Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Blick ins Buch
TeufelsnachtTeufelsnacht

Teufelsnacht

Michelle Paver
Folgen
Nicht mehr folgen

Roman

Paperback
€ 15,00
E-Book
€ 12,99
€ 15,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 28.10.2021 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 12,99 inkl. MwSt. Erscheint am: 28.10.2021 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Teufelsnacht — Inhalt

Ein altes Herrenhaus im Moor, ein grausamer Mord, ein einsames Mädchen

Suffolk, 1913: Hinter dem düsteren und einsam im Moor gelegenen Wake’s End findet man den Hausherren Edmund Stearne neben einer grauenvoll zugerichteten Leiche. Er spricht nur diese einzigen Worte: „Ich war es, aber ich habe nichts falsch gemacht.“ Seine Tochter Maud ist ein einsames Mädchen, das ohne Mutter aufwächst und unter dem herrischen und lieblosen Vater leidet. Zu dem fürchterlichen Verbrechen schweigt sie beharrlich. Dabei hat sie heimlich die Tagebücher ihres Vaters gelesen und weiß mehr, als sie zugibt. Doch auch Maud ist nicht frei von Schuld. Es wird Zeit, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt …

Presse:
„Paver ist die Meisterin der Spannung.“ THE TIMES
„Eine wunderbar stimmungsvolle und sehr unterhaltsame Schauergeschichte.“ ANTHONY HOROWITZ
„Das Gefühl der Angst wächst beim Lesen mit jedem Umblättern.“ SCOTLAND ON SUNDAY„
Eine Geschichte von Schrecken und Schönheit.“ SUNDAY TELEGRAPH
„Michelle Pavers Erzählweise ist unwiderstehlich.“ THE TIMES
„Eine Geistergeschichte, die es mit den großen Klassikern aufnehmen kann.“ EVENING STANDARD„
Dieses Buch verfolgt mich noch immer. Absolut fesselnd.“ BBC RADIO 2 BOOK CLUB
„Ein großartiger Schauerroman.“ DAILY MAIL
„Eine brillant gemachte atmosphärische Lektüre.“ GOOD HOUSEKEEPING
„Ein gruseliges Meisterwerk.“ WOMAN AND HOME
„Diese düstere Erzählung wird Sie in ihren Bann ziehen.“ SUN„
›Teufelsnacht‹ ist vieles – ein schauriger Horrorroman, ein Märchen vom Erwachsenwerden, eine Geschichte von Wahnsinn und Einsamkeit.“ SCOTLAND ON SUNDAY
„Originell und fesselnd.“ OBSERVER
„Paver ist eine der zeitgenössischen Größen Großbritanniens. Dieser Roman zeigt, warum.“ BIG ISSUE

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erscheint am 28.10.2021
Übersetzt von: Karin Dufner
384 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06294-7
Download Cover
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erscheint am 28.10.2021
Übersetzt von: Karin Dufner
384 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99976-2
Download Cover

Leseprobe zu „Teufelsnacht“

1966


Das Geheimnis des Edmund Stearne

Von Patrick Rippon

Exklusiv im Sunday Explorer Magazine

 

Wie ein Hexenhaus im Märchen duckt sich die alte Villa in einem verwilderten Garten. Ich kann den Blick nicht von dem mit Efeu überwucherten Fenster über der Haustür abwenden. Von diesem Fenster aus hat die sechzehnjährige Maud Stearne im Jahr 1913 beobachtet, wie ihr Vater die Treppe hinunterging, bewaffnet mit einem Eispickel und einem Geologenhammer und mit Mordlust im Herzen.

Edmund Stearne ist uns allen ein Begriff. Wir haben seine Werke bewundert, und sein [...]

weiterlesen

1966


Das Geheimnis des Edmund Stearne

Von Patrick Rippon

Exklusiv im Sunday Explorer Magazine

 

Wie ein Hexenhaus im Märchen duckt sich die alte Villa in einem verwilderten Garten. Ich kann den Blick nicht von dem mit Efeu überwucherten Fenster über der Haustür abwenden. Von diesem Fenster aus hat die sechzehnjährige Maud Stearne im Jahr 1913 beobachtet, wie ihr Vater die Treppe hinunterging, bewaffnet mit einem Eispickel und einem Geologenhammer und mit Mordlust im Herzen.

