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The Last DayThe Last Day

The Last Day

Die eine Seite Hitze, die andere Eis - dazwischen der Kampf ums Überleben

Paperback
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The Last Day — Inhalt

Der Sunday Times Bestseller in edler Ausstattung mit einmaligem Farbschnitt!

2059: Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen.
Die eine Hälfte ist eisige Nacht, die andere sengende Hitze.
Nur in den Territorien dazwischen ist Überleben möglich.
Im isolierten Großbritannien erhält die Wissenschaftlerin Ellen Hopper den Brief eines sterbenden Mannes und erfährt dessen verhängnis­volles Geheimnis. Eins, für das die Regierung töten wird, um es zu wahren.
Der Kampf um die Zukunft der Erde beginnt!

Der packende Klima-Thriller aus Großbritannien: Kann Ellen die Intrigen des unmenschlichen Regimes in London aufhalten?

„Ein sensationeller Thriller über die Welt von Morgen, der einen dazu bringt, darüber nachzudenken, was in unserer Zeit passiert.“ Harlan Coben

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 05.10.2020
Übersetzt von: Michaela Link
448 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70584-4
€ 13,99 [D], € 13,99 [A]
Erschienen am 05.10.2020
Übersetzt von: Michaela Link
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99773-7

Leseprobe zu „The Last Day“

Prolog
Juni

Zwei Uhr dreißig am Morgen und immer noch kein Signal.

Der Amerikaner wartete in seinem beengten kleinen Raum; wartete auf die Kennung, die ihm anzeigen würde, dass London sich meldete.

Das ganze Gebäude war in dieser Nacht glühend heiß. Die Klimaanlage war wieder einmal ausgefallen, und hier saß er, der Letzte, der auf seiner Station übrig geblieben war, und spielte an der Funkanlage herum, nur um die Zeit totzuschlagen, bis das Signal durchkam. Er musste im Büro schlafen. Die Zeit bis zum Dienstbeginn am nächsten Morgen reichte nicht mehr [...]

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Prolog
Juni

Zwei Uhr dreißig am Morgen und immer noch kein Signal.

Der Amerikaner wartete in seinem beengten kleinen Raum; wartete auf die Kennung, die ihm anzeigen würde, dass London sich meldete.

Das ganze Gebäude war in dieser Nacht glühend heiß. Die Klimaanlage war wieder einmal ausgefallen, und hier saß er, der Letzte, der auf seiner Station übrig geblieben war, und spielte an der Funkanlage herum, nur um die Zeit totzuschlagen, bis das Signal durchkam. Er musste im Büro schlafen. Die Zeit bis zum Dienstbeginn am nächsten Morgen reichte nicht mehr aus, um noch nach Hause zu fahren und wieder herzukommen.

Er nippte an seinem Kaffee, der jetzt nur noch so warm war wie die Luft ringsum, und las noch einmal die Benachrichtigung, die er einige Stunden zuvor erhalten hatte. Darin wurde ihm mit einer Frist von zwei Monaten gekündigt, und seine Abteilung wurde aufgelöst.

Fünfzehn Minuten später war endlich die unverkennbare Abfolge kurzer und langer Töne zu hören, die ihm verriet, wer Verbindung mit ihm aufnehmen wollte.

„Sind Sie auf Empfang?“ Eine hastige Frage, vorgebracht unter Husten und mit britischem Akzent.

„Gott sei Dank! Sie haben sich um zwei Stunden verspätet.“

„Tut mir leid. Ich hatte den Eindruck, beobachtet zu werden. Ich musste warten. Aber ich habe Neuigkeiten. Gute Neuigkeiten. Es ist etwas Großes unterwegs.“

„Und was ist das für ein Etwas?“

„Offenbar könnte etwas das ganze Machtgleichgewicht verändern. Das erklärt jedenfalls mein Kontaktmann. Und der sollte es wissen.“

Der Amerikaner seufzte. Geschichten wie diese hatte er schon viele Male gehört. Niemals entsprachen sie der Wahrheit, erwiesen sich in letzter Sekunde immer als unzuverlässig. Oder die geheimen Dokumente entpuppten sich als Müll aus der untersten Schublade von irgendjemandem, als Mischmasch verworrener Daten, die nicht das Geringste verrieten. Ein Kontaktmann aus den obersten Kreisen war zumeist irgendein Offizier mittleren Ranges, der gerade mitten in einer Midlife-Crisis steckte und sich fragte, wie wohl das Leben auf der anderen Seite aussah. Aber der Amerikaner war ein Profi, daher stellte er die Fragen, die zu stellen waren.

„Irgendwelche Einzelheiten? Woher stammt die Information?“

„Von jemandem, den ich früher einmal sehr gut kannte. Er ist hochkompetent. Sogar mehr als das. Er hat etwas für uns, und er ist endlich bereit, es uns zu überlassen.“

„Und hat er gesagt, welche Gegenleistung er von uns erwartet?“

„Er erwartet überhaupt nichts. Er meint, er habe nichts mehr zu gewinnen, nichts mehr zu verlieren. Er meint, er wolle Wiedergutmachung leisten. Das sind seine Worte.“

Der Amerikaner dachte für einen kurzen Moment an seine Familie, an das heiße kleine Haus, das sie sich mit zwei weiteren Familien teilten, sodass es total überfüllt war, und an das leidende Land, das sich ringsum meilenweit erstreckte, die welkenden Feldfrüchte. Seine Kinder waren in diesem Jahr viel dünner als im vergangenen Jahr. Sie konnten sich glücklich schätzen, überhaupt hier zu sein, während so viele andere das nicht waren. Die Erwartung, dass sich die Lage jemals bessern würde, kam ihm unwahrscheinlich und undankbar vor. Aber Funkmeldungen wie diese machten es so viel schwerer, keine Hoffnung zu empfinden.

„Was ist Ihre Meinung dazu?“, fragte er.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang ernst. „Ich glaube, er sagt die Wahrheit.“

Er richtete den Blick auf das Benachrichtigungsschreiben auf dem Schreibtisch, in dem ihm und seinen Kollegen mitgeteilt wurde, dass sie nur noch sechzig Tage hatten, bis sich die Welt für immer verändern würde. Trotz der Hitze überlief ihn ein kalter Schauder.

„Ich hoffe, Sie haben recht“, sagte er. „Uns bleibt nicht viel Zeit.“




Kapitel 1
August

Mit dem Schiff der Toten hatte es begonnen. Daran erinnerte sie sich später.

Dieses Schiff sah aus, als triebe es schon seit Jahrzehnten auf dem Meer. Es lag tief im Wasser, und sein früherer Verwendungszweck war nicht mehr zu erkennen. Am Rumpf waren nur noch kleine Reste seines ehemaligen Anstrichs zu erkennen. Die stählernen Decksaufbauten waren bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Selbst die Muscheln an der Wasserlinie waren verschrumpelt und abgestorben. Auf der Reling hielten zwei Möwen, die noch nie einen Menschen gesehen hatten, Ausschau wie absurde Wächter.

So fanden sie es bei ihrer Ankunft vor.

Ihr eigenes Boot war kleiner, schneller und hämmerte übers Wasser. Das Dröhnen des Außenbordmotors war meilenweit das lauteste Geräusch. Sie waren zu siebt, trugen leuchtend orangefarbene Overalls, und jeder hatte eine Maske mit riesigen Augen und grotesker, stumpfer Schnauze dabei.

Sie machten ihr Boot an dem größeren Schiff fest, brachten eine Strickleiter aus, und sechs von ihnen gingen an Bord. Einer blieb als Wache zurück. Hoppers Kameraden trugen schwarze Stiefel, sie selbst ausgebleichte weiße Turnschuhe. Die anderen waren mit Gewehren bewaffnet, sie nicht.

Aus der Nähe sah das Schiff – oder Boot, vielleicht ein altes Fischerboot, wie sie befand – noch schlimmer aus. Die Hitze der Sonne hatte die Planken an Deck zum Schrumpfen gebracht, und von der Reling fehlten hier und da ganze Abschnitte. Die Tür zum Steuerhaus hing schief in den Angeln und schwang in der Brise knarrend hin und her. Ein schwacher saurer Geruch stieg aus den Ritzen zwischen den Planken auf, vor allem um die Luke zum Frachtraum herum.

