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The Bone Season - Die TräumerinThe Bone Season - Die Träumerin

The Bone Season - Die Träumerin

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The Bone Season - Die Träumerin — Inhalt

Deine Gedanken sind frei. Du nicht.

Sie ist stark, sie ist schnell, und sie kann etwas, was sonst niemand kann: die Gedanken anderer auskundschaften. In einer Welt, in der Freiheit verachtet und Träume verboten sind, wächst die junge Paige zu einer Kämpferin heran. Doch dann wird sie erwischt und in eine geheime Stadt verschleppt, in der ein fremdes Volk herrscht, die Rephaim. Und wo sie Arcturus trifft, den jungen Rephait mit den goldenen Augen. Er ist das schönste und unheimlichste Wesen, das sie je gesehen hat. Seine Gedanken sind ihr ein Rätsel. Und ausgerechnet ihm soll Paige von nun an als Sklavin dienen…

Erschienen am 08.06.2015
Übersetzer: Charlotte Lungstrass-Kapfer
624 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0932-8
Erschienen am 01.10.2013
Übersetzer: Charlotte Lungstrass-Kapfer
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7663-2
»In kann die Geschichte jedem empfehlen, der auf düstere, folgenreiche Magie steht. Der die Zukunft mal aus einer ganz anderen Perspektive begutachten möchte und der gleichzeitig in einer Welt gefangen werden will, die schlichtweg anders ist!«
jennys-bookworld.blogspot.de
»Shannons gefeiertes Debüt ist der Auftakt zu einer siebenteiligen Fantasy-Serie um die junge Seherin Paige Mahoney.«
BÜCHERmagazin

Leseprobe zu »The Bone Season - Die Träumerin«

Kapitel eins
Der Fluch
Ich stelle mir gerne vor, dass es am Anfang mehr von uns gegeben hat. Vielleicht nicht viele. Aber doch mehr als jetzt.
Wir sind die Minderheit, die von der Welt nicht akzeptiert wird. Nicht außerhalb von Fantasyromanen, und selbst die stehen auf dem Index. Wir sehen aus wie alle anderen. Manchmal verhalten wir uns auch wie alle anderen. In vielerlei Hinsicht sind wir wie alle anderen. Wir sind überall, in jeder Straße zu finden. Unsere Lebensweise könnte man als normal bezeichnen, solange man nicht zu genau hinsieht.
Nicht alle von [...]

