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Tote Finnen tanzen keinen Tango

Tote Finnen tanzen keinen Tango

Kriminalroman

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Tote Finnen tanzen keinen Tango — Inhalt

Privatdetektiv Kuhala ist mal wieder auf Spurensuche: Ein Rechtsanwalt vermisst seine Frau und vermutet sie bei einem ihrer zahlreichen Liebhaber. Nun soll Kuhala die Treulose aufspüren. Und auch der nicht gerade geschätzte Kollege Antikainen ist seit Tagen verschwunden. Doch Kuhala findet lediglich einen Hund – und die Leichen der zwei Vermissten …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.07.2012
Übersetzer: Stefan Moster
279 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95577-5

Leseprobe zu »Tote Finnen tanzen keinen Tango«

EINS

 

I
7. Juni Kriminalhauptmeister Sakari Antikainen hatte an der hinteren Wand seiner Garage einen Ganzkörperspiegel aufgehängt. Sobald er das Tor aufschob und Licht machte, konnte er einen Blick auf sein Spiegelbild werfen, was seinem Selbstbewusstsein verblüffend viel Pep und dem beginnenden Tag Schwung verlieh. Man konnte dieses Ritual von wenigen Sekunden vielleicht als Eitelkeit bezeichnen, weil Antikainen sich bereits im Zuge seiner Morgentoilette aus verschiedenen Entfernungen im Bad- wie auch im Flurspiegel betrachtet hatte, aber er nahm [...]

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EINS

 

