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Tief in den Wald hineinTief in den Wald hinein

Tief in den Wald hinein

Roman

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Tief in den Wald hinein — Inhalt

Harriet ist ein Schreikind. Um sie zum Einschlafen zu bringen, fährt der verzweifelte Vater stundenlang mit ihr herum, bis er eines Tages eine Stelle im Wald findet, an der das Baby ruhig wird. Jede Wiederholung des Experiments zeigt es: dies ist offenbar der einzige Ort, an dem Harriet schlafen kann. Die übernächtigte Familie beschließt, ein Haus am Waldrand zu kaufen. Thomas ist glücklich, aber seiner Frau Ann ist die Einsamkeit nicht geheuer. Mit gutem Grund, denn eines Nachts schleicht durch die Bäume ein Trupp Männer zu ihnen, und ihre Absicht ist nicht friedlich ...

 

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.02.2016
Übersetzer: Brigitte Jakobeit
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1047-8
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.02.2016
Übersetzer: Brigitte Jakobeit
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7857-5
»Starke Atmosphäre, leise Töne und ein aufziehendes Gewitter: hochspannendes Buch, das nicht viel Action braucht.«
BÜCHERmagazin
»Viel zu schnell ist die letzte Zeile erreicht. Romane wie diesen sollte es häufiger geben.«
schreib-lust.de
»Wundervoll unspektakulär erzählt, ist dieses vierfache Psychogramm ein Meisterwerk der Sensibilität, der Zwischentöne.«
Stadtblatt Osnabrück
»Dennoch, die wahre Stärke des Autors liegt nicht im Geschichten erzählen. Was Robert Williams außergewöhnlich gut gelingt, sind die Porträts seiner Figuren. Es sind knappe, aber meisterliche Charakterstudien. Das verbindet auch sein erfolgreiches Debüt 'Juke und Jon' mit diesem nun dritten Roman.«
thomasbrasch.wordpress.com
»1A-Plot, der so einiges an Spielraum für den weiteren Verlauf der Geschichte offen lässt. Die vielen unterschiedlichen Charaktere geben der Geschichte das gewisse Etwas und sorgen dafür, dass der Roman durchwegs authentisch bleibt.«
facebook.com/rundumsbuch

Leseprobe zu »Tief in den Wald hinein«

ABBEYSTEAD, 1990
Sie kamen an einem Sonntagabend. Vier (maskierte) Männer in petrolblauen Overalls. Sie traten aus dem Wald auf die schmale Straße. Das Haus, dem sie sich näherten, war eine umgebaute Scheune in einem abgelegenen Winkel des Bleasdale Forest, ein großes frei stehendes Gebäude aus dickem Backstein und Holz im Hinterland von Abbeystead. Die Männer überquerten die Straße, schritten die kurze Einfahrt entlang und klopften höflich wie freundliche Besucher an die Tür.
Harriet lag gerade auf dem Boden und las ein Buch, das sie schon langweilte, [...]

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ABBEYSTEAD, 1990
Sie kamen an einem Sonntagabend. Vier (maskierte) Männer in petrolblauen Overalls. Sie traten aus dem Wald auf die schmale Straße. Das Haus, dem sie sich näherten, war eine umgebaute Scheune in einem abgelegenen Winkel des Bleasdale Forest, ein großes frei stehendes Gebäude aus dickem Backstein und Holz im Hinterland von Abbeystead. Die Männer überquerten die Straße, schritten die kurze Einfahrt entlang und klopften höflich wie freundliche Besucher an die Tür.
Harriet lag gerade auf dem Boden und las ein Buch, das sie schon langweilte, als es klopfte. Wie bei einem Wettrennen sprang sie auf und rannte zur Tür: pumpende Fäuste, entschlossenes Gesicht, stampfende Beine. Sie war acht Jahre alt, Besuch war ein seltenes Vergnügen, und sie wollte unbedingt die Erste sein. Schwungvoll riss sie die Tür auf und sagte leicht atemlos: »Hallo«, dann glitt ihr Blick an den Overalls hoch zu den vermummten Gesichtern. Sie konnte nicht schreien. Eine kurze Pause schloss sich an, ehe der Mann, der geklopft hatte, der Anführer, sie an die Hand nahm und mit ihr in das ruhige Haus trat. Harriet ging unbekümmert mit, die anderen Männer liefen hinterher.
»Wer ist da?«, rief Thomas über den Rand seiner Zeitung hinweg.
Die Gruppe folgte seiner Stimme.

TEIL EINS

MALTHAM, 1982
1
Harriet Norton schrie wie alle Babys, aber ihr Schreien war anders. Es war ein Geschrei, das Tiere in die Flucht schlug und Eltern in Angst und Schrecken versetzte. Und es dauerte stundenlang. Ann und Thomas Norton versuchten alles, doch nichts beruhigte sie, nichts tröstete sie, es gab keinen Trick. Sie schaukelten, streichelten und massierten sie, wechselten die Windeln, wenn es gar nicht nötig war, fütterten sie, obwohl sie gerade gefüttert worden war, sangen ihr vor, bis ihnen die Lieder ausgingen. Thomas packte sie oft ins Auto und fuhr mit ihr durch die Gegend, über Hügel und in dunkle benachbarte Täler, manchmal sogar bis zu einer der drei großen Städte, in der Hoffnung, die stetige Bewegung würde sie besänftigen. Einmal wurde er mitten in der Nacht von der Polizei angehalten, als er müde und schläfrig dahinkroch, auf dem Rücksitz die strampelnde, brüllende Harriet. Als dem Polizeibeamten der Lärm entgegenschlug, schickte er Thomas schnell weiter, schlug im Weggehen voller Mitgefühl aufs Dach und dachte bei sich, dass er ganz vergessen hatte, wie laut Babys schreien konnten, ohne seine eigenen Nächte mit unterbrochenem Schlaf auch nur im Geringsten zu vermissen. Thomas probierte es mit dem Autoradio und hoffte, der Seewetterbericht, die Nachrichten oder die Musik zur späten Stunde wären die Lösung, doch nichts half.
Die Nortons kauften anderes Waschpulver, sie tauschten Harriets Bettzeug aus, sie probierten verschiedene Windeln durch, fütterten sie mit einem anderen Milchpulver, badeten sie in einem anderen Badezusatz, und als das nicht fruchtete, nur noch in Wasser. Ihre Ärztin zeigte wenig Anteilnahme. Babys schrien eben, und Harriet sei ein gesundes kleines Mädchen mit kräftiger Lunge, sagte sie. Nach vier qualvollen Monaten, als sie vor Erschöpfung den Tränen nahe waren und kaum noch einen zusammenhängenden Satz herausbrachten, gingen sie mit Harriet zu einem anderen Arzt – eine befreundete Arzthelferin arrangierte das. Vor dem Termin erklärte die Freundin dem Arzt das Problem.
»Hast du ihm auch gesagt, dass wir keine überängstlichen Eltern sind?«, fragte Ann die Freundin. »Du hast ihm hoffentlich gesagt, dass es kein normales Schreien ist.«
Dr. Standish untersuchte Harriet und erkundigte sich dabei nach ihrem Essens- und Schlafverhalten. Er lächelte sie an, hob sie in die Luft und ließ sie auf sein Gesicht fallen, lächelte wieder und schaukelte sie auf seinem Schoß. Dann gab er Ann eine glucksende, glückliche Harriet zurück, und die Nortons machten sich auf seine Diagnose gefasst. Er betrachtete die fertigen Eltern ihm gegenüber und sprach das Gefürchtete aus:
»Babys schreien nun mal, das ist das Einzige, was ich als Arzt sicher weiß. Ihre Tochter ist gesund.«
Diesmal jedoch wollten sie für ihre Sache kämpfen – sie hatten den möglichen Gegenschlag zuvor besprochen.
»Aber so schreien Babys nicht«, sagte Ann, richtete sich auf ihrem Stuhl auf, rutschte nach vorn und bemühte sich, ruhig und vernünftig zu klingen, war aber hektisch und verwirrt. »Daniel hat nicht so geschrien, er hat geschrien, aber nicht so. So etwas haben Sie noch nicht gehört. Da stimmt etwas nicht, das weiß ich genau.« Sie setzte sich zurück. »Wir halten das nicht mehr aus.«
Thomas nahm die Hand seiner Frau und ergriff das Wort, ehe der Arzt etwas erwidern konnte. »Ann hat recht. So ein Geschrei haben wir noch nie gehört, und es ist so ausdauernd, dass man Angst hat, es könnte ihr schaden.«
Aber Dr. Standish blieb fest. »Jedes Baby ist anders«, sagte er. »Manche Babys schreien stundenlang, manche schlafen schon nach den ersten paar Wochen durch. Natürlich ist das aufreibend, und vielleicht hatten Sie mit Ihrem ersten Kind Glück, aber ich versichere Ihnen, mit Ihrer Tochter ist alles in Ordnung. Es ist natürlich und normal, dass Babys schreien.«
Er lächelte den Nortons zu, und sie gaben sich geschlagen. Sie wussten, dass Harriets Geschrei nicht natürlich und normal war, aber in dem hellen Sprechzimmer am Vormittag, mit einer ruhigen und gut riechenden Harriet, konnten sie ihre Sache unmöglich vertreten. Sie standen auf und gingen, ohne dem Arzt zu danken – ein Verhalten, das für sie noch vor einigen Wochen undenkbar gewesen wäre. Verzweifelt fuhren sie nach Hause. Sie saßen in der Falle.


2
Das Geschrei war gewöhnlich am schlimmsten, wenn Harriet nachts zugedeckt in ihrem Kinderbett lag. Wenn es anfing, sobald sie hingelegt wurde, war das ein böses Zeichen, ein Hinweis darauf, dass es Stunden dauern würde. Manchmal herrschte mitten in dem Schreimarathon zwanzig Minuten lang Stille, und diese Zwischenspiele ließen die Nortons anfangs hoffen, aber sie erkannten sie schon bald als das, was sie waren – kurze Pausen, ehe der Lärm mit derselben lachhaften Lautstärke wieder einsetzte. Das Geschrei und die Schlaflosigkeit beeinflussten ihr gesamtes Leben. Sie waren zu müde, um Freunde zu treffen, und wehrten Besucher ab. Thomas kam sich bei der Arbeit nutzlos und ineffektiv vor, gelegentlich schlief er sogar am Schreibtisch ein. Ann machte sich Sorgen, dass sie den zweijährigen Daniel vernachlässigten, weil sie so kaputt waren, dass ihnen jede Energie zum Spielen fehlte. Sie redeten nur noch miteinander, um das Wichtigste zwecks Kinderbetreuung und Haushaltsführung auszutauschen. Ihre unmittelbaren Nachbarn, ein freundliches kinderloses Ehepaar, bot sein Haus zum Verkauf an, ohne es den Nortons zu erzählen. Als Ann schließlich das Schild im Garten sah, war ihr klar, dass sie wahrscheinlich wegen Harriets nächtelangem Gebrüll wegzogen. Sie fragte sich kurz, ob sie Schuldgefühle haben sollte, war aber dermaßen am Ende, dass der Gedanke schon wieder verschwand, kaum dass er ihr in den Sinn gekommen war.
Nach dem Besuch bei dem auswärtigen Arzt fing Thomas auf Anns Drängen an, jede Woche eine Nacht im Redgate Guest House zu verbringen – einer billigen Pension in einer kleinen, vierundzwanzig Kilometer entfernten Stadt. Er ließ Ann nur ungern allein mit den Kindern, aber da er den Schlaf brauchte, um weiter bei der Bank arbeiten zu können, gab er nach. Die Pension war eine langweilige, abgetakelte Klitsche mit Blick auf den Rand eines Gewerbegebiets, wo er vermutlich niemandem in die Arme liefe, den er kannte und peinliche Erklärungen abgeben musste. Die Zimmer waren recht sauber und, noch wichtiger, ruhig. Thomas kam um halb acht an, lag um acht im Bett und schlief einen totenähnlichen Schlaf, bis ihn der Wecker am nächsten Morgen um halb sieben weckte. Er blieb nicht zum Frühstück und war vor sieben zu Hause, um Ann mit den Kindern zu helfen. Danach duschte er, zog sich an und machte sich mit einem etwas klareren Kopf auf den Weg zur Arbeit.
Am Anfang lehnte Ann die Pension ab. Weglaufen war das Zeichen für eine Versager-Mutter, da war sie sicher, doch nachdem sie vier Monate lang jede Nacht Harriets entsetzliches Geschrei erlitten hatte, gab sie auf und fuhr eines Freitagabends dorthin, viel zu müde, um ein schlechtes Gewissen zu haben. Die gelegentlichen Pausen verschafften Thomas und Ann etwas Erleichterung, aber sie konnten nicht annähernd den permanenten Schlafentzug wettmachen, den sie zu Hause erduldeten. Was sie sich gegenseitig verschwiegen, war, dass Harriet in schlimmen Schreinächten ein paar Stunden in ihrem Autositz im Schrank unter der Treppe verbrachte. Dort war ihr Gebrüll zwar hörbar, aber nicht mörderisch, und der allein gelassene Elternteil musste nicht befürchten, er könnte etwas Unverzeihliches tun.
Irgendwann gingen sie völlig verzweifelt mit Harriet zu einem Kinderarzt in einer Privatklinik.
»Bitte machen Sie alles, was Ihnen einfällt, jeden Test, den es für Babys gibt«, sagte Ann.
Die Ergebnisse kamen zurück und bestätigten, dass mit Harriet alles zum Besten stand, sie war ein rundum gesundes kleines Mädchen. Nachdem der Spezialist seinen Bericht über Harriets einwandfreie Gesundheit abgeliefert hatte, betrachtete er Thomas und Ann und wollte das Wort ergreifen. Sagen Sie es nicht, flehte Ann im Stillen. Bitte sagen Sie nicht, es ist unsere Schuld.
»Babys sind sehr empfänglich für Stimmungen, Mr und Mrs Norton«, erklärte der Spezialist. »Sie spüren Stress und Spannung. Sie reagieren auf ihre Umgebung.«
Er ließ seine Worte eine Weile wirken, ehe er fortfuhr.
»Versuchen Sie, sich zu entspannen und sich an Ihrer schönen kleinen Tochter zu freuen, das ist das Beste, was Sie tun können.«
Ann hatte schon nach seinem ersten Satz nicht mehr zugehört. Ihr Gesicht glich einer verzerrten Maske. Sie sah den Weg in den Wahnsinn vor sich. Sie kam sich vor wie hundert Granaten, und wenn jemand sie auch nur berührte, würde er eine Explosion auslösen, die jeden in ihrer Nähe töten würde. Thomas dagegen war völlig am Ende.