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Kapitel eins
Der Fluch
Ich stelle mir gerne vor, dass es am Anfang mehr von uns gegeben hat. Vielleicht nicht viele. Aber doch mehr als jetzt.
Wir sind die Minderheit, die von der Welt nicht akzeptiert wird. Nicht außerhalb von Fantasyromanen, und selbst die stehen auf dem Index. Wir sehen aus wie alle anderen. Manchmal verhalten wir uns auch wie alle anderen. In vielerlei Hinsicht sind wir wie alle anderen. Wir sind überall, in jeder Straße zu finden. Unsere Lebensweise könnte man als normal bezeichnen, solange man nicht zu genau hinsieht.
Nicht alle von uns wissen, was wir sind. Einige von uns sterben, ohne es jemals zu erfahren. Andere wissen es, und wir werden niemals erwischt. Aber wir sind dort draußen.
Das könnt ihr mir glauben.
*
Seit ich acht Jahre alt war, hatte ich in dem Teil von London gelebt, den man früher Islington nannte. Bis ich sechzehn war, besuchte ich eine Privatschule für Mädchen, dann begann ich zu arbeiten. Das war im Jahre 2056 – oder AS 127, wenn man nach dem Scion-Kalender ging. Von den jungen Männern und Frauen wurde erwartet, dass sie sich ihren Lebensunterhalt verdienten, wo auch immer es ging, was normalerweise bedeutete, dass man irgendwo hinter einem Tresen oder Schalter landete. In der Dienstleistungsbranche gab es immer jede Menge Jobs. Mein Vater dachte, ich hätte ein einfaches Leben, dass ich clever, aber ohne jeden Ehrgeiz sei und mich mit jeder Arbeit zufriedengeben würde, die das Leben mir präsentierte.
Wie üblich, lag mein Vater falsch.
Seit meinem sechzehnten Lebensjahr hatte ich in der Unterwelt von Scion London gearbeitet – beziehungsweise SciLo, wie es auf der Straße genannt wird. Ich trieb mich zwischen skrupellosen Banden von Sehern herum, die einander jederzeit ans Messer lieferten, um selbst zu überleben. Sie alle gehörten einem Syndikat an, das die gesamte Zitadelle durchzog und unter dem sogenannten Herrn der Unterwelt vereint war. Da wir am Rande der Gesellschaft lebten, wurden wir quasi in die Kriminalität gedrängt, wenn wir irgendwie vorankommen wollten. Und so wuchs der Hass auf uns immer weiter. Wir sorgten dafür, dass die Gerüchte wahr wurden.
In diesem ganzen Chaos hatte ich einen festen Platz. Ich war eine Ganovenbraut und der Protegé eines Denkerfürsten. Mein Boss war ein Mann namens Jaxon Hall, der Denkerfürst von Sektor I-4. Er hatte sechs direkte Untergebene. Wir nannten uns die Sieben Siegel.
Meinem Vater konnte ich das nicht sagen. Er dachte, ich würde als Assistentin in einer Sauerstoffbar arbeiten, was eine schlecht bezahlte, aber legale Tätigkeit war. Es war eine bequeme Lüge. Er hätte niemals verstanden, warum ich meine Zeit mit Kriminellen verbrachte. So wusste er nicht, dass ich zu ihnen gehörte. Und zwar viel mehr als zu ihm.
An dem Tag, der mein Leben veränderte, war ich neunzehn Jahre alt. Zu dieser Zeit war mein Name auf der Straße bereits ein Begriff. Nach einer harten Woche auf dem Schwarzmarkt wollte ich das Wochenende mit meinem Vater verbringen. Jax kapierte nicht, warum ich auch Auszeiten benötigte, für ihn gab es nichts außerhalb des Syndikats – aber er hatte im Gegensatz zu mir auch keine Familie. Zumindest keine lebende. Und auch wenn mein Vater mir nie richtig nahegestanden hatte, fühlte ich mich doch verpflichtet, den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten. Nur ab und zu mal ein Abendessen und hin und wieder ein Anruf. Ein Geschenk zum Gezeitenfest im November. Der einzige Haken an der Sache waren seine endlosen Fragen: was ich arbeitete, mit wem ich befreundet war, wo ich lebte?
Ich konnte ihm keine Antworten geben. Die Wahrheit war einfach zu gefährlich. Hätte er gewusst, was ich in Wirklichkeit tat, hätte er mich vielleicht sogar höchstpersönlich nach Tower Hill geschickt. Vielleicht hätte ich ihm die Wahrheit erzählen sollen. Vielleicht hätte ihn das umgebracht. So oder so bereute ich es nicht, dem Syndikat beigetreten zu sein. Meine Arbeit war vielleicht nicht ehrbar, aber sie machte sich bezahlt. Und wie sagte Jax immer so schön: Besser ein Gesetzloser als tot.
*
An jenem Tag regnete es. Mein letzter Arbeitstag.
Eine Herz-Lungen-Maschine sorgte dafür, dass meine Vitalfunktionen erhalten blieben. Ich sah tot aus, und in gewisser Weise war ich das auch: Mein Geist hatte sich teilweise vom Körper gelöst. Ein Verbrechen, das mich an den Galgen bringen konnte.
Ich habe gesagt, ich arbeitete für das Syndikat. Das sollte ich vielleicht ein wenig genauer erklären. Im Prinzip war ich so etwas wie ein Hacker. Nicht wirklich ein Gedankenleser, mehr eine Art Radar, das im Einklang mit der Funktionsweise des Æthers arbeitete. Ich konnte die feinen Spuren von Traumlandschaften und bösen Geistern spüren. Von Dingen, die außerhalb meines Selbst existierten. Dingen, die ein durchschnittlicher Seher nicht spürte.
Jax setzte mich als eine Art Überwachungsgerät ein. Mein Job war es, die Aktivitäten im Æther innerhalb seines Sektors zu kontrollieren. Oft ließ er mich andere Seher überprüfen, um herauszufinden, ob sie etwas vor ihm verbargen. Anfangs waren es nur Leute gewesen, die sich mit mir im selben Raum befunden hatten, die ich also hören und berühren konnte, aber ihm wurde schnell klar, dass ich mehr draufhatte als das. Ich konnte auch spüren, was an anderen Orten geschah: wenn ein Seher die Straße entlangging oder im Garten mehrere Geister aufeinandertrafen. Solange ich maschinell am Leben erhalten wurde, konnte ich den Æther in einem Umkreis von ungefähr eineinhalb Kilometern durchforsten. Wenn er also jemanden brauchte, der ihn über die neuesten Gerüchte in I-4 auf dem Laufenden hielt, konnte man seinen Hintern darauf verwetten, dass Jaxon meine Wenigkeit rief. Er behauptete, ich hätte das Potenzial, den Radius noch zu erweitern, aber Nick ließ es mich nicht versuchen. Wir wussten nicht, was dann mit mir passieren würde.
Natürlich war jede Form der Seherei verboten, und die Arten, mit denen man Geld verdienen konnte, waren noch dazu als schwere Sünde gebrandmarkt. Es gab sogar einen speziellen Begriff dafür: Denkdelikt, was so viel bedeutet wie Kommunikation mit der Welt der Geister zu kommerziellen -Zwecken.
Und genau auf diesen Denkdelikten war das Syndikat aufgebaut.