I
7. Juni Kriminalhauptmeister Sakari Antikainen hatte an der hinteren Wand seiner Garage einen Ganzkörperspiegel aufgehängt. Sobald er das Tor aufschob und Licht machte, konnte er einen Blick auf sein Spiegelbild werfen, was seinem Selbstbewusstsein verblüffend viel Pep und dem beginnenden Tag Schwung verlieh. Man konnte dieses Ritual von wenigen Sekunden vielleicht als Eitelkeit bezeichnen, weil Antikainen sich bereits im Zuge seiner Morgentoilette aus verschiedenen Entfernungen im Bad- wie auch im Flurspiegel betrachtet hatte, aber er nahm damit ja niemandem etwas weg.
Der leichte Wind am frühen Morgen kitzelte im kurz geschorenen Nacken. Antikainen ging an seinem Dienst-Passat entlang auf den Spiegel zu. An den Seitenwänden hingen Werkzeug und Winterreifen sowie ein Kalender, auf dem sich eine Vollblutbrünette auf der Motorhaube eines Sportwagens rekelte und auf das Spinnennetz starrte, das über Antikainen im Luftstrom zitterte.
Antikainen lächelte. Der Spiegel war ein Erbstück seines Onkels und hatte die Form einer Sanduhr, oben und unten breit, in der Taille schmal. Einmal war eine Salve Regalbodenhalter auf den unteren Rand der Kristallfläche geprasselt, weil Antikainen aus Versehen mit der Polierscheibe, die dreitausend Umdrehungen pro Minute schaffte, in deren Nähe gekommen war. Das Geräusch hatte an eine automatische Waffe erinnert, aber der Spiegel hatte es ausgehalten, sah man von einem kleinen Sprung am unteren Rand ab.
Antikainen war nicht schlank in der Taille, sondern ordentlich übergewichtig. Er selbst hatte das Gefühl, sich in der Form seines Lebens zu befinden, weshalb er den guten Ratschlägen kein Gehör schenkte, die ihm empfahlen, den Petersilienzweig ernst zu nehmen, der in der Polizeikantine als lästerliches Blumengebinde am Rand seines Bauernfrühstücks oder Jägerschnitzels niedergelegt wurde.
Gewicht erhöhte die Glaubwürdigkeit. Er hatte nie Not gelitten und führte selbst bei vorsichtiger Rechnung seit fast dreißig Jahren ein Leben von bester Qualität. Dass die Beförderungswege auf seiner Dienstlaufbahn verstopft waren, weil man ihn mit Alkohol am Steuer erwischt hatte, wurmte ihn nicht allzu sehr.
Er wusste um den Ruf, den er in lokalen Kreisen hatte, dank seiner beruflichen Kompetenz und seines mit sprühendem Humor gesegneten Charakters, dem es, wenn nötig, aber auch nicht an Härte fehlte. Seine heimlichen Vorbilder, an denen er immer wieder seinen Spaß hatte, waren die dickbäuchigen Einsatzleiter in den amerikanischen Polizeiserien, die in Krisensituationen mit schlechter Körperhaltung Befehle erteilten und sich dabei so sparsam brüsteten, dass es einen nicht ankotzte. Jene Männer waren durch die Schule des Lebens gegangen und scheuten auch nicht davor zurück, in dunklen Hinterzimmern einem Gegner die Fresse zu polieren. Zwar fand Antikainen die Welt der Filme ein bisschen kindisch, trotzdem hoben sich seine Mundwinkel bisweilen, wenn er der Züchtigung eines Halunken zusah.
An diesem Morgen trug Antikainen eine dunkelblaue Hose mit gut gebügelten Falten und ein Sommerhemd aus modernem, atmendem Material, dessen Muster schwer zu benennen war, in seiner metallischen Maskulinität aber das Auge erfreute. Er spannte den Bizeps an und fletschte die Zähne. Dann nahm er den Spiegel von der Wand und stellte ihn auf den Boden. Das Geheimfach hinter den zwei losen Backsteinen war vielleicht nicht der bestmögliche Aufbewahrungsort, aber wer sollte schon in seiner Garage herumschnüffeln? Er schob die Hand in die Öffnung und zog die Ökostofftasche eines Supermarktes heraus. Die fest in Folie eingewickelte vierhundertfünfzig Gramm schwere Wurst lag gut in der Hand. Sie fühlte sich nach sechzigtausend Euro an, was umgerechnet in alte Finnmark so verdammt viel war, dass man einen feuchten Mund bekam.
Ein Lächeln erhellte Antikainens Gesicht. Er verstaute das Paket in einer doppelten Plastiktüte und schob es unter den Vordersitz seines Dienstwagens.
Die Dächer von Jyväskylä strahlten in der Morgensonne. Der Stundenzeiger an der Uhr auf der Westseite des Stadtwaldbergs hatte dem Wochenendgewitter nicht standgehalten und zeigte noch immer die bleichen frühen Morgenstunden an. Antikainen hielt den Ellenbogen aus dem Fenster und fragte sich, wann sie den Zeiger wohl zurechtrücken würden. Die Kasper bei den Stadtwerken würden erst wach werden, wenn die Zeitung die ersten Leserbriefe zu dem Thema druckte, und ihre Schlamperei damit begründen, sie hätten die Ersatzteile von der anderen Seite des Planeten bestellen müssen.
Er fuhr mit sechzig über eine Bremsschwelle. Der Schlag brachte den Motorraum zum Scheppern und sorgte für einen schneidenden Schmerz im Lendenwirbelbereich. Antikainen schnallte sich nie an. In einer Notsituation konnte es fatal sein, wenn man zuerst den Gurt auffummeln musste. Er schnallte sich aber auch in der Freizeit nicht an, denn wer sagte, dass es nicht auch da zu Notsituationen kommen konnte? Das war Logik zum Dollarkurs, und wenn Sakari Antikainen sie mit seinem streitsüchtigen Bass verkündete, hatten die wenigsten seiner Kollegen Lust, ihm zu widersprechen.