3
Zwei Wochen nach dem Urteil des Spezialisten fuhr Thomas Harriet abends im Auto herum. Die Nacht davor hatte er in der Pension geschlafen, und er wollte Ann ein paar friedliche Stunden verschaffen. Es war Mitte Juli, überall hingen noch die Gerüche des Sommers. Tagsüber war es heiß gewesen, und selbst kurz vor Mitternacht war die Luft noch warm und verlor erst jetzt ein wenig von ihrer drückenden Schwüle. Thomas hatte die brüllende Harriet in ihrem Kindersitz festgeschnallt und fuhr auf einer schmalen Straße stadtauswärts in Richtung Norden aufs Land. Nach einigen Kilometern kam er durch ein Dorf, Shipton, dann folgte ein kleines Nest, dessen Namen er nicht kannte. Er erreichte eine Kreuzung, wo er im Bogen nach Maltham und zurück nach Hause käme, wenn er rechts abbog. Da nichts darauf hindeutete, dass Harriet müde wurde, bog er links ab und fuhr knapp zehn Kilometer zum Gipfel des Liverstock Fell, hielt an und blickte ins Tal, das sich unter ihm in geballter Dunkelheit erstreckte. Er konnte gerade noch die Anhöhen auf der anderen Talseite erkennen, flache Flecken, die sanft in den Himmel ragten, und sechs Kilometer unter ihm ein paar leuchtende Lichter, ein Dorf, das heimelig in der nordwestlichen Talecke lag. Er überlegte, ob er umkehren sollte, denn er war weiter gefahren als geplant und wurde allmählich müde, doch Harriet stieß einen brutalen lang gezogenen Schrei aus, also legte er den Gang ein und fuhr langsam in die Talmulde nach Abbeystead.
Obwohl nur zwanzig Kilometer von Maltham entfernt, befand er sich bereits auf Straßen, die zu keiner Jahreszeit viel befahren wurden. Im Winter hatte er diese schmalen Landstraßen gemieden – sie waren zu abgelegen, um gestreut zu werden –, aber seit dem Frühjahr war er des Öfteren und trotz Harriets Geschrei gern durch diese Gegend gefahren. Er hatte gemerkt, dass man ewig unterwegs sein konnte, ohne jemals dieselbe Strecke zu nehmen, und wenn man den Liverstock Fell verließ, erreichte man nach zwanzig Minuten die Hügel der anderen Talseite und konnte auf das nächste Tal in der Kette blicken. Und manchmal, ganz manchmal, hörte Harriet für ein paar Minuten auf zu brüllen, und Thomas, der völlig erschöpft an Bauernhöfen mit dicken Mauern und endlosen Feldern vorbeifuhr, verspürte eine heitere Gelassenheit.
Seit dem Besuch bei dem Spezialisten hatten er und Ann nicht mehr über Harriets Schreien gesprochen. Wenn mit ihr wirklich alles in Ordnung war und ihr markerschütterndes Gebrüll keinen Grund hatte, dann gab es kein Heilmittel, und sie konnten nichts tun. Abgesehen von den Kosten hatten sie bisher nur gelernt, dass ihre Reaktion auf das Schreien alles nur noch schlimmer machte. Insgeheim hofften sie beide, dass es irgendwann aufhören würde, wenn Harriet älter wurde. Ein Kind kann ja nicht ewig schreien, sagte sich Thomas und überlegte, ob sie wohl noch achtzehn Monate durchhalten könnten, als er auf einen schmalen Weg zu seiner Linken abbog, der ihm noch nie aufgefallen war. Der Weg schlängelte sich ein paar Kilometer in engen Kurven durch niedrige Bäume und dichtes Unterholz, dann verlief er plötzlich im Freien und wurde gerade. Thomas wandte erleichtert den Blick von der Straße und schaute hoch. Was ihm zunächst wie ein riesiger schwarzer Fleck am Horizont erschien, stellte sich im Näherkommen als dunkler, dichter Wald heraus. Plötzlich konnte er sich nichts Aufregenderes vorstellen, als mitten in der Nacht in einen schwarzen Wald zu fahren. Trotz der geraden und breiter gewordenen Straße rückten die Bäume zu beiden Seiten näher heran und weckten den gegenteiligen Eindruck; er umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen. Nach etwa fünf Minuten sah er etwas mitten auf der Straße stehen. Langsam hielt er an und spähte in die Dunkelheit. Es war ein Reh, das zurückstarrte. Ein paar Sekunden später wandte es den Kopf ab, stolzierte mit stoischer Anmut zwischen die Bäume und war verschwunden. Im selben Moment bemerkte Thomas die Stille. Er drehte sich zu Harriet um. Sie war wach und schaute ihn mit großen Augen an. Auf der Fahrt in die Talmulde und auf der schmalen gewundenen Straße hatte sie noch geschrien, da war er ganz sicher, aber er erinnerte sich nicht, wann sie aufgehört hatte. Plötzlich fiel ihm der Geruch auf. Das Fenster war offen, in der Luft hing der kräftige Duft der Bäume. Thomas fuhr an die Seite und stieg aus. Er sah sich um. Das Reh, die Stille und der Waldgeruch, das alles zusammen machte ihn wach. Da war er, mitten in der Nacht, mit seiner schönen kleinen Tochter und stand winzig unter diesen gewaltigen Bäumen. Zum ersten Mal, seit er Harriet in den Minuten nach ihrer Geburt gehalten hatte, verspürte er ein großes Glücksgefühl. Er öffnete Harriets Sicherheitsgurt, hob sie hoch und ging mit ihr zwischen den Bäumen hindurch. Zwanzig stille, glückliche Minuten lang lief er weiter, dann wurde er müde, und ihm wurde bewusst, dass er mitten in der Nacht in einem Wald fünfundzwanzig Kilometer von zu Hause entfernt war, mit einem vier Monate alten Baby in den Armen. Er bahnte sich den Weg zurück zum Auto und fuhr wieder nach Hause, voller Angst vor der Müdigkeit bei der Arbeit am nächsten Tag.
Drei Nächte später fuhr Thomas wieder mit der hinter ihm angeschnallten Harriet in die Talmulde von Abbeystead. Sie schrie vom Kinderbett bis zum Auto und machte auch auf der Fahrt keine Anstalten, eine Pause einzulegen. Nachdem er drei Mal falsch abgebogen war, fand er schließlich die Straße wieder, die sich unter den niedrigen Bäumen dahinwand und dann in den Wald führte. Er öffnete sämtliche Fenster und fuhr der Armee von Bäumen am Horizont entgegen. Dann stieg er aus und ging mit Harriet im Arm spazieren. Nach fünf Minuten war sie still. Vielleicht lag es am Geruch des Waldes, dachte er und achtete auf den Boden, um nicht über eine Wurzel zu stolpern. Nach einer halben Stunde setzte er sich hin und ruhte sich an einem Stamm aus. Harriet schlief schnell ein, und zehn Minuten später stand er auf und ging zum Auto zurück. Harriet blieb die ganze Zeit ruhig. Im Auto saß er noch ein paar Minuten mit Harriet im Arm da, flankiert von den riesigen Bäumen, beide waren sie still. Als ihn ein Tritt seiner schlafenden Tochter aufschreckte, packte er sie in ihren Sitz, wendete und fuhr zurück.
Thomas wiederholte die Fahrt noch einmal mit demselben Ergebnis. Auf der Rückfahrt in dieser Nacht überlegte er, was er zu Ann sagen könnte, aber er entschied sich gegen eine Erklärung, sie würde nur albern klingen; er wollte ihr das Ganze lieber zeigen. Er sorgte dafür, dass Daniel bei Anns Eltern untergebracht wurde, und ließ Ann am Abend vorher in der Pension übernachten, damit sie nicht so kaputt wäre und sich bereitwilliger auf den Ausflug einlassen würde. Er war nervös, als er das Thema ansprach.
»Ich glaube, ich hab was gefunden, wo Harriet aufhört zu schreien«, sagte er, »aber wenn ich es dir erkläre, hältst du mich wahrscheinlich für verrückt, deshalb möchte ich es dir lieber zeigen. Es dauert nur ein paar Stunden, mehr nicht.«
»Mir ist alles recht, wenn es nur hilft?«, sagte Ann.
Harriet wurde gefüttert, gebadet, trockengelegt und zur gewohnten Zeit ins Bett gebracht. Fünf Minuten später ging das Gejammer los. Ann und Thomas probierten sämtliche Tricks, auch wenn sie schon vorher wussten, sie würden nicht funktionieren, und ließen sie dann oben, ein kleines, wütendes Bündel, das die Decke anbrüllte. Um elf brachte Thomas sie ins Auto, und sie fuhren los. Das Ziel hatte er Ann gegenüber nicht erwähnt, denn es laut auszusprechen wäre albern gewesen. Auf der Fahrt machte er sich Sorgen, dass er sich Harriets Verstummen womöglich nur eingebildet hatte oder er vielleicht so müde gewesen war, dass er nichts mehr gehört hatte und die stillen Wanderungen im Wald gar nicht still gewesen waren, sondern er, ein an Schlafentzug leidender Mann, ein brüllendes Baby durch den Wald getragen hatte. Fünfundzwanzig Minuten später bogen sie auf die Waldstraße ab, und in dem Moment, beim Anblick der Bäume in der Ferne, verließ ihn der letzte Hoffnungsschimmer. Während Harriet ohrenbetäubend brüllend hinter ihm lag und Ann angespannt und fertig neben ihr saß, fragte er sich, was er da eigentlich tat. Den letzten Kilometer fuhr er langsamer, um Harriet Zeit zu geben, sich zu beruhigen, aber sie war erbarmungslos. Dann erreichten sie den Wald, und er fuhr noch ein Stück weiter, ehe er anhielt. Er schaute zu Ann, legte die Hand auf den Türgriff und sagte kleinlaut: »Mal sehen.«
Thomas, Harriet und Ann gingen in den Wald.
Harriet verstummte.
Schweigend gingen sie zehn Minuten lang, dann blieb Thomas stehen und sagte zu Ann gewandt: »Das ist jetzt schon das vierte Mal so.«
Ann nahm ihm Harriet ab und setzte sich, er ließ sich ihr gegenüber nieder. Sie blieben eine Stunde, ehe sie zum Auto zurückkehrten. Am nächsten Abend blieb Thomas zu Hause bei Daniel, und Ann fuhr mit Harriet in den Wald. Eine Stunde später kam sie zurück, umarmte ihren Mann im Bett und flüsterte: »Es funktioniert.«
Im Zimmer nebenan schrie Harriet wie am Spieß.
Da sie noch nie gezeltet hatten, zog Thomas los und kaufte ein Zelt, Schlafsäcke und alles, was sie seiner Ansicht nach vielleicht brauchen könnten. Am Samstagabend machte er sich mit Ann, Daniel und Harriet in einem voll beladenen Auto auf den Weg zum Bleasdale Forest.
»Dürfen wir das eigentlich?«, fragte Ann, als sie den Gipfel des Liverstock Fell erreichten. »Brauchen wir nicht eine Erlaubnis oder müssen wir nicht jemanden fragen?«
Thomas zuckte mit den Schultern, er hatte sich das auch schon gefragt, war aber zu müde, um sich zu erkundigen. Er fuhr so weit wie möglich in den Wald. Sie erreichten eine sehr schmale Straße, die irgendwann zu einer Spur wurde, und parkten an einer bröckelnden Steinmauer. Sie packten die Sachen aus, liefen los und suchten einen Platz für das Zelt. Gegen neun war alles aufgebaut, Thomas und Ann tranken Tee aus der Thermoskanne und aßen Sandwiches, Daniel und Harriet schliefen schon. Thomas und Ann legten sich ebenfalls hin, und wenig später schlief die ganze Familie. Harriet grummelte und stöhnte manchmal, und um vier Uhr früh weinte sie zehn Minuten lang, aber Ann fütterte und tröstete sie, danach war sie bald wieder still. Daniel rührte sich nicht. Es war die friedlichste Nacht, die sie seit Harriets Geburt erlebt hatten. Um sieben Uhr morgens bauten sie das Zelt ab, packten alles ein und liefen zum Auto zurück. Auf der Rückfahrt schwiegen alle, Harriet schlief ein und weinte auch nicht, als sie den Wald verließen. Ann musste lachen, als sie durch Shipton fuhren, und wenn Thomas nicht schalten musste, hielt sie seine Hand. Um acht waren sie zu Hause. Als sie abends dann im Wohnzimmer saßen und Harriet oben brüllte, drehte sich Ann zu Thomas und sagte:
»Und was machen wir jetzt?«


4
Raymond Farren sah Thomas und Harriet Norton erst bei ihrem zweiten Besuch im Bleasdale Forest. Sie tauchten in den frühen Morgenstunden vor ihm auf, und trotz seines Schocks, um diese Uhrzeit jemanden im Wald zu treffen, konnte er seinen grobschlächtigen Körper unbemerkt hinter einem Baum verbergen und die Luft anhalten, bis sie vorbei waren. Er war groß und kräftig, ein vierschrötiger Mann mit breitem Gesicht, fleischigen Lippen und klobigen Händen. Sein Gang war steif und unbeholfen – als ziehe er sich selbst am Hals vorwärts, eine gebrochene Maschine von einem Mann. Er arbeitete für einen Bauern namens Chapman und schlief in einem Wohnwagen auf dessen Grundstück. Trotz der körperlichen Arbeit konnte Raymond oft nicht schlafen und ging nachts im Wald spazieren, um die Zeit totzuschlagen und müde zu werden. Er arbeitete nur für Chapman, wenn er dort gebraucht wurde, ansonsten lebte er zu Hause in Etherton, in seinem kleinen Reihenhaus, wo er nichts zu tun hatte und deshalb dort seinen Schlaf nachholte und ganze Tage im Bett blieb. Er war überzeugt, dass sein Körper in diesen unglücklichen Wochen Energie speicherte und so ausgeruht war, wenn er wieder arbeiten musste, dass er die Nacht ignorierte und ihm den Schlaf verwehrte. Wenn er meinte, nie mehr müde werden zu können, verließ er den Wohnwagen und ging spazieren. Und weil er nicht als verrückter Nachtwandler gelten wollte, weil er nicht wollte, dass die Leute in Abbeystead noch mehr über ihn klatschten, als sie es ohnehin schon taten, überquerte er die Straße und ging in den Wald, den Bleasdale Forest, wo er nicht fürchten musste, entdeckt zu werden. Im Schutz der Nacht streifte er so lange umher, bis ihn die Müdigkeit übermannte und er in den frühen Morgenstunden mit der Aussicht auf einen kurzen Schlaf zum Wohnwagen zurückkehrte. In all den Jahren war ihm auf seinen nächtlichen Spaziergängen nie eine Menschenseele begegnet. Auch die Tiere waren scheu und wurden vom Trampeln seiner Riesenfüße rechtzeitig gewarnt. Als ihm Thomas und Harriet Norton begegneten, war er schockiert, als wäre er zwischen den Bäumen auf eine Stadt gestoßen. Er befand sich auf der westlichen Waldseite, als er vor sich ein lautes Husten hörte. Er blickte auf und sah einen Mann auf sich zukommen, der ein Bündel an der Brust trug. Ein paar Sekunden später ging der Mann an ihm vorbei, und Raymond erkannte in dem Bündel ein Baby. Er sah auch den fertigen, erschöpften Gesichtsausdruck des Mannes, und kalte Angst stieg in ihm auf.
Es war ein wolkenloser Sommerabend, selbst unter den dichten Baumkronen war es nicht völlig dunkel, und da der Mann langsam und schwerfällig ging, brauchte er ihm nicht allzu dicht auf den Fersen zu bleiben. Er stakste so verstohlen, wie sein massiger Körper es zuließ. Schließlich blieb der Mann stehen und ruhte sich an einem Baum aus. Raymond erstarrte, doch die Arme des Mannes bewegten sich nicht; sie hielten behutsam das Baby. Nach ein paar Minuten stand er wieder auf und ging denselben Weg zurück, den er gekommen war. Raymond folgte ihm zu einem Auto an der Rabbit Lane und beobachtete ihn unter den Bäumen. Der Mann stieg ins Auto, ließ den Kopf nach hinten sinken und schloss die Augen. Das Tal ist schon öfter für solche Sachen benutzt worden, dachte Raymond. Sie kommen her, weil es abgelegen ist und sie nicht aufgehalten oder von den falschen Leuten entdeckt werden können, wenn sie das erledigt haben, weshalb sie gekommen sind. Sich selbst konnte der Mann antun, was er wollte, darin sah er keine Sünde, aber dem Baby durfte nichts zustoßen. Sollte der Mann einen Schlauch aus dem Kofferraum holen, würde er sich zeigen. Er fühlte sich lebendig, während er den Mann beobachtete und sich aufs Schlimmste gefasst machte. Lebendiger als in der Zeit, als seine Mutter den vielen Krankheiten erlag, die sie am Ende ihres Lebens befallen hatten, wachsamer als bei seinem ersten Ausflug zum Gipfel des Marshaw Fell, wo er dagestanden und auf das unten im Tal liegende Abbeystead geschaut hatte.
Der Mann schloss die Augen.
»Er überlegt es sich«, flüsterte Raymond leise. »Er kommt wieder zur Vernunft.«
Plötzlich ruckte der Mann vorwärts und riss die Augen auf, er wirkte durcheinander, dann ließ er die Schultern hängen. Er küsste den kleinen Kopf in seinen Armen, schnallte das Baby in einen Kindersitz und fuhr schnell weg. Raymond ging zum Wohnwagen zurück und wusste schon jetzt, er würde die ganze Nacht nicht schlafen können. Er würde noch den Rest des Adrenalins in seinem Körper spüren, wenn er um halb sechs morgens die Kühe zum Melken treiben würde, und immer noch grübeln, was er da gesehen hatte.


5
An den Wochenenden ging Thomas im Bleasdale Forest und in der Umgebung spazieren oder fuhr die Straßen dort ab. Es war ein großes Gebiet, weit und tief, er verirrte sich oft. Auf seinen Streifzügen stieß er auf Häuser, die zurückgesetzt an einem Weg lagen, verborgen in einer jähen Senke, doch keines stand zum Verkauf, und die hiesigen Makler wussten nichts von Grundstücken, die in Waldnähe auf dem Markt waren.
»Wir setzen Sie auf unsere Liste«, sagte man ihm, doch Thomas schüttelte den Kopf. Er hatte keine Zeit, um auf einer Liste zu warten.
Statt Mitte der Woche in der Pension zu übernachten, zeltete er eine Nacht im Wald, und am Samstagabend packte die ganze Familie ihre Sachen und machte sich mit Zelt und Schlafsäcken auf den Weg. Harriet weinte zwar auch in diesen Nächten, aber es war ein Weinen, wie sie es von Daniel als Baby gewöhnt waren, ein Weinen, das man wegtrösten konnte oder das irgendwann von allein aufhörte. Ann, die vor den letzten Wochen noch nie Zelten gewesen war, sehnte sich nach den Samstagabenden im Wald, wo ihr endlich ein paar Stunden tiefen Schlafs vergönnt waren.
Die Nortons waren ratlos. Ob sie in ihrem Wohnzimmer in Maltham saßen oder im Zelt unter den Bäumen lagen, ihre Unterhaltung drehte sich fast nur um ein Thema.
»Was ist das bloß mit dem Wald?«
»Die Bäume? Der Geruch? Vielleicht beruhigt und tröstet sie das.«
»Ich weiß, aber jedes Mal? Es funktioniert immer. Daheim brüllt sie das ganze Haus zusammen, und sobald wir mit ihr im Wald sind, wird sie still. Warum?«
»Ich hab keine Ahnung.«
»Wir bilden uns das doch nicht bloß ein, oder? Glaubst du, wir haben sie nicht mehr alle?«
»Das ist mir auch schon durch den Kopf gegangen, aber können wir uns beide dasselbe einbilden?«
Sie fingen an zu experimentieren. Sie gingen mit Harriet in einem Wald in der Nähe spazieren, sie kauften Lufterfrischer mit Kiefernduft für ihr Zimmer, sie kauften zwei kleine Bäume und stellten sie auf jeweils einer Seite an Harriets Kinderbett. Vergeblich.
Thomas entdeckte die Scheune auf einem seiner Streifzüge. Sie befand sich im südwestlichen Zipfel des Walds, in der Nähe einer schmalen Straße, die sich über Hügel und zwischen den Bäumen hindurchschlängelte, und war mehr oder weniger eine Ruine. Anstelle der Tür klaffte ein riesiges Loch, und das halbe Dach fehlte. Es war ein großes, hohes Gebäude. In einer Ecke stand ein verrosteter Traktor mit platten Reifen, an der hinteren Wand lagen unordentlich alte Öldosen, und in der Mitte stand einsam und verletzlich in dem ganzen Schmutz eine immer noch weiße Waschmaschine. Die Scheune war eine Bruchbude. Aber sie war umstanden von Bäumen. Ohne richtig darüber nachzudenken, was er tat, lief Thomas die Straße entlang zum nächsten Haus, auf der Suche nach jemandem, den er fragen könnte.
Am Abend wartete er, bis Daniel und Harriet im Bett lagen, ehe er etwas sagte.
»Und sie wäre bereit, zu verkaufen?«, fragte Ann.
»Sie schien nichts dagegen zu haben. Aber es ist praktisch nur noch ein Gerippe, es müsste viel dran gemacht werden. Wir müssten alles abreißen und von vorn anfangen.«
»Warum sollten wir ein Gerippe kaufen?«
»Wir können nicht warten, bis ein Haus auf dem Markt ist, und dass wir da draußen eine Baugenehmigung für ein neues Gebäude kriegen, ist unwahrscheinlich. Aber die Scheune steht schon, jedenfalls gerade noch, wir könnten fragen, ob wir renovieren dürfen.«
»Wie viel will sie?«
»Darüber haben wir nicht geredet. Ich glaube, sie will uns erst kennenlernen, bevor sie sich entscheidet. Aber das Teuerste wären vermutlich die Bauarbeiten.«
Ann blickte in ihr Weinglas.
»Was hast du gesagt? Du hast einfach an die Tür geklopft und gefragt, ob du die Scheune kaufen kannst?«
»So in etwa. Ich hab ihr erklärt, dass wir in Maltham wohnen, dass uns die Gegend gefällt und es genau das ist, was wir gesucht haben.«
»Und sie hat ›Okay‹ gesagt?«
»Nicht direkt. Sie war besorgt, dass es wegen der vielen Bäume zu dunkel ist, da hab ich gesagt, dass wir Bäume lieben. Dass wir eine Baumfamilie sind.«
»Das kann man wohl sagen«, erwiderte Ann und stellte ihr Glas ab. »Und was machen wir als Nächstes?«
»Wir sehen, wie Harriet reagiert. Es hat keinen Sinn, etwas zu unternehmen, wenn Harriet damit nicht glücklich ist.«
Am nächsten Abend fuhr Thomas mit Harriet zu der Scheune im Bleasdale Forest. Er hob sie aus dem Auto und ging mit ihr durch die klaffende Wand zur Waschmaschine. Harriet zappelte in seinen Armen, war aber still. Er lehnte sich an die Waschmaschine, und ein paar Minuten später schlief Harriet. Sie blieben eine Stunde. Im Lauf der folgenden Woche fuhr er mit Harriet mehrmals zu der Scheune, immer mit demselben Ergebnis, also besuchten sie am nächsten Samstagnachmittag zu viert Mrs Silverwood. Auf der Fahrt versuchte er, nicht über seinen Plan nachzudenken, weil er ihm irgendwie lächerlich vorkam. Er plauderte mit Ann und verdrängte seine Gedanken an den Grund für den Besuch.
Harriet war ruhig an diesem Nachmittag, sie war im Wald; Daniel war hinreißend, er lächelte Mrs Silverwood an und plapperte irgendwelchen Kauderwelsch. Thomas hatte den Eindruck, dass niemand das Thema auf die Scheune lenken wollte. Sie unterhielten sich über seine Arbeit bei der Bank, ob Ann wieder arbeiten wolle, wenn die Kinder älter waren. Mrs Silverwood erzählte von ihren inzwischen weggezogenen Kindern, von ihrem toten Mann, Harry. Dass er in dem Haus, in dem sie saßen, zur Welt gekommen war und sein ganzes Leben lang den Hof geführt hatte. Erst als alle ihren Tee ausgetrunken hatten und die Kekse auf dem Teller aufgegessen waren, kam die Scheune zur Sprache.
»Wollen Sie sie wirklich kaufen? Diese Ruine?«, fragte Mrs Silverwood.
»Ja«, sagte Thomas, und Ann nickte.
»Da draußen kann es einsam werden«, warnte Mrs Silverwood, »und die Winter können hart sein. Kalt und lang.« Sie drehte sich zu Daniel. »Was ist mit dir, Daniel? Was sagst du dazu?«
»Keks!«, rief er, und Mrs Silverwood lachte.
Thomas beugte sich vor, die Arme auf den Knien. »Aber wir möchten Ihnen keinen Ärger machen«, sagte er. »Wir möchten Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten. Sie wohnen zwar nicht direkt neben der Scheune, aber durch die umfangreichen Bauarbeiten wird es viel Verkehr auf der schmalen Straße geben.«
Im Stillen dachte er: Eigentlich ist mir das vollkommen egal, meinetwegen können die Unannehmlichkeiten noch so groß sein. Ich will diese Scheune für meine Familie.
Mrs Silverwood sah darin kein Problem. »Solange Sie sicher sind, dass es das Richtige für Sie ist«, sagte sie, ging in die Küche, um neuen Tee zu kochen, und brachte noch einen Teller mit Keksen.
Thomas machte sich an die Arbeit. Er war von einer ungeahnten Energie erfüllt, dem Verlangen, alles zu erledigen. Er war bereit für die Schlacht und verfolgte unbeirrbar sein Ziel. Er suchte einen Architekten und zahlte ihm mehr, damit er die Pläne schneller zeichnete. Er brachte die Pläne zum Bauamt und belästigte die Mitarbeiter so lange, bis sie ihn nur noch loswerden wollten. Die Pläne wurden in Rekordzeit genehmigt, auch wenn es ihm wie eine Ewigkeit vorkam. Er gönnte sich keine Sekunde, um das zu feiern, sondern telefonierte mit Bauunternehmern, verhandelte und feilschte und überprüfte, was andere Handwerker sagten, und wenn sie ihn übers Ohr hauen wollten, wies er sie zurecht. Einmal brachte er die Empfangsdame eines Rechtsanwalts zum Weinen, weil er sich von ihm hingehalten fühlte. Er war kurz zerknirscht und dann gedanklich schon wieder bei der nächsten Sache, die erledigt werden musste. Vorgeschlagene Zeitrahmen verkürzte er um die Hälfte mit der Begründung, das könne schneller gemacht werden, und er stellte fest, dass er recht hatte – in den meisten Fällen war es so, wenn er bereit war, gut dafür zu zahlen. Er begann jeden Morgen mit einer Liste und hakte euphorisch jeden Punkt ab. Er wollte seine Familie so schnell wie möglich ihrem neuen Heim im Wald näher bringen.
Ihr Haus zu verkaufen war nicht schwer. Es war ein schönes Haus in einer schönen Stadt mit beliebten Schulen in der Nähe. Unter vier potenziellen Käufern nahmen sie das Paar, das keine Bedingungen stellte. Sie boten nicht das meiste Geld, aber sie waren bereit zu warten, bis die Nortons in ihr neues Haus einziehen konnten. Der Besuch bei Anns Eltern, um sie um Geld zu bitten, war unangenehm gewesen. Die Steads hatten das Geld und hätten alles gegeben, um Ann und ihre Enkel glücklich zu sehen, aber sie hatten keinerlei Verständnis für den Umzug.
»Ihr habt doch so ein schönes Haus. Ihr wart so froh, als ihr es gefunden habt, und habt viel Geld reingesteckt«, sagte Judith.
»Und warum da draußen?«, fragte George. »Was wollt ihr da den ganzen Tag lang machen?«
Ann und Thomas taten ihr Bestes, um ihnen die Sache zu verkaufen. Sie erwähnten die Landschaft, die frische Luft, die Natur, dass die Kinder ohne Angst ihrem Forscherdrang nachgehen könnten, doch Anns Eltern blieben skeptisch. Aber sie gaben ihnen das Geld, und dafür waren ihnen Thomas und Ann aufrichtig dankbar.
»Eigentlich könnten wir ihnen ruhig den wahren Grund erzählen«, sagte Thomas. »Sie wissen, dass wir Probleme mit Harriet hatten.«
»Ich würde ihnen liebend gern die Wahrheit sagen, wenn sie nicht so verrückt klingen würde«, entgegnete Ann, und Thomas nickte. Dass es die reine Wahrheit war, machte es nicht weniger absurd, die Sache laut auszusprechen. Sie renovierten eine verfallene Scheune mitten in einem entlegenen Wald, weil es der einzige Ort war, an dem ihre kleine Tochter nicht schrie.


6
Raymond galt in Abbeystead nicht nur wegen seiner Größe und Erscheinung als Sonderling, sondern auch, weil er sich nie in einem Pub sehen ließ oder unter Leute ging. Bei den wenigen Gelegenheiten, wenn er ins Dorf kam, mied er Augenkontakt, nickte niemandem zu und grüßte nicht. Frank Chapman, der Bauer, der ihn beschäftigte, wurde manchmal am Tresen des Tillotsons in Keasden nach Raymond gefragt. Selbst ein kurz angebundener Mann, sagte Chapman nur: »Er kann arbeiten und schwatzt nicht.«
Sheila Chapman war etwas gesprächiger, wenn sie ihren Mann gelegentlich am Wochenende begleitete. »Er ist ein guter Kerl, nur mit Leuten umgehen kann er nicht. Er weiß nicht, wie er sich verhalten soll, er ist sehr schüchtern. Wir haben noch nie ein Problem mit ihm gehabt. Und er ist ein guter Arbeiter, hab ich recht, Frank?«
Frank nickte dann und dachte im Stillen: Außerdem ist er billig. Manchmal befürchtete er, jemand könnte Raymond mehr Geld für weniger Arbeit anbieten, doch wenn er Raymond anrief, erschien er immer innerhalb von vierundzwanzig Stunden mit seiner Tasche über der Schulter.
Raymond brauchte den mickrigen Lohn, aber er arbeitete nicht nur des Geldes wegen auf dem Hof. Er musste seinem Haus entkommen, einem verwahrlosten Reihenhaus in Etherton, einer feuchten Bruchbude, die er von seiner Mutter geerbt hatte. Die ersten feuchten Stellen waren unten im Wohnzimmer aufgetaucht, hatten sich aber im Lauf der Jahre zusammen mit schwarzem Schimmel ausgebreitet. In dem kleinen Schlafzimmer hinten, seinem früheren Kinderzimmer, zog sich der Schimmel vom Boden zur Decke und bis über die Tür, wie ein fliehendes Wespenvolk. Raymond hielt die Tür zu diesem Zimmer geschlossen und betrat es nur im Notfall. Die Tapeten lösten sich an allen Wänden, der Putz darunter bröckelte schon. Ein paar Jahre lang tapezierte er dann neu, doch nach wenigen Wochen, manchmal nur Tagen, löste sich das Papier wie angewidert von der Wand, und er spürte die Feuchtigkeit erneut durchdringen. Das Haus lag im Sterben. Mit ihm darin. In der Luft hing ein nasskalter Geruch nach vergammeltem Gemüse. Ein öliger Gestank, der sich auch in seinen Kleidern einnistete, ihm in die Poren drang und so vertraut war, dass er ihm nicht auffiel, wenn er im Haus wohnte, und dessen Schärfe ihn überraschte, wenn er nach einigen Wochen auf dem Hof zurückkehrte. Auf dem Hof rochen selbst die strengsten Gerüche nach Leben, in der Granville Road Nummer 11 dagegen roch es nur nach Tod und sonst nichts. Er hätte das Haus liebend gern für immer gegen den alten Wohnwagen hinter dem Hof eines Bauern eingetauscht, der ihm zu wenig zahlte und ihn allem Anschein nach nicht besonders mochte.
Raymond entkam seinem Haus gern. Er entkam Etherton gern. Einmal hatte er gehört, wie jemand Etherton mit einer Achselhöhle verglich, eine Bezeichnung, die seine Gefühle gut zusammenfasste. Es gab Straßen mit leer stehenden Häusern, Wohnblöcke, die erst vor zwanzig Jahren gebaut worden und schon abrissreif waren, leere, verfallende Mühlen an den Randbezirken und dahinter hohe, dunkle Berge. Im Winter fingen die Berge den Regen und Nebel, dann war die Stadt monatelang eine Schale voll nasser Kälte. Und mittendrin stand sein Haus, das wie ein Schwamm alle Feuchtigkeit aufsaugte und schluckte. Im Sommer bündelten die Berge die Sonnenstrahlen und verwehrten den darüber hinwegfegenden Winden den Einlass, dann kochte die Stadt wie ein Ei auf glühend heißem Straßenpflaster.
Abbeystead war Raymonds Zufluchtsort. Vierundzwanzig Kilometer entfernt – eine Million in seinem Kopf. Er wäre selbst an dunklen Wintertagen nicht lieber woanders gewesen, wenn die Landschaft hässlich und rau war und er eine Bruchsteinmauer auf einem höher gelegenen Feld erneuern musste, keiner der Steine richtig passte und seine Finger so kalt waren, dass sie bei jeder Berührung mit einem Werkzeug schmerzten. Manchmal stellte er sich vor, dass mitten in der Nacht ein Polizeiauto vor seinem Wohnwagen hielt und ihn abholen wollte, weil er eigentlich fand, jemand wie er habe an einem Ort wie Abbeystead nichts zu suchen.
Raymond hatte seit seinem siebzehnten Lebensjahr auf den Bauernhöfen in Abbeystead gearbeitet. Nach der Schule war er zum Arbeitsamt gegangen, und man hatte ihn als ungelernten Arbeiter vermittelt, aber er kam in großen Gruppen nicht gut zurecht. Auf den Baustellen waren so viele Männer, deren Zahl und Gesichter täglich wechselten, dass er kaum hinterherkam. Manche Männer meinten, was sie sagten, andere sagten das Gegenteil von dem, was sie meinten. Er fand das anstrengend. Am meisten jedoch missfiel es ihm, wenn er in Etherton arbeiten musste. Mühlen in Wohnungen umbauen, Mühlen in Gemeindezentren umbauen, und oft mussten Mühlen ausgeräumt werden, ehe sie abgerissen wurden. Er hatte dann das Gefühl, als wäre er für immer gefangen in den Hintergassen dieser Achselhöhle von einer Stadt, die er zunehmend hasste. Schließlich nahm er seinen Mut zusammen, ging erneut zum Arbeitsamt und fragte, ob es noch andere Möglichkeiten gäbe. Der Mann hinterm Schreibtisch musterte ihn, bemerkte seine riesigen Hände, blätterte ein paar Karten durch und sagte: »Wie wäre es mit Landwirtschaft?«
Raymond dachte an grüne Felder, springende Lämmer und nickte. Er streckte die Hand nach der Karte aus.
»Bauern geben keine Anzeigen auf«, sagte der Mann. »Die meisten können kaum schreiben. Sie müssen es vor Ort versuchen. Aber der Lohn wird nicht so gut sein wie auf dem Bau. Bauern sind ein knausriges Volk.«
Der geringere Lohn störte Raymond nicht besonders, aber er konnte sich unmöglich vorstellen, bei einem Fremden aufzutauchen und nach Arbeit zu fragen. Er verließ das Arbeitsamt und fand sich mit seinem Schicksal ab. Doch nach einem schrecklichen Tag auf einer neuen Baustelle, einer Baustelle, auf der er wochenlang arbeiten sollte, stieg er auf sein Fahrrad und fuhr die vierundzwanzig Kilometer nach Abbeystead mit dem Vorsatz, seine große Schüchternheit zu überwinden. Schon beim ersten Blick vom Gipfel des Marshaw Fell mochte er den Ort. Warum hatte ihm niemand je davon erzählt? Da lag es vor ihm, nur eine kurze Strecke mit dem Rad von seiner dunklen Stadt entfernt. Abbeystead erstreckte sich unter ihm: Wälder, Flüsse, Felder und viel Platz, alles entfaltete sich zu seiner vollen Größe, keine engen Straßen, keine zusammengepferchten Häuser. An die erste Tür zu klopfen war das bisher Schwerste in seinem Leben, aber auch das Lohnendste. Er hatte es auf dem Roeburn-Hof versucht, wo zwar niemand gebraucht wurde, man ihn aber zu einem anderen Bauern schickte, und noch am selben Vormittag hatte er seinen ersten Job als Landarbeiter. Es sprach sich herum, dass er kräftig war und zupackte, und ein paar Jahre lang konnte er sich aussuchen, wo er arbeiten wollte. Dann sah es plötzlich so aus, als würden die Höfe kleiner, einige verschwanden ganz, und er verließ sich zunehmend auf die Stunden, die Chapman ihm anbot, und den geringen Lohn, den er zahlte. Aber Raymond war kein anspruchsvoller Mann, er war zufrieden. Aus Etherton weg zu sein und in Abbeystead zu arbeiten genügte ihm.


7
Nach nur sechs Monaten zogen die Nortons ein. Sie lebten in einem Rohbau, nichts war fertig, aber Dach, Fenster, Wände und Fußböden waren vorhanden. Sie hatten Strom, sie hatten Heizung.
Die erste Nacht war eine Angstpartie.
Nach all der Arbeit, dem Verhandeln, dem Feilschen, dem Streiten und dem damit verbundenen Stress und Ärger – und alles mit wenig Schlaf – hatten sie die Panik, der Aufwand könnte möglicherweise umsonst gewesen sein. Harriet schlief unten im Wohnzimmer ein, und Thomas trug sie nach oben in ihr Zimmer. So behutsam wie möglich, als hielte er den Schlaf persönlich in den Händen, legte er sie in ihr Bettchen, worauf sie strampelte und stöhnte, aber er hielt den Atem an, und sie beruhigte sich. Er wagte nicht, das Zimmer zu verlassen. Er saß in der Ecke und wünschte sehnlichst, die Stille möge anhalten. Ann, die unten geblieben war, saß nach vorn gebeugt in ihrem Sessel, horchte und wartete auf Harriets Geschrei, ihr Rücken hart wie der nackte Betonboden unter ihren Füßen. Zwanzig Minuten später schlich sie nach oben, setzte sich zu Thomas, lehnte ihren Kopf an seine Schulter und nickte ein. Harriet schlief durch. In der dritten stillen Nacht weinte Ann. In der vierten Nacht liebten sich Ann und Thomas.


8
Raymond beobachtete die vonstattengehenden Veränderungen. Auf einem nächtlichen Spaziergang trat er aus dem Wald und sah einen alten Traktor, eine Waschmaschine und anderen Müll aufgereiht vor der verfallenen Scheune. Ein paar Abende später waren die Sachen weg, ersetzt durch Stapel von Backsteinen, Schieferplatten und Balken. Dicke Reifenspuren zeichneten sich im Gras am Waldrand ab, die Straße war zu schmal für die schweren Baufahrzeuge. Etwas war im Gange. Er war froh, dass seine Spaziergänge nun ein Ziel hatten, das ihm Richtung und Grund für seine Streifzüge lieferte, und er behielt die Scheune scharf im Auge. Die Bauarbeiten gingen zügig voran. Wenige Wochen später waren die Mauern erneuert, und das Dach war fertig. Chapman brauchte ihn einen Monat lang nicht, und als schließlich wieder ein Anruf kam und er auf den Hof zurückkonnte, war er gespannt, wie weit die Arbeit inzwischen fortgeschritten war. Als er in der ersten Nacht aus dem Wald trat, stand ein Haus vor ihm. Da die Tür noch fehlte, schlenderte er durch das Gebäude. Er ging die Treppe hinauf in die Schlafzimmer und versuchte, sie sich im fertigen Zustand vorzustellen. Neid erfüllte ihn unwillkürlich; für dieses Haus, das so versteckt unter den Bäumen im Herzen von Abbeystead lag, hätte er alles gegeben. Ein schönes Haus, außer Sichtweite. Das perfekte Haus.
Raymond nahm seine Mahlzeiten in der Küche mit Frank und Sheila Chapman ein, und dort erfuhr er eine Woche später von den Nortons.
»Eine Familie aus Maltham mit zwei kleinen Kindern«, sagte Sheila. »Eines Tages haben sie bei der alten Silverwood an die Tür geklopft und gefragt, ob die Scheune zum Verkauf steht, und sie hat sie ihnen verkauft.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Chapman. »Sie hat bestimmt anständig was dafür gekriegt.«
Sheila nickte zustimmend und stand auf, um den Tisch abzuräumen. Raymond erhob sich ebenfalls, um ihr zu helfen.
»Aber wenn sie glauben, hier oben ist es einfach, hier gibt es nur Sonnenuntergänge und Dorffeste, dann werden sie ihr blaues Wunder erleben«, sagte sie. Raymond gab ihr die Teller, und sie kratzte Hühnchenhaut und kalte Soßenreste in einen Eimer. »Dann werden sie ihr blaues Wunder erleben«, wiederholte sie. Chapman blieb am Tisch sitzen, zündete sich eine Zigarette an und sagte noch mal: »Sie hat bestimmt anständig was dafür gekriegt.«
Raymond freute sich, dass eine Familie in der Scheune wohnte. Er verstand ohnehin nicht, warum nicht mehr Leute auf dem Land Scheunen kauften und sie zu Wohnhäusern umbauten. Nicht zu viele natürlich, sonst wäre es genau wie in der Stadt, aber in Abbeystead war genug Platz, es gab genug kaputte alte Scheunen, einige konnten ruhig noch kommen. Bei den horrenden Hauspreisen in der Stadt wurde ihm ganz schwindelig. Warum? Warum so viel Geld für ein Haus unter tausend anderen Häusern ausgeben, mit lauten, neugierigen Nachbarn und unglaublich vielen Menschen? Warum das, wenn man hier leben konnte? Er verstand die Menschen einfach nicht.



Über Robert Williams

Biografie

Robert Williams, 32, Sohn zweier Bibliothekare, verbrachte als Kind viel Zeit in der Stadtbibliothek einer nordenglischen Kleinstadt und las sich durch die Bestände, bis seine Eltern Feierabend hatten. Er arbeitete acht Jahre lang als Buchhändler und lebt heute in Manchester - obwohl ihm eine Stadt...

Pressestimmen

BÜCHERmagazin

»Starke Atmosphäre, leise Töne und ein aufziehendes Gewitter: hochspannendes Buch, das nicht viel Action braucht.«

schreib-lust.de

»Viel zu schnell ist die letzte Zeile erreicht. Romane wie diesen sollte es häufiger geben.«

Stadtblatt Osnabrück

»Wundervoll unspektakulär erzählt, ist dieses vierfache Psychogramm ein Meisterwerk der Sensibilität, der Zwischentöne.«

thomasbrasch.wordpress.com

»Dennoch, die wahre Stärke des Autors liegt nicht im Geschichten erzählen. Was Robert Williams außergewöhnlich gut gelingt, sind die Porträts seiner Figuren. Es sind knappe, aber meisterliche Charakterstudien. Das verbindet auch sein erfolgreiches Debüt 'Juke und Jon' mit diesem nun dritten Roman.«

facebook.com/rundumsbuch

»1A-Plot, der so einiges an Spielraum für den weiteren Verlauf der Geschichte offen lässt. Die vielen unterschiedlichen Charaktere geben der Geschichte das gewisse Etwas und sorgen dafür, dass der Roman durchwegs authentisch bleibt.«

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