Edmund Stearne ist uns allen ein Begriff. Wir haben seine Werke bewundert, und sein Verbrechen hat uns erschaudern lassen. Warum hat er es getan? Hat er seine Geheimnisse einem Tagebuch anvertraut? Weshalb gibt seine Tochter nicht die Wahrheit preis?

Über fünfzig Jahre lang hat Maud Stearne als Einsiedlerin gelebt. Als erster Außenstehender bin ich in Wake’s End gewesen und habe mit ihr gesprochen. Was ich erfahren habe, lüftet endlich das Geheimnis, das die Tat ihres Vaters umgibt.

 

Maud war die einzige Zeugin

Kaum vorstellbar, dass Edmund Stearne bis zum vergangenen Jahr mit Ausnahme des verschlafenen Städtchens Wakenhyrst in Suffolk ein Unbekannter war. Einheimische haben ihn als wohlhabenden Grundbesitzer und angesehenen Historiker im Gedächtnis. Als einen Mann von makellosem Ruf. Bis zu jenem Sommertag, als er den ersten Menschen, der ihm über den Weg lief, auf die grausigste und abscheulichste Weise niedermetzelte.

Maud war die einzige Zeugin. Bei der Verhandlung gegen ihren Vater sagte sie nur ein paar Worte, danach äußerte sie sich nicht mehr dazu. Maud, Maud, alle Wege führen zurück zu Maud.

Ihr Vater verbrachte den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt, wo er jede wache Minute darauf verwendete, drei erstaunliche Gemälde anzufertigen, die die Welt im Sturm erobern sollten. Inzwischen sieht man sie überall, und es werden in Großbritannien mehr von seinen Drucken verkauft als von denen sämtlicher Impressionisten zusammen. Dennoch wurden die Bilder nach seinem Tod für ein Butterbrot an das Stanhope Institute of Psychiatric History veräußert.

Jahrelang verstaubten sie im Verborgenen, bis vor einem Jahr eine Wissenschaftlerin in einem Lagerraum über eine alte Teekiste stolperte. „Mir standen die Haare zu Berge“, berichtet Dr. Robin Hunter (36) exaltiert, eine rothaarige Dame mit weißen Vinylstiefeln und Minirock. „Ich wusste, dass ich an einer großen Sache dran war.“

Der Rest ist Geschichte. Die Bilder wurden ausgestellt und machten Furore. Edmund Stearne mag ein Gentleman aus der edwardianischen Ära gewesen sein, doch sein Werk ist erstaunlich modern. Es passt in unsere Zeit der Beatniks, Hippies und des LSD. Doch was die öffentliche Aufmerksamkeit wirklich erregte, war das Rätselhafte an der ganzen Sache.

Und um dieses Rätsel zu lüften, fuhr ich nach Wake’s End.

Treffen im Moor

„Wake’s End liegt an einer Straße, die ins Nirgendwo führt“, warnte mich die Barfrau im Eel Grigg in Wakenhyrst. „Da fährt man nur hin, wenn man unbedingt hinwill.“

Das wollte ich auch. Maud Stearne höchstpersönlich hatte mich eingeladen.

Ich fuhr über das Gemeindeland und an der Kirche St. Guthlaf’s vorbei. Wake’s End liegt nur anderthalb Kilometer von dort entfernt, steht jedoch ein wenig abseits. Es schmiegt sich in die Biegung eines von Weiden gesäumten Baches und wird von einer drei Meter hohen Hecke geschützt, die nur so von handbeschriebenen Schildern strotzt: Privatgrund! Schießen, Aalfang oder unbefugtes Betreten strengstens untersagt! Zutritt verboten!

Wake’s End erweckt allerdings nicht nur durch diese Hecke den Eindruck, als wäre es aus der Zeit gefallen, sondern auch durch das sagenumwobene Guthlaf’s Fen.

Heutzutage bezeichnen wir windumtoste, von Entwässerungsgräben durchzogene Heiden als Moor. Doch die feuchte Wildnis, die Wake’s End umgibt, ist ein wirkliches Moor, der Überrest der uralten Marschen, die einst ganz East Anglia unter Wasser setzten. Es gilt als das älteste, tiefste und sumpfigste Moor überhaupt. Hier haben die berüchtigten Moortiger gelebt: Wilde, die ihr Gliederreißen mit selbst gebrautem Opium bekämpften und nichts fürchteten außer den Geistern, die in den Sümpfen umgingen.