Seherei gegen Bares war unter jenen, die es nicht in eine Gang schafften, weit verbreitet. Wir nannten das Straßenkunst. Scion nannte es Hochverrat. Die offizielle Hinrichtungsmethode für Verbrechen dieser Art war der Erstickungstod durch Stickstoff, das Mittel dafür war unter dem Markennamen NiteKind bekannt. Ich erinnere mich noch an den Slogan: Schmerzlose Bestrafung – das neueste Wunder von Scion! Angeblich dämmerte man dabei weg wie mithilfe eines Schlafmittels. Aber Hochverrat wurde hin und wieder auch noch mit öffentlichen Hinrichtungen durch den Strick oder Folter bestraft.
Ich beging also schon Hochverrat, indem ich atmete.
Aber kehren wir zurück zu jenem Tag. Jaxon hatte mich an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und losgeschickt, um den Sektor auszukundschaften. Dabei hatte ich ein vertrautes Bewusstsein gefunden, das oft in Sektor 4 auftauchte. Ich hatte mein Bestes gegeben, um seine Erinnerungen zu sehen, aber irgendetwas hatte mich jedes Mal zurückgewiesen. Diese Traumlandschaft unterschied sich von allem, was mir jemals untergekommen war. Sogar Jax war ratlos. Anhand der vielschichtigen Abwehrmechanismen hätte ich gesagt, sein Besitzer müsse mehrere Tausend Jahre alt sein, aber das war ja nicht möglich. Das hier war etwas Fremdes.
Jax war ein misstrauischer Mensch. Laut den Regeln hätte ein neuer Seher in seinem Sektor sich innerhalb von achtundvierzig Stunden bei ihm vorstellen müssen. Er behauptete, da müsse eine der anderen Gangs dahinterstecken, aber keiner in I-4 hatte genug Erfahrung, um meine Nachforschungen abzuwehren. Von denen wusste ja niemand, dass ich das überhaupt konnte.
Es war nicht Didion Waite, der die zweitgrößte Gang in dieser Gegend anführte. Und es waren nicht die halb verhungerten Straßenkünstler, die sich in unserem Viertel herumtrieben. Auch keiner der territorial orientierten Denkerfürsten, die sich auf Diebstahl im Æther spezialisiert hatten. Das war etwas anderes.
Hunderte von feinen Silberblitzen zogen an mir vorbei, jeder ein fremdes Bewusstsein. Sie bewegten sich ebenso schnell durch die Straßen wie ihre Besitzer. Keinen dieser Leute erkannte ich. Ich konnte ihre Gesichter nicht sehen, wurde nur kurz von ihrem Bewusstsein gestreift.
Ich war nicht mehr in unserem Viertel, sondern etwas weiter nördlich, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, wo. Vorsichtig folgte ich dem vertrauten Gefühl der Gefahr. Das Bewusstsein des Fremden war ganz in der Nähe. Es führte mich durch den Æther wie ein Leuchtfeuer, tauchte immer wieder zwischen den anderen auf. Dabei bewegte es sich schnell, als wäre der Fremde sich meiner Anwesenheit bewusst. Als würde er versuchen, vor mir davonzulaufen.
Ich sollte diesem Licht nicht folgen. Immerhin wusste ich nicht, wo es mich hinführen würde, und ich hatte mich jetzt schon zu weit von unserem Viertel entfernt.
Jaxon hat dir aufgetragen, ihn zu finden. Der Gedanke schien weit weg zu sein. Er wird wütend werden. Ich schob mich weiter voran, bewegte mich schneller, als es mir in meinem Körper je möglich gewesen wäre. Immer stärker stemmte ich mich gegen die Grenzen, die mein physischer Aufenthaltsort mir auferlegte. Jetzt konnte ich das seltsame Bewusstsein erkennen. Es war nicht silbern wie die anderen. Nein, dieses Ding war dunkel und kalt, ein Bewusstsein aus Eis und Stein. Ruckartig schoss ich darauf zu. Er war so verdammt nah … Ich durfte ihn jetzt nicht verlieren …
Ein Schauder lief durch den Æther, und da, innerhalb eines Herzschlags war er verschwunden. Das Bewusstsein des Fremden war wieder entwischt.
*
Jemand schüttelte meinen Körper.
Mein silbernes Band – die Verbindung zwischen meinem Körper und meinem Geist – war extrem empfindlich. Nur mit seiner Hilfe konnte ich auf die Entfernung Traumlandschaften erspüren. Und es konnte mich abrupt in meinen Körper zurückbefördern. Als ich die Augen aufschlug, wedelte Dani mit einer Taschenlampe vor meiner Nase herum. »Pupillenreflex gut«, murmelte sie.
Danica, unser hauseigenes Genie, das intellektuell höchstens von Jax übertroffen wurde. Sie war drei Jahre älter als ich und so charmant und einfühlsam wie ein Schulhofschläger. Als sie eingestellt wurde, hat Nick sie als Psychopathin klassifiziert. Jax behauptete, das sei einfach Teil ihres Charakters.
»Guten Morgen, Träumerin.« Sie verpasste mir eine leichte Ohrfeige. »Willkommen zurück in der Realität.«
Meine Wange brannte – ein unangenehmes, aber gutes Zeichen. Ich hob die Hand, um die Sauerstoffmaske abzusetzen.
Im Halbdunkel zeichneten sich langsam die Umrisse des Unterschlupfs ab. Jax’ Heim war wie eine geheime Räuberhöhle: Auf den verstaubten Regalen stapelten sich verbotene Filme, Musik und Bücher. Neben einer Sammlung von billigen Heftchenromanen lagen haufenweise Flugblätter, die meisten davon unordentlich zusammengetackert. Das hier war der einzige Ort auf der Welt, an dem ich lesen, tun und mir ansehen konnte, was immer ich wollte.
»Du solltest mich nicht so wecken«, sagte ich. Sie kannte die Regeln. »Wie lange war ich dort?«
»Wo?«
»Was denkst du denn, wo?«
Dani schnippte mit den Fingern. »Ach ja, klar – der Æther. Tut mir leid, war nicht ganz bei der Sache.«
Höchst unwahrscheinlich. Dani war immer bei der Sache.
Ich sah auf die blaue Nixie-Uhr, die auf der Herz-Lungen-Maschine montiert war. Dani hatte das Ganze selbst konstruiert. Sie nannte es das Dead Voyant Sustainment System, kurz DVS – eine Art Tote-Seher-Erweckungs-System. Die Maschine überwachte meine Vitalfunktionen und zeichnete sie auf, wenn ich längere Zeit den Æther absuchte. Als ich die Ziffern sah, rutschte mir das Herz in die Hose.
»Siebenundfünfzig Minuten.« Ich rieb mir die Schläfen.
»Du hast mich eine ganze Stunde im Æther gelassen?«
»Kann sein.«
»Eine ganze Stunde?«
»Befehl ist Befehl. Jax meinte, du sollst bis Sonnenuntergang dieses mysteriöse Bewusstsein knacken. Hast du es geschafft?«
»Ich hab’s versucht.«
»Soll also heißen, du hast versagt. Dann kriegst du wohl keinen Bonus.« Sie kippte ihren Espresso runter. »Ich kann immer noch nicht fassen, dass du Anne Naylor verloren hast.«
War ja klar, dass sie wieder davon anfangen würde. Wenige Tage zuvor war ich ins Auktionshaus geschickt worden, um einen Geist zurückzuholen, der rechtmäßig Jax gehörte: Anne Naylor, den berühmten Geist von Farringdon. Ich war überboten worden.
»Wir hätten Naylor sowieso nicht gekriegt«, erwiderte ich. »Didion hätte einen Zuschlag auf jeden Fall verhindert, nach allem, was beim letzten Mal passiert ist.«
