Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Tripods. Die dreibeinigen Herrscher

Tripods. Die dreibeinigen Herrscher

Die komplette Saga

E-Book
€ 15,99
€ 15,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Tripods. Die dreibeinigen Herrscher — Inhalt

Die Welt wird von den Tripods kontrolliert – riesigen, metallischen Maschinen, die wie aus dem Nichts auf der Erde auftauchten und die Bevölkerung unterwarfen. Die meisten Menschen sind ihren Herrschern inzwischen treu ergeben. Doch Will ist nicht wie die anderen: Er wehrt sich gegen die geheimnisvollen Invasoren und schließt sich einer geheimen Gruppe von Widerständlern an. Gemeinsam mit den letzten freien Menschen setzt er alles daran, die Herrschaft der Tripods zu beenden ... In Buch und Film begeistert die Kultserie von John Christopher bis heute Fans auf der ganzen Welt. Dieser Band vereint erstmals alle vier Originalromane, einschließlich des kaum bekannten Prequels über die Vorgeschichte der Invasion.

€ 15,99 [D], € 15,99 [A]
Erschienen am 01.04.2016
Übersetzt von: Sabine Rahn, Wolfgang Schaller
736 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97298-7

Leseprobe zu »Tripods. Die dreibeinigen Herrscher«

Der Tag der Weihe

 

Außer der großen Uhr am Kirchturm gab es noch fünf weitere Uhren im Dorf, die verhältnismäßig zuverlässig die Zeit anzeigten. Mein Vater besaß eine davon. Sie stand im Wohnzimmer auf dem Kaminsims und Vater nahm jeden Abend, bevor er schlafen ging, den Schlüssel aus einer Vase und zog die Uhr auf. Einmal im Jahr kam der Uhrmacher aus Winchester auf seinem alten, gemächlich dahintrottenden Arbeitspferd herübergeritten, um die Uhr zu reinigen, zu ölen und neu einzustellen. Nachher trank er mit meiner Mutter Kamillentee und erzählte ihr [...]

weiterlesen

Der Tag der Weihe

 

Außer der großen Uhr am Kirchturm gab es noch fünf weitere Uhren im Dorf, die verhältnismäßig zuverlässig die Zeit anzeigten. Mein Vater besaß eine davon. Sie stand im Wohnzimmer auf dem Kaminsims und Vater nahm jeden Abend, bevor er schlafen ging, den Schlüssel aus einer Vase und zog die Uhr auf. Einmal im Jahr kam der Uhrmacher aus Winchester auf seinem alten, gemächlich dahintrottenden Arbeitspferd herübergeritten, um die Uhr zu reinigen, zu ölen und neu einzustellen. Nachher trank er mit meiner Mutter Kamillentee und erzählte ihr die Neuigkeiten aus der Stadt und die Geschichten, die er in den Dörfern, durch die er gekommen war, gehört hatte. Spätestens dann ging mein Vater, auch wenn er in der Mühle nichts zu tun hatte, mit einer geringschätzigen Bemerkung über Klatsch aus dem Zimmer. Aber später am Abend konnte ich hören, wie meine Mutter ihm die Geschichten weitererzählte. Er war darüber zwar nicht gerade begeistert, aber er hörte doch zu.

Der kostbarste Besitz meines Vaters war jedoch nicht diese Uhr, sondern eine Armbanduhr. Diese Miniaturuhr mit einem Zifferblatt von etwa zwei Zentimeter Durchmesser und einem Reif, mit dem sie am Handgelenk befestigt werden konnte, hielt er in einer Schublade seines Schreibtisches unter Verschluss. Nur zu feierlichen Anlässen – wie dem Erntedankfest oder der Weihe – nahm er sie heraus und trug sie. Der Uhrmacher durfte sie nur alle drei Jahre nachsehen und dann stand mein Vater neben ihm und beobachtete ihn, solange er arbeitete. Im Dorf gab es sonst keine weitere Armbanduhr und in den umliegenden Gemeinden auch nicht. Der Uhrmacher erzählte, es gäbe einige in Winchester, aber keine sei so gut und schön wie diese. Ich wusste nicht genau, ob er das sagte, um meinem Vater zu schmeicheln – Vater zeigte sich jedes Mal, wenn er es hörte, äußerst zufrieden –, oder ob es tatsächlich eine so gute handwerkliche Arbeit war. Das Gehäuse der Armbanduhr war aus Stahl, der allem, was man in der Schmiede in Alton herstellen konnte, weit überlegen war, und das Laufwerk war ein Wunder: kompliziert und äußerst kunstfertig. Auf der Vorderseite stand »antimagnetisch« und »stoßfest«. Wir vermuteten, dass das der Name des Handwerkers war, der die Armbanduhr in früheren Zeiten hergestellt hatte.

