Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
The Revenant – Der Rückkehrer

The Revenant – Der Rückkehrer

Michael Punke
Folgen
Nicht mehr folgen

Roman zum Film

„›Der Oscar für den besten Hauptdarsteller geht an Leonardo DiCaprio!‹ Diese magischen Worte, diese unendliche Erleichterung – wir haben sie natürlich schon vorab gespürt, als wir den Roman ›Der Totgeglaubte‹ von Michael Punke gelesen haben. Denn das ist: richtig geiler Oscarstoff.“ - Süddeutsche Zeitung

Alle Pressestimmen (16)

E-Book (8,99 €)
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort per Download lieferbar
In den Warenkorb
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.

The Revenant – Der Rückkehrer — Inhalt

Montana, zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Der Pelztierjäger Hugh Glass wird am North Platte River von einem Grizzly angefallen und lebensgefährlich verletzt. Seine beiden Begleiter geben dem Mann keine großen Überlebenschancen. Als sie Indianer in der Nähe ihres Lagers sichten, nehmen sie dem Schwerverwundeten Gewehr, Messer und den Rest seiner Ausrüstung ab und lassen ihn neben einem bereits ausgehobenen Grab zurück. Doch wie durch ein Wunder überlebt Glass – und schwört Rache. Mit einem gebrochenen Bein schleppt er sich durch die endlos weite Prärie auf der Suche nach denen, die ihn so schändlich im Stich gelassen haben.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 10.08.2015
Übersetzt von: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
320 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-97166-9
Download Cover

Leseprobe zu „The Revenant – Der Rückkehrer “

1. September 1823

Sie würden ihn im Stich lassen. Der Verletzte wusste es, als er den Jungen ansah, der den Blick senkte, dann wegschaute, um ihm nicht länger in die Augen sehen zu müssen.

Tagelang hatten der Junge und der Mann mit der Wolfsfellmütze gestritten. Sind wirklich Tage vergangen? Der Verletzte hatte gegen Fieber und Schmerzen gekämpft, ohne genau zu wissen, ob Gespräche, die er hörte, Wirklichkeit waren oder bloß Hirngespinste im Delirium.

Er blickte an der Felsformation hoch, die über der Lichtung aufragte. Eine einsame, verkrüppelte Kiefer [...]

weiterlesen

1. September 1823

Sie würden ihn im Stich lassen. Der Verletzte wusste es, als er den Jungen ansah, der den Blick senkte, dann wegschaute, um ihm nicht länger in die Augen sehen zu müssen.

Tagelang hatten der Junge und der Mann mit der Wolfsfellmütze gestritten. Sind wirklich Tage vergangen? Der Verletzte hatte gegen Fieber und Schmerzen gekämpft, ohne genau zu wissen, ob Gespräche, die er hörte, Wirklichkeit waren oder bloß Hirngespinste im Delirium.

Er blickte an der Felsformation hoch, die über der Lichtung aufragte. Eine einsame, verkrüppelte Kiefer hatte es irgendwie geschafft, aus der nackten Steinwand herauszuwachsen. Er hatte sie schon oft betrachtet, doch noch nie war sie ihm so erschienen wie in diesem Moment, da ihre senkrechten Linien ganz offensichtlich ein Kreuz bildeten. Er fand sich zum ersten Mal damit ab, dass er auf dieser Lichtung an der Quelle sterben würde.

Der Verletzte fühlte sich seltsam losgelöst von der Szene, in der er die Hauptrolle spielte. Er fragte sich kurz, was er an ihrer Stelle tun würde. Wenn die beiden bei ihm blieben und der Kriegertrupp den Bach hochkäme, würden sie alle sterben. Würde ich für sie sterben wollen... wenn sie ohnehin bald sterben würden?

„Bist du sicher, dass sie den Bach hochkommen?“ Die Stimme des Jungen überschlug sich, als er das sagte. Er bekam meistens einen ganz passablen Tenor hin, doch manchmal kippte die Stimme noch immer unkontrolliert um.

Der Mann mit der Wolfsfellmütze beugte sich hastig über den kleinen Fleischrost am Feuer und stopfte halb getrocknete Wildfleischstreifen in seine Parfleche-Tasche. „Willst du warten, bis du’s genau weißt?“

Der Verletzte wollte etwas sagen. Wieder spürte er den stechenden Schmerz in der Kehle. Es kam ein Laut heraus, aber er konnte daraus nicht das eine Wort formen, das er aussprechen wollte.

Der Mann mit der Wolfsfellmütze achtete nicht auf den Laut und suchte weiter seine paar Habseligkeiten zusammen, doch der Junge drehte sich um. „Er will was sagen.“

Der Junge sank auf ein Knie neben dem Verletzten. Da er nicht sprechen konnte, hob der Mann seinen unversehrten Arm und zeigte auf etwas.

„Er will sein Gewehr“, sagte der Junge. „Er will, dass wir ihm sein Gewehr dalassen.“

Der Mann mit der Wolfsfellmütze war in wenigen raschen Schritten bei dem Jungen. Er trat ihm fest in den Rücken. „Beweg dich, verdammt noch mal!“

Dann eilte er zu dem kleinen Haufen von Dingen, die dem Verletzten gehörten: eine Jagdtasche, ein Messer in einer perlenbesetzten Scheide, ein Beil, ein Gewehr und ein Pulverhorn. Vor den hilflosen Augen des Verletzten bückte sich der Mann mit der Wolfsfellmütze nach der Jagdtasche. Er kramte Feuerstein und Stahl heraus und schob beides in die Tasche vorn an seiner Lederjacke. Er nahm das Pulverhorn und hängte es sich über die Schulter. Das Beil steckte er in seinen breiten Ledergürtel.

„Was machst du denn da?“, fragte der Junge.

