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The Bone Season - Die Träumerin

The Bone Season - Die Träumerin

Roman

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The Bone Season - Die Träumerin — Inhalt

Sie ist stark, sie ist schnell, und sie kann etwas, was sonst niemand kann: die Gedanken anderer lesen. In einer Welt, in der Freiheit verachtet und Träume verboten sind, wächst die junge Paige zu einer Kämpferin heran. Doch dann wird sie erwischt und in eine geheime Stadt verschleppt, in der ein fremdes Volk herrscht, die Rephaim. Und wo sie Warden trifft, den jungen Rephait mit den goldenen Augen. Er ist das schönste und unheimlichste Wesen, das sie je gesehen hat. Seine Gedanken sind ihr ein Rätsel. Und ausgerechnet ihm soll Paige von nun an als Sklavin dienen…

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.10.2013
Übersetzt von: Charlotte Lungstrass-Kapfer
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7663-2
»In kann die Geschichte jedem empfehlen, der auf düstere, folgenreiche Magie steht. Der die Zukunft mal aus einer ganz anderen Perspektive begutachten möchte und der gleichzeitig in einer Welt gefangen werden will, die schlichtweg anders ist!«
jennys-bookworld.blogspot.de
»Shannons gefeiertes Debüt ist der Auftakt zu einer siebenteiligen Fantasy-Serie um die junge Seherin Paige Mahoney.«
BÜCHERmagazin
»Für alle, die Fantasy doof finden: Dieses Buch werdet ihr lieben! [...]. Ein komplexes, geniales Endzeit-Spektakel mit dem Zeug zum Welterfolg. Samantha Shannon hat J.-K.-Rowling-Format.«
Petra

Leseprobe zu »The Bone Season - Die Träumerin«

Kapitel Eins

 

Der Fluch

 

Ich stelle mir gerne vor, dass es am Anfang mehr von uns gegeben hat. Vielleicht nicht viele. Aber doch mehr als jetzt.

Wir sind die Minderheit, die von der Welt nicht akzeptiert wird. Nicht außerhalb von Fantasyromanen, und selbst die stehen auf dem Index. Wir sehen aus wie alle anderen. Manchmal verhalten wir uns auch wie alle anderen. In vielerlei Hinsicht sind wir wie alle anderen. Wir sind überall, in jeder Straße zu finden. Unsere Lebensweise könnte man als normal bezeichnen, solange man nicht zu genau hinsieht.

Nicht [...]

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Kapitel Eins

 

Der Fluch

 

Ich stelle mir gerne vor, dass es am Anfang mehr von uns gegeben hat. Vielleicht nicht viele. Aber doch mehr als jetzt.

Wir sind die Minderheit, die von der Welt nicht akzeptiert wird. Nicht außerhalb von Fantasyromanen, und selbst die stehen auf dem Index. Wir sehen aus wie alle anderen. Manchmal verhalten wir uns auch wie alle anderen. In vielerlei Hinsicht sind wir wie alle anderen. Wir sind überall, in jeder Straße zu finden. Unsere Lebensweise könnte man als normal bezeichnen, solange man nicht zu genau hinsieht.

Nicht alle von uns wissen, was wir sind. Einige von uns sterben, ohne es jemals zu erfahren. Andere wissen es, und wir werden niemals erwischt. Aber wir sind dort draußen.

Das könnt ihr mir glauben.

*

Ich hatte in dem Teil von London gelebt, den man früher Islington nannte, seit ich acht Jahre alt war. Bis ich sechzehn war, besuchte ich eine Privatschule für Mädchen, dann begann ich zu arbeiten. Das war im Jahre 2056 – oder AS 127, wenn man nach dem Scionkalender ging. Von den jungen Männern und Frauen wurde erwartet, dass sie sich ihren Lebensunterhalt verdienten, wo auch immer es ging, was normalerweise bedeutete, dass man irgendwo hinter einem Tresen oder Schalter landete. In der Dienstleistungsbranche gab es immer jede Menge Jobs. Mein Vater dachte, ich hätte ein einfaches Leben, dass ich clever, aber ohne jeden Ehrgeiz sei und mich mit jeder Arbeit zufriedengeben würde, die das Leben mir präsentierte.

Wie üblich, lag mein Vater falsch.