In der Grünanlage Puistotori fiel das Licht, gefiltert von den Birken, in Streifen auf den ziegelroten Tennisplatz. Dort hoppelte ein Veteran mit dürren Beinen dem Ball hinterher. Die Alkoholiker, die sich als Publikum auf einer Bank am Spielfeldrand niedergelassen hatten, grölten ihre Schmähungen und griffen nach den ersten vom Morgentau gekühlten Flaschen im Doppelsixpack.
Nach all den Jahren konnte Antikainen das Trinken und Schweinigeln in der Öffentlichkeit immer schlechter ertragen. Ginge es nach ihm, sollte man den ganzen Abschaum internieren und zum Zapfensammeln in die Wildnis schicken. Oder Beeren und Pilze suchen lassen, die angeblich in den Wäldern verfaulten. Das endlose Verständnis für die Penner führte zu nichts, das hatte Antikainen in seiner Laufbahn zur Genüge mit angesehen. Die Suffköpfe nutzten das Wohlwollen der Gesellschaft aus, wie sie nur konnten.
Plötzlich flaute seine Stimmung ab, und das Lächeln, das der so vielversprechend begonnene Morgen ausgelöst hatte, versteinerte. Dabei war noch keine Viertelstunde vergangen, seit er sich in Bewegung gesetzt hatte, und stand nicht etwa ein einträgliches Manöver bevor, leichtes Geld?
In einer Zeitschrift, die seine Frau favorisierte, hatte er gelesen, dass plötzliche und unerklärliche Gefühlsschwankungen bei Männern mit dem Alter und den damit verbundenen launischen hormonalen Prozessen zu tun haben. Man brauche sich darüber keine übertriebenen Sorgen zu machen, es schade jedoch durchaus nicht, das eine oder andere Medikament auszuprobieren. Die Wechseljahre des Mannes. Wie lautete der Fachbegriff noch schnell? Andro… Andreo…
Bei ordentlicher Genervtheit half eine Medikation mit klarem Alkohol. Das war ehrlich und finnisch, und wenn man sich dieser Kur in maßvollen Abständen aussetzte, wirkte sie wie ein Schuss von der blauen Linie in den Torwinkel.
Seine Frau sollte aufhören, teure Zeitschriften zu abonnieren, und er, Antikainen, sollte aufhören, Säufer anzustarren.
An der Ampel am alten Friedhof stand eine Frau nach Antikainens Geschmack. So viel zur sinkenden Stimmung. Stöckelschuhe, enges Kleid, wiegendes Fleisch, vorne straff und hinten straff. Antikainen bremste und schob die Sonnenbrille auf die Stirn. Dann lächelte er. Die Frau warf ihm einen Blick zu, allerdings mit einer Eisschicht auf dem Gesicht. Eventuell war sie auch hinter der Stirn straff, doch wer ist heutzutage schon vollkommen?
Antikainen gab jedoch nicht so schnell auf, sondern steckte den Kopf aus dem Fenster und ließ einen Pfiff los, der die Lippen kitzelte und nach einem Vogeljungen klang: Er war ein Mann der alten Schule und glaubte an das Flirtsortiment der alten Schule. Die Frau überquerte eine Handbreit vor der Motorhaube des Passat die Straße. Der Tanzrhythmus ihrer Schritte ließ den Kriminalhauptmeister nach Luft schnappen, das hypnotische Blinken ihres Fußkettchens weitete seine Pupillen.
Er hörte es hinter sich hupen, worauf er den Kopf betont langsam einzog, bevor er anfuhr. So lange wie möglich verfolgte er mit ölig glänzenden Augen die Vibration des sich entfernenden Hinterns und zog dabei eine nervöse Schlange von fünf Autos hinter sich her. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte 07:39.
Er musste zugeben, dass solche Frauen für einen wie ihn unerreichbar waren. Trotzdem lohnte sich jeder Versuch, denn das Spiel hielt den Mann munter, und warum sollte er sich nicht mit dem Bargeld behelfen, das er in Bälde bekommen würde? Zwar ließ sich ein Polizist besser nicht im eigenen Land mit Huren erwischen, aber ein Zweitagestrip nach Tallinn könnte das Problem lösen. Antikainen spürte die aufkommende Hitze in seinen Lenden. Er blickte in den Rückspiegel und richtete seinen Scheitel.
Wenig später parkte er vor dem Campingplatz und beobachtete für die Dauer einer Zigarette die Frühaufsteher, die vor ihren Wohnwagen die Kaffeekochgerätschaften aufbauten. Niemand schaute in seine Richtung, niemand interessierte sich für ein Zivilfahrzeug der Polizei. Der junge Mann mit der Mütze, der im Rezeptionshäuschen saß, wies dem Fahrer einer riesigen Gelände-Wohnwagen-Kombination mit Handzeichen den Weg, im Stacheldraht auf der Einzäunung hing ein vom Sturm abgerissener Lärchenzweig wie der Flügel eines prähistorischen Vogels.
Antikainen holte das Bündel unter dem Sitz hervor und schob den Plastiktütengriff übers Handgelenk. Er zermalmte die Zigarettenkippe auf dem Asphalt und griff sich mit derart männlicher Gebärde in den Schritt, dass es mehr als drei Viertel seiner Kapazität an Selbstbewusstsein in Anspruch nahm.