Zwei ihrer Kameraden stiegen die Treppe zum Steuerhaus hinauf, zwei weitere machten einen Rundgang entlang an den Resten der Reling. Sie selbst und der letzte Soldat näherten sich der Luke, die sich mittig auf dem Deck befand. Sie war mit einem Vorhängeschloss versperrt, aber sie stemmten es auf, streiften ihre Masken über, stiegen hinab und nahmen ihre Taschenlampen zur Hand. Der Geruch wurde stärker, je tiefer Hopper hinabstieg, selbst durch ihre Maske hindurch. Nach und nach verspürte sie die übliche Beklemmung, und ihre Atmung beschleunigte sich.

Der Frachtraum des Bootes war nicht größer als ein Seefrachtcontainer und dunkel. Es gab nur das Licht ihrer Lampen und einige dünne Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der geschrumpften Planken fielen. Im hinteren Teil des niedrigen Raums hingen Bündel leerer Netze an Haken von der Decke.

Vorn befand sich ein großer Haufen leerer Konservendosen und ein Dutzend Matratzen, auf denen etwa dreißig bis zur Unkenntlichkeit verweste menschliche Leichname lagen. Darüber tanzten Staubkörnchen in den Lichtstrahlen, die durch die Ritzen zwischen den Planken fielen und mit dem Wiegen des Bootes in der Dünung hin und her zu pendeln schienen.

Ihr Kamerad wandte sich gelangweilt ab und begann mit der Durchsuchung des hinteren Teils des Frachtraums. Hopper richtete ihre Lampe auf die Toten und zwang sich, so dicht heranzugehen, dass sie die Skelette in Augenschein nehmen konnte. Der Form der Becken nach waren sie überwiegend männlich. Dazwischen entdeckte sie einige weibliche Leichen, und an Steuerbord, etwas abseits der anderen, fand sie zwei kleinere Skelette, deren Geschlecht nicht zu erkennen war. Sie spürte die vertrauten Finger der Panik, die sich um ihre Kehle legten, und rief sich ins Gedächtnis: Bleib ruhig! Bleib ruhig! Lass dir nichts anmerken!

Die Knochen in den Lumpen waren dunkel, nicht strahlend weiß, wie man sich Knochen vorstellte. Und auch nicht sauber. An den meisten Schädeln hingen noch Büschel strähnigen Haars. Sie kniete vor dem kleinsten Leichnam nieder und ließ das Licht ihrer Taschenlampe an den Umrissen der Arme hinabwandern, über den zerlumpten Stoff, der den Torso umhüllte, und zurück zum Schädel. In den Kiefern saßen Milchzähne, die zweiten Zähne waren noch nicht durchgekommen. Neben der Leiche am Boden fand sie ein winziges Amulett, eine primitive Metallspirale an einem Faden.

Eine Minute später trat ihr Kamerad neben sie und gestikulierte stumm – er hatte einen Vorrat ungeöffneter Dosen gefunden. Sie packten sie in seinen blauen Segeltuchsack und kehrten damit zur Treppe zurück. Während er die Stufen hinaufstieg, lief Hopper schnell noch einmal zurück zu dem kleinsten Leichnam und nahm ihm das Amulett ab.

Nachdem alle sechs wieder auf Deck waren, kletterten sie die Leiter hinunter zurück in das kleinere Boot. Einer der Soldaten klebte eine klumpige Masse dicht unterhalb der Wasserlinie an den Rumpf des größeren Bootes und rammte einen kurzen Stab hinein. Als der Motor hustend zum Leben erwachte, riss der Mann einen Streifen vom Ende des Stabs ab. Der Stab zischte, qualmte und warf unter Wasser Blasen.

Wenige Minuten nach dem Ablegen war der Zündstab heruntergebrannt, und mit einem dumpfen Knall riss der Rumpf auf.

Fünf Minuten später lag das Boot bereits merklich tiefer im Wasser. Nach weiteren zehn Minuten war es verschwunden.

Sie war der einzige Mensch in dem kleineren Boot, der sich noch einmal umgedreht hatte, um das Geschehen zu beobachten. Über ihnen schien die bleiche Sonne aus halbhoher Position auf das Meer herab, wie sie das hier zu jeder Stunde des Tages tat.




Kapitel 2

Die Rig Rocket nahm Fahrt auf. Sie war ein robustes kleines Boot, das für Wartungsarbeiten, zur Ausbildung, für Schleppaufträge und alles mögliche andere benutzt wurde. Es musste sich jedoch um etwas Dringendes handeln. Im Einsatz unter Schwimmer und seinen Leuten blieb sie meist am Liegeplatz, wenn nicht gerade Eisbergalarm gegeben wurde.

An diesem Morgen war er um fünf Uhr sieben mit einem Heulen losgegangen, schmerzhaft laut und dazu bestimmt, jeden in Hörweite sofort aus dem Bett zu jagen. Für Hopper war der Aufenthalt auf der Plattform selbst nach drei Jahren jedes Mal aufs Neue ein Schock. Dabei hatte sie als Wissenschaftsoffizierin mit ihrer Einzelkabine noch Glück. Die Mannschaft war in Viererkabinen untergebracht.

Inzwischen hatten sie fast ihre gewöhnliche Marschgeschwindigkeit erreicht. Hopper wandte sich zum Heck um, wo Harv stand. Sein langes Haar flatterte nahezu waagrecht im Wind, und sein Arm lag angespannt auf dem Ruder. Er begegnete ihrem Blick und zwinkerte ihr zu. Eben im Frachtraum war er gleichmütiger geblieben als sie. Sie hätte beim Anblick der Leichen beinahe die Flucht ergriffen, wäre beinahe an Deck zurückgerannt, hinaus aus der kühlen, widerwärtigen Luft. Harvs Anwesenheit, stark und beruhigend, hatte sie dort gehalten, auch wenn sie dankbar für die Maske gewesen war. Sie schmeckte selbst jetzt noch Galle in der Kehle. Ihre Mutter war wohl auch auf einem solchen Boot gewesen.

Harv musste natürlich mehr als sie selbst an Leichen gewöhnt sein, obwohl er seit einer Weile keine mehr gesehen haben mochte. Während ihrer drei Jahre dort waren auf der Plattform nur zwei Soldaten gestorben – Drax nach seinem Unfall und Lambert, eine leichtsinnige Zwanzigjährige, die sich während eines Sturms aufs offene Deck gewagt hatte.

Sobald sich das Wetter gebessert hatte, waren sie losgefahren und hatten in immer weiteren Kreisen nach ihr gesucht, bis Schwimmer befand, dass genug Treibstoff verschwendet worden sei. Eine Woche später hatte man ihr Barett entdeckt, ausgerechnet verfangen in der eisernen Palisade, wo sich die Plattform aus dem Meer erhob.

Es war bitterkalt an diesem Morgen. Wann immer der Wind in einer Bö auffrischte, wurde es noch eisiger. Hopper wandte sich wieder den bleichen, schweigsamen Soldaten zu, die links und rechts vom schmalen Mittelgang des Bootes saßen. Leeson wirkte elend und krümmte sich über den harten orangefarbenen Süllrand.

Leeson war erst neunzehn. Er war seit wenigen Monaten bei ihnen und hasste offensichtlich jede Minute, die er hier verbracht hatte. Dabei hätte er es erheblich schlechter treffen können, wie sie fand. Er hätte in der Kornkammer festsitzen, in den Highlands auf Patrouille gehen oder die Sümpfe von Kent durchkämmen können. Hier gab es zumindest drei Mahlzeiten am Tag und höchstwahrscheinlich keine ernsthaften Kämpfe. Leeson wusste gar nicht, wie glücklich er sich schätzen durfte, denn es gab nur wenige Plätze auf Plattformen.