Der Uhrmacher hatte uns in der vorigen Woche besucht und ich durfte eine Weile zuschauen, wie er die Armbanduhr reinigte und ölte. Der Anblick der Uhr faszinierte mich, und als er gegangen war, ertappte ich mich dabei, wie meine Gedanken ständig zu diesem Schatz zurückkehrten, der nun wieder in seiner Schublade verschlossen war.

Selbstverständlich war es streng verboten, den Schreibtisch des Vaters zu berühren, und der Gedanke, eine verschlossene Schublade zu öffnen, hätte mir eigentlich niemals kommen dürfen. Und trotzdem blieb diese Versuchung hartnäckig da. Nach zwei Tagen gab ich vor mir selbst zu, dass mich nur die Angst, erwischt zu werden, noch zurückhielt.

Am Samstagvormittag war ich allein zu Haus. Mein Vater war im Arbeitsraum der Mühle und mahlte, und die Diener – auch Molly, die das Haus normalerweise tagsüber nicht verließ – halfen ihm. Meine Mutter besuchte die alte Frau Ash und würde sicher vor einer Stunde nicht zurück sein. Ich hatte meine Schularbeiten gemacht und nichts hätte mich daran hindern können, an diesem schönen Maimorgen wegzugehen und Jack zu suchen. Ich konnte jedoch nur an eines denken: dass ich nun die Gelegenheit hatte, die Armbanduhr anzusehen, und dass dabei kaum die Gefahr bestand, entdeckt zu werden.

Wie ich beobachtet hatte, hob mein Vater den Schlüssel zum Schreibtisch zusammen mit anderen Schlüsseln in einer kleinen Schachtel neben seinem Bett auf. Im Ganzen lagen vier Schlüssel drin, und erst mit dem dritten ging die Schublade auf. Ich nahm die Uhr heraus und betrachtete sie. Sie ging nicht, aber ich wusste, dass man sie mit einem kleinen Knopf an der Seite aufzog und die Zeiger stellte. Wenn ich sie nur ein paar Umdrehungen aufziehen würde, bliebe sie sicher bald wieder stehen – für den Fall, dass Vater sich später die Armbanduhr noch einmal ansehen würde.

Ich drehte das Rädchen und horchte auf das leise, rhythmische Ticken. Dann stellte ich die Zeiger nach der großen Uhr im Wohnzimmer. Jetzt brauchte ich die Armbanduhr nur noch umzulegen. Selbst beim letzten Loch war das Lederband noch ziemlich lose, aber ich trug die Uhr an meinem Handgelenk.

Nachdem ich erreicht hatte, was ich für das höchste erstrebenswerte Ziel gehalten hatte, stellte ich fest – ich glaube, so geht es oft –, dass es noch mehr gab. Es war schon ein Triumph, die Uhr zu tragen, aber gesehen zu werden, wie man sie trug ... Ich hatte mit meinem Vetter Jack Leeper verabredet, dass ich ihn an diesem Vormittag in den alten Ruinen am Dorfausgang treffen wollte. Jack, er war ein Jahr älter als ich und sollte bei der nächsten Weihe dargeboten werden. Er war der Mensch, den ich nach meinen Eltern am meisten bewunderte. Die Uhr aus dem Haus zu bringen bedeutete, dem Ungehorsam eine Ungeheuerlichkeit hinzuzufügen. Aber da ich jetzt schon so weit gegangen war, fiel es mir leichter, es in Erwägung zu ziehen. Als ich mich dann entschlossen hatte, wollte ich nichts von der kostbaren Zeit, die mir noch blieb, vergeuden. Ich öffnete die Haustür, steckte die Hand mit der Uhr tief in die Hosentasche und rannte die Straße hinunter. Das Dorf lag an einer Straßenkreuzung und die Straße, in der unser Haus stand, lief am Fluss entlang (der natürlich die Mühle antrieb), die zweite Straße kreuzte die erste an der Furt. Dort war auch die kleine Holzbrücke für Fußgänger. Ich sauste hinüber und sah, dass der Fluss durch den Frühjahrsregen mehr Wasser führte als sonst. Meine Tante Lucy kam gerade zur Brücke, als ich auf der anderen Seite davonrannte. Sie rief mir ein Grußwort zu und ich grüßte zurück, wechselte aber vorsichtshalber auf die andere Straßenseite. Dort war der Bäckerladen mit Blechen voller Brötchen und Kuchen und meine Tante würde wohl annehmen, dass ich dorthin ging. Ich hatte sogar ein paar Münzen in der Tasche. Aber ich rannte vorbei und verlangsamte das Tempo erst, als ich den Punkt erreicht hatte, wo die Häuser weiter auseinander standen und schließlich ganz aufhörten. Hundert Meter weiter lagen die Ruinen. Auf der anderen Straßenseite war Spillers Weide. Kühe grasten dort. Auf meiner Seite war eine Dornenhecke, hinter der ein Kartoffelfeld lag. Ich ging an einer Lücke in der Hecke vorbei, achtete aber nicht darauf, weil ich mir vorstellte, wie Jack staunen würde, wenn ich ihm die Uhr zeigte. Einen Augenblick später erschrak ich, weil ich von hinten angerufen wurde. Ich erkannte die Stimme von Henry Parker sofort.

Henry ist genau wie Jack ein Vetter von mir – ich heiße Will Parker –, aber im Gegensatz zu Jack ist er nicht mein Freund. (Ich hatte mehrere Vettern im Dorf. Um zu heiraten, reisten die Leute normalerweise nicht weit.) Er war einen Monat jünger als ich, aber größer und schwerer, und wir hassten uns schon, solange ich denken konnte. Wenn es zu einer Prügelei kam – und das passierte ziemlich oft –, war ich physisch unterlegen und musste meine Beweglichkeit und Schnelligkeit ausspielen, wenn ich nicht verhauen werden wollte. Von Jack hatte ich ein paar Ringergriffe gelernt und dadurch hatte ich mich im vergangenen Jahr besser behaupten können. Bei unserem letzten Zusammenstoß hatte ich ihn sogar so hart niedergeworfen, dass ihm die Luft wegblieb und er richtig nach Atem ringen musste. Aber für einen Ringkampf braucht man beide Hände!

Ich stieß meine linke Hand tiefer in die Tasche und rannte zu den Ruinen, ohne ihm zu antworten. Aber er war näher, als ich gedacht hatte, stapfte hinter mir her, schrie und drohte. Ich legte einen Spurt ein und blickte über die Schulter zurück, um zu sehen, wie viel Vorsprung ich hatte. Dabei rutschte ich auf einem Matschfleck aus. (Im Dorf war die Straße mit Kopfsteinpflaster gedeckt. Hier draußen war sie in einem schlechten Zustand, der durch die Regengüsse noch viel schlimmer geworden war.) Verzweifelt versuchte ich die Balance zu halten, brachte die andere Hand aber erst aus der Tasche, als es schon zu spät war. Ich stolperte, rutschte und fiel hin. Ehe ich mich aufrappeln konnte, kniete Henry schon auf meinem Rücken und drückte mein Gesicht in den Matsch, indem er meinen Kopf mit beiden Händen festhielt.

Normalerweise hätte ihn das einige Zeit beschäftigt, doch leider entdeckte er etwas viel Interessanteres. Instinktiv hatte ich mich mit beiden Händen abgestützt, als ich hinfiel, und nun sah er die Armbanduhr an meinem Handgelenk. Blitzschnell hatte er sie mir vom Arm gezogen und stand auf, um sie zu untersuchen. Ich wollte ihm die Uhr wieder wegschnappen, aber er hielt sie einfach über seinen Kopf und damit außerhalb meiner Reichweite.

Schwer atmend sagte ich: »Gib sie zurück!«

»Sie gehört dir nicht«, antwortete er. »Sie gehört deinem Vater.«

Ich litt Qualen, denn ich befürchtete, dass die Uhr durch meinen Sturz beschädigt oder gar zerbrochen war. Trotzdem versuchte ich Henry ein Bein zu stellen und ihn umzureißen.

Er wehrte mich ab, trat zur Seite und sagte: »Bleib zurück!« Er hob den Arm, als wollte er einen Stein werfen: »Oder ich probiere aus, wie weit ich die Uhr schleudern kann.«

»Wenn du das tust«, sagte ich, »dann kriegst du zu Hause Prügel!«

Auf seinem fetten Gesicht erschien ein Grinsen. »Du auch! Und dein Vater schlägt härter als meiner. Ich will dir was sagen: Ich leihe mir die Uhr eine Weile aus. Vielleicht bekommst du sie heute Nachmittag wieder oder auch morgen.«

»Irgendjemand wird dich damit sehen.«

Er grinste wieder: »Das muss ich riskieren.«

Ich startete einen neuen Angriff, weil ich dachte, er würde bluffen mit dem Wegwerfen der Uhr. Fast hatte ich ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, aber eben doch nicht ganz. Wir schwankten und kämpften, dann fielen wir zusammen um und rollten in den Straßengraben. Im Graben stand etwas Wasser, aber wir kämpften weiter. Auch als uns eine Stimme von oben anrief, hörten wir nicht auf.

Jack – er war es, der uns zurief, wir sollten aufstehen – musste in den Graben steigen und uns auseinander reißen. Das fiel ihm nicht schwer. Er war genauso groß wie Henry und ungeheuer stark. Er zog uns auf die Straße zurück, ging dem Streit auf den Grund, nahm Henry die Armbanduhr ab und schickte ihn mit einem Klaps auf die Schulter weg.

Ich fragte ängstlich: »Ist die Uhr in Ordnung?«

»Ich glaube schon.« Er untersuchte sie und gab sie mir zurück. »Aber es war dumm von dir, sie herzubringen.«

»Ich wollte sie dir zeigen.«

»Das lohnt den Aufwand nicht«, sagte er kurz und bündig.

»Jedenfalls müssen wir dafür sorgen, dass sie zurückkommt. Ich helfe dir.«

Jack war immer da und half. Solange ich mich erinnern konnte, war das so. Merkwürdig, dachte ich, als wir ins Dorf zurückgingen. In etwas über einer Woche würde ich allein sein. Dann war die Weihe vorbei und Jack kein Junge mehr.

 

Jack stand Schmiere, als ich die Uhr zurückbrachte und den Schubladenschlüssel wieder dorthin zurücklegte, wo ich ihn hergenommen hatte. Ich wechselte meine nasse, schmutzige Hose, zog ein frisches Hemd an und dann gingen wir zu den Ruinen zurück.

Niemand wusste, was das früher für Gebäude gewesen waren. Uns beschäftigte vor allem ein Schild. Auf der an den Ecken abbröckelnden und rostenden Metallplatte stand: Gefahr – 6600 Volt.

Ich hatte keine Ahnung, was Volt gewesen sein konnte, aber das Gefühl von Gefahr war aufregend, wie lange vergangen und fern sie auch war. Auf der Platte standen noch mehrere Buchstaben, aber der Rost hatte die meisten zerfressen:

. . .LEKT. . .ZITÄT. Wir hatten überlegt, ob das vielleicht der Name der Stadt gewesen war, aus der die Metallplatte kam. Tiefer drin in den Ruinen war unser Versteck, das Jack freigelegt hatte. Man ging durch einen zerbröckelnden Torbogen hinein. Innen war es trocken, wir hatten dort sogar eine Feuerstelle. Jack hatte Feuer gemacht, bevor er mich suchen kam. Er hatte auch schon ein Kaninchen abgehäutet, ausgenommen und auf einen Holzspieß gesteckt, sodass wir es braten konnten. Zu Hause gab es zwar auch reichlich zu essen – am Samstag war das Mittagessen immer besonders gut –, aber deshalb freute ich mich trotzdem voller Gier auf das über offenem Feuer geröstete Kaninchen und auf in der Glut gebratene Kartoffeln. Zu Hause würde ich trotzdem noch kräftig in die Pastete, die meine Mutter im Ofen hatte, reinhauen. Obwohl ich ziemlich klein war, hatte ich immer riesigen Hunger.

