzt.

Über Milad Sadinam

Biografie

Milad Sadinam, geboren 1986 in Teheran, studierte nach dem Abitur als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes Wirtschaftsinformatik an der International University in Bruchsal und arbeitet heute als Programmierer für Computerspiele in Essen.

Über Mojtaba Sadinam

Biografie

Mojtaba Sadinam wird 1984 in Teheran geboren, wo er bis 1996 zur Schule geht. In Deutschland besucht er zunächst eine Auffangklasse für Flüchtlinge, dann die Realschule und schließlich das Gymnasium von Lengerich bei Osnabrück. 2006 macht er Abitur als Jahrgangsbester. Als Stipendiat der...

Pressestimmen

Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide

»Der Roman erzählt von der Suche nach Heimat und Freiheit und dem Wunsch, dazuzugehören. Ein Flüchtlingsschicksal - vor allem aber eine so noch nicht gelesene Parabel über Brüderlichkeit, Mut und Menschlichkeit.«

Groß-Gerauer Echo

»Dass sie nicht die Helden eines modernen Märchens sind, dass sie jahrelang abgeschoben werden sollten und Integration kein Selbstläufer ist, verdeutlichen sie in ihrem Buch 'Unerwünscht'«

Langener Zeitung

»Die drei Brüder nehmen den Leser mit auf ihren Weg durch di deutsche Bürokratie, aber auch zu den ersten Freunden, lassen sie teilhaben am Alltageiner Asylantenfamilie und füllen das Thema Integration mit Leben. Sehr lesenswert!«

3 Sat "Scobel"

»Vielleicht ist es keine großartige Literatur, aber es ist ein wahres Buch, das ins Nachdenken bringt: über die Kraft, Liebenswürdigkeit und Hartnäckigkeit von Menschen, die gerne hier leben wollen, obwohl wir sie lieber abschieben würden.«

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»Sie waren noch Kinder als ihre Eltern vor dem iranischen Klerus nach Deutschland flohen. Hier wuchsen sie auf mit dem Gefühl, unerwünscht zu sein. Sie sind erfolgreich, die drei Brüder, aber das Gefühl ist geblieben. Nun haben sie ein Buch darüber geschrieben.«

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»Die Brüder Sadinam flüchteten einst aus dem Iran. [...] Ihr Buch "Unerwünscht" widerspricht dem gängigen Klischee, allein der Wille reiche aus, um sich 'vorbildlich' zu integrieren.«

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»Als Kind floh Mojtaba Sadinam mit seiner Mutter und seinen Brüdern aus Iran nach Deutschland. Jahrelang hausten sie in Flüchtlingsbaracken, sie hatten Asyl beantragt, doch eine Ablehnung folgte der nächsten.«

asyl aktuell

»Berührend schildern die drei abwechselnd ihre tragische Geschichte. Durch die Augen von Kindern wirkt das Verhalten der Behörden noch absurder und wird den LeserInnen so vor Augen geführt.«

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»Die nicht anklagenden sondern meist nüchternen Schilderungen über entwürdigende Asylverfahren und Menschenbehandlungen treiben einem die Scham ins Gesicht. […] Und so stellt sich nach dieser Lektüre dem Leser die Frage: Wie wollen wir in Zukunft in diesem Land miteinander leben?«

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»Lange sollten sie abgeschoben werden, heute gelten sie als Vorzeigemigranten: Die Brüder Mojtaba, Masoud und Milad flohen 1996 aus Iran. In ihrem Buch beschreiben sie, wie sie es trotz renitenter deutscher Behörden an Elite-Unis schafften - und warum sie sich nicht instrumentalisieren lassen.«

Amnesty International

»Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie wichtig tolerante und helfende Mitmenschen für Flüchtlinge sind, wenn der Staat jede Hilfe verweigert. Es ist eine sehr persönliche Geschichte über Familienbande und Freundschaft und das Sich-Hocharbeiten in einem fremden Land. Der Leser erhält einerseits Einblicke in die iranische Politik und Kultur sowie die Gründe, die viele Iraner zur Flucht treiben, und andererseits in die Mechanismen des deutschen Asylverfahrens und die zähe Bürokratie.«

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