 

2
7. Juni Mit einem Pfefferminzbonbon vertrieb Antikainen den Zigarettengeschmack und überquerte die Saarijärventie. Durch die Unterführung eilte er zu dem wenig benutzten Fußgänger- und Radweg und blickte hinter sich, bevor er den Weg betrat, der zum Ufer des Alajärvisees führte. Der Fußweg von bislang zweihundert Metern hatte ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben, aber ein Teil der Schweißbildung ging wahrscheinlich auf das Konto des bevorstehenden Treffens. Trotz allen Eifers und obwohl er so rücksichtsvoll wie eine Herde Nashörner war, wusste Antikainen, dass er sein Polizistenamt samt regelmäßigem Einkommen nicht gefährden wollte, ebenso wenig wie das vor einigen Jahren abbezahlte Eigenheim, in dem man so schön auf der Couch liegen, Bier trinken und Eishockey gucken konnte.
Und der Mann, den alle nur den Gefräßigen nannten, war als Geschäftspartner genauso zuverlässig, wie man es von einem mit Ach und Krach über die Runden kommenden Kleinkriminellen und Teilzeitspitzel der Polizei erwarten konnte.
In der Ferne rauschte der Verkehr auf der Fernstraße 4. Das Gelände verbreiterte sich zu einer dicht bewachsenen Halbinsel. Rechts und links des Weges verrieten Lagerspuren, dass sich doch hin und wieder jemand hierher verirrte, auch wenn die Ecke noch nicht von Bauunternehmern aufgespürt worden war. Wie oft war Antikainen an ähnlichen Tatorten gewesen, um eine irrsinnige Bluttat mit fünfzig Messerstichen aufzuklären, die einem bloßen Wortgefecht entsprungen war.
Er bog Zweige zur Seite und achtete darauf, sich die Hose nicht schmutzig zu machen. Seine geflochtenen Mokassins knatschten unschön im nassen Lehm der Wegsenken. Der Hagelschauer in der Wutphase des Wochenendgewitters schien das zarte Laubwerk der Bodenvegetation zerhäckselt zu haben, weshalb es nun in Form von Schleim von den Socken aufgesaugt wurde.
Antikainen ging um zwei große Steine herum und merkte, dass er das Bündel in der Plastiktüte fester umklammert hielt, als nötig gewesen wäre. So leicht würde er es nicht hergeben. Die richtige Dosis an Präzision und Härte würde den Gefräßigen alle Zicken vergessen lassen, falls er solche im Schilde führte.
Antikainen spitzte die Ohren. Plötzlich bildeten sich zwei Sorgenfurchen rechts und links der Nase. Die eine deshalb, weil der Gefräßige nirgendwo zu sehen war, die andere, weil sich ein Kajak dem Ufer näherte. Es war grün, am Bug konnte man eine Buchstaben-Ziffern-Kombination erkennen.
Ein Paddelboot hatte ihm gerade noch gefehlt.
Er sah auf die Uhr und verzog sich in den Schutz des Weidengebüschs, auch wenn er nun mitten im unangenehmen Matsch stehen musste. Die Gegend war günstig für die ersten Stechmücken des Sommers, und tatsächlich fingen sie auch schon an, ihn zu piesacken. Die vereinbarte Zeit war seit fünf Minuten um – nein, seit sieben –, und ein dürrer Kleingauner wie der Gefräßige konnte es sich eigentlich nicht leisten, zu spät zu kommen.
Antikainen ging in die Hocke. Die Haltung war unbequem, Weidenzweige stachen ihn, wo das nach oben gerutschte Hemd den Rücken entblößte. Er spielte mit dem Gedanken, seine Dienstmarke zu Hand zu nehmen, beschloss aber, noch abzuwarten.
Das Kajak fuhr mit hohlem Plastikkrachen aufs Ufer. Am Bug stand das Kennzeichen 5BC77.
Antikainen wurde rot und fragte sich, was es für einen Sinn haben sollte, an einer Stelle an Land zu gehen, die nur aus Dickicht besteht und sich lediglich für Verabredungen heimlicher Liebespaare eignet – oder für Begegnungen, die aus anderen Gründen kein Tageslicht vertragen können. Er drückte die Plastiktüte an die Brust und versuchte den Gefräßigen zu erspähen.
Der Paddler trug eng anliegende schwarze Shorts, ein rotes Sporthemd mit kurzen Ärmeln und eine schnittige Sonnenbrille. Er hatte den Kopf kahl geschoren und wirkte kräftig. Aus einem bestimmten Winkel betrachtet kam er Antikainen bekannt vor, aber er konnte sich nicht richtig konzentrieren. Seine ganze Energie wurde davon beansprucht, sich in der Hocke zu halten, und außerdem tat ihm das eine Knie weh.
Der Paddler schien es nicht eilig zu haben. Antikainen war genervt. Die abstoßende Kriminellenerscheinung des Gefräßigen war nirgendwo zu sehen, und das würde den Kerl teuer zu stehen kommen. Antikainen verlagerte das Gewicht aufs andere Knie und wäre dabei fast auf dem Hintern gelandet. Er schwor, den Gefräßigen an den Eiern aufzuhängen, sobald er ihm begegnete. Dann kam er auf den Gedanken, dass der Gefräßige den Paddler vielleicht auch gesehen hatte und sich irgendwo in der Nähe versteckt hielt.
