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Träum was BösesTräum was Böses

Träum was Böses

Thriller

Taschenbuch
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Träum was Böses — Inhalt

Böse Träume, so heißt es, sind der Schlüssel zu deinen geheimsten Ängsten. Doch was, wenn dein schlimmster Albtraum Realität wird? Wenn dir das Wichtigste in deinem Leben, deine eigene Tochter, genommen wird? Alles, was dir bleibt, ist ihr letzter Tagebucheintrag, der dir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und die leise Ahnung, dass du auf der Suche nach der Wahrheit niemandem mehr trauen kannst. Nicht mal dir selbst.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 13.07.2015
Übersetzt von: Frauke Brodd
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30380-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.07.2015
Übersetzt von: Frauke Brodd
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97030-3

Leseprobe zu »Träum was Böses«


KAPITEL 1

 

22. April 2012

Koma. Das Wort selbst klingt so harmlos, beinahe tröstlich, wie es dieses märchenhafte Bild vom traumlosen Schlaf heraufbeschwört. Nur dass Charlotte für mich nicht so aussieht, als schlafe sie. Ihren geschlossenen Augenlidern fehlt jene sanfte Schwere. Ihre geballten Fäuste drücken sich nicht an die Schläfen. Aus ihren ganz leicht geöffneten Lippen entweicht kein warmer Atem. Die Stellung, in der sie daliegt, lang ausgestreckt auf einem Bett ohne Zudecke, mit einer durchsichtigen Trachealkanüle, die sich mitsamt Schlauch aus [...]

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KAPITEL 1

 

22. April 2012

Koma. Das Wort selbst klingt so harmlos, beinahe tröstlich, wie es dieses märchenhafte Bild vom traumlosen Schlaf heraufbeschwört. Nur dass Charlotte für mich nicht so aussieht, als schlafe sie. Ihren geschlossenen Augenlidern fehlt jene sanfte Schwere. Ihre geballten Fäuste drücken sich nicht an die Schläfen. Aus ihren ganz leicht geöffneten Lippen entweicht kein warmer Atem. Die Stellung, in der sie daliegt, lang ausgestreckt auf einem Bett ohne Zudecke, mit einer durchsichtigen Trachealkanüle, die sich mitsamt Schlauch aus ihrem Hals schlängelt, den Brustkorb übersät mit den bunten Punkten der Elektroden, hat überhaupt nichts Friedliches an sich.
Der Herzmonitor in der hinteren Ecke des Zimmers piep-piep-piept und zergliedert die Zeit wie ein medizinisches Metronom. Ich schließe die Augen. Wenn ich mich stark genug konzentriere, kann ich diesen unnatürlichen Piepton in das beruhigende Tick-tack-tick-tack-tick-tack der Standuhr in unserem Wohnzimmer verwandeln. Fünfzehn Jahre fallen augenblicklich von mir ab, und ich bin wieder achtundzwanzig und habe Charlotte als Säugling auf dem Arm. Ihr schlummerndes Gesicht schmiegt sich an meinen Hals, und ihr winziges Herz schlägt schneller als meins, sogar im Schlaf. Damals war es so viel einfacher, für ihre Sicherheit zu sorgen.
„Sue?“ Eine Hand legt sich schwer auf meine Schulter, zerrt mich zurück in das nackte Krankenzimmer, und meine Arme sind wieder leer, bis auf die Handtasche, die ich an die Brust presse. „Möchtest du einen Becher Tee?“
Ich schüttle den Kopf, ändere aber sogleich meine Meinung. „Eigentlich schon, ja. Sehr gern.“ Ich öffne die Augen. „Weißt du, was noch toll wäre?“
Jetzt schüttelt Brian den Kopf.
„Eins von diesen köstlichen Rosinenbrötchen, die es bei Marks & Spencer gibt.“
Mein Ehemann sieht mich verwirrt an. „Ich glaube nicht, dass die unten in der Kantine verkauft werden.“
„Ach so.“ Ich blicke ins Leere, tue so, als wäre ich enttäuscht, und hasse mich im gleichen Moment dafür. Manipulieren zählt eigentlich nicht zu meinen Charaktereigenschaften. Zumindest glaube ich, dass es so ist. Aber da gibt es so vieles, worüber ich mir nicht mehr sicher bin.
„Schon gut.“ Da ist wieder diese Hand. Und diesmal gehört ein beruhigendes Drücken meiner Schulter zu ihrem Repertoire. „Ich fahre schnell in die Stadt.“ Er lächelt Charlotte an. „Es macht dir doch nichts aus, wenn ich dich ein bisschen mit Mummy allein lasse, oder?“
Falls unsere Tochter die Frage gehört hat, lässt sie sich nichts anmerken. Ich antworte für sie und ringe mir ein Lächeln ab.
„Es geht ihr gut“, sage ich.
Brian sieht mich an, dann schweift sein Blick zu Charlotte und schließlich wieder zu mir. Der Ausdruck auf seinem Gesicht ist unverkennbar - der gleiche, der mir seit sechs Wochen ins Gesicht gemeißelt ist, sobald ich von Charlottes Seite weichen muss. Diese furchtbare Angst, dass sie vielleicht in der Sekunde stirbt, wenn wir das Krankenzimmer verlassen.
„Es geht ihr gut“, wiederhole ich, diesmal in sanfterem Ton. „Ich bleibe hier.“
Brians körperliche Anspannung lässt nach, nur ein winziges bisschen, und er nickt. „Bin gleich wieder da.“
Ich beobachte ihn, wie er den Raum durchquert und beim Hinausgehen die Tür vorsichtig mit einem Klacken schließt. Dann lockere ich den Griff um die Handtasche vor meiner Brust und lege sie in den Schoß. Eine gefühlte Ewigkeit lang starre ich zur Tür. Brian verließ das Haus noch nie, ohne kurz darauf wieder hereinzustürmen, um sich seine Schlüssel, sein Handy oder die Sonnenbrille zu schnappen oder um mich ganz schnell noch etwas zu fragen. Als ich mir sicher bin, dass er weg ist, wende ich mich wieder Charlotte zu. Ich hoffe auf ein leichtes Flattern ihrer Augenlider, auf ein Zucken ihrer Finger – auf irgendein Zeichen, dass sie versteht, was ich gleich sagen werde. Aber nichts hat sich verändert. Sie schläft noch immer. Die Ärzte machen keine Aussage, wann oder ob Charlotte überhaupt jemals wieder aufwachen wird. Man hat mit ihr eine ganze Reihe von Tests durchgeführt – Computer- und Magnetresonanztomografien, das volle Programm. Und es stehen noch weitere aus. Ihre Gehirnfunktion scheint normal zu sein. Aus medizinischer Sicht gibt es keinen Grund, warum sie nicht zu Bewusstsein kommen sollte.
„Liebes.“ Ich hole Charlottes Tagebuch aus meiner Handtasche und schlage es ungeschickt auf der Seite auf, die ich bereits auswendig kenne. „Bitte, sei nicht wütend auf mich, aber ...“, ich blicke kurz auf sie hinab, um ihren Gesichtsausdruck zu überprüfen, „... gestern habe ich beim Aufräumen in deinem Zimmer dein Tagebuch gefunden.“
Nichts. Kein Geräusch, kein Flattern, kein Zucken oder Zwinkern. Und der Herzmonitor macht mit seinem Piep-Piep-Piepen weiter. Natürlich ist es gelogen, das Geständnis, wann ich ihr Tagebuch angeblich gefunden habe. Ich habe es schon vor Jahren entdeckt, beim Wechseln der Bettwäsche. Sie hatte es unter ihrer Matratze versteckt, an der gleichen Stelle wie ich vor Jahrzehnten mein eigenes Teenager-Tagebuch. Damals habe ich es aber nicht gelesen, es gab keinen Grund dafür. Gestern schon.
„In deinem letzten Eintrag“, sage ich und unterbreche mich, um mir über die Lippen zu lecken, denn mein Mund ist plötzlich ganz trocken, „erwähnst du ein Geheimnis.“
Charlotte schweigt.
„Du schreibst, dass es dich umbringt, dieses Geheimnis bewahren zu müssen.“
Piep-piep-piep.
„Bist du deshalb ...“
Piep-piep-piep.
„... vor den Bus gelaufen?“
Immer noch nichts.
Brian nennt den Vorfall einen Unfall und hat die unterschiedlichsten Theorien entwickelt, um seine Meinung zu untermauern: Sie hat auf der anderen Straßenseite eine Freundin entdeckt und nicht in beide Richtungen geschaut, bevor sie quer über die Straße gerannt ist. Sie hat versucht, einem verletzten Tier zu helfen, sie ist gestolpert, als sie gerade eine SMS schreiben wollte, oder vielleicht war sie nur in ihrer eigenen Welt versunken und hat nicht aufgepasst, wo sie hinlief.
Klingt alles plausibel. Abgesehen von der Tatsache, dass der Busfahrer bei der Polizei aussagte, sie habe ihm unverwandt in die Augen gesehen und dann in voller Absicht einen Schritt auf die Straße getan, genau vor seinen Bus. Brian glaubt, dass der Mann lügt und sich nur absichern will, weil er nach einer Verurteilung wegen riskanten Fahrens seinen Job verlieren würde. Ich glaube das nicht.
„Charlotte.“ Ich rutsche mit meinem Stuhl näher ans Bett, bis er dagegenstößt, und nehme ihre Hand in meine. „Was immer du sagst oder tust - ich werde dich immer lieben. Du kannst mir alles erzählen. Wirklich alles.“
Charlotte sagt nichts.
„Es ist völlig gleichgültig, ob es um dich geht, um einen deiner Freunde, um mich oder um deinen Dad.“ Ich warte einen Moment. „Hat das Geheimnis etwas mit deinem Dad zu tun? Wenn ja, dann drück meine Hand!“
Ich halte die Luft an und bete, dass sie es nicht tut.

