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Treu wären wir gern gewesen

Treu wären wir gern gewesen

Geschichte einer Liebe

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Treu wären wir gern gewesen — Inhalt

Als sie herausfand, dass ihr Mann eine Affäre hat und seine zweite heimliche Familie nur einige Kilometer entfernt wohnt, brach für Wendy Plump nicht die Welt zusammen. Schließlich war sie es, die als Erste die Grenze überschritten hatte, als sie, noch nicht mal ein Jahr verheiratet, ihren Mann zum ersten Mal betrog.Vielleicht aus diesem Grund oder weil sie die gewöhnliche einseitige Perspektive auf Untreue nie ausreichend fand, hat Wendy Plump ein ungewöhnliches wie einzigartiges Geständnis verfasst. Ungeschminkt schaut sie auf beide Rollen, die der Betrogenen wie die der Betrügerin. Sie beschreibt die Zufälligkeit, mit der Affären auffliegen, die Feuerprobe des Geständnisses, das langsame Wiederzusammenfinden, die Energie, mit der Fremdgehen verheimlicht wird, die Lügen und der tägliche Selbstbetrug, die verbotene Sehnsucht nach dem Geliebten und das zweifelsohne große Vergnügen, die ihr ihre Liebschaften bereitet haben.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.05.2013
Übersetzt von: Clara Drechsler
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7677-9

Leseprobe zu »Treu wären wir gern gewesen«

Der Moment der Wahrheit
Wie man es herausfindet? Durch einen Freund oder eine
Freundin. Das Handy. Den Nachbarn. Nicht gelöschte EMails.
Hotelrechnungen. Ein selbst gedrehtes Sexvideo, das
jemand tragischerweise herumliegen lässt. Einen Kontoauszug.
Den Hundesitter. Das Kindermädchen. Besonders dann,
wenn es das Kindermädchen ist. Den Ehemann oder die Ehefrau.
Den Liebhaber oder die Geliebte. Eine beiläufige Bemerkung
auf dem Spielplatz. Monatliche Ausgaben, die zu nichts
passen wollen, das du unternommen oder verschenkt oder
bekommen hast. Den Verkäufer im [...]