»Wenn du meinst. Mir war von Anfang an schleierhaft, was Jax mit einem Poltergeist gewollt hätte.« Dani sah mich an. »Er sagt, er hätte dir das Wochenende freigegeben. Wie hast du das denn angestellt?«
»Psychologische Gründe.«
»Was bedeutet …?«
»Dass du und deine Apparate mich wahnsinnig machen.«
Sie warf ihre leere Tasse nach mir. »Ich kümmere mich hier um dich, kleine Kröte. Meine Apparate funktionieren nicht von allein. Ich könnte auch einfach hier rausspazieren und Mittagspause machen, bis dein trauriges Mickerhirn völlig ausgetrocknet ist.«
»Fast wäre es ausgetrocknet.«
»Mir kommen gleich die Tränen. Du kennst das Prozedere: Jax gibt die Befehle, wir befolgen sie, wir kriegen unsere Kohle. Wenn dir das nicht passt, kannst du ja für Hector arbeiten.«
Touché.
Beleidigt reichte Dani mir meine abgewetzten Lederstiefel. Ich zog sie an. »Wo sind die anderen?«
»Eliza schläft. Sie hatte einen Anfall.«
Anfall sagten wir nur, wenn einer von uns knapp einer lebensbedrohlichen Begegnung entkam – was in Elizas Fall eine unerwünschte Besessenheit sein musste. Besorgt sah ich zu der Tür hinüber, hinter der ihr Atelier lag. »Geht es ihr gut?«
»Ein bisschen Schlaf, dann wird sie wieder.«
»Ich nehme mal an, Nick hat sie sich angesehen.«
»Ich habe ihn angerufen. Er ist immer noch mit Jax im Chat’s. Aber er meinte, er würde dich um halb sechs zu deinem Dad fahren.«
Das Chateline’s war eines der wenigen Restaurants, die uns offen standen, eine stilvolle Bar in Neal’s Yard. Der Besitzer hatte einen Deal mit uns. Wir gaben reichlich Trinkgeld, dafür verriet er der Nachtwache nicht, was wir waren. So war das Trinkgeld meistens höher als die eigentliche Rechnung, aber das war es uns wert, um mal ausgehen zu können.
»Dann verspätet er sich also«, stellte ich fest.
»Wurde wohl aufgehalten.« Dani griff nach ihrem Telefon.
»Ist nicht nötig.« Ich stopfte meine Haare unter die Mütze. »Ich will sie nicht bei ihrem Geplänkel stören.«
»Aber du kannst nicht mit der Bahn fahren.«
»Kann ich wohl.«
»Wenn du dir unbedingt dein eigenes Grab schaufeln willst … «
»Wird schon schiefgehen. Auf der Linie haben sie seit Wochen nicht mehr kontrolliert.« Ich stand auf. »Frühstücken wir am Montag zusammen?«
»Vielleicht. Kann sein, dass ich dem Scheusal noch Überstunden schulde.« Sie sah auf die Uhr. »Du solltest gehen, es ist schon fast sechs.«
Sie hatte recht. Mir blieben nicht mal mehr zehn Minuten, um zur Haltestelle zu kommen. Schnell griff ich nach meiner Jacke und lief zur Tür, wobei ich dem Geist in der Ecke ein flüchtiges »Hi, Pieter« zurief. Seine Antwort bestand in einem sanften, gelangweilten Glühen. Sehen konnte ich den Funken nicht, aber spüren. Pieter war mal wieder deprimiert. Manchmal tat er sich schwer damit, tot zu sein.
Im Umgang mit Geistern gab es feste Regeln, zumindest in unserem Sektor. Nehmen wir einmal Pieter, einen unserer helfenden Geister – oder Musen, wenn man den Fachausdruck bevorzugt. Eliza ließ ihn in ihren Körper einfahren, normalerweise in Schichten von ungefähr drei Stunden pro Tag, während derer sie dann ein Meisterwerk malte. Wenn sie fertig war, zog ich los und verscherbelte es an nichts ahnende Kunstsammler. Pieter war allerdings etwas launisch. Manchmal bekamen wir monatelang kein Bild.
In einem Unterschlupf wie unserem war kein Platz für Moral. So etwas passiert eben, wenn man eine Minderheit in den Untergrund zwingt. Wenn die Welt derart grausam ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als irgendwie klarzukommen. Zu überleben und ein bisschen Geld zu machen, um auch im Schatten des Archonitats in Westminster zu gedeihen.
Mein Job – und mein Leben – war fest mit unserem Viertel verbunden, mit Seven Dials. Laut dem einzigartigen System, mit dem Scion die Stadt aufgeteilt hatte, lag es in Parzelle I, Sektor 4, kurz I-4. Es erstreckte sich rund um eine markante Säule an einer Straßenkreuzung, die ganz in der Nähe des Schwarzmarkts am Covent Garden lag. An dieser Säule waren sechs Sonnenuhren angebracht.
Jeder Sektor verfügte über einen eigenen Denkerfürsten oder eine Denkerkönigin. Gemeinsam bildeten sie die Versammlung der Widernatürlichen, die angeblich über das Syndikat herrschte, aber eigentlich tat jeder von ihnen in seinem Sektor genau das, was er wollte. Seven Dials lag in der Zentralparzelle, wo das Syndikat am stärksten war. Deswegen hatte Jax dieses Viertel gewählt. Und deshalb blieben wir hier. Nick war der Einzige von uns, der eine eigene Wohnung hatte, sie lag etwas weiter nördlich in Marylebone. Die benutzten wir aber nur im Notfall. In den drei Jahren, die ich schon für Jaxon arbeitete, hatte es nur einmal einen solchen Notfall gegeben, als die Nachtwache, die Night Vigilance Division, kurz NVD, in Seven Dials eine Razzia veranstaltet hatte, um auch noch den letzten Seher aufzuspüren. Zwei Stunden bevor es losging, hatten wir einen Tipp von einem Kurier bekommen. Wir brauchten nur halb so lange, um alles zu räumen.
Draußen war es nass und kalt, ein typischer Abend im März eben. Ich spürte einige Geister. Vor der Zeit von Scion war Seven Dials ein schäbiges Viertel gewesen, und rund um die Säule fand man auch jetzt immer noch jede Menge arme Seelen, die nach einem neuen Daseinszweck suchten. Einige von ihnen rief ich nun zu mir. Ein gewisser Schutz konnte nie -schaden.
In der Gesellschaft der Amaurotiker, also der Nicht-Sehenden, war Scion der Weisheit letzter Schluss. Jeder Bezug auf eine Art Leben nach dem Tod war verboten. Frank Weaver hielt uns für widernatürlich, und wie bereits viele Großinquisitoren vor ihm, hatte er dem Rest der Londoner beigebracht, uns zu verabscheuen. Solange es nicht absolut notwendig war, gingen wir nur zu den Zeiten nach draußen, in denen es sicher war – wenn die NVD schlafen ging und die Tagwache ihren Dienst antrat. Die Beamten der Sunlight Vigilance Division, kurz SVD, waren keine Seher. Außerdem durften sie nicht so brutal vorgehen wie ihre Kollegen von der Nachtwache. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.
Bei der NVD war das anders, sie waren Seher in Uniform. Sie hatten sich verpflichtet, dreißig Jahre zu dienen, bevor sie eingeschläfert wurden. Manche hielten es für einen Pakt mit dem Teufel, aber er verschaffte ihnen eine dreißigjährige Garantie für ein angenehmes Leben. Die Mehrheit der Seher hatte da weniger Glück.
