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Unerschrockene Frauen

Elf Porträts

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Unerschrockene Frauen — Inhalt

Sie erkämpften sich Privilegien und entrüsten Spießbürger damals wie heute. »Unerschrockene Frauen« porträtiert elf Aufsehen erregende Persönlichkeiten, die bis heute für ihre mutige Unkonventionalität bewundert und gefürchtet werden. Eine spannende Reise in die skandalumwitterte Welt mutiger Provokateurinnen wie Lou Andreas-Salomé, Hildegard Knef, Nina Hagen oder Madonna.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 16.07.2013
288 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30267-8
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 16.07.2013
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96114-1

Leseprobe zu »Unerschrockene Frauen«

Germaine de Staël

(1766 – 1817)

»Ein Leben hemmungsloser Intensität«

Germaine de Staël beeindruckte Männer weniger mit ihrem Aussehen als durch Klugheit und Gewandtheit in der Argumentation. Ohne sich um das Gerede der Leute zu kümmern, wählte sie ihre Liebhaber aus den Reihen zahlreicher Bewunderer. August Wilhelm Schlegel war der exzentrischen Intellektuellen bis zur Selbstaufgabe ergeben. Napoleon hingegen hasste sie und verbannte seine einflussreiche Widersacherin, die sogar mit dem russischen Zaren gegen ihn konspirierte und mit dazu beitrug, [...]

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Germaine de Staël

(1766 – 1817)

»Ein Leben hemmungsloser Intensität«

Germaine de Staël beeindruckte Männer weniger mit ihrem Aussehen als durch Klugheit und Gewandtheit in der Argumentation. Ohne sich um das Gerede der Leute zu kümmern, wählte sie ihre Liebhaber aus den Reihen zahlreicher Bewunderer. August Wilhelm Schlegel war der exzentrischen Intellektuellen bis zur Selbstaufgabe ergeben. Napoleon hingegen hasste sie und verbannte seine einflussreiche Widersacherin, die sogar mit dem russischen Zaren gegen ihn konspirierte und mit dazu beitrug, dass sich eine übermächtige Allianz in Europa bildete, die ihn schließlich militärisch besiegte und politisch vernichtete.

Germaine wurde am 22. April 1766 in Paris als einziges Kind des aus Genf stammenden erfolgreichen Bankiers Jacques Necker und dessen Ehefrau Suzanne geboren.

Ihr Großvater Karl Friedrich Necker war von Küstrin nach Genf gezogen und dort zum Professor für öffentliches Recht berufen worden, hatte seine Vornamen in Charles Frédéric geändert und Jeanne Gautier geheiratet, eine Tochter des Syndikus der unabhängigen Republik Genf. Jacques, der jüngere der beiden Söhne des Ehepaars, verließ mit 15 Jahren die Schule und begann eine Banklehre. In der Pariser Filiale des Geldinstituts brachte er es zum Teilhaber. Einige Monate, bevor er zum alleinigen Direktor des Bankhauses avancierte, heiratete er am 28. November 1764 die sieben Jahre jüngere, umfassend gebildete Tochter eines calvinistischen Pastors, Suzanne Curchod, die als Erzieherin des Sohnes einer reichen Witwe nach Paris gekommen war.

Schon als Kind saß Germaine Necker jeden Freitag kerzengerade auf einem Hocker neben ihrer Mutter, die in ihrem Salon bedeutende Persönlichkeiten des kulturellen Lebens empfing und mit ihnen anspruchsvolle Konversation pflegte. »Sie [Germaine] verwandelte den hölzernen Schemel in eine Schulbank und erkor die Aufklärer zu ihren Lehrern und Vorbildern. Freigeister und Religionskritiker wie die Philosophen Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert, Schriftsteller wie Jean-François de Marmontel und Friedrich Melchior von Grimm, Publizisten, Kritiker, Ökonomen und Dichter, die sich jeweils freitags im Hause Necker einfanden, machten auf das kleine Mädchen einen unauslöschlichen Eindruck.« Ihre rasche Auffassungsgabe ermöglichte es Germaine, aus lebhaften Diskussionen viel zu lernen. »Ihr Leben lang sollte Germaine eine Abneigung gegen die systematische Aneignung von Wissensstoff beibehalten, gegen lange und konzentrierte Versenkungen, die sie ermüdeten.«

Das Mädchen war gerade einmal elf Jahre alt, als die Mutter es ins Theater mitnahm. »Germaines wacher Verstand wurde in dieser Erziehung aufs Äußerste kultiviert und gefördert, doch das Kind in ihr wurde erdrückt, die Kindheit gleichsam übersprungen.«Suzanne Necker, die ihre Entbindung als traumatisch erlebt hatte und deshalb keine gefühlstiefe Beziehung zu ihrer Tochter zu entwickeln vermochte, überforderte das Kind. Bereits im Alter von 13 Jahren erlitt Germaine denn auch einen Nervenzusammenbruch. Zur Erholung schickte Jacques Necker seine Tochter im Sommer 1779 auf sein Landgut in Saint-Ouen bei Paris. »Der Hunger nach Liebe, der Germaine ein Leben lang umtreiben sollte, mit panischen Anwandlungen und emotionalen Erpressungen ihrer Partner, Ohnmachtsanfällen und Selbstmorddrohungen hat seine Ursache in diesen Wechselbädern aus Überbeanspruchung und emotionaler Zurückweisung im Gefühlsleben des Kindes.«

Jacques Necker hatte einige Jahre zuvor seine Tätigkeit als Bankier beendet. 1776 war der Gesandte der Republik Genf von König Ludwig XVI. faktisch zum Finanzminister bestellt worden. »Germaine Necker erlebte ihren häufig abwesenden Vater in diesen Jahren in einer permanenten Position der Erhöhung: weihrauchumwölkt im Salon seiner Frau, von der Nation verehrt, vom französischen Volk und von europäischen Monarchen als Retter gepriesen. Sie hatte da keine gesunde Distanz mehr und vermischte das heroische Bild von ihm mit einer Gefühlsbindung, die der inzestuösen Züge nicht mangelt. Die Konstellation war geradezu mustergültig freudianisch.« Bis heute wird über die Bedeutung einer Tagebucheintragung der 23-Jährigen gerätselt: »Warum entdecke ich manchmal Fehler in seinem Charakter, die für unsere zarte, innige Vertrautheit schädlich sind? Sicher deshalb, weil er möchte, dass ich ihn wie einen Liebhaber liebe, während er wie ein Vater zu mir spricht; weil ich möchte, dass er eifersüchtig wie ein Liebhaber sei, während ich mich wie eine Tochter gebe.«

1781 wurde Jacques Necker vom König entlassen. Dennoch galt Germaine wegen des enormen Vermögens, das ihr Vater angehäuft hatte, weiterhin als eine »gute Partie«. Suzanne Necker versuchte, sie mit William Pitt dem Jüngeren – dem späteren Premierminister Großbritanniens – zu verheiraten, aber sie scheiterte damit nicht zuletzt an Germaines Widerstand.

1778 hatte Baron Eric Magnus Staël von Holstein, der Attaché des schwedischen Botschafters, erstmals um die Hand der damals Zwölfjährigen angehalten, aber erst sieben Jahre später, nachdem ihn König Gustav III. zum schwedischen Botschafter ernannt hatte, akzeptierten Jacques und Suzanne Necker den Diplomaten als Bewerber. Im Sommer 1785 erlaubten sie ihm, sich der Braut vorzustellen. »Er war angenehm, gut aussehend, charmant, was ja vollkommen ausreichend war. Mit einem Blick ermaß Germaine seinen duldsamen und widerstandslosen Charakter, der ihr die Chance gab, so zu leben, wie sie es wollte.« In ihr Tagebuch schrieb sie: »Monsieur Staël ist ein Mann, der sich vollkommen korrekt benimmt, unfähig, etwas Dummes zu sagen oder zu tun, aber hohl und träge.« Am 14. Januar 1786, drei Monate vor ihrem 20. Geburtstag, wurde Germaine Necker mit ihrem 17 Jahre älteren, aus einem verarmten Adelsgeschlecht stammenden Bräutigam in der protestantischen Kapelle der schwedischen Botschaft in Paris verheiratet. Das hatte »mehr von einem internationalen Freundschafts- und Handelsvertrag als von einer privaten Abmachung«. Der Ehevertrag war von König Ludwig XVI. und Marie Antoinette mitunterzeichnet worden. »Jeder ist der Meinung, dass Mademoiselle Necker eine sehr unvorteilhafte Heirat gemacht hat«, urteilte Zarin Katharina die Große. Aber für Germaine kam es darauf an, sich von der ungeliebten Mutter zu befreien. »Ihr ganzes Leben wurde ein ständiger Ausbruch.«

Zweieinhalb Wochen nach der Hochzeit führte Baron Eric Magnus Staël von Holstein seine Frau am Hof von Versailles ein und stellte sie König Ludwig XVI. vor. Am 31. Juli 1787 brachte Germaine de Staël eine Tochter zur Welt, die allerdings nach zwei Jahren und acht Tagen starb.

Ihr Vater war wegen eines Streits mit seinem Nachfolger 1786 vorübergehend aus Paris verbannt worden und nach Marolles bei Fontainebleau gezogen. Im August 1788 holte König Ludwig XVI. ihn jedoch nach Versailles zurück und übertrug ihm erneut die Verantwortung für die Finanzen, denn von dem früheren Bankier erhoffte er sich die Abwendung des drohenden Staatsbankrotts. Jacques Necker lieh Frankreich sogar zwei Millionen Livres aus seinem Privatvermögen. Aber »ohne ein klares Programm und eher den Ereignissen folgend als sie beherrschend machte sich Necker das Ausmaß der politischen und sozialen Krise nicht klar; er widmete der ökonomischen Krise, mit deren Hilfe die Bourgeoisie die Massen mobilisieren konnte, nicht genügend Aufmerksamkeit«. Auf seinen Rat hin berief der König die Generalstände ein – was seit 175 Jahren nicht mehr geschehen war – und eröffnete am 5. Mai 1789 im Versailler Schloss die Versammlung, von der Jacques Necker die Bewilligung neuer Steuern erwartete. Aber die 1200 Delegierten wollten erst einmal entscheiden, ob sie nach Köpfen oder nach Ständen getrennt abstimmen sollten, und sie merkten rasch, dass der Politiker nicht an Reformen, sondern einzig und allein an zusätzlichen Staatseinnahmen interessiert war. Das ließ der Dritte Stand nicht mit sich machen: Er konstituierte sich am 17. Juni als Nationalversammlung, und zwei Tage später schworen deren Mitglieder, bis zur Verabschiedung einer Verfassung zusammenzubleiben, also bis zur Ablösung der absoluten durch eine konstitutionelle Monarchie. Weil Jacques Necker die Einberufung der Generalstände initiiert und dann die Kontrolle über die Entwicklung verloren hatte, wurde er am 11. Juli nicht nur entlassen, sondern auch wieder verbannt. Seine Entmachtung heizte die Stimmung weiter an. Drei Tage später erstürmten Demonstranten die Bastille. Das war das Fanal für die Französische Revolution.

