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Über dem Meer die FreiheitÜber dem Meer die Freiheit

Über dem Meer die Freiheit

Roman

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Über dem Meer die Freiheit — Inhalt

Charlotte zögert nicht lange, als Freiheitskämpfer aus allen deutschen Ländern zu einem Fest für Einigkeit und Demokratie aufrufen: Sie steckt sich die schwarz-rot-goldene Kokarde an und folgt ihrer Familie und ihrem Verlobten Friedrich zum Hambacher Schloss. Sie will singen, tanzen und frei sein. Doch den in der Pfalz herrschenden Bayern ist das ein Dorn im Auge. Charlottes Vater wird verhaftet, ihr Bruder taucht unter. Dann stirbt Friedrich bei einem schrecklichen Unfall, und Charlotte ist ganz allein. Als die Bayern drohen, auch sie festzunehmen, sieht sie nur einen Ausweg: Amerika. Voller Hoffnung, doch noch ein Leben in Freiheit zu führen, macht sie sich auf eine wagemutige und abenteuerliche Reise.

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 01.09.2017
448 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06088-2
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.09.2017
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97849-1

Leseprobe zu »Über dem Meer die Freiheit«

1
Neustadt, Rheinbayern, im Oktober 1831

»Es ist noch nicht trocken!« »Ich passe schon auf, keine Sorge!«, rief Charlotte, nahm das frisch gedruckte Flugblatt von der Leine, strahlte ihren Vater noch einmal an und verschwand aus dem Schuppen in den sonnigen Herbsttag. Seufzend sah Christian Trautmann ihr hinterher. Wahrscheinlich würde sie mit der feuchten Druckerschwärze ihr Kleid ruinieren – und er hatte keine Ahnung, von welchem Geld er seiner Tochter ein neues kaufen sollte. Ganz bestimmt nicht von den wenigen Kreuzern, die er für dieses Flugblatt [...]

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1
Neustadt, Rheinbayern, im Oktober 1831