In Londons Geschichte hatte es so viele Tote gegeben, dass es schwer war, einen Ort zu finden, der frei war von Geistern. Sie bildeten unser Sicherheitsnetz. Trotzdem musste man hoffen, dass man gute Exemplare erwischte. Benutzte man einen sehr zerbrechlichen Geist, hielt er einen Angreifer nur wenige Sekunden auf. Geister, deren Leben sehr brutal gewesen war, waren am besten. Deshalb erzielten manche Geister auf dem Schwarzmarkt auch so hohe Preise. Jack the Ripper wäre wahrscheinlich Millionen wert gewesen, wenn ihn irgendjemand gefunden hätte. Einige schworen jeden Eid, dass der Ripper in Wahrheit Edward VII. gewesen war – der gefallene Prinz und blutrünstige König. Laut Scion war er der erste Seher gewesen, aber das hatte ich nie geglaubt. Mir behagte die Vorstellung mehr, dass es uns schon immer gegeben -hatte.
Langsam wurde es dunkel. Der Himmel war von blassgoldenen Sonnenstrahlen überzogen, und der Mond zeichnete sich dazwischen verschwommen ab. Direkt darunter ragte die Zitadelle auf. In der Sauerstoffbar auf der anderen Straßenseite, dem Two Brewers, drängten sich die Amaurotiker. Normale Menschen. Die Seher sagten, sie wären mit Blindheit geschlagen, so wie wir angeblich mit Hellsichtigkeit geschlagen waren. Manchmal nannte man sie auch Totaugen.
Diesen Ausdruck hatte ich nie gemocht, das klang so nach Verwesung. Was irgendwie heuchlerisch war, immerhin waren wir diejenigen, die mit den Toten kommunizierten.
Ich knöpfte meine Jacke zu und zog die Mütze tief ins Gesicht. Kopf runter, Augen auf – mein persönliches Gesetz, nicht das von Scion.
»Ein Blick in die Zukunft für einen Shilling. Nur einen Shilling, Ma’am! Vom besten Orakel in London, das verspreche ich Ihnen. Eine Kleinigkeit für einen armen Straßenkünstler?«
Die Stimme gehörte einem dünnen Mann, der sich in eine ebenso dünne Jacke gewickelt hatte. Ich hatte schon seit Längerem keine Straßenkünstler mehr gesehen. In der Zentralparzelle waren sie selten, da hier die meisten Seher dem Syndikat angehörten. Ich studierte seine Aura. Er war gar kein Orakel, sondern ein Wahrsager, noch dazu ein ziemlich dummer Wahrsager – die Denkerfürsten verachteten Bettler. Zielstrebig ging ich auf ihn zu. »Was glauben Sie eigentlich, was Sie hier machen?« Ich packte ihn am Kragen. »Sind Sie total bescheuert?«
»Bitte, Miss. Ich habe solchen Hunger.« Seine Stimme war ganz rau, wahrscheinlich vom Flüssigkeitsmangel. Die Zuckungen in seinem Gesicht deuteten auf einen Sauerstoffsüchtigen hin. »Ich habe keinen Stoff. Verraten Sie’s nicht dem Fesselmeister, Miss. Ich wollte nur …«
»Dann verschwinden Sie.« Ich drückte ihm ein paar Scheine in die Hand. »Ganz egal, wohin … Hauptsache, Sie sind von der Straße weg. Suchen Sie sich einen Schlafplatz. Und wenn Sie morgen weitermachen, betteln Sie gefälligst in Parzelle VI, aber nicht hier. Verstanden?«
»Vielen Dank, Miss.«
Er sammelte seine wenigen Habseligkeiten ein, darunter auch eine Glaskugel. Das war billiger als Kristall. Ich sah zu, wie er Richtung Soho davonlief.
Armer Kerl. Wenn er das Geld in einer Sauerstoffbar raushaute, war er im Handumdrehen wieder auf der Straße. Viele Leute machten das: Sie schlossen sich an eine Kanüle an und saugten sich stundenlang mit parfümierter Luft voll. Das war die einzige legale Droge in der Zitadelle. Was auch immer er tat, dieser Straßenkünstler war am Ende. Vielleicht war er beim Syndikat rausgeflogen oder von seiner Familie verstoßen worden. Ich würde nicht nachfragen.
Man fragte nie nach.
An der Haltestelle I-4B war es meistens voll. Amaurotikern machte es nichts aus, mit der Bahn zu fahren. Sie hatten ja auch keine Aura, die sie verraten konnte. Die meisten Seher mieden öffentliche Verkehrsmittel, aber manchmal war man in einer Bahn sicherer als auf offener Straße. Da sich die NVD in der gesamten Zitadelle verteilte, waren stichprobenartige Kontrollen selten.
Jede der sechs Parzellen verfügte über sechs Sektoren. Wollte man seinen Sektor verlassen, brauchte man eine Reiseerlaubnis und jede Menge Glück, vor allem nachts. Denn nach Einbruch der Dunkelheit wurden verdeckte Wachen eingesetzt. Diese Unterabteilung der Nachtwache bestand ebenfalls aus Sehern mit der üblichen Lebensgarantie. Sie dienten dem Staat, um zu überleben.
Für mich war es nie infrage gekommen, für Scion zu arbeiten. Seher waren oft sehr grausam zu ihresgleichen – ich konnte also in gewisser Weise verstehen, warum manche von ihnen sich gegen die eigenen Leute stellten. Trotzdem fühlte ich mich ihnen verbunden. Und ganz sicher hätte ich niemals einen von ihnen verhaften können. Obwohl ich manchmal, wenn ich zwei Wochen am Stück hart gearbeitet hatte und Jax vergaß, mich zu bezahlen, in Versuchung geriet.
Da mir noch zwei Minuten blieben, prüfte ich vorsichtshalber meine Papiere. Sobald ich durch die Schranke gegangen war, ließ ich die an mich gebundenen Geister gehen. Sie mochten es nicht, wenn man sie zu weit von den Orten entfernte, an denen sie spukten, und wenn ich sie dazu zwang, würden sie mir nicht mehr helfen.
Ich hatte hämmernde Kopfschmerzen. Was auch immer Dani mir in die Venen gepumpt hatte, verlor langsam seine Wirkung. Eine Stunde im Æther … Jaxon trieb mich wirklich bis an meine Grenzen.
Auf dem Bahnsteig wurde der Fahrplan auf einem grün leuchtenden Bildschirm angezeigt, ansonsten gab es kaum Licht. Aus den Lautsprechern drang eine Bandaufnahme der Stimme von Scarlett Burnish: »Dieser Zug hält an allen Stationen in Parzelle I, Sektor 4, in nördlicher Richtung. Bitte halten Sie Ihre Fahrkarten bereit. Beachten Sie auch die Mitteilungen auf den Sicherheitsmonitoren. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Abend, vielen Dank.«
Ich würde ganz sicher keinen angenehmen Abend haben. Meine letzte Mahlzeit war irgendwann am frühen Morgen gewesen. Jax gestand mir nur eine Mittagspause zu, wenn er besonders gut aufgelegt war, was ungefähr so oft vorkam wie blaue Äpfel.
Auf dem Sicherheitsmonitor erschien eine neue Nachricht. Radiästhetische Erkennungstechnologie. Die anderen Wartenden nahmen keine Notiz davon. Diese Werbung lief hier ständig.