In dieser Lage berief Ludwig XVI. Jacques Necker ein weiteres Mal in die Regierung. Aber die Hoffnung, der Finanzminister werde endlich für ausreichende Steuereinnahmen sorgen, erfüllte sich nicht, und die Revolution ließ sich nicht mehr aufhalten. Als am 5. Oktober 5000 wütende Demonstrantinnen von Paris nach Versailles marschierten, eilte Germaine de Staël mit der Kutsche auf einer anderen Route ebenfalls dorthin, um ihre Eltern vor dem Pöbel zu warnen. Am nächsten Tag zwang die Menschenmenge das Königspaar, das Schloss zu verlassen und ins Palais des Tuileries in Paris umzuziehen.

Am 31. August 1790 gebar Germaine de Staël einen Sohn, der den Namen Auguste erhielt. Der Vater des Kindes war vermutlich nicht ihr Ehemann, sondern Louis Vicomte de Narbonne-Lara. Der verheiratete Offizier hatte sich eigens von seiner Mätresse Elisabeth Gräfin von Montmorency-Laval getrennt, um die Ehefrau des schwedischen Botschafters erobern zu können, aber Germaine de Staël war nicht nur mit ihm liiert, sondern auch mit Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord und Mathieu de Montmorency-Laval, bei dem es sich pikanterweise um den Sohn der von ihrem Liebhaber verlassenen Gräfin handelte. »Es ist kaum zu sagen, wer von den beiden zuerst kam: der Liebhaber Talleyrand oder der Geliebte Narbonne, ob beide Verhältnisse nicht streckenweise sogar parallel liefen und ob es in diesen Jahren, 1788–92, eventuell noch einen Dritten gab. Mathieu de Montmorency, im Gegensatz zu den anderen beiden, die gut zehn Jahre älter waren, quasi gleichaltrig mit ihr, war der letzte Teil ihres Triumvirats der politischen Mitte, das sie in ihrem Salon, umgeben von sämtlichen Lagern von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, heranzüchtete.«

Germaine de Staël verteilte ihre Gunst meistens auf mehrere der Männer, die sie umschwärmten, obwohl ihr Gesicht eher derb wirkte und »nichts Vornehmes an ihr« war. Die Biografin Sabine Appel meint zwar, Germaines Dekolletés seien »kaum zu überbieten und scharf an der Grenze des Schicklichen« gewesen, aber die Intellektuelle beeindruckte die Menschen nicht mit ihrem Aussehen, sondern durch Klugheit und Gewandtheit in der Argumentation. »Sie ist eine erstaunliche Frau. […] Worte wie Sanftmut, Grazie, Bescheidenheit, Gefälligkeit, Haltung, Manieren kann man nicht gebrauchen, wenn man von ihr spricht; aber man wird mitgerissen und unterliegt der Macht ihres Genies. […] Ihr Verstand ist zu überlegen, als dass andere daneben ihren Wert zur Geltung bringen könnten […]. Wo immer sie hingeht, verwandeln sich die meisten Menschen in Zuschauer.« »Diese Staël ist ein Genie. Eine außerordentliche, exzentrische Frau in allem, was sie macht und tut.« Allerdings demonstrierte Germaine de Staël ihre geistige Überlegenheit des Öfteren auch durch verletzende Bemerkungen. »Sie war, wie sie war: spontan und authentisch, von überströmender Energie, ungebremst, überzeugt außerdem von ihrem Talent, und in dieser ungehinderten Konzentration ihrer Kräfte lag zugleich die Quelle ihrer Kreativität.« Barbara Bondy fügt der Charakterisierung Germaine de Staëls noch einen Aspekt hinzu: »Sie ahnte, dass man sich im Leben zwischen Langeweile und Leiden zu entscheiden hat, und entschied sich für das letztere, für ein Leben hemmungsloser Intensität, leidenschaftlicher Hingabe an den jeweiligen Augenblick und der rücksichtslosesten Jagd nach Glück, die je eine Frau geführt hat.«

Nachdem Jacques Necker seinen Rückhalt in der Bevölkerung eingebüßt hatte, trat er im August 1790 zurück und richtete sich dann mit seiner Frau auf Schloss Coppet am Genfer See ein, das er sechs Jahre zuvor mit der zugehörigen Baronie erworben hatte. Germaine folgte ihren Eltern zunächst und ließ Auguste bei ihrem Ehemann. Im Januar 1791 kehrte sie nach Paris zurück, denn sie befürwortete die Abschaffung des Absolutismus und wollte sowohl im Zentrum des politischen Geschehens als auch des gesellschaftlichen Lebens bleiben. Allerdings wurde es in Paris zunehmend gefährlich. Die königliche Familie floh in der Nacht auf den 21. Juni 1791, wurde jedoch in Varennes-en-Argonne nordwestlich von Verdun angehalten und von dort zwangsweise nach Paris zurückgebracht.

Am 3. September verabschiedete die revolutionäre Nationalversammlung eine neue Verfassung und machte Frankreich dadurch zur konstitutionellen Monarchie. Louis de Narbonne wurde am 9. Dezember 1791 – nicht zuletzt aufgrund der guten Beziehungen seiner Geliebten – zum Kriegsminister ernannt. Er blieb jedoch nur drei Monate im Amt und musste dann seinen Abschied nehmen.

Germaine de Staël begeisterte sich anfangs durchaus für die Französische Revolution, aber als die Jakobiner immer radikalere Töne anschlugen, distanzierte sie sich von ihnen. Im Juli 1792 bot sie dem in den Tuilerien gewissermaßen unter Hausarrest stehenden Königspaar ihre Unterstützung bei einem neuen Fluchtversuch an, aber Marie Antoinette wollte mit der Befürworterin einer konstitutionellen Monarchie nichts zu tun haben. Am 10. August erhob sich schließlich das Volk gegen den König, stürmte die Tuilerien und setzte Ludwig XVI. im Temple gefangen. Nachdem die Monarchie damit faktisch abgeschafft war, proklamierte der nun von den männlichen Franzosen ohne Standesunterschiede gewählte Nationalkonvent am 21. September 1792 die Republik. Ludwig XVI. bzw. Louis Capet, wie man ihn jetzt nannte, wurde in einem mehrwöchigen Prozess zum Tod verurteilt und am 21. Januar 1793 vor einer großen Menschenmenge enthauptet. Dass der König »wie ein gewöhnlicher Mensch hingerichtet« wurde, »war auch das Ende der Monarchie von Gottes Gnaden«.