Bei einer früheren Expedition habe ich mich hineingewagt. Schon nach zehn Schritten hatte ich mich verirrt. Hohe, verdorrte Schilfhalme ragten empor. Ich hatte das eigenartige Gefühl, dass sie mich vertreiben wollten. Es dämmerte, und ein modrig fauliger Geruch stieg mir in die Nase. Hinter mir raschelte etwas, und ich stellte fest, dass sich das Schilf für ein Geschöpf teilte, das für mich unsichtbar war. Kein Wunder, dass Maud verrückt ist, dachte ich. Immerhin hat sie ihr ganzes Leben hier verbracht.

Aber ist sie wirklich verrückt? Jeder beschreibt mir Maud anders.

„Eine typische alte Jungfer. Klammert sich auf ungesunde Weise an ihren Vater“, äußert ihre Schwägerin Tabitha Stearne (66).

„Miss Maud hat ihren Dad gehasst“, murmelt ein Bursche im Pub.

„Sie läuft nachts im Moor herum“, meint ein anderer. „So was würden wir niemals tun.“

Tabby Stearne meldet sich wieder zu Wort: „Ich fürchte, die Gute ist nicht mehr ganz richtig im Kopf. Soweit ich gehört habe, hat man bei ihr kleine tote Tiere gesehen, die in den Bäumen hängen.“

Wer also ist die wahre Maud Stearne?

Ein historisches Treffen

Maud Stearne ist neunundsechzig und hat eine gebeugte Haltung wie viele große Frauen. Sie trägt einen schäbigen Pulli, eine Hose, alte Gummistiefel und einen Regenmantel. Zwar hat sie den kräftigen Knochenbau ihres Vaters geerbt, allerdings nicht sein unverschämt gutes Aussehen. Als sie in der Tür von Wake’s End steht, weicht sie meinem Blick aus. Ihre Augen huschen hin und her, als beobachte sie etwas, das nur sie sehen kann.

Sie schüttelt mir nicht die Hand. Ich bin nur ein unbedeutender kleiner Schreiberling, der den Dienstboteneingang hätte benutzen sollen. „Ich muss weg“, herrscht sie mich barsch an. „Die Köchin zeigt Ihnen alles.“ Ehe ich mich versehe, marschiert sie zur Rückseite des Hauses und über eine wackelige Brücke ins Moor.

„Was haben die Bilder zu bedeuten?“, rufe ich ihr nach.

„Die habe ich noch nie gesehen.“

Sie will die Bilder tatsächlich noch nie gesehen haben? Wenn meine Theorie stimmt, geht es in ihnen eigentlich um Maud Stearne.

Niemand vergisst die Gemälde von Edmund Stearne. Der erste Eindruck ist eine Farbenexplosion wie von einem zerschmetterten Buntglasfenster. Wenn man sich weiter vorbeugt, erkennt man winzige, bösartige Gesichter, die einen anstarren. Man möchte zurückweichen, kann es aber nicht. Sosehr man sich auch sträubt, man wird weiter in die bizarre Welt des Mörders hineingezogen.

Keines der Bilder hat einen Titel, dafür tragen sie alle dasselbe Geheimnis. In der Mitte steht eine Frau in einem langen, schwarzen Kleid. Man sieht nur ihren Rücken und ihr wehendes helles Haar, umgeben von einem Strudel übernatürlicher Geschöpfe. Der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind, so akribisch bis ins letzte Detail dargestellt, dass sie lebendig sein könnten. Grotesk, hypnotisch, ja sogar böse. Kein Wunder, dass Stearne mit Hieronymus Bosch verglichen wird, dem spätmittelalterlichen Meister des Makabren.

Aber was sind das für Geschöpfe? Elfen? Trolle? Feen? Sind sie der Schlüssel zu dem rätselhaften Mord? Wer ist die unbekannte Frau?

In Wake’s End

Die Köchin ist ein Gebirge von einer Frau in Kittelschürze. Sie strahlt die Macht und Gewaltbereitschaft einer Gefängniswärterin aus. Ich schätze ihr Alter auf zwischen fünfzig und fünfundsiebzig – dauergewelltes Haar, verkniffener, scharlachroter Mund. Sie bedenkt mich mit einem eiskalten Blick. Wenn man nicht in Suffolk geboren ist, kommt man aus Sicht der Ortsansässigen vom Mars.