»Es ist noch nicht trocken!« »Ich passe schon auf, keine Sorge!«, rief Charlotte, nahm das frisch gedruckte Flugblatt von der Leine, strahlte ihren Vater noch einmal an und verschwand aus dem Schuppen in den sonnigen Herbsttag. Seufzend sah Christian Trautmann ihr hinterher. Wahrscheinlich würde sie mit der feuchten Druckerschwärze ihr Kleid ruinieren – und er hatte keine Ahnung, von welchem Geld er seiner Tochter ein neues kaufen sollte. Ganz bestimmt nicht von den wenigen Kreuzern, die er für dieses Flugblatt bekam. Er legte ein weiteres leeres Blatt in seine Druckerpresse und achtete sorgfältig darauf, dass sich die schwarze Farbe gleichmäßig verteilte. Währenddessen stürmte Charlotte durch die engen Gassen von Neustadt, vorbei am Stadttor und hinaus in die Weinberge. Sie wusste genau, wo Friedrich heute bei der Lese war – und tatsächlich: Zusammen mit seinen Brüdern füllte er die Körbe mit weißen Trauben. Atemlos blieb sie vor ihm stehen und reichte ihm das Papier. »Siehst du? Jetzt muss sich doch etwas ändern! Es kann doch nicht bis in alle Ewigkeit so bleiben! Sei vorsichtig, die Druckerschwärze ist noch ein bisschen feucht. Aber ich konnte nicht mehr warten. Ich musste dir das Flugblatt einfach zeigen!« Friedrich lächelte sie an und strich ihr eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht. »Bis du dich wie eine echte Dame benimmst, werde ich alt und grau. Charlotte, seit wann rennen die Damen von Neustadt denn durch die Gassen wie kleine Knaben hinter ihren Reifen?« Seine Stimme klang tadelnd. Schuldbewusst rückte Charlotte ihren Hut wieder gerade und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Besondere Nachrichten erfordern eben besondere Maßnahmen!«, erwiderte sie, während sie mit fliegenden Händen versuchte, sich wieder in eine ehrbare junge Frau zu verwandeln. Stirnrunzelnd sah Friedrich auf das Flugblatt, das sie ihm in die Hand gedrückt hatte. Die Schrift war ein wenig verwischt, aber die Titelzeile deutlich zu lesen. »Wider die hohen Zölle!« »Das wäre ja mal eine gute Nachricht, wenn die Schreiber der Stadt erkennen würden, wo die wahren Probleme liegen«, murmelte er und überflog das Schreiben. Dabei erschien eine Zornesfalte auf seiner Stirn. »Und? Wie findest du es?« Charlotte sah ihn mit leuchtenden Augen an. »Ich habe dir doch gesagt, dass du mit deinen Sorgen nicht alleine dastehst!« »Hast du das überhaupt gelesen?« »Nein. Aber ich habe gestern den Entwurf gesehen. Und da stehen doch so viele kluge und wahre Dinge darin. Dass ihr Winzer ohne die Aufhebung der Zölle nicht überleben könnt. Dass ihr für eure ehrliche Arbeit auch entlohnt werden müsst. Dass die Rebe von jeher der Ursprung des Reichtums in unserem Land war – und man nicht zulassen darf, dass genau dieser Reichtum jetzt verdorrt!« Er schüttelte den Kopf. »Mag sein, dass das ursprünglich alles in diesem Blatt stehen sollte. Aber sieh dir an, was dein Vater letztlich drucken durfte!« Langsam drehte er das Blatt so, dass sie es sehen konnte. Zwischen einigen kurzen Texten waren weiße Flächen zu sehen. »Aber …« Charlotte schüttelte den Kopf. »Das kann doch nicht sein?« »Doch, natürlich. Dein Vater musste dieses Flugblatt der Zensur vorlegen. Und die hat ihm verboten, die Wahrheit schwarz auf weiß zu drucken. Nichts ist gefährlicher als das Wort, vor allem, wenn jeder es nachlesen kann. Das wissen auch unsere bayerischen Herren – und sie sorgen dafür, dass nicht zu viel auf dem Papier steht.« Er zeigte auf die weißen Flächen. »Und dein Vater hat sich entschieden, anstelle der verbotenen Texte leere Stellen zu drucken, um jedem zu zeigen, wozu die bayerische Zensur fähig ist. Auch wenn er einen flammenden Aufruf seines Pressvereins gegen die überhöhten Zölle drucken wollte. Aber was dabei herausgekommen ist, ist ein Lückentext. Den kann keiner lesen – wir erfahren nur etwas über den Geist unserer Besatzer. Und die würden es nicht erlauben, dass sich jemand gegen sie wehrt. Sie lassen uns bluten, bis kein Tropfen mehr in unseren Adern fließt.« Er machte eine Handbewegung, die den ganzen Weinberg einschloss. »Hier hängen gesunde Trauben, eine gute Ernte – und ich habe keine Ahnung, was ich damit machen soll. Ich werde schon den Wein des letzten Jahres nicht los, was soll ich dann mit dem neuen Wein machen?« Er lachte bitter auf. »Wir werden noch viel trinken müssen, mein Schatz. Und das ist womöglich der einzige Weg, um zu ertragen, was diese unsäglichen Bayern uns an jedem einzelnen Tag antun.« Er schmiss das Flugblatt verächtlich auf den Boden. Beschwichtigend legte Charlotte ihm die Hand auf den Arm. »Wochenlang hast du geschimpft, dass die Freiheitskämpfer und Demokraten in ihren Flugblättern nur hochfliegende Ideen verkünden. Und jetzt geht es endlich einmal um die Dinge, die dich beschäftigen, und dir ist es immer noch nicht gut genug – bloß weil die Zensur zugeschlagen hat?« Kopfschüttelnd hob sie das Blatt auf und strich es energisch glatt. »Du kannst einen guten Gedanken nicht einmal erkennen, wenn er in deiner Hand liegt und dir die Finger schwarz färbt!« »Immerhin kann ich erkennen, dass mir dieser Anfang von einer schönen Frau gebracht wurde!«, entgegnete Friedrich lächelnd. Er nahm ihre Hand und zog sie zwei Schritte weiter zwischen zwei Reben, wo er ihr einen Kuss auf die Lippen drückte. Charlotte ließ ihn gewähren und schmeckte das Salz seines Schweißes und die Süße der Trauben, die er in seinem Korb gesammelt und immer wieder gekostet hatte. »Nicht!«, protestierte sie halbherzig. »Man könnte uns sehen!« »Und selbst wenn uns jemand sehen könnte, was würde es denn ändern? Ein jeder weiß, dass wir nur darauf warten, dass die Zeiten besser werden. Und dann heiraten wir, ganz bestimmt. Es kann ja nicht ewig so trübe um unsere Zukunft bestellt sein!« Wieder drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen. Charlotte hörte das Gelächter seiner Helfer, viel zu nah – und schob ihn entschieden von sich. »Lass gut sein, Friedrich! Mein Vater würde mich einsperren, wenn er erführe, dass wir uns hier im Wingert küssen!