Germaine de Staël, deren Ehemann wegen der Revolution nach Stockholm zurückgekehrt war, hatte bei ihren Eltern in Coppet Zuflucht gefunden. Am 2. September 1792 war sie in einer sechsspännigen Kutsche in Paris losgefahren, aber von aufgebrachten Frauen aus dem Volk angehalten worden. »Kaum hatte sich mein Wagen vier Schritt weit in Bewegung gesetzt, als sich, beim lärmenden Peitschenknallen der Kutscher, ein Haufen alter Weiber, wie ausgespien aus dem Höllenschlund, auf meine Pferde stürzte und schrie, man solle mich festhalten, ich entführte das Gold der Nation und was nicht alles, und tausend noch verrücktere Beschimpfungen.« Erst nachdem sie sich im Pariser Rathaus an der Place de Grève beschwert hatte, war sie von dem Pöbel freigekommen und fünf Tage später am Genfer See eingetroffen.

Am 20. November gebar sie dort ihren Sohn Albert. Aber schon im Dezember vertraute sie den Säugling ihren Eltern an und reiste nach England, wohin Louis Narbonne mithilfe des jungen deutschen Arztes Erich Bollmann geflohen war, den Germaine für die riskante Aktion gewonnen hatte. Aber »Narbonne, dieser Spieler und Hasardeur, charismatische Magier des Augenblicks, war offensichtlich in seinem englischen Exil schon dabei, sich aus den Fängen seiner besitzergreifenden Geliebten zu lösen. Er war nicht der Typ für eine dermaßen absolute und langfristige Bindung, und schon gar nicht war er der Typ, sich dominieren und emotional erpressen zu lassen.« Ende Mai 1793 brachte er Germaine nach Dover, und sie kehrte in die Schweiz zurück, wo ihr Ehemann, den sie seit seiner Abreise nach Stockholm im Februar des Vorjahres nicht mehr gesehen hatte, sie kurz darauf besuchte.

In der anonymen Streitschrift Réflexions sur le procès de la Reine protestierte Germaine de Staël gegen die Terrorherrschaft der Jakobiner und rief vor allem die Frauen zum Widerstand auf: »Frauen aller Länder, aller Klassen, hört und seid bewegt wie ich!« Aber auch sie konnte nicht verhindern, dass Königin Marie Antoinette am 16. Oktober 1793 – zwei Wochen vor ihrem 38. Geburtstag – guillotiniert wurde.

Suzanne Necker, die von der Libertinage ihrer Tochter so entsetzt war, dass sie zuletzt nicht mehr mit ihr sprach, starb am 15. Mai 1794 im Alter von 55 Jahren. Ihr Leichnam wurde in eine mit Alkohol gefüllte schwarze Marmorwanne gelegt und nach drei Monaten in dem inzwischen vom Witwer errichteten Mausoleum in Coppet beigesetzt. Germaine heuchelte keine Trauer. Bereits im August begann sie eine Affäre mit dem schwedischen Grafen Adolph Ribbing, der im März 1792 an der Ermordung König Gustavs III. auf einem Maskenball in Stockholm beteiligt gewesen war. »Staël tobte, als er von Ribbing erfuhr. Er war, so verbreitete seine Gattin zumindest, mittlerweile ja soweit gewesen, Narbonne ›wie einen Bruder‹ zu dulden, aber nun gleich der nächste, das ging zu weit!« Die Affäre war allerdings von kurzer Dauer, weil Ribbings Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wurde, er im September die Schweiz verlassen musste und nach Dänemark zog.

Ungefähr zur gleichen Zeit lernte Madame de Staël den von seiner Ehefrau getrennt lebenden, eineinhalb Jahre jüngeren Schweizer Publizisten und Literaten Benjamin Constant de Rebecque kennen. Der rothaarige, hochaufgeschossene Schriftsteller bewegte sich linkisch, verfügte jedoch über einen »messerscharfen und auch recht zynischen Intellekt«. Weil sich die 28-Jährige nicht von seinen Liebesschwüren beeindrucken ließ, schluckte er eine – allerdings nicht tödliche – Dosis Opium und brachte Germaine auf diese Weise dazu, sich ihm zuzuwenden.

Ihr Ehemann wurde nach dem Ende der jakobinischen Schreckensherrschaft im April 1795 wieder als schwedischer Botschafter in Paris akkreditiert. Germaine zog zu ihm, und Benjamin Constant mietete sich in der Nähe eine Wohnung. Das hielt seine Geliebte nicht davon ab, dem Kavallerieoffizier François de Pange nachzustellen und von der großen Liebe zu träumen. »In de Pange sah sie den Mann, der vielleicht endlich ihr Glück sein würde, sie machte sich daran, ihn zu erobern, und setzte alle Waffen ein, die ihr zu Gebote standen.« Aber der Tuberkulosekranke hatte nur Augen für seine Cousine Anne-Marie de Sérilly und ließ sich nicht nicht auf eine Affäre mit Germaine ein.