Seit meinem sechzehnten Lebensjahr hatte ich in der Unterwelt von Scion London gearbeitet – beziehungsweise SciLo, wie es auf der Straße genannt wird. Ich trieb mich zwischen skrupellosen Banden von Sehern herum, die einander jederzeit ans Messer lieferten, um selbst zu überleben. Sie alle gehörten einem Syndikat an, das die gesamte Zitadelle durchzog und unter dem sogenannten Herrn der Unterwelt vereint war. Da wir am Rande der Gesellschaft lebten, wurden wir quasi in die Kriminalität gedrängt, wenn wir irgendwie vorankommen wollten. Und so wuchs der Hass auf uns immer weiter. Wir sorgten dafür, dass die Gerüchte wahr wurden.

In diesem ganzen Chaos hatte ich einen festen Platz. Ich war eine Ganovenbraut und der Protegé eines Denkerfürsten. Mein Boss war ein Mann namens Jaxon Hall, der Denkerfürst von Sektor I-4. Er hatte sechs direkte Untergebene. Wir nannten uns die Sieben Siegel.

Meinem Vater konnte ich das nicht sagen. Er dachte, ich würde als Assistentin in einer Sauerstoffbar arbeiten, was eine schlecht bezahlte, aber legale Tätigkeit war. Es war eine bequeme Lüge. Er hätte niemals verstanden, warum ich meine Zeit mit Kriminellen verbrachte. So wusste er nicht, dass ich zu ihnen gehörte. Und zwar viel mehr als zu ihm.

An dem Tag, der mein Leben veränderte, war ich neunzehn Jahre alt. Zu dieser Zeit war mein Name auf der Straße bereits ein Begriff. Nach einer harten Woche auf dem Schwarzmarkt wollte ich das Wochenende mit meinem Vater verbringen. Jax kapierte nicht, warum ich auch Auszeiten benötigte, für ihn gab es nichts außerhalb des Syndikats - aber er hatte im Gegensatz zu mir auch keine Familie. Zumindest keine lebende. Und auch wenn mein Vater mir nie richtig nahegestanden hatte, fühlte ich mich doch verpflichtet, den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten. Nur ab und zu mal ein Abendessen und hin und wieder ein Anruf. Ein Geschenk zum Gezeitenfest im November. Der einzige Haken an der Sache waren seine endlosen Fragen: was ich arbeitete, mit wem ich befreundet war, wo ich lebte?

Ich konnte ihm keine Antworten geben. Die Wahrheit war einfach zu gefährlich. Hätte er gewusst, was ich in Wirklichkeit tat, hätte er mich vielleicht sogar höchstpersönlich nach Tower Hill geschickt. Vielleicht hätte ich ihm die Wahrheit erzählen sollen. Vielleicht hätte ihn das umgebracht. So oder so bereute ich es nicht, dem Syndikat beigetreten zu sein. Meine Arbeit war vielleicht nicht ehrbar, aber sie machte sich bezahlt. Und wie sagte Jax immer so schön: Besser ein Gesetzloser als tot.

*

An jenem Tag regnete es. Mein letzter Arbeitstag.

Eine Herz-Lungen-Maschine sorgte dafür, dass meine Vitalfunktionen erhalten blieben. Ich sah tot aus, und in gewisser Weise war ich das auch: Mein Geist hatte sich teilweise vom Körper gelöst. Ein Verbrechen, das mich an den Galgen bringen konnte.

Ich habe gesagt, ich arbeitete für das Syndikat. Das sollte ich vielleicht ein wenig genauer erklären. Im Prinzip war ich so etwas wie ein Hacker. Nicht wirklich ein Gedankenleser, mehr eine Art Radar, das im Einklang mit der Funktionsweise des Aether arbeitete. Ich konnte die feinen Spuren von Traumlandschaften und bösen Geistern spüren. Von Dingen, die außerhalb meines Selbst existierten. Dingen, die ein durchschnittlicher Seher nicht spürte.