« »Als ob man eine Charlotte Trautmann einsperren könnte!« Friedrich lachte – und für einen Moment konnte sie gar nicht fassen, was für ein Glück sie hatte. Friedrich war groß, seine Haut von der Arbeit in den Weinbergen gebräunt, und die Haare ringelten sich dunkel um seinen Kopf. Er war ein gut aussehender Mann, nach jedem Maßstab, der ihr bekannt war. Und das Beste: Er wollte sie eines Tages heiraten. Wenn seine Zukunft auf sicheren Beinen stand, wollten sie gemeinsam den Winzerhof seines Vaters in eine sonnige Zukunft führen. Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Unterschätze meinen Vater nicht – er würde mich nicht mehr aus seiner Druckerei lassen, wenn er von unserem unschicklichen Tun hier im Wingert hört!« Mit einem breiten Grinsen ließ er sie los. »Dann warte ich mit meinen Küssen eben, bis wir beide alleine sind!« Er sah in Richtung der Sonne, die sich schon dem Horizont entgegenneigte. »Es dauert nicht mehr lange, dann wird es Abend. Kommst du mit zu meinem Vater und meinen Brüdern? Sie würden sich freuen, dich zu sehen!« »So gerne ich kommen würde, es geht leider nicht.« Charlotte schüttelte den Kopf. »Ich muss für meinen Vater kochen, das weißt du doch. Und unser Geselle möchte nach seinem Tagwerk sicher auch nicht hungrig ins Bett gehen.« Friedrich hatte das bereits geahnt und runzelte die Stirn. »Du kannst deinem Vater doch nicht ewig den Haushalt führen. Eines Tages wird er lernen müssen, ohne dich auszukommen.« »Das mag sein. Aber heute noch nicht. Wenn ich ihm und unserem Gesellen nichts auf den Tisch stelle, dann verhungern die beiden. Zumindest sagt er das immer. Und die Geschäfte laufen nicht gut genug, als dass wir uns eine Haushälterin leisten könnten.« Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und lächelte ihn bedauernd an. »Heute Abend werdet ihr ohne mich auskommen müssen. Und ich sollte mich allmählich beeilen, sonst wird es zu spät.« Mit einem letzten Winken machte sie sich auf den Weg zurück in die Stadt. Friedrich sah ihr hinterher und warf dann noch einen Blick auf das Flugblatt, das sie ihm dagelassen hatte. Charlotte glaubte immer noch an die Kraft des bedruckten Papiers. Dabei bewirkten diese Blätter, die ihr Vater in seinem Pressverein druckte, überhaupt nichts. Von bedrucktem Papier verkaufte sich nicht ein einziges der vollen Fässer in seinem Keller. Er zerknüllte das Papier in seiner Hand und warf es auf den Boden. Als er sich umdrehte, sah er, dass seine Gehilfen ihn nur grinsend ansahen. »Werdet ihr wohl noch ein paar Körbe füllen?«, trieb er sie an. »Ich bezahle euch nicht fürs Maulaffen Feilhalten.«   Charlotte ging mit schnellen Schritten durch die Weinberge in die Stadt zurück. Dabei spürte sie seine Enttäuschung über die leeren Seiten fast körperlich. Sie war sich so sicher gewesen, dass Friedrich durch dieses Flugblatt neue Hoffnung schöpfen würde. Aber er hatte wieder einmal deutlich gemacht: Solange die Zollpolitik der Bayern sich nicht änderte, sah er keine Zukunft für sein Weingut. Die Franzosen würden keinen deutschen Wein trinken – und über den Rhein konnte man den Wein nur zu einem so hohen Preis verkaufen, dass niemand mehr daran interessiert war. Langsam ging sie durch das Stadttor. »Charlotte! Wohin des Wegs?« Sie fuhr herum und stand vor einem kräftigen blonden Mann mit hellblauen Augen, roten Wangen und mehr Bauch, als ihm in seinem Alter guttat. Schon Ludwig Grubers wenige Worte verrieten seine bayerische Herkunft. »Ich muss zu meinem Vater. Er wartet mit dem Abendessen auf mich, und ich sollte mich nicht verspäten«, erklärte sie und wandte sich zum Gehen. An diesen aufdringlichen Verehrer wollte sie keine Zeit verschwenden. Aber so schnell ließ der junge Zollbeamte sie nicht gehen. »So rennen Sie doch nicht davon. Ihr Vater wird sich schon ein oder zwei Momente gedulden können mit seinem Abendessen. Ich bin so glücklich über diesen Zufall, der uns hier zusammengeführt hat.« Mit einem kleinen Seufzer drehte Charlotte sich erneut um. Gruber gehörte zu den einflussreichen Männern in der kleinen Stadt, da sollte sie ihn besser nicht einfach stehen lassen. Vor allem jetzt nicht, wo seine Kameraden ihn vom Stadttor her beobachteten. Sie bemühte sich um ein höfliches Lächeln. »Und wie kommt es, dass mein Anblick Sie glücklich macht?« »Wir werden in einigen Tagen eine Nachmittagsgesellschaft zu Ehren meines Vaters veranstalten. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie uns die Ehre Ihrer Anwesenheit geben würden.« Er sah sie erwartungsvoll an. Was erwartete er? Dass sie in Ohnmacht fiel, bloß weil sie ins Haus der Grubers eingeladen wurde? Charlotte kräuselte ihre Nase und rang sich zu einer höflichen Antwort durch. »Leider kann ich nicht kommen. Der Haushalt meines Vaters gerät leider völlig durcheinander, wenn ich nur einen einzigen Tag fehle. Sie müssen mich entschuldigen, so gerne ich auch kommen würde. Und jetzt verzeihen Sie, ich muss mich wirklich beeilen …« Eine Ader auf der Stirn des bayerischen Zöllners schwoll an. Ansonsten ließ er sich nicht anmerken, wie sehr ihn ihre Antwort ärgerte. Statt einer Entgegnung zog er einen Umschlag aus seiner Tasche. »Das ist natürlich sehr bedauerlich. Dabei habe ich hier einen Auftrag, der Ihren Vater vielleicht über Ihre Abwesenheit hinwegtrösten könnte. So könnte er sich beschäftigen, während Sie der Schmuck unserer Gesellschaft sein könnten. Aber wenn Sie nicht kommen können …« Gruber lächelte vielsagend und ließ den Umschlag wieder in die Tasche seines Rocks gleiten. Nein, sie wollte wirklich keine einzige Sekunde mit diesem unsäglichen Bayern und seiner Familie in einem Raum verbringen. Aber ein Auftrag der Regierung bedeutete gutes Geld für einen Drucker. Die Flugblätter der Revolution wurden unzureichend bezahlt und bedeuteten mehr Ärger mit den regierenden Bayern als eine Entlastung für die knappen Kassen der Trautmanns. Mit einem gezwungenen Lächeln neigte Charlotte den Kopf. »Das ändert natürlich alles, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Wenn mein Vater diesen Auftrag sieht, wird er gewiss zustimmen, wenn ich ihm von der Einladung erzähle und dass ich nur allzu gern hinginge.