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Tausend kleine SchritteTausend kleine Schritte

Tausend kleine Schritte

Roman

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Tausend kleine Schritte — Inhalt

Grace Lisa Vandenburg zählt alles, was sie umgibt, jede Kleinigkeit: die Schritte bis zu ihrem Lieblingscafé (920), die Streusel auf ihrem Orangenkuchen (12 – 92) und die Buchstaben ihres Namens (19). Erst Seamus O’Reilly und sein unwiderstehlicher Wunsch, hinter das Geheimnis ihres Lebens zu kommen, lässt sie die Kontrolle verlieren.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.10.2010
Übersetzt von: Brigitte Jakobeit
272 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-25963-7
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 17.07.2012
Übersetzt von: Brigitte Jakobeit
272 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95678-9

Leseprobe zu »Tausend kleine Schritte«

Alles zählt.

Eines Morgens, nicht lange nach dem Unfall, drehte ich mich auf dem Weg zur Schule an der Gartenpforte um und schaute zur Treppe zurück. Es waren nur zehn Stufen – ganz normale graue aus Stein, nicht aus Holz wie die zweiundzwanzig tückischen hinten am Haus. Die Stufen der Vordertreppe hatten schmale Streifen und dazwischen etwas grauen Sand, damit man bei schlechtem Wetter nicht ausrutschte. Aus irgendeinem Grund fand ich es falsch, sie so gedankenlos zu benutzen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Kam mir undankbar vor gegenüber diesen [...]

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Alles zählt.

Eines Morgens, nicht lange nach dem Unfall, drehte ich mich auf dem Weg zur Schule an der Gartenpforte um und schaute zur Treppe zurück. Es waren nur zehn Stufen – ganz normale graue aus Stein, nicht aus Holz wie die zweiundzwanzig tückischen hinten am Haus. Die Stufen der Vordertreppe hatten schmale Streifen und dazwischen etwas grauen Sand, damit man bei schlechtem Wetter nicht ausrutschte. Aus irgendeinem Grund fand ich es falsch, sie so gedankenlos zu benutzen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Kam mir undankbar vor gegenüber diesen Stufen, die mich in den acht Jahren meines bisherigen Lebens klaglos getragen hatten. Ich lief zur Treppe zurück und stieg rauf. Dann stieg ich wieder runter und zählte dabei jede Stufe einzeln. Na bitte! 10.

Der Tag ging weiter, aber ich musste immer wieder an die 10 Stufen denken. Es war keine fixe Idee. Nichts, was mich vom Unterricht oder Seilspringen oder Reden abgehalten hätte, sondern eher ein leichtes Ziepen, wie bei einem losen Zahn, den man ständig mit der Zunge befühlt. Auf dem Heimweg ergab es sich fast wie von selbst, dass ich meine Schritte zählte. Ich fing beim Schultor an, dann den Trampelpfad entlang, auf dem Fußweg, über die Straße, unten am Hügel vorbei, wieder über eine Straße und den Hügel hinauf bis in unseren Garten: 2827.

Ziemlich viele Schritte für eine so kurze Entfernung, aber damals war ich auch noch kleiner. Heute, da ich 1,72 m und nicht mehr 1,20 m groß bin, würde ich die Strecke gerne noch mal ablaufen, und irgendwann gelingt mir das vielleicht auch. Ich weiß nur noch, dass ich am Ende jenes ersten Tages mit einem triumphierenden Gefühl im Bett lag. Ich hatte die Dimensionen meiner Welt vermessen. Jetzt kannte ich sie, und keiner konnte sie mehr verändern; sie waren beständig.

Im Gegensatz zum Wetter in Melbourne. 36 Grad und sonnig; 38 Grad, sonnig; 36 Grad, sonnig; 12 Grad und so starker Regen, dass ich auf dem Weg zum Briefkasten fast eine Gehirnerschütterung riskiere. So jedenfalls ist dieser Januar bisher gewesen. Als Kind fand ich das nahezu unzumutbar. Mit 8 Jahren begann ich die täglichen Höchst- und Tiefstwerte aus der Zeitung in eine Tabelle zu übertragen, auf der Suche nach einem Muster. Nichts.

Im Laufe der Zeit wurde das Zählen zum Gerüst meines Lebens. Wenn ich gestört wurde, bemühte ich mich, die Unterbrechung möglichst unauffällig zu gestalten, um keinen Verdacht zu erregen. Abbrechen war erlaubt und kein Verstoß gegen die Regeln – Zahlen sind geduldig und warten – man durfte nur nicht vergessen, wo man war oder einen Schritt zu viel machen. Auf alle Fälle durfte man sich nicht verzählen, denn sonst musste man von vorn anfangen. Schwierig war nur, das Zucken der Finger zu verhindern.

»Grace, warum bewegst du die Finger so komisch?«

»Wie komisch?«

Schon damals spürte ich, dass Zählen nicht zu den Dingen gehörte, über die ich mit anderen reden sollte, obwohl ich erst acht war.