 

 

KAPITEL 2

 

Charlotte hat meine Hand nicht gedrückt, als ich sie gefragt habe, ob ihr Geheimnis im Zusammenhang mit ihrem Vater steht. Sie hat nicht einmal gezuckt. Wie konnte ich nur glauben und mir ausmalen, sie würde reagieren? Wie konnte ich ihr diese Frage überhaupt stellen? Natürlich weiß ich, warum ich darauf gekommen bin. Ich folge einem Gefühl, dem Gefühl, dass mein Mann mich betrügt, wieder einmal.
Vor sechs Jahren beging Brian einen Fehler – einen Fehler, der um ein Haar nicht nur unsere Ehe zerstört hätte, sondern auch seine Karriere. Er hatte eine Affäre mit einer dreiundzwanzigjährigen Parlamentspraktikantin. Ich habe getobt, gebrüllt und gewütet. Zweimal habe ich bei meiner Freundin Jane übernachtet und wäre auch länger weggeblieben, aber ich wollte nicht, dass Charlotte darunter leidet. Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann habe ich ihm verziehen. Warum? Weil die Affäre kurz nach einer meiner Episoden begann, weil mir meine Familie wichtiger ist als alles andere auf der Welt und weil Brian, auch wenn er viele Fehler hat, ein herzensguter Mensch ist.
Ein herzensguter Mensch – das klingt nach einer sehr gekünstelten Begründung, einem Mann seine Untreue zu verzeihen, oder? Vielleicht ist es so. Aber einem Leben mit einem bösartigen Menschen ist eine solche Ehe allemal vorzuziehen.
Zu Hause öffne ich schwungvoll die Tür zu Brians Büro und gehe auf seinen Schreibtisch zu. In dem Moment habe ich das Gefühl, dass ich eine Grenze überschreite. Ich wasche die Kleidung meines Mannes, ich bügele sie, aber sein Büro steht für seine Karriere – es ist Teil einer Welt, die er von seinem Familienleben fernhält. Brian ist Mitglied des Parlaments. Dies laut auszusprechen macht mich unglaublich stolz, aber so war es nicht immer. Vor siebzehn Jahren irritierte es mich, wenn er über den Tory-Abschaum schimpfte, über Klassenunterschiede und ein gescheitertes Gesundheitssystem. Doch Brian war nicht der Typ, der an der Seitenlinie der Gesellschaft stand und jammerte. Als wir nach unserer spontanen Barfußhochzeit an einem Strand auf Rhodos nach England zurückkehrten, hatte er sich entschieden. Wir würden nach Brighton ziehen, und er würde ein neues Geschäft aufziehen – er hatte die Vorahnung, dass Recycling ein großes Thema werden würde. Und dann, sobald er es zum Laufen gebracht hätte und die Firma Gewinn abwerfen würde, dann würde er sich um einen Sitz im Parlament bewerben. Er hatte zwar nur einen Mittelschulabschluss in Wirtschaftskunde, aber er wusste, er würde es schaffen. Und so war es auch.
Ich habe nie aufgehört, an ihn zu glauben, und in vielerlei Hinsicht tue ich das wirklich immer noch, aber ich erstarre nicht mehr in Ehrfurcht vor ihm. Ich liebe Brian, aber ich erkenne nur allzu gut, wie eitel und ohne inneren Halt ihn seine Karrierewahl gemacht hat. Schmeicheleien tragen das ihre dazu bei, wenn man auf die Mitte vierzig zugeht, hundert Kilo wiegt und eine Glatze bekommt. Vor allem, wenn die Person, die dir schöne Augen macht, jung und ehrgeizig ist und für dich arbeitet. Brian hat sich seit Charlottes Unfall verändert. Wir beide haben uns verändert, aber auf unterschiedliche Art und Weise. Statt dass uns der Zustand unserer Tochter zusammenschweißt, treibt er uns voneinander weg, und der Abstand zwischen uns wird immer größer. Wenn Brian wieder eine Affäre hat, werde ich ihm nicht verzeihen.
Ich gehe einen weiteren Schritt auf den Schreibtisch meines Mannes zu, und meine Finger streichen über einen Silberrahmen mit einer Schwarz-Weiß-Fotografie: Charlotte und ich an einem Strand auf Mallorca, am ersten Ferientag.
Im Gang knarrt eine Holzdiele, ich ziehe meinen Finger ruckartig von dem Foto weg und seufze. Wann wurde ich so neurotisch, dass ich bei jedem Knarren und Ächzen eines zweihundert Jahre alten Hauses vor Angst erstarre?
Ich blicke zurück zum Schreibtisch, einem wuchtigen Teil aus Mahagoniholz mit drei Schubladen auf der linken Seite, drei auf der rechten und einer langen, schmalen Schublade in der Mitte. Ich ziehe an dem Messinggriff und öffne sie ganz langsam. Wieder knarrt eine Diele, aber ich achte nicht auf das Geräusch, obwohl es diesmal näher klingt als vorher. In der Schublade liegt etwas, etwas Handgeschriebenes, eine Karte oder vielleicht ein Brief. Vorsichtig strecke ich die Hand danach aus, um die Büroklammern und Gummiringe, die auf beiden Seiten kleine Haufen bilden, nicht in Unordnung zu bringen …
„Sue?“, fragt eine männliche Stimme ziemlich dicht hinter mir. „Was suchst du da?“