Über die Blätter des Paddels liefen rote Querstreifen. Der Paddler lehnte es an eine Birke, drehte sich um und sah auf die Uhr. Was für ein Pech, wenn der Mann zur selben Zeit am selben Ort auch eine Verabredung hätte! Er schien nicht die geringste Absicht zu haben, sich gleich wieder zu entfernen, und sein Verhalten schien genau von der Sorte zu sein, die all die Schwierigkeiten anzog, mit denen sich Antikainen in seiner Laufbahn beschäftigen musste. Man sah das einfach, und auch diesmal war mit keiner Ausnahme zu rechnen. Sollte jemand an einem genauen Ranking der Sterblichen interessiert sein, wäre Antikainen gerne behilflich.
Er stieg aus der Schlammpfütze und trat steif und gereizt auf den Pfad. Es pochte im Knie, und in den Mokassins stand das Wasser.
»Was tun Sie hier?«
Er suchte nach seinen Zigaretten, wobei er sich Mühe gab, das Zittern der Hände unter Kontrolle zu halten. Dann sah er den anderen durch die Flamme des Feuerzeugs hindurch mit einem Blick an, der schon so manchen Gewohnheitskriminellen dazu gebracht hatte, mitten im elektrisch geladenen Dialog des Vernehmungsraums nervös auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen.
Der Paddler sagte nichts. Womöglich konnte er Antikainens Blick aus der Ferne nicht erkennen, oder er tat so als ob, weil er sich zu viel auf sich einbildete. Sein Oberkörper war in Adonisform getrimmt und bildete zusammen mit der Glatze und dem Ohrring ein trendiges Gesamtpaket, aber das schreckte Antikainen nicht ab und konnte ihn auch nicht bluffen. Er nahm mitten auf dem Weg breitbeinig Haltung an und wusste, dass er mit seinen hundertzwanzig Kilo und seiner Dienstmarke unschlagbar war.
Normale Menschen haben Angst vor der Polizei. Unnormale Menschen ebenfalls. Und die übrigen, die keiner der beiden Kategorien angehörten, fielen vor einem Polizisten wie Antikainen in sich zusammen.
»Sie haben anscheinend nicht gehört, was ich gesagt habe. Hier geht eine polizeiliche Maßnahme vonstatten. Verschwinden Sie ! «
»Bist du Antikainen?«
Der Paddler nahm die Sonnenbrille nicht ab. Seine Arme hingen entspannt herunter, die Erwähnung der Polizei war ihm einerlei.
Antikainen registrierte ein erstes Aufzucken von Unsicherheit in seinem Inneren. Er legte das Päckchen zwischen den Beinen ab und sog an seiner Zigarette. »Ich glaube nicht, dass wir uns gegenseitig vorstellen müssen. Sie haben zwei Minuten Zeit, um von hier zur Hölle zu paddeln. Das ist doppelt so viel, wie ich normalerweise zugestehe, aber bei Ihnen scheint außer im Gehör auch im Verstand was nicht zu stimmen.«
Die Sonne schien zwischen zwei Birkenwipfeln hindurch direkt auf Antikainens Gesicht. Es war rot und nicht annähernd so überzeugend wie seine Worte. Das Schlimmste war, dass er das selbst ahnte.
Der Paddler machte einen Schritt auf den Pfad zu. Das Päckchen zwischen Antikainens Füßen sah nicht wie ein Proviantpaket aus, und was hatte einer wie er auch allein im Wald verloren?
»Für Widerstand gegen die Amtsgewalt bekommt man eine Bewährungsstrafe. Das ist meine letzte Warnung.«
Antikainen schämte sich für seine piepsige Stimme. Im Lauf der Jahre hatte er sein Gedächtnis mit Tausenden und Abertausenden Fotos geschult, aber den Paddler konnte er niemandem zuordnen. Er schnappte sich die Plastiktüte. Er vermisste seine Dienstwaffe ebenso wie seine Autorität, die im Weidengestrüpp zerbröckelt war.
Vielleicht gehörte der Paddler zur internen Ermittlungsabteilung und war ein verkleideter Streber von der Zentralkripo, eine dieser verdammten Landplagen. Und das an diesem schönen Sommertag, der so ertragreich werden sollte.
»Und bist du’s? Kriminalhauptmeister Sakari Antikainen? «
Der junge Mann hatte die gleichmäßige, sanfte Stimme eines Gutenachtgeschichtenvorlesers, angereichert mit einer Prise Amüsement, als wunderte er sich darüber, dass Antikainen Mühe hatte, eine so simple Frage zu beantworten. »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir uns schon mal begegnet sind. «
Antikainen wischte sich über die Stirn und suchte nach einem Ausweg.
»Was hast du da für ein Päckchen?«
Der Paddler stand nur noch eine Armlänge entfernt. Irgendwo rauschte ein Lkw mit Anhänger vorbei, und als das Geräusch abklang und es still wurde, begriff Antikainen, dass er nicht überlegen war, sondern gefährdet.
