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Töchter des SchweigensTöchter des Schweigens

Töchter des Schweigens

Roman

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Töchter des Schweigens — Inhalt

Dreißig Jahre lang haben sie geschwiegen. Bis eine von ihnen eine verhängnisvolle Entscheidung trifft. Und damit ihr Leben verspielt ... Sieben Freundinnen, ein düsteres Geheimnis und ein Todesfall, der die Mauern des Schweigens zerbrechen lässt.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.09.2017
Übersetzt von: Petra Zickmann
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31125-0
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 24.05.2011
Übersetzt von: Petra Zickmann
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95312-2

Leseprobe zu »Töchter des Schweigens«

Die Clique vom 28sten

 

Margarita Montero Juan (1974 Marga, 2007 Rita)
Magdalena Santos López (1974 Magda, 2007 Lena)
María Teresa Soler Rey (1974 Tere, 2007 Teresa)
Soledad Ortiz Rosell (1974 Sole, 2007 Marisol/Sole)
Candelaria Alcántara de Frías (Candela)
María del Carmen Navarro Martínez (Carmen)
Ana María Rodríguez Pozo (Ana)

 

Alle Figuren und Umstände dieses Romans sind meine Erfindung. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig, obwohl dem Teil der Geschichte, der 1973/74 spielt, natürlich einige [...]

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Die Clique vom 28sten

 

Margarita Montero Juan (1974 Marga, 2007 Rita)
Magdalena Santos López (1974 Magda, 2007 Lena)
María Teresa Soler Rey (1974 Tere, 2007 Teresa)
Soledad Ortiz Rosell (1974 Sole, 2007 Marisol/Sole)
Candelaria Alcántara de Frías (Candela)
María del Carmen Navarro Martínez (Carmen)
Ana María Rodríguez Pozo (Ana)

 

Alle Figuren und Umstände dieses Romans sind meine Erfindung. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig, obwohl dem Teil der Geschichte, der 1973/74 spielt, natürlich einige persönliche Erfahrungen zugrunde liegen. Was Bars, Diskotheken et cetera in meiner Heimatstadt Elda oder auf Mallorca angeht, habe ich mir die Freiheit genommen, echte und erdachte Namen zu mischen. Auch habe ich den Fahrplan der Fähre geändert, die 1974 zwischen Alicante und Palma de Mallorca verkehrte, um ihn bestimmten Erfordernissen der Erzählung anzupassen.
Ich möchte all denen danken, die mich durch eine prägende Lebensphase, meine Gymnasialzeit, begleitet haben, meinen Klassenkameraden und -kameradinnen ebenso wie Lehrern und Lehrerinnen, die, manche im positiven, manche im negativen Sinn, Einfluss auf meine Entwicklung genommen haben, indem sie mir Beispiele für nachahmenswerte oder verwerfliche Verhaltensweisen lieferten. Viele von ihnen habe ich seither nie wieder gesehen, widme ihnen aber mit diesen Seiten meine Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit und wünsche ihnen, dass die Zukunft, von der wir damals träumten und die heute unsere Gegenwart ist, ihnen wenigstens einen guten Teil dessen beschert hat, was sie sich erhofften. E. B.

 

Old sins cast long shadows.
Alte Sünden werfen lange Schatten.

 

Englisches Sprichwort

 

Was ich getan habe, was ich tun werde, ist nicht mehr von
Bedeutung: Im Leben, im Traum, in schlaflosen Nächten bin ich
nichts weiter als die nagende Erinnerung an diese Taten.

 

Adolfo Bioy Casares
El perjurio de la nieve

 

Aus den Aufzeichnungen von Candela Alcántara

 