« Sie kam sich in diesem Moment vor, als würde sie ihre Seele verkaufen. Für einen lächerlichen Auftrag musste sie sich mehrere Stunden von diesem Ludwig Gruber zur Schau stellen lassen. Doch sie verdrängte ihre Gefühle und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. »Was ist denn der Anlass dieser Gesellschaft? Habe ich überhaupt etwas Passendes anzuziehen? Ich hoffe, ich störe nicht?« Leider wollte ihr Gruber auch diesen Ausweg nicht geben. »Verehrtes Fräulein Charlotte, Sie sind doch in jedem Kleid der Schmuck einer Gesellschaft. Ich habe gehört, Sie spielen bezaubernd Klavier. Vielleicht wollen Sie ja ein Stück zum Besten geben? Mein Vater wäre bestimmt sehr erfreut. Wir feiern an diesem Tag seinen neuen Rang in der Armee.« »Das wird bestimmt ganz wunderbar«, log Charlotte. »Aber jetzt muss ich wirklich nach Hause. Kann ich den Auftrag für meinen Vater gleich mitnehmen?« Mit einem wohlwollenden Lächeln zog Ludwig erneut den Umschlag aus der Tasche und reichte ihn ihr. Als sie danach griff, hielt er ihn noch einen Augenblick lang fest. »Ich kann mich doch auf Ihr Erscheinen verlassen?« Sie nickte. »Ich könnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen.« Außer vielleicht zehn Tage Regen, sauren Wein und alten Fisch, dachte sie leise bei sich. Endlich ließ er den Umschlag los, und sie konnte sich verabschieden. Wütend ging sie die letzten Meter nach Hause. Diesem Ludwig Gruber war es gleichgültig, dass er sich ihre Zusage zu seiner Einladung erkauft hatte. Hauptsache, er bekam seinen Willen – und er hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, Charlotte auf seinem Fest und später an seiner Seite zu haben. Zumindest den letzteren Teil seines Plans würde sie zu verhindern wissen. Ihr Elternhaus lag in einer engen Gasse mitten in Neustadt. Das Fachwerk hatte schon mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel, aber sie fand die dunklen Balken einfach wunderschön. Die eigentliche Überraschung lag allerdings hinter dem Vorderhaus mit seinen engen Gängen und steilen Stiegen. Dort lag nämlich ein kleiner Garten versteckt – und in dem Garten befand sich der einfache Schuppen, in dem ihr Vater seine Druckerei betrieb. Wie so häufig, war er um diese Zeit noch mit seiner Presse beschäftigt. Er sah auf und lächelte seine Tochter freundlich an, bis er ihr finsteres Gesicht bemerkte. »Was ist denn, mein Liebling? Hast du Friedrich nicht getroffen? Oder hat er den Wert unseres Flugblatts nicht erkannt?« »Doch, sicher habe ich ihn getroffen. Es ist allerdings immer das Gleiche: Er kann sich nicht vorstellen, dass sich jemals etwas ändert, wenn wir nicht mehr unternehmen, als nur Flugblätter zu drucken. Außerdem hättest du mich warnen können. Über die Hälfte des Textes ist der Zensur zum Opfer gefallen! Ich habe ihm leere Seiten gebracht. Das hat ihn mehr erzürnt als erfreut.« Ihr Vater schmunzelte. »Du wolltest nicht auf mich hören, erinnerst du dich? Aber was liegt dir wirklich auf der Seele? Bestimmt nicht diese lästige Zensur, so, wie ich dich kenne.« »Nein, das ist es nicht … Ich habe auf dem Heimweg Ludwig Gruber getroffen.« Sie verdrehte theatralisch die Augen. »Und? Was ist so schlimm daran? Du grüßt recht höflich und gehst deiner Wege. Das kann doch kaum dazu führen, dass du ein Gesicht ziehst, als würde es seit Tagen regnen.« Seine freundlichen Worte machten Charlotte noch wütender. »Das klingt so einfach.« Sie nahm den Umschlag aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch. »Aber dann lockt er mit einem gut bezahlten Auftrag dieser vermaledeiten Bayern, und ich kann nicht anders, als ihm mein Erscheinen bei seiner Gesellschaft zuzusichern. Ich muss also hübsch sein, lächeln und Klavier spielen, damit du auch einmal wieder einen gut bezahlten Auftrag hast. Und da soll ich auch noch glücklich lächelnd herumlaufen? Diese Bayern sorgen dafür, dass ich mich zum Hanswurst mache!« »Na, na, mein Kind.« Christian Trautmann kam hinter seiner Druckerpresse hervor und nahm sie in den Arm. »So schlimm kann es doch nicht sein, zu einer Gesellschaft dieser Grubers zu gehen. Ich wette, der Wein wird vorzüglich sein und die Speisen ganz erlesen. Und leider hast du recht: Wir brauchen die Aufträge der Bayern dringend. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich mir auch weiterhin unseren Gesellen leisten soll. Daher meine Bitte an dich: Mach bitte gute Miene zum bösen Spiel dieses Ludwig Gruber. Du musst ihn ja nicht heiraten …« Charlotte schnaubte verächtlich. »Das nicht. Aber ich kann es nicht ertragen, dass er meint, mich kaufen zu können. Dabei hat er ja recht. Denn kaum winkt er mit einem Auftrag, ziehe ich mein schönstes Kleid an und komme zu ihm. Das ist doch erniedrigend. Es fehlt nicht viel, und ich kann mich zu den Dirnen in den Gastwirtschaften und Spelunken gesellen. Ich bin keinen Deut besser.« Trautmann nahm seine wütende Tochter in den Arm. »Du machst wie so häufig ein zu großes Drama aus der Sache. Es gibt wahrlich Schlimmeres als eine kleine Einladung. Keiner verlangt von dir, dass du für immer in seinem Haushalt bleibst.« »Du hast gut reden«, murmelte Charlotte. »Du musst dort nicht hin.« »Nein«, erwiderte ihr Vater lächelnd. »Und ich denke, auf meine Gesellschaft legen Ludwig Gruber und sein Vater auch wenig Wert. Vor allem, wenn ihnen klar wird, dass ich dem Pressverein angehöre, der ihnen immer nur Ärger macht.« »Vielleicht sollte ich es ihnen verraten?« Charlottes schlechte Laune verflog sofort. »Er möchte doch bestimmt nichts mit einer so politischen Familie zu tun haben?« Trautmann musterte seine Tochter. Mit ihrem fein geschnittenen Gesicht, den funkelnden grünen Augen und der schmalen Taille war sie eine wahre Augenweide. »Leider kann Ludwig Gruber besser sehen als denken – also wird er dich sicherlich trotzdem in seiner Nähe haben wollen …« Vater und Tochter brachen in ein gemeinsames Gelächter aus.

 

2
Neustadt, Rheinbayern, im Oktober 1831

Missmutig zerrte Charlotte die Bänder ihres Korsetts fester. Für die Gesellschaft bei Ludwig Gruber hatte sie ihr schönstes Kleid angezogen: Es war leuchtend gelb-weiß gestreift und lag in großen Falten über dem Reifrock. Die weiten Ärmel, die mit steifem Rosshaar in Form gebracht wurden, sorgten dafür, dass sie die Arme nicht mehr eng am Körper tragen konnte – und der Hut nach der neuesten Mode erinnerte Charlotte eher an die Scheuklappen der Karrengäule, so sehr behinderte die Schute sie beim Sehen. Darunter hatte sie ihre Haare sorgfältig in Löckchen gedreht. Mit zusammengezogenen Brauen musterte sie sich im Spiegel. Sie sah wie eine Dame aus, kein Zweifel. Eine Dame, die höchsten Wert auf Mode und gutes Benehmen legte. Gegen ihren Willen lächelte sie sich an. Wenn sie auf ein schönes Fest mit ihrem Friedrich hätte gehen dürfen, hätte sie vor Glück getanzt. Aber all die Bemühungen um ihr Aussehen für diesen bayerischen Gockel waren es nicht wert. Mit einem kleinen Seufzer fuhr sie mit den Füßen in die feinen gelben Seidenschuhe, deren Farbton genau zu dem Kleid passte, und lief die Treppe nach unten und durch den kleinen Garten in die Druckerei ihres Vaters. Mit einem formvollendeten Knicks blieb sie vor ihm stehen. »Was meinst du, Väterchen? Kann ich mich so sehen lassen?« Christian Trautmann fuhr sich mit einer Hand durch seine üppigen weißen Koteletten. »Mein Schatz, du bist die Zierde eines jeden Festes, wenn du dich so kleidest. Pass nur auf, dass Friedrich dich so nicht sieht. Er wird dich kaum allein auf eine Gesellschaft gehen lassen …« »Was soll ich nicht sehen?«, ertönte es da auch schon vom Garten her. »Habt ihr etwa Geheimnisse vor mir?« Als Friedrich die kleine Druckerei betrat, machte Charlottes Herz einen Satz. In seinem Gehrock sah er einfach noch viel besser aus als im Winzerhemd. Er schien über ihren Anblick allerdings weniger erfreut zu sein – genau wie ihr Vater es vorhergesehen hatte. »Was hast du denn heute vor? Dieses Kleid kenne ich ja gar nicht an dir?« Er sah sie fragend an. Verlegen zuckte Charlotte die Schultern. »Doch, ich habe es zuletzt an Ostern getragen, erinnerst du dich nicht? Und ich habe dir vor ein paar Tagen von der Einladung in das Haus der Grubers erzählt. Sie geben meinem Vater immer wieder gut bezahlte Aufträge, da kann ich eine solche Einladung kaum ablehnen …« »Kannst du doch! Du bist doch nicht das Eigentum dieser Bayern, bloß weil sie deinem Vater einen Auftrag geben. Wer würde denn sonst ihre Pamphlete drucken? Sie werden es kaum in Bayern machen lassen …« Er schnaubte verächtlich und sah Charlottes Vater an. »Ich kann es gar nicht glauben, dass du deine Tochter verkaufst, nur damit deine Presse nicht stillstehen muss!« Trautmann hob die Hand, um den Redefluss des Winzers zu stoppen. »Halt ein! Ich habe meine Tochter nicht verkauft, wo denkst du hin? Als ob irgendjemand meiner Tochter sagen könnte, was sie zu tun und zu lassen hat! Es handelt sich lediglich um eine nachmittägliche Gesellschaft. Und wenn sie dafür sorgt, dass ich meinem Gesellen doch nicht kündigen muss, dann soll es mir recht sein. Charlotte soll für wenige Stunden ein schönes Lächeln zeigen. Es steht dir nicht zu, über Charlotte und mich zu urteilen – denn ich weiß genau: Wenn du mit dem Besuch einer Gesellschaft einen Teil deines Weines verkaufen könntest, dann würden wir dich von keiner Gesellschaft mehr fernhalten können. Egal, ob dir die Gastgeber passen oder nicht.« Einen Moment lang standen die Männer wütend voreinander da. Doch dann lachte Friedrich, und die Spannung verflog. »Du magst recht haben, Meister Trautmann«, entgegnete er. »Es steht mir nicht zu, dich zu tadeln. Und vielleicht sollte ich wirklich versuchen, meinen Wein an die bayerischen Zöllner und ihre Schergen zu verkaufen.« Er nickte Charlotte zu. »Und du achte darauf, dass du dich von diesen Bayern nicht umgarnen lässt! Du musst nur gerade eben nett genug sein, um deinem Vater weitere Aufträge zu sichern. Aber nicht mehr, hörst du?« Wieder knickste sie. »Aber sicher, mein Herr!« Damit machte sie sich auf den Weg – bis ihr in der Tür noch etwas einfiel. Sie drehte sich um und sah Friedrich neugierig an. »Aber was hat dich eigentlich zu uns geführt? Du wolltest doch sicher nicht in Erfahrung bringen, was ich heute Abend anziehe?« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nichts Großes. Ich wollte nur in der Stadt nach dem Rechten sehen und hatte gehofft, dass dein Bruder heute vielleicht zu Besuch ist. Leider sehe ich meine Hoffnung enttäuscht – aber immerhin war es mir vergönnt, dich in deinem wunderschönen Kleid zu sehen!