Der Mann bückte sich erneut, nahm das Messer und warf es dem Jungen zu. „Nimm das.“ Der Junge fing es und starrte entsetzt auf die Scheide in seiner Hand. Nur das Gewehr lag noch da. Der Mann mit der Wolfsfellmütze hob es auf, ver­gewisserte sich rasch, dass es geladen war. „Tut mir leid, Glass, alter Knabe. Aber du hast nicht mehr viel Verwendung dafür.“

Der Junge schien fassungslos. „Wir können ihn doch nicht ohne Ausrüstung zurücklassen.“

Der Mann mit der Wolfsfellmütze schaute kurz auf, dann verschwand er im Wald.

Der Verletzte sah zu dem Jungen hoch, der einen langen Moment mit dem Messer in der Hand dastand – seinem Messer. Schließlich hob der Junge den Blick. Zuerst hatte es den Anschein, als wollte er etwas sagen. Stattdessen drehte er sich auf dem Absatz um und floh in den Wald.

Der Verletzte starrte auf die Lücke zwischen den Bäumen, wo die beiden verschwunden waren. Der Zorn, der in ihm tobte, verzehrte ihn, wie Feuer die Nadeln einer Kiefer. Er hatte nur noch einen Wunsch: die beiden an der Gurgel zu packen und sie zu erwürgen.

Instinktiv brüllte er los, weil er wieder vergessen hatte, dass seine Kehle keine Worte hervorbringen konnte, nur Schmerz. Er stemmte sich hoch, auf den linken Ellbogen. Der rechte Arm ließ sich ein wenig beugen, würde aber kein Gewicht tragen können. Bei der Bewegung jagten ihm rasende Schmerzen durch Hals und Rücken. Er spürte, wie die grob genähte Haut an den Fäden riss. Er blickte nach unten auf sein Bein, das mit den blutigen Resten eines alten Hemdes fest umwickelt war. Er konnte den Oberschenkel nicht heben, um das Bein zu bewegen.

Mit aller Kraft, die er aufbieten konnte, rollte er sich auf den Bauch. Er spürte, wie eine Naht aufplatzte, dann warmes Blut nass auf dem Rücken. Der Schmerz verflüchtigte sich vor dem Zorn, der in ihm aufbrandete.

Hugh Glass begann zu kriechen.


TEIL 1

1) 21. August 1823

Mein Kielboot aus St.Louis muss jeden Tag kommen, Monsieur Ashley«, erklärte der beleibte Franzose erneut in seinem geduldigen, aber nachdrücklichen Tonfall. „Ich würde der Rocky Mountain Fur Company mit Kusshand den ganzen Inhalt des Bootes verkaufen – aber ich kann euch nichts verkaufen, was ich nicht habe.“
William H. Ashley knallte seine Blechtasse auf die groben Bretter des Tisches. Sein sorgsam gepflegter grauer Bart konnte nicht verbergen, wie fest seine Kiefermuskulatur angespannt war. Doch auch die zusammengebissenen Zähne würden einen weiteren Wutanfall wohl kaum verhindern können, denn Ashley sah sich in einer Situation, die ihm so verhasst war wie sonst nichts – er musste warten.

Der Franzose mit dem seltsamen Namen Kiowa Brazeau beäugte Ashley mit wachsender Besorgnis. Für Kiowas abgelegenen Handelsposten, der nach ihm selbst Fort Kiowa oder Fort Brazeau genannt wurde, bedeutete Ashleys Anwesenheit eine seltene Chance, und Kiowa wusste, dass eine erfolgreiche Gestaltung seiner Beziehungen zu dem Mann ein solides Fundament für sein Unternehmen legen könnte. Ashley hatte in den geschäftlichen und politischen Kreisen von St. Louis einen Namen, denn er war ein Mann, der nicht nur die Vision hatte, den Westen für den Handel zu erschließen, sondern auch das nötige Geld dafür.

„Das Geld anderer Leute“, wie Ashley es genannt hatte. Sprunghaftes Geld. Nervöses Geld. Geld, das schnell von einer spekulativen Unternehmung zur nächsten flüchten würde.

Kiowa kniff die Augen hinter seinen dicken Brillengläsern zusammen, und obwohl seine Sehkraft nicht die beste war, hatte er einen sicheren Blick für Menschen. „Erlauben Sie mir, Monsieur Ashley, Ihnen einen kleinen Trost anzubieten, während wir auf mein Boot warten.“

Ashley zeigte keinerlei zustimmende Reaktion, ließ aber auch keine weitere Schimpfkanonade vom Stapel.

„Ich muss neue Vorräte aus St. Louis anfordern“, sagte Kiowa. „Morgen schicke ich einen Kurier mit dem Kanu flussabwärts. Er kann eine Nachricht an Ihre Handelsgesellschaft mitnehmen. Sie können Ihre Leute beruhigen, bevor sich Gerüchte über Colonel Leavenworths Debakel festsetzen.“

Ashley seufzte tief, nahm einen kräftigen Schluck von dem herben Ale und fand sich notgedrungen mit der Verspätung ab. Ob es ihm nun passte oder nicht, der Rat des Franzosen war vernünftig. Er musste seine Geldgeber beruhigen, ehe sich die Nachricht von der Schlacht wie ein Lauffeuer durch die Straßen von St. Louis verbreitete.

Kiowa witterte seine Chance und handelte rasch, um Ashley auf dem gewünschten Kurs zu halten. Der Franzose holte Schreibfeder, Tinte und Pergament hervor, legte Ashley alles vor die Nase und füllte die Blechtasse erneut mit Ale. „Ich überlasse Sie in Ruhe Ihrer Arbeit, Monsieur“, sagte er, froh über die Gelegenheit, sich zurückziehen zu können.

Im trüben Licht einer Talgkerze schrieb Ashley bis tief in die Nacht:

Fort Brazeau,
Am Missouri
21. August 1823

Mr. James D. Pickens
Pickens & Sons
St. Louis

Verehrter Mr. Pickens,

es ist mir eine traurige Pflicht, Sie über die Ereignisse der letzten zwei Wochen in Kenntnis zu setzen. Diese ­Ereignisse werden unsere Unternehmung am Oberlauf des Missouri naturgemäß beeinflussen, jedoch nicht verhindern.

Wie Sie vermutlich inzwischen wissen, wurden die Männer der Rocky Mountain Fur Company von den Arikara angegriffen, nachdem sie in gutem Glauben 60 Pferde von ihnen im Tauschhandel erworben hatten. Die ­Arikara griffen ohne erkennbaren Anlass an, töteten 16 von unseren Männern, verwundeten ein Dutzend & stahlen die Pferde zurück, die sie uns tags zuvor verkauft hatten.

Angesichts dieses Überfalls war ich gezwungen, mich stromabwärts zurückzuziehen, wobei ich gleichzeitig Colonel Leavenworth & die US-Army um Hilfe bat, auf diesen eindeutigen Verstoß gegen das unumschränkte Recht von US-Bürgern, den Missouri ungehindert zu befahren, angemessen zu reagieren. Ich forderte außerdem die Unterstützung unserer eigenen Männer an, die (unter Führung von Capt. Andrew Henry) mit großer Gefahr von Fort Union zu mir stießen.

Am 9. August stellten wir uns den Arikara mit einer Truppe von insgesamt 700 Mann, darunter 200 von Leavenworths Soldaten (mit zwei Haubitzen) und 40 Männer der RMF Co. Wir fanden überdies Verbündete (wenn auch nur vorübergehend) in 400 Sioux-Kriegern, deren Feindschaft gegenüber den Arikara von einem lange gärenden Zwist herrührt, über dessen Ursprung ich nichts Näheres weiß.

Es versteht sich von selbst, dass unsere vereinten Kräfte mehr als genug waren, den Feind zu besiegen, die Arikara für ihre Heimtücke zu bestrafen & den Missouri für unsere Unternehmung wieder zu öffnen. Dass es nicht so kam, verdanken wir der Wankelmütigkeit von Colonel Leavenworth.

Die Einzelheiten des unrühmlichen Gefechts können bis zu meiner Rückkehr nach St. Louis warten, es sei jedoch so viel gesagt, dass die wiederholte Weigerung des Colonels, einen unterlegenen Feind anzugreifen, zur Folge hatte, dass der ganze Arikara-Stamm sich unserem Zugriff entziehen konnte, was praktisch die Schließung des Missouri zwischen Fort Brazeau & den Mandan-Dörfern zur Folge hatte.

Colonel Leavenworth ist zu seiner Garnison in Fort Atkinson zurückgekehrt, wo er zweifelsohne den Winter am warmen Ofen verbringen und darüber nachgrübeln wird, was er tun soll. Ich habe nicht die Absicht, auf ihn zu warten. Wie Sie wissen, kann sich unsere Unternehmung keine acht Monate Wartezeit leisten.

Ashley hielt inne und las sich durch, was er bisher geschrieben hatte. Der düstere Ton gefiel ihm nicht. Dem Brief war sein Zorn anzumerken, aber nicht sein vorherrschendes Gefühl, nämlich ein felsenfester Optimismus, ein unerschütterlicher Glaube an seine Fähigkeit, erfolgreich zu sein. Gott hatte ihn in einen Garten grenzenloser Fülle geführt, in ein Land Gosen, wo ein Mann sein Glück finden konnte, wenn er nur den Mut und die innere Kraft hatte, es zu versuchen. Ashleys Schwächen, die er unumwunden eingestand, waren lediglich Hindernisse, die es mittels einer schöpferischen Verbindung seiner Stärken zu überwinden galt. Er rechnete mit Rückschlägen, doch ein Scheitern würde er nicht hinnehmen.

Wir müssen diesen Rückschlag zu unserem Vorteil wenden, müssen unbeirrt weitermachen, während unsere Konkurrenten ­zaudern. Da der Missouri faktisch unbefahrbar ist, habe ich beschlossen, zwei Gruppen auf unterschiedlichen Routen nach Westen zu schicken. Captain Henry ist bereits auf dem Weg den Grand River hoch. Er wird dem Lauf des Flusses so weit wie möglich folgen und dann zum Fort Union zurückkehren. Jedidiah Smith wird einen zweiten Trupp den Platte hochführen, mit dem Ziel, das Great Basin zu erreichen.

Gewiss ärgert es Sie ebenso sehr wie mich, dass wir so viel Zeit verloren haben. Wir müssen sie mit Entschlossenheit wieder aufholen. Ich habe Henry und Smith angewiesen, im Frühjahr auf keinen Fall mit ihrer Beute nach St. Louis zurückzukehren. Stattdessen werden wir uns zu ihnen begeben – Rendezvous in der Wildnis, um ihre Felle gegen frische Vorräte einzutauschen. Auf diese Weise können wir vier Monate einsparen & wenigstens einen Teil des Zeitverlustes wettmachen. Derweil schlage ich vor, in St. Louis einen neuen Pelztrupp zusammenzustellen & im Frühjahr loszuschicken, unter meiner persönlichen Führung.

Die Überreste der Kerze zischten und spien übel riechenden schwarzen Rauch. Ashley blickte auf, wurde sich plötzlich der späten Stunde bewusst, seiner tiefen Erschöpfung. Er tauchte die Feder in die Tinte und schrieb weiter, nun entschlossen und rasch:

Ich bitte Sie eindringlich, unseren Gesellschaftern so klar und deutlich wie nur eben möglich zu verstehen zu geben, dass ich von dem unausbleiblichen Erfolg unseres Unterfangens absolut überzeugt bin. Die Vorsehung hat große Gaben vor uns ausgebreitet, und wir dürfen uns unseren rechtmäßigen Anteil daran nicht aus Mangel an Mut entgehen lassen.

Ihr untertänigster Diener,
William H. Ashley

Zwei Tage später, am 23. August 1823, traf Kiowas Kielboot aus St. Louis ein. William Ashley stattete seine Männer mit Vorräten aus und schickte sie noch am selben Tag gen Westen. Das erste Rendezvous wurde für den Sommer 1824 vereinbart, und der genaue Ort sollte mittels Kurieren vereinbart werden.

Ohne die Tragweite seiner Entscheidungen ganz zu erfassen, hatte William H. Ashley das System erfunden, das die Ära prägen sollte.

2)  23. August 1823


Elf Männer hockten ohne Feuer im Lager. Sie hatten als Lagerplatz eine flache Uferböschung am Grand River gewählt, doch ein richtig gutes Versteck war das nicht, da sich kaum etwas über die Ebene erhob. Ein Feuer wäre meilenweit zu sehen gewesen, und Unsichtbarkeit war der beste Schutz für die Trapper vor einem weiteren Angriff. Die meisten Männer nutzten die letzte Stunde Tageslicht, um Gewehre zu putzen, Mokassins zu flicken oder zu essen. Der Junge schlief schon, seit sie haltgemacht hatten, ein in sich zusammengesunkenes Häuflein aus langen Gliedern und Kleidung.

Die Männer hatten sich in Dreier- und Vierergruppen aufgeteilt, kauerten an der Böschung, duckten sich hinter einen Felsen oder Salbeibusch, als könnten diese kleinen Erhebungen ihnen Schutz bieten.

Das übliche Lagergeplänkel war durch das Desaster auf dem Missouri gedämpft worden und dann, nach dem zweiten Angriff drei Nächte zuvor, völlig erstorben. Wenn die Männer überhaupt sprachen, dann in leisem und ernstem Ton, voller Achtung für die Kameraden, die sie tot hatten zurücklassen müssen, und im Bewusstsein der Gefahren, die noch vor ihnen lagen.

„Glaubst du, er hat gelitten, Hugh? Ich muss immerzu daran denken, dass er gelitten hat, die ganze Zeit.“

Hugh Glass blickte zu William Anderson auf, dem Mann, der die Frage gestellt hatte. Glass überlegte kurz und sagte dann: „Ich glaube nicht, dass dein Bruder gelitten hat.“

„Er war der Älteste. Als wir Kentucky verließen, haben unsere Eltern ihm gesagt, er soll auf mich aufpassen. Zu mir haben sie kein Wort gesagt. Wäre ihnen nicht im Traum eingefallen.“

„Du hast für deinen Bruder getan, was du konntest, Will. Die Wahrheit ist schwer zu verkraften, aber als die Kugel ihn vor drei Tagen getroffen hat, war er so gut wie tot.“

Eine neue Stimme ertönte aus dem Schatten an der Böschung, „Wir hätten ihn sofort begraben sollen, statt ihn noch zwei Tage durch die Gegend zu schleppen.“ Der Sprecher saß in der Hocke, und in der zunehmenden Dunkelheit waren von seinem Gesicht nur ein dunkler Bart und eine weiße Narbe zu erkennen. Die Narbe begann neben dem Mundwinkel und verlief im Bogen nach unten, wie ein Angelhaken. Sie fiel umso mehr auf, als auf der Narbenhaut keine Haare wuchsen und sie so ein höhnisches Dauergrinsen durch den Bart schnitt. Während der Mann sprach, bearbeitete seine rechte Hand die kurze, dicke Klinge eines Häutungsmessers mit einem Wetzstein, sodass seine Worte von einem langsamen Schaben untermalt wurden.

„Halt den Mund, Fitzgerald, sonst reiß ich dir deine verdammte Zunge raus, das schwör ich beim Grab meines Bruders.“

„Beim Grab deines Bruders? So was nennst du Grab?“

Die Männer in Hörweite horchten plötzlich auf, verblüfft über diese Häme, selbst aus dem Mund von Fitzgerald.

Fitzgerald spürte die Aufmerksamkeit, und sie stachelte ihn an. „Bloß ein Haufen Steine. Glaubst du etwa, er liegt noch immer da drin und modert vor sich hin?“ Fitzgerald hielt kurz inne, sodass nur das Schaben der Klinge auf dem Stein zu hören war. „Wohl kaum – würde ich sagen.“ Wieder wartete er, als würde er die Wirkung seiner Worte abschätzen, ehe er sie aussprach. „Klar, gut möglich, dass die Steine das Kleingetier abgehalten haben. Aber ich bin sicher, inzwischen schleppen die Kojoten kleine Stücke von ihm durch die ...“

Anderson hechtete auf Fitzgerald zu, beide Hände aus­gestreckt.

Fitzgerald sprang auf, um den Angriff zu parieren, und riss ein Bein hoch, sodass sein Schienbein Anderson mit voller Wucht in den Schritt traf. Anderson klappte zusammen, als hätte ein unsichtbarer Strick ihm den Hals zu den Knien gerissen. Fitzgerald rammte dem hilflosen Mann das Knie ins Gesicht, und Anderson kippte nach hinten.

Erstaunlich flink für einen Mann seiner Größe stürzte Fitzgerald sich auf den keuchenden, blutenden Mann und presste ihm ein Knie auf die Brust. Er hielt Anderson das Häutungsmesser an die Gurgel. „Willst du deinem Bruder Gesellschaft leisten?“ Fitzgerald drückte die Klinge gegen Andersons Hals, bis eine dünne Linie Blut sichtbar wurde.