Die Zahlen waren ein Geheimnis, das nur mir gehörte. Manche Kinder wussten nicht mal, wie breit die Schule oder ihr Haus war, geschweige denn die Zahl der Buchstaben in ihrem Namen. Ich bin eine 19: Grace Lisa Vandenburg; Jill eine 20: Jill Stella Vandenburg, einer mehr als bei mir, obwohl sie drei Jahre jünger ist. Meine Mutter ist eine 23: Marjorie Anne Vandenburg. Mein Vater war auch eine 19: James Clay Vandenburg.

Plötzlich sah ich überall Zehner. Warum endete fast alles mit Nullen? Über die Straße gehen: 30 Schritte. Vom vorderen Gartenzaun zum Lebensmittelladen: 870 Schritte. War es möglich, dass ich meine Zählerei unbewusst dezimalisierte? Blieb ich an der Fußmatte des Ladens stehen statt an der Tür, nur damit ich am Ende eine Null bekam?

Nullen, Zehner. Finger, Zehen. Wir benennen die Zahlen in Blöcken. Eines Tages lernten wir im Matheunterricht Auf- und Abrunden, also eine Zahl in die nächste, durch 10 teilbare zu verwandeln. Ich fragte Mrs. Doyle, ob man nicht auch die nächste durch 7 teilbare Zahl nehmen könne. Sie wusste nicht, was ich damit meinte.

Warum sind Uhren so unübersehbar falsch? Auf der Grundlage von 60 zu zählen, ist eine heidnische Tendenz. Warum nehmen die Menschen das hin?

Als ich die Highschool abschloss, wusste ich alles über das digitale System, seine indoarabische Geschichte und die Rolle der Fibonacci-Folge bei der Einführung der Bezugsgröße 10 im Jahr 1202. Noch heute ärgern sich viele im Cyberspace – die Leute, die immer noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, sind wütend, weil als Bezugsgröße die 10 und nicht die 12 gewählt wurde, die in ihren Augen reiner ist; sie ist leicht zu halbieren und zu vierteln, und entspricht der Anzahl der Monate und der Apostel. Aber ich halte mich an die Finger – so ist unser Körper nun mal angelegt. Ende der Diskussion.

Die Erkenntnis, dass Zehner die Welt bestimmen, markierte einen wunderbaren Wendepunkt, als hätte mir jemand den Schlüssel zum Leben gegeben. Wenn ich mein Zimmer aufräumte, hob ich immer 10 Sachen auf. 10 Sachen in der Stunde, 10 Sachen am Tag. 10 Bürstenstriche durchs Haar. 10 Weintrauben als Snack. 10 Seiten lesen vor dem Einschlafen. 10 Erbsen essen. 10 Socken falten. 10 Minuten duschen. 10. Jetzt erkannte ich nicht nur die Ausmaße meiner Welt, sondern auch die Größe und Form aller Dinge darin. Klar definiert und alles an seinem Platz.

Mein Barbie-Camper war out, meine Cuisenaire-Stäbchen waren in. Rein äußerlich machen sie nicht viel her: Eine grüne Plastikbox, die zurechtgeschnittene und glattgeschliffene Holzstücke in diversen Größen und Farben enthält. Erfunden von Georges Cuisenaire, meinem zweitliebsten Erfinder, als er nach einer Methode suchte, Kindern den Zugang zur Mathematik zu erleichtern. Ich liebe sie, besonders die Farben. Die Länge eines jeden Stäbchens entspricht seinem Zahlenwert, und jede Zahl hat eine andere Farbe. Noch als ich längst erwachsen war, verband ich mit Zahlen immer auch Farben. Weiß war 1. Rot 2. Hellgrün 3. Rosa (ein knalliges leuchtendes Rosa) war 4. Gelb 5. Dunkelgrün 6. Schwarz 7. Braun 9. Orange 10.

Ich lag stundenlang auf meinem Bett, hielt die Stäbchen in der Hand und lauschte dem Klacken, wenn sie zusammenstießen. Sobald ich dieses Geräusch höre, bin ich wieder acht Jahre alt: Das Bett ragte diagonal aus einer Zimmerecke, denn so kam meine Mutter leichter von beiden Seiten ran. Die Bettwäsche aus Baumwollflanell mit 34 pastellrosa und -blauen Streifen, die ich abends anstelle von Schäfchen zählte. An der Ostwand befanden sich 4 Dachfenster, durch die morgens, wenn die 31 Lamellen der Aluminiumjalousie hochgezogen waren, die Sonne fiel. Im Kopfteil des Bettes war ein eingebautes Licht hinter einem durchsichtigen Plastikschirm und ein Bord, auf dem ein kleines Transistorradio aus makellosem Silber in einem Kunstlederetui stand, ein Geburtstagsgeschenk von meinem Großvater. An der Westwand befanden sich weitere Regale, auf denen 2 Porzellanfiguren standen, eine Schafhirtin und eine Meerjungfrau, sowie 3 Plüschpekinesen mit langen karamelbraunen Haaren, die ich jeden Abend kämmte: Vater, Mutter und Kind. Und eine Brautpuppe in einem mit 40 Perlen verzierten Satinkleid. Auf dem Fußboden in der Ecke standen 7 Blechautos von der Größe einer Kinderfaust, ein Überbleibsel vom letzten Spielen.