Hopper drehte sich nach links und betrachtete die lange Spur des Kielwassers. Hier im Nordatlantik stand die Sonne etwa zwei Daumenbreit tiefer am Himmel als in England. Eine Vormittagssonne, ein machtvoller gelber Fleck, zu sehr gestreut von der Atmosphäre, um genügend Wärme zu liefern, aber zu hell, als dass man sich einreden konnte, es sei jemals Nacht. Auf der Plattform war es immer Vormittag.

Nicht nur das Boot mit seinem Leichenberg brachte sie aus dem Gleichgewicht, das wusste sie. Sie dachte noch immer an den Brief, den sie vor einigen Wochen erhalten hatte, datiert noch einen Monat früher. Dünnes gelbes Papier, bedeckt mit zartem, unregelmäßigem Gekritzel.

 

Ellen, bitte vernichte diesen Brief nicht, ohne ihn gelesen zu haben. Ich weiß, es wird Dich schmerzen, von mir auch nur etwas zu lesen. Aber es hängt erheblich mehr davon ab, als Du ahnen kannst. Es duldet keinen Aufschub.

 

 

 

Wie gut, dass Harv die Konserven entdeckt hat, sagte sie sich, obschon sie es noch viel besser gefunden hätte, wenn er ihr nicht erzählt hätte, wann sie geöffnet und für ihre Mahlzeiten verwendet wurden, wie beim letzten Mal, als ein Boot irgendetwas hergegeben hatte. Näher würden sie der alten Welt nicht kommen. Sie aßen Lebensmittel, die vor Jahrzehnten geerntet worden waren, gereift in einem Sonnenlicht, an das sich nur noch wenige erinnerten.

Sie würde natürlich essen, was sie an diesem Tag gefunden hatten. Sie war nicht prinzipientreu genug, um zusätzliche Kalorien abzulehnen, aber sie wusste bereits, dass sie sich während der ganzen Mahlzeit Gedanken darüber machen würde. Wann war der Inhalt dieser Dosen geerntet, verarbeitet und abgefüllt worden? Wann waren die Dosen gekauft oder erbeutet worden? Wann waren sie einem Vorrat entnommen und in diesem Boot hinter die Planken des Frachtraums gepackt worden, damit die Menschen dort nicht verhungerten?

Und vor allem – warum waren sie nicht geöffnet worden, und wie waren diese armen Leute gestorben? Wegen des Schlosses an der Luke vermutete sie eher Krankheit als Gewalt. Woher das Boot auch immer kam – aus Südamerika, vielleicht aus Südeuropa –, gab es jede Menge Krankheiten, deren Symptome sich bei einem Passagier oder Seemann erst zeigten, wenn sein Boot ohne Ärzte und mit nur wenig Medikamenten bereits auf hoher See war. Hatte die Besatzung die Rettungsboote vielleicht in Besitz genommen und ihre Passagiere im Stich gelassen?

Sie fragte sich, welcher von ihnen als Letzter gestorben war, bevor sie sich verbot, weiter darüber nachzudenken. Welche jammervollen Szenen sich auch immer auf dem Boot abgespielt hatten, es war vorbei. Und wenn das Boot von der anderen Seite des Atlantiks gekommen war, waren selbst die Kinder im Frachtraum früher geboren worden als sie selbst. Die Boote aus Amerika hatten die Überfahrt vor sehr langer Zeit gewagt.

Dann war da wieder der Brief, schlängelte sich ganz nach vorn in ihre Gedanken. Die Sätze wiederholten sich immer wieder. Selbst noch zwei Wochen, nachdem sie ihn gelesen hatte, erinnerte sie sich an jedes Wort.

 

Es gibt noch mehr, was Du als Studentin nicht gewusst hast, erheblich mehr. Es ist von größter Wichtigkeit, dass ich Dir und nur Dir allein erkläre, worum es sich handelt. Ich nähere mich dem Ende meines Lebens und kann Dir nicht mehr schaden. Aber Du kannst verhindern, dass ein Übel geschieht, das noch viel schlimmer ist. Bitte. Du musst das hier lesen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.

 

 

 

Vergiss es!, sagte sie sich. Vergiss es, vergiss es!

Boote waren natürlich seltener geworden als früher, aber es waren immer noch Tausende unterwegs, eine riesige Flotte, deren einziger Admiral der Zufall war. Inzwischen waren die meisten von ihnen in die tote Zone in der Mitte des Atlantiks getrieben und kamen dort in einem Umkreis von fünfzig Meilen Durchmesser zur Ruhe, in einem Archipel des Rosts, zu nichts anderem bestimmt, als zu verrotten und Schiff für Schiff zu versinken. Sie hatte einmal gelesen, dass sich vor dem Slow ständig hunderttausend Schiffe auf See befunden hatten. Es klang unwahrscheinlich.

Schiffe waren inzwischen keine echte Bedrohung mehr. In den Ländern, aus denen sie hätten kommen können, hatten nicht genügend Menschen überlebt. Eisberge waren viel alltäglicher und gefährlicher. Boote stellten kein Problem dar, es sei denn, sie waren groß. Aber selbst ein kleiner Eisberg konnte sich als katastrophal erweisen.

Sie hatten im Abstand von zwanzig Meilen einen Ring um die Plattform gezogen. Harv besaß Geschick im Umgang mit Elektronik, und immer wenn ein größeres Objekt den Ring passierte, wurde mit seiner Hilfe die Plattform per Funk über den betroffenen Bereich informiert. Dann wurde die Rig Rocket ausgeschickt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Wenn es sich um einen Eisberg handelte, der zu dicht an die Plattform zu kommen drohte, forderten sie das größere Boot an, die Gertie, um den Eisberg auf einen neuen Kurs zu schleppen. Um Boote und kleinere Schiffe mussten sie sich selbst kümmern.

Im Zusammenhang mit Eisbergmissionen war Hopper dafür zuständig, aufgrund der aktuellen Wind- und Strömungsverhältnisse den voraussichtlichen Kurs der Objekte zu berechnen und eine Empfehlung abzugeben, welche Schleppmanöver zur Vermeidung einer Kollision mit der Plattform nötig waren. Es war befriedigend, eine Aufgabe mit einem greifbaren Ergebnis zu erfüllen, aber das war natürlich eine kinderleichte Sache und lenkte sie von ihrer eigentlichen Arbeit ab.

Ihre eigentliche Arbeit. Und schon war sie wieder bei dem Mann, der ihr alles Nötige über ihre derzeitige Tätigkeit beigebracht hatte. Sie nahm die Worte des Briefs in seiner Stimme wahr, entschuldigend und leise, wie sie bei ihrer letzten Begegnung mit ihm geklungen hatte.

 

Ich habe sehr viel Leid über Dich und andere gebracht. Das weiß ich. Aber ich weiß auch, wie ich es wiedergutmachen kann. Du bist der einzige Mensch, der helfen kann. Außer dir vertraue ich niemandem.

 

 

 

Die Plattform kam in Sicht. Als Erstes tauchten immer die Reaktortürme über dem Horizont auf, außerdem die Dampfschwaden des Heizsystems, kleine Wolken aus Schornsteinen, die für Größeres geschaffen waren. Das war ihr behelfsmäßiges Zuhause, ein eisiges Gerüst aus verstrahltem Stahl, das in dem eisigen Meer vor Anker lag.

Bei ihrer Einweihung war die Plattform als innovative Pionierarbeit gepriesen worden. Nun lag sie nutzlos und verfallen zweihundert Meilen vor der Südwestküste Englands, der erste Vertreter einer neuen Spezies und zugleich der Letzte seiner Art. Aus ihren Gesprächen mit Harv wusste sie, dass die Reaktoren der Plattform immer noch genug Strom produzierten, um diese selbst in Gang zu halten und ein wenig davon für die Heimat zu erübrigen. Sobald diese Minimalfunktion wegfiel, würde man sie klaglos sich selbst überlassen, wie so vieles andere in dieser dahinsterbenden Welt.

Und die letzten Zeilen in dem Brief, die flehentliche Bitte. Nicht um Vergebung, sondern um … tja, wer wüsste, was denn sonst noch? Höchstwahrscheinlich der fruchtlose Versuch, sich zu entschuldigen, indem man ein verlockendes Geheimnis als Köder auswarf. Hopper hatte keinerlei Interesse an Geheimnissen mehr.

 

Kontaktiere mich bitte unauffällig unter der oben genannten Adresse. Ellen, versuch nicht, Dich mir irgendwie auf andere Weise zu nähern. Das wäre mit erheblichen Risiken für Dich verbunden. Aber setz Dich mit mir in Verbindung. Bitte. Du musst das hier lesen.

 

 

 

Und dann nichts als die zittrige Unterschrift Edward Thorne.

Sie hatte den Brief verbrannt. Es hatte ihr Vergnügen bereitet, ihn genau im richtigen Winkel zu halten, damit sein Anfang als Letztes verbrannt wurde. Die letzten sichtbaren Wörter waren: Ellen, bitte vernichte diesen Brief nicht, dann Ellen, bitte vernichte und zuletzt nur noch Ellen. Sie hatte sich die angegebene Adresse bewusst nicht eingeprägt, für den Fall, dass ihre Entschlossenheit später womöglich ins Wanken geriet. Sie hatte den Brief nicht beantwortet.

Inzwischen waren sie der Plattform näher gekommen. Die gesamte Anlage war jetzt über den Wellen zu sehen, ein trauriger Anblick, gezeichnet durch den Einfluss der Elemente. Die Plattform sah aus wie die eiserne Krone eines Titanen, die letzten Überreste eines riesigen ertrunkenen Königs. Die vier Beine waren mit Rost überzogen, die Ankerketten ringsum wurden von der anbrandenden Gischt hin und her geworfen und klirrten im Wind des nördlichen Atlantiks. Am Sockel hatte sich die Plattform grün verfärbt, pflanzliches Leben, das sich halsstarrig wie ein Pelz daran heftete, als wäre es sich bewusst, dass es auf Hunderte von Meilen kein besseres Zuhause gab.

Hopper löste die Wasserflasche von der Hüfte, goss sich etwas Wasser in den Mund und ließ den Blick über das Meer schweifen. Sie rechnete damit, dass plötzlich und ganz unerwartet ein Wal auftauchte.

Und dann spähte sie wieder in Richtung Plattform, als das Boot darauf zuhielt, und entdeckte zum ersten Mal den großen schwarzen Hubschrauber, der wie eine Schmeißfliege auf dem Freideck hockte.



Kapitel 3

Jetzt, dreißig Jahre, nachdem alles geendet hatte, kam ihr der Slow wie das Natürlichste auf der Welt vor. Die Vorstellung, dass Menschen mit Schock darauf reagiert hatten, erschien ihr seltsam.

Hopper wusste, dass sie eines der letzten Kinder von Vorher war, geboren vier Jahre, bevor die Erde aufgehört hatte, sich zu drehen. Sie war eine Seltenheit. Seither waren natürlich viele Kinder geboren worden, aber in jenen letzten Jahren war die Geburtenrate tief in den Keller gegangen. Die Welt hatte innegehalten und auf die Katastrophe gewartet, und die bereits geborenen kleinen Kinder hatte man behandelt wie kleine Könige. Sie wurden gut genährt und wann immer möglich verwöhnt, wie als vorgezogene Entschuldigung für einen zerstörten Planeten, den ihre Eltern nicht wieder in Ordnung zu bringen vermochten.

Aber während jener Jahre wurden neue Kinder bestenfalls als so etwas wie eine Ausschweifung, schlimmstenfalls als fleischgewordene Grausamkeit betrachtet. Warum ein Kind in eine Welt setzen, die ihrem Ende entgegenging? Das Chaos und die Entbehrungen am Ende des Slows hatten die Libido des Planeten auf ein Minimum reduziert. Viele Schwangerschaften waren irgendwann vor der Zeit abgebrochen worden.

Die zunehmende Ungenauigkeit der Zeitmessung vor dem letzten Sonnenaufgang hatte zur Folge gehabt, dass kein Kind offiziell als das letzte ausgegeben werden konnte, das die alte Welt noch erlebt hatte, jene Welt aus Morgengrauen, Sonnenuntergang und kühlen, klaren Abenden. Selbst wenn eine große Uhr genau in jenem Moment angehalten worden wäre, als der Planet endlich stillstand, und man die Krankenhäuser der ganzen Welt nach der letzten Geburt durchsucht hätte, wäre das Ganze ein sinnloses Unterfangen gewesen. Wer immer das Kind gewesen war, es lebte inzwischen höchstwahrscheinlich nicht mehr.

Hoppers Jahrgang war infolgedessen viel geburtenschwächer gewesen als jene einige Jahre davor oder danach. Inzwischen hatte sich die Situation auf den britischen Inseln verbessert. Es gab wieder mehr Säuglinge, mehr Familien, mehr Hochzeiten. In den alten Tagen hatte es mehrere Zeitschriften gegeben, deren Inhalt sich ausschließlich dem Thema Hochzeit gewidmet hatte. Hopper hatte so ein Heft im Haus ihres Vaters gesehen, mit Anmerkungen in der wunderschönen Handschrift ihrer Mutter – Sternchen hier, umringelte Blumengestecke dort. Die Vorstellung, über so viel Papier zu verfügen, das man einfach verschwenden konnte, fiel ihr schwer. Als sie an ihre Mutter dachte, durchfuhr sie der gewohnte Schmerz. Wenngleich von der verstrichenen Zeit gelindert, war er immer noch unerträglich.

Sanierung und Erneuerung. Jeden Monat eine neue Fabrik, las sie in den Kurznachrichten. Jede Woche weiteres Ackerland unter dem Pflug, jedes Jahr mehr Schulen, mehr Straßen, mehr Lebensmittel. Vor zwei Jahren eine neue Eisenbahnlinie. The Great British Resurgence, der große britische Wiederaufstieg, war bestens ins Rollen gekommen. Manchmal war das von einer rostzerfressenen Plattform im Meer aus, die in einem ewigen Herbstvormittag erstarrt war, nur schwer wahrnehmbar. Aber die Verlautbarungen blieben optimistisch.

Sie entsprachen natürlich nicht exakt der Wahrheit. Jeder wusste, dass es Landesteile gab, wo man der staatlichen Kontrolle mehr Respekt zollte, indem man sich ihr widersetzte, als dass man sich fügte. Oben im Norden, in dem riesigen neuen Getreidegürtel quer über Schottland hinweg, sowie in vielen Gegenden außerhalb der großen Städte. Es gab Aufstände, die kraftlos und halbherzig unterdrückt wurden. Ab und zu tauchte vielleicht der Leichnam irgendeines unbescholtenen Landwirtschaftskontrolleurs auf einem öffentlichen Platz auf. Der trug dann ein Schild um den Hals, das die Behörden aufforderte, ihn zurückzunehmen. Nichts von alledem wurde natürlich offiziell bekannt gegeben, aber es war bemerkenswert, wie viel man erfahren konnte, selbst wenn es niemals in einer der beiden Zeitungen stand.

Und jetzt war wie aus dem Nichts ein Hubschrauber aufgetaucht. Sein Rumpf wirkte dick und behäbig, die Glaskuppel an der Frontseite erinnerte an das Auge eines Insekts.

Zwar verfügte die Plattform über einen Hubschrauberlandeplatz, aber zum ersten Mal in Hoppers Zeit hier wurde er auch benutzt. Treibstoff war rar und wichtigen Regierungsaktivitäten vorbehalten. Die Soldaten hatten das Luftfahrzeug ebenfalls entdeckt, sie stießen sich an und gestikulierten. Hopper verspürte eine unerklärliche Feindseligkeit gegenüber dem Hubschrauber.

Einen Moment lang fragte sie sich, ob der Helikopter wegen Harv hier war, wegen der Sache mit den Sirenen. Doch dann konnte sie nur über sich selbst lachen. Im vergangenen Monat war es Harv irgendwie gelungen, das Datum von Schwimmers Geburtstag zu ermitteln. An besagtem Tag, als sich die Soldaten gerade zum Morgenappell auf Deck aufgereiht hatten, in dem Moment, als Schwimmer den Mund öffnen wollte, waren die Sirenen der Plattform ausgelöst worden. Zuvor hatte Harv sie so eingestellt, dass sie ein verzerrtes elektrisches Happy Birthday spielten, schief und heulend. Hopper hatte von der Kantine aus die Szene beobachtet und gelacht. Die Soldaten hatten gesungen, und Schwimmers Gesicht war puterrot angelaufen, während seine Gefühle zwischen Zorn und Belustigung hin- und herzuschwanken schienen.

Als Schwimmers Adjutant hätte Harv streng bestraft werden können, aber er hatte den Ersten Offizier beschwichtigt. So war Harv. Immer charmant und gewinnend.

Sollte die Regierung tatsächlich genug Hubschraubertreibstoff erübrigen können, um jemanden einfliegen zu lassen, damit er Harv wegen etwas Derartigem zur Rede stellte, musste England ein friedlicheres und besser regiertes Land sein, als sie annahm.

Die Rig Rocket hatte inzwischen schon beinahe die stählerne Zufahrt ins Dock hinein passiert, von wo aus sie zu Wasser gelassen worden war. Genau in diesem Moment erschien neben dem Hubschrauber eine Gestalt in dunkler Kleidung und mit dem Klecks eines weißen Bands am Arm.

Das Boot hielt tuckernd inne und trieb in die kleine Kammer hinein. Die Soldaten sprangen heraus und machten sich daran, die Rig Rocket die Helling hinaufzuziehen. Hopper kletterte auf die Plattform hinüber und sah ihnen zu.

Wie war es zu rechtfertigen, einen Hubschrauber hierherkommen zu lassen? Ein Wechsel des Kommandanten? Aber der neue würde bestimmt einfach mit dem Versorgungsschiff kommen. Ein medizinischer Notfall? Das musste schon etwas wirklich Schlimmes sein, und sie hatte bislang von nichts dergleichen gehört. Doch dann wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie vielleicht wegen des Briefs gekommen waren, und ein flaues Gefühl breitete sich in ihr aus.

Harv erschreckte sie, indem er ihr etwas ins Ohr flüsterte. „Du wirst es bald genug herausfinden.“

„Was herausfinden?“

„Wer da zum Spielen gekommen ist.“

Sie holte tief Luft. „Ganz sicher ist es nichts von Belang.“

Er grinste. „Ganz wie du willst.“

Die Soldaten zogen ihre orangefarbenen Overalls aus und hängten sie in die Stahlspinde an den Wänden der Kammer mit dem Dock. Hoppers Overall musste ebenso wie der von Harv gereinigt werden. Sie warf ihn sowie die geretteten Konservendosen in die behelfsmäßige Dekontaminationsbox. Die war letztlich einfach eine Kiste für Ausrüstungsgegenstände, die mit Bleiplatten ausgelegt worden war. Auf den Deckel hatte jemand die aus fluoreszierendem Stoff selbst gefertigte Abbildung eines Totenschädels mit gekreuzten Knochen geklebt. Sollte sich herausstellen, dass die Dosen nicht verstrahlt waren, würden sie sie säubern und den Inhalt verzehren, andernfalls an einen Abfallbehälter festbinden und über Bord werfen, damit sie fortan den Meeresboden statt der Plattform verseuchten.

Die Soldaten beendeten ihre Arbeit und verließen abgezählt und einer nach dem anderen den Raum. Die Stahltür schlug hinter ihnen zu. Hopper und Harv blieben allein in der Kammer zurück, in deren Mitte schwarz und teerig das Wasser schwappte. Als sie das Klatschen des Meeres gegen die Außenwände hörte, erschauerte sie.

„Ich kann diese Dinger nicht ausstehen.“ Ihr war immer noch schlecht bei der Erinnerung an das krank machende Schwanken des Fischerboots, und sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da war sie auch schon wütend auf sich selbst, weil sie ihre Schwäche eingestanden hatte.

„Die Boote? Die mag niemand, Ellie. Man müsste schon ziemlich pervers sein, um sie zu mögen.“ In Harvs tiefer Stimme schwang noch immer der Hauch eines Akzents mit. Er hatte seine ersten Lebensjahre in Boston verbracht, ein Elternteil englischer, das andere amerikanischer Herkunft. Noch als Kind war er hierher übergesiedelt. Kurz bevor alles begann, war er einer der letzten Glücklichen gewesen, denen man die volle Staatsbürgerschaft gewährt hatte, ohne allzu viele Fragen zu stellen. Da sie ihn so gut kannte, fiel ihr manchmal auf, dass er seine amerikanische Seite möglichst verbarg. Bei den Vokalen gab er sich besondere Mühe, fest entschlossen, hinreichend Verbundenheit zu zeigen, damit niemand aufgrund seiner Stimme an seiner Nationalität zweifelte.

„Woher sind sie deiner Meinung nach gekommen?“

„Denk besser gar nicht erst darüber nach! Wahrscheinlich waren sie schon längst nicht mehr fähig, sich irgendwelche Sorgen zu machen.“

„Du kannst mir nicht erzählen, dass dir ihre Versenkung Spaß gemacht hat.“

„Ich würde lieber versenkt werden, als ewig auf dem Meer zu treiben. Jetzt komm schon!“

Hopper folgte Harv durch die Tür zur Treppe, die auf das Deck hinaufführte. Sie hatten schon seit geraumer Weile nicht mehr so viele Tote gehabt. Die beiden letzten Boote waren fast leer gewesen. Aber das Schiff vor drei Monaten, eine südamerikanische Fähre, war sehr viel voller gewesen. Sie träumte immer noch mindestens einmal in der Woche davon.

„Worum mag es sich wohl handeln?“ Sie konnte sich die Frage nicht verkneifen. Bestimmt hatten sie herausgefunden, dass Thorne ihr geschrieben hatte. So musste es sein. Aber wie? Und warum war es so wichtig, dass sie deshalb jemanden so weit auf den Atlantik hinausschickten?

„Der Hubschrauber? Wahrscheinlich irgendein Paragrafenhengst vom Festland, der sicherstellen will, dass wir nicht zu viele Kichererbsen essen. Vielleicht will er sich auch vergewissern, dass unsere Bettdecken die vorschriftsmäßige Dicke haben. Es wird schon nichts Ernstes sein.“

Er drehte sich um, lächelte und zeigte dabei die Zähne. Ihm fehlte ein Zahn. Der war ihm bei einem Kampf in der Nähe der Grenze mit einem Knüppel ausgeschlagen worden, wie er erzählt hatte. Er war ein hübscher Kerl, aber Hopper spürte, wie stolz er auf dieses sichtbare Zeichen eines Kampfs war.

Sie dachte nach. „Versorgungslieferung?“

„Hubschrauber von dieser Größe haben kaum Platz, um etwas mitzubringen. Das also sicher nicht, es sei denn, das letzte Versorgungsboot hätte den Dosenöffner vergessen.“

„Ein Krankentransport?“

Harv zuckte die Achseln. „Soweit ich weiß, waren gestern Abend noch alle gesund. Und für das nächste Quartal verfügt Donaghy über alle Medikamente, die er je benötigen könnte, vorausgesetzt, wir kriegen nichts als Syphilis und Kopfschmerzen. Also wette ich, dass es Neuigkeiten für uns gibt. Wie auch immer, der Helikopter ist jedenfalls einer von uns.“

„Woher willst du das wissen?“

„Ich habe ihn erkannt. Britisches Modell.“

„Vielleicht sind die Skandis anmarschiert, und wir bieten den letzten Zufluchtsort im britischen Weltreich.“

Das entlockte ihm nur ein verächtliches Schnauben. Sie verfielen in Schweigen. Harvs schwere Stiefel stampften die eisernen Stufen hinauf, und Hoppers Turnschuhe quietschten. Die Plattform verfügte über mehrere Stockwerke. Teile des Kraftwerks hatten ihren Betrieb inzwischen eingestellt. Die Hälfte davon war verbotenes Gelände, überall alte Maschinen, die bei der Suche nach Ersatzteilen nur noch ausgeschlachtet werden konnten. An ihrem freien Tag unternahm Hopper manchmal Spaziergänge durch die langen Gänge, um festzustellen, wie lange sie gehen konnte, ohne jemandem über den Weg zu laufen. Ihr Rekord waren zweieinviertel Stunden.

Sie erreichten den oberen Austritt der Treppe. Harv lehnte sich gegen die Tür, und die kalte Luft wehte herein. Auf Deck herrschte niemals Frost, aber vor dem Stop musste es in den Stunden der Dunkelheit wirklich bitterkalt gewesen sein. Meist war es jedoch so eisig, dass es guttat, wieder nach drinnen zu kommen. Hopper wusste das nur zu genau, denn sie drehte jeden Morgen eine Stunde lang ihre Runden draußen auf Deck.

Auf der anderen Seite der Plattform erhob sich das lange geschwungene Dach der Kantine und der Gemeinschaftsräume. Diese Räumlichkeiten waren für die Bewohner bewusst mit Meeresblick ausgestattet worden. Auf ihrem Weg dorthin passierten sie den Hubschrauber. An der Reling lehnte, dem Meer zugewandt, die Gestalt, die Hopper vom Boot aus gesehen hatte. Ein Mann mit ausgebleichtem, kurz geschorenem Haar, das kaum die Umrisse des Schädels bedeckte. Mit seiner Lederjacke, der schwarzen Hose und den hohen Stiefeln sah er aus wie ein Motorradfahrer. Er schenkte ihnen keine Beachtung und starrte weiter aufs Meer hinaus. Zwischen seinen Fingern brannte unbeachtet eine Zigarette.

Als sie sich der Kantine näherten, entdeckte Hopper durch die Türen hindurch Schwimmers kleine Glatze. Er saß mit dem Rücken zu ihnen an einem der langen Stahltische und drehte sich um, als sie nun näher kamen.

Harv salutierte, und Schwimmer erwiderte den Gruß. „Rühren“, murmelte er. „Guten Morgen, Doktor Hopper!“, fügte er nach einer Pause hinzu.

„Guten Morgen, Herr Oberst!“

„Herr Hauptmann, Ihr Bericht?“

»Ja, Sir. Gegen null sechs fünfundvierzig kleines Boot abgefangen. Wir sind alle an Bord gegangen, bis auf Drachmann, der Wache gehalten hat. Dort haben wir bemerkt …«

Während Harv fortfuhr, schweifte Hoppers Blick durch den Raum. Nach der Helligkeit auf Deck gewöhnten sich ihre Augen nun allmählich an das Schummerlicht im Innern. Zwei Gestalten saßen Schwimmer gegenüber am Tisch. Ein Mann, der immer noch seinen Mantel trug, und eine Frau.

Die Frau war eindrucksvoll, offenbar größer als der Mann, auch wenn sie vielleicht einfach nur die bessere Körperhaltung besaß. Hopper schätzte sie auf Mitte vierzig, und sie sah aus wie ein inzwischen leicht heruntergekommener Hollywoodvamp. Ihr dunkelbraunes, leicht rötlich getöntes Haar war kunstvoll gelockt, und dick aufgetragener roter Lippenstift brachte ihren Mund zum Leuchten. Die Mundwinkel ihrer Lippen waren vor Selbstzufriedenheit ständig leicht gekräuselt.

Der Mann schien einige Jahre älter zu sein. Er war hager, mit fettigem, schütterem Haar, das die ersten grauen Einsprengsel zeigte. Seine Gesichtsfarbe war ebenfalls grau, nur nicht um das Kinn herum, wo ein stumpfer Rasierer die Haut mit entzündeter Röte überzogen hatte. Sein allzu enger Hemdkragen kniff ihm so stark in den Hals, dass eine Ader hervortrat. Er wirkte müde und lustlos.

Auf dem langen Stahltisch standen zwei Tassen, die mit dem scheußlichen Kaffee der Plattform gefüllt waren. Neptuns Pisse, nannte Harv diese Brühe. Von den Tassen erhob sich kein Dampf, also saßen sie offenbar schon eine Weile hier. Hopper richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Harvs Stimme.

„… dort bereit, wann immer Fraser hinuntersteigen will, um sie zu dekontaminieren, Sir.“

„Danke, Hauptmann! Das ist alles.“

„Sir.“

Erneut salutierte Harv und verschwand durch die Tür, die aufs Deck führte. Hopper sah ihm nach und drehte sich schließlich wieder um. Im gleichen Moment begriff sie, dass Schwimmer etwas gesagt hatte, das ihr entgangen war.

„Entschuldigung, Sir?“

Schwimmer war zu höflich, um ihre Unaufmerksamkeit zu tadeln. „Ich habe gerade den glücklichen Umstand erwähnt, dass Sie sich Hauptmann McCrum angeschlossen haben, Frau Doktor. Sie haben Besuch. Aus London.“ Ein Hauch von Spott schwang in dem lang gezogenen letzten Wort mit. Na so was, diese Londoner kommen her, um ausgerechnet Sie zu sehen. Er machte eine Handbewegung zum Tisch hin, die Frau erhob sich und streckte die Hand aus. Hopper ergriff sie, und sie begrüßten sich.

„Guten Morgen, Doktor Hopper! Ich bin Ruth Warwick vom Innenministerium. Eigentlich ging ich davon aus, dass ich Sie wecken müsste, aber anscheinend sind Sie heute Morgen sogar noch früher aufgestanden als wir.“ Sie lächelte unvermittelt, ein Lächeln von strahlender, oberflächlicher Künstlichkeit, das genauso schnell wieder verschwand, wie es erschienen war. Ihren Kollegen stellte sie nicht vor.

Sie wandte sich an Schwimmer. „Wie besprochen, Herr Oberst, dürfen wir vielleicht ein paar Minuten allein mit Doktor Hopper reden.“

Sie klang gebildet. Hopper glaubte, diesen Typ zu kennen. Privatschule, gleich darauf als Verlängerung des Internats zum Militär, statt drei Jahre an einer der wenigen noch in Betrieb befindlichen Universitäten zu verschwenden. Einige Jahre in der Armee, dann Hinwendung zum Zivilleben, mit leisem Bedauern beim Gedanken an vergangene einfachere Zeiten, während eine Vorliebe für das Empfangen von Befehlen bestehen blieb. Kaum Familie und Verwandte, wie Hopper vermutete. Doch sie trug einen Ehering, einen dicken goldenen Reif, der selbst für ihre große Hand zu maskulin wirkte.

Schwimmer nickte. „Natürlich. Falls Sie irgendetwas brauchen, finden Sie mich in meinem Büro.“ Büro. Die Bezeichnung diente wohl dazu, dass der Raum – ein knapp zweimal drei Meter großer Stahlkasten, der vor überflüssigem Papierkram überquoll – beeindruckender klang, als er tatsächlich war. Eigentlich war es nämlich einfach nur ein ruhiges Plätzchen, wo Schwimmer die Abende abseits der Truppe verbringen konnte. Schwimmer war nie sonderlich gut im Umgang mit Menschen gewesen, und das machte ihn für Hopper sympathisch. Er nickte ihr mit seinem üblichen zerknautscht gleichgültigen Gesichtsausdruck zu, dann drehte er sich um und ließ sie mit den Besuchern aus London allein.

Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, herrschte für einige Sekunden Schweigen in der Kantine. Hopper stand den beiden Besuchern gegenüber am Tisch, und es kam ihr vor, als wäre sie wieder einmal ins Zimmer der Rektorin ihrer Schule gerufen worden. Sie erinnerte sich an die mitfühlende Sekretärin, in deren Vorzimmer sie gesessen hatte. Miss Vernon, so hatte sie geheißen. Sie fragte sich, wo Miss Vernon jetzt sein mochte. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lebte sie nicht mehr.

Bitte. Du musst das hier lesen. Unwillkürlich fielen ihr die Worte aus dem Brief wieder ein.

„Nehmen Sie doch Platz, Doktor Hopper! Und danke vielmals, dass Sie uns Ihre Zeit opfern.“ Jetzt, da Schwimmer nicht mehr anwesend war, verfiel Warwick in einen zwanglosen Tonfall. Ihre Stimme klang warm, weich und gedämpft.