Jax setzte mich als eine Art Überwachungsgerät ein. Mein Job war es, die Aktivitäten im Aether innerhalb seines Sektors zu kontrollieren. Oft ließ er mich andere Seher überprüfen, um herauszufinden, ob sie etwas vor ihm verbargen. Anfangs waren es nur Leute gewesen, die sich mit mir im selben Raum befunden hatten, die ich also hören und berühren konnte, aber ihm wurde schnell klar, dass ich mehr drauf hatte als das. Ich konnte auch spüren, was an anderen Orten geschah: wenn ein Seher die Straße entlangging oder im Garten mehrere Geister aufeinandertrafen. Solange ich maschinell am Leben erhalten wurde, konnte ich den Aether in einem Umkreis von ungefähr eineinhalb Kilometern durchforsten. Wenn er also jemanden brauchte, der ihn über die neuesten Gerüchte in I-4 auf dem Laufenden hielt, konnte man seinen Hintern darauf verwetten, dass Jaxon meine Wenigkeit rief. Er behauptete, ich hätte das Potenzial, den Radius noch zu erweitern, aber Nick ließ es mich nicht versuchen. Wir wussten nicht, was dann mit mir passieren würde.

Natürlich war jede Form der Seherei verboten, und die Arten, mit denen man Geld verdienen konnte, waren noch dazu als schwere Sünde gebrandmarkt. Es gab sogar einen speziellen Begriff dafür: Denkdelikt, was so viel bedeutet wie Kommunikation mit der Welt der Geister zu kommerziellen Zwecken.

Und genau auf diesen Denkdelikten war das Syndikat aufgebaut.

Seherei gegen Bares war unter jenen, die es nicht in eine Gang schafften, weitverbreitet. Wir nannten das Straßenkunst. Scion nannte es Hochverrat. Die offizielle Hinrichtungsmethode für Verbrechen dieser Art war der Erstickungstod durch Stickstoff, das Mittel dafür war unter dem Markennamen NiteKind bekannt. Ich erinnere mich noch an den Slogan: Schmerzlose Bestrafung – das neueste Wunder von Scion! Angeblich dämmerte man dabei weg wie mithilfe eines Schlafmittels. Aber Hochverrat wurde hin und wieder auch noch mit öffentlichen Hinrichtungen durch den Strick oder Folter bestraft.

Ich beging also schon Hochverrat, indem ich atmete.

Aber kehren wir zurück zu jenem Tag. Jaxon hatte mich an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und losgeschickt, um den Sektor auszukundschaften. Dabei hatte ich ein vertrautes Bewusstsein gefunden, das oft in Sektor 4 auftauchte. Ich hatte mein Bestes gegeben, um seine Erinnerungen zu sehen, aber irgendetwas hatte mich jedes Mal zurückgewiesen. Diese Traumlandschaft unterschied sich von allem, was mir jemals untergekommen war. Sogar Jax war ratlos. Anhand der vielschichtigen Abwehrmechanismen hätte ich gesagt, sein Besitzer müsse mehrere tausend Jahre alt sein, aber das war ja nicht möglich. Das hier war etwas Fremdes.

Jax war ein misstrauischer Mensch. Laut den Regeln hätte ein neuer Seher in seinem Sektor sich innerhalb von achtundvierzig Stunden bei ihm vorstellen müssen. Er behauptete, da müsse eine der anderen Gangs dahinterstecken, aber keiner in I-4 hatte genug Erfahrung, um meine Nachforschungen abzuwehren. Von denen wusste ja niemand, dass ich das überhaupt konnte.

Es war nicht Didion Waite, der die zweitgrößte Gang in dieser Gegend anführte. Und es waren nicht die halb verhungerten Straßenkünstler, die sich in unserem Viertel herumtrieben. Auch keiner der territorial orientierten Denkerfürsten, die sich auf Diebstahl im Aether spezialisiert hatten. Das war etwas anderes.

Hunderte von feinen Silberblitzen zogen an mir vorbei, jeder ein fremdes Bewusstsein. Sie bewegten sich ebenso schnell durch die Straßen wie ihre Besitzer. Keinen dieser Leute erkannte ich. Ich konnte ihre Gesichter nicht sehen, wurde nur kurz von ihrem Bewusstsein gestreift.

Ich war nicht mehr in unserem Viertel, sondern etwas weiter nördlich, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, wo. Vorsichtig folgte ich dem vertrauten Gefühl der Gefahr. Das Bewusstsein des Fremden war ganz in der Nähe. Es führte mich durch den Aether wie ein Leuchtfeuer, tauchte immer wieder zwischen den anderen auf. Dabei bewegte es sich schnell, als wäre der Fremde sich meiner Anwesenheit bewusst. Als würde er versuchen, vor mir davonzulaufen.