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Der Moment der Wahrheit
Wie man es herausfindet? Durch einen Freund oder eine
Freundin. Das Handy. Den Nachbarn. Nicht gelöschte EMails.
Hotelrechnungen. Ein selbst gedrehtes Sexvideo, das
jemand tragischerweise herumliegen lässt. Einen Kontoauszug.
Den Hundesitter. Das Kindermädchen. Besonders dann,
wenn es das Kindermädchen ist. Den Ehemann oder die Ehefrau.
Den Liebhaber oder die Geliebte. Eine beiläufige Bemerkung
auf dem Spielplatz. Monatliche Ausgaben, die zu nichts
passen wollen, das du unternommen oder verschenkt oder
bekommen hast. Den Verkäufer im Holzlager. Eine seltsame
Begegnung im Supermarkt. Oder deine Mutter, deren Antennen
längst diese Schwingungen empfangen haben, lange, bevor
du auch nur daran gedacht hast. Durch die Kulmination
von Zweifeln. Weil du ins Büro platzt und sie erwischst. Weil
du ins Schlafzimmer platzt und sie erwischst. Weil du sie eben
irgendwo erwischst.
Es gibt unzählige Möglichkeiten, es herauszufinden. Unzählige.
Vier Monate, bevor ich herausfand, dass mein Ehemann
mich betrog, hatten tschetschenische Terroristen eine Schule
im Kaukasus gestürmt und 1100 Geiseln drei Tage lang festgehalten,
800 von ihnen Schulkinder. Es endete böse; sogar für
die, die mit dem Leben davonkamen, könnte ich mir denken.
Das Geiseldrama von Beslan ist mir noch viele Jahre später
so akut bewusst, weil es eine kleine, aber dramatische Rolle
bei der Aufdeckung der letzten Affäre meines Mannes spielte.
Es waren zwei voneinander unabhängige Ereignisse, aber in
meiner Erinnerung sind sie untrennbar miteinander verbunden.
Details fallen in die Spalten zwischen der Erkenntnis,
nach der nichts mehr ist, wie es war, und deiner Reaktion darauf.
Diesen Details kommt ihre eigene Bedeutung zu, indem
sie das Dazwischen ausfüllen und damit wahrlich Puffer und
Schutzwall und Salz zu diesem ganzen Schlamassel des Dahinterkommens
beisteuerten.
Eine Freundin suchte mich an einem Morgen Anfang Januar
2005 auf, weil sie fand, sie müsste mir jetzt endlich die
Wahrheit über Bill sagen. Meine beiden Söhne waren in der
Grundschule. Es hatte zwei Tage lang heftig geschneit, und
die Schule wäre beinahe ausgefallen, ebenso wie die Party am
letzten Wochenende, bei der unsere Freunde heftig über Sinn
und Unsinn der Ehe diskutiert hatten. Ich erinnere mich, wie
ich im Brustton stupider Gewissheit verkündet hatte: »Ich
würde mich nie scheiden lassen, selbst wenn ich es für das
Beste hielte.« Mit solchen vollmundigen Erklärungen habe
ich mich schon immer gern zum Narren gemacht. Ich erinnere
mich, dass ich in der achten Klasse irgendwem gegenüber
geschworen hatte, ich würde niemals Pot rauchen, niemals
vorehelichen Sex haben, nie heimlich aus meinem Schlafzimmerfenster
klettern, um mich mit einem Typen zu treffen. Ich
war päpstlicher als der Papst. In fünf Jahren würde ich jeden
dieser Schwüre gebrochen haben.
Ich wünschte, ich hätte damals wie heute einen klaren Kopf
behalten. Ich war völlig blind für das, was um mich herum
vorging, selbst das, was mir geschah oder durch mich geschah,
einschließlich meiner eigenen Idiotie. Als junge Frau
wusste ich kaum etwas Verlässliches über mich selbst, und
daran hatte sich bis gestern nichts geändert.
Als meine Freundin an diesem Januarmorgen durch die
Vordertür spazierte – ohne zu klopfen, denn so ist es bei uns
üblich –, kam ich aus dem Schlafzimmer und schaute vom
oberen Treppenabsatz zu ihr hinunter. Sie war aufgeregt, irgendwie
von der Rolle, als müsse sie sich gegen einen starken
Wind stemmen. Das fällt mir nicht erst im Nachhinein auf. Es
signalisierte mir sofort überdeutlich, dass irgendetwas nicht
stimmte, etwas Schlimmes passiert war. »Geht es dir gut?«,
war meine erste Frage. Und ihre Antwort, die mir sofort in die
Venen schoss: Mir ja. Es geht um dich.
