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Und die Sonne stand stillUnd die Sonne stand still

Und die Sonne stand still

Wie Kopernikus unser Weltbild revolutionierte

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Und die Sonne stand still — Inhalt

Schon um das Jahr 1514 verfasste Nikolaus Kopernikus eine erste Skizze seiner heliozentrischen Theorie. Nicht die Erde stand demnach im Mittelpunkt des Universums, sondern die Sonne, und die Planeten umkreisten sie. Diese Schrift war revolutionär, aber nur einem kleinen Kreis von Astronomen bekannt. Anhand zahlloser Sternenbeobachtungen entwickelte Kopernikus seine Theorie weiter, das betreffende Manuskript hielt er jedoch unter Verschluss. Die geheimnisumwitterte Existenz dieser Schrift trieb Wissenschaftler in ganz Europa um.

Im Jahr 1539 begab sich schließlich der junge deutsche Mathematiker Georg Joachim Rheticus nach Frauenburg, um Kopernikus zu überreden, sein Werk zu veröffentlichen. Unter dem Titel De revolutionibus orbium coelestium (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise) sollte das Buch unser Verständnis von unserem Platz im Universum für immer verändern. Elegant erzählt Dava Sobel die Geschichte der Kopernikanischen Revolution und bettet sie ein in die Geschichte der Astronomie von Aristoteles bis zum Mittelalter. Wie schon in ihren Bestsellern Längengrad und Galileos Tochter liefert sie so das unvergessliche Porträt einer wissenschaftlichen Großtat.

€ 22,99 [D], € 23,70 [A]
Erschienen am 20.08.2012
Übersetzer: Kurt Neff
320 Seiten
ISBN 978-3-8270-0894-7
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 20.08.2012
Übersetzer: Kurt Neff
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7529-1

Leseprobe zu »Und die Sonne stand still«

1
Moralische, ländliche und erotische Briefe
Die Zikade, das musikalische Tier, beginnt zu singen,
wenn die Morgenröte leuchtet. Aber viel schallender
und ihrer Natur gemäß geschwätziger vernimmt man
sie zur Mittagsstunde, gleichsam trunken von den
Strahlen der Sonne. Es zirpt also die Sängerin, und indem
sie den Baum zur Bühne, den Acker zum Theater
macht, bietet sie den Wanderern ihre Musik dar.
Aus Kopernikus’ erstem veröffentlichten Werk,
Des Scholastikers Theophylaktos Simokattes
moralische, ländliche und erotische Briefe (1509)


Nikolaus Kopernikus, der Mann, [...]

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1
Moralische, ländliche und erotische Briefe
Die Zikade, das musikalische Tier, beginnt zu singen,
wenn die Morgenröte leuchtet. Aber viel schallender
und ihrer Natur gemäß geschwätziger vernimmt man
sie zur Mittagsstunde, gleichsam trunken von den
Strahlen der Sonne. Es zirpt also die Sängerin, und indem
sie den Baum zur Bühne, den Acker zum Theater
macht, bietet sie den Wanderern ihre Musik dar.
Aus Kopernikus’ erstem veröffentlichten Werk,
Des Scholastikers Theophylaktos Simokattes
moralische, ländliche und erotische Briefe (1509)


