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Tagebuch eines Mörders

Tagebuch eines Mörders

Roman

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Tagebuch eines Mörders — Inhalt

Am Sonntag, dem 6. April 1919, fügt der Stockholmer Arzt Pontus Revinge seinen Aufzeichnungen letzte Notizen hinzu. Adressiert sind sie an Hjalmar Söderberg, den von ihm bewunderten Schriftsteller. Ihm hatte Revinge einst die Inspiration zu einem Roman geliefert. Wie man nämlich, ohne Verdacht zu erregen, einen Menschen mittels Zyankali töten kann. Er selbst ermordete später seinen verhassten Arbeitgeber und heiratete dessen Witwe. Damit aber setzt Revinge folgenschwere Ereignisse in Gang. Als plötzlich von einer Obduktion des Toten die Rede ist, packt ihn die Angst … Mit diesem vielschichtigen Roman einer Obsession gelingt  Kerstin Ekman ein großer psychologischer Roman, der in Schweden zum Bestseller wurde.

€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 23.03.2011
Übersetzer: Hedwig M. Binder
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95257-6

Leseprobe zu »Tagebuch eines Mörders«

– jetzt, da die Kerzenflamme im Luftzug flackert und mein Schatten an der grünen Tapete zittert und flattert wie die Flamme und zum Leben erwachen möchte –, jetzt denke ich an Andersen und sein Märchen vom Schatten, und mir scheint, ich selbst bin der Schatten, der Mensch werden wollte.

 

Hjalmar Söderberg, Doktor Glas

 

ALLES IST IN bester Ordnung. Ich verspüre keine Unruhe. In den vergangenen Tagen habe ich oft an den Mann gedacht, durch den mein Leben eine so ungewöhnliche Wendung genommen hat. Ich würde ihm gerne schreiben. Doch ich glaube nicht, [...]

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– jetzt, da die Kerzenflamme im Luftzug flackert und mein Schatten an der grünen Tapete zittert und flattert wie die Flamme und zum Leben erwachen möchte –, jetzt denke ich an Andersen und sein Märchen vom Schatten, und mir scheint, ich selbst bin der Schatten, der Mensch werden wollte.

 

Hjalmar Söderberg, Doktor Glas

 

ALLES IST IN bester Ordnung. Ich verspüre keine Unruhe. In den vergangenen Tagen habe ich oft an den Mann gedacht, durch den mein Leben eine so ungewöhnliche Wendung genommen hat. Ich würde ihm gerne schreiben. Doch ich glaube nicht, dass er sich an mich erinnert. Ein Schriftsteller kann ja von Menschen inspiriert werden, sich ihrer bedienen und sie dann vergessen. Kann er sich auch meines Namens nicht entsinnen, so müsste er sich doch an meine ausgestreckte Hand erinnern. An meine Gabe.
Es ist Sonntag, der 6. April 1919, und somit mehr als dreizehn Jahre her, dass ich diese Aufzeichnungen zu führen begann. Jetzt muss ich sie vernichten. Das ist eine gewaltige Arbeit, und ich habe lange darüber nachgegrübelt, wie ich dabei zu Werke gehen soll. Mein erster Gedanke war, Nunne zur Müllkippe zu schicken, mit der Bitte, die Kuverts in eines der Feuer zu werfen, welche dort ständig brennen.
»Bombom«, nuschelt er, wenn er erfährt, dass er einen Auftrag erledigen soll. Ja, Nunne, du bekommst deine Bonbons und Tabak und ein großes Geldstück.
Doch diese Order besteht wahrscheinlich aus zu vielen Einzelschritten, Nunne bewältigt höchstens zwei. Unmittelbar vor der Visite kam mir ein anderer Gedanke. Wenn der Chefarzt an der Spitze seines Trupps von Assistenzärzten und Krankenschwestern hereinkommt, werde ich fragen, ob es mir schadet, hin und wieder eine Zigarre zu rauchen. Erhalte ich keine Erlaubnis dazu, gibt es immerhin noch die Möglichkeit, mich mit meiner Zigarre und meiner Streichholzschachtel ans offene Fenster zu stellen. Dort werde ich die Papiere anzünden. Eins nach dem anderen werden sie Feuer fangen und verkohlen, die schwarzen Flocken werden vom Winde ergriffen werden und sich mit dem frisch sprießenden Laube vermischen.
Zuerst aber werde ich sie lesen.