Sie ist nicht gesprächig, aber als sie mich herumführt, wird mir klar, dass sie und „Miss Maud“ einander auf eine Weise hassen, die zu kultivieren es Jahrzehnte dauert. Meine Besichtigungstour erscheint mir seltsam geplant. Ich bekomme nur zu sehen, was Maud mir zeigen will. Ich frage mich, ob das sagenumwobene Notizbuch auch dazugehört.

In Wake’s End herrscht kein Wohlstand, so viel steht fest. An den dicken mittelalterlichen Mauern wirft der Schimmel Blasen. Die modrigen Möbel stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die Zeit ist 1913 stehen geblieben.

Die Atmosphäre im Arbeitszimmer ist so seltsam, als sei Edmund Stearne soeben erst gegangen. Auf einem Waschtisch befinden sich zwei silberne Bürsten mit verfilzten hellen Haarsträhnen. Auf dem Schreibtisch liegt ein vergilbtes maschinengeschriebenes Manuskript. Das Buch der Alice Pyett. Mystikerin (1451–1517). Übersetzung und Exegese von E. A. M. Stearne, D. Phil. Cantab. Daran hat er also vor dem Mord gearbeitet.

Doch noch immer kein Notizbuch.

Mauds Schreibtisch steht in der Bibliothek auf der anderen Seite des Flurs. Von hier aus blickt man auf einen struppigen Rasen mit Bäumen und etwas, das einem Wunschbrunnen ähnelt: eine runde Steinmauer mit einem Eimer an einem Seil. Dort hat man Edmund nach dem Mord gefunden. In diesem Garten hat er die Tat begangen. Schon seit Jahrzehnten hat Maud diese Aussicht, wenn sie aus dem Fenster schaut.

Auf ihrem Schreibtisch liegen ein blauer Flügel aus Porzellan (ja, ein Flügel) und ein rotes Buch mit eingeprägten goldenen Initialen: E. A. M. S. Edmund Algernon Montague Stearne. Mein Mund wird ganz trocken. Bis jetzt hat Maud die Existenz dieses Buches stets abgestritten. Und jetzt hat sie es offen für mich liegen gelassen. Was führt sie im Schilde? Und, was noch wichtiger ist, darf ich einen Blick ins Buch riskieren?

„Fünf Minuten“, brummt die Köchin. „Mehr kriegen Sie nicht.“

Ich bin zu aufgeregt, um ihr zu widersprechen. Seine Schrift schreit mir von der ersten Seite entgegen: Edmund Stearne – privat, 1906. Sieben Jahre vor dem Mord.

Erst ist da nur Gekritzel. Dann fünf Jahre lang nichts. Ab dem Jahr 1911 ist jede Seite bis zum Rand gefüllt. Seine Handschrift ist klein und unleserlich, doch hin und wieder springen mir merkwürdige Sätze entgegen.

 

… durch einen engen, mit ochsenblutfarbenen Kacheln gefliesten Flur, die zu heiß sind, um sie zu berühren, und abstoßend glitschig …

… die Wölbung ihrer Oberlippe …

Es gibt auch Engel, aber längst nicht so viele.

Sie war entsetzlich verändert.

 

Dazwischen kunstvolle kleine Skizzen: abstoßende mittelalterliche Gesichter, eine Fledermaus, eine Kröte, eine Elster. Jede davon ist verstörend lebensecht und eigenartig bedrohlich.

 

Ich weiß, was du getan hast.

Es ist nur ein Bild. Es kann mir nicht schaden …

Ein hoher, dünner Schrei aus dem Moor …

… ich werde die Antwort bei Pyett finden.

 

Die letzte Seite ist leer bis auf einen hingekritzelten, doppelt unterstrichenen Satz: Lieber Gott, hoffentlich irre ich mich.

Warum hat Maud das Notizbuch nicht der Polizei übergeben? Was verbirgt sie?

Im Prozess hat sie ausgesagt, sie sei am Tag des Mordes oben gewesen. Als sie aus dem runden Fenster am Ende des Flurs schaute, habe sie beobachtet, wie ihr Vater mit einem Eispickel und einem Hammer die Vortreppe hinunterging.

„Der Herr hat den Verstand verloren!“, rief sie dem Hausburschen zu. „Holen Sie Hilfe!“ Dann rannte sie in den Garten. Zu spät. Edmund beugte sich bereits über eine Leiche.