Ich sollte diesem Licht nicht folgen. Immerhin wusste ich nicht, wo es mich hinführen würde, und ich hatte mich jetzt schon zu weit von unserem Viertel entfernt.

Jaxon hat dir aufgetragen, ihn zu finden. Der Gedanke schien weit weg zu sein. Er wird wütend werden. Ich schob mich weiter voran, bewegte mich schneller als es mir in meinem Körper je möglich gewesen wäre. Immer stärker stemmte ich mich gegen die Grenzen, die mein physischer Aufenthaltsort mir auferlegte. Jetzt konnte ich das seltsame Bewusstsein erkennen. Es war nicht silbern wie die anderen. Nein, dieses Ding war dunkel und kalt, ein Bewusstsein aus Eis und Stein. Ruckartig schoss ich darauf zu. Er war so verdammt nah … Ich durfte ihn jetzt nicht verlieren …

Ein Schauder lief durch den Aether, und da, innerhalb eines Herzschlags war er verschwunden. Das Bewusstsein des Fremden war wieder entwischt.

*

Jemand schüttelte meinen Körper.

Mein silbernes Band – die Verbindung zwischen meinem Körper und meinem Geist – war extrem empfindlich. Nur mit seiner Hilfe konnte ich auf die Entfernung Traumlandschaften erspüren. Und es konnte mich abrupt in meinen Körper zurückbefördern. Als ich die Augen aufschlug, wedelte Dani mit einer Taschenlampe vor meiner Nase herum. „Pupillenreflex gut“, murmelte sie.

Danica, unser hauseigenes Genie, das intellektuell höchstens von Jax übertroffen wurde. Sie war drei Jahre älter als ich und so charmant und einfühlsam wie ein Schulhofschläger. Als sie eingestellt wurde, hat Nick sie als Psychopathin klassifiziert. Jax behauptete, das sei einfach Teil ihres Charakters.

„Guten Morgen, Träumerin.“ Sie verpasste mir eine leichte Ohrfeige. „Willkommen zurück in der Realität.“

Meine Wange brannte – ein unangenehmes, aber gutes Zeichen. Ich hob die Hand, um die Sauerstoffmaske abzusetzen.

Im Halbdunkel zeichneten sich langsam die Umrisse des Unterschlupfs ab. Jax’ Heim war wie eine geheime Räuberhöhle: Auf den verstaubten Regalen stapelten sich verbotene Filme, Musik und Bücher. Neben einer Sammlung von billigen Heftchenromanen lagen haufenweise Flugblätter, die meisten davon unordentlich zusammengetackert. Das hier war der einzige Ort auf der Welt, an dem ich lesen, tun und mir ansehen konnte, was immer ich wollte.

„Du solltest mich nicht so wecken“, sagte ich. Sie kannte die Regeln. „Wie lange war ich dort?“

„Wo?“

„Was denkst du denn, wo?“

Dani schnippte mit den Fingern. „Ach ja, klar – der Aether. Tut mir leid, war nicht ganz bei der Sache.“

Höchst unwahrscheinlich. Dani war immer bei der Sache.

Ich sah auf die blaue Nixie-Uhr, die auf der Herz-Lungen-Maschine montiert war. Dani hatte das Ganze selbst konstruiert. Sie nannte es das Dead Voyant Sustainment System, kurz DVS - eine Art Tote-Seher-Erweckungs-System. Die Maschine überwachte meine Vitalfunktionen und zeichnete sie auf, wenn ich längere Zeit den Aether absuchte. Als ich die Ziffern sah, rutschte mir das Herz in die Hose.

„Siebenundfünfzig Minuten.“ Ich rieb mir die Schläfen.

„Du hast mich eine ganze Stunde im Aether gelassen?“

„Kann sein.“

„Eine ganze Stunde?“

„Befehl ist Befehl. Jax meinte, du sollst bis Sonnenuntergang dieses mysteriöse Bewusstsein knacken. Hast du es geschafft?“

„Ich hab’s versucht.“

„Soll also heißen, du hast versagt. Dann kriegst du wohl keinen Bonus.“ Sie kippte ihren Espresso runter. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass du Anne Naylor verloren hast.“

War ja klar, dass sie wieder davon anfangen würde. Wenige Tage zuvor war ich ins Auktionshaus geschickt worden, um einen Geist zurückzuholen, der rechtmäßig Jax gehörte: Anne Naylor, den berühmten Geist von Farringdon. Ich war überboten worden.