 

DER IDEALE LESER

 

ICH HABE BESCHLOSSEN, von nun an Tagebuch zu führen. Das ist ganz natürlich. Ein Mann braucht einen Ort, an dem er seinen Gedanken und Ideen unverblümt Ausdruck verleihen kann. Diese Aufzeichnungen nach längerer oder kürzerer Zeit zu lesen, muss so sein, als führe man mit sich selbst ein Gespräch. Ich habe ja sonst niemanden zum Reden. Was wir Menschen zueinander sagen ist ohnehin größtenteils Geplapper. Höflichkeit oder Häme. Gleichwohl immer Geplapper. Mit wem könnte ich schon aufrichtig sprechen?
Von Beichte ist hier nicht die Rede. Ich wähle selbstverständlich aus, was ich erzählen möchte, genauso wie in einem normalen Gespräch.
Ich glaube, es kann interessant sein, auf diese Aufzeichnungen zurückzukommen. Tyko Glas behauptet zwar, für niemanden zu schreiben, nicht einmal für sich selbst. Später verrät er jedoch, dass er immer wieder gelesen habe, was er über die beiden Stimmen in seinem Innern geschrieben hat. Das ist doch wohl ein Gespräch über etwas !
Ich werde das Buch noch einmal lesen. Die Stimmung am ersten Weihnachtstage ist trostlos. Es ist kalt im Hause.

 

 

 

Es ist Silvester, und jetzt gegen Abend sind die Straßen meist leer. Wer eine Familie hat, sitzt vermutlich in trautem Kreise um die Abendlampe. Vielleicht wurden Kerzen angezündet und es regen sich Schatten an der Tapete. Gießt man in der Neujahrsnacht immer noch Blei, obwohl bereits das Jahr 1906 anbricht?
In meinem Elternhause haben wir Blei gegossen, und meine Mutter sah in dem erstarrten Metall ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Für sich selbst sah sie Schmuck, für meinen Vater Geld in Hülle und Fülle. Was mich betraf, so sah sie einmal eine Schlange. Das Blei rann in das zischende Wasser, doch konnte ich nicht erkennen, dass es sich zu dem Emblem mit der Schlange formte, welche sich um einen Stab windet. Es glich eher dem, worin ich später im Leben zu wühlen hatte, um ihren Träumen von meiner Zukunft entgegenzukommen.

 

Immer wieder lese ich in dem Buche über Doktor Glas die Aufzeichnung vom 10. Juli.

 

Es ist jedoch beruhigend und gut zu wissen, daß diese in Mehl gerollten Kügelchen, die wie Schrotkörner aussehen, da drin liegen und auf den Tag harren, an dem man sie braucht.

 

Der Schock, den mir diese Worte versetzt haben, als ich sie zum ersten Male las, ist abgeklungen. Doch sie berühren mich auch jetzt noch stark.
Seine Erinnerung trügt ihn ein wenig. Die Kugeln sind größer als Schrot. Auch wurden sie nicht in Mehl gewälzt, sondern in Hexenpulver. Ich habe sie immer noch.

 

 

 

Ein neues Jahr. Ich sehe nicht, dass es eine Änderung meiner Stellung oder meiner Verhältnisse mit sich bringen wird. Eine feine Windhose aus Schnee ist vorbeigezogen, und auf dem Hause gegenüber hat sich der Kaminhut gedreht. Wegen der verkleisterten Fenster und der geschlossenen Lüftungsklappe konnte ich ihn nicht kreischen hören. Ich kam mir wie ein Gefangener vor, in watteartige Stille eingeschlossen und vom menschlichen Leben abgeschnitten. Ich sehne mich jedenfalls nach dem Alltag. Morgen, wenn ich zum Dienste gehe, beginnt er.

