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The John Lennon LettersThe John Lennon Letters

The John Lennon Letters

Herausgegeben von Hunter Davies

Hardcover
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The John Lennon Letters — Inhalt

Seit dreißig Jahren sucht Hunter Davies nach Schriftstücken von John Lennon. Von intellektuellem Geist und poetischer Begabung, war Lennon nicht nur Mitbegründer der Beatles, Komponist und Sänger, sondern auch Schriftsteller, Zeichner und Friedensaktivist, der die Träume ganzer Generationen spiegelte. Wann immer er eine Idee für einen Songtext hatte, einen Gedanken, einen Wunsch: Füller, Tinte und Papier dienten ihm, sich mitzuteilen. Die »John Lennon Letters« waren auf der ganzen Welt verstreut, Davies spürte sie auf in Auktionshäusern, Zeitungsredaktionen, Museen, bei Privatpersonen. Jetzt erscheinen sie erstmals als Buch. Weise, verrückt, lustig oder herzzerreißend: Die Briefe erlauben einen unverstellten und sehr intimen Blick auf John Lennon, einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts.

€ 128,00 [D], € 128,00 [A]
Erschienen am 09.10.2012
Herausgegeben von: Hunter Davies
Übersetzt von: Helmut Dierlamm, Werner Roller
416 Seiten, Ganzleinenband
EAN 978-3-492-05555-0
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 06.12.2012
Herausgegeben von: Hunter Davies
Übersetzt von: Helmut Dierlamm, Werner Roller
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96136-3

Leseprobe zu »The John Lennon Letters«

VORWORT

 

»Unter einem Kirschbaum gibt es keine Fremden«, heißt es in einem Haiku von Kobayashi Issa, und die Wärme dieses Gedichts erinnert mich an John. John Lennon pflegte in seinen Briefen immer das offene Wort. Er ergänzte es oft durch kleine hingekritzelte Zeichnungen, und man wusste, dass er sein Herz an einen Freund verschickte. In einer Zeit, in der die meisten von uns im Umgang mit anderen Menschen auf Abstand achten, ist es eine schöne Idee, ein Stück seiner Gedankenwelt, festgehalten in seiner eigenen Handschrift, an die Leserschaft und das [...]

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VORWORT

 

»Unter einem Kirschbaum gibt es keine Fremden«, heißt es in einem Haiku von Kobayashi Issa, und die Wärme dieses Gedichts erinnert mich an John. John Lennon pflegte in seinen Briefen immer das offene Wort. Er ergänzte es oft durch kleine hingekritzelte Zeichnungen, und man wusste, dass er sein Herz an einen Freund verschickte. In einer Zeit, in der die meisten von uns im Umgang mit anderen Menschen auf Abstand achten, ist es eine schöne Idee, ein Stück seiner Gedankenwelt, festgehalten in seiner eigenen Handschrift, an die Leserschaft und das Universum zu verschicken.

 

Hunter, das hast Du gut gemacht.

 

Yoko

 

Yoko Ono Lennon
New York, 17. März 2012

 

EINFÜHRUNG

 