„Wir hätten Naylor sowieso nicht gekriegt“, erwiderte ich. „Didion hätte einen Zuschlag auf jeden Fall verhindert, nach allem, was beim letzten Mal passiert ist.“

„Wenn du meinst. Mir war von Anfang an schleierhaft, was Jax mit einem Poltergeist gewollt hätte.“ Dani sah mich an. „Er sagt, er hätte dir das Wochenende freigegeben. Wie hast du das denn angestellt?“

„Psychologische Gründe.“

„Was bedeutet ...?“

„Dass du und deine Apparate mich wahnsinnig machen.“

Sie warf ihre leere Tasse nach mir. „Ich kümmere mich hier um dich, kleine Kröte. Meine Apparate funktionieren nicht von allein. Ich könnte auch einfach hier rausspazieren und Mittagspause machen, bis dein trauriges Mickerhirn völlig ausgetrocknet ist.“

„Fast wäre es ausgetrocknet.“

„Mir kommen gleich die Tränen. Du kennst das Prozedere: Jax gibt die Befehle, wir befolgen sie, wir kriegen unsere Kohle. Wenn dir das nicht passt, kannst du ja für Hector arbeiten.“

Touché.

Beleidigt reichte Dani mir meine abgewetzten Lederstiefel. Ich zog sie an. „Wo sind die anderen?“

„Eliza schläft. Sie hatte einen Anfall.“

Anfall sagten wir nur, wenn einer von uns knapp einer lebensbedrohlichen Begegnung entkam – was in Elizas Fall eine unerwünschte Besessenheit sein musste. Besorgt sah ich zu der Tür hinüber, hinter der ihr Atelier lag. „Geht es ihr gut?“

„Ein bisschen Schlaf, dann wird sie wieder.“

„Ich nehme mal an, Nick hat sie sich angesehen.“

„Ich habe ihn angerufen. Er ist immer noch mit Jax im Chats. Aber er meinte, er würde dich um halb sechs zu deinem Dad fahren.“

Das Chatelines war eines der wenigen Restaurants, die uns offen standen, eine stilvolle Bar in Neal’s Yard. Der Besitzer hatte einen Deal mit uns. Wir gaben reichlich Trinkgeld, dafür verriet er der Nachtwache nicht, was wir waren. So war das Trinkgeld meistens höher als die eigentliche Rechnung, aber das war es uns wert, um mal ausgehen zu können.

„Dann verspätet er sich also“, stellte ich fest.

„Wurde wohl aufgehalten.“ Dani griff nach ihrem Handy.

„Ist nicht nötig.“ Ich stopfte meine Haare unter die Mütze. „Ich will sie nicht bei ihrem Geplänkel stören.“

„Aber du kannst nicht mit der Bahn fahren.“

„Kann ich wohl.“

„Wenn du dir unbedingt dein eigenes Grab schaufeln willst …“

„Wird schon schiefgehen. Auf der Linie haben sie seit Wochen nicht mehr kontrolliert.“ Ich stand auf. „Frühstücken wir am Montag zusammen?“

„Vielleicht. Kann sein, dass ich dem Scheusal noch Überstunden schulde.“ Sie sah auf die Uhr. „Du solltest gehen, es ist schon fast sechs.“

Sie hatte recht. Mir blieben nicht mal mehr zehn Minuten, um zur Haltestelle zu kommen. Schnell griff ich nach meiner Jacke und lief zur Tür, wobei ich dem Geist in der Ecke ein flüchtiges „Hi, Pieter“ zurief. Seine Antwort bestand in einem sanften, gelangweilten Glühen. Sehen konnte ich den Funken nicht, aber spüren. Pieter war mal wieder deprimiert. Manchmal tat er sich schwer damit, tot zu sein.

Im Umgang mit Geistern gab es feste Regeln, zumindest in unserem Sektor. Nehmen wir einmal Pieter, einen unserer helfenden Geister – oder Musen, wenn man den Fachausdruck bevorzugt. Eliza ließ ihn in ihren Körper einfahren, normalerweise in Schichten von ungefähr drei Stunden pro Tag, während denen sie dann ein Meisterwerk malte. Wenn sie fertig war, zog ich los und verscherbelte es an nichtsahnende Kunstsammler. Pieter war allerdings etwas launisch. Manchmal bekamen wir monatelang kein Bild.

In einem Unterschlupf wie unserem war kein Platz für Moral. So etwas passiert eben, wenn man eine Minderheit in den Untergrund zwingt. Wenn die Welt derart grausam ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als irgendwie klarzukommen. Zu überleben und ein bisschen Geld zu machen, um auch im Schatten des Archonitats in Westminster zu gedeihen.

Mein Job – und mein Leben – war fest mit unserem Viertel verbunden, mit Seven Dials. Laut dem einzigartigen System, mit dem Scion die Stadt aufgeteilt hatte, lag es in Parzelle I, Sektor 4, kurz I-4. Es erstreckte sich rund um eine markante Säule an einer Straßenkreuzung, die ganz in der Nähe des Schwarzmarkts am Covent Garden lag. An dieser Säule waren sechs Sonnenuhren angebracht.

Jeder Sektor verfügte über einen eigenen Denkerfürsten oder eine Denkerkönigin. Gemeinsam bildeten sie die Versammlung der Widernatürlichen, die angeblich über das Syndikat herrschte, aber eigentlich tat jeder von ihnen in seinem Sektor genau das, was er wollte. Seven Dials lag in der Zentralparzelle, wo das Syndikat am stärksten war. Deswegen hatte Jax dieses Viertel gewählt. Und deshalb blieben wir hier. Nick war der Einzige von uns, der eine eigene Wohnung hatte, sie lag etwas weiter nördlich in Marylebone. Die benutzten wir aber nur im Notfall. In den drei Jahren, die ich schon für Jaxon arbeitete, hatte es nur einmal einen solchen Notfall gegeben, als die Nachtwache, die Night Vigilance Division, kurz NVD, in Seven Dials eine Razzia veranstaltet hatte, um auch noch den letzten Seher aufzuspüren. Zwei Stunden bevor es losging, hatten wir einen Tipp von einem Kurier bekommen. Wir brauchten nur halb so lange, um alles zu räumen.

Draußen war es nass und kalt, ein typischer Abend im März eben. Ich spürte einige Geister. Vor der Zeit von Scion war Seven Dials ein schäbiges Viertel gewesen, und rund um die Säule fand man auch jetzt immer noch jede Menge arme Seelen, die nach einem neuen Daseinszweck suchten. Einige von ihnen rief ich nun zu mir. Ein gewisser Schutz konnte nie schaden.

Samantha Shannon

Über Samantha Shannon

Biografie

Samantha Shannon, geboren 1991, wuchs im Londoner Westen auf, wo sie mit fünfzehn das Schreiben begann. Sie hat gerade ihr Literaturstudium am St Anne’s College in Oxford beendet. »Die Träumerin« ist der erste Band einer siebenteiligen Serie um die junge Seherin Paige Mahoney. Die...

Pressestimmen

jennys-bookworld.blogspot.de

»In kann die Geschichte jedem empfehlen, der auf düstere, folgenreiche Magie steht. Der die Zukunft mal aus einer ganz anderen Perspektive begutachten möchte und der gleichzeitig in einer Welt gefangen werden will, die schlichtweg anders ist!«

BÜCHERmagazin

»Shannons gefeiertes Debüt ist der Auftakt zu einer siebenteiligen Fantasy-Serie um die junge Seherin Paige Mahoney.«

Petra

»Für alle, die Fantasy doof finden: Dieses Buch werdet ihr lieben! [...]. Ein komplexes, geniales Endzeit-Spektakel mit dem Zeug zum Welterfolg. Samantha Shannon hat J.-K.-Rowling-Format.«

HAZ "sonntag"