 

Er glaubt wohl, ich habe eine Praxis, denn er schreibt: Ich bin geritten und habe gebadet, ich habe wie üblich meine Sprechstunde abgehalten und meine Krankenbesuche gemacht. Und wieder wird es Abend. Ich bin müde.

 

Nein, ich habe keine Praxis, nicht einmal den Ansatz dazu. Ich habe kein Geld, um eine Wohnung zu mieten, um Möbel, Instrumente und sonstige Ausstattungsgegenstände zu beschaffen. Ich reite nicht. Ich bade in einem Keller in einem hölzernen Waschzuber. Ich habe die Madam dort unten dabei ertappt, wie sie in demselben Zuber Stockfisch eingeweicht und dann versucht hat, ihn mir zum Weihnachtsschmause aufzutischen. Das ist widerwärtig. Nein, er kann mein Leben nie und nimmer verstehen. Er dichtet.

 

 

 

Ich habe heute abgetakelte Frauen in zumeist schmuddeliger Wäsche untersucht. Da sie nach Aufforderung des Amtsdieners die Unterröcke geschürzt hatten, bevor sie bei mir eintraten, näherten sie sich auf eine Weise, die in einer anderen Situation schamlos gewirkt hätte. Mittlerweile wirken sie meist gleichgültig feindlich. Und es sind nicht nur die älteren, die stark nach Alkohol riechen. Die jungen, welche zum ersten Male hier sind, haben Angst vor meinem Spekulum und scheuen davor zurück. Manches ausreichend betrunkene alte Weibsen wagt einen Scherz und ein Augenzwinkern. Ich reagiere nicht darauf.
Wenn sie Symptome von Ulcus molle, Syphilis oder Gonorrhö aufweisen, verurteile ich sie zur venerologischen Heilanstalt Eira. Die Jungen mit noch gesunder und, wie es scheint, unberührter Schleimhaut auf der Zunge, im Rachen und am Scheideneingang pflegte ich in den ersten Jahren nahezu flehentlich zu warnen. Heute schweige ich.
Wunde Leisten, After mit unnatürlich ausgeweitetem Ringmuskel, rote und entzündete Schleimhautpartien rund um den Harnröhrenausgang, grießiger grauweißer Ausfluss, Blutungen aus Enddarm und Scheide, Papeln, Lymphknotenschwellungen, heftige rote Ausschläge und geschwürige Verhärtungen, das ist es, was ich sehe. Gegen Ende des Tages habe ich den Eindruck, als bestünde zwischen den Geschlechtsteilen und den Rachen, in die ich blicke, kein großer Unterschied.

 

Ich bin weder geritten, noch habe ich gebadet. Das ist keine Dichtung.

 

 

 

Ich wohne nun schon so lange in dieser Stadt, dass ich mich im Großen und Ganzen in allen ihren Straßen zurechtfinde. Trotzdem kann mich noch ein Gefühl der Desorientiertheit überkommen, besonders an hochsommerlichen Sonntagen, wenn das Sonnenlicht von stummen Hausfassaden zurückgeworfen wird. Leere Straßen und dröhnende Kirchenglocken erinnern mich an meine ersten Stunden in Stockholm. Trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, an einem Werktage angekommen zu sein. Es roch nach Kohlenrauch, und die Pferdedroschken und Lastkarren ratterten mit eisenbeschlagenen Rädern vor dem Hauptbahnhofe. Das Gefühl der Unwirklichkeit war jedoch dasselbe. Ich stand mit meinem Koffer da und fragte mich, ob diese lange Reise sinnvoll gewesen sei.
Doch so lang war sie eigentlich gar nicht. Ich war nur aus Linköping gekommen, wo wir wohnten, nachdem mein Vater eingeliefert worden war. Das Sonnenlicht muss grell gewesen sein und mitten am Tage die Schatten verkürzt haben. An solchen Tagen kann mich das aberwitzige Gefühl beschleichen, dass ich drauf und dran bin, vollends zu verschwinden.
Der wilde Klang schwingender Kirchenglocken, welcher zwischen kreideweiß erhellten Hausfassaden widerhallt, vermittelt mir das Gefühl, schattenlos durch eine mir unbekannte Stadt zu wandern, in der mein Dasein keinen Sinn hat.
Nun, man meidet dergleichen. An einem Sonntagvormittag zur Gottesdienstzeit verlasse ich nicht einmal dann das Haus, wenn mir die Zigarren ausgegangen sind. Die Läden sind ohnehin nicht geöffnet. Alles ist stumm und verschlossen. Die Schatten sind kurz. Zu ihnen möchte ich nicht gehören.
Wenn ich nicht länger Tagebuch schreibe, geselle ich mich zu den Schatten, zu jenen, welche nie gelebt haben. Wie aber könnten wir unser Leben mit der Schilderung in einem vollendeten Roman vergleichen? Das bin ich – und bin es doch nicht. So dachte ich, als ich sein Buch las. Schmutz, Überdruss und Trivialitäten sind daraus getilgt. Er reitet, er badet und erhält von einer Dame Rosen. Nein, das bin nicht ich.

 

 

 

Ich war jetzt im Lesesaale und habe dafür bezahlt, H. C. Andersens Der Schatten lesen zu dürfen. Dort zu sitzen ist ebenso demütigend, wie im Allgemeinen Zeitungskontor gegen eine Gebühr von zwei Öre Zeitungen zu lesen. Doch ich wollte sein Märchen unbedingt lesen, da es in Doktor Glas erwähnt wird. Der Kauf dieses Romans hatte meine Finanzen bereits aus dem Gleichgewicht gebracht.
Ist das ein Märchen? Vielleicht sollte man es Sittenstück nennen ?
Ein Schatten wird lebendig. Er dringt via Altane durch ein Fenster beim Nachbarn ein, er flattert, bewegt sich über die Wand und beginnt ein eigenständiges Leben. Ein böses Leben. Als der lebensgierige Schatten sich die Welt samt all ihren Verlockungen der Macht und des Reichtums erobert, welkt der nun schattenlose Mann dahin und stirbt.
Wenn Tyko Glas der Schatten ist, wer ist dann der Mann? Dieses Buch ist in vielerlei Hinsicht schwer zu verstehen. Aus H. C. Andersens Geschichte wird man ebenso wenig richtig klug.

 

 

 

Ich habe oft das beunruhigende Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Nur, in welcher Hinsicht? Ich weiß es nicht. Gleichwohl kann sich die Angst in meinem Innern bis zum Brechreiz steigern. Ich habe bisher nie versucht, dieser Pein auf den Grund zu gehen. Sie erschien mir als etwas Natürliches. Ich glaube aber kaum, dass Menschen generell das Gefühl permanenten Ungenügens haben. Für mich gehört es zum Leben.
Von Schuld kann keine Rede sein, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ich einen Fehler begangen hätte, welcher zu sühnen wäre. Es ist eher so, als müsste ich etwas zurückzahlen. Doch wer fordert von mir mehr, als in meiner Macht steht? Wer ist dieser Gläubiger, dessen Stimme ich zuweilen zu hören meine? Heute kam es mir auf dem Wege zum Amte so vor, als ginge er hinter mir über das Kopfsteinpflaster. Als ich stehen blieb, waren jedoch keine Schritte zu hören.
Wer ist er?

 

 

 

Ich will handeln. Leben ist Handlung.

 

Er schreibt, er sei bereit, Stellung, guten Ruf und Zukunft wie Ballast an Bord eines Schiffes zu verstauen, käme es nur mit einer Tat beladen.
Ich habe diesen Ballast nicht. Im Übrigen handelt es sich bei ihm um ein Luxusgeschöpf, welches behauptet, nach einer Tat zu dürsten, um dem Überdrusse abzuhelfen. Seine Worte weckten auch bei mir die Lust auf eine Handlung. Obgleich ich nicht wusste, auf welche. Seine Handlung war dramatisch, weil es eine Romanhandlung war. Gewiss, Menschen töten einander auch im wirklichen Leben, aber kaum, um der Übersättigung ein Ende zu setzen. Meine Handlung war vergleichsweise harmlos. Sie entsprang nicht wie die seine langen Grübeleien. Und so trug es sich zu:

 

Ich war im Azorelli, wohin ich sonntags immer gehe, wenn mein Dienst mich nicht daran hindert. Es war und ist noch Sonntag, der 16. September 1906, und wie üblich habe ich Kontrollen durchgeführt. Die Madam bezahlt mir 2 Kronen pro Mädchen. Auf diese Weise brauchen sie ihre Arbeit nicht zu unterbrechen, um zum Amte zu gehen. Das ist völlig legal und in Übereinstimmung mit der Reglementierungsverordnung. Außerdem bezahlt die Madam gut. Normalerweise bekommt man pro privater Untersuchung zwischen 75 Öre und 1,50 Kronen.
Zur selben Zeit wie ich traf Johannes Skade in dem Etablissement ein. Als er keuchend seinen schweren Leib Stufe um Stufe in das Stockwerk über dem Zigarrenladen wuchtete, fragte ich: »Geht es, Bruder?«
»Wenn du die Treppe meinst, dann gerade mal so«, erwiderte er. »Dort oben strenge ich mich allerdings nicht nennenswert an. Da dürfen die Mädchen arbeiten. «
Ich bemerkte jedoch Angst bei ihm. Zwar habe ich vielleicht nicht viele Talente, Angst aber erkenne ich in den Gesichtern der Menschen schnell. Der alte Fettwanst ist sich nicht im Unklaren darüber, dass er mitten in seinem vermutlich nur mäßigen Vergnügen einen Schlaganfall bekommen kann.
Er ekelte mich an. Trotzdem behielt ich mein Lächeln bei und sagte: »Und die Praxis? Geht es damit noch so wie früher ? «

 

Später, nachdem ich meine Untersuchungen vorgenommen und gegen Hysterie und Nachtschreck Bromkalium verschrieben hatte, rauchte ich mit Skade im Salon der Madam eine Zigarre.
Als ich ihm meinen Vorschlag unterbreitete, achtete ich darauf, meine Worte mit der von ihm geschätzten Art von Anspielungen zu versehen: »Mit einer zuverlässigen Ablösung im Berufsleben ginge es mit der Lustbarkeit wahrscheinlich noch länger und besser.«
Er schwieg und starrte mich aus seinen kleinen Augen an, welche so fahl sind, dass man sie auch als vollkommen farblos bezeichnen kann.
»Du hast doch gar kein Geld«, sagte er schließlich.
»Nein. Aber desto billiger wäre ich in der Praxis.«
Sowie ich das gesagt hatte, verspürte ich einen kalten Zug um die Nasenflügel. Als fiele ich gleich in Ohnmacht. Ich habe das schon bei Widerwärtigkeiten im Zuge meiner Ausbildung erlebt. Doch diesmal war es keine Angst und auch kein überwältigender Ekel. Es war Erstaunen. Ich war über mich selbst verblüfft, mein Mut und meine Geistesgegenwart machten mich aufgeräumt.
Dies wirklich zu sagen, ihm vorzuschlagen, er solle mich anstellen, war doch etwas anderes, als es nur zu planen. Gott ist mein Zeuge, dass ich Auswege geplant, bebrütet, durchgekaut und gesucht habe! Doch dies hier war eine Handlung.
Worte können eine Handlung sein. Vielleicht bin ich, mehr noch als Tyko Glas, ein Mann der Tat.