Hier kamen die Tschetschenen ins Spiel. Ich dachte, sie sei
gekommen, um mir zu sagen, dass Aufständische die Schule,
auf die meine Söhne gingen, gestürmt hätten. Es war einerseits
lächerlich, andererseits Panik, also die überzogene, aber
typische Reaktion eines überängstlichen Elternteils. Sobald
deine Babys einen Fuß in diese Welt gesetzt haben, bist du
allzeit auf das Schlimmste gefasst. Mein ältester Sohn war einen
Monat nach Timothy McVeighs Bombenanschlag auf das
Murrah Federal Building in Oklahoma City geboren. Dieses
Grauen und das Gefühl von Verlust in seinem Gefolge waren
die Initialzündung für meine Mutterängste. Die furchtbarsten
Weltereignisse brennen sich noch weit eindringlicher in meine
Psyche ein, seit ich Mutter bin, weil jede Tragödie in der Sorge
um meine Söhne einen Widerhall findet. An diesem Januarmorgen
musste meine Freundin minutenlang gebetsmühlenartig
wiederholen: »Den Jungen fehlt nichts, den Jungen fehlt
nichts, den Jungen fehlt nichts«, um mich zu beruhigen.
Bis es dann irgendwann, sicher auch, weil sie sich nicht anders
zu helfen wusste, aus ihr herausbrach: »Es geht um Bill.
Er hat eine Affäre.«
Diese Neuigkeit war von einem beinahe hörbaren Klick
begleitet. Wie eine Revolverpatrone, die in den Lauf rutscht.
Die gewaltsame Metapher passt wie die Faust aufs Auge, denn
später musste ich mit solchen Gewaltfantasien leben. Aber
damals, in diesem Moment, dachte ich nur: Aber natürlich!
Es war kein Schock für mich. Das vorherrschende Gefühl
war Erleichterung. An der Grundschule meiner Söhne waren
keine Tschetschenen, die ich noch vor Sekunden den Kunstunterricht
hatte stürmen sehen. Das war nicht der Fall. Was
sollte mich da noch aus der Ruhe bringen?
In den vorangegangenen Jahren hatten sich so viele Löcher
in unserer Ehe aufgetan. Spätvorstellungen im Kino,
die Bill angeblich allein besuchte. Seine Behauptungen, er
sei im Auto herumgefahren, habe eine Zigarre geraucht und
»einfach nur nachgedacht« – und das bis tief in die Nacht.
Abende, an denen ich ihn allein draußen hinterm Haus fand,
auf die angrenzenden Felder starrend. Ich empfand eine so
tiefe Entfremdung zwischen uns, ein diffuses, unterschwelliges
Störgeräusch direkt unter der Oberfläche des häuslichen
Einerleis. Als ich von seiner Affäre erfuhr, war dieses Entfremdungsgefühl
wie weggeblasen. Die Nachricht erklärte so
einiges. Im Grunde sogar alles.
Die meisten können es kaum glauben, wenn ich ihnen sage,
dass ich bis zu dieser Enthüllung nicht den kleinsten Verdacht
hatte. Sie meinen, ich hätte irgendwie ahnen müssen, dass Bill
eine Affäre hatte, als sei diese Verdächtigung so was wie ein
Urinstinkt, der in uns allen angelegt ist. Ich kann mir nicht
vorstellen, wieso Argwohn für Neandertaler so nützlich gewesen
sein soll, dass dieser Instinkt durch die gesamte Entwicklung
der Spezies bis an uns weitergegeben wurde. Machte
er dem einen Höhlenmenschen das Schlussmachen leichter
als dem anderen? Ich glaube kaum, dass das Gehirn des Piltdown-
Menschen komplex genug für so etwas wie Zweifel war.
Zweifel ist eine Geißel, die eine gewisse Kultiviertheit voraussetzt.
Ohne ihn wäre das Leben angenehmer.
Ich hatte auf jeden Fall nicht den leisesten Verdacht. Obwohl
es in unserer Ehe zu diesem späten Zeitpunkt bereits
Seitensprünge auf beiden Seiten gegeben hatte – meine eigenen
Affären lagen länger zurück und Bills waren eher jüngeren
Datums –, wäre ich nie darauf gekommen, dass Bill Sex
mit einer anderen hatte. Einmal suchte ich nach den Abrissen
seiner Kinokarten und fand sie auch prompt. Einmal fragte
ich mich, warum ich mir nie sein Handy ausleihen durfte.
Einmal fragte ich ihn, was er am Vorabend bis zwei Uhr getrieben
habe. Jedes Mal bekam ich Antworten, die mich nicht
unbedingt zufriedenstellten, aber ausreichten.
Sie reichten deshalb aus, weil die Erklärungen, die man am
liebsten hören will, auch am einfachsten vorzubringen sind.
Sie erfordern so wenige Beweise. Meist genügt schon ein Satz,
eine kurze Antwort, die von deinem Angetrauten überzeugend
vorgebracht wird. Danach kannst du dich beruhigt wieder
der Wäsche oder den Hausaufgaben oder dem Kauf von
Waschmittel zuwenden. In einer Familie gibt es viel zu tun.
Lahmen Ausreden Glauben zu schenken, war Teil einer
weitreichenden Komplizenschaft zwischen mir und meinem
Ehemann. Ich hatte keinen Verdacht, aber ich weiß auch, dass
ich keinen Verdacht haben wollte. Im schlimmsten Fall frisst
ein solcher Verdacht dich auf. Und im harmlosesten Fall ist
er öde. Er bringt das ganze Leben durcheinander. Jedes Mal,
wenn ich mich eines aufkeimenden Verdachts nicht erwehren
konnte, stellte ich eine Frage, und er gab mir eine Antwort.
Ich atmete dann auf, schluckte die jeweilige Antwort und ging
zum Tagesgeschehen über. Weiter ging mein Verdacht nicht,
weil mich das bei meinen zahlreichen Vorhaben behindert
hätte. Zu denen auch das Weiterführen meiner Ehe gehörte.
Also noch einmal. Als meine Freundin mir sagte, Bill habe
eine Affäre, fügte sich sofort eins zum anderen. Ich hatte keinen
Zweifel daran. Ich wusste, dass ich irgendwann später
leiden würde wie ein Tier. Aber im ersten Moment war die
Gewissheit, obwohl schmerzlich, geradezu beruhigend.
Und die eigentlichen Horrornachrichten sollten erst noch
kommen.
Ich frage mich, ab welchem Zeitpunkt in meinem Leben alles,
was ich neu herausfand, eine Verschlechterung darstellte.
Dinge herauszufinden war irgendwann mal ein Geschenk gewesen.
So wuchs man heran, so lernte man, begann man sich
seinen Weg durch die unwegsameren Bereiche seiner Erfahrungen
zu suchen. Als ich jünger war, fand ich allerlei Nützliches
und Glücklichmachendes heraus. Ich fand heraus, dass
meine Eltern mich liebten. Dass mein Großvater ein meisterhafter
Geschichtenerzähler war. Dass sich Hunde dreimal um
sich selbst drehten, ehe sie sich hinlegten.
Ich fand heraus, dass sich in dem kleinen Paket, das meine
Eltern aus New York mit nach Hause brachten, als ich zehn
Jahre alt war, ein Kätzchen befand. Dass Pferde tatsächlich
aus einem Schlauch trinken konnten. Dass ich meine kleine
Schwester herumkommandieren konnte, aber nur so lange,
bis sie größer wurde als ich. Dass man tatsächlich bei Gewitter
in einem Baum hocken konnte, ohne vom Blitz getroffen zu
werden.
Ich fand heraus, dass man in Kellerräumen und Waschküchen
Spaß mit Angehörigen des anderen Geschlechts haben
konnte. Dass Sex seltsam und erstaunlich gut war. Dass
Männer einen sehr wohl glücklich machen. Ich fand heraus,
dass Bill mich heiraten wollte. Und dass meine Söhne mich,
so inkompetent ich als Mutter war, allen anderen vorzogen.
Irgendwo entlang des Wegs jedoch wurden neue Erkenntnisse
zum Ärgernis schlechthin. Vielleicht gehört es zum Erwachsensein,
sich damit abzufinden, dass es auf der Lebenskurve
nach dem Anstieg irgendwann wieder abwärts geht.
Wenn wir jetzt etwas herausfinden, handelt es sich um Krebs,
um Untreue, um ein Blutbad an einer Schule, um einen Nachbarn
mit Leukämie, um einen Aufstand, der sich zu einem
Krieg ausweitet, der dazu führt, dass junge Soldaten sterben
müssen. Alle diese Dinge kamen früher auch vor, aber sie waren
nicht so brennend präsent. Sie hatten nichts mit uns zu
tun. Sie spielten sich in Schottland oder Da Nang oder Wisconsin
ab. Aber je älter wir werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit,
dass wir uns auf Ground Zero wiederfinden.
Bill würde vermutlich dasselbe sagen, weil ich ihn ebenso
geschockt und hintergangen habe. Wie hat er bei mir das erste
Mal davon erfahren? Ich sagte es ihm.
Ich hatte drei Affären, bevor ich Mutter wurde, zu Anfang
unserer Ehe – mit Tommy, der über eine Freundin in mein
Leben trat; dann mit Steven, den ich am Kai einer Marina