»Wer allerdings die ersten "Bone Season"-Kapitel übersteht, wird mit einem reichhaltigen, komplexen, ungemein spannenden Science-Fantasy-Hybriden belohnt, der für die noch kommenden sechs Bände Großes erwarten lässt. [...]. Shannon ist eine Weltenschöpferin in eigenem Recht, gesegnet mit einer reichen Fantasie, einem Sinn für Struktur, einem Faible für Biblisches [...] und einem enormen Schreibtalent.«

zuckerwattewelten.blogspot.de

»"The Bone Season - Die Träumerin" ist wirklich ein Meisterwerk. Samantha Shannon hat zu Recht den Titel der Hoffnungsträgerin für die junge Fantasy erhalten. Ich bin platt!«

Deutschlandradio Kultur

»Dieser anspruchsvolle Roman ist originell, fantasievoll, überzeugend, anregend und von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd - und unbedingt empfehlenswert.«

Glamour

»"The Bone Season" heißt die neueste Fantasy-Reihe, und sie wird garantiert ein Hit.«

Brigitte

»Augen auf beim Geschenkekauf: "The Bone Season - Die Träumerin" ist Urban Fantasy für Erwachsene. Eine komplexe Saga über eine Seherin, die in der Zukunft von einem fremden Volk versklavt wird.«

manjasbuchregal.blogspot.de

»"The Bone Season - Die Träumerin" von Samantha Shannon ist ein grandioses Debüt und ein mehr als gelungener Auftakt der "The Bone Season" - Reihe. Facettenreiche Charaktere, ein bildhafter Stil und eine Handlung, die spannend und neuartig ist, machen das Buch wirklich zu einem "Must Read"! Ein absolutes Lesehighlight! Unbedingt lesen!«

TV Movie

»Fantasy. Reihe mit Kult-Potential! [...]. Ein mitreißendes Fantasy-Abenteuer, das Autorin Samantha Shannon sogar in die "Tribute von Panem"-Liga katapultieren könnte!«

katiesfantasticdystopia.blogspot.de

»Fantastisch, magisch und erschreckend düster offenbart sich dem Leser eine ganz neue und außergewöhnliche Welt. Eine absolute Leseempfehlung.«

ricas-fantastische-buecherwelt.blogspot.de

»Samantha Shannons "The Bone Season - Die Träumerin" ist das außergewöhnlichste Jugendbuch, das ich dieses Jahr lesen durfte - und reiht sich somit in den engen Kreis meiner Jahreshighlights ein. Ein fesselnder Schreibstil, unglaublich authentische und lebendige Charaktere, eine komplexe und spannungsgeladene Story, sowie ihre Einzigartigkeit machen diesen Reihenauftakt zu einem richtigen Must-Read. Der Genremix aus Jugendbuch, Dystopie und irgendwie auch Fantasy ist einfach genial.«

nightingale-blog.net

»Der Auftakt der 7-teiligen "The Bone Season"-Reihe setzte bei mir Süchte frei. Das Buch lässt mich selbst Tage danach gedanklich noch nicht los. Autorin Samantha Shannon hat mit einer ganz neuen, individuellen Idee eine beispiellose Traumwelt und komplexe Charaktere geschaffen. "The Bone Season - Die Träumerin" hebt sich von der breiten Masse ab. Vom Setting, über eine unglaublich willensstarke Protagonistin, sowie faszinierende Nebenfiguren: hier warte ich liebend gern auf die 6 Folgebände. Ein traumhaftes Highlight.«

lovelybooks.de

»Ein grandioser Auftakt!«

bookwives.wordpress.com

»Als Fazit würde ich am liebsten ein schlichtes "überwältigend" in den Raum werfen. Aber um etwas präziser zu werden: Eine glasklare Leseempfehlung für alle Fantasy-Fans, und diejenigen, die es vielleicht noch werden wollen. "The Bone Season - Die Träumerin" war für mich ein absolut überzeugendes Fantasy-Spektakel, das ich nur schwer aus der Hand legen konnte.«

buecherwuermchenswelt.blogspot.de

»Einfach genial. Das beste Buch seit vielen, vielen Jahren. Komplex, vielschichtig und durchweg spannend. Gespickt mit neuen und innovativen Ideen stellt es etwas nie Dagewesenes dar.«

Piranha

»Samantha Shannon: ein Name, den Fantasy-Fans sich merken sollten!«

WDR 1Live

»Eine Geschichte mit Potenzial. Und daher freue ich mich schon jetzt auf die Fortsetzung.«

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