„Fitzgerald“, sagte Glass ruhig, aber bestimmt. „Das reicht.“

Fitzgerald blickte auf. Er überlegte, ob er auf Glass’ Herausforderung reagieren sollte, und bemerkte zugleich mit Genugtuung den Kreis von Männern, die ihn jetzt umringten und Andersons jämmerliche Lage mitbekamen. Er beschloss, sich mit seinem Sieg zu begnügen. Glass würde er sich ein anderes Mal vornehmen. Fitzgerald nahm die Klinge von Andersons Kehle und stieß das Messer in die perlenbesetzte Scheide an seinem Gürtel. „Fang nichts an, was du nicht zu Ende bringen kannst, Anderson. Das nächste Mal bring ich es für dich zu Ende.“

Captain Andrew Henry schob sich durch den Kreis der Umstehenden. Er packte Fitzgerald von hinten und riss ihn zurück, stieß ihn gegen die Uferböschung. „Noch eine Schlägerei, und Sie sind draußen, Fitzgerald.“ Henry deutete zum fernen Horizont. „Wenn Sie nicht wissen, wohin mit Ihrer Wut, können Sie zusehen, wie Sie allein klarkommen.“

Der Captain ließ den Blick durch die Runde schweifen. „Wir haben morgen vierzig Meilen vor uns. Ihr solltet längst schlafen. Also, wer übernimmt die erste Wache?“ Niemand meldete sich. Henrys Augen verharrten bei dem Jungen, der von dem Tumult nichts mitbekommen hatte. Mit wenigen entschlossenen Schritten war er bei der zusammengesunkenen Gestalt. „Aufstehen, Bridger.“

Der Junge fuhr hoch, die Augen weit aufgerissen, und griff verwirrt nach seiner Waffe. Die rostige Muskete war eine Anzahlung auf seinen Lohn gewesen, samt einem gelblichen Pulverhorn und einer Handvoll Feuersteine.

„Du gehst hundert Schritt flussabwärts in Stellung. Such dir eine höher gelegene Stelle am Ufer. Pig, Sie machen das Gleiche flussaufwärts. Fitzgerald, Anderson – Sie übernehmen die zweite Wache.“

Fitzgerald hatte schon in der Nacht zuvor Wache geschoben. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er protestieren. Doch er überlegte es sich anders und zog sich schmollend an den Rand des Lagers zurück. Der Junge, noch immer ganz durcheinander, stolperte über die Steine, die das Flussufer säumten, und verschwand in der kobaltblauen Dunkelheit, die das Lager umschloss.

Der Mann, den sie „Pig“ nannten, hieß mit richtigem Namen Phineous Gilmore und stammte von einer armseligen Farm in Kentucky. Die Herkunft seines Spitznamens war kein Geheimnis: Er war fett, und er war dreckig. Pig roch dermaßen unangenehm, dass es die Leute verwirrte. Alle, denen sein Gestank in die Nase stieg, blickten sich suchend nach einer anderen Quelle um, so unwahrscheinlich schien es, dass der Geruch von einem Menschen ausging. Selbst die Trapper, die keinen besonders großen Wert auf Reinlichkeit legten, hielten sich möglichst auf der Windseite von Pig. Nachdem Pig sich langsam auf die Beine gehievt hatte, hängte er sich sein Gewehr über die Schulter und trottete flussaufwärts.

In weniger als einer Stunde war das Tageslicht gänzlich verschwunden. Glass sah zu, wie Captain Henry von einer nervösen Kontrolle der Wachposten zurückkam. Er suchte sich im Mondlicht einen Weg zwischen den schlafenden Männern hindurch, und Glass begriff, dass er und Henry als Einzige noch wach waren. Der Captain entschied sich für den Platz neben Glass und senkte, auf das Gewehr gestützt, seine massige Gestalt hinunter auf den Boden. Das erlöste seine müden Füße zwar vom Gewicht des Körpers, konnte aber nicht den Druck lindern, der am schwersten auf ihm lastete.

„Sie und Black Harris kundschaften morgen die Gegend aus“, sagte Captain Henry.

Glass sah zu ihm hinüber, enttäuscht, seiner Müdigkeit noch nicht nachgeben zu können.

„Seht zu, dass ihr am späten Nachmittag irgendwas erlegt. Wir werden ein Lagerfeuer riskieren.“ Henry senkte die Stimme, als wollte er ein Geständnis ablegen. „Wir müssten schon viel weiter sein, Hugh.“ Henry hatte offenbar vor, sich länger zu unterhalten. Glass griff nach seinem Gewehr. Wenn er schon nicht schlafen konnte, sollte er wenigstens seine Waffe pflegen. Sie war ihm am Nachmittag beim Durchqueren eines Flusses nass geworden, und er wollte den Abzugsmechanismus neu einfetten.

„Anfang Dezember wird es schnell bitterkalt werden“, fuhr der Captain fort. „Wir brauchen zwei Wochen, um uns einen Fleischvorrat anzulegen. Wenn wir nicht vor Oktober am Yellowstone sind, können wir die Herbstjagd vergessen.“

Auch wenn Captain Henry von inneren Zweifeln gepeinigt wurde, verriet seine stattliche Erscheinung keinerlei Schwäche. Die Fransen an seiner Hirschlederjacke zogen sich als breiter Streifen über die muskulösen Schultern und die kräftige Brust, Relikte seiner früheren Tätigkeit als Bleiminen­arbeiter im Bezirk Ste. Genevieve in Missouri. Ein dicker Ledergürtel, den er um die schmale Taille trug, hielt ein Paar Pistolen und ein großes Messer. Seine Breeches waren von oben bis zu den Knien aus Rehleder und ab da aus roter Wolle. Die Hose des Captains, eine Maßanfertigung aus St. Louis, zeugte von seiner Vertrautheit mit der Wildnis. Leder war ein ausgezeichneter Schutz, wurde aber beim Waten durch Wasser schwer und kalt. Wolle dagegen trocknete rasch und speicherte Wärme, selbst wenn sie nass war.

Die Brigade, die Henry führte, war zwar ein zusammengewürfelter Haufen, doch es verschaffte ihm immerhin Genugtuung, dass alle ihn „Captain“ nannten. Natürlich war ihm klar, dass der Titel falsch war. Seine Trapper hatten mit dem Militär nichts am Hut und überhaupt vor Institutionen nur wenig Respekt. Dennoch, Henry war der Einzige von ihnen, der im Gebiet von Three Forks auf Pelzjagd gewesen war. Ein Titel mochte wenig Bedeutung haben, doch Erfahrung war hier das A und O.

Der Captain hielt inne, wartete auf eine Bestätigung von Glass. Glass blickte von seiner Waffe auf. Es war ein kurzer Blick, weil er den elegant verschnörkelten Bügel des Doppelabzugs abgeschraubt hatte. Er hielt die beiden Schrauben behutsam in der hohlen Hand, um sie ja nicht im Dunkeln fallen zu lassen.

Der Blick genügte, um Henry zum Fortfahren zu ermuntern. „Hab ich Ihnen schon mal von Drouillard erzählt?“

„Nein, Captain.“

„Wissen Sie, wer das war?“

„George Drouillard – Corps of Discovery?“

Henry nickte. „Ist mit Lewis und Clark mitgezogen, war einer ihrer besten Männer – Kundschafter und Jäger. 1809 war er bei einer Gruppe dabei, die ich zu den Three Forks geführt habe – das heißt, eigentlich hat er sie geführt. Wir hatten hundert Mann, aber Drouillard und Colter waren die Einzigen, die je dort gewesen waren.

Es hat von Bibern da nur so gewimmelt. Wir mussten kaum Fallen aufstellen – konnten einfach mit einem Knüppel losziehen. Aber wir hatten von Anfang an Ärger mit den Blackfoot. Fünf Männer tot, noch ehe zwei Wochen vergangen waren. Wir mussten uns im Fort verschanzen, konnten keine Jäger losschicken.

Drouillard hat sich gut eine Woche lang mit uns dort verkrochen. Dann meinte er, er sei es leid, nur rumzuhocken. Am nächsten Tag zog er los, und eine Woche später kam er mit zwanzig Fellen wieder.“

Glass schenkte dem Captain seine volle Aufmerksamkeit. Jeder Bürger von St. Louis kannte irgendeine Version von Drouillards Geschichte, aber Glass hatte sie noch nie aus erster Hand gehört.

„Dann zog er ein zweites Mal los und kam wieder mit einem Haufen Felle zurück. Das Letzte, was er sagte, als er das dritte Mal loszog, war: ›Aller guten Dinge sind drei.‹ Er ritt los, und etwa eine halbe Stunde später hörten wir zwei Schüsse – einen aus seiner Büchse und einen aus seiner
Pistole. Mit dem zweiten Schuss hatte er wohl sein Pferd erschossen, um dahinter Deckung zu suchen. Da haben wir ihn jedenfalls gefunden – hinter seinem Pferd. Er und das Pferd waren von mindestens zwanzig Pfeilen getroffen worden. Die Blackfoot haben die Pfeile dringelassen, als Botschaft für uns. Sie haben ihn auch zerstückelt – den Kopf abgeschnitten.“

Der Captain hielt erneut inne und kratzte mit einem spitzen Stock vor sich in der Erde. „Ich muss oft an ihn denken.“

Glass suchte nach beruhigenden Worten. Bevor er irgendetwas sagen konnte, fragte der Captain: „Was glauben Sie, wie lange der Fluss noch nach Westen verläuft?“

Jetzt blickte Glass dem Captain forschend in die Augen. „Wir werden von nun an schneller vorankommen, Captain. Wir können dem Grand noch eine Weile folgen. Wir wissen, dass der Yellowstone weiter nördlich und westlich liegt.“ In Wahrheit hatte er ernsthafte Zweifel, was den Captain betraf. Das Unglück schien an ihm zu haften wie Rauch vom Vortag.

„Sie haben recht“, sagte der Captain, und dann sagte er es noch einmal, als wollte er sich selbst überzeugen. „Natürlich haben Sie recht.“

Auch wenn sein Wissen auf unheilvollen Erfahrungen gründete, wusste Captain Henry über die Geografie der Rockies doch mehr als die meisten. Glass war zwar ein erfahrener Mann der Prärie, hatte aber noch nie einen Fuß in das Gebiet am Oberlauf des Missouri gesetzt. Dennoch fand Henry in Glass’ Stimme etwas, was ihn beruhigte. Irgendwer hatte ihm gesagt, dass Glass in seiner Jugend zur See gefahren war. Es ging sogar das Gerücht, er sei einmal von dem Piraten Jean Lafitte gefangen genommen worden. Vielleicht waren die Jahre in der leeren Weite der offenen See der Grund dafür, dass er sich auf der öden Ebene zwischen St. Louis und den Rocky Mountains wie zu Hause fühlte.

„Wir können von Glück sagen, wenn die Blackfoot nicht alle in Fort Union umgebracht haben. Die Männer, die ich dort zurückgelassen habe, sind nicht gerade die besten.“ Dann ging der Captain seine übliche Sorgenliste durch. Er fand kein Ende bis tief in die Nacht. Glass wusste, dass es genügte, einfach zuzuhören. Mitunter blickte er auf oder brummte, konzentrierte sich aber hauptsächlich auf sein Gewehr.

Glass’ Büchse war der einzige Luxus, den er sich gönnte, und wenn er den Federmechanismus des Stecherabzugs einfettete, tat er das mit der liebevollen Zärtlichkeit, mit der andere Männer eine Frau oder ein Kind behandeln. Es war eine Anstadt, eine sogenannte Kentucky-Steinschlossbüchse, die, wie die meisten herausragenden Waffen der Zeit, von deutschen Handwerkern in Pennsylvania hergestellt worden war. In die Unterseite des achteckigen Laufs war sowohl der Name des Büchsenmachers, „Jacob Anstadt“, eingraviert als auch der Herkunftsort, „Kutztown, Penn.“. Der Lauf war kurz, maß gerade mal sechsunddreißig Zoll. Die klassischen Kentucky-Gewehre waren länger, hatten mitunter Läufe von fast fünfzig Zoll.

