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Unbescholten

Thriller

Taschenbuch
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Unbescholten — Inhalt

Die Stockholmerin Sophie Brinkmann ist eine unbescholtene Frau – bis die alleinerziehende Krankenschwester den spanischen Verleger Hector Guzman kennenlernt. Hector entgeht nur knapp einem brutalen Anschlag, sie selbst wird rund um die Uhr beschattet und auch ihr Sohn wird zur Zielscheibe. Bald steht Sophie vor der Entscheidung, ob sie für Hector ihre innersten Überzeugungen opfern soll - und vielleicht sogar ihr Leben.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzt von: Hanna Granz
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30645-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 17.09.2013
Übersetzt von: Hanna Granz
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96408-1

Leseprobe zu »Unbescholten«

1

Sie sah nicht aus wie eine Krankenschwester. Das behaupteten jedenfalls viele, und sie wusste nie, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung war. Sie hatte langes dunkles Haar und grüne Augen, die immer aussahen, als würde sie gleich lachen.

Die Treppe knarzte unter ihren Füßen. Das Haus, ein kleines gelbes Holzhaus von 1911 mit Sprossenfenstern, ausgetretenen Parkettböden und einem Garten, der etwas größer hätte sein können, war ihr Platz auf dieser Erde. Das hatte sie schon gewusst, als sie es zum ersten Mal sah.

An diesem windstillen Maiabend [...]

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1

Sie sah nicht aus wie eine Krankenschwester. Das behaupteten jedenfalls viele, und sie wusste nie, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung war. Sie hatte langes dunkles Haar und grüne Augen, die immer aussahen, als würde sie gleich lachen.

Die Treppe knarzte unter ihren Füßen. Das Haus, ein kleines gelbes Holzhaus von 1911 mit Sprossenfenstern, ausgetretenen Parkettböden und einem Garten, der etwas größer hätte sein können, war ihr Platz auf dieser Erde. Das hatte sie schon gewusst, als sie es zum ersten Mal sah.

An diesem windstillen Maiabend stand das Küchenfenster offen, und der Duft, der zu ihr hereindrang, erinnerte mehr an Sommer als an Frühling. Eigentlich fing der Sommer erst in ein paar Wochen an, aber in diesem Jahr war es früh warm geworden. Nun lag die Hitze schwer und still über allen Dingen. Sophie war dankbar dafür, sie brauchte Wärme und genoss es, Fenster und Türen offen lassen zu können.

In der Ferne war ein Moped zu hören, eine Drossel irgendwo im Garten.

Sophie nahm Geschirr aus dem Schrank und deckte den Tisch für zwei, mit den besten Tellern, dem feinsten Besteck und den schönsten Gläsern, die sie hatte. Sie wollte heute den Alltag vergessen, und es war ihr egal, dass sie allein essen würde. Albert aß, wenn er hungrig war, was selten mit den regelmäßigen Mahlzeiten zusammenfiel. Sie hörte ihn auf der Treppe – schnelle Sportschuhe auf altem Eichenholz, die Tritte ein bisschen zu schwer und zu hart. Sie lächelte ihm zu, als er in die Küche trat. Er lachte, riss die Tür des Kühlschranks auf, blieb lange davor stehen und starrte hinein.

»Mach den Kühlschrank zu, Albert.«

Sophie aß und blätterte in der Zeitung. Dann blickte sie auf und sagte den gleichen Satz noch einmal, strenger.

»Ich kann mich nicht bewegen …«, sagte Albert theatralisch.

Sie musste lachen. Er hatte Humor. Das machte sie sogar ein bisschen stolz.

»Was hast du heute getrieben?«, fragte sie.

Sie sah, dass er selbst lachen musste. Das kannte sie gut an ihm, er fand seine eigenen Scherze immer lustig.

Albert nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, warf die Tür zu und setzte sich schwungvoll auf die Arbeitsplatte. Die Kohlensäure sprudelte, als er die Flasche öffnete.

»Die sind alle so gestört«, sagte er und trank einen Schluck. Albert erzählte von seinem Schultag. Sie hörte amüsiert zu, wie er sich über Lehrer und Mitschüler lustig machte, und sah, dass er es genoss, sie zu unterhalten. Und dann hatte er plötzlich genug erzählt. Sophie wusste nie, wann das passierte, er hörte einfach auf zu reden, als würden ihn seine eigenen Witze plötzlich langweilen. Er verschwand im Flur. Einen Moment herrschte Stille, vielleicht zog er sich andere Schuhe an.

»Du schuldest mir einen Tausender«, sagte er vom Flur her.

»Warum?«

»Die Putze war heute da.«

»Putze sagt man nicht.«

Sophie hörte einen Reißverschluss.

»Was sagt man dann?«

Ihr fiel nichts ein. Albert war schon in der Tür. »Küsschen, Mama«, sagte er, und seine Stimme klang plötzlich weich. Die Tür fiel ins Schloss, Sophie hörte seine Schritte auf dem Kiesweg vor dem offenen Fenster.

»Ruf an, wenn du später kommst«, rief sie ihm hinterher.

Sophie tat, was sie immer tat. Sie deckte ab, räumte auf, sah fern und telefonierte mit einer Freundin. Dann legte sie sich hin und versuchte das Buch auf dem Nachttisch zu Ende zu lesen. Doch es langweilte sie, und Sophie wunderte sich, was sie je daran gefunden hatte. Sie schlug das Buch zu und löschte das Licht.

Um Viertel nach sechs wachte sie auf. Sie duschte und wischte den Badspiegel ab, auf dem Wörter zu sehen waren, wenn er beschlug: Albert, AIK und eine Reihe anderer unleserlicher Buchstaben, die er mit dem Zeigefinger schrieb, wenn er sich die Zähne putzte. Sie hatte ihn gebeten, damit aufzuhören, aber das schien ihn nicht zu kümmern, und irgendwie mochte sie das inzwischen auch.

Sie zog sich an, nahm im Stehen ein leichtes Frühstück zu sich und las dabei die erste Seite des Expressen. Sie rief dreimal zu Albert hinauf, dass er aufstehen müsse.

Eine Viertelstunde später saß sie auf ihrem Fahrrad und fuhr in die Klinik nach Danderyd, in der sie angestellt war.

————

Sie nannten ihn Jeans und glaubten tatsächlich, dass er so hieße. Lachend hatten sie auf ihre Hosen gezeigt. »Jeans!«

Eigentlich hieß er Jens, und er saß zusammen mit drei Russen an einem Tisch, mitten im Dschungel von Paraguay. Ihr Boss hieß Dmitri. Er war groß, um die dreißig Jahre, und er machte nicht den cleversten Eindruck. Seine zwei Kumpel hießen Goscha und Vitali, ihre Augen standen weit auseinander, und ihre halb geöffneten Münder legten die Vermutung nahe, dass sie nicht das Geringste davon begriffen, worüber geredet wurde.

Dmitri mixte Dry Martini in einem Plastikkanister. Er presste Oliven hinein und schüttelte das Ganze, dann schenkte er in ausgespülte Kaffeebecher ein. Er brachte einen russischen Toast aus, und alle nahmen einen Schluck von dem Drink, der ein wenig nach Diesel schmeckte.

Jens bemühte sich, ihnen seine Abneigung nicht zu deutlich zu zeigen.

»Ich zeige euch die Dinger am besten mal«, schlug er vor. Er ging zu dem Jeep hinüber, der in dem staubigen, schwach beleuchteten Innenhof stand.

Weshalb die drei den ganzen Weg bis nach Paraguay gekommen waren, um sich die Ware anzusehen, wusste er nicht. In der Regel bestellte jemand etwas bei ihm, er lieferte und wurde bezahlt. Fertig. Doch das hier war etwas anderes. Es schien, als ob der Waffenkauf eine große Sache für die Russen sei. Was genau sie hier wollten und wozu sie die Waffen brauchten, hatte ihn aber nicht zu interessieren. Sie waren hier, um die Waffen auszuprobieren, Kokain zu schnupfen, zu vögeln und ihm die zweite von drei Zahlungen zu übergeben.

Er hatte eine Maschinenpistole da, eine MP7 Heckler & Koch, sowie ein österreichisches Sturmgewehr. Die übrigen Waffen lagen verpackt in einem Lagerhaus am Hafen von Ciudad del Este und warteten auf den Transport.

Die Russen griffen nach den Waffen und taten, als würden sie aufeinander schießen. »Hände hoch, Hände hoch!« Sie brüllten vor Lachen und machten schnelle Bewegungen.

»Jeans! Wo zum Teufel ist die Munition?«

Er zeigte auf das Heck des Jeeps. Die Russen rissen die Türen auf und suchten nach der Munition. Jens steckte die Hand in die Tasche, er hatte noch ein Nikotinkaugummi übrig. Vor zwei Jahren hatte er mit dem Rauchen aufgehört, vor drei Wochen mit dem Kautabak. Nun war er im Dschungel, vier Meilen von Ciudad del Este entfernt, und sein Körper schrie nach Nikotin. Er steckte sich das Kaugummi in den Mund und blickte mit kaum verhohlenem Ekel auf die Russen. Er wusste, dass er demnächst wieder mit dem Rauchen anfangen würde.

————

Sophie arbeitete vor allem wegen der Patienten hier und nicht, weil sie fromm war oder den tiefen Wunsch verspürte, anderen zu helfen. Sie mochte es, mit den Menschen zu reden. Die Patienten kamen, weil sie krank waren. Darüber sprachen sie offen und ehrlich und waren ganz sie selbst. Sophie fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart und konnte gut mit ihnen umgehen. Die Patienten redeten selten Unsinn, das taten sie erst, wenn es ihnen wieder besser ging, und dann trennten sich ihre Wege meistens wieder. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie sich damals für diesen Beruf entschieden hatte. Jedenfalls liebte sie es, wenn ihre Patienten ganz bei sich waren. Diese Patienten waren ihre Lieblinge. Es waren fast immer Charakterköpfe. Das war das Wort, das ihr selbst für die Leute eingefallen war: Charakterköpfe. Sie konnten mit einer inneren Ausgeglichenheit über das Leben lächeln, und Sophie erkannte sie meist auf den ersten Blick, ohne zu wissen, wie oder warum.

Sie war mit einem Tablett auf dem Weg zu Hector Guzman in Zimmer elf. Er war vor drei Tagen eingeliefert worden, nachdem er an einem Fußgängerübergang mitten in Stockholm überfahren worden war. Sein rechtes Bein war unterhalb des Knies gebrochen. Die Ärzte hatten auch eine Verletzung der Milz diagnostiziert, deshalb war er noch zur Beobachtung geblieben. Hector war etwa Mitte vierzig, eher interessant als gut aussehend, kräftig, aber nicht dick. Er war Spanier und hatte dunkle Haare. Nase, Wangenknochen und Kinn waren scharf geschnitten und seine Haut angenehm sandfarben.

Hector sprach fließend Schwedisch und war einer von Sophies Charakterköpfen – vielleicht wegen seiner wachen Augen, vielleicht wegen der Leichtigkeit, mit der er sich trotz seiner Größe bewegte. Oder weil er sie stets mit einer natürlichen Gelassenheit anlächelte, wenn sie zu ihm hereinkam. Sie lächelte immer zurück.

Als sie das Zimmer betrat, war Hector Guzman in sein Buch vertieft, saß zurückgelehnt in seinem Bett und hatte die Lesebrille auf der Nase. Sie sortierte die Tabletten und legte sie in kleine Plastikbecher, dann reichte sie ihm einen. Er warf sich die Tabletten in den Mund, nahm ihr das Wasserglas ab und trank. Dabei konzentrierte er sich die ganze Zeit auf sein Buch.

»Immer wieder gut«, sagte er leise und blickte auf. »Sie tragen heute andere Ohrringe, Sophie.«

Sie griff unwillkürlich an ihr Ohr.

»Ja?«, sagte sie.

»Ganz sicher. Und sie stehen Ihnen gut.«

Sie ging zur Tür.

»Könnte ich etwas Saft bekommen? Ginge das?«, fragte er.

»Ja, natürlich«, antwortete Sophie und öffnete die Tür.

Ein Mann kam ihr entgegen, der sich bei seinem letzten Besuch als ein Cousin vorgestellt hatte. Er sah Hector aber keineswegs ähnlich. Er war groß und schlank, hatte schwarzes Haar, wache, eisblaue Augen, die alles zu registrieren schienen. Er nickte Sophie zu. Dann sagte er auf Spanisch etwas zu Hector, Hector antwortete und lachte.

Auf dem Flur saß Gunilla Strandberg mit einem Blumenstrauß in der Hand und sah, wie die Krankenschwester aus Hector Guzmans Zimmer kam. Gunilla betrachtete sie. War das Freude, die sie in ihren Augen sah? Die Frau ging an ihr vorüber. An ihrer linken Brusttasche hing ihr Namensschild, Sophie.

Gunilla schaute Sophie hinterher. Sie bewegte sich leicht, als würden ihre Füße die Erde nur streifen, sehr elegant und weiblich.

Gunilla schaute wieder zu Zimmer Nummer elf, in dem Hector Guzman lag. Sie spürte, dass ihn etwas umgab. Eine Energie, etwas Besonderes, das nicht zu greifen war und von dem Sophie einen Hauch aus dem Zimmer mitgenommen hatte.

Gunilla erhob sich, ging den Flur entlang und schaute in das leere Schwesternzimmer. An der Wand hing der Dienstplan dieser Woche. Sie blickte sich im Flur um, trat dann ein und ging zu der Liste.

Helena …

Roger …

Anne …

Carro …

Nicke …

Sophie … Sophie Brinkmann.

Sie stellte den Blumenstrauß in eine leere Vase auf einem Rollwagen und verließ die Abteilung. Im Aufzug nahm sie ihr Handy heraus, rief im Büro an und bat um die Adresse einer Sophie Brinkmann.

Statt zurück zur Polizeistation in der Brahegatan fuhr sie nach Stocksund, in das Wohngebiet auf der anderen Seite der Autobahn. Vor einem kleinen gelben Holzhaus mit weißen Giebeln hielt sie an.

Sie blieb noch einen Moment im Auto sitzen. Es war eine ruhige Gegend. In den Bäumen hing dichtes Laub, und die Birken standen kurz vor der Blüte. Gunilla stieg aus, der Geruch eines Faulbaums wehte ihr entgegen. Sie sah sich um, betrachtete erst die Nachbarhäuser, dann das von Sophie Brinkmann. Es war schön, kleiner als die anderen und, wie ihr schien, weniger gepflegt. Nein, es war nicht unordentlich. Eher fühlte sich der Anblick der Nachbarhäuser verkehrt an. Dort herrschte ein Perfektionismus, eine traurige, unbeseelte Ordnung. Sophies Haus dagegen wirkte lebendig. Die Fassade war nicht frisch gestrichen, das Gras nicht frisch gemäht, die Fenster nicht gerade sauber …

Gunilla ging durch die Gartenpforte und über den Kiesweg zum Eingang. Sie schaute durch das Küchenfenster. Sie sah einen Wasserhahn aus Messing, einen Herd mit gusseisernen Türen und eine Arbeitsplatte aus altem Eichenholz. Gunilla trat zurück und blickte an der Fassade hoch. Hinter einem Fenster im oberen Geschoss stand ein schöner Strauß.

Im Auto auf dem Weg zurück in die Stadt dachte sie darüber nach, wie Hector Guzman an eine solche Person kam und in welchem Verhältnis sie zu ihm stand.

 

 

2

Leszek Smialy fühlte sich wie ein herrenloser Hund: Wenn er nicht in der Nähe seines Herrchens war, wurde er unruhig. Doch Adalberto Guzman hatte ihm befohlen zu reisen. Also hatte sich Leszek in ein Flugzeug gesetzt und war wenige Stunden später in München gelandet.

In den letzten zehn Jahren war er kaum von Guzmans Seite gewichen, mit Ausnahme der einen Woche Urlaub, zu der er alle drei Monate verpflichtet war. Sein Lebensrhythmus folgte diesen Dreimonatsschichten. Wenn er Urlaub hatte, nahm er sich ein Hotelzimmer und betrank sich von früh bis spät. Wenn er nicht zu betrunken war oder schlief, sah er fern. Er wartete darauf, dass die Woche vorüber war und er wieder arbeiten konnte. Leszek begriff nicht, warum Adalberto auf diesen Zwangsurlauben beharrte.

Leszek saß hinter dem Lenkrad eines Ford Focus in der Villengegend Grünwald außerhalb von München. Überall standen große Häuser mit eingezäunten Gärten, aber weit und breit war kein Mensch zu sehen.

Adalberto Guzman hatte Leszek Fotos von Christian Hanke gegeben, einem fünfundzwanzigjährigen, gepflegt aussehenden jungen Mann mit kurzem braunen Haar. Auf den Vergrößerungen der Bilder war auch sein Vater Ralph Hanke zu sehen. Leszek betrachtete die Abzüge: selbstsicheres Lächeln, maßgeschneiderte Anzüge und sorgfältig gekämmtes Haar.

Leszek hatte Christian Hanke durch das Fernglas beobachtet. Er wusste nur, dass Hanke abends gegen acht nach Hause kam und seinen BMW auf der Straße vor dem Haus parkte. Er bekam Damenbesuch, hatte eine Haushaltshilfe, und in seinem Schlafzimmer brannte bis zwei Uhr morgens Licht. Leszek wusste außerdem, dass Hanke immer morgens um halb acht aus dem schmiedeeisernen Tor trat, die Straße überquerte, sich in seinen Wagen setzte und nach München hineinfuhr.

Aus dem Radio tönte bayerische Schlagermusik. Ein Typ sang, als würde er dabei breit lächeln, und im Hintergrund waren elektronische Streichinstrumente zu hören.

Leszek saß da und atmete ruhig. Es war ein schöner Morgen, die Luft war dunstig. Die Sonnenstrahlen fielen durch das Laub und tauchten die Umgebung in ein gleißendes Licht.

Leszek blickte auf seine Hände. Es war eine schmutzige Angelegenheit gewesen, die Bombe zu installieren. Er hatte das zwar schon öfter gemacht, aber das letzte Mal war schon etwas her, damals war er noch beim Geheimdienst gewesen. Da war es weniger zeitaufwendig gewesen, schon allein wegen der Motorblöcke, die nicht so kompakt gebaut waren wie heute. Er streckte sich und schloss für einen Moment die Augen.