In der Schule lief alles normal. Besser als normal. Eins plus, eins plus, eins plus. Und Klassenbeste ist wieder einmal Grace Vandenburg. Das Geheimnis meines Erfolgs verdankte ich den Zahlen: Ich machte in jedem Fach 100 Minuten Hausaufgaben pro Woche, und wenn ich damit fertig war, lernte ich in alphabetischer Reihenfolge 10 Wörter aus dem Lexikon. Aasfresser, ab, Abakus, Abart, Abgas, Ableger, Absinth, abtrotzen, abwaschen, Achse. Mein Gedächtnis wurde durch Wörter und Zahlen angeregt und geschärft – mir fallen noch heute Fakten und Personen, Daten und Wörter ein, selbst wenn ich gar nicht danach suche.

Niemand bemerkte es, als ich mich in Zahlen verliebte. Allerdings wäre es auch niemandem aufgefallen, wenn ich in Flammen gestanden hätte. Es war ein schlimmes Jahr für meine Eltern. Meine Mutter verbrachte Stunden im Garten und pflegte jeden Setzling, als wäre der Tod auch nur eines einzigen eine Niederlage für sie. Und mit meinem Vater ging es zu diesem Zeitpunkt schon bergab. Jill und ich schlugen uns allein durch. Zählen wurde – und blieb – mein Geheimnis.

 

Ich lebe im Stadtteil Glen Iris, zwei Straßen weiter von dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich lebe allein, nur Nikola ist bei mir. (Nikola Tesla: 11.) Sein Foto steht in einem blank polierten Silberrahmen auf meinem Nachttisch, gleich neben den Rechenstäbchen. Das Bild wurde 1885 von dem berühmten Fotografen Napoleon Sarony aufgenommen, als Nikola 29 war – das Original hängt im Smithsonian in Washington DC, neben einem Induktionsmotor, den Nikola 1888 erfand. Sein glänzendes Haar ist gescheitelt und ordentlich gekämmt, obwohl die rechte Seite nicht so recht liegenbleiben will. Es ist kurz geschnitten über den Ohren, die für seinen zierlichen Kopf zu groß sind und in einem schrägen Winkel nach hinten weisen wie bei einem Windhund, der Beute wittert. Sein Schnurrbart ist ebenfalls asymmetrisch und dennoch vorzeigbar, keineswegs ungepflegt, aber auch nicht geschniegelt. Er trägt ein weißes Hemd, dessen Kragen unter der dunklen, gestreiften Jacke seines Anzugs befestigt ist; das schmale Revers war damals vermutlich Mode. Aber es sind seine Augen, die der Welt zeigen, wer er ist. Tiefliegend und dunkel starren sie geradeaus – direkt in die Zukunft.

Seit nunmehr zwanzig Jahren sehe ich mir das Foto immer wieder an. Es würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages sprechen würde, wenn sich die Grautöne in warmes Fleisch verwandelten und seine Lippen anfingen, sich zu bewegen. »Ich heiße Nikola Tesla«, würde er sagen. »Ich wurde um Mitternacht vom neunten auf den zehnten Juli 1856 in Kroatien geboren. Meine Mutter war Duka Mandic, mein Vater Milutin Tesla. Mein Bruder hieß Dane und meine Schwestern Milka, Angelina und Marica. Ich studierte Ingenieurswesen am Österreichischen Polytechnikum in Graz. 1884 bin ich in die Vereinigten Staaten emigriert, wo ich die Elektrizität, den Magnetismus, den Induktionsmotor, Robotertechnik, Radar und drahtlose Kommunikation erfand. Ich war nie verheiratet und hatte auch nie eine Partnerin. Zu meinen Freunden zählen Mark Twain, William K.Vanderbilt und Robert Underwood Johnson. Ich hasse Schmuck bei Frauen. Ich liebe Tauben.«

Ich werde auf dem Bett liegen, wenn ich das höre, und mich zu ihm umdrehen. »Ich heiße Grace Lisa Vandenburg«, werde ich sagen. »Ich bin 35. Meine Mutter Marjorie Anne ist 70, meine Schwester Jill Stella 33. Jill ist mit Harry Venables verheiratet, er wird am 2. Mai 40. Die beiden haben drei Kinder: Harry junior ist 11, Hilary 10 und Bethany 6. Mein Vater hieß James Clay Vandenburg, aber er ist tot. Ich bin Lehrerin, obwohl ich derzeit nicht arbeite. Mit 21 war ich in einen lustigen, klugen Mann verliebt, der Filmemacher werden wollte. Er hieß Chris und sah ein bisschen aus wie Nick Cave. Ich verlor meine Jungfräulichkeit in seinem Auto vor dem Haus meiner Mutter. Es dauerte vier Monate, bis ich dahinterkam, dass er auch mit seiner Mitbewohnerin schlief. Ich mag keinen Koriander. Ich verstehe nichts von Ausdruckstanz. Ich habe eine Abneigung gegen realistische Malerei. Stretchkleidung macht mich dick.«

Vergessen wir das Letzte. Ich glaube nicht, dass ich den Kopf des größten Genies, das die Welt je gekannt hat, mit dieser fesselnden Kleinigkeit füllen würde. Aber er würde es verstehen. Er würde mich verstehen. Schließlich war er ebenfalls in Zahlen verliebt, nur die 10er waren ihm nicht so wichtig.