John Lennon reagierte auf die meisten Dinge, ob sie nun mit Freude oder Zorn, Angst oder Abscheu verbunden waren, indem er schrieb. Er reagierte mit Worten, nicht nur mit Musik. Wann immer er einen Einfall hatte, einen Gedanken oder einen Wunsch äußern wollte, war es für ihn etwas ganz Normales, zu Papier und Stift zu greifen.
John Lennon lebte und starb in einer Zeit, in der es noch keine Computer, E-Mails, Twits, Tweets und Twitters gab; deshalb schrieb er von Hand oder tippte all die Briefe und Postkarten an Familienangehörige, Freunde, Fans, an Unbekannte, Zeitungen, Organisationen, Rechtsanwälte – und die Wäscherei. Die Briefe waren lustig, informativ, kämpferisch, weise, verrückt, verzweifelt, poetisch. Manche waren herzzerreißend.
Wir wissen aus seinen Liedtexten und seinen beiden literarischen Veröffentlichungen, dass er mit Sprache umgehen konnte, aber seine Briefe sind bis zum heutigen Tag niemals gesammelt und veröffentlicht worden (in vielen Fällen war nicht einmal bekannt, dass es sie gab). Das liegt unter anderem am Urheberrecht, das im Fall von Johns Briefen bei Yoko Ono liegt.
Meine erste Begegnung mit Yoko hatte ich im Jahr 1967, als sie mich bat, in ihrem Bottoms-Film mitzuwirken (ich lehnte ab), später hatte ich dann im Rahmen der Arbeit an meiner Beatles-Biografie Kontakt zu ihr. Einige Jahre danach schlug ich ihr vor, Johns Briefe, Postkarten und andere Schriftstücke zu sammeln, um der Welt zu zeigen, wie amüsant und interessant er sein konnte. Sie war damals nicht besonders angetan und meinte, Johns private Briefe seien zu persönlich gehalten.
Im Oktober 2010 kam Yoko zur Enthüllung einer blauen Gedenktafel am Montagu Square (wo sie mit John einst gewohnt hatte) nach London. Sie bat mich, bei dieser Zeremonie eine Rede zu halten. Am Tag darauf hatten wir ein langes Gespräch, und ich brachte erneut das Thema zur Sprache. Die Vorstellung, die ich mit der Herausgeberarbeit verband, war, Kontakt zu so vielen Briefempfängern wie möglich aufzunehmen, um herauszufinden, wer sie waren, was sie beruflich taten, was sie mit Johns Leben zu tun hatten, und dann mit ihrer Hilfe Bezüge und Anspielungen zu klären, die anderen Menschen, mir zum Beispiel, sonst möglicherweise entgehen würden. Diese Arbeit konnte natürlich nicht ohne Yokos Segen getan werden.
Ich machte ihr das Projekt mit dem Hinweis schmackhaft, viele der Briefempfänger seien bereits tot, andere würden allmählich alt und gebrechlich. Yoko erklärte sich schließlich bereit, das Projekt zu unterstützen.
Sie selbst hat keine Briefe zur Verfügung gestellt. Die beiden haben einander nämlich kaum Briefe geschrieben, da sie fast immer zusammen gewesen sind, und wenn sie es einmal nicht waren, telefonierten sie bis zu 20-mal am Tag miteinander. Einige der wenigen Briefe und Notizen, die sie selbst besaß, gingen im Lauf der Zeit leider verloren oder wurden, was wahrscheinlicher ist, von hilfreichen Händen beiseitegeschafft. Gestohlen, nennen wir das üblicherweise.
Es war mein Ehrgeiz, so viele Briefe, Postkarten, Notizen, Listen und Papierschnipsel ausfindig zu machen, wie ich nur finden konnte, wobei ich die Definition des Wortes »Brief« ziemlich erweitert habe. Als ich mit der Arbeit begann, hoffte ich, ich würde auf einige große Lagerbestände stoßen. Vielleicht besaßen einige sagenhaft reiche Sammler ganze Serien mit gerahmten Lennon-Stücken, die sie in unterirdischen Gewölben oder in Schweizer Bankschließfächern versteckten. Vielleicht gab es ja auch einige halb öffentliche Sammlungen im Besitz von diskreten, aber finanziell gut ausgestatteten Museen in den USA oder in Japan, in denen man einige der erleseneren Schriftstücke mit einer Sondergenehmigung in Augenschein nehmen konnte. Die Vorstellung von einem prominenten und superreichen Großsammler erwies sich allerdings als Illusion.
Zeitgenössische reiche Sammler solcher Gegenstände neigen eher zum Erwerb einer gewissen Auswahl von Stücken ihrer Pop- oder Rock-Idole, sodass sie in ihren eigenen Hallen vielleicht ein signiertes Elvis-Foto aufbewahren, einen Brief von Bob Dylan, einen Liedtext von John Lennon, eine Gitarre von Eric Clapton, eine goldene Schallplatte von Mick Jagger. Ist dann ein gewisses Spektrum abgedeckt, wenden sie sich anderen Objekten und Themen ihrer Sammelleidenschaft zu.
Es stellte sich heraus, dass sich die Mehrheit der Briefe im Besitz Hunderter einfacher, keineswegs allzu reicher Einzelsammler befand. Solange die Preise noch relativ niedrig waren, also in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren, waren die meisten Bieter bei Auktionen von Pop-Erinnerungsstücken Fans in der mittleren Lebensphase mit gerade mal genügend Geld, um sich ein Erinnerungsstück an einen Helden ihrer Jugendjahre leisten zu können. Als dann die Preise in die Höhe schossen, verkauften viele von ihnen solche Objekte mit einem Gewinn weiter, den sie dann in andere, erlesenere Souvenirs investierten.
Einer der sehr hilfsbereiten Sammler war Dean Wilson, Manager eines Krankenhauses in Nottingham. Er begann vor etwa 20 Jahren mit dem Ankauf von Lennon-Material und verkaufte einzelne Stücke weiter, um mit dem Erlös wertvollere zu erwerben. Ich war verblüfft, als er mir erzählte, dass er im Lauf der Jahre zehn Lennon-Manuskripte besessen hatte. Heute besitzt er nur noch ein Lennon-Originaldokument, das er in einem Bankschließfach aufbewahrt.
Ich fragte mich immer wieder, warum viele der ursprünglichen Empfänger ihre persönlichen Briefe verkauft hatten, auch wenn sie keineswegs knapp bei Kasse waren, und stieß dabei mitunter auf ganz ungewöhnliche Geschichten. In einem Fall war der Besitzerin ihr kostbarer Brief von der eigenen Tochter gestohlen worden, die Geld brauchte, um ihre Drogensucht zu finanzieren. Ein anderer Briefeigentümer stellte fest, dass sein Vater das Schriftstück ohne sein Wissen verkauft hatte. Der eigentliche Besitzer war auf eine Weltreise gegangen, und in seiner Abwesenheit geriet sein Vater, der ein kleines Unternehmen betrieb, in Geldnot und ließ den Lennon-Brief versteigern, ohne den Sohn davon zu informieren. Die beiden haben seitdem kaum ein Wort miteinander gesprochen. Der Sohn möchte seinen Brief nach wie vor unbedingt zurückkaufen und könnte sich das auch ohne Weiteres leisten, aber der aktuelle Besitzer hat leider nicht das Bedürfnis zu verkaufen. Einige Menschen allerdings, die John sehr nahestanden – zum Beispiel Johns Tante Mimi und George Martin, der Beatles-Produzent –, gaben ihre Souvenirs an wohltätige Organisationen weiter, die sie dann versteigern ließen.
Cynthia Lennon, Johns erste Frau, hat in einer Lebensphase, in der sie das Geld brauchte, ziemlich viel Material verkauft. Aber ich vermute auch, dass sie einige Briefe und Seiten, die sie heute nicht mehr findet oder an deren Verbleib sie sich nicht mehr erinnert, in jener ersten, qualvollen Zeit, nachdem ihre Ehe in die Brüche gegangen war, zerrissen hat.
Briefe und Materialien wurden auch aus banaleren Gründen zerstört. Ron Ellis zum Beispiel zerschnitt absichtlich eine Notiz von John. Der 22-jährige Ron lebte 1963 in Southport. Tagsüber absolvierte er eine Ausbildung zum Bibliothekar und abends managte er einige örtliche Popgruppen. Er lernte John und die Beatles kennen und prahlte vor ihnen, dass er über seine Kontakte in den USA die aktuellsten amerikanischen Rock ’n’ Roll-LPs besorgen könne. Der sichtlich beeindruckte John schrieb ihm eine lange Liste aller amerikanischen Platten auf, die er unbedingt haben wollte.
»Eines Tages arbeitete ich in der Birkdale Library, und eine Gruppe von Mädchen aus einer Privatschule sah, dass ich auf meinem Tisch etwas liegen hatte, das von John Lennon geschrieben worden war. Ich war damit einverstanden, die Liste zu zerschneiden, die etwa zwölf Posten umfasste, und ihnen die einzelnen Stücke für je zwei Schillinge zu verkaufen. Sie waren begeistert von der Vorstellung, ein paar handgeschriebene Worte von John Lennon zu besitzen. Für mich waren die Beatles damals nur irgendeine Gruppe unter vielen.«
Von der Existenz und zum Teil auch von den Eigentumsverhältnissen vieler Lennon-Briefe erfuhr ich über die großen Auktionshäuser in Großbritannien und den USA. Experten bei Sotheby’s, Christie’s und Bonhams stellten mir großzügig ihre Zeit und ihr Wissen zu Verfügung. Unterstützung wurde mir auch von Paul Wane und Jason Cornthwaite von der Firma Tracks zuteil, dem weltweit führenden Händler mit Beatles-Souvenirs. Ein Hotmail-Account, mit dem um Lennon-Briefe gebeten wurde, sorgte für Antworten aus aller Welt. Sammler von Australien bis Südamerika schickten mir Kopien ihrer Schätze – und erzählten mir ihre Geschichten. Frank Caiazzo, ein Gutachter für die Echtheit von Beatles-Autogrammen, der für viele führende Auktionshäuser tätig gewesen ist, überließ mir freundlicherweise Listen von Dingen, die durch seine Hände gegangen waren, aber leider hatte er sich nur selten Details zu bestimmten Briefen notiert, etwa an wen sie gerichtet waren oder womit sie sich befassten.
In den Anfangsjahrzehnten tauchte gutes Beatles-Material oft in kleinen, nur regional tätigen Auktionshäusern in der Provinz auf, und häufig gab es zu diesen Angeboten nur dürftige Einzelheiten. In einer Schublade, in die ich schon lange nicht mehr geschaut hatte, fand ich einen Katalog des in Liverpool ansässigen Auktionshauses Worrall’s aus dem Jahr 1986. Dort war ein Brief aufgeführt den John 1975 an seine Cousine Liela geschrieben hatte. Die kurze Beschreibung ließ den Inhalt sehr interessant erscheinen, mit Bezügen zu Drogen- und Einwanderungsproblemen, aber sie enthielt keine wörtlichen Zitate. Zu sehen war noch eine sehr schlechte Fotokopie des Briefs, die man ans Seitenende gequetscht hatte, aber sie war vollkommen unleserlich.
Ich versuchte mit Worrall’s Kontakt aufzunehmen, musste aber feststellen, dass die Firma schon seit zehn Jahren nicht mehr bestand. Schließlich ermittelte ich den Namen der ehemaligen Inhaberin, Pat Carney, und grub eine alte private Telefonnummer aus. Ich erzählte Pat von dem Brief, fragte, ob sie sich daran erinnern könne, und sie tat es: Es war für das Unternehmen sehr ungewöhnlich gewesen, dass man ihnen ein so gutes Stück anbot. Sie erinnerte sich auch daran, eine Fotokopie angefertigt zu haben, die sie, wenn möglich, beibringen wollte. Ein paar Wochen später rief sie mich an. Sie hatte die Kopie tatsächlich gefunden. Sie war zwar nicht perfekt, aber vollständig lesbar – und absolut faszinierend. Zumindest für mich (siehe Brief Nr. 196).
Ich weiß nicht, wer heute das Original dieses Briefs besitzt, es wurde, soweit ich feststellen konnte, bei keiner anderen Auktion angeboten. Wer immer es besitzt, wird vielleicht überrascht sein, sein Eigentum hier abgebildet zu sehen. Viele der heutigen Besitzer von Briefen in diesem Buch werden ebenfalls überrascht sein, und es tut mir leid, dass es mir nicht gelang, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, ich habe es aber in jedem einzelnen Fall versucht. Die Genehmigung des Abdrucks obliegt natürlich Yoko Ono.
Einen Brief machte ich durch eine zufällige Begegnung ausfindig, zu der es vor über 30 Jahren kam, als ich auf der Queen Elizabeth 2 nach New York fuhr. Dabei lernte ich einen Schotten namens Bill Martin kennen. Er erzählte mir, dass er in Kenwood wohne – in dem Haus in St. George’s Hill in Weybridge, in dem John Lennon einst gelebt und in dem ich mich viele Stunden lang mit ihm unterhalten hatte.
Bill war in den Sechziger- und Siebzigerjahren selbst ein bekannter Songschreiber gewesen, und so war es durchaus passend, dass er jetzt in Johns früherem Haus wohnte. Bill schrieb, zusammen mit Phil Coulter, Puppet on a String für Sandie Shaw, Congratulations für Cliff Richard, My Boy für Elvis und alle Songs der Bay City Rollers.
Als ich vor zwei Jahren mit diesem Projekt begann, erinnerte ich mich an unsere Gespräche und nahm Kontakt zu Bill auf. Kenwood gehörte ihm inzwischen nicht mehr, er hatte aber mit seiner Familie einige Jahre dort verbracht. Hatte er jemals an John geschrieben und einen Antwortbrief erhalten? Beides traf zu – und John hatte ihm in dieser Antwort von den Songs erzählt, die er seinerzeit in Kenwood geschrieben hatte. Bill stellte mir eine Kopie zur Verfügung (siehe Brief Nr. 213).
Lohnt es sich, Briefe und Postkarten von John Lennon zu sammeln? In wirtschaftlicher Hinsicht schon, denn Beatles-Fans und Museen in aller Welt konkurrieren mit hohen Preisen auch noch um den unbedeutendsten Papierschnipsel; aber wie steht es um ihren Eigenwert oder, möglicherweise, um ihren literarischen Gehalt?
Für Beatles- wie auch für Musikfans im Allgemeinen ist alles, was in irgendeiner Art Aufschluss über Johns Werk oder biografische Einzelheiten zu seinem Leben bietet, wertvoll. Sie werden Interesse zeigen an dem, was und wie er an wen geschrieben und wie er die Briefe illustriert hat, auch wenn der Inhalt weder neu noch weltbewegend ist.
Aber wie war es um seine schriftstellerischen Qualitäten bestellt? Die Leserschaft der britischen Tageszeitung The Times erfuhr am 20. Juni 1964, John Lennon befinde sich »in einem bemitleidenswerten Zustand des Quasi-Analphabetentums […], ein junger Mann, der eine Ausbildung hätte erhalten sollen, die es ihm ermöglicht hätte, von dem Talent zu profitieren, über das er zu verfügen schien«.
Diese Passage stammte nicht von einem Sprüche klopfenden Times-Kolumnisten, sondern aus einem Bericht über eine Parlamentsdebatte, in der Charles Curran, der Abgeordnete der Konservativen Partei für Uxbridge, den schlechten Bildungsstand der heutigen Jugend beklagte. Johns erste literarische Veröffentlichung In His Own Write (deutsch: In seiner eigenen Schreibe, 1965) war kurz zuvor veröffentlicht worden, und Mr. Curran hatte vermutlich einige Auszüge daraus vorgelesen. »Es erweckte den Eindruck«, fuhr der Abgeordnete fort, »als hätte er [Lennon] Satzfetzen von Tennyson, Browning und Robert Louis Stevenson aufgeschnappt und sich nebenbei die Fußballergebnisse im Radio angehört.«
Die meisten gebildeten Erwachsenen wären heute, fast 50 Jahre später, höchst erfreut, wenn Jugendliche von Tennyson und Browning auch nur gehört hätten, von eigenen parodistischen Übungen zu ihrer Lyrik ganz zu schweigen.
Den Erfolg von Johns erster literarischer Veröffentlichung, von der im ersten Jahr 500 000 Exemplare verkauft wurden, kann man sicher zumindest teilweise seinem Ruhm und seiner Popularität als Mitglied der Beatles zuschreiben, und zu jener Zeit waren auch viele Menschen dieser Ansicht. Aber das Buch erschien immerhin bei Jonathan Cape, einem damals noch unabhängigen renommierten Literaturverlag (seit 1987 Imprint von Random House), und John wurde 1964 bei einem Foyles Literary Lunchfi geehrt.
Im Jahr 2010 wurden seine beiden literarischen Veröffentlichungen nachgedruckt und in Zehntausenden von Exemplaren an Menschen verkauft, die nichts mehr mit einem längst vergangenen Phänomen namens Beatlemania zu tun hatten. Heute werden Johns Texte – nicht nur die Liedtexte, sondern auch die Gedichte und Geschichten – an Universitäten in aller Welt gelesen und besprochen. An der Jacobs Music School an der Universität von Indiana, der größten Musik-Fakultät der USA, beschäftigen sich jedes Jahr etwa 300 Studierende mit den Beatles, mit ihrer Musik und ihren Texten.

1 Foyles Bookstore ist eine der größten Buchhandlungen Londons, und der Literary Lunch ebendort ein kulturelles Ereignis mit jahrzehntelanger Tradition.

 

»Ich habe Lennons Schriften immer gemocht, die veröffentlichten Bücher und auch die privaten Briefe«, sagt Professor Glen Glass, der in Indiana seit 1982 Seminare zu den Beatles abhält. »Sie passen zu seinen sonstigen kreativen Arbeiten, sind spielerisch und lustig und mit Verrücktheiten gespickt; und dann, wenn man es am wenigsten erwartet, gibt es Augenblicke herzzerreißender Emotionalität und Ehrlichkeit. John hat sich – so scheint mir – in seinen Schriften fortdauernd selbst erkundet, nach sich selbst gesucht.«
Ich habe versucht, die Briefe so anzuordnen, dass sie die Geschichte von Johns Leben erzählen, als fortlaufender Bericht, ohne durch inhaltliche Sprünge künftige Ereignisse vorwegzunehmen, auch wenn die meisten von uns heute wissen, was die Zukunft für ihn bereithielt. Ich habe außerdem versucht, wo immer dies möglich war, die Person, für die der Brief bestimmt war, und ihre Geschichte zu beschreiben.
»Briefe«, schrieb E. M. Forster (in seiner Biografie des britischen Historikers Goldsworthy Lowes Dickinson), »müssen zwei Prüfungen bestehen, bevor man sie als gut bezeichnen kann: Sie müssen die Persönlichkeit des Schreibers und des Empfängers zum Ausdruck bringen.« John schnitt seine Briefe immer auf den Menschen zu, an den er schrieb.
Ich habe die Briefe mehr oder weniger chronologisch geordnet, nach Teilen gruppiert und jedem Teil eine eigene kurze Einleitung vorangestellt. Manchmal gibt es in einem Teil ein durchgängiges Thema, häufiger umfasst er einfach ein bestimmtes Jahr. In einem Fall besteht er aus Briefen, die alle an dieselbe Person gerichtet sind, an Derek Taylor, und hier überlappt sich die Chronologie etwas.
Meine editorischen Erklärungen und Kommentare stehen, damit der Erzählfluss gewahrt bleibt, jeweils vor dem betreffenden Brief. In nahezu allen Fällen habe ich eine Abbildung des Briefs beigefügt, damit man sich ein Bild machen kann, wie der Text aussah, auch wenn die Schriftstücke in vielen Fällen 9eckig oder verblasst sind.
John konnte Maschine schreiben. Noch als Teenager, der nach wie vor bei Tante Mimi wohnte, hatte er sich eine mechanische Schreibmaschine gekauft, eine Imperial, auf der er, in sehr schlechter Qualität, einige seiner Texte tippte. (Mimi schenkte diese Maschine später einer Wohltätigkeitsorganisation, und sie wurde versteigert.)
In Amerika benutzte er eine modernere Maschine, aber meist schrieb er von Hand.
In einigen Fällen musste ich den genauen Wortlaut und das Datum raten – an solchen Stellen habe ich in der Transkription ein Fragezeichen eingefügt. Bei einem Brief – einem Fragebogen zu Buddy Holly (Brief Nr. 178) – war ich mir beim ersten Lesen sicher, dass er aus dem Jahr 1964 stammen, kurz vor der ersten USA-Tournee der Beatles entstanden und vielleicht für einen amerikanischen Reporter bestimmt gewesen sein musste, der im Vorfeld ihrer Ankunft dort für einen Artikel recherchierte. Das war meine erste Datierung. Zum Glück gelang es mir, diesen Reporter ausfindig zu machen, und so stellte sich heraus, dass dieses Dokument zehn Jahre später entstanden war.
Was nun die Empfänger betrifft, so ist es gut möglich, dass ich – in der Annahme, es handle sich um einen unbekannten Fan und nicht um jemanden, den John kannte – es versäumt habe, die richtige Linda oder Ruth zu identifizieren. Und bei manchen Bezügen oder Anspielungen könnte ich einem völligen Missverständnis aufgesessen sein. Da ich etwa der gleiche Jahrgang bin wie John und außerdem in vergleichbaren Verhältnissen und unter ähnlichen Einflüssen aufgewachsen bin, gehe ich davon aus, dass ich die meisten Anspielungen verstehe, die sich auf britische Zustände beziehen, aber manche Amerikanismen könnten mir durchaus entgangen sein.

 

Hunter Davies
London, Mai 2012

 

EINE KURZE BIOGRAFIE VON JOHN LENNON

Eine Sammlung von Briefen setzt voraus, dass man bereits etwas über die berühmte Person weiß, dass man vielleicht ein Fan ist, der Interesse daran hat, mehr zu erfahren über das Banal-Alltägliche ebenso wie über die ernsthafteren Vorgänge. Es wird jedoch auch Leserinnen und Leser geben, die Johns Lebenslauf und das damit verbundene Zeitgeschehen eben nicht auf Abruf parat haben. Deshalb ist es vielleicht nützlich, vor dem Briefteil einige Ereignisse in seinem Leben, die bis ins Jahr 1960 reichen, kurz anzusprechen, und sei es nur zur Erinnerung.
John Winston Lennon wurde am 9. Oktober 1940 um 18 Uhr 30 in Liverpool geboren und erhielt seinen zweiten Vornamen zu Ehren des damaligen Premierministers Winston Churchill. In allen Biografien (auch in meiner) konnte man lesen, dass er während eines Luftangriffs zur Welt gekommen sei, eine Geschichte, die man sich in seiner Familie erzählte – ich selbst hatte sie von Johns Tante Mimi gehört –, aber neuere Recherchen in Liverpooler Zeitungsarchiven erbrachten keinen Beleg für einen deutschen Luftangriff an jenem Abend. Davor und danach gab es sehr viele

Berichte und Beobachtungen von Bombenangriffen. Also muss man heute wohl sagen, dass er »in einer Zeit geboren wurde, die von Luftangriffen geprägt war«.
Johns Vater Alfred Lennon, Jahrgang 1912, wurde mitunter als Fred oder Freddie oder, von Tante Mimi, verächtlich als »jener Alfred« bezeichnet. Alfreds in Dublin geborener Vater John Lennon, genannt Jack, reiste einst mit einer Gruppe von Kentucky Minstrels durch die USA, bevor er wieder nach Liverpool zurückkehrte.
Fred wurde Seemann und arbeitete hauptsächlich als Steward auf Kreuzfahrtschiffen, die von Liverpool aus operierten. Im Jahr 1938 heiratete er die 1914 geborene Julia Stanley. Ihre Flitterwochen erlebten sie im Trocadero Cinema, wo die film- und theaterbegeisterte Julia viel Zeit verbrachte und wo sie überdies auch als Platzanweiserin arbeitete. Anschließend fuhr Fred wieder zur See, und Julia lebte weiterhin bei ihren Eltern.
Als John zwei Jahre später zur Welt kam, war von Fred weit und breit nichts zu sehen, er war irgendwo auf See, und inzwischen herrschte Krieg. Es gab Gerüchte, Johns Vater sei desertiert (unzutreffend) oder er habe eine gewisse Zeit im Gefängnis gesessen (das stimmte). Schon bald blieben auch seine bescheidenen Geldüberweisungen für Julia und ihren gemeinsamen Sohn aus.
Bei einem seiner seltenen Auftritte zu Hause wurde es Fred gestattet, den inzwischen etwa fünfjährigen John zu einem Ausflug nach Blackpool mitzunehmen. Fred hatte im Verlauf dieses Besuchs beschlossen, mit John nach Neuseeland auszuwandern und dort, gemeinsam mit dem Sohn, ein neues Leben zu beginnen. Julia traf überraschend ebenfalls in Blackpool ein, und John wurde vor die Wahl gestellt: entweder mit Fred zu gehen oder mit Julia nach Liverpool zurückzukehren. Fred selbst hat mir erzählt, dass John zunächst bei ihm bleiben wollte, doch als er seine Mutter weggehen sah, rannte er ihr nach und kehrte mit ihr nach Liverpool zurück.
Ab einem Alter von etwa sechs Jahren wuchs John nicht mehr bei seiner Mutter, sondern bei deren ältester Schwester Mary, genannt Mimi, auf, die ab diesem Zeitpunkt die alleinige Verantwortung für ihn übernahm.
Der Grund für dieses komplizierte Arrangement blieb lange Zeit umstritten. Mimi sah sich selbst als Johns Retterin aus den Klauen von Fred, einem miesen Kerl, obwohl ihre geliebte jüngere Schwester Julia auch kein reiner Engel war. Mimi wollte John eine gewisse Sicherheit und Stabilität bieten. Andererseits hieß es, Mimi habe John auf eine gewisse Weise an sich gerissen, weil sie selbst keine Kinder hatte; sie habe John an sich binden und ihn nach ihren Vorstellungen formen wollen.
Fred, der Frau und Kind im Stich gelassen und keinen Unterhalt gezahlt hatte, galt lange Zeit als derjenige, der an Johns unruhiger erster Lebensphase schuld war. Er ließ sich treiben, hatte keine feste Anstellung, war stets knapp bei Kasse, lebte in den Tag hinein und scheint ein ziemlicher Nichtsnutz gewesen zu sein, der sich immer irgendwie durchschlug. Aber er besaß eine ordentliche Singstimme.

Julia, die von Mimi immer als mies behandelte oder unglückliche Ehefrau dargestellt worden war, hatte noch während ihrer Ehe mit Fred Affären, wenn er auf See war, und aus einer solchen Verbindung ging auch ein Kind hervor, ein Mädchen, das zur Adoption durch ein norwegisches Ehepaar freigegeben wurde. Julia ging schließlich mit einem neuen Mann, Bobby Dykins, eine feste Verbindung ein und hatte mit ihm zwei weitere Töchter, Julia und Jackie. Johns Mutter scheint, wie Fred, ein ziemlich unkonventioneller Mensch gewesen zu sein, aber sie war lustig, amüsant, attraktiv und tendenziell unbürgerlich – und sie konnte Banjo spielen.
Mimi, Jahrgang 1906, war die älteste der fünf Stanley-Schwestern und mit George Smith verheiratet, dessen Familie einen kleinen Bauernhof besessen und dort Kühe gehalten hatte. Alle fünf Schwestern hatten einen starken Willen und waren unabhängige Persönlichkeiten. Elizabeth, genannt Mater, war die 1908 geborene Zweitälteste. Sie heiratete zunächst Charles Parkes, mit dem sie einen Sohn namens Stanley hatte. Charles Parkes starb 1944. Mater vermählte sich später mit dem schottischen Zahnarzt Robert Sutherland und zog nach Edinburgh. Anne, geboren 1911, genannt Nanny, heiratete Sidney Cadwalader, einen Funktionär der Labour Party, und hatte mit ihm ein Kind, Michael. Harriet, die 1916 geborene jüngste der Schwestern, genannt Harrie, hatte zwei Kinder. John wuchs also mit Tanten, Onkeln und zahlreichen Cousins und Cousinen auf, es war ein Familienverbund, in dem man einander nahestand und sich gegenseitig unterstützte.
Mimi und ihr Ehemann George lebten in einem Haus namens Mendips in der Menlove Avenue Nr. 251 im Liverpooler Vorort Woolton. John besuchte die nahe gelegene Dovedole-Grundschule und wechselte von dort im September 1952, im Alter von knapp zwölf Jahren, an die Quarry Bank High School. Dort hatte er einen recht guten Anfang, doch dann ging es stetig bergab, er wurde zurückgestuft, hatte kein Interesse am Unterricht, verachtete die meisten Lehrer, sorgte für Ärger, beging kleine Diebstähle und zog es vor, mit seinem guten Freund Pete Shotton herumzualbern.

Schon sehr früh zeigte er jedoch ein anhaltendes Interesse am Zeichnen, er versuchte sich an Cartoons, kopierte Dinge aus den Zeitungen, schrieb kleine Geschichten, und das alles nur zu seinem eigenen Vergnügen. Wenn er die Sommerferien bei Tante Mater in Edinburgh verbrachte, schickte er von dort pflichtschuldig seine Postkarten an Tante Mimi. Als ich Mimi 1966 kennenlernte, besaß sie immer noch einige davon und zeigte mir ein Exemplar, auf das John geschrieben hatte: »funs were running low« – eher ein Beispiel für seine mangelhafte Rechtschreibung als ein bewusstes Wortspiel. Der Gebrauch des Wortes »funds« (in der Bedeutung von »Geld«) war, ebenso wie »tuck« (für »Essen«), bereits im Jahr 1950 veraltet, obwohl es nach wie vor in Comics, Public-School-Geschichten oder in den Just William-Büchern der Autorin Richmal Crompton Lamburn (1890–1969) verwendet wurde, die John so gerne las.
Bereits in der Grundschule produzierte er sein eigenes kleines Büchlein mit dem Titel Sport Speed and Illustrated – herausgegeben und illustriert von J. W. Lennon. Es enthielt Witze und Cartoons und eingefügte Fotos von Filmstars und Fußballern. Außerdem gab es eine Serie, die jedes Mal mit folgenden Worten endete: »Wenn Ihnen dies hier gefallen hat, kommen Sie nächste Woche wieder, und es wird noch besser sein.«
An der Quarry Bank High School schrieb und zeichnete er den Daily Howl, eine sehr viel eigenständigere Arbeit als die kopierten Cartoons oder eingeklebten Zeitungsausschnitte. Er verfasste Gedichte und Geschichten, in denen er die Lehrer verspottete – John ließ sie zur Erheiterung seiner Freunde in der Klasse herumgehen –, und produzierte Zeichnungen, die mit ihrer Verhöhnung von Krüppeln einen grausamen Zug andeuteten. Es gab Wortwitze, verzwickte Wortspiele und Scherze anderer Art. »Weather Report: Tomorrow will be muggy, followed by tuggy and weggy« (etwa: »Wetterbericht: Morgen wird es montäglich, danach dann dienstäglich und mittwöchlich«). In den Witzen und Versen zeigt sich der Einfluss von Lewis Carroll und Edward Lear, und die Cartoons waren von James Thurber inspiriert.
John produzierte ein kleines Buch, in dem er einige der Geschichten illustrierte, die er in der Schule in den Englischstunden vorgelesen hatte – The Treasury of Art and Poetry (»Das Schatzkästchen der Kunst und Poesie«), das »ausschließlich Arbeiten von JW Lennon enthielt, mit zusätzlichen Beiträgen von JW Lennon und der Unterstützung von JW Lennon, nicht zu vergessen JW Lennon. Wer ist dieser JW Lennon?«
Die Musik trat in Johns Leben, als er etwa 15 Jahre alt war, und zwar auf die Art, wie das damals bei den meisten britischen Teenagern geschah, mit den ersten Aufregungen, dem Wirbel und den vibrierenden Tönen, die unter der Bezeichnung Rock ’n’ Roll bekannt wurden. Bill Haleys Rock Around the Clock erschien 1954, und als das Stück in dem Film Blackboard Jungle (Die Saat der Gewalt, 1955) als Titelsong verwendet wurde, führte das zu einigen demolierten Kinositzen. Noch wichtiger war in Großbritannien Lonnie Donegans Version von Rock Island Line aus dem Jahr 1956. Dieser Song markierte den Beginn der Skiffle-Welle, einer handgestrickten Musik, an der sich jede(r) versuchen konnte, auch ohne musikalische Ausbildung, ja sogar ohne ein richtiges Instrument, solange man nur ein Waschbrett oder einen Teekistenbass bedienen konnte (obwohl es natürlich nicht von Nachteil war, wenn man bereits ein paar Gitarrengriffe beherrschte).
John, der sich immer als Anführer einer Gang betrachtet hatte, beschloss, wie Tausende andere Jungen in Großbritannien auch, gemeinsam mit Schulfreunden seine eigene Musikgruppe zu gründen. Er überredete Pete Shotton zum Mitmachen, obwohl der für Musik weder Interesse noch Talent hatte.
Irgendwann gegen Ende des Jahres 1956, vielleicht auch erst Anfang 1957 – die Mitglieder der Originalbesetzung sind sich hier nicht einig –, gründete John die Quarrymen oder, das ist wahrscheinlicher, die Gruppe bildete sich nach und nach heraus. Sie spielten ab März 1957 regelmäßig zusammen, in erster Linie für sich selbst oder bei Partys von Freunden oder öffentlichen Veranstaltungen in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld. Mitglieder stiegen aus, neue kamen hinzu, manchmal spielten sie wochenlang nicht zusammen und nahmen dann einen neuen Anlauf.
John hatte nie gelernt, ein Musikinstrument zu spielen. Mimi sagte, sie hätte ihn Klavier oder Geige lernen lassen, wenn er Interesse gezeigt hätte, aber das sei nicht der Fall gewesen. Als er noch viel jünger war, hatte er sich selbst, mehr schlecht als recht, das Mundharmonikaspielen beigebracht. Jetzt, nach der Gründung der Quarrymen, seiner eigenen Skiffle-Gruppe, wollte er unbedingt Gitarre lernen.
Zu dieser Zeit war Johns Mutter Julia wieder in sein Leben getreten. Julia hatte mit ihrem neuen Partner schon seit einiger Zeit in Liverpool zusammengewohnt, ohne dass John dies gewusst hätte, denn Mimi hatte anfangs versucht, ihn von seiner Mutter fernzuhalten, deren jetzige Lebensverhältnisse für die Tante ein »Leben in Sünde« waren. Doch John begann etwa ab einem Alter von zwölf Jahren, seine Mutter zu besuchen.
Mimi missbilligte Johns Interesse am Gitarrenspiel und ermutigte ihn nicht dazu, so wie sie auch nicht besonders viel davon hielt, dass er sich mit diesen Jungs abgab, die sie für »gewöhnlich« erachtete (was üblicherweise bedeutete, dass sie in einer Sozialwohnung lebten). Mimi fühlte sich in ihrer schmucken kleinen Doppelhaushälfte der Mittelschicht zugehörig, eine Einschätzung, in der sie sich auch dadurch bestärkt sah, dass ihr Ehemann George ein Grundbesitzer im Ruhestand war, wenn auch, bedingt durch die Wechselfälle dieses Geschäfts, in eher geringem Umfang. In Wirklichkeit lieferte George Milch aus. Er starb 1955 im Alter von 52 Jahren, genau in der Zeit, in der John ein Interesse an Musik entwickelte, und John spürte diesen Verlust sehr, denn George, der als freundlicher und gütiger Mensch in Erinnerung geblieben ist, war für den Jungen ein Freund und Verbündeter gewesen. Mimi hatte schon zu Georges Lebzeiten ein paar Untermieter gehabt, aber nach seinem Tod vermietete sie regelmäßiger, vor allem an Doktoranden der Liverpooler Universität.
Julia kaufte John seine erste Gitarre – über die Zeitschrift Reveille per Postversand –, die nur ein paar Pfund kostete, höchstens zehn, und brachte ihm ein paar Banjogriffe bei, denn etwas anderes konnte sie nicht spielen. Mimi bestand darauf, dass er auf der Veranda übte, im Freien, weil sie den Lärm nicht ertragen konnte.
Die Quarrymen wurden am 15. Juni 1957 für ein örtliches Ereignis engagiert, ein Fest der St. Paul’s-Kirchengemeinde in Woolton. Ein Freund von John namens Ivan Vaughan, der das Liverpool Institute besuchte, lud einen 15-jährigen Mitschüler ein, damit der die Quarrymen sah und John kennenlernte. Dieser Junge war Paul McCartney. Er brachte seine eigene Gitarre mit, spielte John ein Lied vor, Twenty Flight Rock, und John war mächtig beeindruckt.
John dachte über die Frage nach, ob es wohl klug wäre oder nicht, jemanden in seiner Gruppe zu haben, der fast zwei Jahre jünger war, aber eindeutig besser Gitarre spielte und deshalb vielleicht zu einem Rivalen werden könnte. Er sah sich damals und noch einige weitere Jahre als Bandleader und stellte sich selbst auch oft als solcher dar.
Eine Woche später schickte er Paul eine Nachricht und lud ihn ein, bei den Quarrymen einzusteigen. Im darauffolgenden Jahr, im Februar 1958, kam George Harrison hinzu. Auch er war ein Schüler des Liverpool Institute, aber noch ein weiteres Jahr jünger als Paul. Zu jener Zeit waren solche Dinge wichtig, weil die Rollen verteilt wurden; die Hackordnung wurde zwar nur teilweise vom Alter bestimmt, aber alle akzeptierten John, den Ältesten, als Bandleader.
Allmählich kamen sie zu besseren Engagements, bei Frauen- und Arbeitervereinen und in Clubs im Stadtzentrum von Liverpool. Unter anderem gab es im Februar 1958 einen ersten Auftritt im Cavern Club, aber die Besetzung der Band änderte sich immer wieder. So hatten sie zum Beispiel Schwierigkeiten, einen Schlagzeuger zu finden. Zwischen den bezahlten Auftritten taten sich außerdem immer noch große Lücken auf. Das Geld war zunächst auch nicht besonders wichtig, denn George und Paul waren ja noch Schüler, und John war seit 1958 Student der Liverpooler Kunstakademie. Mimi hatte ihm mithilfe von Mr. Pobjoy, dem Schulleiter der Quarry Bank High School, die Zulassung verschafft, denn einen regulären Schulabschluss hatte er nicht vorzuweisen.
Am 15. Juli 1958, gerade in der Zeit, in der Julia wieder zu einer festen Größe in Johns Leben wurde, wurde sie Opfer eines Verkehrsunfalls.
Sie wurde von einem Auto erfasst, an dessen Steuer ein Polizist saß, der nicht im Dienst war, und tödlich verletzt. Auch Paul hatte seine Mutter früh verloren – er war erst 14 Jahre alt gewesen, als sie im Oktober 1956 an Brustkrebs starb.
Die Quarrymen spielten im August 1959 erstmals als Hausband im Casbah Club, einem von Mona Best im Keller ihres eigenen Hauses betriebenen Teenager-Lokal (laut Phil Norman eine »Mischung aus Jugendlager und Nachtclub«) 1, doch ihr erstes Engagement dort endete im Streit. Als Gage pro Abend waren ihnen drei Pfund zugesagt worden, aber Ken Brown, das vierte Bandmitglied, war eines Abends so erkältet, dass er nicht auftreten konnte und sich in einem Zimmer des Hauses ausruhen musste. Mona bestand dennoch darauf, die Gage durch vier zu teilen und jedem Bandmitglied 15 Schillinge zu geben. John, Paul und George hielten das für ungerecht, stürmten zur Tür hinaus und schworen, nie wieder im Casbah zu spielen.

 

1 Philip Norman, John Lennon, München 2008, S. 205–208.

 

Dies war ein typischer Vorfall für die chaotischturbulenten, amateurhaften Anfangsjahre der Band, in denen sie um Engagements bettelten, für ein Trinkgeld auftraten und vergeblich ihre Chance bei Fernseh- und Radio-Talentwettbewerben suchten.
Im Mai 1960 gingen sie, inzwischen unter dem Namen The Silver Beetles, als Begleitband für einen jungen Sänger namens Johnny Gentle auf ihre erste richtige Tournee. Sie dauerte nur neun Tage und führte in entlegene Kleinstädte im Norden Schottlands, wo nur wenige Leute zu ihren Auftritten kamen; zu allem Überfluss hatten sie auch noch mit dem Bandbus einen Unfall, und bei einer Gelegenheit mussten sie sich aus dem Hotel schleichen, weil sie nicht bezahlen konnten.
Johns erster veröffentlichter Text – sieht man einmal von den Werken aus seiner Schulzeit ab – erschien am 6. Juli 1961 in der ersten Nummer einer von Bill Harry herausgegebenen Liverpooler Musikzeitschrift namens Mersey Beat. In dem kurzen Artikel »Being a Short Diversion on the Dubious Origins of Beatles – Translated from the John Lennon« (»Eine kurze Ablenkung zu den unklaren Anfängen der Beatles – übersetzt aus dem John Lennonischen«) hieß es: »Es waren einmal drei kleine Jungs, getauft auf die Namen John, George und Paul. Sie beschlossen, sich zusammenzutun, weil sie zu den Typen zählten, die sich zusammentun.«

»HOT LIPS missed you Friday, RED NOSE« und »Whistling Jock Lennon wishes to contact HOT NOSE.«.
John sagte immer, als Junge habe er nicht Musiker, sondern Journalist werden wollen, daher kämen all die kleinen Texte und Berichte in seiner Schul- und Kunstakademiezeit.
Im Juni 1965, kurz vor der Veröffentlichung seines zweiten literarischen Buches, interviewte ihn Virginia Ironside von der Daily Mail, und er erzählte ihr von seinen Schulbubenphantasien zum Thema Journalismus.
»Das Problem mit dem Journalismus ist, dass deine eigenen Sachen inmitten eines Haufens von anderem Blödsinn erscheinen. Ich wollte nie über soziale Themen schreiben, es gibt einfach keine Dinge, über die ich ernsthaft schreiben möchte. Ich bin zu ichbezogen und zu … ephemer. Das Wort habe ich erst vor Kurzem gelernt. Von Bernard Levin. Wenn ich ein Buch schreibe, ist mein einziges Ziel, dass es lustig sein soll. Es ist entweder lustig, oder es ist gar nichts.«
Hätte John jemals ernsthaft erwogen, Journalist oder Schriftsteller zu werden, wäre wohl bestimmt mehr schriftliches Material aus seinen Teenagerjahren aufgetaucht. Oder er hätte mehr Briefe und Postkarten an Freunde geschickt, vor allem an die Mädchen, sobald die Beatles in der Region Merseyside herumkamen, aber aus der Zeit vor dem Frühjahr 1961 ist nur wenig vorhanden, abgesehen von einer Weihnachtskarte 1958 an Cynthia. Zu ihrer Schottland-Tournee im Mai 1960 war überraschenderweise überhaupt nichts aufzufinden. Es war natürlich eine sehr kurze Tournee, bei der sie überhaupt kein Geld verdienten, ständig mit dem Bus auf Achse waren, musikalisch nichts dazulernten – und die letztlich zu überhaupt nichts führte.
Erst als im August 1960 das Angebot kam, nach Hamburg zu gehen, konnte man sagen, dass die Beatles jetzt richtig loslegten. Und dann beginnt auch die Zeit des Briefeschreibens.

 

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Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel
The John Lennon Letters bei Weidenfeld & Nicolson,
einem Imprint der Orion Publishing Group Ltd., London.

 

ISBN 978-3-492-05523-9
Einführung und editorische Notiz
© Hunter Davies 2012
Vorwort © Yoko Ono Lennon 2012
John Lennon Letters © Yoko Ono Lennon 2012
© der deutschen Ausgabe: Piper Verlag GmbH,
München 2012
Satz: Elisabeth Petersen, München
Litho: Lorenz & Zeller, Inning
Druck und Bindung: Kösel, Krugzell
Printed in Germany

Medien zu »The John Lennon Letters«

Pressestimmen

Stern

»Eine wahre Schatztruhe und ein Geschenk für alle, die den Beat der Sechziger im Blut haben.«

General-Anzeiger

»Ein bezauberndes, liebevoll illustriertes Buch.«

Bolero

»Ein Buch wie eine Fundgrube.«

Die Zeit

»Ein fetter Band, zum Stöbern in der Vergangenheit, mit Fundstücken, die neue Perspektiven eröffnen.«

Nürnberger Nachrichten

»Sensationell. (...) Eine wahre Fundgrube. Nicht nur zur Weihnachtszeit.«

mdr: Kleine Buchnacht

»Nie war ein Blick auf John Lennon intimer! Eine prall gefüllte Schatztruhe: Beatles- und Lennon-Fans werden Luftsprünge machen und geraume Zeit brauchen, um wieder auf den Boden zu kommen!«

Nordwest Zeitung

»Eine außergewöhnliche Biografie.«

Neues Deutschland

»Dieser prachtvolle Erinnerungsstrauß (...) wird jeden Beatles-Fan beglücken.«

Wilhemshavener Zeitung online

»Hunter Davies macht aus diesem auch von Layout und Gesamtgestaltung her großartigen Buch einen wahren Schatz als biographisches Werk. (...) Dieses Buch ist eine grandiose Hommage an John Lennon und zeichnet ein neues, konturenreicheres Bild von ihm als einzigartigen Menschen und Künstler.«

Süddeutsche Zeitung

»Unglaublich, was er hier zusammengetragen hat. Man lernt das Phänomen Lennon tatsächlich besser verstehen. (...) Vor allem aber leistet das Buch genau das, was man kaum zu hoffen gewagt hätte: Es lässt John Lennon auferstehen, macht ihn lebendig, greifbar, man glaubt beinahe, ihn sprechen zu hören.«

Tiroler Tageszeitung

»Unverbesserlichen Lennon-Jüngern sei der Band wärmstens empfohlen - schon allein als Fundgrube unnützen Fanwissens taugt das Buch zum Standardwerk.«

Deutschlandradio Kultur

»"The Lennon Letters" sind eine wunderbare, unterhaltsame Spurensuche.«

BuchMarkt

»Jetzt liegt mit 'The John Lennon Letters' ein Prachtband vor, der keine Wünsche offen lässt und einen ganz neuen Blick aus den 1980 ermordeten Künstler ermöglicht.«

Sat1Frühstücksfernsehen

»...Liebe, Hass. Alle Gefühle von John Lennon in diesem Buch, in seinen Briefen. Es ist wirklich großartig.«

Nordkurier

»Yoko Ono (...) war voll des Lobes für dieses Buch: "Hunter, das hast Du gut gemacht", heißt es in ihrem Vorwort. Dem kann man nur zustimmen.«

NDR Kultur

»Rührend, komisch, herzzerreißend. (...) Überhaupt sind die Briefe unglaublich sorgfältig ediert und auch das Layout dieses Bandes ist eine reine Freude.«

Focus Online

»(...) ein opulenter Prachtband (...)«

Die Zeit

»In seinen Briefen, Notizen und Zeichnungen dürfen wir John Lennon noch einmal ganz neu kennenlernen. (...) Mehr als eine Biografie je könnte.«

NDR Kultur

»Dieses Buch schließt eine Lücke. Ein großartiger neuer Blick auf den privaten Lennon.«

ORF2 les.art

»Selten war Lennon so persönlich wie hier.«

NDR Kulturjournal

»Ein Star in Selbstzeugnissen. Dieses Buch schließt eine Lücke. Ein großartiger, neuer Blick auf den privaten Lennon.«

Bolero

»Ein Buch wie eine Fundgrube.«

Buchkultur

»Nicht alles, was John Lennon jemals niedergeschrieben hat, aber einen überaus repräsentativen Querschnitt seiner schriftlichen Hinterlassenschaft enthält dieses wundervoll gestaltete Buch.«

Frau im Leben/plus Magazin

»30 Jahre hat der Beatles-Fan Hunter Davies nach solchen Dingen gefahndet - und ein grandioses Buch erstellt: "The John Lennon Letters".«

Things Magazin

»Es ist eines der interessantesten Bücher zum Thema BEATLES.«

Buchmedia Magazin

»Weise, verrückt, lustig oder herzzerreißend: Die Briefe erlauben einen unverstellten und intimen Blick auf John Lennon.«

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