Als er sie wieder öffnete, sah er gerade noch die Silhouette eines Menschen, der hinter parkenden Autos die Straßenseite wechselte. Leszek nahm das Fernglas vom Beifahrersitz und hielt es sich an die Augen. Es war eine Frau, eine junge Frau. Leszek warf einen Blick auf seine Armbanduhr, es war Viertel vor acht. Die Frau war blond, Anfang zwanzig, hatte langes Haar und trug eine große schwarze Sonnenbrille und zerschlissene Designerjeans. In ihren hochhackigen Schuhen ging sie zielstrebig auf den BMW von Hanke zu. Über ihrer Schulter hing eine Handtasche. Wo zum Teufel war Christian Hanke? Statt um den Wagen herum zur Beifahrertür zu gehen, öffnete sie die Tür auf der Fahrerseite, glitt hinter das Lenkrad und legte die Handtasche auf den Sitz neben sich.

Die nächsten fünf Sekunden vergingen wie in Zeitlupe. Leszek überlegte, ob er sie warnen sollte. Doch stattdessen saß er nur da, sah, wie die junge blonde Frau diese kleine Bewegung machte, mit der man einen Motor startet: eine Hand am Lenkrad, ein bisschen vorbeugen und mit der rechten Hand den Startknopf drücken.

In der Millisekunde, in der die Elektrizität von der Batterie zum Motor transportiert wurde, fing ein Stromkabel sie ab und zündete eine Patrone, die wiederum einen Klumpen Plastiksprengstoff zündete, der unter dem Wagen befestigt war.

Die Wucht der Explosion drückte die Frau gegen das Wagendach und brach ihr sofort das Genick. Der Napalmbehälter, den Leszek im Auto angebracht hatte, fing iim selben Augenblick Feuer und verwandelte das Auto in ein brennendes Inferno.

Leszek verließ Grünwald und fand einen abgelegenen Platz im Wald, wo er den Ford in Brand setzte. Dann rief er Adalberto an und hinterließ eine kurze Nachricht auf seiner Mailbox, dass es nicht nach Plan gelaufen war. Anschließend warf er das Handy in einen Gully und lief kreuz und quer durch die Stadt, um sicherzugehen, dass niemand ihn verfolgte. Dann winkte er ein Taxi heran, das ihn zum Flughafen brachte.

Vom ersten Tag seines Krankenhausaufenthaltes an hatte Hector Guzman Sophie Fragen gestellt: über ihr Leben, ihre Jugend, ihre Familie. Er hatte gefragt, was sie mochte und was nicht. Und sie ertappte sich dabei, dass sie seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortete. Sie musste sich eingestehen, dass sie seine Aufmerksamkeit genoss, sie hatte Hector Guzman nie als aufdringlich empfunden. Wenn er etwas berührte, über das sie nicht reden wollte, fragte er nicht weiter. Er schien zu wissen, wo ihre Grenze verlief. Und je besser sie sich kennenlernten, desto zurückhaltender verhielt er sich ihr gegenüber.

Ob sie müde sei, fragte er.

»Warum?«

»Sie sehen müde aus.«

Sophie legte ein Handtuch zusammen. »Sie scheinen ja zu wissen, wie man Frauen schmeichelt.«

Er verzog den Mund.

»Ich glaube, Sie werden hier nicht mehr allzu lange liegen«, fuhr Sophie fort.

Hector hob eine Augenbraue.

Sophie öffnete ein Fenster und ließ frische Luft herein. Dann ging sie an seinen Nachttisch, um die leere Wasserkaraffe zu nehmen. Doch Hector griff nach ihrer Hand. Ihr Herz schlug schneller. Sie bewegten sich nicht, als wären sie zwei schüchterne Jugendliche, die einander zum ersten Mal berührten und sich nicht trauten, sich dabei anzusehen. Schließlich machte Sophie sich los und ging zur Tür.

»Brauchen Sie noch etwas?«, fragte sie. Ihre Stimme war belegt, als wäre sie eben erst aufgewacht. Hector betrachtete sie und schüttelte den Kopf.

Sophie trat auf den Flur hinaus. Er war nicht ihr Typ, sagte sie sich. Aber wer war das schon? Sie hatte im Lauf der Jahre viele verschiedene Typen gehabt. Sie redete sich ein, dass es nicht um physische Anziehung ginge, dass er nur jemand wäre, dem sie nah sein wollte. Vielleicht könnte er ihr Liebhaber sein, nicht aber ihr Ehemann oder Freund. Und trotzdem schien er eine wunderbare Mischung all dessen.

Den Rest des Tages hatte Sophie in der Notaufnahme zu tun. Als sie am Nachmittag auf die Station zurückkam, war Hector mitsamt seinen Sachen verschwunden.

————

Der Abend war verlaufen, wie Jens es vorausgesehen hatte. Nachdem sie ein paar Minuten mit den einheimischen Huren absolviert hatten, begannen die Russen mit Schießübungen. Sie schossen unkontrolliert mit den automatischen Waffen, bis Jens Vitali ins Gesicht schlug, um dem Treiben ein Ende zu machen.

Am nächsten Morgen gingen sie noch einmal die Details durch. Lieferdatum, Logistik und Bezahlung. Dann verabschiedete sich Jens, und die Sache war für ihn erledigt.

Ein Einheimischer nahm ihn mit zurück nach Ciudad del Este. Die Fahrt dauerte zwei Stunden. Der Fahrer war schweigsam, und das Radio dröhnte in voller Lautstärke, wie immer in diesem Land, dachte Jens. Der Empfang war schlecht, auch das war hier normal. Ein scharfer Diskant jaulte aus den beiden Lautsprechern in den Türen. Aber Jens hatte sich daran gewöhnt. Und so hatte er genügend Zeit, seine Planung noch einmal zu durchdenken. Es war nicht perfekt, aber es würde gut gehen – so war es meistens, und es war schon immer gut gegangen.

Jens lehnte selten etwas ab, und man konnte meinen, dass diese Einstellung seinem Gesicht anzusehen war: Eine ungebrochene Neugier blitzte in seinen Augen.

Die Maschinenpistolen, die die Russen von ihm gekauft hatten, sollten per Lastwagen von Ciudad del Este ostwärts in die brasilianische Hafenstadt Paranaguá transportiert werden, um dann mit einem Schiff nach Rotterdam zu gelangen. Von dort würden die Waffen mit dem Auto nach Warschau gebracht werden, und damit war Jens’ Auftrag erfüllt.

Dieser Auftrag hatte sich vor zwei Monaten ergeben. Risto hatte ihn aus Moskau angerufen und gesagt, er habe eine Anfrage nach MP7ern und noch effektiveren Waffen.

»Wie viele?«

»Jeweils zehn Stück.«

»Das ist nicht viel.«

»Nein, aber es ist ein Kunde mit Ambitionen. Er wird deine Hilfe noch öfter in Anspruch nehmen. Sieh es als Investition in die Zukunft.«

Ein kleiner Auftrag also, der sich leicht erledigen ließ.

»Okay, ich höre mich um und gebe dir Bescheid.«

Jens kontaktierte seinen Makler. Auf dessen Homepage konnte man sich über Modellflugzeuge informieren. Um den Kontakt zu ihm herzustellen, musste man ein Losungswort im Forum der Seite eingeben. Es war noch nie vorgekommen, dass der Makler abgelehnt hatte oder Jens’ Wünschen nicht nachgekommen war. Der Makler vermittelte ihm einen unbekannten Verkäufer. Es war eine sichere Sache: Niemand konnte irgendjemanden verpfeifen. Jens bestellte MP7er und Steyr AUG. Und wie immer hatte der Makler eine Lösung parat. Jens bekam die volle Anzahl der österreichischen Waffen, dazu acht MP7er und zwei MP5er. Das würde gehen.

Risto hatte ihn gebeten, nach Prag zu fahren, um seine Kunden zu treffen.

»Wozu?«, fragte Jens.

»Keine Ahnung. Sie bestehen darauf«, antwortete Risto.

Das Treffen in Prag hatte sich als belanglos herausgestellt. Sie wollten einfach sehen, mit wem sie es zu tun hatten.

Auch dort benahmen sich Dmitri, Goscha und Vitali schon, als befänden sie sich immer noch in einer Art bösartiger Pubertät. Sie tranken Wodka auf Jens’ Hotelzimmer. Vitali nahm den Badezimmerspiegel ab, legte ihn auf den Couchtisch und zog mehrere dicke Lines mit einer abgenutzten Diners Card. Dann kamen die Huren, ein paar junge Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion, die sichtlich unter Drogen standen. Dmitri lud zum Essen ein. Er bestellte Champagner für alle und lieferte sich einen Hummerkrieg mit Goscha.

Als Jens zurück in seiner Wohnung in Stockholm war, erhielt er eine Nachricht: Buenos Aires in zwei Tagen. Er packte sofort seine Tasche und fuhr am nächsten Morgen wieder nach Arlanda, um via Paris nach Buenos Aires zu fliegen. Er landete in Ezeiza, ruhte sich ein paar Stunden im Hotelzimmer aus und aß mit dem Kurier zu Mittag. Jens bezahlte ihn und nahm einen Autoschlüssel in Empfang, der zu einem Lieferwagen in der Hotelgarage gehörte. Er kontrollierte die Kisten auf der Ladefläche, alles war, wie es sein sollte.

Er fand ein Restaurant, in dem er seine Zeitung lesen konnte, die er aus dem Hotel mitgenommen hatte. Erst reagierte er nicht auf seinen Namen. Aber als er aufblickte, erkannte er Jane sofort wieder. Sie war Sophies jüngere Schwester und sah genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte, obwohl sie damals noch ein Kind gewesen war.

»Jens? Jens Vall! Was machst du denn hier?«

Janes Lächeln wurde zu einem Lachen. Er stand auf und ließ sich von ihrer Wiedersehensfreude anstecken. Sie umarmten sich.

»Hallo, Jane.«

Der schweigsame Mann, der hinter ihr stand, hieß Jesus. Die beiden setzten sich zu ihm an den Tisch, und Jane fing an zu erzählen, noch bevor ihr Hintern den Stuhl berührte. Jens hörte zu und lachte über ihre Geschichten, er begriff schnell, warum sie mit einer schweigsamen Muschel wie Jesus zusammen war. Sie hatten noch keine Kinder und wohnten in Stockholm in einer Dreizimmerwohnung am Järntorget in der Altstadt. Jetzt waren sie in Buenos Aires, um Jesus’ Verwandten zu besuchen.

Jens erkundigte sich nach Sophie und erfuhr, dass sie jetzt Brinkmann hieß, Witwe war, einen Sohn hatte und als Krankenschwester arbeitete.

Dann fand Jane, dass sie nun genug geredet hatte, und begann, Fragen zu stellen. Jens erzählte ihr, dass er Kunstdünger verkaufe, viel umherreise und keine Familie habe, aber das könne sich ja noch ändern.

————

In der Kaffeeküche lag eine Nachricht für Sophie, ein kleiner weißer Umschlag, auf dem in schwarzer Tinte ihr Vorname stand. Während sie darauf wartete, dass ihr Kaffee aus der Maschine lief, öffnete sie ihn. Sie las den Brief und steckte ihn dann in ihre Tasche.

Den ganzen Vormittag über musste an den Zettel denken. Um Viertel vor zwölf ging sie in den Umkleideraum, zog den Schwesternkittel aus, nahm ihre Handtasche und ihre Sommerjacke und ging hinunter in die Eingangshalle.

Hectors Cousin wartete auf sie. Er bat sie, ihm nach draußen zu folgen. Sein Wagen war eines dieser japanischen Umweltautos. Er roch neu, und man saß bequem darin.

»Wir fahren nach Vasastan«, sagte der Cousin.

Seine Augen waren blau, klar und sahen sie intensiv an.

»Wie sind Sie eigentlich verwandt mit Hector?«

»Wir sind vor allem Seelenverwandte.«

Sie lachte.

Und es schien, als wäre das Thema für ihn damit erledigt.

»Ich heiße Aron.«

»Hallo, Aron. Ich heiße Sophie.«

Den Rest der Fahrt über schwiegen sie.

Es gab Tische, Stühle und eine Schwingtür zur Küche. Die Beleuchtung war zu grell, die Bilder an den Wänden zeigten Landschaften, und die Papierdecken auf den Tischen waren kariert. Er hatte sie in ein einfaches Bistro eingeladen.

Sie lächelte, als Hector Guzman ihr von einem Tisch aus zuwinkte, und bahnte sich durch das Lokal einen Weg zu ihm hin.

Er stand höflich auf und bot ihr einen Stuhl an. »Ich hätte dich selbst abgeholt, wenn dieses Bein nicht wäre.«

Sophie setze sich. »Kein Problem. Aron ist ein guter Begleiter, wenn auch ein bisschen schweigsam.«

Hector lächelte. »Du bist gekommen«, sagte er. Er schob ihr eine eingeschweißte Speisekarte hin. »Wir haben uns nicht verabschiedet«, fuhr er fort.

»Nein, das haben wir nicht.«

»Ich komme wegen der Meeresfrüchte hierher«, sagte er, als wolle er sich auf Small Talk verlegen. »Sie machen die besten der ganzen Stadt, aber das weiß kaum jemand.«

»Dann nehme ich sie.«

Sophie rührte die Speisekarte nicht an und behielt die Hände im Schoß. Hector gab dem Mann an der Bar ein diskretes Zeichen.

Hector Guzman außerhalb des Krankenhauses zu treffen fühlte sich merkwürdig an. Als würde er ihre Unsicherheit spüren, begann er zu reden. Er erzählte Anekdoten darüber, wie es war, in Stockholm mit einem Gipsbein unterwegs zu sein und seine Lieblingshosen zerschneiden zu müssen. Er hatte ein Talent für Alltagskomik, und es fiel ihm leicht, die angespannte Situation heiter und ungezwungen werden zu lassen.

Sie hörte ihm dennoch nur mit halbem Ohr zu. Er gefiel ihr, ihr Blick blieb immer wieder an seinen wachen Augen hängen, die unterschiedliche Farben hatten, dunkelblau das rechte, dunkelbraun das linke. Unter bestimmten Lichtverhältnissen änderte sich der Farbton, als ob Hector für einen Moment ein anderer würde.

»Ist es einsam im Krankenhaus ohne mich?«, fragte er lachend.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte ihn an. »Nein, es ist wie immer.«

Eine Kellnerin kam mit zwei Gläsern Wein.

»Spanischer Weißwein. Ein guter Hauswein.«

Hector hob sein Glas zu einem Toast. Sophie nahm ihr Weinglas und suchte wohlerzogen Augenkontakt mit ihm. War das hier schon ein Rendezvous?, fragte sie sich.

Hector lehnte sich zurück und betrachtete sie. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ein flüchtiger Gedanke schien ihn daran zu hindern. Er suchte offenbar plötzlich nach Worten.

»Was?«, fragte sie mit einem kurzen Lachen.

Er setzte sich zurecht. »Ich weiß nicht … Ich erkenne dich kaum wieder. Du bist anders.«

»Wie anders?«

»Vielleicht, weil du keinen Schwesternkittel anhast.«

»Wäre es besser, wenn ich ihn anhätte?« Ihre Worte schienen ihn peinlich zu berühren, das gefiel ihr. »Aber du erkennst mich schon wieder?«

»Ja, aber ich frage mich auch …«

»Was fragst du dich?«

»Wer du bist.«

»Das weißt du doch.«

»Ich weiß ein bisschen, ja, aber nicht alles.«

»Warum solltest du alles wissen wollen?«

Hector zuckte mit den Schultern. »Manchmal habe ich es eilig, das zu bekommen, was ich haben möchte …«

Dann kam das Essen, und Teller wurden vor sie hingestellt. Mit geübten Fingern öffnete Hector die Krustentiere. »Bitte, erzähl doch da weiter, wo du im Krankenhaus unterbrochen worden bist«, sagte er. »Dein Vater war gestorben, und dann traf deine Mutter Tom, und ihr seid in sein Haus gezogen.«

Er begegnete ihrem Blick, als wollte er sie ermuntern. Sophie suchte in ihrer Erinnerung, dann fuhr sie mit ihrer Erzählung fort. Wie es ihr und ihrer Schwester nach dem Tod ihres Vaters allmählich wieder besser gegangen war. Wie sie gemeinsam mit ihrer Mutter in Toms Haus gezogen waren, das nur wenige Minuten von ihrem Elternhaus entfernt lag.

Während sie erzählte, aßen sie Austern, Krebse und Hummer. Sophie ließ für Hector ihr Leben Revue passieren, ihr Austauschjahr in den USA, ihren ersten Job, ihre Asienreise. Die Zeit verging, und irgendwann merkte sie, dass sie pausenlos geredet hatte, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, sie zu unterbrechen. Sie fragte, ob sie ihn langweilte, doch Hector schüttelte nur den Kopf.

»Sprich weiter.«

Sie lächelte. So ausführlich hatte sie lange nicht geredet. Dann fuhr sie fort: »Ich lernte David kennen. Wir heirateten, bekamen Albert, und dann flogen die Jahre nur so dahin.«

Sie nahm einen kleinen Bissen von ihrem Teller und wurde nachdenklich. »Mein Leben wurde plötzlich so passiv.«

Es überraschte sie selbst, dass sie das sagte, denn sie hatte noch nie darüber nachgedacht, was in diesen Jahren eigentlich passiert war.

»Was meinst du damit?«, fragte Hector. »In welchem Sinn passiv?«

Sie trank ihr Glas aus und dachte über seine Frage nach, dann zuckte sie mit den Schultern. »Es war wie bei den meisten Müttern, nehme ich an. Mit den Kindern kommt die Einsamkeit. David hat gearbeitet, er reiste viel, und ich war zu Haus. Es passierte einfach nichts mehr in unserem Leben.«

Sie spürte die Falte auf ihrer Stirn, versuchte sie zu glätten und lächelte zaghaft. Dann fuhr sie fort: »Die Jahre vergingen, und dann wurde David krank, den Rest kennst du. Er starb zwei Jahre später an Krebs.«

Der Tonfall ihres letzten Satzes ließ Hector davon absehen, das Thema weiter zu vertiefen. Sie aßen eine Weile schweigend.

