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Tödlich aufgetischtTödlich aufgetischt

Tödlich aufgetischt

15 mörderisch leckere Krimis und Rezepte

Hardcover
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Tödlich aufgetischt — Inhalt

Lesen mit Mordsgenuss
Nicht jeder Mörder weiß, wie viele Gänge er braucht, um sein Opfer genussvoll zur Strecke zu bringen. Birgt die Vorspeise nicht schon eine tödliche Zutat, bietet der Hauptgang viel Zeit für eine grausame Tat. Eines ist gewiss: Der Leser dieser spannenden Kurzkrimis kommt sicher bis zum Dessert. 

In fünfzehn kulinarischen Krimis mit jeweils passendem Rezept werden ihm die unterschiedlichsten Todesarten auf einem Silbertablett serviert, ohne dass ihm dabei der Appetit vergeht. Die spannenden Geschichten können in kleinen Häppchen genossen oder am Stück verschlungen werden. Gruppiert in fünf ansprechende 3-Gänge-Menüs laden die Kurzkrimis und Rezepte zum gemeinsamen Nachkochen und Ermitteln mit Freunden ein.

Für höchsten Genuss sorgen die Krimi-Erfolgsautoren: Hilde Artmeier, Wolfgang Burger, Arne Dahl, Liliane Fontaine, Nicola Förg, Carsten Sebastian Henn, Michael Kibler, Jean Jacques Laurent, Susanne Mischke, Gisa Pauly, Jürgen Seibold, Heinrich Steinfest, Su Turhan, Nicole de Vert und Barbara Wendelken.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 12.10.2020
Herausgegeben von: Susanne Massard, Michaela Sappler
336 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-86612-493-6
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 12.10.2020
Herausgegeben von: Susanne Massard, Michaela Sappler
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99711-9

Leseprobe zu „Tödlich aufgetischt“

Menü 1

Schrecklich Schmackhaftes aus Italien
 

Mama Carlottas Antipasti

Gisa Pauly 

Spaghettini mit marinierten Steinpilzen und Parmesan

Jürgen Seibold 

Südtiroler Grießknödel mit Kaffeefeigen

Carsten Sebastian Henn



Gisa Pauly

Toskanische Hochzeit

„Enrico!“ Mamma Carlotta war empört. Und wenn sie empört war, redete sie noch lauter und schneller als sonst. „Der größte Teil der Verwandtschaft ist nicht erschienen. Du auch nicht?“

Erik druckste herum. Er habe es ihr doch gleich gesagt … die Reise von Sylt in die Toskana sei viel zu weit … und überhaupt [...]

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Menü 1

Schrecklich Schmackhaftes aus Italien
 

Mama Carlottas Antipasti

Gisa Pauly 

Spaghettini mit marinierten Steinpilzen und Parmesan

Jürgen Seibold 

Südtiroler Grießknödel mit Kaffeefeigen

Carsten Sebastian Henn



Gisa Pauly

Toskanische Hochzeit

„Enrico!“ Mamma Carlotta war empört. Und wenn sie empört war, redete sie noch lauter und schneller als sonst. „Der größte Teil der Verwandtschaft ist nicht erschienen. Du auch nicht?“

Erik druckste herum. Er habe es ihr doch gleich gesagt … die Reise von Sylt in die Toskana sei viel zu weit … und überhaupt wolle er nichts mit der Familie eines Mafioso zu tun haben. „Lucia wollte damals deine Cousine und ihren kriminellen Ehemann nicht mal zu unserer Hochzeit einladen.“

Mamma Carlottas Entrüstung war damit keineswegs beschwichtigt worden, sondern nun erst recht in die Höhe geschossen. „Dabei ist Abbondio doch schon so lange tot. Was kann die Tochter meiner Cousine dafür, dass ihr Vater bei der Mafia war?“ Das Stottern ihres Schwiegersohns hörte sie sich nicht mehr an. »Mattea feiert ihre Hochzeit in Siena, und von der Verwandtschaft ihrer Mutter ist niemand da? Das ist … una impertinenza! Dabei hat Alessandra uns in einem wunderschönen Hotel untergebracht. Das Albergo Annina ist ganz bezaubernd. Und die Besitzerin sehr nett. Sie lässt mich sogar die Hotelküche benutzen. Du weißt doch, Alessandra hat mich gebeten, für die Antipasti zu sorgen, für den Empfang nach der kirchlichen Trauung.«