 

 


KAPITEL 3

„Wie bitte?“ Meine Hand zuckt vom Schubladengriff zurück, ich fahre herum und blicke meinem Ankläger ins Auge. „Ich habe nichts getan. Ich war nur auf der Suche nach …„
„Ertappt!“ Der hochgewachsene junge Mann mit dem kastanienbraunen Haar, der im Türrahmen steht, deutet laut lachend mit dem Finger auf mich. „Du solltest an der Olympiade teilnehmen, Sue. Ich habe noch nie jemanden so hoch springen sehen.“
„Oli! Du hast mich halb zu Tode erschreckt.“
Mein Stiefsohn muss wieder lachen, und sein sommersprossiges Gesicht strahlt vor Erheiterung. „Tut mir leid, aber da konnte ich nicht widerstehen.“
Ich ringe mir ein Lächeln ab, aber hinter meinem Rücken zittern meine Hände wie Espenlaub. „Solltest du nicht an der Uni sein?“
„War ich. Bin ich. Irgendwie.“ Er schiebt seinen Rucksack zurecht, der über einer Schulter hängt, und lächelt. „Exkursion nach Southampton. Ich dachte, ich schau auf dem Weg mal vorbei, um Dad zu besuchen.“ Er sieht sich im Arbeitszimmer um. „Hab ihn verpasst, stimmt’s?“
„Ungefähr um zwanzig Minuten. Er ist heute in London.“
„Mist.“ Er lässt den Blick noch einmal durchs Zimmer schweifen, vielleicht hofft er, Brian könne sich wie durch ein Wunder materialisieren. Dann mustert er mich und runzelt die Stirn. „Alles in Ordnung bei dir, Sue? Du siehst aus, als wärst du einem Gespenst begegnet.“
„Alles bestens.“ Ich schließe die Schublade mit einem Stoß und durchquere den Raum. „Ehrlich.“
Oli betrachtet mein Gesicht und versucht in meiner Miene zu lesen, während ich auf ihn zugehe. „Wie geht es Charlotte?“
Ich seufze und falle völlig erschöpft in mich zusammen. Während der Wühlerei in Brians Sachen war ich so aufgeputscht von Adrenalin, dass ich mich nun völlig ausgelaugt fühle.
„Sie ist ...“ Ich würde ihm so gern die Wahrheit sagen – dass es Charlotte nicht anders geht als gestern oder vorgestern oder vorvorgestern, aber er scheint sich solche Sorgen zu machen, dass ich ihn anlüge. Seine Abschlussprüfungen stehen an, und er hat so intensiv dafür gelernt. „Sie sieht ein bisschen besser aus. Gestern hatte sie mehr Farbe im Gesicht.“
„Wirklich?“ Wieder breitet sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus. „Das ist gut, oder?“
„Es ist ... ein Schritt nach vorn.“
Oli sieht auf die Uhr. „So ein Mist! Ich habe nicht auf die Zeit geachtet und muss gleich los. Bei meiner nächsten Stippvisite besuche ich Charlotte.“ Ein Schatten zieht über sein Gesicht. „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr für sie da sein kann. Aber momentan ist mein Leben wirklich …„
„Ich weiß.“ Beruhigend lege ich ihm eine Hand auf den Arm. „Du hast viel um die Ohren. Im Augenblick kannst du nichts Besseres tun, als dein Studium zu stemmen und uns alle stolz zu machen.“
In freundschaftlichem Schweigen verbunden, steigen wir gemeinsam die Treppe hinunter und gehen den Flur entlang in die Küche. Dort klopft Milly, unser haariger Houdini, laut mit dem Schwanz auf den Boden und wartet auf uns. Ich recke mich, um Oli zum Abschied in die Arme zu schließen.
„Ich sage deinem Dad, dass du vorbeigeschaut hast“, murmele ich in Höhe seiner Armbeuge.
„Cool.“ Er küsst mich auf den Scheitel, beugt sich zu Milly hinunter und krault sie hinter den Ohren. „Sei ein braves Mädchen, Miss Moo!“


Lange nachdem Olis roter Mini aus der Einfahrt gebogen und die Straße entlang verschwunden ist, stehe ich immer noch am Küchenfenster und starre in den Vorgarten. Durch unser kurzes Gespräch im Arbeitszimmer habe ich meinen Kopf frei bekommen und fühle mich plötzlich ziemlich albern mit meiner Wühlerei in Brians Taschen. Außer einer gewissen Distanz seinerseits mir gegenüber und einem diffusen Gefühl meinerseits habe ich keine Veranlassung zu der Annahme, dass er mich möglicherweise betrügt. Natürlich hat Charlottes Unfall das Kräftespiel in unserer Ehe verändert – wie könnte es anders sein bei einem so furchtbaren Ereignis? Man sagt, dass die Katze das Mausen nicht lässt, aber Brian war am Boden zerstört, als ich das mit der Affäre herausbekam. Er weinte und sagte, er sei „nicht besser als der Kerl, mit dem du vor mir zusammen warst“, und schwor, mir nie wieder wehzutun. Und ich habe ihm geglaubt.
Das schrille Klingeln eines Telefons reißt mich aus meinen Gedanken. Noch bevor ich mir klar darüber bin, habe ich Milly wieder im Eingangsbereich eingesperrt und bin mit Riesenschritten auf der Treppe nach oben unterwegs. Brians privater Festnetzanschluss klingelt selten und nur dann, wenn der Anruf wirklich wichtig ist.
„Hallo?“ Ich ringe nach Luft, nachdem ich durchs Arbeitszimmer gerast bin und den Hörer abgenommen habe.
„Missis Jackson?“ Ich erkenne die Stimme sofort: Es ist Mark Harris, Brians persönlicher Referent.
„Am Apparat.“
„Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber ich möchte gern Ihren Mann sprechen. Ich hätte Sie nicht angerufen, aber sein Handy ist ausgeschaltet.“
„Brian?“ Ich runzele die Stirn. „Er ist auf dem Weg ins Büro.“
„Sind Sie sicher?“ Es klingt, als würde etwas zuschnappen. Ich höre, wie Papier herumgeschoben wird, dann ein weiteres Schnappen. „In seinem Kalender steht, dass er vor heute Nachmittag nicht hier sein wird.“
„Dann muss der Eintrag im Kalender falsch sein ...“ Ich schlucke mühsam, plötzlich ist meine Kehle ganz trocken. Es gibt sicherlich eine logische Erklärung für die Tatsache, dass mein Mann mir eine Version und seinem persönlichen Referenten eine andere erzählt hat. „Als Brian heute Morgen das Haus verließ, sagte er laut und deutlich, er wolle ins Büro fahren.“
„Oh.“ Mark schwieg für einen Moment. „Hat man ihm früher aufgemacht?“
„Wie meinen Sie das?“
„Im Krankenhaus. Er erwähnte gestern, er würde heute Morgen Charlotte besuchen. Ich dachte, das sei der Grund, warum er erst nachmittags im Büro sein kann.“
Ich sinke in Brians schwarzem Ledersessel zusammen und kann den Hörer kaum noch halten.
Gestern Abend hat uns der Facharzt im Krankenhaus darauf hingewiesen, dass man am Morgen weitere Tests mit Charlotte durchführen werde und wir sie deshalb frühestens am Nachmittag besuchen könnten. Es tat ihm sehr leid, dass morgens keine Besuche möglich waren.
„Missis Jackson?“ Marks Stimme klingt so schwach, als wäre sie Millionen von Kilometern entfernt. „Missis Jackson, ist alles in Ordnung?“

 


KAPITEL 4

Als Brian nach Hause kommt, sitze ich mit einem Buch in der Hand auf dem Sofa, ein Glas Wein auf dem Couchtisch und die Füße unter dem Po. Es ist das übliche Bild, das sonst immer signalisiert, wie glücklich und entspannt Sue ist. Aber ich bin bei meinem dritten Glas Wein, und den letzten Absatz habe ich mindestens siebenmal gelesen.
„Hallo, Liebling.“ Mein Mann streckt den Kopf zur Wohnzimmertür herein und winkt mir auf die gleiche lockere Art und Weise wie sein Sohn zwölf Stunden zuvor.
Ich nicke ihm lächelnd zu, aber mein Körper steht unter Strom. Nicht die Vorstellung, dass er wieder eine Affäre hat, zehrt an mir, sondern die Tatsache, dass er den Unfall unserer Tochter benutzt, um Spuren zu verwischen. Ich quäle mich schon den ganzen Tag – durchforstete meinen Kalender und den in Brians Arbeitszimmer (in der Schublade entdeckte ich nichts als einen Notizblock mit seinem Namen), immer auf der Suche nach einem Hinweis, der meinen Verdacht stützt oder auch verwirft. Aber ich habe nichts gefunden. Hätte es das morgendliche Telefonat mit Mark nicht gegeben, hätte ich nicht mal den Hauch eines Beweises.
„Alles in Ordnung bei dir?“ Brian hebt eine Hand, als er mit Milly an seiner Seite zurück ins Wohnzimmer kommt. Als er vor dem Sofa steht, haucht er mir sanft einen Kuss auf die Lippen und setzt sich. „Wie war dein Tag?“
„Ganz gut.“
Er nimmt Platz, zieht ein Kissen hinter seinem Rücken hervor und wirft es auf den Sessel, lehnt sich seufzend zurück und sieht mich an. „Ach ja?“
„Oli kam heute Morgen auf einen Sprung vorbei.“
„Habe ich ihn schon wieder verpasst?“ Er wirkt aufrichtig enttäuscht. „Was wollte er?“
„Nichts Besonderes. Er war auf dem Weg nach Southampton, zu einer Exkursion. Ich glaube, er kommt auf dem Rückweg noch mal vorbei.“
„Gut.“
Ich rutsche vor, um mein Buch auf den Couchtisch zu legen, und verberge kurz mein Gesicht vor meinem Mann. Ich bin mir sicher, dass er meinen angespannten Gesichtsausdruck längst bemerkt hat. Mein Versuch, normal auszusehen, obwohl alles in mir nur schreien will, kostet mich viel Kraft, aber ich darf nicht ausrasten. Nichts dient Charlotte weniger, als dass ich wieder eine meiner Episoden durchmache. Ich muss ruhig bleiben. Logisch denken. Eine Lüge ist noch kein Seitensprung. Ich brauche weitere Beweise.
„Wirklich alles in Ordnung bei dir?“ Brian klingt besorgt.
„Klar.“ Ich rutsche wieder zurück. „Wie war’s im Büro?“
„Puh.“ Er stöhnt und fährt sich mit einer Hand durchs Haar. Früher war es leuchtend kastanienbraun wie das von Oli. Mittlerweile ist der schüttere Rest zu neunzig Prozent grau. „Grässlich.“
„Wie war die Zugfahrt?“
Er wirft mir einen forschenden Blick zu. Gewöhnlich interessiere ich mich nicht sonderlich für Einzelheiten seines Pendlerdaseins. „Wie immer.“ Dann lehnt er sich vor und tätschelt eins meiner Knie. „Bist du okay, Liebes? Du wirkst ein bisschen ... angespannt.“
Meine Finger sind ineinander verknotet. Habe ich etwa während unseres Gesprächs die ganze Zeit herumgenestelt? Erstaunlich, wie viele kleine Botschaften ein Körper so preisgibt. Ich blicke von meinen Händen hoch zu meinem Mann. Seine Körpersprache verrät nichts Ungewöhnliches. Er sieht so entspannt und ausgeglichen aus wie immer.
„Warum hast du mich belogen, Brian?“ So viel zu meinem Vorsatz, ruhig zu bleiben und logisch zu denken.
Ihm steht der Mund offen, und er blinzelt. „Wie bitte?“
„Du hast behauptet, ins Büro zu fahren.“
„Wann?“
„Heute Morgen. Du warst nicht im Büro, stimmt’s?“
„Doch, war ich.“
„Das ist aber merkwürdig. Mark sagt, du warst nicht dort.“
„Mark?“ Brian entfernt blitzschnell seine Hand von meinem Knie. „Warum rufst du meinen persönlichen Referenten an?“
„Hab ich nicht“, sage ich. „Er hat mich angerufen.“
„Warum?“
„Er sagte, er müsse etwas Wichtiges mit dir besprechen. Hat er das nicht erwähnt, als du nachmittags im Büro warst? Falls du dort warst.“
„Natürlich war ich dort. Und ja …“ Er dreht sich so, dass er mir genau gegenübersitzt. „Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hatte er tatsächlich etwas ziemlich Wichtiges mit mir zu besprechen.“
„Toll.“ Ich halte seinem Blick stand. „Also, wo warst du dann heute Morgen, Brian?“
Einige Sekunden lang sagt mein Mann kein Wort, stattdessen fährt er sich mit einer Hand über das Gesicht und atmet ein paarmal tief ein und aus. Ich frage mich, ob er sich fassen will und seine Augen vor mir verbirgt, damit ich die Lügen nicht wahrnehme, die er sich gerade ausdenkt, jetzt, da ich ihn damit konfrontiert habe.
„Ich ...“ Er sieht mich an, und auf seiner Stirn bildet sich eine tiefe Falte. „Ich wollte Charlotte besuchen.“
„Wolltest du nicht, denn wir waren beide dabei, als der Facharzt sagte …„
„Sue.“ Er hält eine Hand wie ein Stoppzeichen hoch, und ich beiße mir auf die Zunge. „Ich hatte den Besuch bei Charlotte heute Morgen eingeplant, schon seit Tagen. Ich weiß, dass du es nicht erträgst, wenn sie alleine ist, also wollte ich dich überraschen und dir vorschlagen, in die Stadt zu fahren - zu einer Maniküre oder einem Friseurbesuch oder für ein neues Kleid, irgendwas –, während ich bei ihr bleibe. Dann informierte uns der Facharzt gestern Abend über die Tests, und das hat meine Pläne ziemlich über den Haufen geworfen. Also ...“
„Also?“ Ich rede so laut, dass Milly den Kopf vom Teppich hebt und mich ansieht.
„Also bin ich in die Stadt gegangen. Ich war in der Bücherei, im Schwimmbad und ein bisschen shoppen. Ich habe mir ...“. Er windet sich. „Ich glaube, man nennt es Zeit für mich selbst gegönnt.“
„Du hast dir also den Vormittag freigenommen, um mir ... ein bisschen Zeit für mich selbst ... zu geben. Und als der Facharzt sagte, dass wir Charlotte heute Morgen nicht besuchen können, hast du beschlossen, stattdessen dir ... ein bisschen Zeit für dich selbst ... zu gönnen?“
Sichtlich unwohl, zuckt er mit den Achseln. „Ja.“
„Warum hast du mir nichts davon gesagt?“
„Wann?“
„Gerade eben, als du nach Hause gekommen bist. Warum hast du nichts davon gesagt?“
„Himmelherrgott noch mal, Sue!“ Brian sinkt in sich zusammen, beugt sich vor und vergräbt den Kopf in beiden Händen. „Eine solche Szene kann ich jetzt nicht gebrauchen. Wirklich nicht.“
„Aber ...“ Ich bringe es nicht über mich, den Satz zu beenden. Die ganze Situation kommt mir plötzlich irgendwie lächerlich vor, und ich bin mir nicht sicher, warum ich die Diskussion vorantreibe. Brian wollte mir etwas Gutes tun, und sein Plan ist ins Wasser gefallen, also hat er sich selbst ein bisschen freie Zeit gegönnt. Das ist absolut nachvollziehbar. Er hat mir nichts davon erzählt, als er zur Tür hereinkam - und wenn schon! Ich bin nicht seine Aufseherin, er muss mir nicht über jeden seiner Schritte Rechenschaft ablegen. Das würde ich niemals von ihm verlangen - nicht nach allem, was mein Exfreund James mir angetan hat.
Ich blicke auf dieses müde Häufchen Elend in der anderen Ecke des Sofas. Er sah so frisch, so optimistisch aus, als er vor zehn Minuten nach Hause kam. Jetzt wirkt er um zehn Jahre gealtert.
„Es tut mir leid.“ Ich strecke eine Hand aus und lege sie auf seine Schulter.
Brian reagiert nicht.
„Es tut mir leid“, wiederhole ich.
Die Standuhr in der Ecke des Zimmer tick-tackt die Minuten weg.
„Brian“, sage ich leise, „bitte, sieh mich an!“
Nach einer Ewigkeit löst er die Finger von seinem Gesicht und blickt zu mir auf. „Ich möchte mich nicht streiten, Sue, nicht nach allem, was passiert ist.“
„Ich auch nicht.“
Ich drücke seine Schulter, und er hebt schließlich eine Hand und legt sie auf meine. Die Wärme seiner Handfläche auf meiner Haut hat sofort eine beruhigende Wirkung, und ich atme tief durch.
„Alles wieder gut?“, fragt Brian und sucht Augenkontakt.
Ich will gerade nicken, ihn an mich ziehen und umarmen, mich einfach nur in seinem warmen, moschusartigen Geruch verlieren, als mir ein Gedanke durch den Kopf schießt.
„War viel los im Schwimmbad?“, frage ich. „Als du dort warst?“
Brian ist erst überrascht, lächelt aber den Bruchteil einer Sekunde später schon wieder. „Gerammelt voll. Überall diese verflixten Gören. Sind wohl gerade Ferien. Das war nicht anders zu erwarten.“
Ich weiß nicht, was du erwartet hast, denke ich, als er mich in die Arme nimmt und an sich zieht. Aber ich hätte erwartet, dass es verdammt noch mal ziemlich leer wäre – in Anbetracht der Tatsache, dass das Schwimmbad vor zwei Wochen wegen Renovierungsarbeiten geschlossen wurde …

 

C.L. Taylor

Über C.L. Taylor

Biografie

C.L. Taylor wurde in Worcester geboren und studierte Psychologie an der Northumbria University. Anschließend arbeitete sie als Grafikdesignerin und Web-Entwicklerin, bis sie vor Kurzem ihre Jobs an den Nagel hängte, um sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Mit ihren Kurzgeschichten gewann...

Pressestimmen

Dolomiten Tagblatt der Südtiroler

»Das Buch bietet subtiles Grauen, ohne blutrünstig zu werden«

booksection.de

»›Träum was Böses‹ ist einer dieser bitterbösen, atemberaubenden Thriller, die für ein völliges Abtauchen aus der Realität sorgen«

HR1

»›Träum was Böses‹ ist ein packender Thriller – ganz ähnlich wie Gone Girl von Gillian Flynn. (...) Haben Sie keine Angst vor einer schlaflosen Nacht – das Adrenalin und die Neugierde werden Sie wach halten!«

Kommentare zum Buch

"Ich habe viel Schlimmes angestellt. Aber nicht so Schlimmes, wie ich es mit dir anstellen werde."
R_Manthey / LovelyBooks am 16.10.2015

C. L. Taylors Debüt fesselt immer mehr, wenn man das anfangs scheinbare Durcheinander der verschiedenen Handlungs- und Zeitebenen erst einmal für sich sortiert hat. Da Sue eine gewöhnliche Frau ohne brillante Ideen oder Heldenambitionen verkörpert, die einfach nur wissen will, was mit ihrem Kind geschah, kann sich jeder in ihre Lage versetzen und so das Drama miterleben und mitfühlen, dessen Spannungsbogen bis fast zur letzten Seite hochgehalten wird. Ein erstaunliches Buch, das nicht nur unterhält, sondern auch die Sinne schärft, denn Psychopathen sind weniger selten als mancher vielleicht glaubt. Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

Die Geister der Vergangenheit ...
Navi_M_Gray / LovelyBooks am 13.10.2015

C. L. Taylor hat einen packenden Thriller verfasst, der einen einfach mitreisst. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen will. Obschon man schnell meint, man wisse, was dahinter steckt, wird man überrascht. Immer wieder taucht ein neues Puzzleteil auf bis sich das Ganze auf den letzten paar Seiten schliesslich zusammenfügt. Genial gestrickt, sprachlich gut und temporeich! Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

Der Alptraum ist noch nicht vorbei
Betsy / LovelyBooks am 07.10.2015

Dieses Buch geht unter die Haut! Der Autorin gelingt es gekonnt die zwei Zeitebenen zu verbinden und die Spannung immer weiter aufzubauen, bis es schon fast nicht mehr auszuhalten ist. Während Susan sich selbst schon fragt, ob sie wirklich am durchdrehen ist, wie alle anderen glauben, fühlt der Leser mit ihr und die unbändige Verzweiflung sowie ihr Ohnmachtsgefühl nichts tun zu können, nimmt einen genauso gefangen wie ihre bewegte Vergangenheit. Ein grandioses Debüt, in der die Autorin eigene Erfahrungen aus einer fehlgeleiteten Beziehung einfließen lässt und es vielleicht gerade deshalb so gut schafft, eine wirklich einprägende Geschichte zu schreiben in der die Angst und Anspannung von Susan zwischen den Zeilen regelrecht spürbar ist. Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

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