Laut Leichenbeschauer war der erste Schlag tödlich gewesen. Der Eispickel hatte Augapfel und Gehirn durchbohrt. Zumindest wäre das zu hoffen, denn Edmund trennte die Kopfhaut ab, hackte ein Stück Schädel entzwei und wühlte in der grauen Masse, als suche er etwas. Und Maud sah alles mit an.

Was dann folgte, ist eines der größten Geheimnisse dieses Falls. Aus bislang ungeklärten Gründen landete Edmund Stearne im Brunnen, wo er sich laut schreiend gegen eine wimmelnde Masse lebendiger Aale wehrte.

Maud sagte, sie habe es gar nicht mitbekommen, da sie die Leiche angestarrt habe. Im nächsten Moment kam das Hausmädchen herausgestürmt. Die Frau hatte den Toten im hohen Gras nicht bemerkt, aber ihren Arbeitgeber schreien gehört, und wollte ihm zu Hilfe eilen.

„Lassen Sie das!“, rief Maud, womit sie sich in den Augen der Öffentlichkeit ihr eigenes Grab schaufelte. Die Presse bezeichnete sie als „gefühllos und unweiblich“. Dass sie eher unscheinbar wirkte, machte es auch nicht besser.

Doch die Schuld ihres Vaters stand außer Zweifel. Nachdem die Polizei ihn aus dem Brunnen gezogen hatte, beruhigte er sich und gestand. „Ich war es, aber ich habe nichts falsch gemacht.“

Er erklärte nie den Beweggrund seiner Tat. Zwischen ihm und dem Opfer habe es keine Meinungsverschiedenheiten gegeben. Er habe einfach den ersten Menschen niedergemetzelt, der ihm über den Weg gelaufen sei. In seinen Taschen wurden grüne Glasscherben gefunden, die mit denen in den Augäpfeln, den Ohren und der Zunge des Opfers übereinstimmten, sowie vier Blätter einer Pflanze namens Salomonssiegel. Drei weitere steckten in der Kehle des Opfers.

All das bewies seine Schuld, doch für mich bedeutet es viel mehr. Denn schon seit Jahrhunderten wird das Salomonssiegel in der Hexerei verwendet.

Er war es nicht

Was haben Hexen mit Edmund Stearne zu tun? Eine ganze Menge. Denn ich halte ihn für unschuldig.

Dort unten im Brunnen hat er nicht geschrien, weil er verrückt war, sondern weil er schon seit seiner Kindheit eine panische Angst vor Aalen hatte. Sein Arzt in Broadmoor schrieb in die Krankenakte: „Sein Verhalten ist durchaus rational. Der einzige Hinweis auf eine Manie ist seine enorme Angst vor den winzigen Wesen, die er glaubt, malen zu müssen, und dennoch scheint er damit nicht aufhören zu können.“

Der einzige Hinweis auf eine Manie! Am Tag des Mordes war Edmund also keineswegs geistesgestört, den Verstand hat er erst später in der Irrenanstalt verloren.

Was den Mord betrifft, haben wir nur Mauds Aussage, die gegen ihn spricht. Und diese Aussage steht auf tönernen Füßen.

Warum hat sie gerufen: „Der Herr hat den Verstand verloren!“, obwohl er nichts weiter tat, als mit einem Eispickel und einem Hammer das Haus zu verlassen?

Wieso hat sie den Hausburschen weggeschickt? Er war ein kräftiger Junge von sechzehn Jahren und wäre sicher allein mit Edmund fertiggeworden.

Wie ist Edmund Stearne im Brunnen gelandet? Hat ihn jemand vor dem Mord hineingestoßen, um ihn aus dem Weg zu schaffen? Hat ihm jemand die Gegenstände in die Taschen gesteckt und die Waffen und die Aale in den Brunnen geworfen?

Aber was hat das alles mit Hexerei zu tun?

Nicht nur die Blätter des Salomonssiegels verweisen darauf, sondern auch das Glas. Ich habe es im winzigen Museum von Wakenhyrst entdeckt. Laut Experten stammt es aus dem Mittelalter und weist Spuren von Urin und einem giftigen Nachtschattengewächs auf, beides gängige Zutaten eines „Hexenfläschchens“. Das ist ein altes Zaubermittel gegen den bösen Blick.