Wir beobachteten in beiderseitigem Schweigen, wie das Kaninchen gar wurde. Wir verstanden uns prima, auch ohne viel zu reden, obwohl ich normalerweise gern und viel sprach. Vielleicht zu viel, denn ich wusste, dass ich zahlreiche meiner Kämpfe mit Henry dadurch herausforderte, dass ich versuchte ihn in Wut zu bringen.

Jack dagegen war immer ziemlich wortkarg und deshalb war ich überrascht, als er nach einer Weile sein Schweigen brach.

Zunächst sprach er über unwichtige Dinge, über die Leute im Dorf, doch ich hatte den Eindruck, dass er auf etwas anderes hinsteuerte, auf etwas viel Wichtigeres. Plötzlich schwieg er, schaute ein oder zwei Sekunden auf den Braten, der jetzt knusprig wurde, und fuhr dann fort: »Bald gehört das alles dir.«

Es war schwer, etwas darauf zu sagen. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, wäre ich wohl von selbst darauf gekommen, dass er mir unser Versteck übergeben würde, aber – ich hatte nicht darüber nachgedacht. Man dachte eben nicht über alles nach, was mit der Weihe zusammenhing, vor allem sprach man nicht darüber. Und von Jack hatte ich es am wenigsten erwartet. Aber was er dann sagte, war noch erstaunlicher.

»Irgendwie«, überlegte er laut, »hoffe ich fast, dass es nicht klappt. Ich weiß nicht, ob ich nicht lieber ein Wanderer werden würde.«

Ich muss wohl erst etwas über die Wanderer sagen: In jedem Dorf gab es ein paar dieser Menschen – im Augenblick wohnten hier vier, soweit ich wusste –, aber die Zahl änderte sich ständig, weil einige weggingen und andere auftauchten. Manchmal arbeiteten sie ein bisschen. Aber auch wenn sie es nicht taten, wurden sie von den Dorfbewohnern ernährt. Sie wohnten im »Wandererheim«, das in unserem Dorf an der Ecke der Kreuzung stand. Es war größer als die meisten Häuser im Dorf, auch größer als das Haus meines Vaters. Ein Dutzend Wanderer konnte dort auf jeden Fall unterkommen und manchmal waren auch so viele da. Man brachte ihnen Essen – nicht üppig, aber ausreichend – und ein Diener besorgte das Haus. Wenn es voll belegt war, dann schickte man noch ein paar Diener zusätzlich hin.

Es war allgemein bekannt, auch wenn nicht darüber gesprochen wurde, dass die Wanderer Menschen waren, bei denen die Weihe misslungen war. Sie hatten Kappen wie normale Menschen, aber bei ihnen funktionierten sie nicht richtig.

Wenn so etwas passierte, zeigte es sich schon am ersten oder zweiten Tag nach der Weihe. Der Mensch, der geweiht wurde, also die Kappe bekam, sah danach sorgenvoll aus. Im Laufe der Zeit wurde das immer schlimmer und entwickelte sich schließlich zu einer Gehirnentzündung. In diesem Zustand sah man deutlich, dass er große Schmerzen hatte. Glücklicherweise dauerte diese kritische Phase nicht lange und zum Glück passierte das auch nur sehr selten. Die meisten Weihen waren erfolgreich. Ich glaube, nur jeder Zwanzigste wurde ein Wanderer.

Wenn er wieder gesund war, begann der Wanderer umherzuziehen. Das heißt er oder sie, denn manchmal ging es auch Mädchen so, aber das war viel seltener. Ob sie wanderten, weil sie das Gefühl hatten, nicht zur Gesellschaft der normalen Menschen zu gehören, oder ob das Fieber sie ruhelos gemacht hatte, wusste ich nicht. Jedenfalls zogen sie umher, blieben einen Tag hier, einen Monat dort, aber sie waren ständig unterwegs. Ganz sicher war ihr Verstand in Mitleidenschaft gezogen, denn keiner konnte einen Gedanken lange verfolgen, viele hatten Visionen und taten merkwürdige Dinge.