Die Liebe zu Zahlen tritt in vielerlei Formen auf, wenngleich 10er eindeutig und anatomisch überlegen sind. Es gibt den berühmten Fall, dass ein 18-jähriger Mann auf die 22 fixiert war. Wenn ich mir vorstelle, dass jemand 22-mal durch eine Tür gehen muss. Oder sich auf einen Stuhl setzt, dann sofort wieder aufsteht, und das 22-mal, bevor er zur Ruhe kommt. Allein das unterstreicht die natürliche Logik von 10ern. Ein 13-jähriges Mädchen wiederum hatte es mit 9en – bevor sie einschlief oder aufstand, klopfte sie mit den Füßen 9-mal an die Bettseite. Es gibt Berichte über 8-Fanatiker, darunter ein Junge, der sich immer wenn er einen Raum betrat 8-mal umdrehen musste. Die Geschichte mit der 6 ist vermutlich die traurigste. Ein Teenager hasste die Zahl so sehr, dass er nichts 6-mal wiederholen konnte. Oder 60-mal. Oder 66-mal. Er verabscheute selbst Zahlen, deren Quersumme 6 ergab. Keine 42. Keine 33.

Nikola liebte 3en. Er zählte seine Schritte wie ich, aber es waren die 3en, für die sein Herz schlug. In einem Hotel blieb er nur, wenn seine Zimmernummer durch 3 teilbar war. Jeden Abend, wenn er im Waldorf-Astoria um Punkt 20.00 Uhr an seinem gewohnten Tisch speiste, lagen 18 gefaltete Servietten an seinem Platz. Warum 18? Warum nicht 6 oder 9 oder 72? Ich würde mich unheimlich gern eines Morgens im Bett umdrehen, ihn neben mir sehen und danach fragen. In diesem Jahr werde ich am 27. August 36. Das fände er toll.

Auf den Straßen von New York zu gehen, war schwierig für ihn, denn wenn er mehr als einen halben Block zurückgelegt hatte, musste er weitergehen und ihn dreimal umrunden. Er zählte sein Essen nicht wie ich, sondern berechnete von jeder Gabelvoll, von jedem Teller oder Glas den Kubikinhalt; ihm war es egal, ob er zwei Bohnen aß oder zwanzig. Und weil diese Art von geistiger Gymnastik selbst dem weltweit größten Genie einiges an Konzentration abverlangte, aß er immer allein. Er spielte gern Karten, was ich lange seiner Liebe zum Zählen zugeschrieben habe. Glücksspiel ist einer der wenigen Punkte, bei dem Nikola und ich uneins sind. Entgegen den verzweifelten Hoffnungen aller bedauernswerten Kasinosüchtigen, folgen Kartenspiele und Roulette keinem festen Muster. 1876 war Nikola zum Spieler geworden, was seinem Vater, einem Priester, große Sorgen machte. Aber er überwand sein Laster, wie er auch das Rauchen und Kaffeetrinken überwand, denn Nikola konnte alles überwinden.

 

Mich haben die Stufen unserer Haustreppe zum Zählen gebracht, aber manchmal stelle ich mir vor, wie alles begann. Es gibt viele Möglichkeiten, aber irgendwo musste es anfangen. Mit irgendwem. Einer Person.

Meistens stelle ich mir dann eine Cro-Magnon-Frau vor. Nicht dass Männer das nicht gekonnt hätten, aber Männer beschützten den Stamm und gingen jagen – für sie waren Zahlen nicht so wichtig. Frauen dagegen brauchten sie dringender.

Eine Gruppe von Frauen, die Körner und Früchte sammelten und die Kinder großzogen. Sie mussten Dinge berechnen, beispielsweise wann ein Baby kommen würde, oder für wie viele Tage die Vorräte noch reichten. Meine Cro-Magnon-Frau war vielleicht vor über 10 000 Jahren auf einer Reise, um einen anderen Stamm zu besuchen, und wollte wissen, wann ihre Periode fällig war. Der Stamm hatte bestimmte Regeln, sagen wir: Eine menstruierende Frau darf keine Lebensmittel anfassen, darf sich nicht unter Männer mischen oder Wild häuten. Vielleicht brauchte sie Binden aus Tierhaut. Sie wollte nicht unvorbereitet sein. Es war später Winter, der Himmel bewölkt, kein Mond zu sehen. Sie packte noch etwas ein, nämlich den Speichenknochen eines Wolfs, den sie irgendwann bei der Suche nach Schneehuhneiern gefunden hatte. Sie hatte den Knochen aufgehoben, ohne recht zu wissen warum, aber am Tag ihrer Reise, dem ersten Tag ihrer Periode, markierte sie den Knochen mit einem von einer Speerspitze abgebrochenen Stück Feuerstein. Sie zog einen Strich:

 

xxx

 

Wurde sie als große Wohltäterin gepriesen, als Begründerin einer Methode, mit deren Hilfe sich feststellen lässt, wie viele Bisons in einer Herde sind oder wie viele Tage ein Fußmarsch zum Meer dauert? Wurde sie als Gefährtin, Mutter oder als eine der Stammesältesten geschätzt? Vielleicht wäre ihre Sichtweise zu anders gewesen. Wurde sie aufgrund ihrer schärferen Wahrnehmung geächtet, bestraft oder schikaniert? Stand sie allein da und wurde fortgeschickt, weil sie den Mond und die Jahreszeiten und das damit verbundene Wissen nicht berücksichtigte?

Alles begann mit einer Reihe von Strichen, aber es dauerte nicht lange, bis die Striche den Fingern entsprechend in 5er-Gruppen gebündelt wurden. Aus den 5er-Gruppen wurden 4 senkrechte Striche mit einem Querstrich. Tatsächlich leiten sich die arabischen Ziffern 2 und 3 von solchen Strichen ab. Eine 2 besteht lediglich aus zwei horizontalen, miteinander verbundenen Strichen, eine 3 aus drei miteinander verbundenen Strichen. Irgendwann wurden für 5 und 10 spezielle Symbole benutzt, um die Anhäufung der vielen Striche zu vermeiden. Dennoch ist diesen Zeichen eine Reinheit eigen, wie man sie immer noch auf den Tafeln von Kindern findet. Wenn wir klein sind, zählen wir mit dem Herzen. Die meisten meiner Studienkollegen im Lehramtsstudium wollten in den Oberklassen der Sekundarstufe unterrichten, ich dagegen wollte immer nur in die Grundschule. Zu sehen, wie kleine Kinder zählen lernen, begeisterte mich Jahr für Jahr, als wäre ich es, die jene Symbole zum ersten Mal schreibt. Ich erinnere mich noch an alles aus meiner Zeit als Lehrerin. An das Gefühl von seidigem Kreidestaub an den Handflächen. Den staunenden Schalk auf den kleinen Gesichtern.

Wenn ich abends mit dem vielen Zählen fertig bin, stelle ich mir manchmal vor, ich wäre die Entdeckerin der Zahlen. Die Frau, die einen Strich in den Wolfsknochen ritzt. Und für diese Ketzerei soll ich geopfert werden. Dann kommt jedes Mal Nikola, und rettet mich.

Manchmal bin ich in Salem, Massachusetts. Mein puritanisch-schwarzer Kittel ist eng über der Brust geschnürt. Meine Handgelenke sind am Rücken um einen Pfahl gefesselt, um mich herum türmt sich ein Scheiterhaufen. Meine ach so frommen Nachbarn haben mir von der Taille abwärts die Beine bis zu den Knöcheln zusammengebunden und dabei versucht, mit ihren rauen Händen unter die Röcke zu grapschen. Die Menge johlt. Das Feuer wird angezündet. Es gibt keine Hoffnung für mich. Gleich verzehren mich die Flammen. Plötzlich verstummt die Menge. Ein schwarzes Pferd donnert durch die Nacht. Nikola. Er tritt auf mich zu, die Flammen züngeln um seine kniehohen schwarzen Stiefel. Er verbrennt nicht. Bleibt unversehrt. Er durchtrennt meine Fesseln und zieht mich an seine Brust.

Bei anderen Gelegenheiten sind meine Hände vorne gebunden und ich knie vor einem aztekischen Hohepriester. Meine Augen und mein Mund sind weit geöffnet. Mein um den Körper geschlungenes Kleid aus prächtig vergoldetem und diamantbesetztem Tuch wird von jeweils einer Wache zu beiden Seiten entfernt; ihre Hände ruhen auf meinen Schultern. Sie legen mir eine seidene Augenbinde um. Eine Wache umfängt frech meine nackte Brust. Ich bin hilflos. Sie zerren mich an einer um den Hals gelegten Kette auf die Füße und beugen mich über einen Altar. Eine kalte Hand drückt gegen meinen Nacken. Plötzlich spüre ich eine Veränderung in der Menge – Murmeln, Gerangel. Ich werde vom Altar gezogen und über Nikolas Schulter gehoben. Meine Augenbinde fällt zu Boden. Die Wachen liegen tot da, der Hohepriester kniet vor uns.