« Einen Augenblick zögerte Charlotte. Ein unangekündigter Besuch sah Friedrich überhaupt nicht ähnlich. Für wahrscheinlicher hielt sie es, dass er eine Idee hatte, die er mit ihrem Bruder durchsprechen wollte. Denn eines war sicher: Friedrich würde seine Pläne und Ideen niemals mit ihr besprechen. Dafür war ein Frauenköpfchen seiner Meinung nach gänzlich ungeeignet. Nachdenklich lief sie durch die Gassen zum großen Haus der Grubers. Um ihre seidenen Schuhe dabei nicht gänzlich zu ruinieren, musste sie immer wieder über Pfützen und schlammige Stellen in der Straße springen. Ihr war es ein Rätsel, wie die anderen Damen der Gesellschaft das hinbekamen. Die Gesellschaft war bereits in vollem Gange, als Charlotte eintraf. Ein Diener empfing sie an der Tür und musterte sie von oben herab, ohne die Miene zu verziehen. »Das junge Fräulein Trautmann wird bereits von Herrn Gruber erwartet«, näselte er und brachte sie in den Salon, in dem sich eine Menge Menschen angeregt unterhielt. Charlotte blieb unsicher an der Tür stehen. Sollte sie sich hier einfach ungezwungen unter das feiernde Volk mischen – oder wäre es geschickter, nach Ludwig Ausschau zu halten und ihn zu begrüßen? Noch bevor sie eine Entscheidung getroffen hatte, kam Ludwig quer durch den Raum auf sie zu. In seinem taubenblauen Gehrock nach der neuesten Mode sah er für ihren Geschmack ein wenig geckenhaft aus – und der Wein hatte dafür gesorgt, dass seine Wangen in noch stärkerem Rot leuchteten, als es ohnehin der Fall war. Aber sie lächelte ihm so freundlich entgegen, wie es ihr nur möglich war. Besitzergreifend legte er ihr seinen Arm um die Taille und steuerte mit ihr auf eine Gruppe junger Männer zu. »Das ist Charlotte Trautmann. Sie stammt aus Neustadt, ist aber trotzdem ein reizendes Geschöpf!« Alle lachten über seinen schlechten Scherz. Charlotte musste sich dazu zwingen, ihre Lippen freundlich zu verziehen. Wie konnte er es nur wagen, sich über ihre Herkunft lustig zu machen? Unauffällig versuchte sie, sich aus seinem Griff zu winden. Aber er ließ keine Sekunde locker. Ganz im Gegenteil, seine Finger kamen ihr vor wie eine eiserne Klammer. »Fräulein Charlotte hat mir zugesagt, uns mit einer Probe ihrer Kunst auf dem Klavier zu unterhalten«, verkündete er eine Spur zu laut. »Das solltet ihr euch nicht entgehen lassen!« Verlegen schüttelte Charlotte den Kopf. »Vielleicht haben Ihre Gäste ja einen ausgefalleneren Geschmack, als ich ihn mit meinem bescheidenen Können erfreuen könnte. Ich möchte mich nicht aufdrängen …« »Papperlapapp! Auf der Gesellschaft meiner Familie ist der Musikgeschmack meiner Gäste immer noch meine Sache!« Erst jetzt bemerkte er, dass sie offensichtlich noch nichts zu trinken bekommen hatte. Er winkte mit befehlsgewohnter Geste nach einem der Diener. »Bring er meiner Begleitung doch einen Wein!« Augenblicke später hatte Charlotte einen reichlich gefüllten Weinpokal in der Hand. Als Ludwig Gruber das Glas auf ihr Wohl erhob, nippte sie nur daran. Obwohl sie in einer Stadt voller Weinbauern groß geworden war, hatte sie sich an den Genuss des Rebensafts trotzdem noch nicht gewöhnt. Darauf achtete schon ihr Vater. Zwei junge Frauen traten neben Ludwig. Ihre runden, rotwangigen Gesichter ließen keine Zweifel zu: Das mussten seine Schwestern sein. Sie musterten Charlotte neugierig. »Das ist also die Pfälzerin, von der du uns erzählt hast?«, meinte schließlich die kräftigere der beiden. »Du hast recht, sie sieht wirklich allerliebst aus. Wenn man sich dieses altmodische Kleid moderner denkt und sie den Mund nicht öffnet, um ihren pfälzischen Dialekt hören zu lassen, dann könnte man sie fast eine gute Partie nennen.« Fassungslos starrte Charlotte die junge Frau an. »Was fällt Ihnen denn ein, mich so zu beleidigen?«, fragte sie schließlich. Ein wieherndes Gelächter war die Antwort. »Wie gesagt, du wirst ihr noch das Schweigen beibringen müssen. Dann könnte sie sogar als dekorativ durchgehen.« Ludwig stimmte herzhaft in das Gelächter seiner Schwestern ein. »Ihr seid schrecklich!«, rief er. »Was kann Charlotte denn dafür, dass sie sich nicht regelmäßig in München nach der neuesten Mode einkleiden lassen kann? Es kann nicht jeder so ein Glück haben wie ihr – oder einen so großzügigen Vater!« »Darf man denn fragen, wie die Familie des Fräulein Trautmann ihren Lebensunterhalt bestreitet?«, fragte die zweite Schwester, die sich bisher zurückgehalten hatte. »Mein Vater ist …«, setzte Charlotte zu einer Antwort an, als Ludwig sie mitten im Satz unterbrach. »Er ist ein einfacher Handwerker, aber daran kann ich nichts Ehrenrühriges sehen«, erklärte er. »Doch jetzt lasst uns in das Klavierzimmer gehen, damit Charlotte uns eine kleine Probe ihres Talents geben kann.« Verblüfft ließ Charlotte sich ins Musikzimmer führen. Hatte Ludwig womöglich Angst, dass seine Schwestern vom Beruf ihres Vaters erfuhren? Eigentlich war in der Stadt durchaus bekannt, dass ihr Vater Drucker war – aber womöglich hielten die Bayern so wenig Kontakt mit den anderen Bewohnern des Orts, dass sie es nicht wussten. Charlotte setzte sich an das Klavier, das dekorativ in der Mitte des Raums aufgebaut war. Fragend sah sie ihre Schwestern an. »Wollen Sie nicht zum Auftakt ein wenig spielen? Ich möchte Ihnen als Gastgeberinnen dieses Recht nicht streitig machen.« Beide schüttelten den Kopf. »Unser Vater hat es versäumt, uns rechtzeitig in den Unterricht zu geben. So haben wir es wohl verpasst, zu einer Fertigkeit zu kommen, die es wert wäre, vor Publikum gehört zu werden«, erklärte die kräftigere. Sie wirkte dabei nicht im Geringsten verlegen. Mit einem kleinen Seufzen ließ Charlotte sich auf dem Klavierhocker nieder und schlug zur Probe einige Töne an. Das Klavier war gut gestimmt und hatte einen schönen Ton. Beherzt spielte sie ein Lied, das sie auswendig konnte. Wenn sie die Gäste mit Musik erfreute, war sie wenigstens keinen Scherzen über ihre Pfälzer Herkunft ausgesetzt. Sie musste auch mit niemandem reden, ein weiterer Vorteil. Und so spielte sie einfach weiter. Am liebsten war ihr Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin, denn dabei konnte sie von fröhlich bis traurig viele verschiedene Stimmungen auf dem Klavier zum Schwingen bringen. Anfangs kamen auch einige Gäste ins Musikzimmer und hörten höflich ein oder zwei Liedern zu. Aber schon nach kurzer Zeit leerte sich der Raum. Die Begeisterung für das Klavierspiel war im Hause der Grubers offensichtlich nicht sonderlich ausgeprägt. Nur Ludwig blieb beharrlich, nippte an seinem Wein und nickte ihr immer dann auffordernd zu, wenn sie die Finger von den Tasten nahm. Endlich fielen Charlotte keine weiteren Lieder mehr ein. Mit einem energischen »Jetzt muss ich aber wirklich wieder nach Hause!