Außerdem kann es kein Zufall sein, dass einer von Edmunds Vorfahren ein Hexenstecher gewesen war, der die Angeklagten auf verräterische Warzen untersuchte. Oder dass John Stearne unter einer Decke mit dem berüchtigten Hexenfahnder steckte, der 1645 in Bury St. Edmunds vierzig Menschen aufknüpfen ließ. (Ein weiterer Richter war am weltberühmten Hexenprozess in Salem, Massachusetts, beteiligt. Filmleute würden das einen amerikanischen Blickwinkel nennen, womit Mauds Geschichte sogar noch einen Hauch von Hollywood erhielte.)

Und um das Maß voll zu machen: In Wakenhyrst wird gemunkelt, dass Maud Stearne sich selbst für eine Hexe hält.

Das will ich keinesfalls behaupten. Doch beging sie womöglich im Jahr 1913 den Mord – im Glauben, sie sei tatsächlich eine Hexe – und schob ihn dann ihrem Vater in die Schuhe? Und dieser nahm, um seine Tochter zu schützen, die Schuld edelmütig auf sich?

Warum hat sie es getan? All das steht in meinem Buch. Die Fakten passen zusammen, und sie lüften das Geheimnis um Edmund Stearne.

Seine Bilder sind verschlüsselte Hinweise auf Mauds Schuld. Den Mittelpunkt eines jeden Gemäldes bildet eine Hexe. Die Geschöpfe, die sie umschwärmen, sind ihre bösen Gehilfen.

Und die Hexe ist Maud.

Mord im Garten von Patrick Rippon

Erschienen bei Titan.

Informationen zum Leserrabatt finden Sie auf Seite 48.

 

Brief von Maud Stearne an Dr. Robin Hunter, 14. November 1966

Liebe Dr. Hunter,

ein anonymer „Menschenfreund“ hat mir Mr Rippons unverschämten Artikel zugeschickt, und da ich jeden weiteren Kontakt mit diesem abscheulichen kleinen Mann verweigere, wende ich mich an Sie. Soll ich mich als Verrückte und Mörderin abstempeln lassen? Natürlich weiß Mr Rippon, dass ich es mir nicht leisten kann, ihn
zu verklagen.

Hinter diesen Lügen über Hexerei steckt nur meine Köchin. Sie und meine Schwägerin wollen mich in ein Heim stecken und das Moor verkaufen. In meiner Kindheit erstreckte
es sich noch bis hinter die Kirche. Doch dieser Teil war Gemeindeland und wurde nach dem Krieg verkauft. So arm ich auch sein mag, werde ich niemals gestatten, dass
mein Moor entwässert und in eine Weide für Schweine verwandelt wird.

Naiverweise habe ich angenommen, diese Bande loszuwerden, indem ich einem Eindringling Zutritt zu Wake’s End gewähre. Diesen Fehler werde ich nicht wiederholen. Sollten Sie mich weiter belästigen, werde ich das Notizbuch verbrennen. Damit Sie das nicht als leere Drohung auffassen, habe ich eine willkürlich herausgerissene Seite beigefügt. Mehr werden Sie nie erfahren. Niemals werde
ich Ihnen oder sonst jemandem meine „Geschichte“ erzählen. Ich will in Ruhe gelassen werden.

Maud Stearne

 

Brief von Dr. Robin Hunter an Miss Maud Stearne, 16. November 1966

Liebe Miss Stearne,

bitte verzeihen Sie, dass ich Sie erneut behellige. Ich flehe Sie an, das Notizbuch nicht zu beschädigen. Gerade war ich zum ersten Mal seit der Renovierung in St Guthlaf’s und habe eine so erstaunliche Entdeckung gemacht, dass ich Ihnen einfach schreiben musste.

Ich hatte von dem mittelalterlichen Gemälde gehört, das unter der Bezeichnung „Weltgericht von Wakenhyrst“ läuft und 1911 unter bemerkenswerten Umständen gefunden wurde, bis heute hatte ich es jedoch nie mit eigenen Augen gesehen. Wie Sie wissen, handelt es sich
um eine typische Darstellung des Jüngsten Gerichts, in der die Hölle überzeugender wirkt als der Himmel. Was es für mich außerordentlich interessant macht, sind jedoch die Parallelen zu den Gemälden Ihres Vaters.