Mir ist klar, das Ganze ist eine jugendliche Märchenphantasie, aber manchmal so plastisch, dass das wirkliche Leben daneben verblasst. Auf jeden Fall ist es keine typische gutbürgerliche Phantasie einer gutbürgerlichen Frau aus einem gutbürgerlichen Vorort. Wie die aussehen, kann ich mir gut vorstellen: »Nimm mich auf dem Granittisch, Julio! Ich will deinen pumpenden Hintern im rostfreien Stahl des doppeltürigen Kühlschranks mit Eiswürfelmaschine gespiegelt sehen!«

In meinen Phantasien stehe ich immer kurz vor dem Tod, und Nikola rettet mich. Ich war noch nie in Europa, Amerika oder Asien, aber meine Phantasien führen mich an exotische Orte, die ich riechen und berühren und fühlen kann. In meinen Träumen gibt es keine Zahlen, nicht eine einzige; keine Zählerei, keine Zeichen, keine Schritte. Aber wenn ich aufwache, beginne ich wieder zu zählen.

 

Samstag. Es sind 24 Grad, eine ärgerliche Zahl, denn eigentlich liegt Zimmertemperatur zwischen 20 und 23 Grad. Ich wache morgens um 5.55 Uhr auf. Mir bleiben 5 Minuten, um mich zu sammeln, bevor ich auf die Sekunde genau um 6.00 Uhr die Füße auf den Boden setze. (Ich überprüfe die Zeit jeden Abend um 18.00 Uhr im Internet und stelle, wenn nötig, sämtliche Uhren und meine Armbanduhr richtig. Es ist selten nötig.) Der Rest von Glen Iris könnte sich über Nacht vom grünen Stadtviertel in eine von Außerirdischen bewohnte Mondlandschaft verwandelt haben. Ich öffne nie die Jalousien.

Ich stehe da. 25 Schritte zum Badezimmer. Zum Glück habe ich lange Beine für meine Größe. Müsste ich mich so früh am Morgen einer 27 oder 28 stellen, wäre mein Tag aus dem Ruder. Dann putze ich mir die Zähne, eine knifflige Sache. Jeder Zahn hat 3 Flächen – innen, oben, außen, mit Ausnahme der Schneidezähne, die haben nur 2 Flächen, weil die oberen Kanten scharf sind wie Rasierklingen. Es gibt 6 Reihen – oben links, Mitte, oben rechts, unten links, Mitte, unten rechts. Jede Fläche braucht 10 volle Bürstenstriche, auf und ab, also 16 mal 10 Striche. 160. Das dauert eine Weile. Dann mit Zahnseide zwischen jedem Zahn 10-mal auf und ab.

Duschen. Wenn ich jedes Körperteil 10-mal einseife, kommt es sehr auf Behutsamkeit an. Haare: Werden alle zwei Tage gewaschen, und beim Massieren auf der Kopfhaut beschreibt jeder Finger abgezählte Kreise. 10 Kreise mit jedem Finger, dann zur nächsten Stelle wechseln. 10-mal wiederholen. Die Spülung braucht weniger Kreise – 10 mal 5. Raus aus der Dusche und mit dem oben auf dem Stapel liegenden Handtuch abtrocknen. Wieder 10-mal entlang an jedem Körperteil, 10-mal über die Brust, 10-mal über den Rücken. Dann Gesicht waschen. Mein Gesicht ist in 5 Zonen aufgeteilt: Stirn – hell, breit, glatt. Wangen, von scharfen Wangenknochen geprägt. Nase, etwas zu spitz. Kinn, vorstehend. Der Gesamteindruck ist attraktiv, aber markant, wie bei einem skandinavischen Oberkellner mit zu knapp sitzender Unterhose. Jede Zone braucht 5 Striche mit einem Wattepad, um die Reinigungsmilch zu entfernen. Wiederholen mit dem Gesichtswasser. Gleiche Prozedur beim Auftragen der Feuchtigkeitscreme. Wiederholen mit dem Sonnenschutz. Haare trocknen, 100 langsame Striche mit der großen Bürste unterm Fön. Das ist der schwierigste Teil, denn jeder Strich muss gleichmäßig bis in die Spitzen ausgeführt werden und doch sanft genug, dass ich am Ende nicht mit einer blonden Krause dastehe. Die einzige Abwandlung findet am Sonntagmorgen statt, wenn ich mir noch die Nägel schneide, die Nagelhaut zurückschiebe und abknipse und anschließend die Nägel 10-mal mit jeder Seite meines Schleifblocks poliere. Mein Schleifblock hat vier Seiten: eine Feile, ein Rillenentferner, ein Glätter und ein Polierer. Auch das dauert eine Weile.

Aber heute ist kein Sonntag. Zurück ins Schlafzimmer, wieder 25 Schritte. Ich habe 10 Slips und 5 BHs. Sie liegen gefaltet in ihren Schubladen, und ich wähle immer von oben. Jeden BH trage ich 5-mal, jeden Slip einmal. Ich besitze 10 Hosen und 10 Röcke. Außerdem 10 kurzärmelige und 10 langärmelige Oberteile. Die Hosen und langärmeligen Oberteile sind für die kalten Monate, und ich trage sie täglich wechselnd vom 15. April bis zum 15. Oktober, also den halben Herbst und das halbe Frühjahr hindurch. In den Wintermonaten Juni, Juli und August ziehe ich ungeachtet der Temperatur eine Jacke an. Die Röcke und kurzärmeligen Blusen sind für die andere Jahreshälfte. Jedes Oberteil wird einmal getragen, jede Hose und jeder Rock 5-mal, wenn der erste Tag ein Montag, aber nur zweimal, wenn der erste Tag ein Samstag ist.