»Es ist spät geworden«, sagte Hector schließlich.

Vielleicht sah er ein, dass er zu neugierig gewesen war und zu hartnäckig. Aber er schien es plötzlich auch eilig zu haben, legte die Serviette zusammen und fragte: »Soll Aron dich fahren?«

»Nein danke, diesmal komme ich allein zurecht.«

In der U-Bahn legte Sophie den Kopf an die Scheibe und starrte auf die Umrisse der Betonwände hinter dem Fenster.

Hector war nicht aufdringlich gewesen. Er schien einfach nur verstehen zu wollen, wer sie war und was sie über ihn dachte und über das Leben überhaupt.

Allein zu sein war eintönig, aber auch unkompliziert. Sie kannte diesen Zustand nur zu gut und hatte sich seit einer Ewigkeit darin eingerichtet. Und immer, wenn jemand diese Einsamkeit zu durchbrechen drohte, trat sie einen Schritt zurück und entzog sich ihm. Hectors Erscheinen aber war anders. Wie anders, war ihr noch nicht ganz klar.

Plötzlich blendete die Sonne. Die U-Bahn fuhr hinaus auf die Brücke zwischen Bergshamra und dem Krankenhaus in Danderyd, und die Sonne schien auf die Waggons. Sophie erhob sich und ging zum Ausgang. Der Zug hielt mit quietschenden Bremsen.

Sophie ging zum Krankenhaus hinauf, zog sich um und begann wieder mit der Arbeit, um ihren Gedanken zu entkommen. Jetzt hatte sie keinen Flurliebling mehr, doch sie hoffte, dass es bald wieder einen geben würde.

3

Lars Vinge rief Gunilla Strandberg an. Wie gewöhnlich antwortete sie nicht. Doch nur vierzig Sekunden später klingelte sein Handy.

»Hallo?«

»Ja?«, fragte Gunilla.

»Ich habe dich eben angerufen.«

Einen Augenblick Stille.

»Ja …«

Lars räusperte sich verlegen, bevor er sagte: »Dieser andere hat die Krankenschwester abgeholt.«

»Und weiter?«

»Er hat sie zu einem Restaurant gebracht, wo Guzman sie zum Essen eingeladen hat.«

»Mach Schluss, und komm ins Präsidium«, sagte Gunilla und legte auf.

Lars Vinge hatte Hector Guzman und Aron Geisler sporadisch beschattet, seit Hector aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Es war eine zähe Arbeit, denn es gab nichts zu berichten. Lars war der Überzeugung, dass er für diese Tätigkeit überqualifiziert war. Er war ein analytischer Mensch und nur deswegen rekrutiert worden. Das hatte Gunilla Strandberg jedenfalls gesagt, als sie ihm vor zwei Monaten den Job angeboten hatte. Jetzt saß er tagelang im Auto, während der Rest der Arbeitsgruppe sich mit Hintergrundanalysen, möglichen Szenarien und theoretischen Vorgehensweisen beschäftigte.

Lars war seit zwölf Jahren Polizist. Er war Streife in Västerort gefahren und hatte versucht, gegen die ethnischen Konflikte anzukämpfen, die in diesem Stadtteil immer wieder ausbrachen. Aus eigener Initiative schrieb er einen Bericht über die Probleme des Viertels, aus dem allerdings keine unmittelbaren Konsequenzen gezogen wurden. Im Grunde hatte er ihn vor allem geschrieben, um sich von seinen Brathähnchenkollegen abzugrenzen. So sah er die meisten seiner männlichen Kollegen: Sie hatten zu starke Oberarme, zu dicke Gesichter, waren grobschlächtig und dumm, zu wenig intellektuell für seinen Geschmack. Brathähnchen. Sie mochten ihn genauso wenig wie er sie und sahen ihn nicht als einen der Ihren an, das wusste er. Niemand wollte mit Lars Vinge Dienst tun.

Lars Vinge ging trotzdem seiner Arbeit nach, so gut er konnte. Ansonsten versuchte er sich mit den Vorgesetzten gut zu stellen und mit den Kollegen Small Talk zu halten.

Zwei Jahre nachdem er seinen Bericht über die ethnischen Gegensätze abgeschlossen und man ihn allem Anschein nach einfach archiviert und vergessen hatte, rief eine Frau vom Reichskriminalamt an und stellte sich als Gunilla Strandberg vor. Sie hörte sich gar nicht an wie eine Polizistin, und sie sah auch nicht so aus, wie er fand, als sie sich kurz darauf zu einem Mittagessen im Kungsträdgården trafen. Sie war Mitte fünfzig, hatte kurzes schwarzes Haar mit ersten grauen Strähnen, schöne braune Augen und glatte, junge Haut. Das war das Erste, worauf er reagierte: ihre Haut.

Gunilla Strandberg machte einen ruhigen und korrekten Eindruck. Sie schien die Dinge genau abzuwägen und wusste offenbar, wie schnell etwas schiefgehen konnte, wenn man unbedacht handelte. Er fühlte sich klein neben ihr, aber das machte nichts, das musste sogar so sein – es fühlte sich richtig an, denn sie würde ja seine Vorgesetzte sein.

Sie erzählte ihm von der Gruppe, die sie gerade zusammenstellte. Es war eine Art Pilotprojekt gegen organisierte Kriminalität. Sie erklärte ihm, dass die Gruppe Sonderrechte beim Staatsanwalt genießen würde, um schnell zu Ergebnissen zu kommen. Dann sagte sie, sie habe Lars’ Bericht gelesen und interessant gefunden. Natürlich nahm er ihr Jobangebot an, noch ehe sie erklärt hatte, worum es dabei für ihn eigentlich ging.

Zwei Wochen später wurde er von der Brathähnchenbande in Västerort nach Östermalm versetzt. Er legte seine Uniform ab und wurde im Alter von sechsunddreißig Jahren Zivilbeamter. Endlich hatte jemand seine Fähigkeiten erkannt, und er war da, wo er hingehörte.

Gunilla hatte geahnt, dass etwas geschehen würde, und gesagt, dass die Krankenschwester auftauchen und für die Ermittlungen relevant werden würde.

Lars parkte vor der Polizeiwache in der Brahegatan. Er ging durch das Gebäude, nickte Kollegen zu und trat in das Hochhaus hinter der eingeschossigen Wache.

Die Gruppe war in drei hintereinanderliegenden Räumen untergebracht. Vor den Fenstern hingen lange, gestreifte Vorhänge, die vor langer Zeit jemand dort aufgehängt haben musste.

Seine neue Kollegin Eva Castroneves lächelte ihm zu. Mit der einen Hand tippte sie etwas in ihr Handy, in der anderen hielt sie ein Butterbrot. Sie war immer aktiv, immer auf dem Sprung und bewegte sich rascher als andere. Lars erwiderte ihr Lächeln. Gunilla saß im Büro an ihrem Schreibtisch, den Telefonhörer am Ohr. Ihr Bruder Erik war auch da und füllte Kautabak in seine Messingdose mit Wikingerdeckel. Er hatte hohen Blutdruck und immer ein rotes Gesicht. Erik Strandberg ernährte sich ausschließlich von Nikotin, Koffein und Fast Food. Mit seinem struppigen Bart und seinen dünnen grauen Haaren machte er einen ziemlich ungepflegten Eindruck. Außerdem hatte er eine große Klappe. Aber es gab auch etwas an ihm, das Lars schätzte: Erik hatte ihn freundlich willkommen geheißen. Das war Lars nicht gewöhnt.

Erik wischte ein paar Krümel Tabak von seinen Händen, zwinkerte Lars zu und streckte sich nach einem Plundergebäck, das auf einem Teller auf seinem Schreibtisch lag.

»Hallo, Junge«, sagte er heiser.

»Hallo«, sagte Lars.

»Das ist ja mal was«, meinte Erik.

»Ja, das kann man wohl sagen«, antwortete Lars und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.

»Sie hat sich über deinen Anruf gefreut.«

Erik nahm einen Bissen, öffnete einen Aktenordner, der auf seinem Schoß lag, und fing an zu lesen. »Entschuldige, ich muss das noch durcharbeiten.«

»Kein Problem«, sagte Lars und erhob sich ein bisschen zu schnell.

»Nun bleib doch sitzen.«

»Nein, nein«, sagte Lars und entfernte sich mit festen Schritten. Er hasste seine eigene Unsicherheit. Er spürte sie in jeder seiner Bewegungen. Mit seinem hellen Haar, den eisblauen Augen und den scharfen Gesichtszügen hätte er sich rein äußerlich durchaus als gut aussehend bezeichnen können. Aber seine Unsicherheit machte alles zunichte.

Lars ging zu der vordersten der drei mobilen Tafeln. Das tat er manchmal, wenn er ins Büro kam, um nicht dumm in einer Ecke herumstehen zu müssen. Hier konnte er so tun, als wäre er beschäftigt.

In geordnetem Chaos waren an der Tafel eine Menge Fotografien und Ermittlungsergebnisse zum Fall Hector Guzman befestigt. Lars schaute auf den fotokopierten Reisepass, die Geburtsurkunde und weitere amtliche Dokumente aus Spanien. Er sah sich die Fotos von Aron Geisler und Hector Guzman an. Unter Hectors Bild hingen Fotos von seinen Geschwistern Eduardo und Inez sowie ein altes Foto aus den späten Siebzigerjahren von ihrer Mutter Pia, die ursprünglich aus Flemingsberg stammte. Sie war hübsch und sah aus, als wäre sie unmittelbar dieser Shampoowerbung entsprungen, die Lars immer im Kino gesehen hatte, als er noch klein war.

Von Hector führte eine rote Verbindungslinie zu zwei weiteren Schwarz-Weiß-Fotografien auf der anderen Seite der Tafel. Sie zeigten zwei Männer, die Lars nicht kannte. Der eine war ein sonnengebräunter älterer Herr mit dünnem weißen Haar – Hectors Vater Adalberto Guzman. Das andere Foto war das vergrößerte Passbild eines hohläugigen Mannes mit kurzem Haar – Leszek Smialy, Adalberto Guzmans Bodyguard.

Lars las Bruchstücke des Textes unter der Fotografie. Leszek Smialy war unter den Kommunisten beim polnischen Geheimdienst tätig gewesen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte er verschiedene Jobs als Leibwächter angenommen. Bei Adalberto Guzman hatte er im Sommer 2001 angefangen.

Lars’ Blick fiel auf Aron Geisler. Er las den kurzen Text neben dem Bild. In den Siebzigerjahren hatte Geisler das Östra-Reals-Gymnasium in Stockholm besucht und war 1979 Mitglied des Schachclubs von Östermalm gewesen. In den Achtzigerjahren absolvierte er drei Jahre Wehrdienst in Israel, war dann bei der Fremdenlegion und Mitglied des Einsatzkommandos, das im ersten Irakkrieg in Kuwait landete. Geisler hatte einen Teil der Neunzigerjahre in Französisch-Guayana verbracht.

Die Vita wies noch einige Lücken auf, dachte Lars.

Er trat einen Schritt zurück, warf mit etwas mehr Abstand einen Blick auf die Tafel. Was hatte das alles mit Sophie Brinkmann zu tun? Lars schlenderte in die Cafeteria und holte sich einen Kaffee. Er drückte den Knopf mit der Zucker-und-Milch-Kombination, und eine hellbraune Brühe rann in seinen Becher. Als er ins Büro zurückkam, legte Gunilla eben den Hörer auf.

Sie hob die Stimme. »Heute um 12.08 Uhr hat Aron Geisler die Krankenschwester abgeholt und zu einem Bistro namens Trasten in Vasastan gefahren, wo sie zusammen mit Hector Guzman etwa eine Stunde und zwanzig Minuten zu Mittag aß.«

Gunilla setzte ihre Lesebrille auf.

»Die Krankenschwester heißt Sophie Brinkmann, ist Witwe und hat einen Sohn, Albert, fünfzehn Jahre alt. Sie geht zur Arbeit, sie geht wieder nach Hause, sie macht Essen. Das ist so ziemlich alles, was wir bisher über sie wissen.«

Gunilla nahm die Brille wieder ab und blickte auf.

»Eva, du kümmerst dich um das Private. Schau, ob du Freunde findest, Feinde, Geliebte, egal, was.«

Sie wandte sich Lars zu.

»Vergiss jetzt die Observierung von Hector, Lars. Konzentriere dich ganz auf die Krankenschwester.«

Lars nickte und nahm einen Schluck aus seinem Becher. Gunilla lächelte und sah die Gruppe an.

»Manchmal schickt Gott einen kleinen Engel auf diese Erde.«

Und damit war das Treffen anscheinend schon beendet. Gunilla setzte ihre Lesebrille wieder auf und kehrte zu ihrer Arbeit zurück, Eva tippte auf ihrem Computer, und Erik widmete sich seiner Akte.

Lars hatte tausend Fragen. Wie sollte er vorgehen? Wie viel Information wollte Gunilla haben? Wie lange sollte er die Krankenschwester beschatten? Wie gingen sie hier mit Überstunden um? Es gefiel ihm nicht, diese Entscheidungen selbst treffen zu müssen. Er wollte genaue Anweisungen, denen er folgen konnte. Er ging zur Tür.

»Lars. Ich möchte, dass du ein paar Dinge mitnimmst.«

Gunilla deutete auf einen Umzugskarton, der an der Wand stand. Lars ging hinüber und öffnete ihn. Er enthielt eine Schreibmaschine der Marke Facit, ein modernes Faxgerät, eine digitale Systemkamera von Nikon samt dazugehörigen Objektiven sowie eine kleine Holzkiste, in der in Schaumgummi verpackte, stecknadelkopfgroße Mikrofone lagen.

»Wir wollen Sophie Brinkmann abhören?«

»Wir müssen vorbereitet sein. Die Kamera benutzt du sofort, fotografiere und überwache die Frau. Wir müssen sammeln, was wir können, und das so schnell wie möglich. Die Berichte schreibst du auf der Schreibmaschine und faxt sie mir zu. Das Fax sendet verschlüsselt, aber du kannst es zu Hause ganz normal in die Telefonbuchse stecken.«

Lars betrachtete seine Ausrüstung. Gunilla bemerkte seinen fragenden Blick.

»Alle hier schreiben ihre Berichte und Auswertungen mit der Schreibmaschine. Wir hinterlassen keine digitalen Abdrücke, wir gehen kein Risiko ein.«

————

Leszek ging ihm am Strand entgegen, es fiel ihm schwer, Adalberto in die Augen zu sehen.

Guzman el Bueno, wie man ihn oft nannte, war eben aus dem Meer gestiegen. Ein Glas frisch gepresster Orangensaft stand auf einem kleinen Tisch am Strand, ein gefaltetes Handtuch lag auf dem Stuhl, der Bademantel hing über der Lehne. Guzman trocknete sich ab, zog den Bademantel an und trank Saft, den Blick auf das Meer gerichtet.

Als Kind war er neben seiner Mutter hergeschwommen, die gleiche Strecke, die er eben zurückgelegt hatte. Jeden Morgen waren sie zusammen im Wasser gewesen. Der Anblick des Ufers hatte sich mit den Jahren verändert. Zu Beginn der Sechzigerjahre, als er seine große Liebe, die schwedische Reiseleiterin Pia, kennenlernte, hatte er hier viele Grundstücke aufgekauft. Er hatte die Häuser abreißen lassen und dort Zypressen und Olivenhaine angepflanzt. Heute gehörten ihm der Wasserabschnitt, in dem er schwamm, und der Strand, auf dem er lief.

Guzman war dreiundsiebzig Jahre alt, Witwer und Vater zweier Söhne und einer Tochter. Er hatte ein Unternehmen aufgebaut, das ihn zu einem vermögenden Mann gemacht hatte. In den vergangenen drei Jahrzehnten hatte er enorme Geldsummen an wohltätige Organisationen gespendet. Er war ein Freund der Kirche und eine gern gesehene Figur in den lokalen TV-Kochsendungen.

Adalberto tätschelte Leszek kurz den Arm. Dann folgte ihm Leszek hinauf zur Villa.

»Manchmal geht es einfach schief, Leszek, mein Lieber. Die Botschaft ist aber bei ihnen angekommen, oder?«

»Nicht in der Art, wie wir es wollten«, murmelte Leszek zerknirscht.

»Aber sie werden den Hinweis begriffen haben, und du bist unverletzt zurückgekommen, das ist die Hauptsache.«

Die große gläserne Tür stand offen, und die weißen Leinenvorhänge im Wohnzimmer wehten in der frischen Meeresbrise. Sie traten ins Haus. Adalberto zog den Bademantel aus, während eine Haushaltshilfe mit seinen Kleidern hereinkam. Ungeniert zog er sich vor Leszek um.

»Ich mache mir Sorgen um die Kinder«, sagte Adalberto und stieg in seine beigefarbene Hose. »Hector und Aron kommen schon zurecht, aber kümmere dich bitte um eine Bewachung für Eduardo und Inez. Sie werden sich beschweren, aber na ja, sie werden sich daran gewöhnen müssen.«

Eduardo und Inez lebten ihr eigenes Leben. Er hatte kaum Kontakt zu ihnen, schickte seinen Enkelkindern jedoch zum Geburtstag immer viel zu große und viel zu teure Geschenke. Inez hatte ihn gebeten, damit aufzuhören, aber Adalberto war auf diesem Ohr taub.

Hector, sein Ältester, war dagegen immer an seiner Seite gewesen. Mit fünfzehn Jahren hatte er angefangen, sich in die Geschäfte einzuarbeiten. Er hatte den Heroinhandel zwischen Nordafrika und Spanien abgewickelt, weil die Polizei ihre Bemühungen intensiviert hatte, den Drogenhandel zu stoppen. Stattdessen setzte er auf den Aufbau einer Geldwäscheorganisation. Sie wusch Geld aus dem Drogenhandel, Waffenschmuggel, Veruntreuungen und was sonst noch einer Verschleierung bedurfte. Als dann Amerika in den Neunzigerjahren mit der Drogenbekämpfung tatsächlich ernst machte und der Kokainpreis auf ein Allzeithoch stieg, konnten sie nicht einfach nur danebenstehen und zusehen.

Also besuchten sie gemeinsam Don Ignacio im Valle del Cauca in Kolumbien, um die Möglichkeiten zu erörtern, eine eigene Route nach Europa zu organisieren. Es war eine schwierige, teure und riskante Arbeit gewesen. Schließlich testeten sie eine Verbindung zwischen Paraguay und Rotterdam, die sich als sicher erwies. Bis diese drei Deutschen auftauchten, und Adalberto musste zugeben, dass sie ihn kalt erwischt hatten. Es war nicht seine erste Begegnung mit dem Deutschen Ralph Hanke. Er hatte indirekt ein paar Jahre zuvor bei einer Verhandlung über den Bau eines Viaduktes in Brüssel mit ihm zu tun gehabt. Hanke hatte versucht, die Bauherren zu bestechen. Er wollte um jeden Preis den Zuschlag bekommen. Aber Adalberto bekam den Auftrag, Hanke war auf der Ziellinie gestolpert, und das hatte ihm nicht verziehen. Dabei war es an sich keine große Sache. Und Adalberto wusste, dass er es mit einem schlechten Verlierer zu tun hatte, als Hanke ihm die Kokainpipeline abnahm.

Die Verbindung zwischen Paraguay und Rotterdam aufzubauen und zu erhalten war harte Arbeit gewesen; es hatte sie zudem Unmengen an Schmiergeld gekostet. Aber das Geld an sich war nicht das größte Problem, viel schwieriger war es, die richtigen Personen zu finden, die bereit waren, sich schmieren zu lassen. Doch mit der Zeit hatten sie gute Leute gefunden, die taten, wofür sie bezahlt wurden. Zollbeamte, Packer und ein vietnamesischer Kapitän, der ein eigenes Schiff besaß, und eine Mannschaft, für die er die Hand ins Feuer legte. Alles lief glatt, und vielleicht war auch das ein Grund dafür, dass Ralph Hanke eines Tages aufgetaucht war und das Geschäft an sich gerissen hatte. Er hatte höhere Schmiergelder angeboten, die Kuriere bedroht, in Rotterdam die Ware beschlagnahmt und sich seiner eigenen Kanäle bedient, um das Kokain nach Europa zu bringen.

Adalberto Guzman selbst hatte einen handgeschriebenen Brief bekommen, wohlformuliert, höflich und formell, auf kostbarem Papier. Doch die Botschaft war alles andere als höflich, denn sie lautete, dass jedem Konfrontationsversuch mit Gewalt begegnet werden würde. Er schickte ebenfalls eine handgeschriebene Antwort zurück, weniger förmlich und auf etwas einfacherem Papier. Darin gab er den Hankes zu verstehen, dass er den Verdienstausfall zurückforderte, und zwar mit Zinsen. Daraufhin war Hector an einem Fußgängerüberweg in Stockholm von einem Unbekannten überfahren worden.

Adalberto glaubte nicht an Zufälle und reagierte sofort. Er schickte Leszek nach München, um Hankes Sohn zu töten. Aber es war nicht nach Plan gelaufen. Vielleicht war das auch ganz gut so, denn jetzt waren sie quitt.

Wenn es weiterhin ruhig blieb mit den Hankes, konnte er sich wieder darauf konzentrieren, seine Handelslinie zurückzubekommen, denn das würde er, dessen war er sich sicher.

————

Der Abend war immer noch mild, die Zikaden zirpten, und aus einem Fernseher irgendwo in der Nähe dröhnte eine TV-Show auf Guaraní.

Jens brachte seine Kisten in einen alten Lagerraum. Er hatte die Maschinengewehre auseinandergeschraubt und die Endstücke in eine Kiste mit Stahlrohren gelegt. Die Gewehrkolben kamen zwischen vakuumverpackte Wassermelonen.

Die letzten Jahre waren hektisch gewesen. Er hatte sich in Bagdad, Sierra Leone, Beirut und Afghanistan aufgehalten, und es war oft gefährlich gewesen. Man hatte auf ihn geschossen, und er war Menschen begegnet, die er nie wiedersehen wollte.

Jens hatte sich vorgenommen, sich nach diesem Auftrag eine Auszeit zu nehmen, nach Hause zu fahren und sich auszuruhen. Normalerweise begleitete er seine Ware nicht, das war viel zu riskant. Dieses Mal machte er eine Ausnahme, er wollte zurück nach Schweden. Auf einem in Panama registrierten Frachtschiff, das von der brasilianischen Hafenstadt nach Rotterdam fuhr, hatte er einen Platz für sich und seine Kisten gebucht. Der vietnamesische Kapitän wusste, worauf er sich einließ. Er hatte gesagt, ein anderer Kunde hätte bereits dafür gesorgt, dass es beim Ausladen in Rotterdam keine Probleme geben würde, aber das habe natürlich auch seinen Preis.

Jens nagelte die Kisten zu, füllte gefälschte Zollerklärungen aus und lud seine Fracht auf einen alten Lastwagen, der ihn und die Waffen am nächsten Morgen nach Paranaguá bringen sollte.

Die Autofahrt war ein elfstündiger Albtraum. Sein Kater hielt ihn wach, und der Fahrer brüllte und hupte sich vorwärts bis nach Brasilien. Am Hafen stellte Jens fest, dass das Schiff ein rostiger alter Kasten aus den Fünfzigerjahren war, blau an den Stellen, wo die Farbe noch nicht abgeblättert war. Das Schiff wurde von einer Brücke im hinteren Teil des Fahrzeugs gesteuert, das schwer mit Containern beladen war. Das Dröhnen des Dieselmotors erfüllte die Luft.

Jens kletterte über eine Leiter an Bord und sah sich um. Von hier oben wirkte das Schiff größer. Er fand seine Kabine, die ihn eher an eine Zelle erinnerte, denn sie war gerade so breit, dass er hineingehen konnte. An der Wand war ein schmales Bett befestigt, dazu gab es einen kleinen Schrank. Wenigstens hatte die Kabine ein Fenster und befand sich über der Wasseroberfläche.

Als das Schiff ablegte, lehnte er sich an die Reling. Die Sonne stand knapp über dem Horizont, und Jens sah den Containerhafen von Paranaguá langsam in der Ferne verschwinden.

————

Lars Vinges Arbeitstage waren lang und inhaltsleer. Er hatte Sophie fotografiert, wie sie von der Arbeit nach Hause fuhr. Er hatte dagesessen und die Gegend betrachtet, um die Zeit totzuschlagen, er war im Schutz der Dunkelheit spazieren gegangen und hatte ein paar unscharfe Bilder von Sophie geschossen, wie sie hinter den Fenstern umherging. Er war Sophie und ihrem Sohn Albert gefolgt, als sie in die Stadt fuhren, um essen zu gehen und anschließend ins Kino. Warum er sie bei alldem beobachten sollte, wusste Lars nicht, es schien ihm vollkommen sinnlos.

Am Abend zuvor hatte er Gunilla einen Bericht über Sophies Unternehmungen geschrieben und mit dem Vorschlag geendet, die Überwachung abzubrechen.

Als Lars nach Hause kam, saß seine Freundin Sara im Wohnzimmer und sah sich eine Fernsehsendung über Klimaveränderungen an. Lars lehnte sich an den Türrahmen und verfolgte das Programm. Statistiken und überzeugende Argumente gut ausgebildeter Menschen machten ihm Angst.

Eine SMS von Gunilla erschien auf seinem Display. Sie schrieb, er sei wichtig und wertvoll für die Ermittlungen, er könne die Überwachung jetzt nicht einfach abbrechen. Sie beendete die Nachricht mit den Worten liebe Grüße.

Obwohl Lars begriff, dass ihre Schmeicheleien nicht uneigennützig waren, fühlte er sich doch ein bisschen besser. Mit der Zeit würde Gunilla ihm bessere Aufgaben geben, das hatte sie ihm versprochen – Aufgaben, die seinem Intellekt mehr entsprachen, als Tag und Nacht eine einfache Krankenschwester zu beobachten. Dann würde er endlich einen Sinn in seiner Arbeit sehen, und die anderen in der Gruppe würden begreifen, dass er auf seinem Gebiet unschlagbar war.

Er setzte sich neben Sara aufs Sofa und schaute das Ende der Sendung mit an, wo ihm erklärt wurde, dass er eine Mitschuld daran trüge, wenn die Erde bald kollabieren würde. Sara sagte, sie würde nie mehr in ein Flugzeug steigen und nur noch die Bahn nehmen. Wenn sie denn einmal ins Ausland reisen sollten.

Lars nickte. »Ich muss nachher noch arbeiten. Wollen wir uns ein bisschen hinlegen?«

Sara schüttelte den Kopf und wandte den Blick nicht vom Bildschirm ab.

Um halb acht am Abend parkte Lars den Volvo ein Stück von Sophies Haus entfernt. Wie immer gab es nichts Ungewöhnliches zu beobachten. Er wartete eine Weile und starrte ins Leere, dann fuhr er eine Runde und prägte sich zum zehnten Mal die Straßen ein. Er suchte sich einen neuen Parkplatz und notierte etwas, das eigentlich nicht notierenswert war. Um neun beschloss er, eine letzte Runde am Haus vorbei zu machen, bevor er den Heimweg antrat.

Sophie kam gerade aus der Tür und ging zu einem Taxi, das an der Gartenpforte auf sie wartete. Sie trug ihre dünne Jacke offen und hatte eine Tasche in der Hand.

Lars sah Sophie wie in Zeitlupe, als er an dem Taxi vorüberfuhr. Alles schien plötzlich stillzustehen, und für einen kurzen Moment schien ihm Sophie perfekt zu sein, ein Bild der Vollkommenheit. Lars wurde schlagartig von dem Gefühl überwältigt, sie schon lange zu kennen. Er schüttelte rasch diesen Gedanken ab, wendete das Auto die Straße hinunter und folgte dem Taxi.

Es bog in die Birger Jarlsgatan ein, fuhr am Park Humlegården vorüber und hielt schließlich auf der Sibyllegatan. Er sah, wie Sophie aus dem Taxi stieg, und beobachtete im Rückspiegel, sie in einem Hauseingang verschwand.

Er parkte ein Stück entfernt auf der Busspur und wartete eine Minute, bevor er aus dem Auto stieg. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er in den Hauseingang hinein, in dem sie verschwunden war, und schrieb alle Namen auf dem Klingelschild ab.

Um halb elf trat Sophie mit einer Freundin wieder auf die Straße. Arm in Arm liefen die beiden Frauen in Richtung Östermalmstorg. Sophie gestikulierte, die Freundin blieb stehen und lachte herzlich. Lars stieg wieder aus dem Auto und folgte ihnen.

Sophie und ihre Freundin gingen in ein Lokal. Lars setzte sich in die Bar und beobachtete sie von seinem Platz aus, trank eine Virgin Mary und fühlte sich deplatziert. Er ging selten aus, und wenn, dann eher in Restaurants, niemals in einen Club und schon gar nicht in Södermalm. Er sah zu Sophie hinüber, merkte, dass er sie anstarrte, und blickte wieder weg. Der Tomatensaft schmeckte nach Tomate, und das Gemüse darin war bitter. Sophies Anwesenheit brachte ihn aus der Ruhe, er schielte wieder zu ihr hinüber und war verblüfft, wie gut sie aussah, ja wie schön sie war. Die kleinen, fast unsichtbaren Fältchen um ihre Augen, ihr makelloser Hals, ihr glänzendes Haar und ihr schöner Nacken. Ein perfekter Nacken, der ihrer Haltung etwas Besonderes verlieh. Dann ihre Stirn, die sie so elegant erscheinen ließ, elegant und intelligent.

In diesem Augenblick drehte sich Sophie zu ihm um, vielleicht spürte sie die Intensität seines Blickes. Ihre Blicke trafen sich kurz, sie lachte ihn an, er lächelte zurück, aber ihr Blick ging an ihm vorbei.

Lars räusperte sich, schaute sich um und verließ wenig später das Lokal.

Zu Hause schrieb er seinen Bericht über die Ereignisse des Abends und über Sophies Freundin. Dazu listete er die Namen auf, die er im Treppenaufgang gelesen hatte, und faxte das Ganze an Gunilla.

Sara schlief bereits. Er legte sich zu ihr, und sie wachte auf.

»Wie spät ist es?«, flüsterte sie.

»Spät … oder früh«, sagte er.

Sie wickelte sich fest in ihre Decke und drehte sich wieder um. Er drückte sich ungeschickt an sie.

»Hör auf, Lars«, seufzte sie und rückte etwas von ihm ab.

Er drehte sich auf den Rücken, starrte an die Decke und lauschte auf den Verkehrslärm, der von der Straße heraufdrang. Als er einsah, dass er nicht einschlafen konnte, stand er wieder auf und setzte sich vor den Fernseher.

In allen Frauen, die auf dem Bildschirm erschienen, sah er immer nur Sophie Brinkmanns Gesicht.

————

Die Kaufhausmusik war leise und beruhigend. Sophie sah sich in der Damenabteilung Unterwäsche an und befühlte Qualität und Material. Ging weiter zum Make-up und kaufte eine teure Creme, die Unmögliches versprach.

»Sophie?«

Erstaunt drehte sie sich um und sah Hector mit Krücke und hinter ihm Aron mit zwei Tüten von einem Herrenausstatter.

»Hector.«

»Hast du etwas gefunden, das dir gefällt?«, fragte er.

»Eine Creme, bis jetzt.« Sie hob ihre kleine Papiertüte hoch. »Und du?«

Hector sah auf die Tüten in Arons Hand und nickte vor sich hin. »Ich weiß nicht«, sagte er und sah sie an. »Wir haben noch nie zusammen Kaffee getrunken.«

»Wie bitte?«

»Wir haben neulich nach dem Essen keinen Kaffee mehr getrunken. Es gibt hier ein anständiges Plätzchen, unten im Restaurant. Hast du Lust?«

Sophie nahm Kaffee mit Milch, genau wie Hector. Das junge Mädchen mit der karierten Schürze hatte ihnen alle möglichen Sorten vorgeschlagen, aber sie hatten nur abgewinkt und sich für einfachen Kaffee entschieden. Aron saß etwas weiter entfernt und wartete geduldig, das Lokal hatte er fest im Blick.

»Trinkt Aron keinen Kaffee?«

Hector schüttelte den Kopf. »Aron ist ein wenig eigen.«

Einen Augenblick schwiegen sie.

»Wie läuft es in der Buchbranche?«, fragte Sophie.

Hector lächelte. »Wie läuft es in der Krankenbranche?«, fragte er zurück.

»Wie immer. Die Leute werden krank, manche werden gesund, alle sind tapfer.«

Hector merkte, dass sie es ernst meinte. »So ist das«, sagte er und trank einen Schluck Kaffee. Dann setzte er die Tasse ab. »Ich feiere bald Geburtstag.«

Sie blickte ihn freundlich, aber fragend an.

»Ich würde dich gern einladen, Sophie.«

»Vielleicht komme ich ja auch«, antwortete sie leichthin.

Hector blickte sie kurz an. Sie sah die winzige Veränderung sofort, er wirkte verärgert.

»Das ist eine Einladung. Man kann auf eine Einladung nicht mit ›vielleicht‹ antworten.«

Sophie kam sich dumm vor, als hätte sie die Spielregeln nicht begriffen. Als ginge sie davon aus, dass er mit ihr flirtete und sie sich unnahbar zeigen müsste. Vielleicht flirtete er aber gar nicht mit ihr. Es ging ihm um etwas anderes. Worum genau, das war ihr noch nicht klar.

»Entschuldige«, erwiderte sie.

»Ist schon in Ordnung«, sagte er schnell.

»Ich komme sehr gern zu deinem Geburtstag, Hector.«

 

 

4

Blitzlichtgewitter. Ralph Hanke lächelte in die Kameras und schüttelte einem klein gewachsenen Mann mit dünnem Haar und Schnurrbart die Hand.

Ein Journalist fragte den Lokalpolitiker, ob er es für eine gute Idee halte, ein Einkaufszentrum auf einem Gelände zu errichten, auf dem man Umweltgifte vermutete. Der Politiker stotterte und wusste nach ein paar Sätzen nicht mehr, was er sagen sollte. Ralph Hanke sprang ein.

»Das ist doch Unsinn. Wir haben viel Zeit und Geld investiert, um das Terrain zu untersuchen.«

Ralph Hanke gab niemals Interviews. Er tauchte nur hin und wieder unerwartet auf, wenn nichts weiter auf dem Spiel stand, wie etwa bei dieser Einkaufspassage in einem Münchner Vorort.

Roland Gentz, Jurist und Hankes rechte Hand, stellte sich vor ihn hin und dankte den Journalisten für ihr Interesse. Dann führte er Ralph Hanke hinter das Podium.

Ihren Wagen fuhr Michail Sergejewitsch Asmarov, ein Russe mit einem Nacken, der fast ebenso breit war wie der Sitz, auf dem er saß.

»Er weiß einfach nicht, wann er die Klappe halten muss. Das Problem mit diesem Idioten ist, dass er glaubt, er arbeite für die Bevölkerung«, sagte Roland Gentz vom Beifahrersitz.

Ralph Hanke sah aus dem Fenster. Gebäude glitten vorbei, Häuser, Geschäfte, Wohngebiete und Menschen. In letzter Zeit hatte er viel riskiert. Und viel gewonnen. Seine Baufirma bekam alle Aufträge. Es machte sich einfach gut, Passagen, Werften, Parkhäuser und Bürohäuser zu bauen, es legitimierte seine Geschäfte. Er verdiente gutes Geld dabei, sauberes Geld sogar.

Hanke hatte es ganz allein zu etwas gebracht, das konnte ihm niemand absprechen. Als Einzelkind war er in einer armen Familie in der ehemaligen DDR aufgewachsen. 1978 war sein Sohn Christian zur Welt gekommen. Ralph hatte sich von seiner damaligen Frau getrennt, die eine unglückliche Vorliebe für Heroin entwickelte. In den Jahren vor dem Mauerfall arbeitete er bei der Postverwaltung, wo er Kollegen an die Stasi verriet. Seine Spitzelei verschaffte ihm Vorteile, die ihm später nützlich waren. Er lernte einige Stasibeamte kennen, die Unterlagen beiseiteschafften, die sie nach dem Mauerfall teuer verkaufen konnten.

Im letzten Jahr vor dem Mauerfall hatte Hanke ausschließlich für die Stasi gearbeitet, er war Teil der Kommerziellen Koordinierung, KoKo. Ziel dieser Abteilung war es gewesen, über den Geheimdienst an Westwährung zu kommen, um das bankrotte Land zahlungsfähig zu halten.

Ralph Hanke und seine Freunde verkauften Handfeuerwaffen der ostdeutschen Armee an alle, die sie haben wollten. Die erste Auslandsreise seines Lebens führte ihn nach Panama. Damals war General Noriega an der Macht, und der bezahlte die Waffen bar und in Dollar. Ralph Hanke spürte zum ersten Mal, dass er etwas bewegen konnte. Am 9. November 1989 ging er an der Seite seines Sohnes frei wie ein Vogel durch den Übergang am Brandenburger Tor nach Westberlin hinüber.

Eine Weile lebte er dort bei einem alten Freund. Er wartete ein paar Monate, dann begann er damit, ehemaligen Spitzeln ihre eigenen Akten zu verkaufen. Je mehr Zeit verging, desto mehr Geld bekam er dafür. Sein neues Vermögen benutzte er dazu, die gestohlenen Lagerbestände der Volksarmee aufzukaufen, Fahrzeuge, Waffen und andere Ausrüstungsgegenstände, die für wenig Geld zu bekommen waren. Er verkaufte sie zum zehnfachen Preis weiter. Außerdem behielt er Kopien der Stasiberichte, die er an die Spitzel verkauft hatte. Einige von denen bekleideten schon bald hohe Posten im wiedervereinten Deutschland.

Ende der Neunzigerjahre, als die meisten von ihnen sich sicher fühlten mit ihrem Geheimnis, bekamen sie erneut Besuch von Ralph Hanke, nun in Begleitung von Christian. Diesmal wollte Ralph kein Geld, diesmal wollte er Macht und Einfluss.

Ralph und Christian Hanke reisten durch die Welt und knüpften Kontakte zu Regierungen und Großkonzernen, bezahlten Schmiergelder und verkauften mittels Strohmännern und fiktiver Unternehmen Flugzeuge, Fahrzeuge sowie Radarausrüstungen an Krieg führende Länder. Innerhalb weniger Jahre hatten sie die Hanke GmbH aufgebaut und verdienten ein Vermögen.

Sie waren in der Münchner Innenstadt angekommen.

Hanke setzte sich auf dem knarzenden Ledersitz zurecht.

»Hast du Christian erreicht?«

»Ja«, antwortete Roland Gentz.

»Und?«

»Er ist zu Hause und ertränkt seinen Kummer in Alkohol. Sie hat ihm anscheinend viel bedeutet.«

Ralph Hanke schaute wieder aus dem Fenster. Nachdem Christians Auto in die Luft geflogen war, war seine erste Reaktion Erleichterung gewesen. Erleichterung darüber, dass nicht Christian im Wagen gesessen hatte. Er hatte darüber nachgedacht, ob das wirklich Guzmans Antwort gewesen war. Hatte er es auf die Freundin abgesehen oder auf Christian? Oder war es ein Gruß von jemand ganz anderem? Nein, es musste Guzman gewesen sein, aber seine Vorgehensweise erstaunte Hanke ein wenig. Setzte er den Tod der Freundin mit den Verletzungen gleich, die Hector auf dem Fußgängerüberweg davongetragen hatte?

Er blinzelte zu den Kuppeln der Frauenkirche hinauf und versank wieder in Gedanken, er war neugierig, wie Adalberto Guzman reagieren würde, wenn er ihn in die Knie zwänge. Das wahre Wesen eines Menschen zeigte sich doch erst, wenn er am Boden lag, erst dann konnte man sich ein Urteil bilden. Manche blieben kläglich liegen. Manche standen auf, schoben die Schuld auf jemand anderen und verkauften ihr Seele dem Teufel. Überlebensinstinkt konnte man das nennen, Ralph Hanke nannte es Todesangst. Und dann gab es noch diese kleine Gruppe von Menschen, die furchtlos zurückschlugen. Vor denen hatte er Respekt. Vielleicht gehörte Guzman ja zu ihnen?

Roland brach das Schweigen und ging mit ihm die Tagesplanung durch. Er arbeitete seit acht Jahren für Ralph Hanke. Roland Gentz hatte dafür gesorgt, dass alle Probleme, die Ralph hatte, sich in Vorteile verwandelten. Roland war seine rechte Hand, ohne die er nicht sein konnte, er erledigte, was Ralph nicht selbst tun konnte. Er hatte einen minutiösen Überblick über alle Vorgänge. Wenn jemand einmal nicht spurte, trat Roland einen Schritt zur Seite, und Michail übernahm. Es war eine kleine, aber sehr effektive Organisation, die Ralph Hanke aufgebaut hatte.

»Michail, du fährst nach Rotterdam, oder?«, fragte Roland Gentz.

»Warum soll er nach Rotterdam?«

Roland schaute über die Schulter. »Ich habe beschlossen, dass einer von uns die Ware entgegennehmen soll, zumindest im ersten halben Jahr. Guzman könnte auf dumme Gedanken kommen.«

»Aber warum Michail, haben wir keinen anderen?«

»Die sind alle beschäftigt. Es geht nicht anders.«

Michail erklärte, er habe alles vorbereitet, er würde mit zwei weiteren Männern fahren, alles würde gut gehen.

»Wer sind die anderen?«

»Wir haben in Tschetschenien zusammen gedient.«

»Sind sie sauber?«

Michail lächelte schief.

Ralph Hanke hatte den Russen schon immer gemocht. Michail stellte selten etwas infrage und tat, was man ihm sagte. Und wenn einmal etwas nicht nach Plan lief, löste er das Problem auf seine Weise.

»Okay«, sagte Ralph und entspannte sich in seinem Sitz. Er schloss die Augen. Ein paar Minuten Schlaf wären jetzt genau das Richtige.

————

Sophie probierte vor dem Spiegel verschiedene Röcke an. Aber sie fand sie alle zu schick und entschied sich schließlich für Jeans.

»Wo willst du hin?«

Albert saß auf dem Sofa, als sie die Treppe herunterkam.

»Zu einer Feier.«

»Bei wem?«

Sophie blieb in der Diele stehen und betrachtete sich im Spiegel.

»Bei einem Freund. Er heißt Hector.«

Sie trug Lippenstift auf und beugte sich zum Spiegel vor.

»Hector? Wer heißt denn heute noch Hector?«

Sophie presste die Lippen aufeinander. »Albert!«, sagte sie nur.

»Wer ist er denn? Was Ernstes, Mama?«

Sie hörte den leisen Spott in seiner Frage und musste lächeln. Albert stand auf und ging an ihr vorbei in die Küche.

»Du siehst toll aus, Mama«, sagte er dann.

In letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass er sie die wenigen Male, die sie ausging, immer ermutigte.

»Danke, mein Schatz.«

Das Taxi setzte sie vor dem Trasten ab. Als sie das Restaurant betrat, kam ihr ein junger Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose entgegen, um ihr den leichten Mantel abzunehmen. Sophie war plötzlich nervös und zweifelte daran, dass es eine gute Idee war hierherzukommen.

Der Raum war mit Kerzen erleuchtet. Um die Tische herum saßen Gäste, die sich angeregt unterhielten, tranken und lachten. Hinter ihr kamen immer neue Gäste herein. Sophie sah an sich herunter. Sie war sich nicht sicher, ob sie zu lässig gekleidet war. Eine Frau kam mit einem Tablett mit Sektgläsern vorbei. Sophie nahm eines und suchte im Getümmel nach Hector. Schließlich entdeckte sie ihn weiter hinten im Lokal mit einem kleinen Jungen auf dem Schoß. Der Junge lachte, als Hector ihn auf seinem gesunden Bein reiten ließ. Jemand klopfte an ein Glas. Sophie lehnte sich an eine Wand und sah einen großen Mann um die fünfzig mit kahlem Kopf und offenem weißen Hemd. Er wartete, bis sich das Stimmengewirr gelegt hatte. Dann klopfte er noch einmal an sein Glas. Eine Stimme rief etwas auf Spanisch, und ein paar Leute lachten. Der Mann wartete, dann fing er an, eine Rede auf Spanisch zu halten. Er wandte sich ab und zu an Hector, und nach einer Weile senkte er die Stimme und klang sentimental. Hector hörte ruhig zu, der Junge auf seinem Schoß saß ganz still und schmiegte sich an ihn. Schließlich erhob der Redner sein Champagnerglas und brachte einen Toast auf Hector aus.

Als alle miteinander angestoßen hatten, entdeckte Hector Sophie in der Menge und winkte sie zu sich. Der Junge, der auf seinem Schoß gesessen hatte, hüpfte davon. Das Stimmengewirr schwoll wieder an, und Sophie ging zu Hector hinüber, der seiner Nachbarin etwas zuflüsterte. Das Mädchen überließ seinen Platz Sophie, die sich mit einem Lächeln bedankte. Hector stand auf und schien bei Sophies Anblick kurz zu zögern. Sophie musste lachen. Er riss sich zusammen und küsste sie auf beide Wangen.

»Willkommen, Sophie.«

»Alles Gute zum Geburtstag, Hector.«

Sie überreichte ihm ein kleines Geschenk, und er nahm es, ohne es zu öffnen. Kurz ließ er seinen Blick auf ihr ruhen.

»Ich freue mich, dass du da bist. Komm, ich stelle dir meine Schwester vor.«

Sophie sah Aron an einer Bar am anderen Ende des Raumes sitzen, er nickte ihr freundlich zu. Eine Frau erhob sich, sie hatte kurzes dunkles Haar, dunkle Sommersprossen und wache Augen, die zugleich neugierig und fröhlich wirkten.

»Sophie, das ist meine Schwester Inez.«

Sophie streckte die Hand aus. Inez übersah die Hand und küsste Sophie auf die Wangen. Hector redete schnell auf Spanisch, und Inez erwiderte etwas, während sie Sophie anschaute.

»Sie bedankt sich bei dir, dass du dich um ihren Nichtsnutz von Bruder gekümmert hast.«

Sophie erfuhr, dass Inez zwei Kinder hatte, die mit ihrem Mann in Madrid geblieben waren.

»Mein Bruder konnte nicht kommen, er lebt in Frankreich, ist Meeresbiologe und zieht es vor, unter der Wasseroberfläche zu bleiben. Aber ich nehme ihm das nicht übel«, erklärte Hector.

Der Mann, der die Rede gehalten hatte, kam auf sie zu und umarmte Hector, dann wandte er sich an Sophie. Sein massiger Körper und seine gewaltige Nase wirkten noch größer, als er so nah vor ihr stand. Er trug einen dicken Armreif, eine Kette um den Hals und an den Ringfingern zwei große Siegelringe.

»Sophie, das ist Carlos Fuentes, der Besitzer dieses Lokals.«

»Schön, dich kennenzulernen, Sophie. Du warst schon einmal hier mit Hector zum Mittagessen.« Carlos sprach mit starkem Akzent Schwedisch. »Du bist Krankenschwester, habe ich gehört. Da kannst du bei Gelegenheit vielleicht auch mein gebrochenes Herz zusammenflicken?«

Er legte sich die Hand auf die Brust, lächelte sie an und ging davon.

»Warum hat er ein gebrochenes Herz?«, fragte Sophie.

Hector zuckte mit den Schultern. »Er will von den Frauen als hoffnungsloser Romantiker gesehen werden. Er hat kein gebrochenes Herz, sondern zwei zerbrochene Ehen.«

Hector schaute Carlos hinterher. Sophie sah, wie sein Blick sich einen Moment verdunkelte. Doch bevor Sophie darüber nachdenken konnte, kam ein Paar auf sie zu. Der Mann war schlank und drahtig und die Frau eine echte Schönheit. Ihr glänzend schwarzes Haar rahmte ihr zartes Gesicht ein. Arm in Arm traten sie auf Hector zu. Es schien, als gehörte ihnen die Welt, die sie gern mit anderen teilen wollten. Der Mann klopfte Hector auf die Schulter und überreichte ihm ein Geschenk. Dann ergriff er Sophies Hand.

»Ich bin Thierry, und das ist meine Frau Daphne.«

Sophie begrüßte sie, und Daphne lächelte sie an.

Jemand klatschte in die Hände und rief, die Gäste sollten sich setzen. Hector platzierte Sophie ganz in seiner Nähe. Es gab keine Tischordnung, aber alle schienen zu wissen, wo sie sitzen sollten. Sophie fand einen freien Stuhl und nahm Platz.

Neben ihr saß ein ungewöhnlich dünner Mann, einer der wenigen im Lokal, die Schlips und Anzug trugen. Er hatte kurzes Haar, trug eine filigrane Brille und wirkte angestrengt. Er hatte sich als Ernst Lundwall vorgestellt und geschwiegen. Dann schien er sich einen Ruck zu geben und sprach sie an: »Und wie haben Sie Hector kennengelernt?«

Sophie erzählte von dem Unfall, von dem Lundwall wusste, und wie sie sich im Krankenhaus getroffen hatten. Anschließend gab sie die Frage zurück.

»Ich berate Hectors Verlag in juristischen Fragen. Ich bin Anwalt für Urheber- und Gesellschaftsrecht.«

Er hatte eine eintönige, näselnde Stimme, das Essen wurde für Sophie ein wenig mühsam. Ernst Lundwall antwortete einsilbig auf ihre Fragen, ohne selbst welche zu stellen oder ausschweifend zu werden. Immer wieder verebbte die Unterhaltung zwischen ihnen. Der Mann zu ihrer anderen Seite war auch keine Hilfe, er sprach weder Englisch noch Schwedisch. Schließlich gab sie es auf und schwieg ebenfalls.

Ab und zu schaute sie zu Hector hinüber, der sich mit seiner Schwester unterhielt. An seiner anderen Seite saß eine schöne Frau um die dreißig, die Sophie noch nicht kannte. Sie schaute auf und sah zu ihr herüber, dann wandte sie den Blick wieder ab.

Sophie sah zur Eingangstür, die sich wieder öffnete. Ein durchtrainierter Mann mit kurzem Haar trat herein. Ein gut gekleideter älterer Mann mit weißem Haar und sonnengebräunter Haut folgte ihm. Zuletzt kam Aron, der die Tür hinter ihnen schloss.

Hector stand auf, er wirkte überrascht, fast ergriffen. Der ältere Herr kam auf ihn zu, und sie umarmten sich.

»Guzman el Bueno!«, rief jemand, und alle begannen zu klatschen.

Hector wechselte ein paar Worte mit dem Mann, der offensichtlich sein Vater war, und Sophie sah, wie die beiden einander die Wangen tätschelten. Eine Kellnerin half Adalberto Guzman aus dem Mantel, Stühle wurden gerückt, die Gäste tauschten die Plätze, und Adalberto setzte sich neben seinen Sohn. Er nahm Hectors Hand in die seine.

Ernst Lundwall schien mit einem Schlag gesprächiger zu werden. Er erzählte Sophie, welche Musik er als Jugendlicher gehört hatte und wie sein Geschmack sich verändert hatte. Sophie versuchte, interessiert zu wirken, aber ihr Blick ging immer wieder zu Hector und seinem Vater.

»Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte sie und stand auf. Ernst Lundwall störte das nicht, er drehte sich nur zur Tischnachbarin auf seiner anderen Seite und redete weiter.

»Das ist mein Vater, Adalberto Guzman«, sagte Hector und stellte ihm Sophie vor.

Adalberto ließ ihre Hand nicht los und sah ihr fest in die Augen. Dabei nickte er immer wieder zu dem, was Hector ihm über sie sagte.

Dann bot Hector Sophie seinen Arm. Sie gingen eine Runde durchs Lokal, und er stellte sie einigen seiner Freunde vor. Sophie hatte das Gefühl, er wollte den Eindruck erwecken, sie wären ein Paar. Sie machte sich los und ging zurück zu ihrem Platz, wo sie Ernst Lundwall zum Glück nirgends entdecken konnte. Aus den Lautsprechern kam jetzt laute Musik, die Leute begannen zu tanzen. Aber Hector war ihr gefolgt und setzte sich neben sie.

»Hast du Angst vor mir?«

Sie schüttelte den Kopf. Er blickte auf die Tanzfläche.

»Es ist mir wichtig, dass du meine Freunde kennst.« Er nahm ihre Hand. »Ist das für dich in Ordnung?«

Sie nickte.

Eine Weile saßen sie da und sahen den anderen beim Tanzen zu. Hectors Hand fühlte sich groß und warm an. Sophie mochte es, sie zu halten.

Gegen zwei Uhr nachts löste sich die Geburtstagsgesellschaft allmählich auf, es waren nur noch zwei Handvoll Gäste da, die meisten saßen an Hectors Tisch: Hector selbst, Adalberto, Inez, Aron und Leszek – der Mann mit dem kurzen Haar, der mit Adalberto gekommen war –, außerdem Thierry und Daphne. Neben Hector saß wieder die junge Frau. Sophie sah, wie Inez mit Adalberto redete. Inez wirkte wie ein Kind, das beschlossen hatte, wütend auf seinen Vater zu sein. Adalberto schaute ein wenig gequält, aber Sophie spürte, dass er seine Tochter liebte. Sophie ertappte sich wieder dabei, wie sie die Frau neben Hector anstarrte. Sie wirkte kühl, fast mürrisch und zugleich zerbrechlich. Nein, dachte Sophie, sie war traurig, das war es. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb hatte sie etwas Erhabenes an sich. Sophie empfand leise Eifersucht.

Sie begegneten sich auf der Damentoilette, vielleicht war die Fremde ihr nachgegangen? Sie standen nebeneinander und betrachteten ihre Gesichter in den Spiegeln über den Waschbecken. Die Frau frischte ihr Make-up auf.

»Ich heiße Sonya«, sagte sie. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Sophie. Freut mich auch.«

Als Sophie aus der Toilette kam, lauschte sie der Musik und sah den Tanzenden zu. Die letzten Gäste bewegten sich jetzt voller Energie auf der Tanzfläche.

Irgendwann beschloss Sophie, ein letztes Getränk zu nehmen und sich dann auf den Heimweg zu machen. Kaum hatte sie sich an den Tisch gesetzt, leisteten ihr die anderen Gesellschaft, als hätten sie sich verabredet. Die Musik wurde leiser.