Er spürte es. Nur wenige Male in seiner Laufbahn hatte er das gespürt und es dann jedes Mal geschafft, zu entkommen und Hilfe zu holen. Aber auf wessen Hilfe hätte er sich jetzt stützen sollen, mit seinem Geschäft, das kein Tageslicht vertrug? Und wo zum Teufel steckte der Gefräßige?
Der Paddler biss die Kiefer aufeinander und überlegte laut, wie lange er seine so kindisch einfache Frage noch stellen müsse, bis er eine Antwort bekomme. Er nahm die Sonnenbrille ab, blickte zur Seite und dann wieder auf Antikainen. In seinem Blick lag so viel Fähigkeit zur Empathie wie bei einem Henker in Festanstellung. » Gib es mir, das Päckchen!«
An einem Eckzahn des Paddlers blitzte ein Brilli auf. Dass erwachsene Menschen sich zu solchen Perversionen herablassen – das ging Antikainen nicht in den Kopf. Er versuchte den Mann zu identifizieren, aber vergebens. Der See glitzerte, von einem Haus am anderen Ufer stieg Rauch auf.
Er machte auf dem unebenen Pfad zwei Schritte zurück und raffte gerade mal so viel Restmut zusammen, dass er sich wenigstens an einer Art Widerstand versuchte. »Ich sage gar nichts. Ich bin Polizist im Dienst, und wenn Sie nicht Ihre Identität unter Beweis stellen, machen Sie sich noch mehr strafbar.«
»Du kannst mit meinen Personalien sowieso nichts anfangen. «
Der Paddler lächelte, ließ plötzlich seine Hand auf das Päckchen zuschnellen, stoppte sie aber auf halbem Weg und lachte über Antikainens Schreck. Dieser spürte, wie ihm der Schweiß von der Nackenkuhle aus den Rücken herablief. Er versuchte, seine Gedanken zusammenzuhalten, und sehnte sich nach der Überlegenheit zurück, die er beim Blick durch die Feuerzeugflamme noch zu haben geglaubt hatte. Doch er war nur zu einem Fluch fähig. » Scheiße ! «
»Selber Scheiße. Das Päckchen!«
Der Paddler schnippte mit den Fingern. Er genoss die Situation, und auch wenn er lässig aussah, witterte Antikainen, dass der Mann die ganze Zeit die Umgebung im Auge behielt. Über die Armmuskeln liefen sichtbare Adern, die Finger schnippten erneut. Antikainen glaubte, dass er den Paddler mit einem richtigen Treffer k. o. schlagen konnte, aber er wusste auch, dass er dafür nicht schnell genug war.
Er war nicht schnell genug, um die Initiative zu ergreifen, und nicht schnell genug, um die Initiative des anderen abzuwehren. Der Faustschlag traf ihn mitten auf die Stirn und brachte ihn zum Schwanken.
Auf dem Gesicht des Paddlers war kein spezifischer Ausdruck zu erkennen, und wenn doch, dann einer von der Sorte, die Antikainen bei Psychopathen gesehen hatte. Er biss sich auf die Unterlippe, machtlose Wut und Angst trübten sein Gesichtsfeld.
»Du hast zwanzig Sekunden Zeit, mir das Päckchen zu geben. Das sind zehn mehr als sonst, weil du ein übergewichtiger Polizist bist, der mehr versucht, als bei der vorhandenen Begabung sinnvoll ist.«
Das Paddel, das am Baum lehnte, geriet ins Kippen. Antikainen sah, wie es ins Gras fiel, dabei schwankte er zwischen der Demütigung durch den Schlag und so vielen anderen Gefühlen hin und her, dass er lediglich fähig war, den Mund aufzusperren, als hinge der Unterkiefer nur dank der Muskeln an Ort und Stelle.
Das Geräusch des fallenden Paddels veranlasste den Paddler, zur Seite zu blicken. Antikainen setzte sofort zur Flucht an, stolperte aber über eine Wurzel, worauf ihm das Päckchen aus der Hand rutschte und er selbst mit dem ganzen Gewicht seines Rumpfes zu Boden stürzte. Die linke Hand geriet dabei unter den Körper, was das Handgelenk nicht aushielt.
Antikainen zappelte und fluchte. Er hatte am Morgen sein Seitensprungrasierwasser aufgelegt, seiner Frau einen Guten Morgen zugebrummt, anstatt sie wie sonst anzuschweigen, hatte im Garten auf der Schaukel eine geraucht, bevor er in die Garage gegangen war, und das alles nur zu Ehren dieses Tages, der mit so großartigen Vorzeichen gesegnet gewesen war. Und jetzt war alles verloren. Mit gebrochener Speiche kroch er auf allen vieren den Pfad entlang und gurgelte Schleim aus seiner Raucherlunge. Das Päckchen lag in unerreichbarer Entfernung. »Ruf ein Auto, einen Krankenwagen, verdammt! Mein Arm ist kaputt, es tut höllisch weh. Hat der Gefräßige dich geschickt? Was ist mit ihm? Hat er sich so früh am Tag schon zugeschüttet? Ich brauche Hilfe.«
Der Paddler trat Antikainen gegen den Oberschenkel und holte sich das Päckchen. Dann beugte er sich über den Kriminalhauptmeister und lächelte in sich hinein, während er die Plastiktüte betastete. »Wolltest du dir mit dem Geld einen Kamin aus Schiefer kaufen? Oder das Dach erneuern lassen? «
»Leck mich am Arsch … ruf einen Krankenwagen!«