Stell dir deine Geburt folgendermaßen vor:
Du wirst nicht geboren, wenn man dich dem Mutterleib entreißt. Was da geboren wird, ist ein Potenzial, ein winziges Wesen, das zu nichts weiter imstande ist, als nach Nahrung, Wärme und Zuneigung zu verlangen. Von den Erwachsenen um dich herum lernst du nach und nach, wer du bist, wo du lebst, wie deine Welt ist.
Und die Welt ist wie ein gewaltiges Schloss, voller Reize, voller Gefahren, ein verwunschener Ort, wo alles fremd und geheimnisvoll ist. Aber sie sind da, um dir zu zeigen, wo du spielen kannst, was du meiden musst, was dir zuträglich ist und was nicht.
Du stellst nichts infrage, ziehst keine Vergleiche, die Dinge sind, wie sie sind, du greifst zu und genießt sie, wenn du Glück hast. Wenn du Pech hast, selbst wenn du das noch gar nicht weißt, erduldest du sie, nimmst sie hin und forschst weiter.
Eine nach der anderen öffnen sich dir die Türen zu Räumen, deren Zweck dir kaum begreiflich ist, und, geführt von den Erwachsenen, durchwanderst du zuerst das Erdgeschoss, steigst dann, höher, immer höher, die steile Treppe hinauf, riesige Stufen aus Ebenholz und Elfenbein wie die Tasten eines Klaviers, das deine anfangs zaghaften und, je größer du wirst, immer festeren Schritte zum Klingen bringen.
Irgendwann kennst du das Schloss, oder zumindest glaubst du das. Du kennst die Anordnung der Zimmer, findest dich mühelos in den gewundenen Gängen zurecht, weißt, was sich hinter jeder geschlossenen Tür verbirgt. Die Geräusche des Hauses sind dir vertraut und seine Düfte und sein Gestank.
Und eines schönen Tages nehmen die Menschen, die dich am meisten lieben, die dich bis zu diesem Augenblick begleitet haben, plötzlich deine Hand und sagen dir in diesem geheimnisvollen Flüsterton, auf den du seit Langem sehnlich gewartet hast, dass es nun so weit ist, dass der Moment gekommen ist, das Labyrinth kennenzulernen.
Du hast immer gewusst, dass es im Schloss ein Labyrinth gibt. Du hast die Großen davon reden hören, wenn du dich bei ihren endlosen Alte-Leute-Gesprächen gelangweilt hast. Du hast sie jammern, fluchen, weinen und sinnlose Mutmaßungen darüber anstellen hören, wie der Weg hätte verlaufen können. Und immer hast du gewusst, dass du es schaffen wirst, dass für dich kein Labyrinth zu schwierig ist, weil du anders bist, besser als sie alle, weil du jung bist und niemals zurückblicken wirst.
Zuweilen befindet sich das Labyrinth im Keller des Schlosses, zuweilen unter dem Dach, immer weit weg, außerhalb deiner Reichweite, sodass du es bequem vergessen kannst, während du wartest, bis die Reihe an dir ist. Doch jetzt ist es da, vor deinen Augen, und es ist immer das Gleiche: ein einladend geöffnetes Tor, ein kleiner hell erleuchteter Vorraum mit mehreren geschlossenen Türen. Manchmal sind es nur zwei, manchmal so viele wie in einem Hotelflur, und du rührst dich lange nicht von der Stelle, siehst dir alles genau an, versuchst, dich zu entscheiden, deinen Weg zu wählen.
Dann verschwinden die Erwachsenen und lassen dich vor dem Labyrinth allein. Hinter dir geht das Licht aus, und du weißt, dass es kein Zurück gibt, dass du ihnen wiederbegegnen wirst, wenn du die richtigen Türen wählst, aber dass es nie mehr dasselbe sein wird, denn das Schloss wird sich verändern, während du im Labyrinth bist, und die Menschen werden sich verändern, auch wenn du sie immer wiedererkennen wirst. Was du nicht weißt, ist, dass auch du dich verändern wirst. Sie haben es dir gesagt, aber du hast es nicht verstehen wollen. Sie haben dir gesagt, dass du wachsen, reifen und eines Tages so sein wirst wie sie. Und du hast ihnen nicht glauben wollen.
Dennoch weißt du jetzt, dass es so ist, und mit einem Mal hast du Angst, solche Angst, dass du am liebsten kehrtmachen und dich zurück in das Schloss flüchten möchtest, in dem du dich auskennst, obwohl das hieße, dich nicht im Labyrinth zu beweisen, niemals die
Kammer im Zentrum zu erreichen, die den Besten vorbehalten ist, diese Kammer, die zugleich ein Garten ist, dessen Bäume Früchte aus Edelsteinen tragen.
Plötzlich schreckt dich der Gedanke, dass du – selbst wenn du die Kammer findest – danach noch den Ausgang auf der anderen Seite suchen musst und dass jenseits davon das große Unbekannte liegt, das dir noch nie jemand in Begriffen geschildert hat, die du hättest verstehen können.
Du blickst zurück, und das Schloss mit seinen behaglichen Zimmern, die im Lauf der Jahre immer kleiner und vertrauter geworden waren, ist verschwunden, verschluckt von der Finsternis, und dir bleiben nur das Licht, das dir entgegenleuchtet, die geschlossenen Türen und der Weg nach vorn.
Irgendwann öffnest du eine der Türen, und sobald sie sich hinter dir schließt, weißt du, dass du zum letzten Mal hindurchgegangen bist, dass du eine Entscheidung getroffen hast, dass der Raum, den du vor dir siehst, jetzt die Realität ist, die du erobern, durchqueren musst, um zum nächsten Saal, zur nächsten Treppe, in den nächsten Garten zu gelangen, wo sich die Pfade gabeln und, sobald du dich für einen entschieden hast, die anderen im Dunst verschwinden werden.
Schon bist du im Labyrinth und weißt, dass du lebend nicht wieder herauskommst.