Inez beugte sich zu ihr herüber und sagte etwas. Hector übersetzte, so gut er konnte, aber er und Inez verfielen immer wieder ins Spanische und lachten. Sonya lächelte nur, doch es war ein ungezwungenes Lächeln. Hector wirkte jetzt sehr jungenhaft. Sophie sah, dass er sich amüsierte. Auch Adalberto war wieder zum Kind geworden, er redete auf Spanisch drauflos, ohne dass jemand ihm zu folgen schien. Sophie erschien die Welt mit einem Mal vollkommen im Einklang mit sich selbst.

Gegen halb vier morgens verließ sie schließlich die Feier. Hector begleitete sie hinaus zum Taxi und öffnete ihr die Tür.

»Danke«, sagte sie aufrichtig.

»Ich danke dir, dass du da warst«, erwiderte er.

Sie beugte sich vor und ließ sich küssen. Es war ein behutsamer Kuss, den er rasch beendete.

————

Lars lehnte sich an die Wand. Er sah Erik zu, der auf seinem Stuhl saß, die Füße auf einer herausgezogenen Schreibtischschublade, und sich mit einem Stift im Ohr bohrte. Eva Castroneves rollte auf ihrem Bürostuhl hin und her, und Gunilla las in einem Dokument. Dann legte sie das Blatt zur Seite, nahm ihre Brille ab und ließ sie an dem Band um ihren Hals herabbaumeln.

»Fang du an, Lars.«

Lars erzählte der versammelten Mannschaft, wie Sophie Brinkmann Hector im Nordiska Kompaniet getroffen hatte und gestern Abend zu seiner Feier im Restaurant Trasten gegangen war.

»Aber das habe ich alles auch in mein Protokoll geschrieben«, beendete er seinen Bericht.

»Sophie und Hector haben offensichtlich ein Verhältnis, das wissen wir jetzt. Wie dieses Verhältnis genau aussieht, wird sich zeigen. Erzähl von der Feier, Lars«, sagte Gunilla.

Er räusperte sich, verschränkte seine Hände und löste sie wieder.

»Ich habe nichts Außergewöhnliches festgestellt, außer dass zwei Männer vor dem Restaurant Wache standen, nachdem ein älterer Mann am späteren Abend ankam. Sophie stieg um 03.28 Uhr in ein Taxi.«

»Danke«, sagte Gunilla und nickte Eva zu. Doch Lars war noch nicht fertig.

»Ich habe die anderen Gäste fotografiert, als sie das Lokal verließen«, warf er ein. »Die Bilder sind etwas unscharf, vielleicht kannst du sie dir mal ansehen, Eva?«

Lars’ Stimme klang jetzt heller, das passte ihm nicht.

»Gut, gib Eva die Bilder«, entschied Gunilla.

Eva wandte sich ihren Papieren zu. »Sophie Brinkmann, geborene Lantz. Sie scheint ein abgesichertes Leben zu führen, vermutlich das Erbe ihres Mannes. Sie trifft sich ab und zu mit Freundinnen und mit ihrer Mutter. Sie hat eine ziemlich normale Vergangenheit. Normale Schulausbildung, Austauschjahr in den USA. Ein paar Monate nach dem Schulabschluss reiste sie mit einem Freund nach Asien, dann hatte sie verschiedene Jobs, bevor sie in Sophiahem die Ausbildung zur Krankenschwester absolvierte. Sie lernte David Brinkmann kennen, und zwei Jahre später kam Albert zur Welt. Als David 2003 starb, verkaufte sie das Haus und zog mit ihrem Sohn in ein kleineres in derselben Gegend.«

Eva blätterte in ihren Papieren und setzte ihre Zusammenfassung fort.

»Wir kennen ihren Freundeskreis noch nicht, abgesehen von ihrer besten Freundin, Clara. Das ist die Frau, mit der sie unterwegs war, als du ihnen gefolgt bist, Lars. Das ist alles, was ich bisher habe.«

Gunilla hatte noch eine Frage. »Ist sie eine Frau, die mit Männern ausgeht?«

»Hector scheint der Erste zu sein, mit dem sie sich trifft«, erwiderte Eva.

»Warum glaubst du das?«, fragte Gunilla.

»Nichts deutet darauf hin, dass sie nach dem Tod ihres Mannes einen anderen Mann kennengelernt hat. Aber ich werde das prüfen.«

»Erik?«, fragte Gunilla.

»Die Frage ist, ob der Spanier sich in sie verliebt hat, dann hat die Frau eine Funktion.«

Es wurde still. Lars betrachtete die anderen und fühlte sich, als wäre er allein im Zimmer.

Dann sagte Gunilla: »Lars, kannst du mich fahren?«

Sie quälten sich durch den Mittagsverkehr. Gunilla klappte die Sonnenblende herunter und schminkte sich in dem kleinen Spiegel.

»Was denkst du?«, fragte sie und presste die Lippen aufeinander.

»Ich weiß nicht.«

Sie schraubte den Deckel auf den Lippenstift und legte ihn zurück in ihre Tasche. »Ich hätte gern deine Meinung dazu, Lars, keine Ausführungen oder Argumente, einfach nur deine Meinung.«

Sie steckten auf der Sturegatan hinter einem Bus fest, das gab ihm einen Moment zum Nachdenken.

»Es scheint ein bisschen dürftig«, sagte er vorsichtig.

»Es ist dürftig. Es ist immer dürftig, meistens haben wir gar nichts. Deshalb finde ich ganz im Gegenteil, dass wir in diesem Fall recht viel wissen.«

Lars nickte. »Du hast sicher recht.«

»Du musst mir nicht recht geben«, sagte sie.

Lars hustete, er wollte gern, dass sie ihm vertraute.

»Ich glaube, ich kann mehr, Gunilla.«

»Was meinst du?«

»Dass ich mehr kann als nur beschatten. Ich bin der analytische Typ, ich kann so viel beitragen, glaube ich. Wir haben darüber gesprochen, als du mich eingestellt hast.«

»Du bist wichtig für die Gruppe, Lars, du bist wertvoll. Ich will dich noch mehr einbinden, aber dazu brauchen wir etwas, worauf wir aufbauen können, und du bist derjenige, der das herausfinden kann. Ich übernehme die Verantwortung, wenn etwas schiefgehen sollte. Verstehst du, was ich meine?«

»Ich glaube, ja.«

Lars fand eine Parklücke. Er fuhr an den Bordstein und hielt an.

»Wir sind auf dem richtigen Weg«, fuhr sie fort. »Zweifle nicht daran, tu lieber alles, was in deiner Macht steht, um hier einen Schritt weiterzukommen.« Sie schloss ihre Handtasche. »Ich schicke dir die Nummer eines Mannes namens Anders. Er wird dir helfen. Anders ist gut.«

Gunilla strich ihm flüchtig über den Arm, öffnete die Tür und stieg aus.

Lars blieb sitzen. Er dachte an das, was Gunilla eben über ihn gesagt hatte, über seinen Wert für die Gruppe. Gunilla sollte mit ihrer Einschätzung recht behalten. Er würde sie nicht enttäuschen.

————

Die See war rau, und die Gischt sprühte über ihn hinweg. Er stand am Bug des Schiffes und sah das flache Festland in der Ferne. Holland.

Plötzlich wurde das Schiff langsamer. In der Ferne entdeckte Jens ein Motorboot, das durch die Wellen direkt auf sie zukam. Er blinzelte und versuchte zu erkennen, was das für ein Boot war. Er verließ seinen Platz am Bug und ging zur Brücke hinauf. Jens öffnete die schwere Metalltür. Der Kapitän und der Steuermann tranken Tee und rauchten stinkende Zigaretten. Ein Brettspiel stand vor ihnen.

»Da kommt ein Boot.«

Der Kapitän nickte. »Passagiere«, sagte er ruhig und trank einen Schluck Tee.

Jens war neugierig und trat wieder aufs Deck hinaus.

Als das Motorboot längsseits ging, wurde eine Leiter herabgelassen, und zwei Männer kletterten an Bord, der eine fast kahl rasiert, der andere dunkelhaarig mit einer kurzen, dunklen Jacke. Der Kahle hatte eine Sporttasche dabei. Während das Motorboot wieder losmachte und in Richtung Land davonfuhr, kam der Dunkelhaarige auf die Brücke.

Jens beobachtete, wie er mit dem Kapitän sprach. Sie gestikulierten, und der Kapitän schien sich für etwas zu entschuldigen. Dann trat der Mann wieder auf die Stahltreppe hinaus.

»Leszek!«, rief er dem Kurzgeschorenen mit der Sporttasche zu und zeigte auf das Heck des Schiffes. Leszek gehorchte und verschwand.

Der Dieselmotor dröhnte lauter, und das Schiff nahm wieder Kurs auf Rotterdam.

Jens verzog sich unter Deck. Der Kapitän hatte ihm verboten, sich während der Reise im Frachtraum aufzuhalten, aber Jens hatte nicht vor, ihn um Erlaubnis zu bitten. Er öffnete zwei Kisten, setzte die Waffen zusammen und packte sie in zwei kleinere Kisten, die leichter auf den Lieferwagen zu heben waren, den er an den Kai beordert hatte. Jens hatte vereinbart, dass der Zoll in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft im Hafen keine Stichprobe machen würde. Das würde für den sicheren Abtransport reichen müssen.

Wenig später tauchte der Hafen von Rotterdam vor ihnen auf. Alles an ihm war riesig. Die Kräne, die Container, die ungeheuer großen Schiffe an den gigantischen Anlegeplätzen. Das Schiff machte fest, und von der Brücke aus öffnete der Kapitän den Frachtraum, Kräne schwenkten über das Schiff, und die Mannschaft verzurrte Riemen und Seile um die Container, die langsam an Land gehievt wurden.

Ein Wagen fuhr den Kai herunter und hielt vor dem Schiff. Es konnte nicht seines sein, dachte Jens, dazu war es zu klein. Drei Männer stiegen aus. Mit raschen Schritten stiegen sie die Leiter hoch an Deck.

Jens stellte seine Kaffeetasse ab, kletterte die Treppe von der Brücke hinunter und ging an zwei von ihnen vorbei über das Deck. Er grüßte sie, aber keiner der Männer grüßte zurück. Sie sahen zerschlagen aus, müde. Sie hatten schmale, tief liegende Augen und die vernarbte Haut von Junkies.

Im nächsten Augenblick hörte er die Stimme eines der Männer hinter sich.

»Michail!«

Dann folgten schnell hintereinander drei Schüsse. Ein Pfeifen war zu hören und dann von irgendwoher ein Schrei. Ohne zu überlegen, stürzte Jens die Treppe hinunter in den Frachtraum. Doch es blieb eine ganze Weile sehr still, nichts rührte sich. Langsam stieg Jens wieder ein paar Stufen hinauf und spähte an Deck. Einer der beiden, die er eben gegrüßt hatte, lag reglos am Boden. Er trug eine Maschinenpistole unter seiner Jacke. Im Gegenlicht sah Jens die Umrisse von Leszek, den sie unterwegs an Bord genommen hatten. Er kniete auf Deck und zielte auf einen der drei Männer, der jetzt vor ihm über das Deck rannte. Leszek schoss viermal hintereinander. Vergeblich, die Kugeln schlugen im Metall der Deckaufbauten ein.

Jens’ Puls hämmerte. Er beobachtete, wie Leszek sich das Gewehr über die Schulter hängte und geschmeidig davonrannte. Plötzlich waren zwei weitere Schüsse zu hören. Sie kamen von der Brücke. Jens sah Michail mit einer Maschinenpistole in der Hand. Er rief dem Mann, der sich an die Wand presste, auf Russisch etwas zu. Dann stieg er die Treppe hinunter, er schien es nicht sonderlich eilig zu haben. Er ging ins Heck des Schiffes.

Jens kroch zu dem Toten, hob seine Jacke, nahm ihm die Maschinenpistole ab und glitt die Treppe in den Frachtraum hinunter. Was passierte hier gerade? Wer versaute ihm hier sein Geschäft?

Der Frachtraum war groß, kalt und feucht, Kisten und Elektrogeräte standen dicht nebeneinander. Weiter vorn lagen die größeren Container aufeinandergestapelt, es waren noch insgesamt sieben, von denen einer hoch über ihm in der Luft hing. Die Kräne hatten den Löschvorgang nach dem Schusswechsel unterbrochen. Jens versuchte nachzudenken, versuchte sich zu konzentrieren. Keine der Parteien da oben wusste im Moment, welche Rolle er spielte. Aber mit größter Wahrscheinlichkeit würden ihn alle als Feind betrachten.

An Deck waren keine weiteren Schüsse mehr gefallen. Jens richtete sich leise auf und arbeitete sich zwischen den Kisten vorwärts.

Plötzlich knallte es wieder, und eine Kugel schlug in die Kiste neben ihm ein. Er warf sich zu Boden, nahm die Waffe, zielte in die Richtung, aus der der Schuss gekommen war, und drückte ab. Es klickte, aber nichts passierte. Er hielt die Luft an, der Schütze wusste, wo er war. Er sprang auf, rannte über die Ladefläche und warf sich hinter einen Frachtbehälter. Sein Atem ging stoßweise und flach. Jens lauschte so angestrengt, dass er nach einer Weile Dinge zu hören glaubte, die es gar nicht gab. Hinter ihm flüsterte eine Stimme auf Englisch: »Lass die Waffe fallen.«

Jens zögerte, aber der Mann wiederholte seine Worte, und er legte seine Bizon vor sich auf den Boden.

»Wie viele seid ihr?«, fragte die Stimme kurz.

»Ich bin allein.«

»Wer bist du?«

»Ein Passagier.«

»Warum bist du bewaffnet?«

»Ich habe die Waffe dem Toten an Deck abgenommen.«

»Hast du gesehen, was an Bord passiert ist?«, fragte der Mann.

»Ja.«

»Wie viele sind es?«

»Sie waren zu dritt. Einer ist tot, die anderen sind nach hinten gelaufen. Hast du auf mich geschossen?«

»Nein, das waren die anderen.«

Sollte Jens ihm vertrauen?

Im vorderen Bereich des Laderaums bewegte sich jemand. Jens versuchte, etwas zu erkennen, dann drehte er sich zu dem Mann hinter sich um. Aber er war verschwunden. Jens nahm die Waffe wieder hoch.

 

 

5

Anders Ask war der Name des Mannes, den Lars in Gunillas Auftrag anrufen sollte. Wie sich herausstellte, war Anders ein Spaßvogel.

Lars hatte ihn in der Stadt abgeholt, und sie waren zusammen nach Danderyd gefahren. Anders saß bequem auf dem Beifahrersitz und untersuchte die Mikrofone auf seinem Schoß.

»Na, wie ist er denn so, dieser Lars?«

Lars warf ihm einen kurzen Blick zu. »Keine Ahnung, was kann man sagen, nichts Besonderes eigentlich …«

Anders hielt ein Mikrofon gegen das Licht. »Gott, sind die klein«, flüsterte er vor sich hin. Dann lächelte er und drückte die Mikrofone zurück in den Schaumstoff der Schachtel. »Was hast du vorher gemacht?«

»Västerort«, sagte Lars.

»Kriminalpolizei?«

Lars sah Anders an. »Nein …«

»Nein?«

Lars setzte sich zurecht, eine kleine Falte zeigte sich auf seiner Stirn. »Streife.«

Anders lachte. »Ein Streifenhörnchen! Schau an. Ich fahre mit einem Streifenhörnchen. Wie um alles in der Welt bist du dann bei Gunilla Strandberg gelandet?«

»Sie hat mich angerufen und gefragt.«

»Das ist nicht dein Ernst!«

Lars passte Anders’ Verhalten nicht. Anders stellte die Mikrofonschachtel auf dem Armaturenbrett ab. Lars nahm sie und legte sie auf seinen Schoß.

»Und du, wer bist du?«, stellte er die Gegenfrage.

»Ich bin Anders.«

»Wer ist Anders?«

Anders Ask sah aus dem Fenster. »Das kann dir scheißegal sein.«

Mittags um kurz nach eins stand Lars Vinge auf Sophies Terrasse an der Rückseite des Hauses und sah Anders dabei zu, wie er mit einem Dietrich die Tür öffnete. Anders ging dabei nicht eben diskret vor.

»Terrassentüren sind wie fette Bräute«, sagte er und lachte über seinen Vergleich.

Die Tür öffnete sich. Aber Anders war viel zu laut und zu unvorsichtig. Anders sah, wie nervös Lars war. »Lasse Lasse liten«, sang er ein schwedisches Kinderlied. »Willkommen zu Hause, Süßer.«

Sie trugen Schuhüberzieher und Latexhandschuhe. Lars trat ins Wohnzimmer, sein Magen rumorte. Er wollte hier so schnell wie möglich wieder raus. Anders dagegen war die Ruhe selbst, und er hatte die schlechte Angewohnheit, bei der Arbeit laut zu pfeifen.

»Halt dich von den Fenstern fern«, warnte er, öffnete seine Tasche und kramte darin herum. »Hast du die Mikros?«

Lars gefiel das hier nicht. Er zog die Schachtel aus der Jackentasche und gab sie Anders, der sich einen Ohrstöpsel ins Ohr steckte. Er schaltete einen Empfänger ein und testete die Mikrofone.

Lars sah sich das Haus an. Das Wohnzimmer war groß und geräumig, viel größer, als man von außen gedacht hätte. Es war ein offener Raum, der weiter hinten in die Küche überging. Eine Treppe führte in den ersten Stock hinauf.

Lars holte seine Digitalkamera heraus und machte eine Menge Fotos. Ein alter, niedriger, rosafarbener Sessel stand neben einem breiten Sofa mit bunten Kissen. Daneben ein antiker Holzstuhl mit hellbrauner Sitzfläche. Die Wand hinter dem Sofa hing voller Bilder. Es waren sehr unterschiedliche Motive, aber als Ganzes gesehen ergaben sie eine interessante Einheit. Auf dem Fenstersims standen Blumen.