Nikolaus Kopernikus, der Mann, dem die Revolutionierung
unserer Auffassung vom Kosmos zuzuschreiben
ist, wurde am Freitag, dem 19. Februar
1473, nachmittags um 4.48 Uhr in der Stadt Thorn
im »altpreußischen« Teil des Königreichs Polen geboren.
Sein (in der Bayerischen Staatsbibliothek in München
aufbewahrtes) Horoskop für diesen verheißungsvollen
Zeitpunkt zeigt die Sonne elf Grad im Tierkreiszeichen
Fische im sechsten Haus, während Jupiter und Mond
mit vier beziehungsweise fünf Grad im Tierkreiszeichen
Schütze im dritten Haus »in Konjunktion«, also praktisch
übereinander, stehen. Was auch immer eine solche Konstellation
an Hinweisen auf Charakter und Schicksal enthalten
mag – dieses spezielle Geburtsblatt ist erst nachträglich,
am Lebensende des Astronomen entstanden und
nicht am Beginn (wobei Datum und Uhrzeit der Geburt
errechnet und nicht etwa einer Geburtsurkunde entnommen
wurden). Zu dem Zeitpunkt, als Kopernikus’ Horoskop
erstellt wurde, wussten seine Zeitgenossen bereits,
dass er der Urheber eines neuen Modells vom Universum
war – dass er dem gesunden Menschenverstand und der
traditionellen Lehre zum Trotz die Sonne in das Zentrum
des Kosmos gestellt und dann die Erde auf einer
Kreisbahn um sie herum in Bewegung gesetzt hatte.
Mit annähernd siebzig Jahren hatte Kopernikus kaum
Veranlassung, sich an sein Geburtsdatum oder gar an
die auf die Minute genaue Geburtszeit zu erinnern. Zudem
hatte er niemals auch nur den leisesten Glauben
an irgendwelche astrologischen Weissagungen bekundet.
Sein damaliger Gefährte jedoch, ein erklärter Anhänger
der »prognostischen Kunst«, bedrängte ihn offenbar um
biografische Einzelheiten, um die Sternenkonstellation
zum Zeitpunkt seiner Geburt bestimmen zu können.
Die Symbole und die Dreiecksfelder des Horoskops
verorten die Sonne, den Mond und die Planeten im Tierkreis,
dem Ring von Sternbildern, den sie im Jahreslauf scheinbar durchwandern.
Die Zahlen beschreiben genauer ihre Stellung über oder unter dem Horizont zum
fraglichen Zeitpunkt. Obschon das Diagramm geradezu
nach einer Ausdeutung verlangt, ist nichts Derartiges
mitüberliefert.
Eine heutige Astrologin, die gebeten worden
war, sich den Fall näher anzusehen, fertigte mit Hilfe
einer Computersoftware eine neue Horoskopzeichnung
in Kreisform an, in die sie auch Himmelskörper des Sonnensystems
einbezog, die zur Zeit des Kopernikus noch unbekannt gewesen waren.
So stahlen sich Uranus und Neptun in das dritte Haus zu Mond und Jupiter hinein,
während sechzehn Grad im Sternzeichen Jungfrau im
ersten Haus Pluto, eine dunkle Kraft, in Opposition zur
Sonne in Erscheinung trat. Sichtlich beeindruckt von der
Pluto-Sonne-Opposition, erklärte die Sterndeuterin, sie
sei das Kennzeichen eines geborenen Revolutionärs.
Bei dem kühnen Projekt einer Neuordnung des astronomischen
Weltbilds, das Kopernikus im Entwurf
konzipierte und dann über Jahrzehnte in freien Stunden
weiterentwickelte, ging es in seinen Augen um nichts
Geringeres als den Bauplan für die »bewunderungswürdige
Harmonie der Welt«. Gleichwohl wahrte er
Vorsicht, indem er seine Ideen zuerst nur gegenüber
einigen wenigen Fachkollegen durchsickern ließ und
keinerlei Versuche unternahm, andere zu seinen Ansichten
zu bekehren. Unterdessen sorgten um ihn herum
immer wieder reale und blutige Umwälzungen – die protestantische
Reformation, der Bauernkrieg, kriegerische Auseinandersetzungen
mit dem Deutschen Orden und mit dem Osmanischen
Reich – für unruhige Zeiten. Kopernikus
zögerte die Veröffentlichung seiner Theorie so
lange hinaus, dass ihn ein erstes Exemplar seines endlich
im Druck erschienenen genialen Buches De revolutionibus
orbium coelestium erst Stunden vor seinem letzten Atemzug
erreichte. Von der Kritik oder dem Beifall, die das Buch
erfuhr, bekam er nichts mehr mit. Jahrzehnte nach seinem
Tod, als die ersten mit Hilfe des neu erfundenen Teleskops
gemachten astronomischen Entdeckungen seine Anschauungen
glaubhaft erscheinen ließen, ächtete die Römische Inquisition
sein Werk. Im Jahre 1616 wurde De revolutionibus auf den Index der verbotenen
Bücher gesetzt und blieb dort mehr als 200 Jahre lang. Kopernikus’ Ideen
hatten einen philosophischen Meinungsstreit und einen
Wandel des Weltbilds zur Folge, die gelegentlich unter
der Bezeichnung kopernikanische Revolution oder kopernikanische
Wende zusammengefasst werden.
GEBURTSHOROSKOP FÜR NIKOLAUS KOPERNIKUS
Zu Kopernikus’ Zeiten schöpften Astronomen und Astrologen aus
ein und derselben Quelle des Wissens über die Stellungen der Himmelskörper
vor dem Hintergrund des Sternhimmels. Bis zur Erfindung
des Fernrohrs im 17. Jh. waren Positionsbestimmung und -vorhersage
das einzige Arbeitsfeld der Planetenkunde – und die Grundlage
für das Erstellen von Horoskopen.
Bei der Taufe erhielt Kopernikus den Namen seines
Vaters – Mikolaj im Polnischen, Niklas in seiner deutschen
Muttersprache. Später, als Gelehrter, hat er seinen Namen
latinisiert, aufgewachsen ist er jedoch als Niklas Koppernigk,
zweiter Sohn und jüngstes Kind einer aus dem oberschlesischen
Kupferbergbaugebiet stammenden Kaufmannsfamilie.
Der Name des Heimatdorfs seiner Ahnen,
Koprnik, später Köppernig (heute Koperniki), könnte
entweder von koper, dem slawischen Namen der Dillpflanze,
abgeleitet sein oder von dem mittelniederdeutschen
Wort kopper, »Kupfer«, dem Namen des Metalls, das dort
abgebaut wurde – vielleicht verwies er auch auf alle beide
Produkte der umliegenden Berghänge. Die etymologischen
Wurzeln des Dorfnamens waren jedenfalls längst
verschüttet, als Dorfbewohner späterer Generationen
die Heimat verließen, um in den Städten ihr Glück zu versuchen.
Im Jahr 1375 wurde ein Waffenschmied namens
Niczko (= Nicolaus) Coppernik in den Stadtbüchern von
Krakau aktenkundig, 1395 gefolgt von dem Steinmetz Niclos
Koppirnig, und wie ein Aktenvermerk im Lemberger
Stadtarchiv bezeugt, übersiedelte 1439 der Seiler Nicolas
Koppernik von Krakau nach Lemberg – alle drei trugen
sie sowohl den Namen der Heimat ihrer Ahnen als auch
den von deren populärem Schutzpatron.
Um das Jahr 1456 übersiedelte der Kaufherr Niklas
Koppernigk, der einen Großhandel mit ungarischem
Kupfer betrieb, von Krakau weichselabwärts nach Thorn,
wo er Barbara Watzenrode heiratete. Die Eheleute wohnten
in einem hohen Backsteinhaus in der schmalen St. A nnengasse
(später in Kopernikusstraße umbenannt), wo sie
vier Kinder großzogen. (Das Gebäude beherbergt heute
ein Museum, das dem Andenken des berühmten Mannes
gewidmet ist.) Von dem zweiflügeligen Frontportal mit
der spitzbogigen Archivolte aus war es für die beiden
Knaben Andreas und Niklas nur ein kurzer Fußweg zur
Pfarrschule der Sankt-Johannes-Kirche oder hinunter
zum Warenlager der Familie nahe der Weichsel, die, eine
Lebensader des Handels, von Krakau her an Warschau
vorbei-, dann durch Thorn und weiter nach Danzig floss,
wo sie nahebei in die Ostsee mündete.
Als der kleine Niklas zehn Jahre alt war, starb Niklas
senior und ließ zwei Söhne und zwei Töchter vaterlos
zurück. Möglicherweise bat die verwitwete Barbara Koppernigk
ihren Bruder Lukas Watzenrode um Beistand.
Watzenrode gehörte dem niederen katholischen Klerus
an und bekleidete in der gut 200 Kilometer
entfernt im Fürstbistum Ermland gelegenen Stadt Frauenburg
das Amt eines »Kanonikus«, eines Domherrn oder Domkapitulars.
Möglicherweise war Barbara auch schon vor
ihrem Ehegatten gestorben – ihr Todesdatum ist nicht
überliefert. In jedem Fall kamen die Kinder in die Obhut
ihres Onkels. Kanonikus Watzenrode handelte für seine
jüngere Nichte Katharina einen Ehevertrag mit dem
Krakauer Kaufherrn Bartel Gertner aus und brachte die
ältere, Barbara, in dem Zisterzienserinnenkloster in Kulm
unter. Für seine jungen Neffen sorgte er während ihrer
Schulzeit in Thorn und später in Kulm oder Włocławek,
bis sie in der Lage waren, seine Alma Mater, die Jagiellonen-
Universität in Krakau, zu besuchen. Zu diesem Zeitpunkt
war Onkel Lukas bereits von einer eher mediokren
Position in der katholischen Hierarchie zum Fürstbischof
von Ermland aufgestiegen.
Die Jagiellonen-Bibliothek der Universität Krakau
bewahrt eine alte handschriftliche Matrikel auf, in der
in Kanzleischrift vermerkt ist, dass der achtzehnjährige
Nikolaus Kopernikus die Studiengebühr für das Wintersemester
1491/92 in voller Höhe gezahlt hat. Er studierte Logik, Poetik,
Rhetorik, Naturphilosophie und mathematische
Astronomie. In den Lehrveranstaltungen, die
er besuchte, wurden das Kupfer, mit dem sein Vater gehandelt
hatte, und andere Naturstoffe nicht als Elemente
im Sinne unseres heutigen Periodensystems behandelt.
Vielmehr betrachtete man sie als je verschiedene
Kombinationen der klassischen vier Elemente Erde, Wasser,
Luft und Feuer. Der Himmelsraum hingegen bestand
zur Gänze aus einem fünften Grundstoff, dem Äther,
der sich von den vier anderen dadurch unterschied, dass
er unwandelbar und ewig war. Gewöhnliche, irdische
Dinge bewegten sich mehr oder weniger geradlinig fort,
indem sie entweder nach dem ihrer Natur angemessenen
Ort in der Weltordnung strebten oder von außen angestoßen
wurden. Himmelskörper indessen hafteten an sich
ewig drehenden Schalen von vollkommener Kugelform
(»Sphären«).
Vom Beginn seines Universitätsstudiums an fesselten
die Planetenbewegungen Kopernikus’ Interesse. Noch
als Student erwarb er zwei Druckwerke mit astronomischen
Tafeln zur Berechnung der Planetenstellungen
und ließ sie unter Beibindung von sechzehn leeren Seiten
zu einem Band vereinen; die hinzugefügten Seiten füllte
er mit der Abschrift von Teilen eines dritten Tafelwerks
und mit eigenen Notizen. (Der Band wurde zusammen
mit anderen Überresten seiner persönlichen Bibliothek
im Dreißigjährigen Krieg als Beutegut nach Schweden
verschleppt und befindet sich heute in der Universitätsbibliothek
zu Uppsala.)
Mehr als einmal hat Kopernikus die Faszination, welche die Astronomie auf ihn ausübte, mit ihrem ästhetischen Reiz erklärt und rhetorisch gefragt:
»Was ist schöner als der Himmel,
welcher ja alles Schöne
enthält?« Außerdem sprach er von der »unglaublichen
Beseligung des Geistes«, die er bei der Betrachtung von
Dingen erfahre, welche er »in der besten Ordnung
gegründet, von der göttlichen Vorsehung gelenkt« sehe.
»Unter den vielen verschiedenen Studien der Wissenschaften
und Künste, durch welche sich der Menschengeist
entwickelt«, schrieb er, »halte ich diejenigen
vorzüglich für werth, ergriffen und mit dem höchsten
Eifer betrieben zu werden, welche sich mit den schönsten
und wissenswürdigsten Gegenständen beschäftigen.
Diese sind nun diejenigen, welche von den himmlischen
Kreisbewegungen der Welt, dem Laufe der Gestirne …
handeln.«
Das einem seit langem verschollenen Selbstbildnis
nachempfundene Porträtgemälde von Kopernikus, das
heute im altstädtischen Rathaus der Stadt Torun (Thorn)
hängt, zeigt einen gut aussehenden, jugendlich wirkenden
Mann. Der Dargestellte trägt ein rotes Studentenwams,
in die dunklen Augen und das schwarze Haar sind
Glanzlichter gemalt. (Bei genauerem Hinsehen erkennt
man, dass der Lichtfleck in den beiden braunen Iriden
ein hohes gotisches Fenster widerspiegelt.) Die Nase ist
lang, der Schatten über den vollen Lippen bezeugt Männlichkeit,
und über den gesamten Innenwinkel des linken
Auges zieht sich eine schwache Narbe bis in die Braue
hinauf. Auf dieses Merkmal beriefen sich die polnischen
Archäologen, die 2005 bei Grabungen in der Kathedrale
von Frombork (Frauenburg), in der Kopernikus einst
beigesetzt worden war, seinen Schädel gefunden hatten.
Zwei Kerben am Rand der rechten – nicht der linken –
Augenhöhle schienen ihre Identifizierung zu bestätigen,
denn jeder, der sich selbst porträtiert, nimmt sich ja spiegelbildlich
wahr.
Im September 1496 reiste Kopernikus, wiederum auf
Geheiß seines Onkels, nach Italien, wo er an der Uni-
DAS ARISTOTELISCHE UNIVERSUM
In der Schule hatte Kopernikus gelernt, dass die Welt um ihn herum
aus vier Elementen bestand: Erde, Wasser, Luft und Feuer. In weiter
Ferne von diesen gewöhnlichen Stoffen bestanden der Mond und
die anderen Himmelskörper aus einem fünften, unwandelbaren und
unzerstörbaren
Grundstoff. Die Körper am in sich vollkommenen
Himmel befanden sich in gleichförmiger Kreisbewegung.
versität Bologna das Kirchenrechtsstudium aufnahm. Er
hatte erst ein Jahr Studium hinter sich, als er schon selbst
ein Kirchenmann wurde. Der Tod eines der sechzehn
Mitglieder des ermländischen Domkapitels schuf eine
Vakanz, und Bischof Watzenrode nutzte seinen Einfluss,
um das Amt seinem abwesenden Neffen zu verschaffen.
Als vierzehnter Domherr des Frauenburger Kapitels war
Kopernikus de facto Mitglied im reichen und mächtigen
Leitungsgremium des Fürstbistums Ermland und bezog
nun ein eigenes Einkommen unabhängig von dem, was
er an Unterhalt vonseiten seines Onkels genoss.
In Bologna wohnte er bei dem Astronomieprofessor
Domenico Maria Novara, dem er bei seinen nächtlichen
Beobachtungen zur Seite stand. Gemeinsam beobachteten
sie am 9. März 1497, wie der Mond vor dem
hellen Stern Aldebaran (dem »Auge« des Sternbilds
Stier) vorbeizog, und in seinen Notizen hielt Kopernikus
fest, wie sie »am Ende der 5ten Stunde der Nacht den
Stern dicht an dem dunkeln Theile des Mondkörpers
zwischen den Hörnern des Mondes eben verschwinden«
sahen.
Nach Beendigung seines rechtswissenschaftlichen Studiums
in Bologna besuchte Kopernikus im Frühjahr 1500
die Stadt Rom, um dort die Feiern zum Heiligen Jahr mitzuerleben.
Er und die anderen Pilger sorgten dafür, dass
sich die Bevölkerung der Heiligen Stadt vorübergehend
verdreifachte. Am Ostersonntag empfing eine Menge von
200 000 Menschen auf dem Petersplatz kniend den Segen
des Papstes Alexander VI . Am 6. N ovember beobachtete
Kopernikus, immer noch in Rom, eine partielle Mondfinsternis,
die er später in De revolutionibus erwähnte.
Auch hielt er während seines Romaufenthalts Mathematik25
vorlesungen vor Studenten wie Fachgelehrten. Gleichwohl
war die Entscheidung über seine Zukunft im Schoß
der Kirche bereits getroffen. Am 27. Juli 1501 nahm er
zusammen mit seinem älteren Bruder Andreas, der dank
Onkel Lukas inzwischen ebenfalls ein Kanonikat erlangt
hatte, in Frauenburg an einer Sitzung des Domkapitels
teil. Die beiden jungen Männer baten um die Erlaubnis,
ihre Ausbildung in Italien fortsetzen zu dürfen, und das
Kapitel erteilte seinen Segen. Die Brüder brachen unverzüglich
nach Padua auf, wo Kopernikus das Studium der Medizin
aufnahm, um dem ermländischen Bischof
und den Herren vom Kapitel »dermaleinst als Arzt nützlich
werden« zu können.

Dava Sobel

Über Dava Sobel

Biografie

Dava Sobel ist eine vielfach ausgezeichnete Wissenschaftsredakteurin der New York Times. Weltweit bekannt wurde sie als Autorin des Bestsellers »Längengrad«, mit dem sie eine völlig neue und überaus erfolgreiche Form des populären Wissenschafts-Sachbuchs begründete. Im Berlin Verlag erschienen auch...

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