»In einer so dicht besiedelten Zitadelle wie London liegt der Gedanke nahe, dass der Nebenmann ein widernatürliches Individuum sein könnte.« Grob gezeichnete Silhouetten wurden eingeblendet, von denen jede einen Londoner darstellen sollte. Eine von ihnen färbte sich rot ein. »SciSORS testet nun den RDT Sensorschirm sowohl im Bereich des Paddington-Bahnhofs als auch an der Haltestelle Archonitat. Bis 2061 soll der Sensorschirm an achtzig Prozent aller Haltestellen der Zentralparzelle installiert werden, was es uns ermöglichen wird, die Zahl der widernatürlichen Polizeikräfte in der U-Bahn zu reduzieren. Kommen Sie nach Paddington oder fragen Sie den nächsten SVD-Beamten nach weiterführenden Informa-tionen.«
Es kam noch mehr Werbung, aber diese blieb in meinem Kopf hängen. RDT – kurz für Radiaesthetic Detection Technology – war die größte Bedrohung für die Sehergemeinschaft der Zitadelle. Laut Scion konnte man damit in einem Umkreis von bis zu zwanzig Schritt Auren aufspüren. Wenn bei ihren Plänen nicht noch irgendetwas dazwischenkam, wären wir ab 2061 gezwungen, uns völlig abzukapseln. Und natürlich hatte keiner der Denkerfürsten bisher eine Lösung für das Problem gefunden. Sie hatten nur gezankt und sich über ihre Streitereien die Köpfe heißgeredet.
Auf der Straße über mir vibrierten die Auren. Ich war wie eine Stimmgabel, die durch deren Energie in Schwingung geriet. Um mich abzulenken, musterte ich meinen Ausweis. Darauf waren ein Foto von mir, Name, Adresse, Fingerabdrücke, Geburtsort und Beruf festgehalten. Miss Paige E. Mahoney, eingebürgert, wohnhaft in I-5. Geboren 2040 in Irland. 2048 unter besonderen Umständen nach London gezogen. Beschäftigt in einer Sauerstoffbar in I-4, daher die Reiseerlaubnis. Blond, graue Augen, Körpergröße 1,75 m. Keine besonderen Kennzeichen außer dunklen Lippen, wahrscheinlich hervorgerufen durch übermäßiges Rauchen.
Ich hatte in meinem gesamten Leben kein einziges Mal geraucht.
Eine feuchte Hand schloss sich um meinen Unterarm. Ich zuckte heftig zusammen.
»Ich warte noch auf deine Entschuldigung.«
Vor mir stand ein dunkelhaariger Mann mit Melone und einer schmutzigen weißen Krawatte. Ich hätte ihn schon an seinem Gestank erkennen müssen: Haymarket Hector, einer unserer weniger hygienischen Rivalen. Er roch immer wie ein übergelaufener Gully. Traurigerweise war er aber auch der Herr der Unterwelt, zumindest nominell der große Boss des Syndikats. Sein Revier war das Viertel Devil’s Acre in der Nähe der Westminster Abbey.
»Wir haben das Spiel ehrlich gewonnen.« Ich riss mich los. »Hast du nicht irgendwas zu tun, Hector? Zähne putzen wäre nicht schlecht.«
»Vielleicht solltest du dir besser den Mund auswaschen, kleine Trickserin, und etwas mehr Respekt vor dem Herrn der Unterwelt zeigen.«
»Ich betrüge nicht.«
»Oh, das denke ich aber schon.« Er senkte die Stimme. »Da kann dein Denkerfürst noch so viele Starallüren haben, ihr sieben seid nichts anderes als Betrüger und Lügner. Wie man so hört, geltet ihr auf dem Schwarzmarkt als besonders clever, kleine Träumerin. Aber irgendwann seid ihr weg vom Fenster.« Mit einem Finger strich er über meine Wange. »Am Ende sind sie alle weg vom Fenster.«
»Genau wie du.«
»Wir werden sehen. Und zwar schon bald.« Sein stinkender Atem streifte mein Ohr, als er flüsterte: »Ich wünsche dir eine sichere Heimfahrt, kleine Schlampe.« Damit verschwand er in dem Tunnel, der zur Oberfläche führte.
Bei Hector musste man vorsichtig sein. Als Herr der Unterwelt hatte er zwar keine eigentliche Macht über die anderen Denkerfürsten – seine Aufgabe bestand lediglich darin, ihre Treffen anzuberaumen –, aber er besaß viele Anhänger. Er war sauer, seit meine Gang seine Lakaien zwei Tage vor der Naylor-Auktion beim Tarock geschlagen hatte. Hectors Leute konnten es nicht leiden, wenn sie verloren. Jaxon war da keine Hilfe, er provozierte sie nur noch mehr. Die meisten von uns hatten es geschafft, ihren Rachegelüsten zu entgehen, vor allem, indem sie der Gang aus dem Weg gingen, aber Jax und ich waren einfach zu trotzig dafür. Die Fahle Träumerin, wie man mich auf der Straße nannte, stand ganz oben auf ihrer Liste. Wenn sie mich jemals erwischten, war ich so gut wie tot.
Der Zug kam mit einer Minute Verspätung. Erschöpft ließ ich mich auf einen Sitz fallen. In diesem Waggon war nur noch ein anderer Fahrgast: ein Mann, der den Daily Descendant las. Er war ein Seher, ein Medium, um genau zu sein. Augenblicklich war ich angespannt. Jax hatte einige Feinde, und viele Seher wussten, dass ich in seiner Gang war. Außerdem wussten sie, dass ich Gemälde verkaufte, die unmöglich echte Werke von Pieter Claesz sein konnten.
Ich holte mein Datenpad aus der Tasche, ganz normale Standardausführung, und entschied mich für meinen Lieblingsgerichtsroman. Ohne an mich gebundene Geister als Bodyguards bestand mein bester Schutz darin, so normal und amaurotisch zu wirken wie möglich.
Während ich zu einer bestimmten Stelle blätterte, behielt ich gleichzeitig den Mann im Auge. Mir war klar, dass er mich ebenfalls auf dem Radar hatte, aber keiner von uns sagte ein Wort. Und da er mich noch nicht gepackt und windelweich geprügelt hatte, war er wahrscheinlich kein betrogener Kunstliebhaber.
Ich riskierte einen Blick auf seinen Descendant, die einzige Zeitung, die noch in gedruckter Form erschien. Papier lud zum Missbrauch ein, während durch die Datenpads garantiert wurde, dass wir nur die wenigen Medieninhalte runterluden, die von der Zensur gebilligt wurden. Mich erwarteten die üblichen, finsteren Neuigkeiten: zwei junge Männer wegen Hochverrats gehängt, verdächtiges Warenhaus in Sektor 3 geschlossen. Außerdem gab es einen langen Artikel, in dem gegen die »widernatürliche« Ansicht vorgegangen wurde, Großbritannien sei politisch isoliert. Der Journalist bezeichnete Scion als »Imperium im Embryonalstadium«. Das sagten sie jetzt schon so lange, wie ich zurückdenken konnte. Wenn Scion tatsächlich ein Embryo war, wollte ich sicher nicht dabei sein, wenn es aus dem Mutterleib kroch.
Seit den Anfängen von Scion waren inzwischen fast zwei Jahrhunderte vergangen. Es wurde als Reaktion auf eine angebliche Bedrohung des Empire gegründet. Die Epidemie nannten sie es – eine Epidemie der Hellsichtigkeit. Als offizielles Gründungsdatum galt 1901, als sie Edward VII. fünf grausame Morde anhängten. Angeblich hatte der blutrünstige König eine Tür aufgestoßen, die nicht wieder geschlossen werden konnte, und damit die Plage der Hellsichtigkeit über die Welt gebracht. Und man munkelte, dass seine Anhänger überall gewesen waren, gemordet und sich vermehrt hatten, indem sie ihre Kraft aus einer Quelle des Bösen gezogen hatten.
Dann folgte Scion, eine Republik, die gegründet wurde, um diese Krankheit auszurotten. Innerhalb der nächsten fünfzig Jahre entwickelte sie sich zu einer Sehervernichtungsmaschinerie, in der sich jede größere politische Maßnahme auf die Widernatürlichen bezog. Morde wurden nur von Widernatürlichen begangen. Gewaltausbrüche, Diebstähle, Vergewaltigungen, Brandstiftung – alles nur wegen der Widernatürlichen. Parallel dazu entwickelte sich in der Zitadelle das Syndikat der Seher. Eine organisierte Unterwelt entstand und bot den Sehern einen sicheren Hafen. Seitdem arbeitet Scion nur noch härter daran, uns zu vernichten.
Und wenn sie erst mal die RDTs installierten, würde das Syndikat auseinanderbrechen und Scion hätte seine Augen wirklich überall. Uns blieben noch zwei Jahre, um etwas dagegen zu unternehmen, aber solange Hector Herr der Unterwelt war, glaubte ich nicht, dass etwas passieren würde. Seine Herrschaft hatte uns nichts eingebracht außer Korruption.
Drei Haltestellen kamen und gingen, ohne dass irgendetwas geschah. Ich hatte gerade das Kapitel zu Ende gelesen, als plötzlich die Lichter ausgingen und der Zug anhielt. Ich begriff vielleicht eine Sekunde vor meinem Mitreisenden, was los war. Er richtete sich steif in seinem Sitz auf.
»Sie werden den Zug durchsuchen.«
Ich wollte etwas sagen, um seine Befürchtungen zu bestätigen, aber meine Zunge war völlig taub.
Schnell schaltete ich das Datenpad aus. In der Tunnelwand öffnete sich eine Tür. Gleichzeitig sprang die Leuchtanzeige im Wagen um – Sicherheitsalarm. Ich wusste, was jetzt kommen würde: zwei verdeckte Wachen auf Streife. Einer war immer der Boss, normalerweise ein Medium. Ich war bisher noch nie in eine Kontrolle geraten, kannte aber nur wenige Seher, die ihnen entkommen waren.
Mein Herz raste. Hastig sah ich zu dem anderen Passagier hinüber, um seine Reaktion einzuschätzen. Er war ein Medium, wenn auch kein besonders starkes. Woher ich so etwas wusste, ließ sich nur schwer beschreiben … Irgendwie reagierten meine Antennen entsprechend.
»Wir müssen aus dem Zug raus.« Er stand auf. »Was bist du, Kleines? Ein Orakel?«
Ich antwortete nicht.
»Ich weiß, dass du eine Seherin bist.« Er packte den Türgriff. »Komm schon, Kleines, sitz nicht einfach so da. Es muss einen Weg hier raus geben.« Angespannt wischte er sich mit dem Ärmel über das Gesicht. »Von allen Tagen, an denen sie kontrollieren könnten, muss es ausgerechnet dieser Tag sein …«
Ich rührte mich nicht. Keine Chance, hier irgendwie rauszukommen. Die Fenster waren extra verstärkt, die Türen abgeriegelt, und uns lief die Zeit davon. Zwei Taschenlampen leuchteten in unseren Waggon.
Stocksteif saß ich da. Verdeckte Wachen. Sie hatten offenbar eine gewisse Anzahl Seher in unserem Waggon gespürt, sonst hätten sie nicht das Licht abgeschaltet. Dass sie unsere Auren sehen konnten, war klar, aber sie würden außerdem herausfinden wollen, welche Art von Seher wir waren.
Jetzt betraten sie den Waggon, ein Beschwörer und ein Medium. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, aber die Lampen blieben aus. Zuerst gingen sie zu dem Mann.
»Name?«
Er straffte sich. »Linwood.«
»Grund der Reise?«
»Ich habe meine Tochter besucht.«
»Die Tochter besucht. Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht auf dem Weg zu einer Séance sind, Medium?«
Die beiden Wachen waren auf Streit aus.
»Das Krankenhaus hat mir die notwendigen Papiere ausgestellt. Sie ist schwer krank«, erklärte Linwood. »Ich habe die Erlaubnis, sie einmal pro Woche zu sehen.«
»Wenn Sie noch einmal die Klappe aufreißen, werden Sie sie überhaupt nicht mehr sehen dürfen.« Eine der Wachen drehte sich um und schnauzte mich an: »Sie da! Ausweis!«
Ich holte ihn aus der Tasche.
»Und die Reiseerlaubnis?«
Gab ich ihm ebenfalls. Er überflog die Zeilen.
»Sie arbeiten in Sektor 4.«
»Jawohl.«
»Wer hat diese Genehmigung ausgestellt?«
»Bill Bunbury, mein Vorgesetzter.«
»Verstehe. Aber ich muss noch etwas anderes wissen.« Er richtete den Strahl seiner Taschenlampe direkt auf meine Augen. »Stillhalten.«
Ich starrte stur geradeaus.
»Keine Zweitsicht«, stellte er fest, womit die Fähigkeit gemeint war, Geister zu sehen. »Du musst ein Orakel sein. Na, davon habe ich ja schon eine Ewigkeit nichts mehr gehört.«
»Ein Orakel mit Titten ist mir seit den Vierzigerjahren nicht mehr untergekommen«, bemerkte sein Kollege. »Sie werden sie lieben.«
Sein Vorgesetzter grinste. Er hatte in jedem Auge ein Kolobom, das Zeichen für vollständige Zweitsicht.
»Du wirst mich sehr reich machen, junge Dame«, wandte er sich wieder an mich. »Lass mich nur noch einmal deine Augen prüfen, zur Sicherheit.«
»Ich bin kein Orakel«, erwiderte ich.
»Natürlich nicht. Jetzt halt den Mund und mach die Guckerchen weit auf.«
Die meisten Seher hielten mich für ein Orakel. Ein verständlicher Fehler, da meine Aura sehr ähnlich aussah – genauer gesagt wies sie dieselbe Farbe auf.
Der Wachmann schob mit den Fingern die Lider an meinem linken Auge auseinander. Während er mit einer kleinen Lampe meine Pupillen beleuchtete und nach den nicht vorhandenen Kolobomen suchte, stürmte der andere Passagier zur Tür. Die Luft vibrierte kurz, als er einen Geist – wohl seinen Schutzengel – auf die Wachen schleuderte. Der zweite Mann kreischte, als der Engel ihn erreichte und Rührei aus seinen Sinnen machte.
Wache Nummer eins war zu schnell. Bevor irgendeiner von uns reagieren konnte, hatte er mehrere Poltergeister herbeigerufen.
»Keine Bewegung, Medium.«
Linwood starrte ihn trotzig an. Er war ein kleiner Mann Anfang vierzig, schmal, aber drahtig, dessen braune Haare an den Schläfen bereits grau wurden. Ich konnte die Poltergeister nicht sehen – eigentlich konnte ich dank der Lampe vor meinem Auge fast gar nichts sehen –, aber sie schwächten mich so sehr, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Es waren drei. Bisher hatte ich nicht einmal erlebt, dass jemand einen Poltergeist unter Kontrolle halten konnte, geschweige denn drei. Mir brach der kalte Schweiß aus.
Der Schutzengel wirbelte herum und wollte erneut angreifen, doch nun umkreisten die Poltergeister den Wachmann. »Wenn Sie uns widerstandslos begleiten, Medium, werden wir unsere Vorgesetzten bitten, Sie nicht zu foltern«, versprach er.
»Nur keine Hemmungen, Gentlemen.« Linwood hob eine Hand. »Mit Engeln an meiner Seite fürchte ich nichts und niemanden.«
»Das sagen sie alle, Mr Linwood. Sie vergessen es aber schnell wieder, wenn sie den Tower sehen.«
Linwood schickte seinen Engel durch den Waggon. Ich konnte den Zusammenstoß nicht sehen, aber es fühlte sich an, als wären meine Sinne mit heißem Wasser verbrüht worden. Ich zwang mich, von meinem Platz aufzustehen. Die Gegenwart von drei Poltergeistern raubte mir jede Menge Energie. Linwood hatte eine große Klappe, aber ich wusste, dass er sie sehen konnte; er kämpfte damit, seinen Engel bei Kräften zu halten. Während der Beschwörer die Poltergeister unter Kont-rolle hielt, rezitierte der zweite Wachmann die Threnodie, eine rituelle Totenklage, die Geister dazu zwang, vollständig zu sterben, und sie in ein Reich schickte, das sich dem Zugriff der Seher entzog. Der Engel begann zu zittern. Um ihn wirklich zu bannen, müssten sie seinen vollständigen Namen wissen, aber solange einer von ihnen das Ritual aufrechterhielt, war der Engel zu schwach, um seinen Wirt zu beschützen.
Das Blut rauschte in meinen Ohren. Gleichzeitig wurden meine Kehle eng und meine Finger taub. Wenn ich tatenlos zusah, würden sie uns beide festnehmen. Ich sah mich schon im Tower, unter der Folter, am Galgen …
Nein, heute würde ich nicht sterben.
Als die Poltergeister auf Linwood losgingen, verzerrte sich meine Sicht, und ich war plötzlich völlig auf die beiden Wachen konzentriert. Ihr Bewusstsein pulsierte ganz dicht neben meinem, zwei pochende Ringe aus Energie. Ich hörte, wie mein Körper auf dem Boden aufschlug.
Eigentlich wollte ich sie nur verwirren, um mir genug Zeit für eine Flucht zu verschaffen. Wollte das Überraschungsmoment nutzen. Sie hatten mich nicht weiter beachtet. Orakel waren nur gefährlich, wenn sie über gebundene Geister verfügten.
Nicht so bei mir.
Angst packte mich wie eine pechschwarze Welle. Mein Geist löste sich vom Körper und schoss auf Wache Nummer eins zu. Bevor ich wusste, wie mir geschah, brach ich in seine Traumlandschaft ein. Ich prallte nicht nur dagegen, nein, ich flog hinein und mittendurch. Schleuderte seinen Geist in den Æther hinaus, sodass sein Körper leer zurückblieb. Seinem Kumpel blieb kaum Zeit, einmal Luft zu holen, dann ereilte ihn dasselbe Schicksal.
Ruckartig kehrte mein Geist in meinen Körper zurück. Bohrende Schmerzen breiteten sich in meinem Schädel aus. Es fühlte sich an, als würden Messer durch meine Haut stechen, Feuer in meinem Gehirn wüten, so heiß, dass ich mich weder bewegen noch denken konnte. Vage nahm ich den klebrigen Boden des Waggons an meiner Wange wahr. Was auch immer ich da gerade getan hatte, so schnell würde ich das nicht wiederholen.
Der Zug ruckelte, offenbar näherten wir uns der nächsten Haltestelle. Mühsam stemmte ich mich auf die Ellbogen hoch, meine Muskeln zitterten von der Anstrengung.
»Mr Linwood?«
Keine Antwort. Ich kroch zu der Stelle, an der er zu Boden gegangen war. Als der Zug an einer Sicherheitslampe vorbeifuhr, sah ich sein Gesicht.
Tot. Die Poltergeister hatten sein Bewusstsein ausgelöscht. Sein Ausweis lag neben ihm: William Linwood, dreiundvierzig Jahre alt, zwei Kinder, eines davon an Mukoviszidose erkrankt. Verheiratet, Bankangestellter, Medium.
Wussten seine Frau und seine Kinder von seinem geheimen Leben? Oder waren sie Amaurotiker und hatten keine Ah-nung?
Ich musste die Threnodie aufsagen, sonst würde er für immer in diesem Waggon herumspuken. »William Linwood«, begann ich, »vergehe im Æther. Alles ist bereinigt, alle Schulden sind beglichen. Du musst nicht mehr unter den Lebenden verweilen.«
Linwoods Geist schwebte vorbei. Ein leises Flüstern lief durch den Æther, als er mit seinem Engel verschwand.
Die Lichter gingen wieder an. In meiner Kehle bildete sich ein dicker Klumpen.
Hier lagen noch zwei weitere Leichen.
Mithilfe des Wandgeländers zog ich mich auf die Füße. Meine Handflächen waren so feucht, dass ich mich kaum festhalten konnte. Vielleicht zwei Meter neben mir lag der tote Wachmann Nummer eins. Sein Gesicht schien in ewiger Überraschung erstarrt zu sein.
Ich hatte ihn getötet. Ich hatte eine verdeckte Wache umgebracht.
Sein Kollege hatte weniger Glück gehabt. Er lag auf dem Rücken und starrte zur Decke hinauf. Ein dicker Speichelfaden zog sich über sein Kinn. Als ich auf ihn zuging, begann er zu zucken. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter, und ich musste würgen. Ich hatte seinen Geist nicht weit genug fortgestoßen. Er trieb sich immer noch in den finstersten Winkeln seines Bewusstseins herum – in den geheimen, verschwiegenen Ecken, wo kein Geist sich aufhalten sollte. Er war verrückt geworden. Nein. Ich hatte ihn in den Wahnsinn getrieben.
Entschlossen biss ich die Zähne zusammen. Ich konnte ihn nicht einfach hier liegen lassen. Nicht einmal ein verdeckter Wachmann hatte ein solches Schicksal verdient. Vorsichtig legte ich meine kalten Hände auf seine Schultern und wappnete mich für den Gnadenstoß. Er stöhnte auf und flüsterte: »Töte mich.«
Ich musste es tun, das war ich ihm schuldig.
Aber ich konnte nicht. Ich konnte ihn nicht umbringen.
Als der Zug in den Bahnhof von I-5C einfuhr, wartete ich bereits an der Tür. Bis die einsteigenden Passagiere die Leichen entdeckten, war es zu spät, um mich noch zu erwischen. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits oben auf der Straße und hatte mir die Mütze tief in die Stirn gezogen, um mein Gesicht zu verbergen.

Samantha Shannon

Über Samantha Shannon

Biografie

Samantha Shannon, geboren 1991, wuchs im Londoner Westen auf, wo sie mit fünfzehn das Schreiben begann. Sie hat gerade ihr Literaturstudium am St Anne’s College in Oxford beendet. »Die Träumerin« ist der erste Band einer siebenteiligen Serie um die junge Seherin Paige Mahoney. Die...

Pressestimmen

jennys-bookworld.blogspot.de

»In kann die Geschichte jedem empfehlen, der auf düstere, folgenreiche Magie steht. Der die Zukunft mal aus einer ganz anderen Perspektive begutachten möchte und der gleichzeitig in einer Welt gefangen werden will, die schlichtweg anders ist!«

BÜCHERmagazin

»Shannons gefeiertes Debüt ist der Auftakt zu einer siebenteiligen Fantasy-Serie um die junge Seherin Paige Mahoney.«

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