 

 

 

Heute Abend war ich bei Skade zu Besuch. Er wohnt in Övre Norrmalm, wo er in der Tegnérgatan eine Neunzimmerwohnung gemietet hat. Sie ist so aufgeteilt, dass drei Zimmer der Praxis vorbehalten sind. Vom Vorraume führt eine Doppeltür mit Glasfenstern in das Wartezimmer der Praxis. Skade bat mich herein und weiter ins Sprechzimmer, das von einem Schreibtische dominiert wird, einem massiven Möbel aus dunkel gebeizter Eiche. Vor diesem Tische ist ein Besucherstuhl so platziert, dass das Licht vom Fenster auf den Patienten fällt. In einem Schrank mit Glastüren verwahrt er einiges an medizinischer Ausrüstung, der Großteil der Instrumente und Medikamente befindet sich jedoch im Untersuchungszimmer. Dort stehen eine mit Lederimitat bezogene Pritsche, weiß gestrichene Schränke mit Ausrüstung und ein Sterilisator. Ich begriff, dass dies mein Arbeitsplatz würde, sollte Skade auf meinen Vorschlag eingehen. Es wäre schließlich ganz natürlich, mich das medizinische Handwerk betreiben zu lassen, während er selbst Anamnesen aufnähme und Rezepte ausstellte.

 

 

 

Ein neues Leben. Oder zumindest ein neuer Lebensabschnitt. Ich bin Hilfsarzt in Johannes Skades Praxis. Das bedeutet zwar wieder Sklaverei, doch ein besseres Dasein. Körperausdünstungen gibt es nach wie vor, doch sind sie hier nicht so streng. Skades Patienten tragen gemeinhin reine Unterwäsche.
Dieser Abschnitt begann mit der Lektüre eines Romans. Ohne ihn ginge ich weiterhin in das Amt.
Andererseits wäre ohne mich der Roman undenkbar. Er wäre einfach nicht geschrieben worden. Deshalb habe ich beschlossen, alles aufzuzeichnen, was zwischen mir und dem Schriftsteller Hjalmar Söderberg vorgefallen ist. Ich werde es in der Reihenfolge erzählen, in welcher es sich zugetragen hat.

 

Bevor ich seinen Namen niederschrieb, habe ich gezögert. Wir leben alle in unserer eigenen Welt. Lediglich als Schatten bewegen wir uns in den Welten anderer Menschen.
Ich übe keine Gewalt auf seine Wirklichkeit aus. All dies hat sich zugetragen, und ich werde es niederschreiben.

 

Kerstin Ekman

Über Kerstin Ekman

Biografie

Kerstin Ekman, geboren 1933, gilt als die wichtigste skandinavische Gegenwartsautorin. Ihr umfangreiches literarisches Werk ist preisgekrönt, wurde vielfach verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Pressestimmen

Hamburger Abendblatt

»Kerstin Ekman hat ein aufwühlendes Buch geschrieben, in dem es um einen Mörder geht, der kein charakterloser Mensch ist und doch in einem Augenblick eine monströse Tat begeht.«

Emma

»Die große schwedische Autorin Kerstin Ekmann ist eine Meisterin im Schildern von Schicksalen, die die Menschen verbiegen wie unter Naturgewalt.«

Neue Zürcher Zeitung

»Ein besonderer Reiz des Romans besteht darin, dass die Autorin in die Haut eines männlichen Ich-Erzählers schlüpft. So schafft sie eine spielerische Distanz.«

Frankfurter Rundschau

»Kerstin Ekmans Arzt ist das Musterbeispiel und beeindruckende Porträt eines seelisch Verformten, eines Menschen, der sich Rationalität einredet und sich betrügt. (…) Ekman lässt ihn so selbstgerecht wie manchmal selbsthassend erzählen, in einem gemessenen, altmodischen Ton, den Hedwig M. Binder fein übersetzt hat. (…) Kerstin Ekman gelingt die Mischung: Ihr Mörder macht schaudern und tut einem gleichzeitig leid.«

Deutschlandradio Kultur

»Ihr klug konstruierter Roman ist das grandiose Bekenntnis einer Schriftstellerin zum Schreiben als Passion.«

ARD

»Wie Revinge sein Lebensmotto ‚Leben ist Handlung’ umsetzt, bis schließlich alles für ihn seine schreckliche Ordnung hat – das beschreibt Kerstin Ekman in dieser wunderbar klar, kühl und schnörkellos erzählten Geschichte. (…) Ein literarisches Meisterwerk, das auch ein Kriminalroman ist.«

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