Mir ist bewusst, dass Sie sich nicht damit beschäftigen wollen, doch auf dem Gemälde Nr. 2 Ihres Vaters ist mir ein Detail aufgefallen, das ich für sehr bedeutsam halte. Drei der darauf abgebildeten Gestalten sind zu Recht hochgelobt worden. Sie wurden zunächst „Die drei Dämonen“ genannt, heute kennen wir sie jedoch als „Erde“, „Luft“ und „Wasser“. Es ist die abscheuliche „Erde“, die mir in St Guthlaf’s die Augen geöffnet hat.

Ich hatte schon einige Stunden vor dem „Weltgericht“ verbracht, doch erst als der Pastor die Lichter löschte, bemerkte ich in einer Ecke einen schuppigen kleinen Teufel. Er ist nackt und kauert mit obszön gespreizten Beinen
da, und obwohl er gerade eine Sünderin mit seinem Speer aufgespießt hat, gilt sein lüsternes Grinsen nicht ihr, sondern uns.

Ich warf einen kurzen Blick auf mein Notizbuch, auf dessen Umschlag „Die drei Dämonen“ vom Gemälde Ihres Vaters abgedruckt sind. Die Erde zwinkerte mir anzüglich zu. Wieder betrachtete ich den Teufel. Auch er zwinkert, und sein krötenähnliches Grinsen ähnelt sehr dem der „Erde“.

Genau genommen ist es identisch. Und da wusste ich es. Die Geschöpfe in den Bildern Ihres Vaters sind weder Feen noch Elfen und ganz eindeutig keine Dämonen. Es sind Teufel.

Bitte entschuldigen Sie mein unzusammenhängendes Geschreibsel. Es ist drei Uhr morgens. Aber bitte beantworten Sie diesen Brief. Ich möchte unbedingt Ihre Meinung dazu hören.

Mit herzlichen Grüßen

Robin Hunter Ph. D.

 

Eastern Daily Press, 20. November 1966

Sturm beschädigt historisches Anwesen

 

Das Unwetter, das gestern Nacht über Suffolk hinwegfegte, richtete in der Gemeinde Wakenhyrst große Schäden an. Am schlimmsten betroffen war das historische Anwesen Wake’s End, das frühere Zuhause des berühmten Künstlers Edmund Stearne. Das Dach gilt als einsturzgefährdet. Laut Expertenmeinung werden die Reparaturkosten mehrere Tausend Pfund betragen.

 

Brief von Maud Stearne an Dr. Robin Hunter, 24. November 1966

Lieber Dr. Hunter,

wenn Sie übermorgen um zwei Uhr mittags nach Wake’s End kommen, können wir den Verkauf meiner „Geschichte“ besprechen.

Freundliche Grüße

Maud Stearne

Michelle Paver

Über Michelle Paver

Biografie

Michelle Paver wurde als Tochter eines Südafrikaners und einer Belgierin im heutigen Malawi geboren. Später zog die Familie nach England, wo Michelle Paver in Oxford zuerst Biochemie studierte, sich dann aber für eine Karriere als Patentanwältin entschied. Sie arbeitete mehrere Jahre in einer...

Pressestimmen
Anthony Horowitz

„Eine wunderbar stimmungsvolle und sehr unterhaltsame Schauergeschichte.“

Observer

„Originell und fesselnd.“

Scotland on Sunday

„›Teufelsnacht‹ ist vieles – ein schauriger Horrorroman, ein Märchen vom Erwachsenwerden, eine Geschichte von Wahnsinn und Einsamkeit.“

SUN

„Diese düstere Erzählung wird Sie in ihren Bann ziehen.“

Woman and Home

„Ein gruseliges Meisterwerk.“

Good Housekeeping

„Eine brillant gemachte atmosphärische Lektüre.“

Daily Mail

„Ein großartiger Schauerroman.“

BBC Radio 2 Book Club

„Dieses Buch verfolgt mich noch immer. Absolut fesselnd.“

Evening Standard

„Eine Geistergeschichte, die es mit den großen Klassikern aufnehmen kann.“

The Times

„Michelle Pavers Erzählweise ist unwiderstehlich.“

Sunday Telegraph

„Eine Geschichte von Schrecken und Schönheit.“

Scotland on Sunday

„Das Gefühl der Angst wächst beim Lesen mit jedem Umblättern.“

Big Issue

„Paver ist eine der zeitgenössischen Größen Großbritanniens. Dieser Roman zeigt, warum.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden

Michelle Paver - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Michelle Paver - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Michelle Paver nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen