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The Damned (Der Hof der Löwen 2)

Renée Ahdieh
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Jäger und Gejagte

„Die verschiedenen Wendungen haben mich überrascht und mich mit der Art und Weise des Schreibstils gefangen genommen.“ - stephanienicol__

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The Damned (Der Hof der Löwen 2) — Inhalt

Die Unterwelt von New Orleans ist in Aufruhr: Ein uraltes Abkommen wurde gebrochen, ein Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen scheint unvermeidlich. Sébastien muss seinen Platz unter den Vampiren finden, und Celine hat ihr Gedächtnis verloren und kann sich nicht mehr an ihre Liebe zu ihm erinnern. In den Schatten regen sich zudem unbekannte Mächte, die geduldig nur auf diesen Moment gewartet haben, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Celine und Sébastien ahnen nicht, in welcher Gefahr sie schweben – und dass ihre Liebe genau das sein könnte, das sie für immer trennen wird …


***Der zweite Band der „Hof der Löwen“-Reihe***

Band 1: The Beautiful. Tödliche Dämmerung

Band 2: The Damned. Jäger und Gejagte

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 30.06.2022
Übersetzt von: Wolfgang Thon
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70605-6
Download Cover
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 30.06.2022
Übersetzt von: Wolfgang Thon
416 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60099-6
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Leseprobe zu „The Damned (Der Hof der Löwen 2)“

BASTIEN


Ich liege regungslos da, mein Körper ist schwerelos. Unbeweglich. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem stockdunklen Raum eingesperrt, unfähig zu sprechen, während ich am Rauch meiner eigenen Dummheit ersticke.

Mein Onkel hat das einmal mit mir gemacht, als ich neun war. Mein bester Freund Michael und ich hatten eine Kiste Zigarren gestohlen, die von einer älteren Dame aus Havanna, die an der Ecke Burgundy und Saint Louis arbeitete, handgedreht worden waren. Als Onkel Nico uns dabei erwischte, wie wir sie in der Gasse hinter dem Jacques’ [...]

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BASTIEN


Ich liege regungslos da, mein Körper ist schwerelos. Unbeweglich. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem stockdunklen Raum eingesperrt, unfähig zu sprechen, während ich am Rauch meiner eigenen Dummheit ersticke.

Mein Onkel hat das einmal mit mir gemacht, als ich neun war. Mein bester Freund Michael und ich hatten eine Kiste Zigarren gestohlen, die von einer älteren Dame aus Havanna, die an der Ecke Burgundy und Saint Louis arbeitete, handgedreht worden waren. Als Onkel Nico uns dabei erwischte, wie wir sie in der Gasse hinter dem Jacques’ rauchten, schickte er Michael nach Hause. Seine Stimme war tonlos und unheilverkündend.

Dann sperrte mich mein Onkel mit der Zigarrenkiste und einer Dose Streichhölzer in einen Flurschrank. Er sagte mir, ich dürfe nicht gehen, bevor ich nicht sämtliche Zigarren aufgeraucht hätte.

Das war das letzte Mal, dass ich jemals eine Zigarre geraucht habe.

Ich brauchte Wochen, um Onkel Nico zu verzeihen. Jahre, um den Geruch von brennendem Tabak in meiner Nähe zu ertragen. Und ein halbes Leben, um zu verstehen, warum er es für notwendig hielt, mir diese besondere Lektion zu erteilen.

Ich versuche, die gallig-bittere Erinnerung herunterzuschlucken. Es gelingt mir nicht.

Ich weiß, was Nicodemus getan hat. Auch wenn die Erinnerung immer noch undeutlich ist, vernebelt durch die Schwäche meines sterbenden Körpers, weiß ich doch, dass er mich in einen von ihnen verwandelt hat. Ich bin jetzt ein Vampir, wie schon mein Onkel vor mir. Wie meine Mutter vor mir, die sich freiwillig dem endgültigen Tod stellte, mit rot gefärbten Lippen und einem leblosen Körper in ihren Armen.

Ich bin ein seelenloser Sohn des Todes, der dazu verflucht ist, bis zum Ende der Zeiten das Blut der Lebenden zu trinken.

Das klingt selbst für mich, einen Jungen, der mit der Wahrheit über Monster aufgewachsen ist, lächerlich. Wie ein Witz, den eine unkomische Tante mit einem Hang zum Melodramatischen erzählte. Eine Frau, die sich an ihrem Diamantarmband verletzt und jammert, als Blutstropfen auf ihre seidenen Röcke tropfen.

Mit einem Schlag bin ich wieder hungrig. Mit jedem stechenden Schmerz werde ich weniger menschlich. Ich bin weniger das, was ich einst war, und mehr von dem, was ich für immer sein werde. Ein Dämon der Begierde, der sich schlicht nach mehr sehnt und dessen Gier nie gestillt werden kann.

Weißglühende Wut jagt dem Blutrausch hinterher und zündet wie eine Salpeterspur aus einem Pulverfass. Ich verstehe, warum Onkel Nico es getan hat, auch wenn es viele Leben dauern wird, bis ich ihm verzeihen kann. Nur die schlimmsten Umstände würden ihn dazu treiben, das letzte lebende Mitglied seiner sterblichen Familie – den einzigen Erben des Saint-Germain-Vermögens – in einen Dämon der Anderswelt zu verwandeln.

Seine Linie ist mit mir gestorben, mein menschliches Leben hat ein allzu plötzliches Ende gefunden. Diese Entscheidung muss der letzte Ausweg sein. Eine Stimme erklingt in meinem Kopf. Eine weibliche Stimme, mit bebendem Widerhall.

Bitte! Rette ihn. Was muss ich sagen, damit du ihn rettest? Haben wir eine Abmachung?

Als mir klar wird, wer es ist, was sie getan haben muss, heule ich stumm, ein Heulen, das in der Leere meiner verlorenen Seele widerhallt. Daran kann ich jetzt nicht denken.

Mein Versagen will das nicht zulassen.

Es genügt zu wissen, dass ich, Sébastien Saint Germain, achtzehnjähriger Sohn eines Bettlers und einer Diebin, in ein Mitglied der Gefallenen verwandelt worden bin. Eine Rasse von Blutsaugern, die durch ihre eigene Gier von ihrem rechtmäßigen Platz in der Anderswelt verbannt wurden. Kreaturen der Nacht, die in einen jahrhundertelangen Krieg mit ihrem Erzfeind, der Bruderschaft der Werwölfe, verwickelt sind.

Ich versuche zu sprechen, aber es gelingt mir nicht, meine Kehle ist wie zugeschnürt. Meine Augenlider sind geschlossen. Immerhin ist der Tod ein mächtiger Feind, den es erst einmal zu besiegen gilt.

Feine Seide raschelt an meinem Ohr, eine duftende Brise weht durch die Luft. Neroliöl und Rosenwasser. Das unverwechselbare Parfüm von Odette Valmont, einer meiner besten Freundinnen. Fast zehn Jahre lang war sie meine Beschützerin im Leben. Jetzt ist sie meine Schwester im Blut. Ein Vampir, gezeugt von demselben Schöpfer.

Mein rechter Daumen zuckt als Reaktion auf ihre Nähe. Noch immer kann ich nicht sprechen oder mich frei bewegen. Noch immer bin ich in einem dunklen Raum eingesperrt, mit nichts als einer Zigarrenkiste und einer Dose Streichhölzer. Angst fließt durch meine Adern, Hunger kribbelt auf meiner Zunge.

Ein Seufzer entweicht Odettes Lippen. „Er wacht langsam auf.“ Sie hält inne, Mitleid schwingt in ihrer Stimme mit. „Er wird wütend sein.“

Wie immer hat Odette nicht unrecht. Aber es gibt einen Trost in meiner Wut. Es bedeutet Freiheit, dass ich bald von meiner Wut befreit werden kann.

„Was er auch sein sollte“, sagt mein Onkel. „Das ist das Selbstsüchtigste, was ich je getan habe. Wenn er die Verwandlung überlebt, wird er mich hassen … genau wie Nigel es tat.“

Nigel. Allein der Name erregt meinen Zorn. Nigel Fitzroy, der Grund für mein vorzeitiges Ableben. Er hat mich zusammen mit Odette und vier weiteren Mitgliedern der Vampir-Nachkommen meines Onkels vor den Feinden von Nicodemus Saint Germain beschützt, vor allem vor denen der Bruderschaft. Jahrelang wartete Nigel auf den richtigen Zeitpunkt. Er feilte an seinem Plan, sich an dem Vampir zu rächen, der ihn aus seinem Zuhause gerissen und zu einem Dämon der Nacht gemacht hatte. Unter dem Deckmantel der Loyalität setzte Nigel eine Reihe von Ereignissen in Gang, die darauf abzielten, das zu zerstören, was Nicodemus am meisten schätzte: sein lebendiges Vermächtnis.

Ich bin früher schon betrogen worden, so wie ich andere betrogen habe. Das ist der Lauf der Dinge, wenn man unter kapriziösen Unsterblichen und den vielen Illusionisten lebt, die wie Fliegen in der Nähe kreisten. Noch vor zwei Jahren bestand meine Lieblingsbeschäftigung darin, die berüchtigtsten Hexenmeister von Crescent City um ihre unrechtmäßig erworbenen Gewinne zu bringen. Die schlimmsten von ihnen waren sich immer so sicher, dass ein Sterblicher sie niemals übertreffen könnte. Es bereitete mir großes Vergnügen, ihnen das Gegenteil zu beweisen.

Aber ich habe meine Familie nie verraten. Und ich war noch nie von einem Vampir verraten worden, der geschworen hatte, mich zu beschützen. Von jemandem, den ich wie einen Bruder liebte. Erinnerungen schwirren durch meinen Kopf. Bilder von Lachen und einem Jahrzehnt der Loyalität. Ich möchte schreien und fluchen. Zum Himmel schreien, wie ein besessener Dämon.

Doch ich weiß, wie wenig Aufmerksamkeit Gott den Gebeten der Verdammten schenkt.

„Ich werde die anderen rufen“, murmelt Odette. „Wenn er aufwacht, sollte er uns alle vereint sehen.“

„Lass sie in Ruhe“, antwortet Nicodemus, „wir haben das Ärgste noch nicht hinter uns.“ Zum ersten Mal spüre ich einen Hauch von Verzweiflung in seinen Worten, der sich jedoch beinahe augenblicklich auflöst. „Mehr als ein Drittel meiner unsterblichen Kinder hat die Verwandlung nicht überlebt. Viele gingen im ersten Jahr durch die Dummheit der unsterblichen Jugend verloren. Dies hier … könnte vielleicht ebenfalls nicht funktionieren.“

„Es wird funktionieren“, widerspricht Odette, ohne zu zögern.

„Sébastien könnte dem Wahnsinn erliegen, wie seine Mutter“, wendet Nicodemus ein. „In ihrem Bestreben, zurückverwandelt zu werden, hat Philomène alles zerstört, was sich ihr in den Weg stellte, bis uns nichts mehr übrig blieb, als ihrem Terror ein Ende zu setzen.“

„Das ist nicht Bastiens Schicksal.“

„Sei nicht töricht. Es könnte sehr wohl so sein.“

Odette antwortet kühl. „Ein Risiko, das Sie eingegangen sind.“

„Aber es bleibt trotzdem ein Risiko. Deshalb habe ich seine Schwester abgewiesen, als sie mich vor Jahren bat, sie zu verwandeln.“ Er atmet aus. „Am Ende haben wir sie trotzdem durch Feuer verloren.“

„Wir werden Bastien nicht verlieren, so wie wir Émilie verloren haben. Und er wird auch nicht Philomènes Schicksal erleiden.“

„Du sprichst mit solcher Gewissheit, kleines Orakel.“ Er hält inne. „Hat dir dein zweites Gesicht diese Überzeugung verliehen?“

„Nein. Vor Jahren habe ich Bastien versprochen, nicht in seine Zukunft zu schauen. Ich habe mein Wort nicht gebrochen. Aber ich glaube in meinem Herzen, dass die Hoffnung siegen wird. Sie … muss es einfach.“

Trotz ihrer scheinbar unerschütterlichen Zuversicht ist Odettes Sorge fühlbar. Ich wünschte, ich könnte nach ihrer Hand greifen. Ihr beruhigende Worte anbieten. Aber ich bin immer noch in mir selbst gefangen, mein Zorn überwiegt alles andere. Er wird auf meiner Zunge zu Asche, bis mir nur noch Verlangen bleibt. Das Bedürfnis, geliebt zu werden. Gesättigt zu werden. Aber vor allem bleibt mir das Verlangen zu zerstören.

Nicodemus sagt eine Zeit lang nichts. „Wir werden sehen. Sein Zorn wird groß sein, daran kann es keinen Zweifel geben. Sébastien wollte nie einer von uns werden. Er hat schon früh erfahren müssen, welchen Preis diese Veränderung hat.“

Mein Onkel kennt mich gut. Seine Welt hat mir meine Familie weggenommen. Ich denke an meine Eltern, die vor Jahren bei dem Versuch, mich zu beschützen, gestorben sind. Ich denke an meine Schwester, die bei dem Versuch, mich zu beschützen, ums Leben kam. Ich denke an Celine, das Mädchen, das ich im Leben geliebt habe und das sich nicht an mich erinnern wird.

Ich habe nie jemanden verraten, den ich liebe.

Aber nie ist eine lange Zeit, wenn man an die Ewigkeit denken muss.

„Vielleicht wird er auch dankbar sein“, sagt Odette. „Eines Tages.“

Mein Onkel antwortet nicht.




ODETTE


Odette Valmont lehnte sich in den Wind. Sie ließ zu, dass er ihr die brünetten Locken um die Nase wehte und ihre Mantelschöße peitschte. Sie genoss das Gefühl der Schwerelosigkeit, als sie auf den Jackson Square hinunterstarrte, die rechte Hand um die kühle metallene Turmspitze geschlungen, während ihr linker Stiefel frei in der Abendluft baumelte.

„Ah, da sind wir beide mal wieder unter uns, n’est-ce pas?“, scherzte sie in Richtung des Metallkruzifixes über ihr.

Die Christusfigur starrte in nachdenklichem Schweigen auf Odette herab.

Odette seufzte. „Mach dir keine Sorgen, mon Sauveur. Du weißt, dass ich deinen Rat in höchstem Maße schätze. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein Geschöpf wie ich das Glück hat, dich zu seinen besten Freunden zu zählen.“ Sie schmunzelte.

Vielleicht war es blasphemisch für einen Dämon der Nacht, den Erlöser der Menschheit auf so vertraute Weise anzusprechen. Aber Odette brauchte Führung, jetzt mehr denn je.

„Ich würde gerne glauben, dass du meine Gebete hörst“, fuhr sie fort. „Als ich noch lebte, habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, regelmäßig in die Messe zu gehen.“ Sie neigte ihr Ohr in Richtung des Kreuzes. „Wie war das?“ Ein Lachen perlte aus ihrer blassen Kehle. »Mais oui, bien sûr! Ich wusste es. Du hast die Sünderin umarmt. Natürlich würdest du mich mit offenen Armen empfangen.« Zuneigung erwärmte ihren Blick. „Deshalb werden wir immer Freunde sein, bis zum bitteren Ende.“ Sie hielt inne, als lauschte sie einer Antwort, die nur für ihre Ohren bestimmt war. „Du bist zu gütig“, sagte sie. „Und ich würde dich nie für die Sünden der Menschen verantwortlich machen, die deine reinen Worte und großzügigen Taten zu Instrumenten der Macht und der Kontrolle pervertiert haben.“ Odette wirbelte noch einmal um die Turmspitze. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, sang sie mit geschlossenen Augen. Ein Windstoß fuhr ihr ins Gesicht.

Odette betrachtete die Welt des Vieux Carré weit unter sich, und sie wurde plötzlich der Kamee an ihrem Hals gewahr. Das cremefarbene Elfenbein war von einem Heiligenschein aus blutroten Rubinen eingefasst. Ihr Fétiche, der zwei Zwecken diente, so wie die zwei Seiten ihres Lebens. Sie dienten als Talisman, der sie vor dem Licht der Sonne schützte, aber auch als ständige Erinnerung an ihre Vergangenheit.

Sein Anblick ernüchterte sie. Ebenso wie die vielen Erinnerungen, die sich in seinem Kielwasser sammelten.

Die High Society von New Orleans hielt Odette Valmont für ein sorgloses junges Mädchen, das in Gesellschaft anderer aufblühte. Eine junge Lady, deren größte Freude es war, in einem Raum voller Menschen zu stehen und deren verzückte Blicke zu genießen.

„Aber wer würde sich nicht über Aufmerksamkeit freuen?“, fragte Odette. „Kann man mir dieses menschlichste aller Gefühle verübeln? Schließlich ist Schönheit wie die unsere dazu da, bewundert zu werden!“ Das war eines der Dinge, die Vampire zu derart gefährlichen Raubtieren machten: ihre beauté inégalée, wie sie es gerne nannte. Mit dieser unvergleichlichen Schönheit zogen sie ihre Opfer in eine dauerhafte Umarmung.

Doch kaum waren die wohligen Seufzer verklungen, schlüpfte Odette in ihre Lieblingshosen aus Wildleder. Im Schutz der Nacht erklomm sie die Rückseite der Kathedrale, ihre Finger und Zehen fanden sicher den Weg durch die Mitte des Gebäudes bis zum höchsten der drei Türme, während die dunkle Gabe durch ihre Adern floss. Sobald sie die Spitze des Turms erreicht hatte, erfreute sie sich an der Stille der Einsamkeit.

An der Wonne des Alleinseins, unter den wachsamen Augen ihres Erlösers.

Es kam ihr immer seltsam vor, dass die Leute glaubten, auf Partys mit lauter Musik, schallendem Gelächter und Strömen von Champagner würden aufregende Dinge passieren. Diese Gewissheit lockte sie überhaupt erst zu solchen Veranstaltungen. Odette dagegen war der Meinung, dass der aufregendste Raum der in ihrer eigenen Vorstellung war. Ihre Vorstellungskraft war meist viel besser als das wirkliche Leben. Mit ein paar bemerkenswerten Ausnahmen natürlich.

Wie ihr erster richtiger Kuss. Der Geschmack von gesponnenem Zucker auf Maries weichen Lippen; Odettes sterbliches Herz, das in ihrer Brust raste. Die Art, wie ihre Hände zitterten. Wie sich ihre Atemzüge beschleunigten.

Sie drehte sich zu dem jungen Mann am Kreuz um. Dem Gottessohn.

„Ist meine Liebe eine Sünde?“, fragte sie ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, wie sie es schon bei unzähligen anderen Gelegenheiten getan hatte. Wieder gab er ihr die gleiche Antwort. Odette nickte zufrieden und wiederholte das Mantra. „Deine Botschaft war die der Liebe. Und Hass sollte niemals über die Liebe siegen.“

Wieder einmal waberten Erinnerungen an den Rändern ihres Geistes. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit dem Tod, an den Tag, an dem ihr Vater zur Guillotine geführt und jeder seiner Schritte von johlendem Geschrei begleitet wurde. Wie er immer noch seine gepuderte Perücke trug, selbst als die Klinge fiel. Das Geräusch, mit dem sein Blut über die Steine spritzte, erinnerte sie an ihre erste Tötung in der Nacht, nachdem sie ihren Schöpfer mit offenen Armen empfangen hatte. Der Kitzel, über eine solche göttliche Macht zu verfügen.