Nun schaffte Erik noch einen Einwurf. „Ich hätte sowieso keinen Urlaub bekommen.“

Aber Carlotta glaubte ihm kein Wort. „Alessandra hat ein Dutzend Zimmer gebucht. Und ich bin die Einzige, die hier eingezogen ist. Die anderen elf Zimmer stehen leer. Ich muss mich wirklich für meine Familie schämen.“

Sie atmete schwer, als sie den Hörer zurücklegte. Eine Hochzeit ohne Gäste! Wie sollte diese Ehe glücklich werden, wenn sie so begann? Nur die Verwandten des Brautvaters waren erschienen, die zum größten Teil auf undurchsichtigen Wegen zu Geld gekommen waren, also vermutlich als Mitglieder einer Mafia-Familie. Carlotta Capella entschuldigte zwar nicht, was die Mafia tat, aber eine Hochzeit war eine Hochzeit! Und bei solchen Familienfeiern ging es um andere Prioritäten!

Sie verließ ihr Zimmer und begab sich in die Hotelküche. Alessandra hatte ihr aufgetragen, so viele Antipasti zu machen, wie geplant waren. Sie hoffte wohl immer noch darauf, dass einige Verwandte sich in letzter Minute anders besinnen und doch noch kommen könnten.

Carlotta fing an, die Tomaten für die Bruschette zu würfeln, rührte die Creme für die Parma-Rucola-Röllchen an, putzte den Fenchel und pürierte die Oliven. Gerade hatte sie begonnen, die Forellen für das Mousse zu zerteilen, da hörte sie, dass jemand den Frühstücksraum betrat. Gäste, die ein ruhiges Plätzchen suchten, um sich zu unterhalten? Nein, Mamma Carlotta merkte schnell, dass es Anna Wilders, die Hotelbesitzerin, war, die sich dort mit einem Mann niederließ. Sie wollte sich schon bemerkbar machen, um nicht unversehens etwas zu belauschen, was nicht für ihre Ohren bestimmt war, da fiel der Name ihrer Nichte.

„Wir müssen Mattea schützen“, sagte die männliche Stimme.

Mattea schützen? Was meinte er damit? Nun machte es Mamma Carlotta nichts mehr aus, dass sie zur Lauscherin wurde. Vorsichtig trat sie zu der halb geöffneten Tür. An dieser Stelle erspähte sie Anna Wilders und ihren Gast in der gegenüberliegenden Fensterscheibe. Es handelte sich um den attraktiven Commissario Emilio Fontana! Carlotta hatte ihn bereits am Vormittag gesehen, als er Anna Wilders einen Besuch abstattete. Madonna, was für ein Mann! Blendend aussehend, sehr gepflegt, teuer gekleidet und … bis über beide Ohren in Anna Wilders verliebt. Das hatte Carlotta sofort durchschaut.

„Am besten ich ziehe hier ein“, sagte Emilio Fontana gerade. „Ich tu so, als gehörte ich zu den Hochzeitsgästen. Das fällt nicht auf.“

Annas Stimme klang verzweifelt. „Sie wird vor der Trauung ins Hotel kommen! Die Kosmetikerin und die Friseurin auch! Ich habe ein Zimmer freigestellt, damit sie hier ungestört geschminkt und frisiert werden kann. Ausgerechnet hier!“

Carlotta konnte in der Spiegelung sehen, dass der Commissario nach Anna Wilders’ Hand griff. »Ich werde aufpassen, das verspreche ich dir. Niemand wird etwas merken. Besser wäre es natürlich …«

Anna Wilders ließ ihn nicht ausreden. „Nein, die Braut und ihre Mutter dürfen nichts von der Gefahr wissen. Wie sollen sie die Hochzeit genießen, wenn sie damit rechnen müssen, dass irgendein Verrückter die Braut umbringt?“

Mamma Carlotta fuhr zusammen. Ihre Nichte Mattea war in Lebensgefahr? Dio mio! Wie war das möglich?

„Es kann kein Zufall sein, dass Michele in diesen Tagen aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Er wird sich rächen wollen. Schließlich war es Mattea, die ihn hinter Gitter gebracht hat.“

Mamma Carlottas Hände zitterten. Michele! Das war doch der Mann, der Mattea ein Leben lang auf Händen hatte tragen wollen, der dann aber seine Meinung schlagartig änderte, als sie ihn an die Polizei verriet. Mattea hatte gemerkt, dass er sein Geld damit verdiente, bei den Gastwirten ringsum Schutzgeld zu erpressen. Ihr Vater war ein Mafioso gewesen, auf keinen Fall wollte sie einen Ehemann haben, der irgendwann erschossen auf der Terrasse lag, weil er sich mit einem der Drogenbosse angelegt hatte. So wie ihr Vater. Nein, Mattea hatte kurzen Prozess gemacht und dafür gesorgt, dass Michele ins Gefängnis kam. Ihr Bräutigam stammte zwar auch aus einer Mafia-Familie, verdiente sein Geld aber auf anständige Weise. Für Mattea sehr wichtig!

Noch im Gerichtssaal hatte Michele ihr Rache geschworen! „Das wirst du bereuen!“, hatte er gebrüllt.

Die Angehörigen, die der Verhandlung beigewohnt hatten, waren wochenlang nicht müde geworden, jede Einzelheit in der gesamten Verwandtschaft herumzuerzählen. Täglich hatte das Telefon geklingelt, weil mal wieder jemandem etwas eingefallen war, was noch skandalöser war als alles Vorherige und dringend weiter ausgeschmückt werden musste.

„Madonna!“, flüsterte Mamma Carlotta. Und nun war Michele aus dem Gefängnis ausgebrochen? Wollte er seine Rache an der Braut vollenden? Dio mio, was war das für eine Hochzeit! Wie sollte so ein Tag der schönste im Leben der Braut werden? In diesem Fall musste man ja schon froh und dankbar sein, wenn sie ihn überlebte. Mamma Carlotta war sicher, dass viele der Angehörigen, die mit der Familie eines Mafioso nichts zu tun haben wollten, vielleicht doch die Einladung zur Hochzeitsfeier angenommen hätten, wenn sie gewusst hätten, welches Drama zu erwarten oder vielmehr zu befürchten war. „Wäre nur Enrico hier!“

Ihr Schwiegersohn, der Kriminalhauptkommissar von Sylt, hätte den italienischen Commissario sicherlich gerne unterstützt. Mamma Carlotta war sowieso der Meinung, dass ein Polizist, der so attraktiv war wie Emilio Fontana, unmöglich gleichzeitig klug und mutig sein konnte. Da war sie konservativ. Schöne Männer waren dumm und eingebildet! Das wusste in ihrem Dorf jeder!

„Ist jemandem bekannt, dass ich Commissario bin?“, fragte Emilio Fontana gerade.

Anna Wilders beruhigte ihn. „Die Tante der Braut hat vielleicht etwas mitbekommen. Sie bereitet die Antipasti für den Empfang nach der Zeremonie vor. Aber die wird sich nicht darum kümmern.“

Die beiden erhoben sich und verließen den Frühstücksraum wieder. Mamma Carlotta stieß die Luft aus, als hätte sie minutenlang den Atem angehalten. Was für eine Tragödie!

 

Am Morgen der Hochzeit war Mamma Carlotta extra sehr früh aufgestanden, um die Vorspeisen anzurichten. Sie hatte die Parma-Röllchen mit Rucola auf große Holzbretter gelegt, Pane negro mit Forellenmousse bestrichen und sie in Form eines Zickzackmusters auf einer Marmorplatte dekoriert. Dazu die rot leuchtenden Bruschette, ohne die kein Antipasti-Büfett auskam. Die Crostini alla Toscana mit der schwarzen Olivenpaste ergaben einen schönen Kontrast, und der Orangen-Oliven-Salat war farblich ohnehin ansprechend.

Nun betrachtete Mamma Carlotta zufrieden ihr Werk. Es würde zwar zu viel sein, die Hälfte vermutlich übrig bleiben, aber die Brautmutter hoffte ja nach wie vor, dass viele der Verwandten, die sich mit Unwohlsein und Erkältung herausgeredet hatten, es sich doch noch anders überlegten. Und dann musste reichlich zu essen da sein! Im allerschlimmsten Fall würde es nötig sein, die schockierten Angehörigen mit leckerem Essen über eine Hochzeit hinwegzutrösten, die mit einem Attentat auf die Braut geendet hatte. Dio mio! Es gab ja Leute, denen eine Tragödie den Appetit verdarb, aber auch andere, die in größter Trauer in sich hineinstopften, was sich bot. Man musste auf alles vorbereitet sein.

Die Friseurin kam im Hotel an und packte Kämme, Bürsten, Lockenstab und Haarspray aus, die Kosmetikerin folgte mit einer ganzen Palette an Lidschattenfarben, unzähligen Puderquasten, Nagellackfläschchen, Lippenstiften und Accessoires, die Mamma Carlotta noch nie gesehen hatte. Um schon vorab ein wenig Anerkennung einzuheimsen, machte Mamma Carlotta für Signora Pausini und Signora Morandi je einen Teller mit Appetithäppchen fertig. Das Lob, mit dem sie überschüttet wurde, lenkte sie ein wenig von dem ab, was sie am Tag zuvor gehört hatte. Die Vorstellung, dass Mattea als strahlende Braut vor den Altar trat und womöglich schon beim Auszug aus der Kirche erschossen wurde, bedrückte sie sehr. „Terribile!“ Hätte sie nur nicht erfahren, was der ahnungslosen Braut drohte!

Eine Stunde später baute Signora Pausini rosa Türme aus ihren Lockenwicklern, und Signora Morandi lackierte sich die eigenen Fingernägel, um die Zeit totzuschlagen. Die Braut war bereits eine halbe Stunde überfällig. Mamma Carlotta wurde immer nervöser. Was war geschehen? Hatte ihre Nichte wirklich ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag verschlafen, wie die Kosmetikerin vermutete, oder war Michele noch nicht verhaftet worden und bedrohte Mattea? Anna Wilders war auch sehr nervös, und der Commissario schaute immer wieder vorbei. Die Kosmetikerin und die Friseurin stritten schon darüber, für wen sich der gut aussehende Mann interessierte. Beide zupften ständig an ihren Frisuren herum und kontrollierten im Spiegel ihr Make-up, damit alles makellos war, wenn Emilio Fontana sich blicken ließ. Dass die Braut immer noch nicht erschienen war, geriet darüber ein wenig in Vergessenheit.

Dann aber kam die Schreckensnachricht. Mamma Carlotta überlegte gerade, ob sie die Antipasti-Platten noch mit frischer Petersilie dekorieren sollte, als sie einen unterdrückten Schrei von Anna Wilders hörte. Die Hotelbesitzerin stand in der Lobby und schlug eine Hand vor den Mund, während der Commissario beruhigend auf sie einredete. Mamma Carlotta machte sich nicht die Mühe, so zu tun, als interessierten sie die Bezüge der Sessel oder der Inhalt des Getränkeautomaten. In einem solchen Fall musste es erlaubt sein, die Neugier ganz deutlich zu zeigen.

Anna Wilders und der Commissario nahmen sie gar nicht zur Kenntnis, derart erschüttert waren die beiden. Die Hotelbesitzerin war ganz blass geworden, Emilio Fontana hatte Schweiß auf der Stirn. „Der Taxifahrer ist geknebelt und gefesselt gefunden worden. Er hat ausgesagt, dass ein Mann ihn überfallen und die Braut entführt hat.“

Mamma Carlotta stöhnte auf. „Michele?“

Nun wurde sie erstaunt angesehen. „Sie kennen ihn?“, fragte Emilio Fontana.

„Sì, sì!“ Mamma Carlotta verkündete, dass ihr Michele gleich verdächtig vorgekommen sei, dass er einen unsteten Blick gehabt habe und für einen Mann zu eitel gewesen sei. „Trotzdem hätte ihn Mattea nicht an die Polizei verraten sollen. Ich kann verstehen, dass er wütend auf sie ist.“

„So wütend, dass er sie umbringt?“, überlegte Fontana.

Darauf wollte Mamma Carlotta keine Antwort geben. Überhaupt hatte sie nun genug damit zu tun, sich auszumalen, wie es ihrer bedauernswerten Cousine ging, was ihre arme Nichte Mattea zu leiden hatte, was aus der Hochzeitstorte werden sollte und ob die Friseurin und Kosmetikerin etwa völlig umsonst engagiert worden waren. „Madonna! Una tragedia!“

So schwere Sorgen konnte Carlotta Capella nur ertragen, indem sie aktiv wurde. Die Nachbarinnen in ihrem Dorf ließen sich bei schlechten Nachrichten meist ins Sofa fallen, Espresso reichen und Trost spenden, sie verarbeitete Schicksalsschläge jedoch am leichtesten, indem sie in Bewegung blieb. Anna Wilders hatte ihr zwar erklärt, den Küchenabfall würde die Putzfrau entsorgen, aber Carlotta entschloss sich, das selbst zu erledigen. Jede Ablenkung kam ihr recht.

Bei den Mülltonnen, die neben dem Haus standen, war sie nicht allein. Einer der Hotelgäste leerte dort seinen Papierkorb aus, ein Mann in ihrem Alter, groß und schlank, mit dichten Locken und nur wenigen grauen Strähnen.

„Sie wollen auch der Putzfrau die Arbeit abnehmen?“ Carlotta war erstaunt. Männer, die es gewöhnt waren, dass Frauen die Hausarbeit verrichteten, waren selten so einfühlsam. Aber leider war der Mann nicht an einer längeren Plauderei interessiert. Er murmelte etwas Unverständliches, beeilte sich mit dem Entleeren seines Papierkorbs und konnte gar nicht schnell genug wieder verschwinden. So hastig war er, dass mehrere Papierschnitzel neben die Mülltonne segelten. Mamma Carlotta hob sie auf, dabei stach ihr der Name auf einem Zettel ins Auge. Eine Arztpraxis hatte einen Termin für einen gewissen Lorenzo Vaccaro bestätigt, das Datum war jedoch bereits verstrichen.

„Lorenzo.“ Mamma Carlotta wiederholte den Namen murmelnd. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. „Vaccaro.“ Sie war ganz sicher, dass sie diesen Namen schon mal gehört hatte, und zwar in Verbindung mit ihrer Cousine Alessandra, der Brautmutter.

Und dann, als sie in die Küche zurückgekehrt war, fiel ihr wieder das Getuschel ein, das es vor vielen Jahren in der Verwandtschaft gegeben hatte. Der Name Lorenzo Vaccaro war damals von Mund zu Mund gegangen. Alessandra war eine Weile mit ihm zusammen gewesen, ihre Mutter hatte schon von Verlobung gesprochen und jedem ins Ohr geflüstert, wie vermögend Lorenzo sei, weil die Bar, die er besaß, bestens florierte … da hatte Carlottas Cousine sich in einen anderen verliebt. In Abbondio, den sie kurz darauf heiratete. So schnell, dass auch diese Tatsache zu viel Gerede und verrückten Vermutungen geführt hatte. Während dieser Zeit hatten alle Frauen der Familie Capella Streit mit ihren Ehemännern, weil die Telefonrechnungen in die Höhe geschossen waren. Aber wie sollte man auch zu solch skandalösen Verwicklungen schweigen? Lorenzo Vaccaro war vor Liebeskummer außer sich gewesen, hatte sich tagelang die Haare gerauft und sich nächtelang betrunken. Das Schlimmste hatte ihm allerdings noch bevorgestanden. Alessandra hatte ihrem späteren Mann einiges über Lorenzo erzählt, ein paar Geschäftsgeheimnisse, für die sich die Mafia interessierte, mit der Abbondio soeben zu sympathisieren begann. Am Ende konnte Lorenzo nur noch die Koffer packen und musste seine Bar für einen Appel und ein Ei verkaufen. An Abbondio! Der führte die Bar von da an weiter und wurde ein gefürchteter Mafioso. Ein paar Jahre später ging es ihm dann allerdings noch schlechter als Lorenzo. Der hatte nur seine gut gehende Bar verloren, Abbondio verlor sein Leben, weil er irgendeinen Fehler gemacht hatte, den die Mafia nicht verzeihen wollte.

Mamma Carlotta steckte den Zettel mit Lorenzos Namen ein, ohne recht zu wissen, warum. Vielleicht, weil ihr wieder einfiel, dass Mattea neun Monate nach Lorenzos Verschwinden zur Welt gekommen war? Alle Verwandten, die Alessandra nach der Geburt besuchten, hatten scheinheilig gefragt, woher das Baby diese wunderschönen dunklen Locken hatte, wo Abbondio doch nur spärliches rotes Haar besaß …

Als Carlotta in den Raum zurückkehrte, in dem die Friseurin und die Kosmetikerin noch immer vergeblich auf die Braut warteten, fand sie dort auch die Hotelbesitzerin vor. Anna Wilders war noch immer schrecklich aufgeregt. „Hoffentlich lässt der Entführer die Braut bald frei. Dann könnte heute noch etwas aus der Hochzeitsfeier werden.“

Aber Mamma Carlotta schüttelte nur traurig den Kopf. „Michele wird nicht aus dem Gefängnis ausgebrochen sein, um Mattea ein bisschen zu erschrecken. Er hat sizilianische Wurzeln. Für ihn sieht Rache anders aus.“

Anna Wilders wandte sich schaudernd ab, Carlotta wischte sich die Tränen von den Wangen, griff nach einem schnurlosen Telefon und wählte die Nummer ihrer Cousine. „Immer noch kein Lebenszeichen von Mattea?“

Alessandras Antwort war kaum zu verstehen. Sie schluchzte nur etwas ins Telefon, in dem mehrmals die Mutter Maria vorkam und genauso oft der Hurensohn, wie sie Michele nannte. »Wenn er meinem Kind etwas antut …«

Nachdem Mamma Carlotta ihrer Cousine sehr wortreich Trost gespendet und sie mit viel frischer Hoffnung und jeder Menge Gottvertrauen ausgestattet hatte, legte sie auf. Eigentlich wäre sie gerne noch ganz unauffällig auf Lorenzo zu sprechen gekommen, aber das wäre ihr dann doch zu indiskret vorgekommen. »Wenn wir nur etwas tun könnten! Dieses stundenlange Warten ist ja … terribile.« Verzweifelt rang sie die Hände.

Dazu fiel der Friseurin eine Lösung ein. Sie und ihre Kollegin waren engagiert worden, langweilten sich nun entsetzlich und schlugen deshalb vor, die Tante der Braut und die Hotelbesitzerin zu frisieren und zu schminken. „Dann sind wir wenigstens nicht ganz umsonst hier.“

Anna Wilders wehrte ab, aber Carlotta gefiel die Idee, sich von den schweren Gedanken abzulenken. „Wenn Mattea hier erscheint, werden wir natürlich sofort unsere Plätze räumen. Auch wenn wir nur ein geschminktes Auge und noch Lockenwickler im Haar haben.“

Das überzeugte die Hotelbesitzerin. Und schließlich saß sie neben Mamma Carlotta, mit geschlossenen Augen und hochgelegten Füßen und erzählte von ihrem Entschluss, nach Siena zu gehen, um dort das Albergo Annina zu eröffnen. Ihr Mann war plötzlich gestorben, sein lebenslanger Geiz hatte zu einem ansehnlichen Erbe geführt, und sie hatte ihren Traum wahr machen können: ein Hotel in Siena. Und das in einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzten. „Meine Tochter hat sich schrecklich aufgeregt. Sie meinte, das wäre alles zu viel für eine Frau von über sechzig.“

Mamma Carlotta war beeindruckt. „Meraviglioso!“ Prompt fiel ihr wieder Cousine Alessandra ein. »Die hat, als Mattea erwachsen war, die Hände in den Schoß gelegt und sich darüber beklagt, dass sie immer dicker wurde. Ob Abbondio das akzeptiert hätte? Oder … Lorenzo?« Sie setzte sich so ruckartig auf, dass der Kosmetikerin der Lidstrich verrutschte und die Friseurin sich am Lockenstab verbrannte. »Dieser Lorenzo Vaccaro – wohnt der schon länger im Albergo Annina?«

Anna Wilders rührte sich nicht und ließ die Augen geschlossen, damit die Kosmetikerin ihr die Wimpern tuschen konnte. »Lorenzo …? Nein, den gibt’s hier nicht.« Sie wartete, bis auch ihre Lippen geschminkt waren und das Rouge aus ihrem schmalen Gesicht ein herzförmiges gemacht hatte. Das jedenfalls hatte Signora Morandi versprochen, die der Meinung war, dass mithilfe einer guten Kosmetik aus jeder normalen Frau eine Schönheit werden konnte. „Ein Neuseeländer wohnt allerdings in der ersten Etage. Er heißt Lawrence. Lawrence Fisher.“

Mamma Carlotta wiederholte die Namen, obwohl sie wusste, dass ihr das englische R nicht gut gelang. Aber sie musste einfach hören, ob die beiden Namen sich ähnelten: „Lorenzo, Lawrence. Ja!“

Anna Wilders betrachtete sich im Spiegel und schien von ihrer Verwandlung beeindruckt zu sein. Mit den Fingerspitzen tastete sie ihre Wangen ab, als könnte sie nicht glauben, dass diese rosige Haut ihr gehörte. „Sie meinen, er könnte aus seinem italienischen Vornamen einen englischen gemacht haben? Mister Fisher kommt aus Neuseeland, ist aber gebürtiger Italiener, das hört man sofort.“

In Windeseile, ohne darauf zu achten und zu verhindern, dass die Friseurin ihre Haare zu einem unförmigen Vogelnest toupierte, erzählte Mamma Carlotta von Lorenzo Vaccaro, der einstmals in die Mutter der Braut verliebt gewesen war. „Vielleicht hat er von Matteas Hochzeit gehört und erfahren, dass Alessandra schon Witwe ist.“ Sie verdrehte genüsslich die Augen, wie sie es immer tat, wenn sie sich fremde Schicksale zusammenreimte. „Una buona idea. Wenn die Tochter heiratet, ist jede Mutter weich und nachgiebig.“

„Und dass sie ihn so schlecht behandelt hat?“

„Das ist viele Jahre her. Das hat er ihr sicherlich verziehen. Vermutlich hat er bald gemerkt, dass er sie trotz allem noch liebt.“

Nun mischte sich auch die Friseurin ein, die das Toupieren mittlerweile zugunsten eifrigen Zuhörens aufgegeben hatte. „Sind Sie denn sicher, dass Lawrence Fisher wirklich derselbe ist wie Lorenzo Vaccaro?“

Nein, sicher war Mamma Carlotta keineswegs. Sie hatte den Liebhaber ihrer Cousine nur ein einziges Mal gesehen, und das war mehr als zwanzig Jahre her. „Aber der Zettel, den ich gefunden habe, ist ein Beweis. Finden Sie nicht?“

Anna Wilders schien nicht sicher, ob ihr die fremde Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegensah, wirklich gefiel. „Vielleicht doch nur ein Zufall.“

Die Kosmetikerin war mittlerweile auch für die Geschichte entbrannt. „Gibt’s auch äußerliche Ähnlichkeiten?“

»Die dunklen Locken …« Mamma Carlotta überlegte eine Weile, ob ihr noch etwas einfiel. Doch sie kam nicht weit, denn die Tür wurde aufgerissen.

Emilio Fontana stand in der Tür, aufgeregt, atemlos und sogar ein wenig überspannt. „Michele ist gefunden worden.“

Mamma Carlotta atmete erleichtert auf. „Gott sei Dank! Ist Mattea wohlauf? Kann die Hochzeit nun gefeiert werden?“

Der Commissario schüttelte langsam, sehr langsam den Kopf. Er strich sich über seinen Kaschmirpulli und richtete den Kragen seines Hemdes, ehe er antwortete: „Sie war nicht bei ihm.“

Carlotta sprang auf, und Anna Wilders verzichtete auf das Zupfen ihrer Augenbrauen. „Er hat sie irgendwo versteckt?“

„No. Impossibile.“

„Warum ist das unmöglich?“ Mamma Carlotta hätte den schönen Commissario am liebsten geschüttelt, damit er endlich sagte, was geschehen war! Madonna! Ihr friesischer Schwiegersohn war auch so langsam, das war auf Sylt jedoch ganz normal. Aber ein italienischer Commissario? Es war ihr ja von Anfang an klar gewesen: Ein so schöner Mann hatte Fehler. Möglich, dass er doch nicht dumm und eingebildet war, aber an Temperament fehlte es ihm ganz entschieden. „Perché?“, fragte sie, weil der Commissario, der eigentlich gut Deutsch sprach, vielleicht flotter reagierte, wenn er auf Italienisch angesprochen wurde.

„Er ist in Sizilien verhaftet worden“, antwortete er nun. „Und dort war er schon, als Mattea entführt wurde.“

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