Die Farben und Formen gaben dem Raum etwas Warmes, Einladendes und weckten in Lars den Wunsch, hierbleiben zu dürfen. Auf einem Regal standen gerahmte Fotografien. Er sah Albert, den Sohn der Krankenschwester, vom fröhlichen kleinen Jungen bis zum beleidigten Teenager. Dann das schwarz-weiße Porträt eines kräftigen Mannes. Lars glaubte, bei Stirn und Augen eine Ähnlichkeit mit Sophie zu erkennen, wahrscheinlich war es ihr Vater. Lars’ Blick wanderte zu ein paar anderen Bildern. Da gab es ein kleineres von einem etwa dreißigjährigen Mann, das musste Sophies Mann David sein, der hinter einem kleinen Jungen stand. Dann ein Foto der ganzen Familie, David, Sophie, Klein Albert und ein Hund, ein blonder Labrador. Die Familie stand beisammen und lächelte in die Kamera. Eine lachende Sophie in einem weißen Gartenstuhl, das Bild wirkte relativ neu, es mochte ein oder zwei Jahre alt sein. Sie hatte sich in eine Decke gewickelt und die Knie ans Kinn gezogen. Ihr Lachen war ansteckend, als gelte es ihm persönlich. Er stellte seine Kamera auf Makro, ging mit der Linse ganz nah an das Foto heran und schoss mehrere Bilder.

Anders zog neben der Sitzgruppe Klebeband von der Rolle. Er rief Lars zu sich herüber und zeigte auf eine Lampe neben der Sitzgruppe und auf sein Ohr. Dann stand er auf und ging in die Küche, während er »Kleiner kleiner Lasse« vor sich hinsummte.

Lars wünschte, Sara hätte den gleichen Geschmack wie Sophie, das gleiche Gefühl dafür, welche Dinge zusammenpassten und welche nicht. Auf dem Sofa lag eine gefaltete Decke. Lars hob sie an und strich darüber. Ohne nachzudenken, hielt er sie sich ans Gesicht und roch daran.

»Bist du pervers?«

Lars drehte sich um. Anders starrte ihn an, wie er mitten im Wohnzimmer stand.

Er legte die Decke auf das Sofa zurück. »Was willst du?«, fragte er und schaute Anders böse an.

Anders lachte ein schiefes, verächtliches Lächeln. »Du bist ja vollkommen bekloppt, kleiner Lasse«, flüsterte er.

Lars sah ihm nach, wie er über die knarrende Holztreppe nach oben ging. Er trat vom Wohnzimmer über den Treppenabsatz in die Küche hinunter. Auch hier war alles sauber und aufgeräumt. Er bemerkte die große Vase mit Schnittblumen am Fenster, die grob geschnitzte Bank mitten in der Küche und die dunkelgrüne Tür zur Speisekammer. Es war ein Grün, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass es existierte. Dass es überhaupt zulässig war, etwas so Schönes in seiner Küche zu haben! Wer es wagte und verstand, sich so einzurichten, der musste auch alles andere verstehen. Das begriff Lars jetzt. Und er wollte, dass die Frau, die hier lebte, ihm alles erklärte.

Er ging die Treppe wieder hinauf und versuchte, nicht auf die knarrenden Stellen zu treten. Anders hockte neben dem Nachttisch in ihrem Schlafzimmer.

Lars lehnte sich an den Türrahmen. »Können wir jetzt gehen?«, fragte er.

»Bist du schon immer so anstrengend gewesen?«

Anders kontrollierte seine Arbeit, stand auf und rempelte Lars im Vorbeigehen an. Dann stieg er mit lauten Schritten die Treppe wieder hinunter.

Lars stand noch immer in der Tür und schaute in Sophie Brinkmanns Schlafzimmer. Dort stand ein großes Doppelbett, das mit einem Überwurf bedeckt war. Auf dem Nachttisch, an dem Anders eben ein Mikrofon befestigt hatte, stand eine gusseiserne Lampe. Dazu Teppichboden, helle Wände und ein paar einzelne Bilder, die dunkel gerahmt waren. Es gab verschiedene Motive: ein einzelner großer Schmetterling, die Kohlezeichnung eines Frauengesichts auf hellbraunem Papier sowie ein Bild ohne Rahmen, in einem tiefen Dunkelrot gehalten. Daneben das Ölbild eines großen Baums. Und alles passte zusammen. Lars versuchte zu verstehen, wie das kam.

Ganz hinten im Schlafzimmer gab es eine niedrige, elfenbeinfarbene Doppeltür. Er setzte einen Fuß auf den weichen Teppich, ging zu der Tür und tastete sie ab, dann öffnete er sie langsam. Dahinter befand sich einen begehbaren Kleiderschrank. Er trat hinein und fand einen Lichtschalter. Warmes Licht erfüllte den Raum.

An Holzbügeln hingen Blusen und andere Kleidungsstücke. Darunter befanden sich Schubladen aus Eichenholz. Er öffnete die obere: Uhren und Schmuck. Dann die darunter: zusammengefaltete Schals und noch mehr Schmuck. Er bückte sich. Die dritte enthielt Unterwäsche, Höschen und BHs. Er schloss sie schnell. Dann öffnete er sie wieder und schaute hinein, er spürte, dass er tief in seinem Innern längst alle Regeln gebrochen hatte.

Lars steckte die Hand in die Schublade und befühlte die Unterwäsche. Das meiste war aus Seide, ganz weich, und er konnte nicht aufhören, die Stoffe zu streicheln. Es erregte ihn, und er wurde plötzlich hart. Er wollte ein paar davon mitnehmen, sie in der Tasche tragen, anfassen können, wann immer er Lust dazu hatte. Ein Geräusch aus dem Erdgeschoss ließ ihn wieder zu sich kommen. Er schloss die Schublade und verließ das Zimmer.

Auf dem Flur holte er tief Luft. Er ging zu Alberts Zimmer, stieß mit dem Finger die Tür auf und sah hinein. Es war ein Jungenzimmer, eingerichtet, als wüsste sein Bewohner nicht, ob er schon erwachsen oder noch ein Kind war. Nicht Poster, sondern Bilder hingen an der Wand, außerdem ein schwarz-gelber Wimpel mit der Aufschrift Wir sind überall. Eine E-Gitarre mit nur drei Saiten lehnte am Schreibtisch, auf dem Boden lag eine leere Bonbontüte. Das Bett sah gemacht und doch unordentlich aus. Darunter entdeckte Lars ein altes Teleskop ohne Stativ.

Er machte ein paar Fotos und schaute dann auf seine Armbanduhr. Er musste sich beeilen und ging hinaus zur Treppe. Als er an Sophies Zimmer vorbeikam, folgte er einem Impuls. Noch einmal öffnete er den Wandschrank, dann eine Schublade, nahm ein Höschen heraus und steckte es in die Tasche. Dann ging er wieder nach unten zu Anders.

Der saß in einem kleinen Arbeitszimmer an einem Computer.

»Wir müssen«, sagte Lars.

»Halt die Klappe«, antwortet Anders, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Er tippte etwas in die Tastatur.

»Anders!«

Anders blickte auf. »Halt die Klappe, habe ich gesagt! Sieh dich um, mach, was du willst, aber geh hier raus.«

Lars wollte etwas sagen, ließ es dann aber. Er drehte noch eine Runde und sah nach, ob sie nichts vergessen hatten. Alles schien in Ordnung. Er ging zurück zur Terrassentür, durch die sie hereingekommen waren. Er wurde immer nervöser, der Schweiß trat ihm auf die Stirn.

Anders trat aus dem Arbeitszimmer. »Ich geh nur noch aufs Klo, dann hauen wir ab.«

»Nein, bitte nicht«, sagte Lars leise.

Anders grinste, nahm eine Zeitung vom Sideboard und schlenderte zur Toilette.

Lars stand bei den Jacken und Mänteln, die nebeneinander an ihren Haken hingen, lehnte die Stirn an die Wand, schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Sein Puls hämmerte in seinen Ohren, sein Bauch tat ihm weh, die Hände waren kalt, und sein Mund war trocken.

Da hörte er Schritte auf der Treppe. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt. Lars drehte sich um und starrte zur Tür.

Das Schloss klickte, die Klinke wurde heruntergedrückt, und die Tür öffnete sich. Vor ihm stand eine kleine Frau um die sechzig, sie stellte ihre Tasche auf den Boden und knöpfte ihren Mantel auf. Er starrte sie an, ihre Blicke trafen sich, und sie zuckte zusammen, fasste sich an die Brust und sagte einen Satz in einer osteuropäischen Sprache. Ihr Schreck schien in eine Art Gelassenheit umzuschlagen. Denn sie lachte und erklärte auf Schwedisch, dass sie nicht gewusst habe, dass jemand zu Hause sei.

Sie streckte die Hand aus und stellte sich als Dorota vor. Verwirrt nahm Lars ihre Hand.

»Lars.«

Er hörte ein glucksendes Lachen hinter sich und drehte sich um. Anders.

Dorota sah die beiden Männer vorsichtig lächelnd an. Sie schien plötzlich unsicher, wen sie da vor sich hatte.

Anders’ Lachen verschwand ebenso plötzlich, wie es gekommen war. Er packte Dorota am Arm, hob ihre Handtasche vom Boden auf und schob die Frau in die Küche. Dort setzte er sie auf einen Stuhl und drehte sich zu Lars um.

»Und jetzt?«

Dorota wirkte jetzt sehr verängstigt.

»Komm, lass uns abhauen«, sagte Lars.

Anders sah ihn verächtlich an. »Gute Idee. Gehen wir.« Dann wandte er sich an Dorota. »Wer bist du?«

Unsicher schaute sie von einem zum anderen.

»Ich putze hier.«

»Du putzt hier?«

Dorota nickte.

Anders warf ihr die Handtasche in den Schoß. »Gib mir dein Portemonnaie.«

Dorota sah Anders an, als hätte sie nicht verstanden, was er eben gesagt hatte. Dann kramte sie nervös in ihrer Handtasche, bis sie das Portemonnaie fand. Anders nahm es, riss den Ausweis heraus und warf einen Blick darauf.

»Wo wohnst du?«

»Spånga«, antwortete sie flüsternd.

Lars schaute die Frau an, sie tat ihm plötzlich sehr leid. Anders steckte Dorotas Ausweis in seine Tasche.

»Den behalten wir, und du hast uns nie gesehen.«

Dorota blickte zu Boden.

»Hast du verstanden, was ich gesagt habe?«

Sie nickte. Anders drehte sich zu Lars um und ging auf die Terrassentür zu. Lars blieb noch einen Moment stehen und schaute die Frau an, die nervös zu Boden blickte.

Anders lief zum Auto. Lars beeilte sich hinterherzukommen. Sie schwiegen, während Lars sie aus dem Wohngebiet herausfuhr. Er hielt sich streng an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Plötzlich packte Anders ihn am Kragen und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Lars trat auf die Bremse und versuchte sich zu schützen.

»Du blöder Idiot … Bist du total bescheuert?«, schrie Anders.

Lars’ Ohr brannte, und seine Knie zitterten.

»Was hättest du gemacht, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hä? Aufgegeben? Du hast dich mit deinem richtigen Namen vorgestellt! Hast du denn gar keine Ahnung, was wir hier machen?«, schrie Anders.

Lars antwortete nicht.

»So ein Idiot!« Anders sah ihn giftig an und zeigte nach vorn. »Nun fahr schon!«

Sie schwiegen eine ganze Weile.

»Wir sagen Gunilla nichts davon«, meinte Anders schließlich. »Alles ist gut gegangen, die Mikrofone sind an ihrem Platz. Du probierst, ob alles funktioniert, wenn du wieder dort bist.«

Anders stieg an der Östra Station aus. Er ließ eine Tasche mit Abhörempfängern im Auto. »Probier sie sofort aus.« Dann knallte er die Tür zu und verschwand in der Menschenmenge.

————

Jens kauerte im Schiffsrumpf und lauschte. Er schaute sich suchend um, die Maschinenpistole im Anschlag. Das Geräusch, das er eben gehört hatte, war aus dem vorderen Bereich des Frachtraums gekommen. Jetzt war es wieder still. Die Arbeiter auf dem Kai und die vietnamesische Besatzung mussten geflohen sein, als die ersten Schüsse fielen. Es schien eine Ewigkeit her, aber es waren erst ein paar Minuten vergangen.

Lange, zähe Minuten.

Wieder glaubte er, Geräusche zu hören. Es klang, als würde jemand leise näher kommen, wie ein Flüstern, wie Schritte oder ein Windhauch. Er schwitzte, das Hemd klebte ihm am Leib.

Instinktiv hob Jens seine Bizon und gab ein paar Schüsse in die Richtung ab, aus der die Geräusche kamen. Dann ging er in Deckung. Er wartete und lauschte. Nichts. Er hörte lediglich seinen Herzschlag. Er musste sein Versteck wechseln, aber schon als er sich erhob, knallten Schüsse durch den Raum, die Waffe seines Gegners klang wie eine Motorsäge. Jens warf sich wieder zu Boden.

Dann herrschte plötzlich wieder absolute Stille, bis Jens hörte, dass eine Waffe durchgeladen wurde. Er sprang auf und lief gebückt an einem Kistenstapel entlang. Dann sah er einen Mann und eine Maschinenpistole. Sie war auf ihn gerichtet. Jens feuerte eine Salve, und sein Gegenüber ging in Deckung. Gebückt lief Jens vorwärts. Er war nur wenige Meter von seinem Widersacher entfernt. Er schoss und traf ihn an der Schulter. Der Mann taumelte rückwärts, aber es gelang ihm, seine Waffe auf Jens zu richten, der nun ohne jede Deckung war. So standen sie einen Moment da, die Waffen aufeinander gerichtet. Jens sah den leeren Blick des Mannes. War das ein Moment zu sterben? Ein dunkles und leeres Gefühl von Sinnlosigkeit ergriff ihn. Sollte dieser hässliche Blödmann ihn tatsächlich töten?

Jens schoss, und der Russe schoss ebenfalls. Der Schuss streifte seine linke Seite, er spürte den brennenden Schmerz, als sein Oberarm verletzt wurde.

Die drei Kugeln, die er selbst abgefeuert hatte, trafen den Russen in Brust und Hals, und der Mann sank tot zu Boden. Dann hörte er Schritte hinter sich und drehte sich mit erhobener Waffe um. Der Mann hatte seine Pistole auf Jens’ Stirn gerichtet.

»Ich werde dir nichts tun«, sagte der Mann ruhig auf Englisch, »aber nimm die Waffe runter.«

»Nimm selber die Waffe runter«, schrie Jens. Das Adrenalin in seinem Körper ließ ihn mutiger werden, als er selbst gedacht hätte.

Der Mann zögerte, dann ließ er seine Waffe sinken. Jens folgte ihm.

»Bist du verletzt?«, fragte sein Gegenüber.

Jens tastete nach der Wunde, sie schien nicht besonders tief zu sein. Er schüttelte den Kopf.

»Dann lass den hier liegen, und komm.«

Jens blickte auf den Mann, den er eben getötet hatte. Er empfand Dankbarkeit, Angst und Schuld zugleich.

Der Fremde lief voraus, Jens folgte ihm. Der andere trug ein Headset und sprach leise und in knappen Sätzen. Dann blieb er plötzlich stehen. »Warte«, sagte er. Nichts bewegte sich, kein Geräusch war zu hören. Jens sah den Mann an, er war ganz ruhig.

»Ich heiße Aron«, sagte er.

Jens antwortete nicht.

Der Mann legte einen Finger an seinen Kopfhörer und stand auf. »Es ist vorbei, wir können wieder hochgehen.«

Mitten auf dem Deck kniete Michail, er war übel zugerichtet und hielt die Hände über den Kopf. Leszek stand bewaffnet hinter ihm.

Sie gingen an Michail vorbei die Treppe zur Brücke hoch und betraten das Steuerhaus. Der Steuermann lag tot am Boden. Der Kapitän war bleich und stand vermutlich unter Schock, in der Hand hielt er einen großen, mit Michails Blut verschmierten Schraubenschlüssel. Er richtete sich auf und schaute erst auf den toten Steuermann, dann zum Fenster hinaus. Er sah Michail auf dem Deck knien, und noch immer stand der Hass auf seinem Gesicht.

»Was suchst du auf diesem Schiff?«, fragte Aron Jens.

»Ich bin damit von Paraguay nach Holland gekommen.«

»Was wolltest du in Paraguay?«

»Alles Mögliche.« Jens sah Aron an. »Logistik.«

»Hast du Waren an Bord?«

»Ja.«

Leszeks Aufmerksamkeit hatte offenbar einen Moment lang nachgelassen. Diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte Michail. Er sprang auf die Füße und rannte zur Reling. Leszek feuerte mit seiner Maschinenpistole. Michail verschwand, und Jens hörte, wie sein Körper auf dem Wasser aufschlug.

Jetzt hatten Aron und Leszek es plötzlich sehr eilig. Sie rannten zur Reling und suchten die Wasseroberfläche ab. Sie feuerten ein paar Schüsse ab. Aber irgendwann sahen sie die Sinnlosigkeit ihrer Aktion ein. Der Mann musste ertrunken sein, oder eine Kugel hatte ihn tödlich verwundet. Jedenfalls tauchte er nicht mehr aus dem Wasser auf.

————

Lars war nach Hause gefahren. Im Küchenschrank hatte er zwei Flaschen Rotwein gefunden. Die erste hatte er rasch geleert, dann öffnete er die zweite und zwang sich, zwei weitere Gläser zu trinken. Er wurde betrunken, und sein Gesicht war erhitzt. Er schaute hinunter in den Hof und bedauerte sich selbst und die Putzfrau Dorota. Er fragte sich, was die wohl gerade machte. Der Alkohol tat seine Wirkung und bewahrte ihn davor, allzu streng mit sich selbst zu sein.

Er zog seinen Pullover aus und trank noch mehr Wein. Dann ging er ins Wohnzimmer, warf den Pullover auf den Boden und füllte ein Glas mit dem alten Cognac, der noch im Bücherregal stand. Er schmeckte beschissen. Lars legte sich aufs Sofa und starrte ins Leere.

Nach einer Viertelstunde sah er die Welt mit anderen Augen. Er lächelte höhnisch, als er an all die Idioten dachte, von denen er im Laufe der Jahre umgeben gewesen war. Sein Vater, seine Mutter, seine Freunde, seine Kollegen. Und Anders Ask. Er verfluchte sie alle, sie konnten ihm nicht das Wasser reichen. Eigentlich trank er nicht, denn dann verlor er die Kontrolle über seine Gedanken. Aber das war ihm in diesem Moment egal. Er hatte genug damit zu tun, die Finsternis in seinem Innern zu rechtfertigen.

Eine Stunde später kam Sara nach Hause.

»Bist du krank?«

Lars antwortete nicht.

»Hast du getrunken?« Ihre Stimme klang vorwurfsvoll. Lars blieb liegen und schlang die Arme um seinen nackten Oberkörper.

»Bist du besoffen, Lars? Was ist denn los?«

Er stand auf, nahm seinen Pullover und zog ihn an.

»Ach, scheiß drauf«, sagte er und ging in den Flur. Dann zog er seine Schuhe an und verließ die Wohnung.

In einer Bar bestellte er Wodka Tonic, und ein betrunkener Rentner verwickelte ihn in eine Diskussion darüber, wie lasch die schwedische Polizei war, wenn es darum ging, Leute ins Gefängnis zu bringen. Lars räsonierte wirr über Betreuung statt Strafe. Der Rentner und der Barkeeper lachten ihn irgendwann aus.

Dann schloss die Bar, und Lars irrte durch das nächtliche Stockholm, schwankend pinkelte er gegen eine Parkuhr.

Morgens um halb fünf wachte er in einer Einfahrt auf der Wollmar Yxkullsgatan auf, weil ein Zeitungsbote über ihn hinwegstieg. Lars stolperte heimwärts, die Hände in den Hosentaschen vergraben, betrunken und verkatert. Zu Hause im Flurspiegel bemerkte er eine Schramme auf seiner Stirn und seinen leeren Blick. Er fiel wie ein Baumstamm neben Sara ins Bett, die davon aufwachte, die Decke nahm und ihn anzischte.

Drei Stunden später erwachte Lars mit der Morgensonne im Gesicht. Sara war weg. Er zog sich die Decke über den Kopf und versuchte wieder einzuschlafen, aber die Ameisen krochen ihm bis in die Seele.

————

»Du kannst mir trotzdem mal helfen«, rief Sophie in den ersten Stock hinauf und trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.

»Ich komme«, rief Albert.

Sie sah das Geschirrtuch an, entschied, dass es zu alt war, um es noch einmal aufzuhängen, und warf es in den Mülleimer.

Albert kam die Treppe herunter, als sie eben den dampfenden Kartoffelauflauf mit Alufolie abdeckte. Sie zeigte auf einen Karton auf dem Tisch. Daneben lagen Geschenkpapier, Klebeband und gelbes Geschenkband.

Als sie die ofenfeste Form auf die Arbeitsplatte stellte, hätte sie sich dabei fast verbrannt.

Albert maß Papier für den Karton ab.

»Für wen ist das Geschenk?«

»Für Tom. Er hatte Geburtstag.«

Albert schlug das Paket ein, dann machten sie sich auf den Weg.

Es waren nur wenige Kilometer bis zum Haus ihrer Eltern. Es stand zwischen Eichen, Birken und Apfelbäumen da, das dichte Laub spendete Schatten, und die Abendsonne tauchte alles in ein goldenes Licht. Sophie liebte diese Tageszeit.

In der Einfahrt zum Haus kam ihnen Rat entgegengerannt. Rat war eine Promenadenmischung. Er bellte alles an, was sich bewegte.

»Überfahr ihn«, sagte Albert leise.

Sie mochten den Hund beide nicht.

Sophie lächelte, ohne zu antworten.

Tom mixte im Wohnzimmer Drinks, Frank Sinatra sang, und Antônio Carlos Jobim fiel ein.

»Hallo, Tom.«

Den Mund voller Oliven, winkte er Sophie zu. Sophies Mutter Yvonne kam ihnen entgegen. Sie küsste Albert auf die Stirn, drückte Sophies Arm und verschwand wieder. Wie so oft trug sie neue weiße Sportschuhe.

Auf dem Teppich vor dem Fernseher saß Janes Freund Jesus aus Argentinien, den Ton hatte er ausgeschaltet.

»Hallo, Jesus.« Sophie sagte Hessuss.

Jesus war anders. Sophie wusste nicht, was genau an ihm nicht stimmte. Aber Jane schien aus irgendeinem Grund sehr glücklich mit ihm zu sein. Das war das Wichtigste, und irgendwie beneidete Sophie ihre Schwester darum.

Sophie trat in die Küche. Jane saß am Tisch und schnitt auf einem Schneidebrett Gemüse. Jane hasste es zu kochen. Sophie stellte den Kartoffelauflauf, den sie mitgebracht hatte, in den Ofen, küsste ihre Schwester aufs Haar und setzte sich neben sie. Sie sah zu, wie Jane mit viel Mühe eine Gurke in kleine Würfel schnitt. Sie schob das Brett ihrer Schwester hin.

An den Sonntagsessen nahmen nur Sophie und Albert, Mutter Yvonne und Tom regelmäßig teil. Jane und Jesus kamen dazu, wenn sie Lust hatten, es gab keine Regel bei ihren Besuchen. Aber alle freuten sich, wenn sie da waren.

Jane stützte den Kopf in die Hand und lümmelte über dem Tisch. So saß sie meistens da.

Sie sah Sophie zu, wie sie das Gemüse schnitt.

»Schau mich an«, sagte sie.

Sophie blickte auf.

»Hast du irgendwas gemacht? Mit deinem Aussehen?«

Sophie schüttelte den Kopf. »Nein, wieso?«

Jane musterte sie eindringlich. »Du siehst … unbeschwerter aus, fröhlicher.«

Sophie zuckte mit den Schultern.

»Ist etwas Besonderes passiert?«, fragte Jane.

»Ich weiß nicht.«

»Triffst du dich mit jemandem?«

Sophie schüttelte den Kopf.

Jane wandte den Blick nicht von ihr ab. »Sophie?«, flüsterte sie.

»Ja, vielleicht.«

»Vielleicht?«

Sophie sah sie an.

»Wer ist es?«, fragte Jane lachend.

»Ein Patient … Ein ehemaliger Patient«, sagte Sophie schüchtern. »Aber wir treffen uns nicht so.«

»Wie trefft ihr euch denn?«

Sophie lächelte. »Keine Ahnung …«

Sie gab das Gemüse in eine große Schüssel. Sie mochte es nicht, im Haus ihrer Mutter immer wieder zu dem tüchtigen Mädchen zu werden, das sie einmal gewesen war. Jane saß immer noch in der gleichen Pose da und schaute Sophie zu.

»Wir waren in Buenos Aires! Wir haben Jesus’ Geschwister besucht. Am Donnerstag sind wir zurückgekommen.«

Sie dachte kurz über den Wochentag nach, entschied dann aber, dass sie sich nicht vertan hatte. Jane war ein chaotischer Mensch. Sie unterhielten sich einen Moment lang über die Reise und Janes zukünftige Schwiegereltern, dann setzten sie sich mit den anderen an den Esstisch. Yvonne hatte wie immer den Tisch festlich gedeckt, dafür hatte sie ein Händchen. Small Talk, Gelächter und ab und zu schweigende Konzentration, damit die Gefühle unter Kontrolle blieben und kein altes Unrecht oder Missverständnis wieder hochkam.

Nach dem Essen setzten sich Sophie und Jane auf die Veranda. Unter einem Heizpilz tranken sie Wein und redeten stundenlang. Meistens drehte es sich um dasselbe Thema. Und auch heute sprachen sie über ihre neurotische Mutter. Mit dem Tod ihres Vaters hatte sich Yvonne von der lächelnden Hausfrau zur desillusionierten Egoistin gewandelt. Sophie und Jane durften zwar um ihren Vater trauern, aber der Hauptanteil der Trauer gehörte Yvonne. Ihre Stimmungsschwankungen waren heftig, mal war sie wütend und verzweifelt, dann wieder verlangte sie Verständnis und übertrieben viel Liebe von ihren Töchtern.

Irgendwann war Tom in Yvonnes Leben getreten. Sie zogen in sein Haus ein paar Straßen weiter, ein größeres Haus mit hohen Fenstern und großen Bildern an den Wänden. Dort gab es dicke weiße Daunendecken in breiten Betten aus Kirschbaumholz. Tom fuhr Jane und Sophie in seinem grünen Jaguar mit den hellbraunen Ledersitzen zur Schule. Yvonne blieb tagsüber daheim und malte. Sie fand aus ihrer Trauer heraus und wurde wieder so etwas wie eine Mutter.

Der Heizstrahler auf der Veranda und der Wein in ihren Adern wärmten sie. Sie teilten sich ein Päckchen Zigaretten, das sie im Gefrierfach gefunden hatten. Yvonne hatte ihre Gästezigaretten schon immer dort aufbewahrt, und sie hatten sie schon immer von dort gestohlen. Sie rauchten, bis das Päckchen leer war. Sie redeten über ihren Vater und verfielen darüber in Schweigen. Die Frage, warum er sie so früh verlassen musste, machte sie noch immer sprachlos. Georg Lantz war auf einer Dienstreise in einem Hotelzimmer in New York gestorben, er war unter der Dusche tot zusammengebrochen. Sophie erinnerte sich nur an das Schöne, wenn sie an ihn dachte. Sein Lachen, seine Scherze und seine Fürsorglichkeit. Seine Größe, seine Leichtigkeit und dieses gewisse Etwas, das sie oft bei älteren Männern wahrnahm, die sich nicht vom Leben verbittern ließen. Das war Georgs Cantz’ Geschenk an seine Frau und seine beiden Töchter gewesen. Sophie vermisste ihn bis heute und redete manchmal mit ihm, wenn sie sich einsam fühlte.

Der Alkohol und die Uhrzeit forderten schließlich ihren Tribut. Jane ging ins Gästezimmer und legte sich zu Jesus. Sophie deckte Albert im Gästebett zu, küsste ihn auf die Stirn und ließ ihn schlafen.

Sie bat den Taxifahrer, einen Umweg zu fahren. Von der Rückbank aus schaute sie hinaus auf die vorbeigleitenden Häuser und genoss es, vom Wein beschwingt und allein zu sein. Sie mochte die Gegend, in der sie aufgewachsen war. Sie wusste, wer dort gewohnt hatte und wer noch immer dort wohnte. Das war ihr Ort, an dem sie sich sicher fühlte. Zugleich betrachtete sie diese Welt auch mit ein wenig Wehmut, denn sie sah zwar immer noch genauso aus wie früher, aber die Zeit ihrer Kindheit war längst vergangen, und deshalb gehörte auch diese Welt nicht mehr zu ihr.

Auf der Veranda hatte Jane ihr erzählt, dass sie und Jesus in Buenos Aires Jens Vall getroffen hatten. Sophie war überrascht gewesen, als sie diesen Namen hörte, denn sie hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr an ihn gedacht. Jens Vall … Sie hatten sich während der Sommerferien im Schärengarten kennengelernt, als sie aufs Gymnasium ging. Und sie hatten einander wieder losgelassen, bevor sie gezwungen wurden, sich zu trennen. Sie erinnerte sich, wie schwer das damals für sie gewesen war.

Am Ende der Ferien war sie mit zu ihm nach Hause gefahren. Er hatte auf Ekerö gewohnt, seine Eltern waren verreist, und Jens hatte das Haus ganz für sich gehabt. Die meiste Zeit hatte sie mit dem Kopf auf seiner Brust dagelegen – das war ihre Erinnerung an diese Woche. Manchmal fuhren sie einkaufen, mit dem großen, schaukelnden Citroën seiner Eltern. Sie hatten keinen Führerschein und hörten laut Musik. Es war, als übten sie, erwachsen zu sein und frei. Sie hielten sogar Händchen, während sie sich im Badezimmer die Zähne putzten.

Oh Gott, das hatte sie alles vergessen! Obwohl sie noch so jung gewesen war, hatte sie Jens in dem Wissen geliebt, dass diese Liebe sie am Ende verletzen würde. Erst viel später hatte sie begriffen, dass er es vermutlich ebenso erlebt hatte und dass er sich damals nur dagegen gewehrt hatte, um der Strafe der Liebe zu entgehen.

Der Taxifahrer setzte sie vor ihrem Haus ab. Sophie wollte nicht, dass ihr Rausch schon verflog. Sie holte sich eine Flasche Wein aus dem Keller, entkorkte sie in der Küche, schenkte sich ein großes Glas ein und setzte sich an den Tisch.

Sophie trank ein paar Schlucke und fand noch zwei verbogene Zigaretten in ihrem Päckchen. Sie rauchte, ohne den Ventilator anzustellen oder ein Fenster zu öffnen. Das angenehme Gefühl des Rauschs verschwand mit dem letzten Rest Wein, die hellen Gedanken färbten sich dunkler, und die Zigarette schmeckte ihr bald nicht mehr.

Alexander Söderberg

Über Alexander Söderberg

Biografie

Alexander Söderberg, geboren 1970, arbeitete als Dramaturg, Redakteur und Drehbuchautor für das schwedische Fernsehen. Sein Debüt als Thrillerautor, der Auftakt seiner auf drei Teile angelegten Serie um die Heldin Sophie Brinkman, verkaufte sich innerhalb kürzester Zeit in 34 Länder Länder,...

Medien zu »Unbescholten«

Weitere Titel der Serie »Die Sophie-Brinkmann-Trilogie«

In der Trilogie von Alexander Söderberg kommt die unbescholtene Krankenschwester Sophie Brinkmann mit dem organisierten Verbrechen in Kontakt.

Pressestimmen

Norwegenportal

»Ein spannender, ungewöhnlicher Krimi, dessen relativ offenes Ende nach einer Fortsetzung verlangt. Lesenswert!«

Hamburger Morgenpost

»(...) eine vielschichtige, rasante Story.«

Stuttgarter Zeitung

»Dieser Schweden-Thriller bietet jede Menge Bilderfutter für Hollywood.(...) Seine wahre Stärke zeigt Söderberg aber durch die kunstvoll ineinander verflochtenen Erzählstränge einer äußerst komplexen Handlung, gepaart mit einem ausgeprägten Gespür für die Psychologie seiner Figuren. Hollywood hin oder her - mehr davon!«

thebookfather.wordpress.com

»Ein großartiges Debüt, das zu begeistern weiß. Das Konstrukt aus organisierten Verbrechen, Polizei und unbescholtenen Bürgern funktioniert sehr gut und hält einen von Anfang an auf Trab.«

Berliner Zeitung

»Söderbergs ›Unbescholten‹ ist eine beängstigend schwarze und pessimistische Mischung aus Larssons Millenium-Trilogie und den Sopranos.«

com-on-online.com

»Ein gut gemachter, spannender Krimi.«

Leipziger Volkszeitung

»Vorsicht, bei diesem Thriller besteht Suchtgefahr! (...) Denn was Söderberg in seinen Erstling packt, ist großartig umgesetzter Thriller-Stoff.«

Schweizer Illustrierte

»Er hat mich angefixt! Wann gibts den zweiten Teil? Schnell her damit!«

Neue Presse

»Irres Tempo, internationaler Bestseller, Start einer Trilogie. Her mit der Fortsetzung!«

Neue Luzerner Zeitung (CH)

»Ein spektakulärer Höhepunkt jagt den anderen. (...) Es gibt keine klaren Grenzen zwischen Verbrechen und Gesetz, gut und bös, richtig und falsch. Und genau darin liegt der Reiz.«

Ludwigsburger Kreiszeitung

»Einer der ungewöhnlichsten Krimis, die ich je gelesen habe.«

Mitteldeutsche Zeitung

»Seine Heldin ist eine Krankenschwester, sein Fall dreht sich nicht um einen Serientäter, die Spannung verdankt sich nicht viel Blut, sondern einer brillanten Inszenierung voll moralischer Fußangeln.«

Maxi

»Fesselnd.«

prisma

»Alexander Söderberg legt mit ›Unbescholten‹ einen Krimi vor, der sich reibungslos wegliest. (...) Sophies Selbstbehauptung in einer Welt des Bösen verfolgt man mit einiger Spannung.«

Ruhr Nachrichten

»›Unbescholten‹ ist der durchweg spannende Auftakt einer Thriller-Trilogie und Söderberg reiht sich mit seinem Debütroman in die Riege skandinavischer Bestseller-Autoren ein. (...) Söderberg erzählt strukturiert, gut verständlich und unglaublich temporeich.«

kriminetz.de

»Ein realistischer Thriller in dem alles anders ist, als man es kennt. Unbedingt lesenswert!«

KrimiKiosk

»In diesem fesselnden, originellen Thriller sind gut charakterisierte Protagonisten, eine spannenden Handlung und skrupellose Ermittler zu finden.«

Brigitte

»Schnell, ein bisschen grausig und sehr vielversprechend!«

Kieler Zeitung

»Lichtgestalt im Zentrum der Geschichte, die den spannenden Auftakt einer Thriller-Trilogie markiert, ist die - unbescholtene - Krankenschwester Sophie Brinkmann, die sich in einen der Unterweltbosse verliebt und quasi unschuldig in den Strudel des Verbrechens gerät.«

Moment-Magazin

»Ob Sophie gar am Ende das Erbe des über eine mächtige Organisation gebietenden Paten Hector Guzman antritt, wird wohl der nächste Band der auf drei Bücher angelegten Serie zeigen. Wir sind gespannt!«

wdr.de

»Ein psychologisch ausgefeilter, packender, anspruchsvoller Thriller. Und ein grandioses Debüt. (...) Alexander Söderberg könnte ein neuer Stieg Larsson werden.«

NORDIS

»Eine rasante Geschichte mit überraschenden Wendungen.«

Businnes Lounge

»Söderberg schickt seine Heldin, eine Stockholmer Krankenschwester, auf eine atemlose Flucht vor dem Bösen.«

BÜCHER

»Brillant konstruiert.«

Krimi-Couch

»Radikaler Action-Thriller mit Geschwindigkeitsrausch.«

Buchjournal

»In ›Unbescholten‹ lässt Alexander Söderberg die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmen.«

news Magazin Bielefeld und Umgebung

»Ein ungewöhnlicher Krimi, der zunehmend an Tempo und Spannung gewinnt. So, dass man ihn schließlich nicht mehr aus der Hand legen mag.«

Buchkultur Wien (A)

»Ein aufwühlender Spannungsroman.«

booksection.de

»›Unbescholten‹ ist ein eindringlicher, finsterer und grandios erzählter Thriller von einem brillanten Autor, von dem wir unbedingt mehr lesen wollen.«

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