Die Wanderer gehörten ganz selbstverständlich zum Leben und sie wurden versorgt, aber genau wie über die Weihe wurde auch über sie nicht viel gesprochen. Von den Kindern wurden die Wanderer normalerweise misstrauisch beobachtet und gemieden. Die Wanderer waren oft melancholisch und sprachen selbst untereinander nicht viel. Deshalb war ich wie vor den Kopf geschlagen, als Jack sagte, dass es ihm fast lieber wäre, ein Wanderer zu werden. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Er schien auch keine Antwort zu erwarten. Er sagte: »Die Armbanduhr – hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es in jener Zeit gewesen sein muss, als solche Dinge hergestellt wurden?«

Manchmal hatte ich das überlegt, aber das war auch ein Thema, für das man nicht so leicht einen Gesprächspartner finden konnte. Auch Jack hatte früher nicht so geredet. So fragte ich: »Vor den Tripoden?«

»Ja.«

»Na ja, wir wissen, dass es das schwarze Zeitalter war. Es gab zu viele Menschen und zu wenig Lebensmittel. Deshalb verhungerten die Menschen, führten Kriege gegeneinander und es gab alle Arten von Krankheiten, und . . .«

»Gegenstände wie die Armbanduhr wurden hergestellt, und zwar von Menschen, nicht von Tripoden.«

»Aber das wissen wir nicht!«

»Erinnerst du dich«, fragte er, »dass ich vor vier Jahren meine Tante Mathilde besucht habe?«

Ich erinnerte mich. Sie war seine Tante, aber nicht meine, obwohl wir Vettern waren. Sie hatte nämlich einen Ausländer geheiratet.

Jack sagte: »Sie lebt in Bishopstoke, auf der anderen Seite von Winchester. Eines Tages ging ich spazieren und kam ans Meer. Dort liegen die Ruinen einer Stadt, die mindestens zwanzigmal so groß gewesen sein muss wie Winchester.« Natürlich hatte ich von den großen zerstörten Städten der Alten gehört. Aber auch darüber wurde wenig gesprochen, und wenn, dann missbilligend und ängstlich.

Niemand würde es sich im Traum einfallen lassen, sich in ihre Nähe zu wagen. Ihr Anblick war selbst aus der Ferne beunruhigend. Aber Jack hatte eine gesehen.

Ich sagte: »Das waren genau die Städte, in denen gemordet wurde und in denen Krankheiten grassierten.«

»Das hat man uns erzählt. Aber ich habe dort noch etwas anderes gesehen. Es war der Rumpf eines Schiffes. An einigen Stellen war er durchgerostet und man konnte hineinsehen. Das Schiff war größer als unser Dorf, viel größer.«

Ich schwieg und versuchte mir vorzustellen, was er in Wirklichkeit gesehen hatte. Aber es gelang mir nicht.

Jack sagte: »Und das haben auch Menschen gebaut. Bevor die Tripoden kamen.«

Ich wusste wieder nicht, was ich sagen sollte, und antwortete lahm: »Aber die Menschen sind jetzt glücklich.«

Jack drehte das Kaninchen am Spieß. Nach einer Weile antwortete er: »Ja. Vielleicht hast du Recht.«

Über John Christopher

Biografie

John Christopher, 1922 als Christopher Samuel Youd in Lancashire/England geboren, zählt zu den wichtigsten Science-Fiction-Autoren. Er schrieb mehrere Dutzend Romane und Erzählungen, in denen er sich zunächst anderen Genres widmete. Als sein Verleger ihm 1966 vorschlug, eine Science-Fiction-Serie...

Medien zu »Tripods. Die dreibeinigen Herrscher«

Pressestimmen

ruth-m-fuchs.blogspot.de

»diese drei Bücher gehören auf jeden Fall zu den spannendsten Science-Fiction-Büchern, die ich kenne.«

buchwelten.wordpress.com

»John Christophers Alien Invasion ist ein absolut unterhaltsames Lesevergnügen, das ohne Verluste die vielen Jahre seit ihrem Entstehen überstanden hat.«

phantastiknews.de

»Die Serie um die Dreibeiner gehört durchaus zu John Christophers gelungensten Werken«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden