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Süße Teilchen

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Roman

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Süße Teilchen — Inhalt

Als Sophie Klein – passionierte Produktdesignerin für süße Teilchen und Köstlichkeiten aller Art – James Stephens kennen lernt, verändert sich ihr Leben schlagartig. Der attraktive Mann Ende vierzig ist absolut umwerfend, klug und auch noch gut situiert. Wäre da nicht seine Exfreundin, ein Strumpfhosenmodel, das einen langen, dünnen Schatten auf die junge Liebe wirft. Aber einen solchen Traummann einfach ziehen lassen? Unmöglich!

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzer: Gabriele Weber-Jarić
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98085-2

Leseprobe zu »Süße Teilchen«

Für meine Eltern
und in liebevoller Erinnerung
an meine Großeltern

 

Ach, der Tiger wird Sie lieben. Man liebt doch nichts
inniger als die Nahrung.
George Bernard Shaw

 

Entweder soll man mir zu viele oder gar keine Trüffel anbieten.
Colette

 

 

 

Parfait

 

1. Substantiv – eine reichhaltige gefrorene Nachspeise aus Eiern, Sahne und Zucker
2. Adjektiv (aus dem Franz.) – perfekt

 

 

 

Kommen zwei Frauen in eine Bar. Ende, keine Pointe.
Ich bin die Frau linker Hand, die in dem total unangebrachten schwarz-weiß gemusterten Sommerkleid. Wir haben den [...]

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Für meine Eltern
und in liebevoller Erinnerung
an meine Großeltern

 

Ach, der Tiger wird Sie lieben. Man liebt doch nichts
inniger als die Nahrung.
George Bernard Shaw

 

Entweder soll man mir zu viele oder gar keine Trüffel anbieten.
Colette

 

 

 

Parfait

 

1. Substantiv – eine reichhaltige gefrorene Nachspeise aus Eiern, Sahne und Zucker
2. Adjektiv (aus dem Franz.) – perfekt

 

 

 

Kommen zwei Frauen in eine Bar. Ende, keine Pointe.
Ich bin die Frau linker Hand, die in dem total unangebrachten schwarz-weiß gemusterten Sommerkleid. Wir haben den schneereichsten Februar seit achtunddreißig Jahren, aber ich bin erst seit drei Tagen aus meinem vierwöchigen Urlaub in Buenos Aires zurück und möchte, dass man meine Sonnenbräune sieht.
Vier Wochen Buenos Aires. Klingt phantastisch, oder? Nur dass mein Hotel eine Bruchbude im Barrio de Boedo war, wo die Übernachtung nur sechs Pfund kostete. Stellen Sie sich ein Problemviertel vor, achtundneunzig Prozent Luftfeuchtigkeit, keine Klimaanlage im Zimmer, Funzel an der Decke, Gemeinschaftsdusche. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt und verdiene einigermaßen gut. Gemeinschaftsduschen sind nicht mein Ding, erst recht nicht, wenn ich sie mit achtzehnjährigen Österreichern teilen muss, die behaupten, Wiener Blut wäre das beste Falco-Album, das er jemals aufgenommen hat. Aber von diesen Wiener Würstchen mal abgesehen, hatten Laura und ich die beste Zeit unseres Lebens.
Laura ist das Mädchen, das rechts von mir steht. Sie ist meine beste Freundin, kommt aus dem Norden Englands und nimmt kein Blatt vor den Mund. An diesem Abend trägt sie ein Polokleid und eine Wollmütze. Zusammen sehen wir lächerlich aus, aber das ist uns egal.
Es ist einer von diesen Abenden. Vielleicht liegt es an unserem Outfit oder unserer Bräune oder der Geselligkeit, die ein verschneiter Freitagabend in London mit sich bringt – nach einer Weile stehen wir im Mittelpunkt des Geschehens. In den letzten zwanzig Minuten hat ein Typ namens Rob versucht, bei mir zu landen, aber für meinen Geschmack ist er zu schön, außerdem gibt er damit an, Martin Scorseses Besetzungschef zu kennen.
»In dem Kleid könntest du eine Gangsterbraut spielen«, sagt er. »Mit diesen großen grünen Augen und bei deinen Kurven.«
Ich lache. Ich trage Kleidergröße vierzig, habe Busen und Hintern, aber die Frau, die er an der Bar stehen lassen hat und die sich jetzt mit seinem Kumpel unterhält, trägt eine Seidenbluse, durch die man ihre Rückenwirbel zählen kann.
»Sind deine Augen echt?«, fragt Rob. »Nee, das sind zwei weiße Pfefferminzbonbons. Die Iris bemale ich jeden Morgen so, dass sie zur Farbe meiner Schuhe passt«, sage ich.
»Dein Pinselstrich gefällt mir«, sagt er grinsend.
»Deine Freundin wird langsam sauer«, bemerkt Laura.
»Sie gehört zu meinem Freund«, murmelt Rob und fummelt an seiner Uhr herum. »Wollt ihr noch was trinken? Zwei Margaritas?« Er steuert auf die Bar zu. Ehe er zurück ist, kommt sein Freund auf uns zu. Er ist nicht so schön wie Rob und viel eher mein Geschmack.
»Der verschwendet ja keine Zeit«, sagt Laura.
Ich sage nichts. Ich schaue Robs Freund an und mich ergreift ein seltenes, aber bekanntes Gefühl: Gleich wird etwas Großartiges geschehen.
»Warum redest du mit Rob?«, fragt er mich und grinst. »Der gefällt dir doch gar nicht.«
»Warum interessiert dich das?«, sage ich. »Gefalle ich dir denn?«
Er sieht mich einen Herzschlag lang an. »Yeah.«
»Na, dann kannst du ja mit mir reden. Wie heißt du?«
»James.«
»Und wie weiter?«
»James Stephens.«
»Wie der Dichter.«
»Ah, eine gebildete Frau.«
»Bin ich nicht. Aber meine Großmutter kennt ein Gedicht von ihm, das sie gern zum Besten gibt.«
»Ein Liebesgedicht?«
»Ja, über einen Mann, der seine überfürsorgliche Frau erwürgt.«
Er lacht. »Du hast Humor. Und warmherzig bist du auch, das sehe ich an deinen Augen. Verschwende deine Zeit lieber mit mir als mit Rob.«
Das habe ich dann auch getan. Ich habe mit ihm geredet, mit ihm Tango getanzt, drei Margaritas mit ihm getrunken und ihm am Ende des Abends meine Telefonnummer gegeben.

 

Er ruft wie versprochen an, gleich am nächsten Tag. Und warum bin ich dafür so dankbar? Weil es sehr großes Interesse verrät.
»Ich möchte dich wiedersehen«, sagt er.
»Gut.«
»Aber ich bin ab morgen für zwei Wochen weg.«
»Oh.«
»Beruflich. Ich reise ziemlich viel.«
»Wohin fährst du?«
»Nach China.«
»Was machst du überhaupt?« Ich dachte, er baut bestimmt teure Häuser oder leitet einen Baumarkt. Er ist sehr maskulin, stämmig, außerdem saß sein Hemd gestern Abend nicht besonders gut.
»Du wirst lachen.«
»Bist du ein Clown, der weltweit auftritt?«
»Nein, ich verkaufe Socken.«
»Wie, in einem Laden?«
»So ungefähr.«
»Socken braucht jeder«, sage ich.
»Mindestens zwei Paar«, sagt er. »In vierzehn Tagen bin ich wieder da. Dann würde ich dich gern zum Dinner ausführen.«
»Großartig. Dinner finde ich gut.«
»Isst du denn auch gern?«
»Machst du Witze? Das gehört zu meinem Beruf.«
»Dann gehörst du also nicht zu den Frauen, die sich einen Salat bestellen und dann nur darin herumstochern? Du bist ziemlich dünn.«
»Ich glaube, du hast dich verwählt.« Ich habe schlanke Arme und eine schmale Taille. Mit der Kombination kann man die meisten Leute täuschen.
»Gut. Ich kenne das perfekte Restaurant. In zwei Wochen rufe ich dich wieder an.«

 

 

 

Ich arbeite in einem zwölfstöckigen Hochglanzgebäude in Soho. Bis vor sechs Monaten hatte ich einen der besten Jobs der Welt und die beste Chefin, die man sich vorstellen kann. Ich denke mir Süßspeisen für Fletchers aus, einen der größten Supermärkte im Land. Ich habe für ein Genie namens Maggie Bainbridge gearbeitet, die nie Abstriche machte, wenn es um Qualität ging. Und sie hatte auch mehr Mumm als jeder Mann, der hier so herumläuft.
Vor sechs Monaten hat sie gekündigt, weil die Geschäftsleitung einige der begabtesten Leute gefeuert und ein paar fanatische Buchhalter eingestellt hat, denen Zahlen über alles gehen. Selbst unser Klopapier ist jetzt wieder das billige Zeug, das man vor dreißig Jahren hatte, Kartons mit Schlitz, aus denen man einzelne Blättchen herauszupfen muss.
Inzwischen hat Maggie Happy Tuesday gegründet, einen Einmannbetrieb, in dem es nur die von ihr kreierten Brownies gibt. Zwar telefonieren wir häufig, aber sie fehlt mir trotzdem, und ich träume davon, alles hinzuschmeißen und wieder mit ihr zusammenzuarbeiten.
Also habe ich immer noch einen tollen Job, aber keine tolle Chefin mehr. Stattdessen habe ich jetzt Devron.
Devron hat vorher für einen Supermarkt gearbeitet, der von einer amerikanischen Ladenkette geschluckt und wieder ausgespuckt wurde. Damals war er für den Londoner Südosten zuständig, was im Handel als große Sache gilt. Seine Leistung bestand wahrscheinlich darin, mit seinem BMW die Autobahn rauf und runter zu fahren.
Jetzt leitet er die Abteilung, in der ich arbeite. Qualifiziert hat er sich für den Posten anscheinend, weil er dick ist und man davon ausgeht, dass er sich deshalb mit Lebensmitteln auskennt. Dabei wäre Devron noch von dem Essen an Autobahnraststätten begeistert. Er hält sich für ein Alphatier, obwohl er höchstens ein aggressives Gammatier ist.
Als Devron kam, hat er uns als erste Amtshandlung alle die Schreibtische tauschen lassen. Um Eindruck zu machen und zu zeigen, wie durch und durch kreativ er ist, beschloss er, uns alphabetisch zu setzen. Vorher saß ich mit den »Warmen Nachspeisen«, den »Leckereien für die Familie« und der »Pâtisserie« zusammen, was sinnvoll war, weil wir dieselben Kunden, technischen Berater und Verpackungsexperten haben. Wir konnten uns über Gebäck, Zuckerpreise und neue Trends auf dem Süßspeisenmarkt austauschen – über alle Themen, die nachspeisenspezifisch sind.
Jetzt sitze ich zwischen Lisa, die für »Cocina«, unser pseudomexikanisches Nacho-Sortiment, zuständig ist, und Eddie aus dem Bereich »Curry-Gerichte«. Devron sagt, wir können durch den Kontakt mit unseren Kollegen eine Menge lernen, und das stimmt, denn ich habe gelernt, dass Lisa, Eddie und ich Devron für einen Schwachkopf halten.
Das Einzige, was noch dämlicher ist als unsere Trennung von den Leuten, mit denen wir uns wirklich austauschen müssen, ist die »interdisziplinäre Plattform«, die Devron eingeführt hat. Er hat einen Marketing-Schwätzer namens Tom zu uns gesetzt, den Spaßvogel vom Dienst.
Tom will mir ständig tolle YouTube-Clips zeigen, in denen ein Gorilla oder eine tanzende Maus die Hauptrolle spielt. Über Marketing weiß Tom so viel wie ich über die Geschichte der Tschetschenen, also ein, zwei Dinge, die man mal aufgeschnappt hat. Nur, dass ich nicht versuche, mir als Expertin für tschetschenische Geschichte meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Laura ist zum Mittagessen in die Kantine von Fletchers gekommen, weil sie auf dem Weg zu einer Autoversicherung ist, für deren Webseite sie einen Werbeslogan aufsagen soll. Ihr rauer Yorkshire-Akzent soll diesem windigen Laden den Anschein »ehrlicher, bodenständiger Werte« verleihen. Um ihre Hypothek abzuzahlen, braucht Laura zwei solcher Aufträge im Monat. In der übrigen Zeit hilft sie ihrem Freund Dave, vergriffene Ausgaben von Zeitschriften bei eBay zu verkaufen.
In der Kantine ist das Thema der Woche schon der Valentinstag, sodass wir zwischen herzförmigen Stücken Schweinefleisch und mit Spargel gefüllten Pasteten wählen können.
»James scheint an dir interessiert zu sein«, sagt Laura.
»Glaubst du? Aber wenn er wirklich interessiert wäre, würde er mit seinem nächsten Anruf doch keine zwei Wochen warten.«
»Aber er konnte doch neulich gar nicht genug von dir kriegen. Ihr habt ewig zusammen getanzt.«
Ich tanze wahnsinnig gerne. Mein introvertierter Ex-Freund Nick hat in den fünf Jahren unserer Beziehung ein einziges Mal mit mir getanzt, unbeteiligte achtunddreißig Sekunden lang, auf der Hochzeit seines besten Freundes, und das auch nur, weil ich ihm gedroht hatte, dass ich sonst alleine tanze.
»Seinem Freund hat das bestimmt nicht gepasst«, sagt Laura.
»Rob ist ein Arschloch«, sage ich. »Die Frau an der Bar war seine Verlobte!«
»Und sie hat zugesehen, wie er dich angemacht hat?« Ich nicke. »Na, das wird ja lustig«, sagt Laura. »Viel Spaß beim Pärchenabend.«
»Sei nicht so voreilig, vielleicht lernt James in China ein Socken-Model kennen und meldet sich nie wieder.«

 

Meine Mutter ruft an. Sie wohnt mit ihrem zweiten Ehemann in Newport Beach, im Herzen Kaliforniens. Lenny war früher Zahnarzt, jetzt lässt er sich von meiner Mutter als Fußabtreter benutzen.
»Hast du mit deinem Bruder gesprochen?«, fragt sie. Die Nettigkeiten hebt sie sich offenbar für ein andermal auf.
»Warum?«
»Wegen Shellii, der dürren Schlampe, die deinem Bruder mit ihrem Kristall-Hokuspokus und ihrem Lee-Strasberg-Schauspielunterricht noch das letzte Hemd auszieht.«
»Was ist denn schon wieder los?«
»Sie ist schwanger.«
»Aber das ist doch eine gute Nachricht, oder?« Das bedeutet, dass du mir mindestens zwei Jahre lang nicht mit deinem Wunsch nach Enkelkindern in den Ohren liegen wirst.
Unheilvolles Schweigen am anderen Ende.
»Mum, so schlimm ist sie doch gar nicht.« In Wahrheit ist Shellii schlimmer als schlimm, aber ich bin schon aus Prinzip nicht bereit, mit meiner Mutter einer Meinung zu sein.
»Hm. Was gibt’s bei dir Neues? Wie ist deine Wohnung?«
»Die Wohnung ist super. Mir geht’s super.«
»Und beruflich ist auch alles in Ordnung?«
»Ja, bei den kalten Desserts hab ich das Sagen.«
»Schön, dann iss aber auch mal welche. Deine Großmutter sagt, du bist viel zu dünn.« Meine Mutter spricht zweimal im Jahr mit ihrer Ex-Schwiegermutter, und mein Gewicht scheint das einzige Thema zu sein, das sie noch haben.
Zurzeit bin ich schlank und einigermaßen in Form, aber dünn bin ich nun wirklich nicht, werde ich auch nie sein, wir Kleins haben schwere Knochen. Aber seit meiner Trennung von Nick letzten Sommer habe ich dank Fitnesstraining und umsichtiger Ernährung zehn Kilo abgenommen. Seit meinem zwölften Lebensjahr bin ich erstmals wieder halbwegs glücklich mit meiner Figur, nur mein Hintern könnte noch ein paar Pfunde weniger haben.
Dass ich abgenommen habe, nimmt meine Mutter persönlich, als hätte ich mich mit meinem Fettverlust gegen alles gewendet, was unsere Familie verbindet, und gegen alles, wofür sie steht. Nahrung gleich Liebe, bergeweise Nahrung gleich jüdische Liebe. Über meine Cousine, die aufgrund eines genetischen Fehlers ein Strich in der Landschaft ist, wird auf Hochzeiten gemunkelt, sie sei anorektisch und ihre Abstammung fragwürdig. Lenny bekommt von meiner Mutter am Tag drei warme Mahlzeiten und einen halben Kuchen vorgesetzt, ein früher Tod durch Überfütterung ist ihm gewiss. Aber nicht einmal das wird ihr eine Lehre sein, denn bei seiner Shiv’a wird sie die Trauernden wieder mit Essen vollstopfen (man muss sich das vorstellen wie eine irische Totenwache, nur dass es statt Whisky Sandwich mit Ei und Mayonnaise gibt).
»Oh, Lenny ist gerade nach Hause gekommen«, verabschiedet sich meine Mutter. »Ich muss anfangen, Essen zu machen.«

 

Zwei Wochen später ruft James vom Flughafen Peking an. »Erinnerst du dich noch an mich?«
»Hat die Clownsschule jetzt Ferien?«
»Du solltest mal sehen, was ich mit drei Essstäbchen und einem Skorpion machen kann.«
»Klingt schmerzhaft. Und, was kann ich für dich tun?«
»Wann hättest du Zeit zum Spaghetti-Essen?«
Mein Lieblingsessen. »Mittwoch nächster Woche.«
»Das ist mir zu lange hin. Ich möchte dich eher wiedersehen.«
Dann hättest du eher anrufen sollen. »Tut mir leid.«
»Jetzt mal im Ernst, was machst du denn bis dahin?«
»Alles Mögliche. Also, bis nächsten Mittwoch dann?«
»Na gut. Ich melde mich kurz vorher und sag dir Genaueres. Oh, ich muss los, mein Flug wird aufgerufen.«

 

 

 

Ist ein mittelmäßiger Brownie besser als gar keiner?
Meine Frage zielt auf den Kern dessen, was Menschen wie meine frühere Chefin Maggie Bainbridge von den meisten anderen Menschen auf dieser Welt unterscheidet, die nämlich einfach nur gern Süßes essen.
Vor zwei Jahren hatte ich mein Vorstellungsgespräch bei Fletchers. Eine Woche vorher schrieb Maggie mir eine E-Mail. Darin stand:

 

Bitte bringen Sie Folgendes mit:
1) einen Kuchen, den Sie nach Rezept gebacken haben
2) eine Süßspeise aus dem Supermarkt, von der Sie sehr viel halten

 