Im August beschuldigte ein Mitglied des Nationalkonvents Madame de Staël, einer royalistischen Verschwörung gegen das neue Regime anzugehören. Weil sie sich deshalb in Paris nicht mehr sicher fühlte, zog sie als Gast von Mathieu de Montmorency-Laval in dessen Schloss Ormesson südöstlich der Hauptstadt. Obwohl Germaine de Staël nicht an dem royalistischen Aufstand beteiligt gewesen war, den der 26-jährige korsische General Napoleon Bonaparte am 5. Oktober beherzt niedergeschlagen hatte, wurde sie des Landes verwiesen, während man ihren Mann vorerst noch in Paris duldete. Das ganze Jahr 1796 verbrachte sie in der Schweiz. Absurderweise wurde sie von den lokalen Behörden als Jakobinerin verdächtigt und deshalb überwacht, während gleichzeitig französische Agenten jeden ihrer Schritte verfolgten, weil sie in Paris als Royalistin galt.

Ende 1796 begrenzte man Germaine de Staëls Verbannung auf Paris und Umgebung. Daraufhin kaufte Benjamin Constant die frühere Abtei Hérivaux, 30 Kilometer nördlich von Paris, und richtete sich dort zusammen mit seiner Lebensgefährtin ein. Im Frühjahr duldeten die französischen Behörden stillschweigend, dass Germaine de Staël nach Paris kam und wieder zu ihrem Ehemann in die schwedische Botschaft zog. Dort wurde sie am 8. Juni 1797 von ihrer Tochter Albertine entbunden, die wie die anderen Kinder auch den Familiennamen Staël bekam, obwohl vermutlich Benjamin Constant der Vater des rothaarigen Mädchens war.

»Dank ihrer Netzwerke und besonders des Forums in ihrem Salon betrieb Germaine de Staël einen Lobbyismus, der seinesgleichen sucht.« Durch ihre hervorragenden Beziehungen verhalf sie ihrem früheren Liebhaber Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, dem exkommunizierten Bischof von Autun, im Juli 1797 zum Amt des französischen Außenministers. Bei einem von Talleyrand veranstalteten Ball begegnete Germaine de Staël am 6. Dezember Napoleon erstmals persönlich, aber der General ignorierte sie. Erst im folgenden Frühjahr gewährte er ihr eine einstündige Audienz, in der sie vergeblich versuchte, ihn von der bereits laufenden Umwandlung der Eidgenossenschaft in einen französischen Vasallenstaat abzubringen. Am 12. April 1798 wurde in Aarau die Helvetische Republik ausgerufen.

Mit einem Staatsstreich erzwang Napoleon am 9. November 1799 die Auflösung des fünfköpfigen Direktoriums, das Frankreich seit vier Jahren regierte, und am Tag darauf ließ er sich zum Ersten Konsul wählen. Entsprechend der neuen Verfassung vom 24. Dezember vereinigte der »Premierkonsul« Napoleon – flankiert von zwei machtlosen Mitkonsuln in beratender Funktion – die exekutive und legislative Gewalt in seiner Hand.

Durch ihre Freundschaft mit Joseph Bonaparte, dem ältesten Bruder des Alleinherrschers, erreichte Germaine de Staël, dass Benjamin Constant ins Tribunat – eine der beiden Kammern des Parlaments – gewählt wurde. Am 5. Januar 1800 hielt er dort eine kritische Rede. »Von der Rostra des Tribunats redete Constant wie Cicero gegen absolutistische Tendenzen und autoritäre Gesetze des Premierkonsuls.« Die Äußerungen missfielen Napoleon, und weil er annahm, dass Constant von seiner Geliebten aufgestachelt worden war, richtete sich sein Zorn vor allem gegen Germaine de Staël. »Ideologen waren ihm zuwider, und erst recht eine Ideologin.« Auf dem Weg nach Italien empfing er zwar im Mai in Genf Jacques Necker, änderte aber nicht seine Meinung über dessen Tochter, zumal diese in ihrem auch von seinen Brüdern Joseph und Lucien, Ministern und Generälen besuchten Salon Stimmung gegen ihn machte. Zu seiner Entourage soll er gesagt haben: »Raten Sie ihr, sich mir ja nicht in den Weg zu stellen […], andernfalls werde ich sie zerbrechen, zerschmettern werde ich sie.« Und bei einer weiteren persönlichen Begegnung mit ihr (der letzten) im Dezember 1800 blieb er vor ihr stehen, betrachtete ihr Dekolleté und sagte: »Sie haben gewiss Ihre Kinder selbst gestillt.« Auf diese Unverschämtheit fiel selbst der ansonsten so redegewandten Germaine de Staël keine Erwiderung ein.

Am 8. Mai 1802 holte sie ihren nach einem Schlaganfall gelähmten und dementen Ehemann in Paris ab, um ihn nach Coppet zu bringen, aber der 52-Jährige starb am nächsten Tag in Poligny, 100 Kilometer nordwestlich von Genf. Sie musste eine Nacht mit der Leiche in einem Gasthof verbringen. Weil eine Frau einen Vormund für ihre minderjährigen Kinder benötigte, bat sie Mathieu de Montmorency-Laval, diese Funktion zu übernehmen. Aufgezogen wurden die Kinder jedoch von ihrem Großvater Jacques Necker, den sie »Vater« nannten.

Nach Essays und Sachbüchern veröffentlichte Germaine de Staël Ende 1802 den gesellschaftskritischen Roman Delphine. Als die Autorin ein Dreivierteljahr später erneut aus Nordfrankreich verbannt wurde, brach sie im Spätherbst 1803 mit Benjamin Constant, ihrer sechsjährigen Tochter Albertine und ihrem 13-jährigen Sohn Auguste nach Deutschland auf. Der zwei Jahre jüngere Albert blieb im Internat in Genf.

»Ich glaube […], dass der Genius der Menschheit, der von einem Lande zum anderen zu ziehen scheint, jetzt in Deutschland zu finden ist«, hatte sie im Vorjahr geschrieben. »Ich studiere das Deutsche sehr sorgsam, und ich habe die sichere Empfindung, dass ich nur dort neuen Gedanken und neuen Gefühlen begegnen werde.« Obwohl Germaine de Staël Goethe im Original las, sprach sie auf ihrer Deutschlandreise ausschließlich französisch. In Frankfurt am Main, wo die Reisegruppe sich einige Zeit aufhielt, gefiel es der frankophonen Exzentrikerin gar nicht. »Geschmack gestand Germaine de Staël den Deutschen in keinem Lebensbereich zu. Ob es sich nun um städtische Architektur handelte, Kunst oder Kleidung, alles empfand sie als ›gutgemeint‹, aber plump.« Das galt auch für den Humor der Deutschen und deren Umgangsformen. Dass sie sich willig nach Vorschriften richteten, wunderte die Reisende. Entsetzlich fand sie die überheizten, vom Tabakrauch und womöglich von Bierdunst geschwängerten Räume. Germaine war enttäuscht, dass sich die Bürger, die in der Freien Stadt Frankfurt das Leben prägten, nicht für intellektuelle Diskussionen interessierten. »Man war wohl auch etwas vorsichtig, mit der Napoleon-Gegnerin Umgang zu pflegen, um sich nicht öffentlich zu kompromittieren.«

Goethes Mutter empfand die ungebetene Besucherin als aufdringlich und lästig: »Mich hat sie gedrückt, als wenn ich einen Mühlstein am Hals hangen hätte«, beklagte sie sich in einem Brief an ihren Sohn, »ich ging ihr überall aus dem Wege, schlug alle Gesellschaften aus, wo sie war, und atmete freier, da sie fort war. Was will die Frau mit mir?«

Mitte Dezember traf die Reisegruppe dann in Weimar ein. Germaine de Staël wollte selbstverständlich mit dem von ihr verehrten Dichter Johann Wolfgang von Goethe reden und schickte ihm ein Billet, aber er hatte sich nach Jena abgesetzt, um dem Rummel zu entgehen. In fließendem Französisch schrieb er ihr, er sei beschäftigt und obendrein erkältet. Daraufhin schlug sie vor, zu ihm nach Jena zu kommen, aber er konnte sie davon abhalten. Die 64-jährige Herzogin Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel und deren Erste Hofdame Luise von Göchhausen waren von der Besucherin allerdings ebenso fasziniert wie Charlotte von Stein[5] und Henriette von Knebel. »Man fand sie natürlich bei all ihrem Geistesreichtum und ihrem beeindruckenden Auftreten, erfrischend, belebend und angenehm.« Weil Goethe abwesend war und Herder im Sterben lag, forderte der Hof Friedrich Schiller auf, dem Gast seine Aufwartung zu machen. Der Dichter, der gerade an seinem Drama Wilhelm Tell arbeitete, beklagte sich in einem Brief an seinen Freund Theodor Körner: »Mein Stück nimmt mir den ganzen Kopf, und nun führt mir der Dämon noch die französische Philosophin hierher, die unter allen lebendigen Wesen, die mir noch vorgekommen, das beweglichste, streitfertigste und redseligste ist. Sie ist aber auch das gebildetste und geistreichste weibliche Wesen, und wenn sie nicht wirklich interessant wäre, so sollte sie mir auch ganz ruhig hier sitzen. Du kannst dir aber denken, wie eine solche ganz entgegengesetzte, auf dem Gipfel französischer Kultur stehende, aus einer ganz anderen Welt hergeschleuderte Erscheinung mit unserem deutschen und vollends mit meinem Wesen kontrastieren muss.« An Goethe schrieb er: »In allem, was wir Philosophie nennen, folglich in allen letzten und höchsten Instanzen, ist man mit mir im Streit und bleibt es, trotz alles Redens. […] Sie will alles erklären, einsehen, ausmessen, sie statuiert nichts Dunkles, Unzugängliches, und wohin sie nicht mit ihrer Fackel leuchten kann, da ist nichts für sie vorhanden. […] Sie ersehen aus diesen paar Worten, dass die Klarheit, Entschiedenheit und geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur nicht anders als wohltätig wirken können; das einzige Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können.«

An Weihnachten kehrte Goethe endlich nach Weimar zurück und lud Germaine de Staël mit Benjamin Constant zusammen ein. Aber der Dichter, »der weibliche Genialität […] nicht so gern gelten ließ« und sich daran störte, dass seine Besucherin zusammenfassend über sein Lebenswerk zu schreiben beabsichtigte, entschuldigte sich nach zwei oder drei weiteren Begegnungen wieder mit einer Erkältung.

Germaine de Staël reiste Anfang März 1804 von Weimar über Leipzig nach Berlin, wo Königin Luise am 10. März ihren 28. Geburtstag feierte. Zu dem aus diesem Anlass veranstalteten Ball wurde sie als Ehrengast eingeladen, und vier Tage später saß sie bei einem Kostümfest am Tisch der preußischen Königin. Zu einem Eklat kam es, als die sechsjährige Albertine den zwei Jahre älteren Kronprinzen Friedrich Wilhelm ohrfeigte. König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise nahmen die Ungehörigkeit jedoch nicht weiter ernst.