« erhob sie sich von ihrem Hocker. Immerhin hatte das Klavierspiel sie vor weiteren peinlichen Unterhaltungen mit Ludwigs Schwestern gerettet. Als sie den Raum verlassen wollte, trat Ludwig ihr in den Weg. »Sie müssen mit mir noch in den Garten kommen«, erklärte er. Sein Ton verriet, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Er griff eine Spur zu fest nach ihrer Hand und führte sie durch die offen stehende Tür hinaus in den kleinen Garten, der von der kundigen Hand eines Gärtners angelegt war. Ein kleiner Weg führte sie in einen Laubengang, in dem das herbstliche Laub für zauberhafte Farben sorgte. Es roch nach Laub und jungem Wein. »Ich habe nachgedacht!« Ludwigs Wangen wurden noch eine Spur röter. »Und ich möchte mein Anliegen ohne Zögern vortragen: Ich habe gespürt, dass Sie die ideale Frau für mich wären. Und eine gute Wahl für die Mutter meiner Kinder. Ich fühle, dass wir gemeinsam eine gute Ehe führen könnten und einander Halt und Stütze in diesen bewegten Tagen geben könnten. Daher meine Frage: Wollen Sie meine Frau werden?« Charlotte sah ihn entsetzt an. Er musste doch wissen, dass sie längst einem anderen versprochen war – oder etwa nicht? Die Bayern bekamen in dieser Stadt, in der eigentlich jeder alles über jeden wusste, offenbar nur wenig mit. Sie lächelte verlegen. »Ihre Frage ehrt mich ungemein. Aber ich fürchte, es ist Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass ich bereits dem Sohn eines Winzers fest versprochen bin. Und diese Verbindung möchte ich nicht leichten Herzens aufgeben, sosehr Ihre Frage mir auch schmeichelt …« Die höflichen Sätze kamen ihr so flüssig über die Lippen, als wären sie einstudiert. Unwirsch schüttelte der junge Zollbeamte den Kopf. »Dieser Friedrich Wirth kann doch für Ihren Unterhalt nicht sorgen, es steht ja nicht einmal fest, von welchem Geld er und seine Familie im nächsten Jahr leben sollen. Wie können Sie ihn mir vorziehen? Ich habe doch ein sicheres Auskommen, und – wer weiß? – vielleicht können wir in einigen Jahren sogar zurück nach München ziehen, und ich kann in der Hauptstadt arbeiten?« Charlotte trat einen Schritt zurück und stieß an das schmiedeeiserne Gestänge des Laubengangs. Jetzt war sie wirklich sprachlos. Ludwig Gruber wusste von Friedrich und hatte trotzdem die Dreistigkeit, um ihre Hand anzuhalten? Sie spürte, wie ihre Wangen flammend rot wurden, als sie ihm antwortete. »Ich weiß nicht, wie das in Ihren Kreisen gehalten wird. Aber ich für meinen Teil stehe zu jedem Wort, dass ich gebe. Und wenn Friedrich Wirth und ich uns unsere Liebe gestanden haben und ich eingewilligt habe, seine Frau zu werden – dann kann mich das Angebot eines sicheren Lebens und eines Umzugs nach München ganz bestimmt in meinem Entschluss nicht wankelmütig machen.« Sie nickte ihm entschlossen zu. »Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss nach Hause und meinem Vater das Abendessen zubereiten. So, wie es sich für die pflichtbewusste Tochter eines Handwerkers gehört!« Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief durch Garten und Haus auf die Straße hinaus. Sie hörte Ludwig hinter sich rufen, achtete jedoch nicht darauf. Erst nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war und sie sich wieder in Sicherheit fühlte, gestattete sie sich, in einem sittsamen Tempo weiterzugehen. Wie wagte es dieser Mann, sich so zu verhalten? Er fühlte sich Friedrich offenbar so überlegen, dass er sich nicht einmal vorstellen konnte, sie würde sein Angebot ausschlagen. Aber so einen Mann würde sie ganz sicher nicht haben wollen. Ihr Atem ging ruhiger, als sie an ihrem Elternhaus ankam. Sie schob die Tür auf und fand am Esstisch ihren Vater und seinen Gesellen, die sich Brot, Käse und ein wenig Wurst teilten. Das Gesicht ihres Vaters leuchtete auf, als er sie sah. »Liebling, setz dich zu uns. Wie war dein Nachmittag bei unseren bayerischen Besatzern?« Charlotte ließ sich auf den freien Stuhl fallen und griff nach einem Stück Brot. »Genau wie ich es erwartet hatte. Sogar noch ein wenig schlimmer. Stell dir vor: Dieser Ludwig Gruber will mich heiraten, obwohl er von Friedrich weiß. Er denkt doch tatsächlich, dass ich bei seinem verlockenden Angebot sofort meine Versprechen brechen werde.« Sie schüttelte sich. »Was hast du ihm denn geantwortet?« Ihr Vater sah sie neugierig an. »So erregt, wie du aussiehst, kann ich mir nicht vorstellen, dass du ihm deine Absage schonend beigebracht hast.« »Ich werde für ihn ganz bestimmt keine Versprechen brechen. Das habe ich ihm deutlich gemacht. Dann habe ich ihn stehen lassen.« Sie biss von ihrem Brot ab. »Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er sich morgen an alle meine Worte erinnern kann. Er hat doch tüchtig dem Wein zugesprochen, während ich Klavier gespielt habe.« »Na, dann hoffen wir doch das Beste«, murmelte ihr Vater. Erschrocken sah Charlotte ihn an. »Wieso? Habe ich denn etwas falsch gemacht?