Es war, als hätte man mich aufgefordert, etwas für eine Fernsehsendung mit einem Sterne-Koch zusammenzustellen. Nach tagelangem Hin und Her beschloss ich, es nicht zu kompliziert zu machen und einfach den Mandelkuchen mit Orangen zu backen, den meine Mutter zum Passahfest macht, nach dem Rezept von Claudia Roden. Die Konsistenz dieses Kuchens ist phantastisch, ein bisschen klitschig und doch leicht. Das Herbe der Orange nimmt ihm das Süße, und er duftet so gut, dass man glaubt, man wäre in einem Suk in Marokko und nicht in einem neonbeleuchteten Bürogebäude in der Nähe der übelsten Kebab-Buden der Oxford Street.
Maggie kostete einen Bissen und runzelte die Stirn. Mein erster Gedanke war: Hoffentlich hat sie keine Mandelallergie. Doch dann trat sie an ihr riesiges Bücherregal, zog einen Band heraus und nickte bedächtig.
»Das Rezept ist von Roden«, sagte sie. »Aber bei Ihnen ist der Geschmack intensiver als im Original. Da ist eine Prise Zimt drin, es sind mehr gemahlene Mandeln drin als Zucker, und Sie haben Blutorangen genommen, was ziemlich pfiffig war.«
Später erfuhr ich, dass ein »ziemlich pfiffig« von Maggie Bainbridge einem Michelin-Stern gleichkam.
»Und was haben Sie im Supermarkt erstanden?«
Maggie Bainbridge ist mit ihrem Karamellpudding mit der sahnigen Mittelschicht berühmt geworden. Zwar gibt es eine Reihe von Pâtissiers, die diese Idee für sich beanspruchen, aber tatsächlich war es Maggies Leistung. Für mich ist es der beste Pudding, den man im Laden kriegen kann, aber ich hatte ihn nicht kaufen wollen, das hätte mir zu sehr nach Schleimen ausgesehen. Als Ersatz entdeckte ich einen Pudding bei Marks & Spencer, eine Mischung aus Mascarpone, Himbeeren und bitterer Schokolade, die ich ganz erstaunlich fand.
Als ich ihn aus meiner Tasche nahm, warf Maggie mir einen seltsamen Blick zu, und ich dachte, scheiße, natürlich hätte ich einen von Fletchers nehmen sollen, wie konnte ich nur so blöd sein?
»Warum haben Sie diesen gewählt?«, fragte sie und sah mich nachdenklich an.
»Sie hatten mich gebeten, etwas mitzubringen, das ich wirklich mag, und dieser enthält drei meiner Lieblingszutaten. Die Konsistenz ist großartig, das Herbe der Schokolade verträgt sich perfekt mit der Sahne, und der Kakaoanteil der Schokolade liegt bei siebzig Prozent.«
»Kennen Sie jemanden aus der Produktentwicklung bei M&S?«, fragte sie argwöhnisch.
Ich schüttelte den Kopf. Ich wünschte, ich würde dort jemanden kennen, denn dann würde ich mich da bewerben.
»Haben Sie ihn mal probiert?«, fragte ich. Ich fürchtete, dass ich sie verärgert hatte, wusste aber nicht, womit.
»Ja.«
»Hat er Ihnen geschmeckt?«
»Ja. Er ist gut. Noch eine letzte Frage.«
Eine letzte Frage? Sie hatte mir bisher noch keine einzige vernünftige Frage gestellt und wollte mich schon loswerden? Was für eine Gemeinheit …
»Finden Sie, dass ein mittelmäßiger Brownie besser ist als gar keiner?«
Was? Was für eine Frage war das denn bei einem Vorstellungsgespräch? Wahrscheinlich war es eine Falle. Vielleicht wollte sie herausfinden, wie gierig ich bin. Oder ob ich generell Süßes mag. Da ich nicht wusste, was sie von mir hören wollte, beschloss ich, die Wahrheit zu sagen. Na ja, nicht ganz die Wahrheit, denn meine ehrliche Antwort wäre gewesen, »Wenn man bekifft ist, schon«. Aber in dem Zustand hält man sogar einen stinknormalen Brownie für den besten, den es gibt.
Die Wahrheit ist: Ich würde eher gar keinen Brownie essen als einen mittelmäßigen.
Und zwar nicht wegen der Kalorien.
Und auch nicht, weil ich ein Snob wäre.
Sondern weil Brownies mir heilig sind; wenn es um sie geht, kommen halbe Sachen für mich nicht in Frage. Ich würde schließlich auch keinen Mann heiraten, den ich nicht liebe, oder eine Beziehung mit jemandem eingehen, den ich nicht achte, oder mit einem Mann schlafen, der keinen Humor hat.
»Ich würde eher gar keinen essen«, sagte ich.
Als Maggie mich ansah, lag etwas Zustimmendes in ihrem Blick.
»Den Pudding von M&S, den Sie mitgebracht haben …«, begann sie, und ich dachte, o nein, was habe ich denn nur falsch gemacht? »… den habe ich kreiert. Freiberuflich und entgegen meinen Vertragsbedingungen hier bei Fletchers, aber ich konnte nicht anders, und die Desserts von M&S sind nun mal die besten. Etwas Ähnliches wollte ich hier im letzten Sommer einführen, aber ich bin damit nicht durchgekommen. All das erzähle ich Ihnen nur, weil ich weiß, dass ich Ihnen vertrauen kann und ich grundsätzlich nur Menschen einstelle, denen ich vertraue.«
So bekam ich meinen Job und arbeitete für Maggie Bainbridge, die beste Chefin der Welt.

Über Stella Newman

Biografie

Stella Newman studierte Englisch an der Sussex University. Die begeisterte Hobbyköchin lebt in London, wo sie als freie Redakteurin arbeitet. Derzeit schreibt sie an ihrem zweiten Roman sowie an ihrem ersten Drehbuch.

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»Eine hinreißende Romanze mit einer Heldin, süßer als Schokolade!«

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