Glass bevorzugte ein kürzeres Gewehr, denn kürzer bedeutete auch leichter, und leichter bedeutete, besser zu tragen. Und wenn er ausnahmsweise auf einem Pferd saß, ließ sich ein kürzeres Gewehr leichter handhaben. Außerdem war die Anstadt aufgrund ihres von Meisterhand gezogenen Laufs tödlich präzise, trotz ihrer Kürze. Der Stecherabzug machte sie noch präziser, denn er ermöglichte es, die Waffe mit der leichtesten Berührung abzufeuern. Mit einer Ladung von knapp dreizehn Gramm Schwarzpulver konnte die Anstadt eine Kugel vom Kaliber .53 fast zweihundert Schritt weit schießen.

In den weiten Ebenen des Westens hatte Glass gelernt, dass die Qualität seiner Büchse den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte. Natürlich hatten die meisten Männer im Trupp zuverlässige Waffen. Was die Anstadt über die anderen Gewehre erhob, war ihre elegante Schönheit.

Es war eine Schönheit, die auffiel, und so fragten andere ihn oft, ob sie das Gewehr einmal halten dürften. Das eisenharte Walnussholz des Schafts hatte eine feine Rundung für das Handgelenk, war aber dick genug, um den Rückschlag einer großen Pulverladung aufzufangen. Der Kolben hatte auf einer Seite ein ins Holz eingelassenes Kolbenfach und auf der anderen eine geschnitzte Wangenauflage. Der Schaft war hinten elegant gebogen, sodass er sich an die Schulter anschmiegte wie eine Verlängerung des Körpers des Schützen. Das Holz war so dunkelbraun gebeizt, dass es fast schwarz aussah. Selbst aus der Nähe war die Maserung kaum zu erkennen, doch wenn man genau hinsah, schienen dort unter den mit der Hand aufgetragenen Firnisschichten unregel­mäßige Linien zu tanzen, als ob sie lebendig wären. Zu allem Überfluss waren die Metallteile der Büchse – Kolbenplatte und -fach, Abzugsbügel, die Abzüge selbst und die halbrun­den Beschläge des Ladestocks – nicht wie üblich aus Messing, sondern aus Silber. Viele Trapper schlugen zur Verzierung Messingnieten in den Gewehrschaft. Für Glass war so eine geschmacklose Verunstaltung seiner Anstadt undenkbar.

Als er mit dem Zustand seiner Waffe zufrieden war, setzte Glass den Abzugsbügel wieder auf die Bohrlöcher und befestigte ihn mit den beiden Schrauben. Er füllte frisches Pulver in die Pfanne unter dem Feuerstein, machte das Gewehr schussbereit.

Plötzlich bemerkte er, wie still es im Lager geworden war, und fragte sich, wann der Captain aufgehört hatte zu reden. Glass blickte zur Mitte des Lagers. Der Captain schlief, mit unruhig zuckendem Körper. Auf der anderen Seite von Glass, ganz am Rand, lehnte Anderson an einem Stück Treibholz. Außer der beruhigenden Strömung des Flusses war kein Laut zu hören.

Der laute Knall einer Steinschlossbüchse durchschnitt die Stille. Er kam von stromabwärts – aus der Richtung, wo Jim Bridger, der Junge, Wache stand. Die schlafenden Männer sprangen gleichzeitig auf, griffen ängstlich und verwirrt nach ihren Waffen und suchten Deckung. Eine dunkle Gestalt kam von stromabwärts auf das Lager zugerannt. Neben Glass spannte und hob Anderson sein Gewehr in einer ein­zigen raschen Bewegung. Glass hob die Anstadt. Die näher kommende Gestalt nahm Konturen an, war höchstens noch vierzig Schritt vom Lager entfernt. Anderson visierte über den Lauf, zögerte einen Moment, bevor er abdrückte. Im selben Moment schwang Glass die Anstadt seitlich unter Andersons Arme. Der Schlag stieß Andersons Lauf genau in dem Moment gen Himmel, als sich das Pulver entzündete.

Die flinke Gestalt blieb wie angewurzelt stehen, war jetzt so nah, dass sie die weit aufgerissenen Augen und das Heben und Senken des Brustkorbs sahen. Es war Bridger. „Ich ... mein ... ich ...“ Er konnte nur panisch stammeln.

„Was ist passiert, Bridger?“, rief der Captain und spähte an dem Jungen vorbei in die Dunkelheit flussabwärts. Die Trapper hatten einen schützenden Halbkreis gebildet, mit der Uferböschung im Rücken. Die meisten waren in Schussposition gegangen, ein Knie auf der Erde, die Gewehre im Anschlag.

„Tut mir leid, Captain. Der Schuss war ein Versehen. Ich hab ein Geräusch gehört, ein Rascheln im Gebüsch. Ich bin aufgestanden, und dabei muss sich der Hahn gelöst haben. Ist einfach losgegangen.“

„Ich würde eher schätzen, du bist eingeschlafen.“ Fitzgerald entspannte sein Gewehr und richtete sich auf. „Jede Rothaut im Umkreis von fünf Meilen ist jetzt auf dem Weg hierher.“

Bridger wollte etwas sagen, fand aber keine Worte dafür, wie beschämt er war und wie leid es ihm tat. Er stand da, mit offenem Mund, und starrte entsetzt die vor ihm aufgereihten Männer an.

Glass trat vor und nahm Bridger das Glattrohrgewehr aus den Händen. Er spannte den Hahn und betätigte den Abzug, fing dann den Hahn mit dem Daumen ab, ehe der Feuerstein auf die Batterie schlug. Er wiederholte den Vorgang. „Die Waffe hier ist das Allerletzte, Captain. Geben Sie ihm ein anständiges Gewehr, und wir haben weniger Probleme bei der Wache.“ Ein paar Männer nickten zustimmend.

Der Captain blickte zuerst Glass, dann Bridger an und sagte schließlich: „Anderson, Fitzgerald – Sie sind mit der Wache dran.“ Die zwei Männer gingen auf ihre Posten, der eine stromaufwärts, der andere stromabwärts.

Die Wachen waren überflüssig. In den wenigen verbleibenden Stunden bis Tagesanbruch tat niemand ein Auge zu.