in South Carolina kennenlernte; und dann mit Terry, einem
Jäger aus unserer Nachbarschaft, der mir Bogenschießen beibrachte.
Jede Affäre stieß eine neue an, wie eine Reihe von
Dominos, und eine Zeit lang rissen sie jeden und alles um
sich herum nieder. Es brachte Bill jedes Mal beinahe um, als
er davon erfuhr. Da sie einander auf dem Fuß folgten, bin ich
nicht sicher, wie er es durchgestanden hat. Er hatte nie den
Wunsch gehabt, irgendetwas mit mir auszudiskutieren. Er
berappelte sich ohne Dialogberieselung. Aber er berappelte
sich. Hielt die Ehe aufrecht, will ich damit sagen.
Mit der Zeit jedoch toppte Bill diese Vorgeschichte. Er betrog
mich mit mehreren Frauen. Aber so schwer die Schläge
dieser früheren Entdeckungen auch waren, sie konnten unsere
Ehe nicht zerstören. Jedes Mal, wenn ich ihn wieder erwischte,
lag mir daran, unsere Ehe zu kitten und weiterzuführen. Nach
jeder seiner Affären lernte ich mit den neuen Realitäten zu leben
und machte einfach weiter. Die früheren Umstände waren
nie so, dass ich deswegen Schluss gemacht hätte.
Aber zuletzt hatte Bill eine dieser Affären, die den ganzen
Teich und alle Lebensformen darin kontaminieren. Und zwar
so sehr, dass darin anschließend nichts mehr überleben konnte.
Das wusste ich mit absoluter Gewissheit, weil wir schon so
viele Formen des Ehebruchs durchhatten. Wir waren ein Paar
mit Rundumpanorama. Wir hatten einen 360-Grad-Ausblick
auf die Untreue. Wir kannten sie in- und auswendig.
Erst im Nachhinein wird mir deutlich, wie viel Lebensenergie
ich auf Untreue, sei es meine oder Bills, verschwendet
habe. Als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun, als ihr nachzugeben
oder darüber hinwegzukommen, sie zu verstehen oder
ihre Folgen für unsere Ehe auszubügeln. Ich muss zugeben, es
ist eines der Grundmuster meines Lebens. Ähnlich dem Verlauf
der antiken Gewürzstraße, den man aus dem Weltraum
erkennt, aber nicht, wenn man direkt danebensteht, zieht sich
die Untreue durch mein gesamtes Leben und wird dieser Tage
durch die neugewonnene Distanz und Perspektive auf einmal
überdeutlich. Eine unverkennbare Spur der Verwüstung.
Nun ist das abschreckende Beispiel dieser Geschichte
keineswegs
exemplarisch. Es ist eine Geschichte unter vielen.
Oder auch nur eine Version der Geschichte. Es gibt da draußen
mehr Versionen, mehr Storys von Untreue, als es Verheiratete
gibt, da man ein und dieselbe Geschichte so oft erzählt
und sie je nach Laune und Zuhörerschaft variiert, des Effekts
zuliebe redigiert, indem man einzelne Elemente betont oder
herunterspielt. Außerdem spiegelt sie die Erfahrungen von
nur zwei erwachsenen Menschen, und das eher aus der Perspektive
des einen. Es ist eine sehr spezifische Geschichte.
Ich bin keine Expertin für dieses Thema, nur für das, was
mit uns geschehen ist. Es gibt Millionen unterschiedlicher
Zweierbeziehungen, und sie alle haben ihre eigene DNS. Dies
ist unsere, die Geschichte unserer Ehe und aller hoffnungsvollen
und fehlgeleiteten Verhaltensweisen, mit denen wir sie
angegangen sind. Während sie also nur die Beziehung eines
Paares widerspiegelt, fließt sie ein in den Strom aller Ehen
und beschwert die Institution insgesamt mit ihren Lektionen.
Eines kann ich allerdings mit absoluter Sicherheit sagen:
Von allem, was man auf diesem Planeten tun und lassen
kann, haben ich und mein Mann uns einen höllischen Zeitvertreib
ausgesucht. Müssten wir unser Leben noch einmal
leben, würde, fürchte ich, wieder dasselbe passieren. Hätten
wir uns rechtzeitig ändern können, um noch etwas zu retten,
hätten wir es wahrscheinlich längst getan.
Bill und ich lernten uns am College kennen, als wir beide
19 waren, und wir heirateten acht Jahre später. Unsere Ehe
war kaum ein Jahr alt, und wir hatten gerade unser erstes
gemeinsames Haus in Pennsylvania bezogen, als ich Tommy
kennenlernte. Als ich Bill heiratete, war ich absolut naiv. Ich
nahm einfach an, die natürliche Anziehungskraft und die
Ehegesetze – von meiner Liebe zu meinem Mann ganz abgesehen
– würden schon verhindern, dass ich mich zu einem
anderen hingezogen fühlen könnte. Darin hatte ich mich
getäuscht.
Bis zu diesem Punkt war ich in genau zwei Männer verliebt
gewesen: einmal in Tim, meinen Highschool-Freund,
eine süße Beziehung, die ich in mein erstes Collegejahr mitnahm,
und dann in Bill, der 1987 mein Ehemann wurde. Verliebt,
wie ich war, interessierten mich andere Männer nicht.
Alle Anziehung, alle Triebe, alle Zukunftshoffnungen konzentrierten
sich auf diesen einen Mann. Sie schienen eine effektiv
demilitarisierte Zone zwischen mir und jedweder Versuchung
zu bilden, und so ist es auch. Sie hält die Feinde der Ehe auf
Distanz. Aber diese Barrieren werden mit den Jahren aufgeweicht,
ohne dass eine Sirene losgeht und Alarm gibt. Ihre
Halbwertzeit verstreicht lautlos. Darum brachte es mich völlig
aus dem Gleichgewicht, als ich Tommy traf und mich so
unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlte, dass die Tatsache,
dass ich verheiratet war, plötzlich Nebensache wurde.
Wie alles andere hat auch Untreue eine eigene Lernkurve.
Wenn man will, kann man Experte darin werden. Dann achtet
man schon auf erste Anzeichen von Schwäche und kann
sich entscheiden, ihr entweder nachzugeben oder zu widerstehen,
je nach moralischem Standpunkt. Aber es war noch
in den Anfängen meiner Ehe. Niemand in meinem engeren
Umfeld hatte je etwas dergleichen erlebt. Es gab keinen ver-
lässlichen Verbündeten, den man fragen konnte: »Was zum
Teufel ist das für ein Gefühl, und wie komme ich dazu?« Für
die Versuchung, die so abrupt und unabweisbar in mein Leben
hereinplatzte, hatte ich keine Gebrauchsanweisung.
Tommy war der bildschöne Zwillingsbruder des Verlobten
meiner Freundin Sarah. Sarahs Schwager in spe. Wir trafen
uns in einem Pub in Brandywine, Pennsylvania, im Gedränge
der Menschen, die zusammengekommen waren, um das Paar
zu feiern. Ich weiß noch, als mir Sarahs Verlobter vorgestellt
wurde, dachte ich nur: »Oh, wow, ein Errol-Flynn-Double.«
Dann lernte ich seinen Zwillingsbruder kennen und dachte:
»Wow, noch ein Errol-Flynn-Double. Und das hier ist sogar
zu haben.« Tommy hatte ein verflixtes strahlend weißes
Lächeln, das eine unmissverständliche Botschaft aussandte.
Es sagte: »Ich will dich mit zu mir nehmen.« Es sagte: »Vergiss
deinen Ehemann und komm mit mir.« Es sagte: »Von
allen Menschen in dieser Stadt habe ich dich ausgesucht.« Ich
überließ mich mit Haut und Haar diesem Szenario und diesem
Mann. Wir endeten an diesem Abend auf irgendeinem
Stück Wiese, abgefüllt mit Wodka und wild darauf, einander
an die Wäsche zu gehen.
Bill war damals fast ununterbrochen auf Reisen. Russland,
China, London, das hieß, man war wochenlang allein
und unbeaufsichtigt. Das galt für uns beide. In den Tagen vor
der Allgegenwart des Handys war Unerreichbarkeit eine probate
Ausrede. Ich war oft in Tommys Wohnung. Ich war nicht
erreichbar. Ich hätte mich auf unser neues Haus konzentrieren
sollen, auf unseren neuen Hund, Rogue, der immer wieder
die Nachbarn biss. Die Anfänge unseres Familienlebens
hätten von goldigem jungem Glück bestimmt sein sollen –
wohin stellen wir die Butterdose, mit wie vielen Kopfkissen
schläfst du, wozu brauchst du sechs Deoroller? –, doch meine
Affäre desavouierte das alles. Die ersten Jahre unserer Ehe
krankten an einem Virus, das ich eingeschleppt hatte.

Über Wendy Plump

Biografie

Wendy Plump schreibt seit über 20 Jahren für verschiedene Zeitschriften und Magazine, u. a. The New York Times, The Los Angeles Times, The Philadelphia Inquirer, Princeton Living Magazine, Princeton Magazine. Sie hat zwei Söhne und lebt in New Hope, Pennsylvania.

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