Odettes Finger um die metallene Spitze wurden weiß. Entgegen der landläufigen Meinung war sie nicht mehr wütend. Nicht auf die nach Blut dürstenden Männer und Frauen, die sie als zitternde Waise zurückgelassen hatten. Nicht auf ihre Eltern, weil sie nicht in der Lage waren, sich zu wehren. Nicht auf Nicodemus, weil er Odette dem Elend ihres früheren Lebens entrissen hatte. Nicht auf Marie, die Odettes Herz gebrochen hatte, wie so viele erste Lieben.

„Durch all das, was passiert ist, habe ich gelernt, mich selbst mehr zu lieben“, sagte sie. „Und ist das nicht das schönste Geschenk, das dir eine Prüfung im Leben machen kann? Die Kraft, sich selbst heute mehr zu lieben als am Tag zuvor.“

Odette reckte ihr Kinn in den violetten, mit Sternen übersäten Himmel. Die Wolken bewegten sich wie Nebelfedern in einer vorbeiziehenden Brise. Nigel pflegte zu sagen, dass der Himmel über New Orleans vom Rauch der Missetaten der Stadt erfüllt war. Die Verfehlungen, die so oft von den wohlhabenden Reisenden zelebriert wurden, die das Vieux Carré besuchten und die dazu beitrugen, dass New Orleans trotz des jüngsten Krieges zwischen den Staaten zu einer der reichsten Städte des ganzen Landes wurde. Jedes Mal, wenn Nigel sich hinsetzte, um den anzüglichsten Klatsch und Tratsch der Woche zu erzählen, wurde sein Cockney-Akzent vor Lüsternheit immer stärker.

Etwas krampfte sich um Odettes totes Herz.

Diesmal zögerte sie, bevor sie einen Blick auf das Metallkreuz neben sich warf.

„Ich weiß, ich habe kein Recht, mit so etwas wie Wärme an Nigel Fitzroy zu denken“, flüsterte sie. „Er hat uns verraten.“ Sie schluckte. „Er hat mich verraten.“ Ein Ausdruck von Ungläubigkeit flammte in ihrem Gesicht auf. „Wenn man bedenkt, dass dies erst vor einem Tag passiert ist. Dass der Auf- und Untergang eines einzigen Mondes unser aller Leben auf so unwiderrufliche Weise verändert hat.“ In dieser einen Nacht hatte Odette einen Bruder, den sie ein Jahrzehnt lang geliebt hatte, durch eine grausame Art von Verrat verloren. Dieser Verlust traf sie zutiefst, aber sie wagte es nicht, öffentlich zu trauern. Das wäre ein fataler Fehler gewesen, vor allem in Nicodemus’ Gegenwart. Der Verlust eines Verräters war für niemanden ein Verlust.

Und doch …

Heute Morgen hatte sie in ihrem Zimmer geweint. Sie hatte die Samtvorhänge um ihr Himmelbett zugezogen und ihre blutigen Tränen auf die elfenbeinfarbenen Seidenkissen fließen lassen. Den ganzen Tag über hatte niemand auch nur ein Haar von Boone gesehen. Jae kam kurz nach Sonnenuntergang, sein schwarzes Haar war nass, sein Gesichtsausdruck düster. Als Hortense ins Jacques’ zurückkehrte, spielte sie mit unmenschlicher Geschwindigkeit Bach’sche Cellosuiten auf ihrer Stradivari, während ihre Schwester Madeleine in einem ledergebundenen Tagebuch in der Nähe schrieb. Kurzum, jedes Mitglied des Cour des Lions trauerte auf seine eigene Art und Weise.

Oberflächlich betrachtet, war alles wie immer gewesen. Sie tauschten förmliche Höflichkeiten aus. Taten so, als ob nichts wäre, und keiner von ihnen wollte seinem Schmerz Ausdruck verleihen oder die schlimmsten Vergehen Nigels, die bald bewiesen werden sollten, an die große Glocke hängen.

Nigels schlimmstes Vergehen?

Der Verlust von Sébastiens Seele. Die Zerstörung seiner Menschlichkeit. Nigel mochte sie verraten haben, aber er hatte Bastien getötet. Er hatte ihm die Kehle herausgerissen, vor den Augen des einzigen Mädchens, das Bastien je geliebt hatte.

Odette fröstelte, obwohl sie sich seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich kalt gefühlt hatte. Sie ließ ihren Blick über den Platz auf das glitzernde Wasser des Mississippi schweifen. Vorbei an den funkelnden Lampen der Schiffe am Horizont.

„Soll ich ihnen von meiner Rolle in dieser schmutzigen Geschichte erzählen?“, fragte sie.

Die Gestalt am Kreuz blieb nachdenklich stumm.

„Du würdest wahrscheinlich sagen, Ehrlichkeit ist die beste Strategie.“ Odette strich sich eine dunkle Locke hinter das Ohr. „Aber ich würde lieber eine Handvoll Nägel schlucken, als mich Nicodemus’ Zorn auszusetzen. Und ich wusste es wirklich nicht besser, das sollte doch etwas zählen, non?“

Wieder blieb ihr Erlöser frustrierend still.

Nur eine Stunde vor Bastiens Tod hatte Odette ihm erlaubt, auf eigene Faust loszuziehen, wohl wissend, dass ein Mörder an ihren Fersen klebte. Sie war sogar so weit gegangen, ihre unsterblichen Brüder abzulenken, damit sie ihm bei seiner Aufgabe, Celine zu finden, deren Sicherheit kurz zuvor bedroht worden war, nicht in die Quere kommen würden.

Sollte sie ihre Rolle enthüllen?

Was würde Nicodemus mit ihr machen, wenn er es herausfand?

Dem letzten Vampir, der es gewagt hatte, Nicodemus Saint Germain in die Quere zu kommen, waren die Reißzähne aus dem Mund gerissen worden.

Odette schluckte. Das Schicksal war nicht unbedingt schlimmer als der Tod, aber ermutigte auch nicht gerade zu Ehrlichkeit. Nicht, dass sie Schmerzen fürchtete. Selbst der Gedanke an den endgültigen Tod machte ihr keine Angst. Sie hatte den Aufstieg und Fall von Imperien miterlebt. Sie hatte mit einem Dauphin unter dem Licht des Vollmonds getanzt.

Ihre Geschichte war es wert, erzählt zu werden.

„Es ist nur … ich mag einfach, wie ich aussehe, verdammt noch mal!“ Sie mochte ihre elegante Nase und ihr verschmitztes Lächeln. Fehlende Reißzähne würden diese Wirkung gewiss trüben. „Wenigstens würde ich nicht verhungern“, sinnierte sie. „Das ist das Geschenk der Familie, unter anderem.“

Wenn Völlerei und Eitelkeit sie böse machten, dann – tant pis! Sie hatte schon Schlimmeres von schlimmeren Kreaturen gehört.

Odette drehte sich um die Metallspitze herum, wobei das Kruzifix an der Spitze gefährlich knarrte. Gaslampen tanzten in den Schatten darunter. Ihre Vampirsinne wurden vom Duft eines Frühlingsabends in New Orleans überflutet. Süße Blüten, scharfes Eisen, schwüler Wind. Das Schlagen der Herzen. Das Wiehern der Pferde, das Klappern der Hufe auf den Pflastersteinen.

Dunkle Schönheit, überall um sie herum. Reif, sie zu ernten.

Ein wehmütiger Seufzer entrang sich Odettes Lippen. Sie hätte Bastien niemals gehen lassen dürfen, auch wenn das Leben von Celine auf dem Spiel stand. Odette hatte es besser gewusst. Wo Blut floss, wurde gemordet. Sie hatte sich einfach von ihren Gefühlen leiten lassen.

Nie wieder.

Jahrelang hatte Odette ihre besondere Gabe, die für Unsterbliche ungewöhnlich war, nicht mehr eingesetzt. Die Fähigkeit, einen Blick in die Zukunft eines anderen Wesens zu werfen, und zwar nur mithilfe der Berührung seiner Haut mit der ihren. Sie vermied es, weil sie bei denjenigen, die unvorsichtig genug waren, ihrer Neugier zu frönen, oft das Unglück aufblitzen sah.

So wie sie es gesehen hatte, als Celine Rousseau sie an jenem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal trafen, gebeten hatte, in die Zukunft zu sehen.

Die Geschichte hatte Odette gelehrt, dass es sie der Person nicht gerade näherbrachte, die sie über ihren bevorstehenden Untergang informierte. Oft verlangte diese zu erfahren, wie sie ihr Schicksal abwenden könnte. Und wie sehr Odette auch zu erklären versuchte, dass ihre Gabe auf derartige Weise nicht funktionierte – dass sie nun wirklich keine Wunderheilerin sei –, sie wurde immer wieder bis zum Überdruss bedrängt. Zweimal war sie sogar tätlich angegriffen worden. Man hatte ihr mit körperlicher Gewalt gedroht, ein Messer blitzte vor ihrem Gesicht auf, ein Revolver wurde auf ihre Brust gerichtet.

Was für eine Frechheit!

Ein bitteres Lächeln verzog ihre Lippen und verzerrte ihr Gesicht. Diese Narren hatte das Schicksal ereilt, das ihrer Torheit angemessen war. Jae, der hauseigene Assassine des Cour des Lions, hatte ihr geholfen. Er verfolgte diese Männer durch die Dunkelheit. Terrorisierte sie stundenlang. Sorgte dafür, dass ihre letzten Momente von Angst geprägt waren.

„Sie haben nie geahnt, dass ich es war, die ihren Tod inszeniert hat“, murmelte sie.

Natürlich war es in der Theorie schön und gut, zu wissen, ob sich ein Unglück ereignen würde. Aber was wäre, wenn dieses Wissen jemanden beträfe, den Odette liebte? Bien sûr, sie konnte einen Freund aus dem Weg schieben, wenn eine Kutsche mit einem verängstigten Pferd auf sie zuraste. Aber so einfach war es selten.

Aus diesem und vielen anderen Gründen hatte Odette gelogen, als sie gefragt wurde, was sie in Celines Zukunft gesehen hatte. Celine würde tatsächlich eine Tierbändigerin werden, wie Odette verriet. Aber Odette würde nie die dumpfen Worte vergessen, die ihr danach ins Ohr geflüstert wurden, wie ein böses Geheimnis:

Einer muss sterben, damit der andere leben kann.

Putain de merde. Eine weitere dieser lächerlichen Prophezeiungen, die Odette die meiste Zeit ihres unsterblichen Lebens gehasst hat. Sie waren alle unfassbar vage. Warum konnten sie nicht einfach sagen, was sie meinten? Dieser connard wird jenen connard zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort umbringen. Hier ist eine Möglichkeit, wie du ihm dieses Schicksal ersparen kannst. Allons-y! Wäre das zu viel verlangt?

Auf wen bezog sich die Prophezeiung? Auf Celine und Bastien? Oder auf Celine und jemand ganz anderen? Es war unmöglich, sicher zu sein. Deshalb war es Odettes Meinung nach besser, wenn sie es alle nicht wussten.

Nur hatte Odette gestern Abend ihre Meinung geändert. Auch wenn es ihr Schmerzen bereitete, würde sie denen, die ihr lieb waren, helfen, eine Katastrophe zu vermeiden.

Mit entschlossener Miene blickte Odette zu ihrem schweigenden Beschützer hoch und gab ihm ein Versprechen. „Ich werde die Dinge in Ordnung bringen“, schwor sie. „Nicht nur wegen Bastien. Sondern meinetwegen.“

Versagen jeglicher Art hatte ihr noch nie gefallen.

Odette schlang ihre Finger fester um die Metallspitze auf dem Turm der Kathedrale. „C’est assez“, sagte sie. Es war an der Zeit, dass sie tat, was ihr aufgetragen worden war. Ihren Hunger zu stillen, bevor Bastien aufwachte, denn Nicodemus würde alle seine Kinder bei Kräften brauchen, wenn es so weit war.

Sie konnte nur erahnen, was für ein neugeborener Vampir Bastien sein würde. Als Junge war er schwierig gewesen, hatte zu Wutausbrüchen geneigt. Meinungsverschiedenheiten löste er lieber mit den Fäusten als mit Worten. Diese Neigung hatte dazu geführt, dass er von der Militärakademie in West Point verwiesen worden war. Und das, nachdem sich Nicodemus jahrelang darum bemüht hatte, ihm diesen Platz zu verschaffen. Schließlich verfügte der Sohn einer Frau of Color und eines Taíno nicht über den nötigen Stammbaum für eine solch hehre Institution.

Nicodemus glaubte, dass Bastien das stärkste seiner Kinder sein würde, wenn er die Verwandlung überlebte. Einfach aufgrund der Tatsache, dass sie in ihren beiden Leben blutsverwandt waren, sowohl im sterblichen als auch im unsterblichen. Das Teilen des Blutes war, wie eine Münze zu werfen. In manchen Fällen erhob sich ein brillanter und mächtiger Unsterblicher aus der Asche.

Und in anderen Fällen?

Ein mörderischer Wahnsinniger wie Vlad Țepeș. Oder Gräfin Elizabeth Báthory, die im Blut ihrer Opfer gebadet hat. Oder Kato Danzo, der mit riesigen Flügeln, die denen einer Fledermaus ähnelten, die Lüfte terrorisiert hatte.