« »Ganz und gar nicht, mein Liebling«, beruhigte sie ihr Vater. »Aber es kann gut sein, dass wir uns damit von den Aufträgen der Bayern verabschieden müssen. Und die haben immerhin dafür gesorgt, dass meine Druckerei sich bisher ganz wacker geschlagen hat.« Er seufzte. »Ach, wenn nur endlich diese verdammte Zensur beendet wäre. Oder die Bayern der Rheinpfalz ein wenig Freiheit geben würden. Es ist doch kein Zustand, dass sie mir immer wieder sagen, was ich drucken darf und was nicht. Der Pressverein …« »Darüber muss ich mit Ihnen sprechen!«, unterbrach ihn in diesem Augenblick der Geselle Amadeus. Vater und Tochter Trautmann sahen ihn überrascht an. Amadeus redete nur wenig – und schon gar nicht ohne Aufforderung. Tatsächlich vergaßen sie nicht selten, dass er mit am Tisch saß. »Ja?« Christian Trautmann zog eine Augenbraue nach oben. »Sprich frei heraus. In meinem Haus gibt es keine Zensur.« »Ich sehe, dass Sie immer mehr für die Ideale der Demokraten und Revolutionäre eintreten«, brach es aus Amadeus hervor. »Das sind aber nicht meine Ideale. Ich habe Angst, dass ich mit Ihnen und in dieser Druckerei meinem sicheren Untergang entgegengehe. Die Mitglieder des Pressvereins sind Aufrührer und Unruhestifter. Die Stadt wird sie sicher in den Kerker stecken. Wenn nicht morgen, dann doch wenigstens übermorgen. Damit möchte ich aber nichts zu tun haben.« Er schwieg so plötzlich, wie er seine Rede begonnen hatte. Die längste Rede, die Charlotte je aus dem Mund dieses ängstlichen, blassen Jungen gehört hatte. »Und das bedeutet?« Trautmann sah seinen Gesellen immer noch fragend an. »Dass ich Sie bitten möchte, mich aus meinem Vertrag zu entlassen. Geben Sie mir meine Freiheit zurück, damit ich mir einen weniger gefährlichen Lehrherren suchen kann!« »Ab wann?« »Am liebsten ab sofort. Ich fürchte, die Falle der Gesetzeshüter und Beamten kann jederzeit zuschnappen – und da möchte ich nicht mehr unter Ihrem Dach leben.« Amadeus zögerte, bevor er weitersprach. »Verstehen Sie mich nicht falsch, Meister Trautmann. Ich habe viel bei Ihnen gelernt, und in ruhigeren Zeiten wäre ich gerne bei Ihnen geblieben. Aber jetzt, wo nicht einmal mehr der Zollbeamte Gruber seine schützende Hand über Sie halten wird …« Christian Trautmann nickte nur. »Das kommt etwas überraschend, aber ich kann deine Gründe verstehen. Auch wenn ich sie nicht gutheißen mag, denn eigentlich sollte ein junger Mann, wie du es bist, für die Sache der Freiheit geradezu brennen. Geh, wann immer dir der Sinn danach steht. An deinen Lehrvertrag mit mir musst du dich nicht mehr halten. Ich spreche dich frei.« »Danke, Meister Trautmann. Dann würde ich, mit Verlaub, noch heute mein Säckel schnüren und gehen.« Damit stand er auf und verschwand in seiner kleinen Kammer, die direkt neben dem Aufgang zu den Schlafräumen der Trautmanns lag. Vater und Tochter hörten ihn nur kurz hin- und herräumen, dann tauchte Amadeus mit einem kleinen Beutel in der Hand wieder auf. Größer war sein Besitz nicht. Er nickte seinem ehemaligen Lehrherrn und Charlotte noch einmal zu, dann schob er sich durch die Tür und verschwand. Charlotte schüttelte überrascht den Kopf. »Ich war ja schon immer der Meinung, dass sich in seinem Spatzenhirn nicht allzu viel abspielt – aber ich wusste nicht, dass er so dumm ist! Wo will er denn in diesen Zeiten einen neuen Lehrherrn finden? Einen, der nichts daran findet, dass er bereits eine Lehre abgebrochen hat?« Trautmann fuhr sich durch seine buschigen Koteletten. »Ehrlich gesagt bin ich nicht unglücklich. Natürlich sollte ein so junger Bursche immer auf der Seite der Freiheit sein – aber gleichzeitig fehlen mir im Grunde doch die Mittel, einen eigenen Gesellen zu beschäftigen. Sein Weggang verschafft mir ein wenig mehr Luft zum Atmen.« »Aber wer soll dir denn künftig zur Hand gehen?« Neugierig sah Charlotte ihn an. Ihr Vater lächelte sie verlegen an. »Nun, mein Kind, ich fürchte, das wirst du sein. Das Druckerhandwerk ist keine Hexerei, und ich bin mir sicher, du wirst rasch begreifen, welche Handgriffe von Nöten sind. Würdest du das für mich tun? Ich weiß, es ist nichts, womit eine junge Dame sich normalerweise beschäftigen sollte, das ist mir klar. Aber es bleibt mir keine andere Wahl.« »Aber Vater! Nichts würde ich lieber tun als das! Ich freue mich doch, wenn ich dir helfen kann und zu mehr zu gebrauchen bin als nur zum Klavierspiel!« Charlottes Begeisterung war nicht gespielt. Tatsächlich hatte sie ihrem Vater seit ihrer Kindheit gerne zugesehen, und sie war sich sicher, dass sie auch ohne seine Anleitung die Presse bedienen könnte. »Dann beginnt deine Lehre bei mir gleich morgen«, entschied Christian Trautmann. Stirnrunzelnd sah er ihr leuchtendes Kleid an. »Wir sollten allerdings ein wenig passendere Kleidung für dich auswählen, meinst du nicht?« »Keine Sorge, du wirst mich morgen nicht von einem echten Druckergesellen unterscheiden können«, versicherte Charlotte lächelnd.

Katrin Tempel

Über Katrin Tempel

Biografie

Katrin Tempel wurde in Düsseldorf geboren und wuchs in München auf. Nach ihrem Geschichtsstudium arbeitete sie als Journalistin, heute ist sie Chefredakteurin der Zeitschrift »LandIdee«. Außerdem schreibt sie Drehbücher (unter anderem den historischen ZDF-Zweiteiler »Dr. Hope«). Mit ihren Romanen,...

Veranstaltung
Lesung
Freitag, 26. Oktober 2018 in Wörth am Rhein
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Stadtbücherei Wörth am Rhein,
Am Rathausplatz
76744 Wörth am Rhein
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