Ich fange auf der linken Kleiderschrankseite an und arbeite mich nach rechts durch, denn nach dem Waschen und Bügeln hänge ich meine Sachen auf die rechte Seite zurück. Die Reihenfolge ist beliebig und entscheidet sich danach, wie ich die Wäsche auf die Leine hänge, was wiederum von der Reihenfolge abhängt, in der ich die Wäsche aus der Maschine hole; ich stecke die Hand rein und ziehe das erstbeste Stück raus. Über farbliche Abstimmung mache ich mir keine Gedanken, allerdings besteht meine Garderobe auch zu einem unverhältnismäßig hohen Anteil aus soliden, dunklen Farben. Muster und Drucke bringen nur Ärger. Ich besitze 10 Paar Schuhe: für jede Jahreshälfte jeweils Schuhe für tagsüber und abends, außerdem Stiefel, Turnschuhe, Fellstiefel, Halbschuhe, alte Turnschuhe und ein Paar Sandalen, die nicht passen, aber die 10 vollmachen. Meine Abendschuhe werden nicht oft getragen, denn ich war schon seit einiger Zeit abends nicht mehr aus.

Und jetzt bin ich fertig zum Frühstück. Es ist 7.45 Uhr.

Da Samstag ist, gehe ich nach dem Frühstück in den Supermarkt. In Glen Iris trifft man im Januar am Samstagmorgen um 8.45 Uhr keine Menschenseele im Supermarkt – alle schlafen noch in ihren Strandhäusern in Portsea, Anglesea oder Phillip Island und träumen von wem auch immer, während sie neben ihren Ehepartnern liegen. An der Kasse erwartet mich ein gut aussehender junger Mann um die zwanzig mit zu viel Begeisterung auf seinem rosa Gesicht. Entweder ist er vom Ecstasy der letzten Nacht noch voller Liebe für die ganze Menschheit oder er wartet auf den richtigen Zeitpunkt, um mit mir über das Marketing der Amway-Supermarktkette zu sprechen. Aber eine andere Kasse ist nicht offen. Der Junge lächelt mir aufmunternd zu. Erste Kopfschmerzen kündigen sich an. Ich schiebe den Einkaufswagen an die Kasse, er quietscht bei jedem Schritt.

In meinem Wagen liegen 2 Pakete mit fetten, glänzenden Hähnchenschenkeln, 5 in jeder Packung. Ein Karton auf dem steht, dass er 12 Eier enthält. (Jede Woche versichere ich Ecstasy-Boy oder dem Mädchen mit der hohen Schmerzgrenze – einer Rucksacktouristin aus Neuseeland mit sieben Piercings in jedem Ohr –, dass ich die Eier schon kontrolliert habe. Dies nur, damit sie die Schachtel nicht öffnen und merken, dass ich 2 entnommen und bei den Gewürzen zurückgelassen habe. Plastiktüten mit je 100 Bohnen (ziemlich mühselig), 10 Karotten, 10 Babykartoffeln, 10 kleine Zwiebeln. 100 Gramm Salatmix. (Ich weigere mich, in einem Supermarkt ohne Digitalwaage einzukaufen.) 10 kleine Dosen Thunfisch. 10 orangefarbene Shampooflaschen. 9 Bananen.

Wie bitte?

Ich zähle noch mal.

Warum verdammt liegen nur 9 Bananen in meinem Wagen?

Das ist unmöglich. Ich sehe hinter den Eiern nach, unter der Tüte mit den Bohnen. Das ist nicht möglich.

Der drogenbenebelte Marketing-Held steht an der Kasse und lächelt. Seine Zähne sind ihr Geld wert. Er hat ein Lächeln wie ein Scientologe. Na schön, dann geh ich eben noch mal zurück. Ich kann nicht nur 9 Bananen kaufen. Er muss warten, bis ich mir in Gang 12 noch eine geholt habe.

Ich will mich gerade entschuldigen, als jemand mit einem Korb am Arm hinter mir stehenbleibt. Jetzt verliere ich meinen Platz. Aber ich war zuerst da. Welcher Loser geht so früh am Samstag Morgen in den Supermarkt? Vermutlich hat er einen super Freitagabend mit Inspector Morse auf DVD und einem Becher heißen Kakao verbracht. Der Scientology-Drogendealer steht immer noch da. Sein Lächeln schwindet. Er verschränkt die Arme.

Der Typ mit dem Korb liest gerade ein Klatschblatt über Stars und ihre Nasenoperationen oder irgendeine andere Pulitzer-preisgekrönte Publikation, die er vom Gestell neben der Kasse genommen hat. Offenbar ist er kurzsichtig, denn er hält sich das Ding direkt vor die Nase. Ich sehe nur seine Unterarme und die bis zu den Ellbogen aufgekrempelten Hemdsärmel. Seine Arme sind nur auf der Oberseite behaart. An einem zeichnet sich durch das Gewicht des Korbs eine Sehne ab. Vorne dunkelblondes Haar. Nicht zu viel. Es reicht nicht bis zu den Fingern seiner großen, tatkräftigen Hände. Über den Rand seines Einkaufskorbs baumelt inmitten von 2 Packungen Hackfleisch, 3 Packungen Würstchen, einem Glas Chili-Paste und 3 Äpfeln eine einzelne Banane.

Das Entscheidende bei solchen Operationen ist Gelassenheit. Ich schenke dem Scientologen ein Haifisch-Lächeln. Er befingert seine Krawatte. Dann packe ich meine Lebensmittel langsam und weit vom Scanner entfernt ganz hinten aufs Band. Mit Ausnahme der Bananen. Das Band rollt gnadenlos weiter und schert sich einen Teufel um die Bananen.

»Ich bin erschöpft«, sage ich.

Er schreckt auf. Wer immer ihn ausgebildet hat, hätte erwähnen sollen, dass Kunden mitunter sprechen.

»Gestern hab ich den ganzen Tag Kleingeld fürs Rote Kreuz gesammelt. Hungerhilfe. Für Kinder.« Ich zwinkere. Sein Lächeln kehrt zurück. Ich winke ihn mit dem Zeigefinger zu mir und deute mit der Hand auf die Lebensmittel. Dann senke ich die Stimme zu einem gut vernehmbaren Flüstern. »Macht es Ihnen was aus, wenn ich mit Fünfcentstücken zahle?«

Er kriegt große Augen, und als er sagt: »Da muss ich den Geschäftsführer fragen«, überschlägt sich seine Stimme. Er dreht sich um und sucht jemanden, egal wen. Während er abgelenkt ist, nehme ich mit beiden Händen lässig die Bananen aus meinem Einkaufswagen, trete lässig zurück, drehe mich dann ganz lässig um, strecke die Arme aus, schnappe mir das verschrumpelte braune Bananenende des Zeitschrift lesenden Fremden und entführe sie aus seinem Korb. Er bemerkt nicht das Geringste.

Als sich mein künftiger geldwaschender Religionsfanatiker wieder mir zuwendet, sieht er mich nur unheimlich lächeln, die Hände erhoben, als wollte ich gerade Miss Universum mit einem Büschel Bananen krönen. Einem Büschel von 10 Bananen, die ich sanft auf das Band lege.

»Vergessen Sie die Münzen«, sage ich und ziehe einen Fünfziger aus dem Portemonnaie. »Gibt ja nicht nur Geizhälse.«

Operation Banane vollendet. Meine Lebensmittel sind eingepackt und bezahlt. An der Tür bleibe ich noch eine oder zwei Minuten stehen und überfliege die Schlagzeilen der dort aufgestapelten Zeitungen. Dann spaziere ich mit zwei Taschen in jeder Hand, die Titelmelodie zu Gesprengte Ketten summend, aus dem Supermarkt. Auf dem Parkplatz bücke ich mich kurz, um die Plastiktüten zu verlagern, bevor sie mir die Finger amputieren. Als ich mich aufrichte, steht jemand direkt vor mir.

Der einsame Fremde. In der rechten Hand hält er einen Apfel. Er wirft ihn in die Luft und fängt ihn auf.

Toni Jordan

Über Toni Jordan

Biografie

Toni Jordan, geboren 1966 in Brisbane, landete mit ihrem ersten Roman »Tausend kleine Schritte« einen internationalen Überraschungserfolg. In Australien nominiert für den Miles Franklin Award und den Barbara Jefferis Award, wurde er mit überwältigender Mehrheit als Bestes Debüt des Jahres...

Pressestimmen

WDR 2

»Ein Buch, bei dem man kichert und lacht, das fröhlich macht, aber auch nachdenklich und manchmal auch ein bisschen wehmütig. Von Herzen empfehlenswert.«

Bunte

»Herrlich skurriles und preisgekröntes Debüt.«

General-Anzeiger

»›Tausend kleine Schritte‹ ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte über einen Menschen, der hilflos und kraftvoll zugleich ist.«

Emotion

»Grace begibt sich in Behandlung und zu den witzigsten Szenen in diesem sensationellen Buch gehören ihre Therapiestunden inmitten von Keimphobikern. Schon lange nicht mehr hat eine Liebesgeschichte so viel Spaß gemacht wie diese!«

Westdeutscher Rundfunk

Komisch und kurios, witzig und amüsant.

Brigitte

Ein hinreißendes Plädoyer für alle kleinen und selbst die größeren menschlichen Macken.

The Times

Eine ebenso originelle wie mitreißende Liebeskomödie.

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