Odette wollte glauben, dass das alles nichts darüber aussagte, wie sich Bastiens Charakter entwickeln würde. Würde er ein Bücherwurm werden wie Madeleine? Hedonistisch wie Hortense? Mürrisch wie Jae oder spielerisch bösartig wie Boone?

„Assez“, verkündete sie in den Nachthimmel.

Odette richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Jackson Square. Ihre Blicke huschten über die vielen Durchgangsstraßen in der Nähe, auf der Suche nach einer einsamen Gestalt, die allein einen Spaziergang unternahm. Ihr Blick blieb an einer Person hängen, die unter einer flackernden Gaslampe in der Rue de Chartres vorbeiging.

Ohne zu zögern, verabschiedete sich Odette von ihrem Erlöser und ließ den Turm los. Beim Fallen schloss sie die Augen und genoss das Rauschen der kühlen Luft und den Wind, der ihr um die Ohren pfiff. Kurz bevor sie auf den Pflastersteinen aufschlug, krümmte sie sich und rollte sich ab. Sie landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden, fing den größten Teil der Wucht mit der Schulter auf, rollte sich ab und kam im nächsten Atemzug wieder auf die Füße. Sie richtete sich auf und sah sich um, dann schob sie die Hände in die Taschen ihrer Wildlederhose. Sie summte vor sich hin, während sie die dunkle Gasse entlangschlenderte, die die Einheimischen als Piratengasse kannten. Die Worte von La Marseillaise erfüllten den Nachthimmel, und ihre Stiefelabsätze knallten in der Dunkelheit.

„Allons! Enfants de la Patrie“, sang Odette leise.

Sie glitt an den Eisengittern vorbei, an denen der berühmte Pirat Jean Lafitte in der ersten Hälfte des Jahrhunderts seine Beute verkauft hatte. Dunkle Glasmalereien glitzerten am Rand ihres Blickfeldes. Odette hätte schwören können, dass sie im Inneren der Kirche den Geist von Père Antoine sehen konnte, der sein Weihrauchfass schwang, umwabert vom Rauch. Vielleicht war es auch nur eine Erscheinung des Mönchs, der vor hundert Jahren unter dem höhlenartigen Dach der Kirche gehaust hatte und den man an stürmischen Abenden oft das Kyrie singen hörte.

„Le jour de gloire est arrivé“, sang sie weiter.

Die Geschichten über diese verwunschene Gasse im Herzen des Vieux Carré hatten Odette schon immer fasziniert. Wie die zahllosen Berichte über dieses strahlende Land, das als Amerika bekannt war, verbargen sie oft die dunkelsten Seiten ihrer Historie. Im Falle von New Orleans verbargen sie die jahrhundertelange Rolle der Stadt als Hauptumschlaghafen für den Sklavenhandel. Die unzähligen Toten, die in diesem strategisch wichtigen Landstrich gelebt, geatmet und geliebt hatten, lange bevor die Konquistadoren im Hafen landeten und von dort aus auszogen, ihre Flaggen in den Boden zu rammen und das Land zu ihrem Eigentum zu erklären.

Eine brodelnde Dunkelheit. Tanzende Schatten, die hinter all der schimmernden Schönheit länger wurden.

Odette wiederholte die nächste Zeile des Liedes zweimal, ihre Stimme war klar wie eine Glocke. „L’étendard sanglant est levé!“ Sie bog um die Ecke, beschleunigte ihre Schritte und wandte sich in Richtung der einsamen Gestalt, die zwei Blocks entfernt stand.

Als die Frau Odettes zügige Schritte hinter sich hörte, hielt sie inne. Sie legte den Kopf schief und das Silber an ihren Schläfen schimmerte im Licht einer flackernden Flamme. Dann richtete sie sich auf, wobei sie ihren Kopf mit der eleganten Haube in den Himmel reckte, als würde sie Gott im Himmel ein Gebet darbringen.

Die Dummheit der Sterblichen, dachte Odette. Dein Gott wird dir jetzt nicht helfen.

Nicht dass sie die Vorstellung von Gott albern gefunden hätte. Sie zählte Christus zu ihren engsten Vertrauten. Außerdem war die Hoffnung eine sehr mächtige Kraft.

Nur nicht so mächtig wie Odette Valmont. Nicht für diese Frau. Nicht in diesem Moment.

Sie wartete, bis die Frau weiterging. Dann bezog Odette hinter ihr Position. Viele Vampire zögerten die Jagd bis zur letzten Sekunde hinaus, damit sich der Schrecken in ihrem Opfer aufbauen konnte. Um sie warten zu lassen, bis sie keuchend über ihre Füße stolperten und um Gnade bettelten. Boone liebte das. Aber Boone war Jäger von Beruf. Und Odette war nie eine solche Unsterbliche gewesen.

Stattdessen sah sie sich ein letztes Mal um, um sicherzugehen, dass sie allein waren. Bevor die Frau blinzeln konnte, schoss Odette nach vorne und packte sie von hinten, presste eine Hand auf die Lippen der Frau und zerrte sie mit der anderen in eine enge Gasse.

Odette hob das Kinn der Frau, damit sie ihr in die Augen sehen konnte. „Hab keine Angst“, flüsterte sie, ließ die dunkle Gabe in ihre Worte sickern und sie mit beruhigender Magie durchtränken. Der panische Blick der Frau wurde plötzlich ruhiger. „Ich verspreche dir, dass du dich an nichts erinnern wirst“, gurrte Odette und stützte sie in der Umarmung.

„Wer … wer sind Sie?“, hauchte die Frau.

„Wer bist du?“

Die Wimpern der Frau flatterten, als wäre sie kurz davor einzuschlafen. „Francine“, sagte sie. „Francine Hofstadter.“

„Bonsoir, Madame Hofstadter.“ Odette hob ihre Hand und streichelte Francines Wangen. Sie hielt inne und betrachtete ihre warmen braunen Augen. „Du erinnerst mich an meine Mutter, schöne Francine.“

„Wie ist ihr Name?“

Ein schmales Lächeln umspielte Odettes Lippen. „Louise d’Armagnac.“

„So ein schöner Name“, murmelte Francine. „So entzückend … genau wie Sie.“

„Sie war eine Herzogin.“

„Sind Sie auch eine Herzogin?“

„Vielleicht hätte ich eine werden können.“ Odette strich mit dem Zeigefinger über Francines Kinn. „Aber meine Mutter wäre wahrscheinlich dagegen gewesen. Sie hätte den Titel nie aufgegeben, nicht ohne einen Kampf. Man könnte sagen, dass sie dafür … ihren Kopf verloren hat.“

„Das tut mir leid.“ Francine erschlaffte in Odettes Armen. „Es klingt, als hätte sie Sie nicht so geliebt, wie eine Mutter es tun sollte.“

„Oh doch, das hat sie. Da bin ich mir ganz sicher.“ Amüsement machte Odettes Tonfall weicher. „Sie hat nur sich selbst mehr geliebt. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Meine Mutter ist für mich eine Heldin, die sich bis zum bitteren Ende treu geblieben ist.“

„Aber wie kann sie sich selbst mehr lieben, wenn sie eine Tochter wie Sie hat? Das ist nicht richtig.“ Francine spiegelte Odettes Geste und umrahmte mit ihrer rechten Hand Odettes Gesicht. „Ich wünschte, ich hätte eine Tochter. Ich hätte sie lieben können. Ich hätte … dich lieben können.“ Sie staunte, ihre Augen funkelten wie Wasserbecken. „Vielleicht … liebe ich dich ja wirklich.“

„Wer tut das nicht, ma chérie?“ Odette verschränkte Francines Finger mit ihren. Drückte ihre zusammengelegten Handflächen an ihre Lippen. „Ich liebe dich auch“, flüsterte sie in Francines warme, nach Vanille duftende Haut.

Bevor Francine blinzeln konnte, versenkte Odette ihre Zähne in das zarte Fleisch an Francines Handgelenk. Ein Keuchen durchdrang die Nachtluft, aber Francine wehrte sich nicht. Ihre Glieder wurden träge. Gefährlich weich. Odette atmete durch die Nase, als sie einen weiteren heißen Schluck Blut einsaugte. Sie schloss schnell die Augen. Bilder waberten durch ihren Geist. Francines Erinnerungen. Ihre gesamte Lebensgeschichte, gefärbt von zahllosen Erinnerungsfetzen, die, wie Odette wusste, unzuverlässig sein konnten, selbst bei den ernsthaftesten Sterblichen.

Die Menschen neigten dazu, sich an die Dinge nicht so zu erinnern, wie sie waren, sondern so, wie sie sie sich wünschten.

Die Erinnerung an eine Geburtstagsfeier, als Francine noch ein junges Mädchen war und ihre Lippen von Pralinenglasur verschmiert waren. Der Tod einer geliebten Großmutter, als Francine dem Leichenwagen eine breite Gasse im Garden District hinunter folgte. Ein Schirm aus Spitze filterte das heiße Sonnenlicht. Die Hochzeit mit einem Jungen, von dem sie glaubte, er sei ihre einzige wahre Liebe. Jahre später ein anderer Mann, der diesen Glauben in Schutt und Asche gelegt hatte.

Zwischen diesen Episoden erhaschte Odette flüchtige Blicke auf eine mögliche Zukunft. Von einem Sohn, der sie jedes Jahr zu Weihnachten besuchte, zusammen mit seiner Frau, die sich wünschte, irgendwo anders zu sein. Von einem weit entfernten Ehemann, der starb, die Hände auf die Brust gepresst, und von einem Lebensabend voller Bedauern.

Es brach Odettes Herz, jedenfalls soweit ihr noch eines geblieben war. Dieses Leben, das einst so vielversprechend gewesen war.

Sei’s drum. Das Schicksal dieser Frau war nicht ihre Sache.

Trotz allem blieb Francine die Heldin ihrer eigenen Geschichte. Es war, wie es sein sollte. Zumindest sollte jeder Sterbliche der Held dieser speziellen Geschichte sein.

Aber auch die besten Helden hatten Schwächen. Und die besten Sterblichen vergaßen diese Tatsache nie.

Sie trank gierig und ließ Francine in ihre Umarmung zurücksinken, wie eine Geliebte, die von ihren Gefühlen überwältigt wurde.

Im Gegensatz zu Odettes zweitem Gesicht war die Fähigkeit, hinter den Vorhang des Lebens eines Opfers zu blicken, allen Blutsaugern gemeinsam, die diese dunkle Gabe besaßen. Aus diesem Grund trank Odette nie von Männern. Es war ihr zu intim, in den Geist ihrer Beute einzudringen. Einmal, als sie selbst ein neugeborener Vampir gewesen war, hatte sie von einem Mann trinken wollen, der andere zum Spaß tötete. Sie hatte es für angemessen gehalten, dass er in ihr eine ebenbürtige Gegnerin finden würde.

Aber die Erinnerungen des Mannes waren gewalttätig. Er hatte Freude an den Gräueln, die er beging. Die Bilder, die Odette durch den Kopf gingen, hatten ihr die Kehle zugeschnürt, sie erstickt, sie von innen heraus verbrannt.

In dieser Nacht hatte sie sich geschworen, nie wieder in die Gedanken eines Mannes einzudringen.

Männer waren die schlimmste Sorte von Helden. Voller Makel, die sie nicht sehen wollten.

In dem Moment, in dem Odette spürte, dass Francines Herzschlag langsamer wurde, zog sie sich zurück. Es wäre nicht gut, in Francines Tod zu ertrinken. So mancher Vampir hatte in diesem dunklen Winkel zwischen den Welten den Verstand verloren.

Odette leckte sich träge über die Lippen. Dann drückte sie ihren Daumen auf die Löcher an Francines Handgelenk und wartete darauf, dass der Blutfluss zum Stillstand kam. „Sobald wir uns trennen“, sagte sie, „wirst du vergessen, was heute Nacht geschehen ist. Ich werde dich niemals in deinen Träumen verfolgen. Du wirst nach Hause zurückkehren und den morgigen Tag in Ruhe verbringen, denn irgendeine kleine Kreatur hat dich gebissen, und du fühlst dich ein wenig gereizt. Bitte deine Familie, dir Steak und Spinat zuzubereiten.“ Sorgfältig faltete Odette das Bündchen von Francines Ärmel über die Wunden. „Wenn du nachts allein durch diese Straßen gehst, dann gehe erhobenen Hauptes, auch wenn du glaubst, dass der Tod hinter der nächsten Ecke lauert.“ Ihr Grinsen war so scharf wie die geschwungene Schneide einer Klinge. „Das ist die einzige Art zu leben, liebe Francine.“

Francine nickte. „Du bist ein Engel, meine Liebe.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „Und ich könnte dich nie vergessen.“

„Ich bin kein Engel. Engel langweilen mich. Ich würde jederzeit einen Teufel vorziehen.“

„Du bist ein Engel“, beharrte Francine. „Das schönste Geschöpf, das ich je gesehen habe.“ Als Odette sie losließ, hielt Francine Odettes Arm fest umklammert und weigerte sich, ihn loszulassen. Tränen liefen ihr über die Wangen, Verwirrung zeichnete sich auf ihrer Miene ab. „Bitte“, sagte sie, „nimm mich mit.“

„Wohin ich gehe, kannst du nicht folgen.“

„Ich kann, wenn du mich mitnimmst. Wenn du mich zu einem Engel machst wie dich.“

Odette legte den Kopf schief, die Gedanken des wunderschönen Wesens, das sie jetzt war, kämpften mit den Überzeugungen des sterblichen Mädchens, das sie einmal gewesen war. In ihren Händen hielt sie die Macht, Leben zu geben. Es zu nehmen.

Es auszukosten. Genüsslich.

Francine lächelte Odette an, ihr Blick irrte umher, und sie hatte ihre Finger noch immer in Odettes Ärmel gekrallt. „Bitte, Engel. Bitte. Lass mich nicht allein in der Dunkelheit.“

„Ich habe es dir schon gesagt, ma chérie.“ Mit der freien Hand streichelte Odette über Francines Gesicht. „Ich bin kein Engel.“ Mit diesen Worten brach sie Francine das Genick. Spürte, wie die spröden Knochen zwischen ihren unmenschlich starken Fingern brachen. Ließ Francines Leiche in einem unrühmlichen Haufen, leblos, auf das rissige Pflaster zu ihren Füßen gleiten.

Sie blieb lange so stehen. Wartete, ob Francines Gott sie jetzt niederstrecken würde. Immerhin hätte Odette es verdient. Sie konnte ihr Handeln rechtfertigen, wie sie wollte. Sie könnte sagen, sie hätte Francine die Enttäuschung einer traurigen Zukunft erspart. Sie könnte sagen, es sei eine Art Freundlichkeit. Eine Art perverser Gnade.

Aber wer war sie, dass sie jemandem Gnade erweisen konnte?

Odette wartete, starrte zum Mond hinauf und zuckte vor dem langen Schatten zurück, den das Kreuz hoch über ihr warf. Kein Hagel aus Feuer und Schwefel regnete auf sie herab. Alles war so, wie es immer gewesen war. Leben und Tod in einem einzigen Atemzug.

„Es tut mir leid, ma chérie“, flüsterte Odette. „Du hättest etwas Besseres verdient gehabt.“ Sie starrte auf ihre Füße und ließ das Bedauern über ihren Rücken hinunter bis zu ihren Füßen gleiten, wo es zwischen den Rissen der Pflastersteine im Boden versickerte. Was sie getan hatte – dieses Leben zu stehlen –, war falsch. Odette wusste es.

Es war nur … manchmal war sie es einfach leid, so angestrengt zu versuchen, gut zu sein.

Mit einem Seufzer schlenderte Odette davon, die Hände in den Hosentaschen.

„Ils viennent jusque dans nos bras“, sang sie, wobei die Melodie von süßer Traurigkeit geprägt war. „Égorger nos fils, nos compagnes.“ Das Echo der Marseillaise drang empor und vermischte sich mit dem Rauch von Odettes zahllosen Untaten.

Renée Ahdieh

Über Renée Ahdieh

Biografie

Renée Ahdieh besuchte die University of North Carolina in Chapel Hill. In ihrer Freizeit tanzt sie gerne Salsa, sammelt Schuhe und begeistert sich für alle Arten von Curry, gerettete Straßenhunde und College-Basketball. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Wolkenkratzer in Südkorea,...

Renée Ahdieh im Interview

Ich habe gelesen, dass Sie sich zu Ihrer Geschichte von der der realen „Casket Girls“ haben inspirieren lassen, jungen Frauen, die nach New Orleans gebracht wurden, um Ehemänner zu finden, und die Zeit davor in Klöstern lebten. Stimmt das, und wenn ja, könnten Sie uns etwas mehr über sie und den historischen Hintergrund Ihrer Geschichte erzählen?
Was mir an der Geschichte der Casket Girls wirklich gefiel, war die Art und Weise, wie sie zu einem Teil der Legenden von New Orleans wurden. Junge Frauen, die in die Neue Welt kamen, um sich dort eine bessere Zukunft aufzubauen, scheinen auf den ersten Blick nichts Besonderes für eine Hafenstadt zu sein. Aber die Vermischung dieser realen Geschichten mit den Überlieferungen über Vampire hat aus einem eher gewöhnlichen Teil unserer Vergangenheit etwas sehr viel Finstereres und Außergewöhnlicheres gemacht.

In „The Damned“ gibt es zum ersten Mal Kapitel aus Bastiens Perspektive, während „The Beautiful“ fast ausschließlich aus Celines Sicht erzählt wird. Was war der Grund für diesen Wechsel und wessen Perspektive hat Ihnen beim Schreiben mehr Spaß gemacht?
Für mich war „The Beautiful“ immer Celines Geschichte, während „The Damned“ aus Bastiens Perspektive erzählt werden sollte. Ich finde, es ist immer interessant, sich in die Köpfe verschiedener Figuren hineinzuversetzen, um ihr Denken und Fühlen zu verstehen.

Was wünschen Sie sich, das Ihre LeserInnen aus Ihren Romanen mitnehmen?
Ich möchte, dass meine LeserInnen das Gefühl haben, die Welt meiner Figuren wirklich zu erleben. Als würden sie mit ihnen spazieren gehen oder den Regen auf ihren Haaren spüren oder weinen oder lachen, weil die Figuren weinen oder lachen. Ich liebe Bücher, die mich völlig in ihren Bann ziehen, darum ist meine Hoffnung, dass ich das bei allen erreichen kann, die eines meiner Bücher in die Hand nehmen.

Pressestimmen
stephanienicol__

„Die verschiedenen Wendungen haben mich überrascht und mich mit der Art und Weise des Schreibstils gefangen genommen.“

love_booksandpixiedust

„Das tolle Setting, die interessante Thematik mit den Vampiren und der Hof der Löwen sorgen für eine gelungene Geschichte, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Da die Bücher aufeinander aufbauen, sollte man definitiv Band eins vorher lesen.“

boooks.are.my.life

„Die Welt, die hier entworfen wurde, ist mal was ganz anderes und dabei wirklich interessant gestaltet.“

majasbookslove

„Voller Fantasie und Herzblut.“

phantastiknews.de

„Das geht weit über das Übliche, das uns in Romantasy-Romanen erwartet, hinaus, das liest sich flüssig, spannend ja auch teilweise ergreifend.“

Publishers Weekly

„Ahdiehs New Orleans ist opulent und atmosphärisch mit einem Hauch Gefahr… LeserInnen werden Celines Cleverness und ihren Mut lieben, denn die Heldin ist nicht auf ihre Beschützer angewiesen, sondern kämpft für sich selbst und ihre Liebsten… Die Fans werden lautstark nach der Fortsetzung verlangen.“

The Nerd Daily

„The Damned hebt den Glamour von The Beautiful auf eine ganz neue Ebene.“

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