Markku Ropponen

Über Markku Ropponen

Biografie

Markku Ropponen, geboren 1955, gehört mit seinem Witz und seiner Erzählfreude zu den renommiertesten Krimiautoren Finnlands. Er hat zahlreiche Romane und Novellen geschrieben und wurde für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. 1995 erhielt er den Kulturpreis seiner Heimatstadt...

Pressestimmen

Schweizer Familie

»Spass und Spannung sind garantiert.«

Norwegenportal.de

»Der humorvolle Stil des Buches voller Witz und Erzählfreude (...) lässt diesen Krimi aus den üblichen Skanidinavien Krimis heraustreten.«

SWR 2, Buchkritik

»Der Blick, den Markku Ropponen auf die finnische Gesellschaft richtet, ist bei aller Liebe zu erfrischend absurden Details und Situationen, stets präzise und stichhaltig. Seine Kriminalromane sind handfest und sein Humor ist nie schrill, sondern staubtrocken und leise.«

WDR 4

»Markku Ropponen spinnt (...) ein ebenso fesselndes wie wie figuren- und storyreiches Garn. (...) 'Tote Finnen tanzen keinen Tango' ist ein richtig guter, mit Figuren, die ans Herz wachsen (...), und angenehm viel abgeklärter als Schwedenkrimis.«

P.S.

»Krimi der Woche (...) Eine leichte, aber nicht einfältige Lektüre zum Sommerende.«

TOP Magazin

»Sehr spannender Krimi mit überraschenden Wendungen.«

NDR

Ein großartiger Fang.

NDR

Ein großartiger Fang.

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