In einer Gesellschaft wurde ihr Johann Gottlieb Fichte vorgestellt, einer der bedeutendsten Vertreter des Idealismus, über dessen Grundzüge Madame de Staël in Weimar von einem jungen in Jena studierenden Engländer unterrichtet worden war, dem gegenüber sie geprahlt hatte: »Ich verstehe alles, was verdient, verstanden zu werden; was ich nicht verstehe, bedeutet auch nichts.« Ohne auf Fichtes Schwierigkeiten mit der französischen Sprache Rücksicht zu nehmen, forderte sie ihn auf, ihr kurz seine philosophischen Ansichten zu erläutern. Nach gerade mal zehn Minuten verlor sie die Geduld. »Ah! Das reicht, ich verstehe, ich verstehe Sie sehr gut, Monsieur Fischt.«

Die berühmte Salonière Henriette Herz erinnerte sich später an Germaine de Staëls Besuch in Berlin: »Es ist nicht möglich, sich eine lebendigere und geistreichere Unterhaltung zu denken als die ihre. Allerdings […] wurde man von ihr fast bis zum Übermaß mit Geistesblitzen überschüttet. Und nicht minder lebhaft als im Antworten war sie im Fragen, ja ihre Fragen folgten einander mit solcher Schnelligkeit, dass es kaum möglich war, ihr genügend zu entgegnen. Ihr unersättlicher Durst nach Vermehrung ihrer Kenntnisse ließ ihr keine Ruhe, aber ihre Sucht, den subtilsten Geist, welcher aus den Tiefen der Wissenschaft aufsteigt, im Fluge von der Oberfläche wegzuhaschen, war schon bei ihrer Anwesenheit in Berlin Gegenstand leichten Spottes.« Rahel Varnhagen fügte hinzu: »Verstand hat sie genug, aber keine horchende Seele; nie ist es still in ihr.« Das bestätigte auch Wilhelm von Humboldt: »Sie hat keine Stille im Gemüt.«

Benjamin Constant hatte sich in Leipzig von der Gruppe getrennt; er fuhr nach Lausanne, aber als Jacques Necker am 9. April in Coppet starb, kehrte er nach Weimar zurück und wartete dort auf seine Lebensgefährtin. Vom Tod ihres Vaters wagte er sie jedoch nicht zu benachrichtigen; das überließ er Luise von Göchhausen. Germaine de Staël trat daraufhin am 1. Mai die Heimreise an.

Begleitet wurde sie nun auch von August Wilhelm Schlegel, den sie als Hauslehrer ihrer Kinder angestellt hatte. Der deutsche Philosoph, einer der bedeutendsten Vertreter der Romantik, beherrschte die französische Sprache vorzüglich. Seine Ehe war ein Jahr zuvor geschieden worden. Obwohl Madame de Staël Distanz zu ihm wahrte und ihm sein Bruder Friedrich riet, die zwar gut bezahlte, aber entwürdigende Stellung aufzugeben, blieb er bei Germaine de Staël und versicherte ihr am 18. Oktober sogar schriftlich, sie könne über ihn wie über einen Sklaven verfügen: »Hiermit erkläre ich, dass Sie jedes Recht auf mich haben und ich keines auf Sie. Verfügen Sie über meine Person und mein Leben, befehlen und verbieten Sie – ich werde Ihnen in allen Stücken gehorchen.«

Wie einst Julius Caesar hatte Napoleon Bonaparte zunächst als Feldherr Ruhm erworben, sich dann als Konsul nach oben gekämpft, als Diktator den Staat neu geordnet, und nun griff er nach der Krone. Aber nicht das Erbe der Bourbonen bzw. die französische Königskrone strebte Napoleon an, sondern das universale Kaisertum in der Tradition Karls des Großen. Papst Pius VII. wagte es nicht, sich dem Ruf des mächtigen Franzosen zu widersetzen: Er reiste nach Paris und salbte Napoleon am 2. Dezember 1804 in Notre-Dame, bevor dieser sich selbst die Kaiserkrone aufsetzte und anschließend seine Ehefrau Joséphine krönte.

Am Tag darauf fuhr Germaine de Staël mit August Wilhelm Schlegel und ihren drei Kindern nach Italien. In Mailand, wo sie sich drei Wochen aufhielten, schloss sich ihnen Jean-Charles-Léonard Simon de Sismondi an, ein verklemmter Pastorensohn aus Genf, der Madame de Staël ebenso ergeben war wie Schlegel. Von Anfang Februar bis Mitte Mai 1805 hielt sie sich in Rom auf. Sie feierte dort ihren 39. Geburtstag und hatte drei Wochen lang eine Affäre mit Pedro de Sousa e Holstein, einem 15 Jahre jüngeren Aristokraten, der später eine führende Rolle in der portugiesischen Politik spielen und zum Herzog von Palmella erhoben werden sollte. Im Juni kehrte Germaine de Staël nach Coppet zurück.

Benjamin Constant, der nicht mit nach Italien gereist war, nutzte die Abwesenheit seiner Lebensgefährtin für einen Versuch, von ihr loszukommen. »Ich bin dieses Mannweibs müde, das mich mit eiserner Faust seit zehn Jahren knechtet«, klagte er. Fünf Jahre zuvor hatte er bereits einer Irin mit zwei unehelichen Kindern einen Heiratsantrag gemacht, war dann aber doch bei Germaine de Staël geblieben. Nun traf er sich in Paris mit zwei Frauen, die ihm gefielen. Eine von ihnen – Charlotte du Tertre, geborene von Hardenberg – hatte sich in den Neunzigerjahren seinetwegen in Braunschweig von ihrem Ehemann getrennt, war aber inzwischen in zweiter Ehe mit einem französischen General verheiratet. Trotz aller Vorsätze eilte Benjamin Constant dann aber doch wieder nach Coppet, sobald Germaine de Staël wieder da war. Und er brachte einen ihrer weiteren Verehrer mit, Prosper de Barante, den 24-jährigen Sohn des Präfekten des französischen Departements Léman. »Zurück in Coppet, zwischen dem im Aufbruch begriffenen Noch-Lebensgefährten (Constant), zwei sich ins Gehege kommenden Neu-Geliebten (Dom Pedro/Barante), dem ewig beleidigten Schlegel, dem diskret seufzenden Sismondi, der sich während der Italienreise vollends in Germaine verliebt hatte, dem ebenfalls in sie verliebten [Karl Viktor von] Bonstetten sowie einer Fülle wechselnder Besucher in der neu angebrochenen Sommersaison schrieb Germaine ihren Italien-Roman [Corinne ou l’Italie].«

Aufgrund eines wohlwollenden Berichts, den Prospers Vater Claude Ignace de Barante nach Paris geschickt hatte, erhielt Madame de Staël die Erlaubnis, Frankreich wieder zu betreten. Allerdings durfte sie sich Paris nur bis auf 40 Meilen nähern. Während Napoleon gerade dabei war, Europa zu erobern, reiste seine Widersacherin im April 1806 mit Schlegel, ihrem Sohn Albert und ihrer Tochter Albertine nach Frankreich. Benjamin Constant und Prosper de Barante folgten ihr zwei Monate später nach Auxerre. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Rouen wagte sich Germaine de Staël Ende November bis ins Château d’Acosta in Aubergenville vor, und im Jahr darauf kaufte sie ein Haus in Montmorency am nördlichen Rand von Paris. Als sie aber im Frühjahr 1807 in die Stadt fuhr, wurde sie erneut ausgewiesen und musste nach Coppet zurückkehren.

Benjamin Constant blieb noch zwei Monate länger in Paris und verbrachte die Zeit mit Charlotte du Tertre, die sich nun auch von ihrem zweiten Ehemann trennte, um für den Geliebten frei zu sein. Der erklärte ihr allerdings, er müsse noch ein letztes Mal zu seiner bisherigen Lebensgefährtin, um sich endgültig von ihr zu trennen.

Im Juli traf er deshalb wieder in Coppet ein, wo inzwischen Juliette Récamier bei ihrer Freundin zu Besuch war. »Das Universum von Coppet drehte sich um zwei Sonnen – Germaine, flammend, explodierend, gebieterisch; und Juliette, kühl, distanziert und anziehend.« Für die Bewohner des Schlosses und ihre zahlreichen Gäste arbeiteten allein in der Küche bis zu 15 Bedienstete. Das Abendessen wurde gegen 23 Uhr eingenommen, und das anschließende kulturelle Programm dauerte oft bis in die Morgenstunden. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Schlossherrin Opium als Schlafmittel benötigte. »Sie schläft nur wenige Stunden und ist die ganze übrige Zeit hindurch in einer ununterbrochenen, fürchterlichen Tätigkeit. Ihre Reden sind Abhandlungen oder eine zusammengehäufte Masse von Laune und Witz. Sie kann nur nicht alltägliche Leute um sich leiden. Während sie frisiert wird, während sie frühstückt, schreibt sie bereits; im Ganzen genommen bringt sie ein Drittel von jedem Tag mit Schreiben zu. Sie hat nicht Ruhe genug, um das Geschriebene wieder vorzunehmen, um auszubessern, um zu vollenden.« Coppet war »ein Diskussionsforum, Kulturzentrum, literarischer Salon, Werkstätte für Publizistik und Dramaturgie, Gesellschaftsort und eine Insel der Verbannten, wenn der Wind aus Paris schneidender wurde«. Germaine de Staël »beflügelte [jetzt] auch den europäischen Widerstand«.

Nach der Veröffentlichung ihres emanzipatorischen Romans Corinne ou l’Italie fuhr sie Ende November 1807 mit Schlegel, Albert und Albertine über München nach Wien, wo Kaiser Franz II. von Napoleon gezwungen worden war, am 6. August 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation für erloschen zu erklären, und nur noch den österreichischen Kaisertitel führen durfte.

Admiral Horatio Nelson hatte zwar die britische Seeherrschaft durch den Sieg über die französisch-spanische Armada in der Schlacht vor Trafalgar am 21. Oktober 1805 gesichert, aber auf dem Kontinent war Napoleon nicht mehr aufzuhalten, nachdem er in der »Dreikaiserschlacht« bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 die Armeen von Kaiser Franz II. und Zar Alexander I. bezwungen und am 14. Oktober 1806 das preußische Heer in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt vernichtet hatte.

Sogar in Wien wurde Germaine de Staël von Geheimagenten observiert. Dabei fiel auf, dass der 27-jährige Hauptmann Moritz O’Donnell Graf von Tyrconnel fast jede Nacht bei der 14 Jahre älteren Französin verbrachte. Um den eifersüchtigen August Wilhelm Schlegel zu besänftigen, vermittelte sie ihm die Gelegenheit, eine Vorlesungsreihe »Über dramatische Kunst und Literatur« in Wien zu halten.

Ihren 17-jährigen Sohn Auguste hatte Germaine de Staël nicht mit auf die Reise genommen, denn er sollte sich nicht nur für die Aufhebung ihrer Verbannung einsetzen, sondern auch die Rückzahlung der zwei Millionen Livres anmahnen, die ihr Vater der französischen Staatskasse geliehen hatte und die 1793 von den Revolutionären konfisziert worden waren. Der Kaiser empfing Auguste de Staël zwar am 30. Dezember 1807 während eines Aufenthalts in Chambéry, aber das Ansinnen machte ihn so zornig, dass er behauptete, Augustes Großvater habe die Monarchie zu Fall gebracht und sei an der Hinrichtung Ludwigs XVI. schuld gewesen: »Ich sage Ihnen, dass sogar Robespierre, Marat, Danton Frankreich weniger geschadet haben als Necker.«

Dieter Wunderlich

Über Dieter Wunderlich

Biografie

Dieter Wunderlich, geboren 1946 in München, Diplompsychologe, war von 1973 bis 2001 im Management eines großen internationalen Unternehmens tätig. Seit 1999 hat er sich mit Büchern wie z. B. »EigenSinnige Frauen«, »WageMutige Frauen«, »AußerOrdentliche Frauen« und »Verführerische Frauen« als Autor...

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