Hopper setzte sich und spürte die Kälte der Stahllatten durch die dünne Hose hindurch. „Es muss etwas Wichtiges sein, wenn Sie den ganzen Weg hierher auf sich genommen haben. Zu welcher Abteilung des Innenministeriums gehören Sie?“

„Eigentlich zum Bereich Sicherheit. Aber Inspektor Blake und ich“ – sie deutete auf ihren Kollegen – „sind nicht wegen Sicherheitsangelegenheiten gekommen. Doktor Hopper, Sie sind hier die leitende Wissenschaftsoffizierin, nicht wahr?“

„Leitend ist ein allzu hochtrabender Begriff. Ich bin die einzige.“

„Ein sehr zurückgezogenes Leben, das Sie hier führen. Mehr oder weniger ein selbst auferlegtes Eremitendasein. Der kommandierende Offizier hat uns berichtet, dass Sie Ihre Zeit mit dem Einfangen von Eisbergen verbringen.“

„Nur wenn es von mir verlangt wird.“

„Womit verbringen Sie Ihre übrige Zeit?“

„Mit der Messung von Strömungen, der Wasserbeschaffenheit, der Temperatur, dem Salzgehalt. Ich untersuche das Wasser nach DNA, um festzustellen, ob es irgendwelche Fische gibt, von denen wir bisher nichts wussten.“

„Dann sind Sie also eine Beobachterin. Keine Macherin. Scheint mir eine ziemlich abwegige Beschäftigung zu sein, solange wir Menschen ernähren müssen.“

Hopper zuckte die Achseln. Sie wollte dieser Frau ihre Arbeit nicht eingehender als notwendig erklären.

„Aber ich nehme an, das wirkt sich alles auch auf das Land aus. Sehe ich das richtig?“, fuhr Warwick fort. „Die Strömungen und so weiter?“

„Könnten Sie mir bitte verraten, worum es hier geht? Sie sind doch nicht so weit gereist, um mit mir eine Umfrage zur Arbeitszufriedenheit durchzuführen.“

Mit einer gezierten Geste warf Warwick die Hände in die Höhe, wie um demütig um Vergebung zu bitten. „Verzeihen Sie mir! Wir wissen es zu schätzen, dass Sie so beschäftigt sind. Sie haben in Oxford studiert, nicht wahr?“

Unwillkürlich verspannten sich Hoppers Muskeln. Sie hatte recht gehabt. Sie waren wirklich wegen des Briefs gekommen. „Vor vielen Jahren, ja.“

„Sie haben Edward Thorne gekannt, stimmt das?“

»Ich … ja, ich habe ihn gekannt.« Warwick schwieg abwartend. „Aber nicht sehr gut. Er hat mich ein Jahr lang unterrichtet.“

„Seiner Erinnerung nach scheinen Sie befreundet gewesen zu sein.“

„Er hat mich unterrichtet. Ich würde nicht sagen, dass wir Freunde waren.“ Da war sie auch schon, die erste Lüge dieser Besprechung. Zumindest ihrerseits.

„Nun, ich fürchte, ich habe schlechte Neuigkeiten. Er ist ernsthaft erkrankt. Im Augenblick liegt er im Krankenhaus. Wir haben ihn besucht und uns erkundigt, ob wir etwas für ihn tun können. Er bat, mit Ihnen sprechen zu können. Wir sind hier, um Sie zu fragen, ob Sie mitkommen und ihn besuchen wollen. Natürlich werden Ihnen sämtliche Tage Ihrer Abwesenheit nicht von Ihrem Jahresurlaub abgezogen.“

„Und dafür haben Sie Ihren Hubschraubertreibstoff verheizt?“ Sie spürte, wie nach dem ersten Schock die Verärgerung in ihr wuchs. Ärger auf Thorne, dass er sie in diese Sache hineinzog, Ärger auf diese Fremden, die in ihr neues Leben hereinplatzten und sie nach London zurückzerren wollten.

„Über viele Jahre hinweg war er einer der wichtigsten Männer im Land, Doktor Hopper. Wir möchten ihm in den letzten Tagen seines Lebens seine Bitte nicht abschlagen.“ Versteckt in diesen Worten entdeckte Hopper eine weitere Lüge. Überzeugend vorgetragen, aber dennoch eine Lüge. „Die britische Regierung ist immer noch in der Lage, einen Hubschrauber in die Luft zu bekommen. Noch gerade so eben.“ Warwick kicherte über ihren eigenen Scherz. Der Mann an ihrer Seite blieb ernst.

Letztes Jahr, so erinnerte sich Hopper, hatte England keinen Hubschrauber entbehren können, als dieser Junge bei einem Unfall auf der Verladerampe einen Fuß verloren hatte. Sie hatten über Funk um einen Krankentransport gebeten, aber nur Ausreden zu hören bekommen. Der Zustand von Drax hatte sich verschlechtert. Am Ende hatte ihn Donaghy mit einer Injektion von seinem Leiden erlöst. Sie hatten seinen Leichnam in eine billige Plastikplane gewickelt und über Bord geworfen. Warwick redete unablässig weiter.

„Sie denken sicher, unsere plötzliche Ankunft sei ein wenig übertrieben und allzu dramatisch, aber Doktor Thornes Fall ist eine dringende Angelegenheit und uns sehr wichtig.“

„Mir war gar nicht bewusst, dass Thorne wieder in so hohem Ansehen steht“, versetzte Hopper. „Bei unserer letzten Begegnung war er von der Universität Oxford gerade als untragbare Belastung hinausgeworfen worden. Und dort war er auch nur untergekommen, nachdem er zuvor vom Premierminister gefeuert worden war.“

Warwick ging gar nicht auf ihre Worte ein und erhob nur leicht die Stimme. „Außerdem ist Ihr Urlaub überfällig. Sie sind nicht mit dem letzten Boot nach London zurückgekommen.“

„Mich könnte kaum etwas zum Zurückkommen veranlassen.“ Sie hatten also ihre persönliche Akte zurate gezogen, um sich einen Überblick über ihre Auszeiten zu verschaffen.

„Sie sollten wirklich wieder einmal nach London kommen. Wir machen unablässig Fortschritte.“ Da war wieder dieses Lächeln.

„Warum haben Sie mich nicht vorher angerufen?“

»Nun ja, Miss Hopper …«

„Doktor.“

„Verzeihung, Doktor Hopper. Doktor Thorne erwähnte erst gestern Abend, dass er Sie sehen möchte. Daraufhin haben wir beschlossen, selbst herzukommen und Sie abzuholen. Mit ihm geht es bald zu Ende.“ Seit Hopper saß, hatte sie der Mann namens Blake keine Sekunde lang aus den Augen gelassen. Während seine Kollegin sprach, zuckte in seinem Gesicht ein Muskel.

„Ich habe hier zu tun. Bislang hatte ich den Eindruck, der Regierung sei an unserer Arbeit gelegen.“

„Natürlich ist ihr das wichtig. Aber Doktor Thorne äußerte größtes Interesse, Sie zu sehen.“ Warwick hob die Schultern. „Viele Menschen würden das als Ehre betrachten.“

„Ich nicht.“ Hopper spürte die Überraschung der Frau, die sich allerdings schnell wieder zu beherrschen wusste. „Meine Arbeit erlaubt mir keinen solchen Besuch. Ehrlich gesagt weiß ich ohnehin nicht, warum er mich zu sehen wünscht. Mir leuchtet kaum ein, dass ich in seinem Leben einen solchen Eindruck hinterlassen habe.“

Warwick zuckte mit den Achseln. „Wir können Sie natürlich nicht zum Mitkommen zwingen.“

„Nein. Gerade er dürfte verstehen, dass bei mir die Arbeit an erster Stelle steht.“

Warwick seufzte und breitete die Arme aus. „Wir haben unser Bestes gegeben.“ Ihr Tonfall wurde lebhafter. „Der Arbeitsvertrag für Ihren Posten hier steht nächstes Jahr zur Verlängerung an, nicht wahr?“ Sie blätterte in den Papieren, die vor ihr lagen, und fasste ein einzelnes Blatt genauer ins Auge. Hopper erkannte ihren auf dem Kopf liegenden Anstellungsvertrag. „Es erschiene mir klüger, wenn Sie sich jetzt einige Tage von Ihrer Arbeit freinähmen, statt das Risiko einzugehen, eine feste Anstellung zu verlieren“, fuhr Warwick fort. „Falls Ihre Tätigkeit hier wirklich so überaus wichtig ist.“

Es lag ihnen offenbar so viel daran, sie nach England zurückzubekommen, dass sie ihr sogar mit dem Verlust ihrer Stelle drohten. Und ihre Arbeit war so ziemlich das Einzige, was ihr noch etwas bedeutete. Hopper sank auf ihrem Stuhl zurück.

„Bis wann könnte ich wieder zurück sein?“

Warwick wirkte erleichtert. „In einer Woche kommt ein Wartungsboot. Das sind ja wunderbare Neuigkeiten, Doktor Hopper. Haben Sie irgendeine Möglichkeit, in London unterzukommen?“ Sie nahm Hoppers Zustimmung bereits als gegeben hin.

„Ja.“ Eine weitere Lüge. Ihr würde schon etwas einfallen.

„Gut.“ Warwick sah ihren Kollegen an und nickte. „Wir brechen auf, sobald Sie fertig sind.“

„Ich muss hier noch einiges zum Abschluss bringen, meinen Kollegen Notizen aushändigen und so weiter.“

„Ich dachte, Sie sind der einzige Wissenschaftsoffizier hier.“

„Es gibt Experimente, die in meiner Abwesenheit fortgeführt werden müssen.“

„Wie lange benötigen Sie dafür?“

„In einigen Stunden bin ich fertig.“

Warwick warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, ein zierliches Teil, das sich an ihrem breiten Handgelenk winzig ausnahm. „Könnten Sie alles möglichst bis zehn Uhr über die Bühne bringen? In dieser Angelegenheit ist Zeit wirklich kostbar.“ Ihr Tonfall hatte sich abermals verändert, zu dem einer Gastgeberin, die entschlossen ist, einem schwierigen Gast des Hauses alles recht zu machen.

„In Ordnung.“

„Ich bin mir sicher, dass Doktor Thorne Ihnen für Ihre Mühe sehr dankbar sein wird.“ Da war es, dieses plötzliche Lächeln, das gleich darauf wieder verschwand.

Andrew Hunter Murray

Über Andrew Hunter Murray

Biografie

Andrew Hunter Murray ist Schriftsteller und Comedian. Er recherchiert und schreibt seit zehn Jahren für die BBC Show QI, ist Co-Moderator des dazugehörigen Podcasts. Zudem schreibt er Witze für Comedians, journalistische Texte für das Magazin „The Private Eye“, für welches er auch den zugehörigen...

Der Bestseller aus Großbritannien

„Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen. Es herrscht Stillstand. Die eine Hälfte ist endlose eisige Nacht, die andere sengende Hitze. Nur in einem kleinen Bereich zwischen ihnen ist Überleben möglich. In einem von der Außenwelt abgeschotteten Großbritannien erhält eine Wissenschaftlerin Post von einem sterbenden Mann. Der Brief offenbart ein Geheimnis. Um es zu bewahren, sind einige bereit, zum Äußersten zu gehen...

In Andrew Hunter Murrays Zukunftsthriller „The Last Day“ schreiben wir das Jahr 2059, aber er liest sich wie eine rasante Reflektion der Gegenwart. Kaum erschienen, eroberte er in diesem Frühjahr in Großbritannien die Bestsellerlisten.“ Felicitas von Lovenberg

Interview mit Autor Andrew Hunter Murray

Um was geht es?
Es handelt sich um einen Thriller, der ein paar Jahrzehnte in unserer Zukunft spielt. Aufgrund einer Katastrophe im Weltraum, hat die Erde aufgehört sich zu drehen. Die eine Hälfte der Erde ist nun permanent der Sonne zugewandt, die andere Hälfte in immerwährender Dunkelheit. Ein Überleben ist nur in einem schmalen Streifen des Zwielichts möglich, wo es weder zu hell noch zu dunkel ist, um Leben zu ermöglichen. In dieser Welt muss Ellen Hopper, eine junge Wissenschaftlerin, feststellen, dass sie kurz davorsteht ein verheerendes Geheimnis aufzudecken …
 
Was macht das Buch zu etwas ganz Besonderem?
Es werden verschiedene Aspekte thematisiert: Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihrer Vergangenheit abschließt und beginnt ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Es ist ein Thriller, aber gleichzeitig auch Science Fiction, die Entdeckung der Protagonistin spielt nicht nur eine Rolle für die ganze Nation, sondern auch für ihr Privatleben … Und schließlich handelt es sich um eine Zukunftsversion, deren Eintreten wir alle nachdrücklich verhindern sollten. Das verleiht der Geschichte zwar einen ernsten Unterton, macht sie aber zugleich unglaublich packend!
 
Welchen Bezug zu unserer Welt hat die Geschichte?
Die Geschichte spielt in einer Welt, in der sich das Klima verändert, in einer Welt, in der Landesgrenzen für verzweifelte Menschen verschlossen sind und eine Welt, in der mein Heimatland, Großbritannien, ein bisschen verrückt geworden ist. Ich denke die Parallelen sind deutlich erkennbar … Aber ich möchte auch betonen, dass es sich im Grunde um ein Buch mit viel Optimismus und Hoffnung handelt!
 
Wer sollte das Buch lesen?
Alle die Thriller und Welten mit viel Fantasie mögen, alle, die Bücher mögen, in der unsere Welt sich so verändert hat, dass man sie nicht wieder erkennen kann, und alle, die fesselnde Geschichten mögen, für die man nur noch für ein weiteres Kapitel wachbleiben muss – denjenigen wird das Buch hoffentlich gefallen!
 

Medien zu „The Last Day“
Pressestimmen
Der Standard Online (A)

„Andrew Hunter Murray kennen manche vielleicht von seinem Blog ›No Such Thing As A Fish‹, hauptberuflich ist er Comedian und Gag-Schreiber. Für sein Romandebüt hat der Brite aber zu einem ganz anderen Stil gefunden, der dem Geschehen angemessen ist. Es ist ein düsteres Buch in düsteren Zeiten.“

Lee Child

„Eine atemberaubende Zukunftsvision – gnadenlos spannend!“

Christina Dalcher

„Ein spannender Pageturner“

Jenny Colgan

„Düster, glaubhaft und genial geschrieben.“

Sarah Pascoe

„Frischer Wind unter den dystopischen Thrillern. Zu sagen, dass das Buch packend ist, wäre eine Untertreibung – ich habe all meine Wochenendpläne abgesagt, um es zu lesen.“

Stephen Fry

„Ich habe dieses sehr gerne Buch verschlungen. Seine kluge Konzeption macht es zu einem Buch, dass man nicht mehr aus der Hand legen kann. Ein fabelhaftes Werk.“

CJ Tudor

„Ich liebe die Prämisse dieses klug durchdachten Thrillers. Ein Pageturner mit einer Prise Science-Fiction, kombiniert mit apokalyptischem Drama und einem Wettlauf gegen die Zeit. Ein überwältigendes Buch mit geschickt eingeflochtenen, düsteren Beobachtungen zu menschlichen Abgründen und dem Überlebensdrang. ›The Last Day‹ ist fesselnd bis zur letzten Seite.“

Harlan Coben

„Ein wahnsinnig origineller Thriller in einer Welt von Morgen, der einen dazu bringt darüber nachzudenken, was in unserer Zeit passiert.“

The Guardian

„Murray zeichnet ein finsteres Bild eines drakonischen, abgeschotteten Großbritanniens mit bildhaften Beschreibungen eines stark veränderten Londons und einem gelungenen Twist.“

The Times

„ ... ein wundervoll konstruierter Thriller, der in Erinnerung bleibt“

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