Michael Punke

Über Michael Punke

Biografie

Michael Punke ist Anwalt für internationales Handelsrecht und derzeit US-Botschafter bei der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf. Er ist Autor historischer Sachbücher und hat außerdem einen Lehrauftrag an der University of Montana. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit dem Band »Der...

Medien zu „The Revenant – Der Rückkehrer “
Pressestimmen
Heilbronner Stimme

„So liest man seinen sehr gut recherchierten Roman auf einen Rutsch weg – und glaubt einfach nicht, dass man so etwas überleben kann.“

Süddeutsche Zeitung

„›Der Oscar für den besten Hauptdarsteller geht an Leonardo DiCaprio!‹ Diese magischen Worte, diese unendliche Erleichterung – wir haben sie natürlich schon vorab gespürt, als wir den Roman ›Der Totgeglaubte‹ von Michael Punke gelesen haben. Denn das ist: richtig geiler Oscarstoff.“

Abendzeitung München

„Ein ungewöhnliches und höchst spannendes Buch. (...) Wem der Film unerträglich erscheint oder wer ihn besser verstehen will, dem sei das Buch empfohlen.“

Emsdettener Volkszeitung

„könnte ein neuer Abenteuer-Klassiker werden. Er beeindruckt durch seine starken Charaktere und durch die überraschende, fesselnde Handlung mit wahrem Kern, denn die wichtigsten Ereignisse sind historisch belegt.“

Märkische Allgemeine

„Aus der wahren Geschichte holt der Autor das John-Wayne-Potenzial heraus.“

Münchner Merkur

„Rachefeldzug im Wilden Westen. (...) Ein Buch, das – etwas klischeehaft – die Mythen und Legenden des Wilden Westens beschwört.“

Schweizer Familie

„Diese von US-Autor Michael Punke erzählte Geschichte ist nicht nur ungemein packend, sie beruht auch auf einer historisch verbürgten Begebenheit.“

Siegener Zeitung

„Es ist keine verkitschte Karl-May-Geschichte, die Michael Punke, der einen Lehrauftrag an der University of Montana hat, schrieb, sondern sie gewährt einen Einblick in das harte Leben der Pelztierjäger, ihren Überlebenskampf, in dem es auch um Ehre und Kameradschaft geht.“

Main-Echo

„Michael Punke ist ein spannender Roman gelungen, und viele seiner Schilderungen dürften authentisch sein.“

Kurier am Sonntag

„Michael Punke entfaltet seinen Roman auf Basis tatsächlicher Begebenheiten und schildert auf diese Weise eindrucksvoll, welche Werte das Zusammen- und Überleben in der Pionierzeit bestimmt haben.“

Dom Radio

„›Der Totgeglaubte‹ ist zwar vor allem die authentische Chronik eines Überlebenden mit fiktiven Ergänzungen, aber auch eine großartige Darstellung der frühen Siedlungsgeschichte des amerikanischen Westens. Spannend bis zur letzten Zeile“

niklas-leseblog.jimdo.com

„Das Ende ist etwas überraschend, anders als gedacht und überzeugt gerade deshalb. (...) Ein wirklich in allen Bereichen überzeugender Roman, der nirgends Schwachstellen aufweist. Absolute Leseempfehlung.“

Kölner Stadt-Anzeiger

„Punke lässt den Leser tief eintauchen in die herb-romantische Welt der Trapper des Wilden Westens.“

Playboy

„Gefällt Ihnen, wenn Sie Trapper und Flinten mögen.“

Buchkultur (A)

„›Der Totgeglaubte‹ liest sich wie ein Wild-West Klassiker, ist dabei aber authentischer und kommt ohne jeglichen Kitsch aus. (...) In seinen Grundfesten ist Michael Punkes erstaunlich kurzweiliges Buch eine authentische Wiedergabe einer der großen Geschichten Amerikas im 19. Jahrhundert, die erwiesenermaßen keine Erfindungen sind.“

Stadtblatt Osnabrück

„Der Western, oft totgeglaubt, lebt noch immer. Auch als Buch.(...) Eine harte Durchhaltegeschichte, lakonisch erzählt, nicht ohne Romantik. Viel Natur, viel Innenschau. Handelsposten, Pulverhörner, Mokassins.“

Kommentare zum Buch
Lesen, es lohnt sich!
Thomas Jessen am 10.08.2015

Das Buch ist echtes Meisterwerk. Eine Geschichte die den Leser gleich in seinen Bann zieht und nicht wieder loslässt bis zu ihrem Ende. Die Story hat das Zeug dazu ein Klassiker zu werden. Selten hat mich ein Buch so fesseln können wie dieses. Die Geschichte, spannend von der ersten bis zur letzten Seite zieht den Leser besonders durch die sehr bildhafte Sprache in seinen Bann. So fällt es dann auch sehr leicht in die Story hinein zu kommen und sich sowohl die Figuren als auch die Schauplätze gut vorzustellen. Besonders die Hauptfigur nimmt einen sofort gefangen und es ist nicht ganz leicht das Buch aus den Händen zu legen. Sehr gefallen hat es mir, dass es dem Autor gut gelungen ist die Atmosphäre einzufangen. So kam es mir so vor, als würde ich mitten in der Story stehen und nicht außen vor nur als Leser. Dieses Buch ist nicht nur reiner Lesestoff, nein es ist eher ein Buch das man erleben kann bzw muss. Es ist ein intensives Buch und so (er)lebt man mit dem Protagonisten den Weggang der Gefährten und den Kampf zurück ins Leben. Die Schreibweise erinnert entfernt an den Autor James Fenimore Cooper und seine Erzählung „Lederstrumpf“. Und ebenso wie diese Erzählung hat auch „Der Totgeglaubte“ das Zeug dazu ein Klassiker der amerikanischen Literatur zu werden. Ich wurde von diesem Buch aufs Beste unterhalten und so vergebe ich hierfür die Höchstpunktzahl von 5 Sternen sowie eine Leseempfehlung.

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)

Michael Punke - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Michael Punke - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Michael Punke nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen