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TodeskabinettTodeskabinett

Todeskabinett

Kriminalroman

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Todeskabinett — Inhalt

Der Berliner Innensenator wird im Grunewald tot in seinem Auto aufgefunden. Zunächst sieht alles nach einem tragischen Unfall aus, doch Kommissar Michael Schöne kommen bald Zweifel. Der einflussreiche Politiker starb nur wenige Tage vor der Senatswahl und kurz nachdem bekannt wurde, dass er in einen Korruptionsskandal verwickelt war. Als dann auch noch ein Augenzeuge auftaucht, der behauptet, eine dunkle Gestalt vom Unfallort flüchten gesehen zu haben, spricht zu vieles gegen einen Verkehrsunfall ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.06.2014
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30508-2
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 10.06.2014
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96674-0

Leseprobe zu »Todeskabinett«

1

 

Die junge Frau stieg aus der letzten U-Bahn, die unweit des Grunewalds in den Bahnhof Onkel Toms Hütte einfuhr. Das fahle Licht der Neonröhren zeichnete tiefe Schatten in ihr Gesicht, und sie war froh, allein auf dem Bahnsteig zu sein.

Bestimmt sehe ich schrecklich aus in diesem Licht, dachte sie. Ihre Haut würde glänzen und ihr Gesicht rund und speckig wirken. Da konnte ihre Mutter hundertmal sagen, sie sei nicht dick. Sie sah doch die Fettrollen, die unter ihrem Top hervorquollen. Sie war doch nicht blöd.

Der Zug fuhr weiter, und auf dem [...]

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1

 

Die junge Frau stieg aus der letzten U-Bahn, die unweit des Grunewalds in den Bahnhof Onkel Toms Hütte einfuhr. Das fahle Licht der Neonröhren zeichnete tiefe Schatten in ihr Gesicht, und sie war froh, allein auf dem Bahnsteig zu sein.

Bestimmt sehe ich schrecklich aus in diesem Licht, dachte sie. Ihre Haut würde glänzen und ihr Gesicht rund und speckig wirken. Da konnte ihre Mutter hundertmal sagen, sie sei nicht dick. Sie sah doch die Fettrollen, die unter ihrem Top hervorquollen. Sie war doch nicht blöd.

Der Zug fuhr weiter, und auf dem Bahnsteig wurde es still. Sie fühlte sich müde und auf unangenehme Weise betrunken. Es war eine furchtbare Party gewesen. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb hatte sie zu viel getrunken. Ihre Klassenkameradinnen hatten die ganze Zeit Bowle nachgeschenkt, süßes und klebriges Zeug, in dem schwere Dosenfrüchte schwammen. Ihr war übel.

Sie stellte sich auf die Rolltreppe und starrte die schmutzig grünen Wandfliesen an. Es war immer das Gleiche, und sie konnte nichts dagegen tun. Warum glaubte sie, dass etwas nicht in Ordnung sei, sobald kein Junge da war, der versuchte seine Hand unter ihr Top zu schieben? Warum glaubte sie, nichts wert zu sein, wenn sich an einem Abend keiner offenkundig für sie interessierte? Es war falsch, so zu denken, das wusste sie. Aber sie konnte nicht anders.

Kevin war auf der Party gewesen. Er hatte nach schalem Bier gerochen, und sie hatte sich beeilt, ihn zu küssen, in der Hoffnung, dass sie den Gestank dann nicht mehr bemerken würde. Sie hatte ihm versprochen, mit zu ihm nach Hause zu fahren, heute Nacht. Aber dann war Kevin plötzlich weg gewesen, und sie musste eine Weile nach ihm suchen, bis sie ihn bei seinen Kumpels fand. Da war er so betrunken, dass ihm sogar das Sprechen schwerfiel. Er hatte sie längst vergessen.

Sie verließ die U-Bahn-Station und trat auf die ausgestorbene Straße. Es war Ende September, und die Nächte wurden schon empfindlich kühl. Sie fror. Lange würde es nicht mehr dauern bis zum ersten Frost.

Ihr Fahrrad lehnte an einem Blumenladen. Sie öffnete das Schloss und fuhr los. Der Weg führte durch den Grunewald, doch das störte sie nicht. Sie mochte es, auf dem Rad zu sitzen und an den dunklen Sträuchern vorbeizufahren. Dann konnte sie sich treiben lassen. An nichts mehr denken, nichts mehr fühlen.

An den Birken bog sie in den Schotterweg ein. Das Licht der Laternen reichte nicht weit, es wurde dunkel.

Der Mann kam aus dem Nichts. Er sprang aus den Büschen, so plötzlich, dass sie gar nicht begriff, was passierte. Dann spürte sie Sand und dürres Gras im Mund, das Rad lag neben ihr. Der Mann packte sie, er riss sie herum, war dicht über ihr, atmete schwer. Sein Gesicht war eine schwarze Fläche. Er zerrte an ihren Handgelenken und schleifte sie über den Weg zu den Büschen.

Nicht ins Gebüsch. Nicht ins Gebüsch.

Ihr Top rutschte hoch, Schottersteinchen ritzten in ihre Haut. Sie hörte einen Schrei, doch es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass sie selbst es war, die geschrien hatte. Noch einen Meter, dann würde sie unter dem Blätterdach am Wegesrand verschwunden sein.

Es war der Geruch, ging ihr durch den Kopf. Er kam ihr vertraut vor. Fauligsüß und muffig, als habe der Mann seine Wäsche zu lang in der Trommel gelassen. Kein Deo, kein Rasierwasser. Nur muffige Kleidung und kalter Schweiß.

Dann war er über ihr. Seine Hände zerrten gierig an ihrer Kleidung, tasteten über ihre Brüste, pressten sich tief in ihren Schritt. Sie wand sich. Eine widerliche Erektion drückte sich durch seine Hose gegen ihren Schenkel. Sie schrie wieder.

»Lassen Sie die Frau los!«

Eine Männerstimme, aus Richtung der U-Bahn-Haltestelle.

Der Angreifer erstarrte.

»Lassen Sie die Frau los! Ich rufe die Polizei!«

Der Mann sprang auf und flüchtete in die Büsche. So schnell er aufgetaucht war, so schnell war er wieder verschwunden. Als hätte es ihn nie gegeben.

Sie war frei.

»Geht es Ihnen gut?«, rief die Stimme. »Soll ich einen Arzt holen?«

Sie schüttelte den Kopf. Erst jetzt blickte sie zu dem anderen Mann hinüber. Eine Silhouette neben den Birken, dort, wo sie in den Wald abgebogen war.

Vorsichtig hob sie ihr Rad auf. Es war nicht beschädigt. Nicht einmal eine Speiche war verbogen. Sie stieg auf und fuhr weiter in den Wald hinein. Wenn sie auf dem Rad saß, konnte sie sich treiben lassen. An nichts mehr denken, nichts mehr fühlen.

 

 

2

 

 

Ist Tieneck noch zu halten?

Wenige Tage vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus sorgen neue Vorwürfe gegen Innensenator Günther Tieneck für Wirbel. Noch sind die Umstände des Verkaufs von dreißigtausend landeseigenen Wohnungen an die US-Investmentgesellschaft Arbus, die der damalige Bausenator Tieneck initiiert hatte und denen der Vorwurf der unerlaubten Preisabsprache anhaftet, nicht geklärt, da werden schon neue Vorwürfe laut. Ex-Staatssekretär Müller, der gemeinsam mit Tieneck den Verkauf begleitet hat, soll jüngst einen hochdotierten Beratervertrag bei Arbus unterschrieben haben. Nicht nur die Opposition vermutet hier Untreue und Korruption. Tieneck äußerte sich bislang nicht öffentlich dazu. In der Regierungspartei brodelt es gewaltig. Viele Parteifreunde wünschen sich vom Regierenden Bürgermeister Hans Brohr klare Worte in der Affäre. Brohr soll Tieneck möglichst noch vor der Wahl aus seinem Amt als Innensenator entlassen, denn die Affäre drückt empfindlich auf die Umfragewerte der Partei.

 

Erstmals Mehrheit für Regierungswechsel

Die letzte Umfrage vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus zeigt erstmals eine knappe Mehrheit für die oppositionellen Sozialisten. Damit erhält der Regierende Bürgermeister Brohr eine deutliche Quittung der Wähler für seinen Umgang mit den Affären seines Innensenators Tieneck. Viele Bürger sind unzufrieden mit dem Verbleib Tienecks im Kabinett. Brohr solle klare Kante zeigen und Tieneck entlassen.

 

Brohr stärkt Tieneck den Rücken

Der Regierende Bürgermeister Hans Brohr hat sich trotz der Vorwürfe hinter seinen umstrittenen Innensenator gestellt. Im Fall einer Wiederwahl kündigte er an, Tieneck im Amt des Innensenators zu belassen. Nach aktuellen Umfragen droht den Bürgerlichen bei der Wahl am kommenden Sonntag jedoch der Verlust der absoluten Mehrheit. Durch das Festhalten am Innensenator könnte der Bürgermeister den sicher geglaubten Wahlsieg in letzter Minute noch verspielen.

Der Stapel mit den Tageszeitungen auf Jennys Schreibtisch war noch völlig unangerührt. Sie war an diesem Tag nicht einmal dazu gekommen, die wichtigsten Artikel zu überfliegen. Der Wahlkampf war in seiner Endphase, und selbst für Zigarettenpausen war kaum noch Zeit. Ein kurzer Blick auf die oberste Titelseite reichte aus, um zu wissen, was das Hauptthema der Presse war.

Günther Tieneck. Seit Wochen kam er aus den Schlagzeilen nicht heraus. Nach der Sache mit dem Verkauf der landeseigenen Wohnungen hatte die Presse begonnen, sich den Innensenator vorzunehmen. Er hatte Leichen im Keller, natürlich. Und mit dem Versuch, sie um jeden Preis zu verheimlichen, war er grandios gescheitert. Wenn etwas scheibchenweise ans Licht kommt, lecken die Leute Blut. Die Spannung wird größer, und sie wollen immer mehr.

Vorkommnisse wurden wieder ausgegraben, aus der Zeit, als Tieneck Bausenator gewesen war. Korruptionsvorwürfe, Vorteilnahme, und schließlich musste sogar die längst vergessene Bankenaffäre herhalten. Immer neue Fakten waren hervorgewühlt worden. Für die Presseabteilung der Bürgerlichen Partei, bei der Jenny als Referentin arbeitete, war die Sache eine einzige Katastrophe.

Eilig schob sie den Zeitungsstapel beiseite. Sie suchte nach der Telefonnummer der Catering-Firma. Der Geschäftsführer hatte versprochen, spätestens um sechs Uhr in der Landesgeschäftsstelle zu sein und das Büfett aufzubauen. Nun war es schon nach halb acht, und noch immer war niemand eingetroffen. Sie wühlte sich durch die Unterlagen auf dem Schreibtisch. Irgendwo musste dieser verfluchte Zettel doch sein.

Man hatte ihr die Organisation der Feier zu Ehren der Wahlkampfhelfer aufgehalst. Zu allem Überfluss hatte der Regierende Bürgermeister darauf bestanden, alles in der Parteizentrale stattfinden zu lassen. Zum Glück waren Wahlkampfhelfer dankbar und bescheiden. Die fühlten sich geschmeichelt, wenn überhaupt etwas zu ihren Ehren veranstaltet wurde. Und an diesem Abend würde der Regierende Bürgermeister selbst vorbeikommen und allerlei Parteiprominenz mitbringen. Da würde die Verspätung beim Büfett schon nicht so schlimm sein.

Endlich. Da war die Nummer. Sie griff nach dem Telefonhörer.

»Die müssen jeden Moment da sein«, versicherte ihr ein gestresst wirkender Mann. »Wir hatten einen Stromausfall, deswegen verzögert sich alles. Tut mir sehr leid, wirklich.«

Jenny überlegte, ob sie ihn damit durchkommen lassen sollte. Schließlich waren sie nicht irgendeine Partygesellschaft. Brohr persönlich zahlte den ganzen Spaß. Aber was brachte es schon, jetzt am Telefon herumzuschreien. Also beließ sie es dabei und beendete das Gespräch.

Im großen Gruppenraum stimmte der Alleinunterhalter die Orgel ein. Jenny hatte sich große Mühe mit der Dekoration des Raums gegeben. Wandschmuck, Blumen, Tischservietten, Teelichter, weißes Geschirr. Doch egal was sie tat, dieses Zimmer ließ sich nicht in einen Festsaal verwandeln. Es wirkte trotz allem eher wie ein Besprechungsraum beim Roten Kreuz. Mit Partyatmosphäre hatte das nichts zu tun.

Der Alleinunterhalter blickte auf und lächelte ihr zu. Beiläufig wechselte er zu einem neuen Stück und spielte die ersten Takte von Neue Männer braucht das Land. Dann suchte er wieder ihren Blick und zwinkerte. Sie mühte sich ein Lächeln ab und winkte. Ihre Mutter hätte das vielleicht charmant gefunden.

Die ersten Gäste hatten sich bereits um einen der Stehtische versammelt. Wahlkampfhelfer waren offenbar in der Mehrzahl Männer. Hauptsächlich Rentner, die ihr Leben lang konservativ gewählt hatten und sich jetzt im Ruhestand mit Parteiarbeit die Zeit vertrieben.

Diese ersten Gäste standen mit verschränkten Armen und finsteren Mienen beisammen, und Jenny wusste bereits, worüber sie sprachen. Günther Tieneck. Oder auch Titaneck, wie er innerhalb der Fraktion scherzhaft genannt wurde. Der sinkende Titaneck.

»Ich verstehe den Hans nicht!«, rief einer und meinte damit Hans Brohr, den Regierenden Bürgermeister. »Der muss da doch durchgreifen!«

»Wenn man ihn so sieht, könnte man fast glauben, der hätte Angst vorm Tieneck.«

»Dabei ist Tieneck derjenige, der Angst haben sollte.«

»Ich will gar nicht wissen, was da noch alles rauskommt. Tieneck hat offenbar vor nichts haltgemacht. Sogar in die eigene Tasche hat er gewirtschaftet!«

»Aber das halbe Kabinett kuscht vor dem. Ich versteh das einfach nicht.«

Jenny atmete durch und legte ihr gewinnendes Lächeln auf. Na, dann mal los!, dachte sie und trat an den Stehtisch.

»Guten Abend, meine Herren!«, rief sie heiter. »Wie ich sehe, sitzen Sie hier auf dem Trockenen. Tut mir leid, das Catering hat Verspätung, aber im Kühlschrank der Geschäftsstelle unten müssten noch ein paar Flaschen Bier kalt stehen. Also: Wem darf ich denn eins bringen?«

Sofort erhellten sich die Gesichter der Männer. Ihr ganzer Ärger schien vergessen. Ein paar Flaschen Bier und das Lächeln einer jungen Frau, dachte Jenny amüsiert. Es ist doch manchmal zu einfach.

Im Kühlschrank der kleinen Küche fand sie sechs Flaschen. Es würde fürs Erste reichen. Hauptsache, der Caterer kam jetzt bald.

Als sie mit dem Bier ins Treppenhaus trat, schlug mit Wucht die Tür zum Hintereingang auf. Sofort war der Hausflur voller Menschen. Hans Brohrs enger Zirkel, der Wahlkampfstab des Landesverbands, und mittendrin der Bürgermeister. Laut palavernd und ohne von Jenny Notiz zu nehmen. Seine Mitarbeiter waren es, die Brohr zu dieser Party geraten hatten. Der Regierende sollte in seiner sozialen Kompetenz wahrgenommen werden. Er würde eine kurze Rede vor den Wahlkampfhelfern halten, ein bisschen Kampfstimmung für die morgige Wahl verbreiten und sich dann klammheimlich wieder davonmachen.

Jenny trat zur Seite. Schlecht sieht er aus, dachte sie. Die Anstrengungen der vergangenen Wochen waren ihm deutlich anzusehen. Eine tiefe Furche hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Wahlkämpfe waren immer zermürbend, auch ohne einen Senator Tieneck und eine Krise innerhalb der Bürgerlichen Partei. An Brohrs Seite war Jürgen Steinbach, der Fraktionsvorsitzende der Partei. Er wirkte ebenfalls erschöpft.

Die beiden gingen an ihr vorbei. Es dauerte einen Moment, bis Brohr Jenny erkannte. Ein müdes Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Jenny!«, sagte er. »Wenigstens eine, die mich heute nicht mit Vorwürfen überschüttet. Oder irre ich mich?«

Mit seinem Lächeln hatte er sie sofort auf seiner Seite. So war es jedes Mal. Es funktionierte immer, und sie konnte nichts dagegen tun. Und das war wohl auch der Grund, weshalb er beim letzten Mal wiedergewählt worden war.