 

Juni 2007

 

La mejor distancia es la mayor.
Die beste Entfernung ist die größte.

 

Joaquín Sabina,Con lo que eso duele

 

Obwohl sie eigentlich vorgehabt hatte, das Auto ein Stück weiter oben stehen zu lassen und zu Fuß hinunterzugehen, parkte Rita fast vor Lenas Haustür, stellte den Motor ab und blieb einige Minuten so sitzen, absurderweise auf der linken Seite, rechts den Hebel der Gangschaltung, die Hände am Lenkrad und den Blick verträumt auf die scheußliche Franziskus-Kirche gerichtet – weiß, modern in den Sechzigerjahren, äußerlich wie ein Fabrikgebäude –, die so gute Erinnerungen in ihr weckte.
Allmählich dachte sie, dass es ein Fehler gewesen war, Ingrid allein nach Andalusien fahren zu lassen, aber nach den letzten zwei Wochen hatte sie es für eine gute Idee gehalten, eine Weile in ihrem Heimatdorf auszuspannen, mit all den Dingen wieder in Berührung zu kommen, Menschen zu treffen und Beziehungen aufleben zu lassen, die sie für immer verloren geglaubt hatte.
Sie schaute auf die Uhr und seufzte. Fünf vor acht. Ihr blieben noch fünf Minuten, ehe sie klingeln und in Lenas Universum eintauchen würde. Lena war allem Anschein nach die Einzige von ihnen, die den Vorlieben ihrer Jugend treu geblieben war. Mechanisch, ohne zu überlegen, ob sie wirklich Lust darauf hatte, zündete Rita sich eine Zigarette an. Von Vorlieben, an denen sich seit der Jugend nichts geändert hat, musst gerade du reden!, sagte sie sich. Mit der freien Hand strich sie sich übers Haar und warf einen Blick auf den Rücksitz, auf die Flasche Rioja und das Sträußchen Wiesenblumen, die sie gekauft hatte. Ob es heutzutage in Spanien wohl üblich war, einer Freundin, die dich zum Abendessen eingeladen hatte, Wein und Blumen mitzubringen? Zu ihrer Zeit war es das nicht. Sie erinnerte sich nicht, dass ihre Eltern jemals etwas mitgenommen hätten, wenn sie gelegentlich bei befreundeten Paaren zu Gast gewesen waren. Allenfalls einen Teller Gebäck oder eine Eistorte zum Nachtisch. Aber in diesem Fall wäre das Unsinn gewesen; sie waren nur zu zweit, und in ihrem Alter sollten sie es mit Süßigkeiten nicht übertreiben. Mit Alkohol und Tabak war das etwas anderes. Allerdings war Rita überzeugt, dass Lena ihr einen Tee und eine dieser teuflisch stinkenden Heilkräuterzigaretten anbieten würde, die einem den Spaß am Rauchen verdarben.
Sie schmunzelte, stieg aus dem Wagen, nahm die Geschenke und betrachtete versonnen die Haustür, während ihr eine Flut von Bildern durch den Kopf schoss. Wie oft war sie zwischen ihrem fünfzehnten und ihrem achtzehnten Lebensjahr durch diese Tür gegangen! Und danach … nichts. Die englische Episode. Ihr Leben. Die letzten drei Jahrzehnte.
Sie hatte den Knopf der Gegensprechanlage noch nicht gedrückt, als ein Nachbar aus dem Haus trat, ihr die Tür aufhielt und ihr somit Gelegenheit gab, noch einen Moment im Treppenhaus zu verweilen, bevor Lena erfuhr, dass sie da war. Alles war gleich geblieben, außer dem Fahrstuhl, der früher von einem Metallgitter umgeben war und in den man heute nicht mehr hineinsehen konnte. Es roch sogar wie in ihrer Erinnerung: nach Reinigungsmitteln, aber mit einer undefinierbaren Beimischung von etwas anderem, Hunderten von sofritos vielleicht – gebratenen Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten –, nach mediterranem Leben, das sie früher als normal empfunden hatte und das ihr jetzt so anders als ihr Alltag erschien, als etwas schmerzlich Entbehrtes, Schönes.
Ein dunkler Fleck auf einer der Stufen jagte ihr einen solchen Schreck ein, dass sie sich sogar bückte, um sich zu vergewissern, dass es nicht das war, was sie befürchtet hatte. Wahrscheinlich hatte ein Nachbar einen Müllsack heruntergetragen, der zu lange auf dem Balkon in der Sonne gestanden hatte und schon tropfte.
Sie fuhr sich mit der Hand über den Nacken und stellte fest, dass er feucht war. Die Hitze, vermutete sie. Und noch etwas. Die Erinnerung an jenen sechsten September. Sie wusste, dass es der sechste September war, denn als Lena, die damals noch Magda hieß, bei ihr anrief, hatte sie geduscht und wollte gerade anfangen, sich zurechtzumachen, um mit den Mädels etwas trinken zu gehen und sich das Feuerwerk anzusehen, mit dem das Stadtfest eröffnet wurde.
Als sie die Wohnung ihrer Freundin erreichte, mit nassen Haaren, in Jeans und T-Shirt, fand sie die Tür offen und eine Blutspur auf ebendieser Treppe. Magda war hinuntergelaufen, um ihr die Haustür zu öffnen, wobei sie sich die Handgelenke hielt, die sie sich mit einer Rasierklinge aufgeschlitzt hatte, und saß schluchzend auf dem Absatz vor ihrer Wohnung.
Nie hatte sie dieses Bild vergessen können. Magda, weinend, weiß wie die Wand, an der sie lehnte, in einem geblümten Nachthemd, das schon ziemlich alt gewesen sein musste, weil die Blümchen schon verblasst waren, und überall Blut. Rot in ihrem Schoß, dunkler um sie herum.
Vage erinnerte Rita sich an alles andere, das Telefon, den Rettungswagen, die Musik verschiedener Kapellen, die sie hörten, während sie mit Vollgas durch den Ort brausten, ohne durch die Milchglasscheiben irgendetwas zu sehen.
Sie hatte es nie jemandem erzählt. Magda hatte sie unter Tränen angefleht, es keinem zu sagen, und Rita hatte sich eine plausible Erklärung einfallen lassen, wie so oft. Im Erfinden glaubhafter Lügen war sie schon immer gut gewesen.
Sie schüttelte den Kopf, als wären diese Bilder lästige Moskitos. Das alles lag fast dreiunddreißig Jahre zurück. Vor zwei Wochen, als sie ihre Jugendfreundin Lena zum ersten Mal wiedergesehen hatte – dachte sie und schmunzelte, weil sie zufällig beide beschlossen hatten, ihren Namen zu ändern und künftig nur noch die zweite Hälfte zu verwenden: Magda-Lena, Marga-Rita –, hatte sie an ihren Handgelenken die Narben von damals gesucht und kaum eine feine perlmuttfarbene Linie entdecken können, die von allem Möglichen herrühren mochte. Lena hatte ihren Blick jedoch bemerkt, gelächelt und sich abgewandt.
Was wollte Lena ihr nun sagen? Wollte sie ihr tatsächlich erzählen, wie bei ihrer Einladung angedeutet, was sie über jene Nacht auf dem Schiff wusste? Und sie selbst? Wollte sie es nach all der Zeit überhaupt noch wissen?
Einen Moment lang fühlte sie sich versucht umzukehren, Lena anzurufen und zu sagen, ihr sei etwas Unvorhergesehenes dazwischengekommen und sie könne ihre Verabredung nicht einhalten, aber sie wusste, dass das feige und dumm wäre. Also stieg sie in den ersten Stock hinauf, denn mittlerweile war es sieben Minuten nach acht, spät genug, dachte sie, um nicht mit ihrer britischen Pünktlichkeit aufgezogen zu werden, wie es ihr sogar in London ständig erging.
Es war die linke Tür. Hinter der rechten hatte vor vielen Jahren Ritas längst verstorbene Großmutter gewohnt, die damals eine leutselige, lebhafte Frau gewesen war.
Als sie auf die Klingel drücken wollte, stellte sie fest, dass die Tür nur angelehnt war. Anscheinend war Lenas Vertrauen in die Nachbarschaft so groß, dass sie die Tür offen ließ, wenn sie Besuch erwartete.
Trotzdem klopfte Rita an und rief dazu mit lauter Stimme: »Lena! Ich bin’s, Rita. Entschuldige die Verspätung.«
Lena gab keine Antwort, und plötzlich krampfte sich Ritas Magen zu einem pulsierenden Klumpen zusammen.
Sicher ist sie in der Küche beschäftigt und hört mich nicht, sagte sie sich. Sie nahm die Flasche und die Blumen in die linke Hand und drückte behutsam gegen die Tür. Vom Ende des Flurs, wo früher das Wohnzimmer gewesen war, drangen sanfte Saxophonklänge. Die ganze Wohnung war vom rötlichen Schein der untergehenden Sonne erleuchtet, und die Schatten von Möbeln und Gegenständen, die Rita nicht sehen konnte, zeichneten sich an der weißen Wand zu ihrer Rechten ab und lagen auf Bildern und Büchern, die fast die gesamte Fläche einnahmen.
Irgendwo war ein hartnäckiger Tropfen zu hören, der aus einem nicht ganz zugedrehten Hahn in ein Spülbecken oder eine Badewanne voll Wasser fiel.
»Lena?«
Stille. Die Musik, der Tropfen und Stille.
Sie ging den rot erleuchteten Flur entlang, wobei sie das unsinnige Gefühl hatte, auf dem Weg zum Wohnzimmer von einer Kamera verfolgt zu werden. Die Türen auf der linken Seite standen alle offen: ein kleines Gästezimmer, Lenas Schlafzimmer mit einem großen weißen Bett und vielen Kissen, eine winzige Kammer voller Bücher mit einem Glastisch für den Computer, der mit der Rückseite zur Tür stand, das Wohnzimmer, größer, als sie es in Erinnerung hatte, denn jetzt standen dort wesentlich weniger Möbel als zur Zeit von Lenas Eltern: eine riesige Eckcouch, ebenfalls weiß, ein Tisch für vier Personen, eine Stereoanlage und ein alter Fernseher, Pflanzen, die fast bis zur Decke reichten, und eine getigerte Katze, die sich bei Ritas Eintreten faul räkelte und vom Sofa sprang.
Nichts an der Einrichtung erinnerte an Lenas Hippie-Vergangenheit, ihre häufigen Indientrips. Alles war sauber, hell, beinahe unpersönlich. Wie ihre eigene Wohnung.
Sie ließ die Flasche und die Blumen auf dem Tisch zurück und ging in die Küche, die ebenfalls verändert war. Die alten Resopalmöbel waren durch Schränke aus weißem Holz mit goldfarbenen Beschlägen und einer Arbeitsplatte aus hellem Stein ersetzt worden. Auf dem Tisch stand eine abgedeckte Schüssel mit etwas, das nach Gazpacho aussah, doch davon abgesehen deutete nichts darauf hin, dass Lena ein Abendessen für sie beide zubereitet hätte.
Jetzt blieb nur noch das Bad, aber aus irgendeinem Grund, den Rita nicht einmal sich selbst eingestehen mochte, wagte sie nicht, die Tür zu öffnen und nachzusehen, ob Lena darin war. Vielleicht war sie noch einmal einkaufen gegangen, weil sie etwas vergessen hatte, das sie für das Abendessen brauchte, und hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihr eine Nachricht zu hinterlassen, weil sie davon ausgegangen war, dass Rita, wie bei den Mädels üblich, eine halbe Stunde später kommen würde. Aber hätte sie dann die Wohnungstür offen gelassen? Hätte sie sie nicht auf dem Handy angerufen und ihr Bescheid gesagt?
Sie klopfte mit den Fingerknöcheln an die Badezimmertür, fühlte sich dumm und fehl am Platz, wäre am liebsten aus der Wohnung gerannt und sehnte sich nach ihrem eigenen Zuhause, in ihre eigene Stadt, Tausende von Kilometern entfernt. Die Katze strich ihr um die Knöchel und begann, leise zu maunzen.

Elia Barceló

Über Elia Barceló

Biografie

Elia Barceló, in Elda bei Alicante geboren, lebt seit vielen Jahren in Innsbruck, wo sie an der Universität spanische Literatur unterrichtet hat. Sie ist mit einem Österreicher verheiratet und hat zwei Kinder. Bereits mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch »Das Geheimnis des Goldschmieds«,...

Pressestimmen

Schleswig Holstein am Sonntag

»Der Spanierin Elia Barceló ist mit ›Töchter des Schweigens‹ ein spannender, tiefsinniger Roman über die Macht der Erinnerung und die langen Schatten alter Sünden gelungen. «

Heilbronner Stimme

»Die Lektüre ist viel mehr als die Suche nach dem Mörder. Sie ist auch Milieustudie und vielfältige Biographie. Ein Frauenroman, der ohne Klischees auskommt und alles andere als oberflächlich ist.«

Berliner Morgenpost

»Elia Barceló zeichnet ihre Figuren so gekonnt, dass man sie sich richtig gut vorstellen kann, und sie schreibt so spannend, dass man unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Eine wunderbare literarische Entdeckung.«

Dolomiten Tagblatt der Südtiroler

»Elia Barceló erzählt von Liebe, Lügen und Verrat und steigert dabei die Spannung ins Unerträgliche.«

Oberhessische Presse

»Elia Barcelós neues Buch ist einerseits ein klassischer Thriller mit jeder Menge spannender Wendungen und Sackgassen. Zudem fängt sie wie in einem Brennglas das ein, was Jugend ausmacht: das schwärmerische Bauen von Luftschlössern ebenso wie das todtraurige Am-Boden-Liegen aus Liebeskummer. Schnell entwickelt die Autorin einen erzählerischen Sog, dem sich kein Leser entziehen kann. (…) Wie schon in den vorherigen Romanen >Das Geheimnis des Goldschmieds< und >Das Rätsel der Masken< versteht es die Spanisch-Dozentin der Universität Innsbruck meisterhaft, verschüttete Ereignisse ans Tageslicht zu holen und ihre unheilvolle Macht auf die Gegenwart darzustellen.«

NDR 1 Niedersachsen

»Ein packendes Buch über authentisch wirkende Frauenfiguren im Spanien in den letzten Jahren der Franco-Ära bis heute.«

Ruhr Nachrichten

»Spannend bis zum Schluss ist dieses Buch. Voller Rätsel, die man als Leser unbedingt lösen will.«

Hellweger Anzeiger

»Elia Barceló beherrscht ihr Klavier perfekt.«

Generalanzeiger, Bonn

So gut wie Carlos Ruiz Zafón.

Freundin Donna

»Elia Barceló sorgt mit einem packenden Frauenroman für Gänsehaut und nimmt ihre Leser mit auf eine spannende Zeitreise zwischen 1976 und 2007.«

Echo (A)

»Mühelos schafft die in Innsbruck lebende Spanierin Elia Barceló ein großes Kunststück – in einem Fluss zwei Geschichten zu erzählen, die 30 Jahre auseinander liegen, und dabei die Entwicklung und Veränderung der sieben Frauen überzeugend darzulegen. Nicht nur tolle Literatur, sondern auch große, feinfühlige Menschenkenntnis.«

buch aktuell

»…ungeheuer fesselnd.«

Buchmedia Magazin

»Wieder schafft es Barceló, sukzessive die Spannung zu erhöhen und eine Geschichte zu erzählen, in der man Schicht für Schicht der Wahrheit auf die Spur kommt. Vielleicht.«

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