»Im Gegenteil«, sagte sie. »Zur Abwechslung können Sie jetzt mal einen mit Vorwürfen überschütten. Und zwar mich. Das Catering ist noch nicht da, und die ersten Gäste warten schon.« Sie deutete auf die Flaschen in ihrem Arm und lächelte. »Ich versuche gerade, das Schlimmste abzuwenden.«

»Ist doch kein Drama.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ist Tieneck schon da?«

»Er war hier. Er ist gerade eben nach Hause gefahren, um sich kurz auszuruhen oder so. Das hat er wenigstens gesagt. Meinen Sie denn, der lässt sich hier noch mal blicken? Also, wenn ich er wäre …«

»Und ob der sich hier blicken lässt. Er ist der erste Mann im Kabinett. Wenn er das bleiben will, dann soll er gefälligst auch den Arsch in der Hose haben, sich hier vor den Leuten hinzustellen.«

Jenny wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie verstand auch nicht, warum der Innensenator nicht einfach vor die Tür gesetzt wurde.

»Ich hatte das Gefühl, er wollte sich vor der Party drücken. Aber vielleicht kommt er ja gleich wieder.«

»Versuchen Sie doch bitte, ihn zu Hause anzurufen. Sein Handy hat er nämlich ausgestellt.«

»Und was soll ich ihm sagen?«

»Sagen Sie ihm, dass er seinen Arsch gefälligst hierher bewegen soll«, sagte Brohr. »Und zwar dalli, dalli! Die Prügel der Leute hier kann er sich ja wohl persönlich abholen.«

Dann wandte er sich wieder an Steinbach und ging weiter. Jenny drückte einer vorbeieilenden Presseassistentin die Flaschen in die Hand und erklärte ihr, an welchen Tisch sie das Bier bringen sollte. Brohr drehte sich noch einmal zu ihr um.

»Sagen Sie ihm, dass er aus dem Kabinett fliegt, wenn er hier nicht auftaucht. Das ist mein voller Ernst.«

Steinbach schüttelte den Kopf. »Wenn die Sache mit dem Konto in Luxemburg stimmt«, sagte er, »dann ist er eh nicht mehr zu halten.«

»Konto in Luxemburg?«, fragte Jenny. Was war das nun wieder für eine Geschichte?

»Wahrscheinlich ist nichts dran an der Sache«, meinte Steinbach. »Aber morgen werden die Zeitungen voll davon sein. Es kam eben als dpa-Meldung rein. Ein Millionenkonto in Luxemburg, von dem der deutsche Fiskus keine Ahnung hat.«

»Verdammt!« Jenny dachte sofort weiter. »Hat das Konto etwas mit der Partei zu tun?«

Diese Frage wollte offenbar keiner von beiden hören.

»Warten wir’s ab«, sagte Steinbach säuerlich. »Denken Sie daran, dass Günther nicht unser Schatzmeister ist.«

Steinbach wusste also von dem Konto, dachte Jenny. Zumindest musste er etwas geahnt haben. Besser, sie hielt ihren Mund.

»Kümmern Sie sich einfach darum, dass Günther hier auftaucht«, fuhr er fort, drehte sich um und ging gemeinsam mit Brohr in den Gruppenraum.

Jenny machte sich auf den Weg in ihr Büro.

Luxemburg, dachte sie. Das ist das Ende.

Wenn das stimmte, würde Günther Tieneck zurücktreten müssen. Von sich aus. Mit Würde. Aber nach seinem tyrannischen und paranoiden Verhalten in letzter Zeit blieb nicht viel Hoffnung. Es würde genauso hässlich weitergehen wie bisher.

Sie wollte beten, dass wenigstens die morgige Wahl einigermaßen über die Bühne ging.

Stefan Holtkötter

Über Stefan Holtkötter

Biografie

Stefan Holtkötter, geboren 1973 in Münster, wuchs auf einem Bauernhof in Westfalen auf. Er studierte Sozialpädagogik, war einige Jahre als Sozialarbeiter beim Jugendamt und in der Erwachsenenbildung tätig und lebt heute, neben seiner Tätigkeit als Motivationstrainer und Berater für Arbeitslose, als...

Pressestimmen

Heilbronner Stimme

»Ein aktueller Krimi nicht nur für Hauptstadt-Fans.«

Schwäbische Zeitung

»Eine spannende Handlung, stimmige Figuren und der anschaulich geschilderte Rahmen machen diesen zweiten Teil der Normannen-Saga zu einem ausgesprochenen Lesevergnügen.«

dpa-StarLine

»Gekonnt verbindet Holtkötter Elemente des Politthrillers mit denen eines klassischen Detektivromans.«

Oberhessische Presse

»Gekonnt verbindet Stefan Holtkötter Elemente des Politikthrillers mit denen eines klassischen Detektivromans.«

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