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SturmSturm

Sturm

Die Chroniken von Hara 4

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Sturm — Inhalt

Das stürmische Finale der »Chroniken von Hara«!

Der Kampf des Imperiums gegen die Nekromanten ist entbrannt. Doch bevor Ness und seine Gefährten in die Schlacht ziehen, müssen sie sich aus den Klauen der eisigen Berge befreien. Aber der Winter fordert grausame Opfer und lässt neue Zweifel gedeihen. Wird das Bündnis zwischen Licht und Schatten halten? Werden die Gefährten das Dunkel in ihrer Nähe ertragen können? Und welch entsetzliche Geheimnisse verbergen sie bis zuletzt voreinander? Ness und Thia, Shen und Rona – zusammen werden sie über das Schicksal Haras und der Magie entscheiden.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.02.2016
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
512 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26986-5
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.10.2013
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96400-5

Leseprobe zu »Sturm«

Kapitel 1

»Ist dir auch nicht kalt, mein Mädchen?«, fragte der breitschultrige Priester lächelnd. Seine tiefe Stimme hallte mit dumpfem Echo von den Felswänden der Schlucht wider.

»Ein bisschen schon, Bruder Lereck«, antwortete Algha, die sich alle Mühe gab, nicht allzu offenkundig zu zittern.

Der Pelz, den sie nach ihrer Flucht aus dem Regenbogental einem Händler abgekauft hatte, sah zwar recht fadenscheinig aus, hielt jedoch erstaunlich warm. Von ihren Stiefeln und Fäustlingen ließ sich das leider nicht sagen, sodass ihre Finger bereits taub vor Kälte [...]

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Kapitel 1

»Ist dir auch nicht kalt, mein Mädchen?«, fragte der breitschultrige Priester lächelnd. Seine tiefe Stimme hallte mit dumpfem Echo von den Felswänden der Schlucht wider.

»Ein bisschen schon, Bruder Lereck«, antwortete Algha, die sich alle Mühe gab, nicht allzu offenkundig zu zittern.

Der Pelz, den sie nach ihrer Flucht aus dem Regenbogental einem Händler abgekauft hatte, sah zwar recht fadenscheinig aus, hielt jedoch erstaunlich warm. Von ihren Stiefeln und Fäustlingen ließ sich das leider nicht sagen, sodass ihre Finger bereits taub vor Kälte waren. Wenn sie doch bloß einen Zauber wüsste, der sie wärmte …

Lereck sah sie mit gerunzelten Brauen an, stieß einen tiefen Seufzer aus und zügelte das Pferd.

»Meloth sei mein Zeuge, aber wenn du dich weiterhin so stur stellst, bist du demnächst krank!«

Daraufhin schob er polternd die Truhen auf dem Wagen hin und her, offenbar auf der Suche nach etwas. Eine der Kisten wäre beinahe auf Algha gekippt, die jedoch im letzten Moment zur Seite rückte.

»Da ist es ja«, stieß der Priester zufrieden aus und reichte ihr ein eingerolltes Eselsfell. »Das hat mir jemand in Loska geschenkt. Ich wollte es schon wegschmeißen, doch da hat Meloth selbst mir in den Arm gegriffen. Und wie sich nun zeigt, aus gutem Grund. Damit dürfte deine Zitterei ein Ende haben.«

»Vielen Dank.«

»Gern geschehen, mein Mädchen«, erwiderte Lereck und griff nach den Zügeln. »Hü!«

Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung und rumpelte den gewundenen Bergpfad hinauf. Trotzdem meinte Algha, sie kämen seit Stunden nicht von der Stelle, denn obwohl sie bereits seit dem frühen Morgen unterwegs waren, hatten sie den Pass noch immer nicht erreicht.

Der Wallach schleppte sich nur mit Mühe vorwärts, setzte die Hufe voller Bedacht und blieb häufig stehen, um neue Kraft zu sammeln.

Dennoch war der Wagen besser als jeder Fußmarsch.

»Was hättest du eigentlich gemacht, wenn ich dich nicht aufgelesen hätte?«, fragte Lereck.

»Dann wäre ich nach Loska zurückgekehrt.«

»Das wohl kaum«, murmelte er. »Du bist ein dickköpfiges Kind, das lese ich dir von der Nasenspitze ab. Deshalb wärest du ganz bestimmt weitergestapft. Und am Ende irgendwo erfroren.«

»So kalt ist es nun auch wieder nicht.«

»Ein Blick auf dich reicht aus, um vom Gegenteil überzeugt zu sein«, erwiderte Lereck lachend. »He, zieh nicht so ein Gesicht, ich wollte dich doch nicht beleidigen. Aber glaub mir, zu Fuß hättest du es nie bis Burg Donnerhauer geschafft. Dazu sind die Berge zu unwirtlich. Hier oben weht ein anderer Wind als unten in den Tälern.«

Das stimmte. Weiter unten war es selbst jetzt noch recht warm, ging immer noch Regen nieder, kein Schnee. Hier oben jedoch … Nach Alghas Empfinden hatte sich der Herbst binnen weniger Stunden zum tiefsten Winter gewandelt.

»Ihr wisst nicht zufällig, wie lange wir noch bis zur Burg brauchen?«

»Das liegt allein in Meloths Hand. Aber vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Burg auf keinen Fall. Morgen sieht die Sache dann schon anders aus.«

»Können wir in dieser Gegend denn irgendwo über Nacht Quartier nehmen?«

»Wir kommen bald zu einer Schenke. Hoffen wir, dass sich der Wirt nicht davongemacht hat.«

Algha hüllte sich fester in den Pelz. Die lotrechten Felsen bedrängten die Straße, die hinauf zur Burg führte, von beiden Seiten. Wenige Büsche krallten sich förmlich in die Hänge, auf dem braun-grauen Gestein lag Schnee. Ein wehmütiges Gefühl stieg in Algha auf. Noch nie in ihrem Leben war sie durch eine Gegend gezogen, die eintöniger und bedrückender gewesen wäre.

Während des Anstiegs begegnete ihnen keine Menschenseele. Von Norden wollte niemand nach Loska, und die letzten Flüchtenden gen Norden hatten die Täler vor einer Woche verlassen. Nur die dümmsten Menschen blieben, voller Hoffnung, ihnen werde schon nichts geschehen. Und auch diejenigen, die ohnehin nichts mehr zu verlieren hatten.

Da Algha die letzten Menschen, die nach Norden gezogen waren, verpasst hatte, musste sie sich zunächst auf eigene Faust durchschlagen. Denn im Gegensatz zu allen einfachen Menschen, die vor den Feinden tatsächlich nichts zu fürchten hatten, musste sie sich vor ihnen hüten: Die Nekromanten würden niemanden entkommen lassen, der über den Funken gebot.

»Woher bist du?«, nahm Lereck das Gespräch wieder auf. »Aus dem Süden?«

Von ihrer Mutter, die tatsächlich aus dem Süden stammte, hatte Algha die wundervolle goldschimmernde Haut und die dichten schwarzen Wimpern geerbt. Deshalb vermuteten viele, sie sei in jenem Gebiet geboren worden, das an die Goldene Mark grenzte.

»Nein«, antwortete sie lächelnd. »Ich komme aus Korunn.«

»Und ich aus Altz.«

»Was macht Ihr dann hier?«, erkundigte sich Algha. »So weit von zu Hause entfernt.«

»Ich mag die Nabatorer halt nicht. Und was ist mit dir? Hast du keine Angst gehabt, als du allein unterwegs warst, Mädchen? In Zeiten wie diesen sind die Straßen nicht ungefährlich.«

»Auf den Straßen sind auch nur Menschen unterwegs«, antwortete Algha gelassen. »Und die jagen mir keine Angst ein.«

Das entsprach der Wahrheit. Nach dem Angriff auf die Schule im Regenbogental fürchtete sie sich kaum noch vor etwas. Zumindest versuchte sie sich das einzureden. Tagsüber …

»Du solltest den Menschen nicht allzu viel Vertrauen entgegenbringen«, sagte Lereck. »Denn zuweilen sind sie übler als die Untoten, die auf der Straße über einsame Frauen herfallen.«

Sie erschauderte und wollte nicht weiter über Gefahren nachdenken.

Die Nacht brach rasch herein. Mittlerweile zeigte auch das Pferd Anzeichen von Müdigkeit und trottete immer langsamer vorwärts. Irgendwann sprang Lereck ab, schnappte sich die Zügel und stapfte voran, dabei aufmunternd auf das Tier einredend. Algha blieb noch eine Weile sitzen, machte sich dann aber daran, sich aus dem wärmenden Fell zu schälen und ebenfalls abzuspringen.

»Das lässt du hübsch bleiben«, verlangte Lereck. »Du bist schließlich leicht wie eine Feder.«

»Aber meine Beine sind schon ganz taub«, log sie.

Lereck schnaubte bloß, redete aber nicht weiter auf Algha ein. Sie würde schon von sich aus wieder auf den Wagen klettern, sobald sie müde war. Algha hatte den Kutschbock jedoch aus einem bestimmten Grund verlassen: Sie wirkte heimlich einen Zauber, der die Kräfte des Pferdes wiederherstellte, und berührte mit zarten Fingern die Flanke des Tieres. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten.

»Was ist denn auf einmal mit dem alten Klepper los?!«, rief Lereck. »Der ist ja wie ausgewechselt! Wahrscheinlich ahnt er, dass er bald in einen Stall kommt! Meloth sei Dank!«

Lächelnd kletterte Algha wieder auf den Wagen.

Das Einzige, was sie jetzt noch bedauerte, war, dass sie Lereck und sich selbst nicht auch ein wenig neue Kraft schenken konnte.

Als die Nacht vollends über die Berge herabgesunken war, spendeten weder der Mond noch die Sterne Licht, sodass die beiden noch eine geschlagene Stunde in finsterster Dunkelheit weiter bergauf ziehen mussten. Als sie abermals eine scharfe Kurve hinter sich gebracht hatten, schimmerte ihnen warmes Licht entgegen.

»Da wären wir«, stieß Lereck aus. Algha rang sich ein Lächeln ab. Die Müdigkeit hatte sie fest in keineswegs zarte Arme geschlossen, weshalb sie nur noch einen Wunsch verspürte: auf der Stelle einzuschlafen.

Der Weg erweiterte sich zu einem größeren Platz. Kiefern säumten ein Haus mit schneebedecktem Dach, drei Scheunen, einen Pferdestall und ein Hühnergehege.

»Du wartest hier, Mädchen«, verlangte Lereck. »Ich will erst mal sehen, ob wir nicht mit unliebsamen Überraschungen rechnen müssen.«

Zwischen all den Truhen und Kisten zog er einen knorrigen Ast hervor, der stark an eine Keule erinnerte.

»Das ist nur für alle Fälle«, erklärte er mit einem verlegenen Lächeln, als er Alghas fragenden Blick auffing.

Diese stellte keine Fragen, ging aber rasch alle Kampfzauber durch, die sie kannte. Lereck klopfte bereits an. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis die Tür geöffnet wurde. Der Gehilfe des Schankwirts bat ihn herein, rief nach der Magd, versprach, sich um das Pferd zu kümmern, warf sich einen Mantel aus Schaffell über und ging hinaus.

Die Schenke war groß, sauber und hell. Vielleicht ging dieser Eindruck auf das bernsteinfarben glänzende Kiefernholz zurück, vielleicht lag es aber auch daran, dass es sonst keine Gäste gab.

Die aus dem Schlaf gerissene Magd wies den beiden einen Platz in der Nähe des Kamins zu und brachte ihnen heißen Shaf, den Algha jedoch ablehnte. Stattdessen bat sie um warme Milch.

»Die dürften hier schon lange keine Kundschaft mehr gesehen haben, sonst wären sie nicht so beflissen«, bemerkte Lereck, der vorsichtig an dem heißen Getränk nippte. »Glaub mir, so leer hab ich es hier noch nie erlebt. Normalerweise kriegst du in dieser Schenke schon tagsüber keinen Platz, vom Abend ganz zu schweigen.«

Schweigend lauschte Algha seinem Geplauder, seinen Geschichten und Erinnerungen an frühere Fahrten durchs Land, trank etwas Milch und gab sich alle Mühe, dass ihr die Augen nicht zufielen. Nach einer Weile kehrte der Gehilfe zurück und versicherte ihnen, das Pferd sei versorgt. Der Schankwirt selbst, ein beleibter und zufriedener Mann – oder zumindest einer, der den Eindruck der Zufriedenheit erwecken wollte –, brachte ihnen je einen Teller Buchweizengrütze mit Entenfleisch, saurer Sahne und eingelegten bitteren Beeren, deren Bezeichnung Algha nicht kannte.

Als der Wirt den Priester erkannte, begrüßte er ihn voller Freude, während er für Algha nur einen flüchtigen Blick übrig hatte. Dank der einfachen Kleidung vermutete niemand eine Schreitende in ihr, auch dies eine Vorsichtsmaßnahme gegen die Feinde aus Nabator und Sdiss. Obendrein war sie im Gewand jener Nekromantin geflohen, die sie in der Schule getötet hatte – und in dem hätte sie sich erst recht nirgends blicken lassen dürfen.

»Seit drei Wochen bleibt die Kundschaft aus«, berichtete der Wirt gerade. »Gäste wie Ihr fallen ja nicht ins Gewicht, an Euch verdiene ich schließlich nichts, im Gegenteil, da zahle ich noch drauf. Außerdem werdet auch Ihr sicher nicht länger als eine Nacht bleiben, damit Ihr so schnell wie möglich nach Burg Donnerhauer kommt. Oder etwa nicht? Ich weiß doch, wie das ist: Hinter den Mauern dieser Festung fühlen sich nun mal alle sicherer als in meiner kleinen Hütte.«

»Ist das Tor noch offen?«

»Vor einer Woche war das noch der Fall. Aber wie es heute aussieht …?«

»Was ist mit dir? Warum suchst nicht auch du dort Zuflucht?«

»Und wer kümmert sich dann um die Schenke?«, entgegnete der Wirt. »Nein, es hat mich zu viel gekostet, sie aufzubauen, da gebe ich sie jetzt nicht einfach auf.«

»Fürchtest du die Nabatorer denn gar nicht?«

»Nein, die wollen ja schließlich auch ein Dach überm Kopf und etwas Warmes im Bauch haben. Deshalb werden sie mir bestimmt kein Härchen krümmen. Auch wenn es mir natürlich nicht schmeckt, für sie zu kochen, denn die haben mir die ganze treue Kundschaft vertrieben.«

Algha verzog bloß das Gesicht. Ihr gefielen Menschen nicht, die sich zu Dienern zweier Herren machten. Als sie den Blick des Priesters auf sich spürte, beugte sie sich noch tiefer über ihren Teller. Ob der Mann ihre Gedanken lesen konnte?

»In dem Fall solltest du dich wohl vor unseren Soldaten hüten. Wenn sie zurückkehren, könnten sie es dir übel auslegen, dass du den Feinden Obdach gewährt hast. In den Tälern hätte man dir daraus wahrscheinlich keinen Strick gedreht, aber hier, in der Nähe von Burg Donnerhauer, sieht die Sache anders aus. Glaub mir, du tätest gut daran, auch fortzugehen. Meloth sagt, man soll sich nicht an sein Hab und Gut klammern, wenn es kein Glück mehr bringt.«

»Nur ist Meloth weit weg, mein Hab und Gut aber bei der Hand. Deshalb werde ich nirgendwo hingehen. Verzeih mir meine offenen Worte, aber mein Entschluss steht fest. Vielleicht kommen die Nabatorer ja gar nicht hierher. Nach allem, was ich gehört habe, richten sie ihr Augenmerk ausschließlich auf den Osten, genauer gesagt auf die Treppe des Gehenkten, nicht aber auf Burg Donnerhauer. So, und jetzt werde ich mal schauen, ob Eure Zimmer vorbereitet sind.«

»Sind wir eigentlich die einzigen Gäste?«

»Nein, ein Bote übernachtet noch bei uns. Aber der schläft bereits.«

Daraufhin ließ er die beiden allein. Nachdem Lereck ein Gebet beendet hatte, erhob sich Algha.

»Schlaf gut, mein Mädchen«, wünschte ihr der Priester. »Morgen müssen wir leider früh aufbrechen.«

Die Magd brachte sie zu ihrem Zimmer im ersten Stock, das warm und anheimelnd war: Im Kamin brannte ein Feuer, auf dem großen Bett lag ein Stapel warmer Decken. Jemand hatte, wie Algha voller Dankbarkeit feststellte, für heißes Wasser gesorgt. Sie verriegelte die Tür, wusch sich ausgiebig und schlüpfte unter die warmen Decken, bis nur noch die Nasenspitze hervorlugte. Trotz der tiefen Müdigkeit, des schweren Kopfs und den in den Schläfen hämmernden Schmerzen konnte sie keinen Schlaf finden. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere, starrte auf die glühenden Flammen im Ofen und beobachtete das wilde Schattenspiel an der Wand. Irgendwann setzte sie sich seufzend hoch, stand dann auf und gab noch etwas Holz ins Feuer.

Nicht einmal sich selbst gegenüber mochte sie sich eingestehen, wie sehr sie sich vor den wiederkehrenden Albträumen fürchtete, diesen ungebetenen Gästen, die sich nicht leicht vertreiben ließen. In diesen Träumen durchlebte sie stets aufs Neue jenen Tag, an dem die Nekromanten die Schule im Regenbogental angegriffen hatten.

Allein bei der Erinnerung stieg ihr der Geruch nach Feuer, Blut und einem heraufziehenden Gewitter in die Nase, hörte sie die Schreie ihrer Freunde, die ebenso verängstigt und bleich waren wie sie selbst, sah sie, wie die Nekromanten durch die leeren, staubigen Gänge eilten, spürte sie den Schmerz, als die Feinde den dunklen Funken anriefen. Selbst jetzt meinte Algha, jemand schleife mit einer groben Feile ihre Knochen.

Und jedes Mal hörte sie im Traum wieder die Nekromantin, die sie in dem Raum voller Truhen aufgespürt hatte und von ihr verlangte: »Komm lieber freiwillig heraus, dann könnte die Sache durchaus glimpflich ausgehen.«

Wieder und wieder biss sie die Zähne zusammen und kämpfte verzweifelt wie eine Katze um ihr letztes Leben. Dabei musste sie die Nekromantin stets auf neue Art und Weise besiegen, weil jede bisherige beim zweiten Mal keinen Erfolg mehr zeigte.

Trotzdem tötete Algha ihre Feindin ein ums andere Mal. Nachdem sie im Traum Dutzende von Zaubern versucht und Hunderte von Geflechten verworfen hatte, schien es ihr mitunter, als übe sie sich in diesen Nächten weit stärker in Magie als während der gesamten Zeit im Regenbogental. Kaum suchte ein neuerlicher Albtraum sie heim, schuf ihr Hirn geradezu wahnwitzige Zauber, die ihr jedoch immer besser gerieten.

Allerdings hätten die meisten von ihnen ihr im wirklichen Leben wohl kaum geholfen. Stark wie sie waren, hätten sie ihren Funken vermutlich vollständig verbrannt. Eine junge Frau, die erst vor wenigen Monaten ihre Ausbildung zur Schreitenden beendet hatte, verfügte nun einmal nicht über die Erfahrung, solche Zauber einzusetzen, ja, einige der Geflechte dürften ohnehin nur von Ceyra Asani oder ihren engsten Vertrauten angewendet werden können.

Zuweilen träumte Algha aber auch von ihrer Kindheit, dem Haus in Korunn, ihren Eltern und ihrer älteren Schwester. Im Traum war alles wie früher, bevor sie ins Regenbogental gegangen war – nur der Pfirsichgarten, den sie so liebte, war aus unerfindlichen Gründen abgeholzt worden, und die Kirschbäume hatten uralten Kastanien mit eisig-feurigen Blättern weichen müssen. Doch auch diese harmlosen Träume brachten sie – ohne dass sie je bemerkt hätte, wie – in jenen Raum mit all den Kisten. Und dann erklang die Stimme mit dem angenehmen östlichen Akzent: »Komm lieber freiwillig heraus, dann könnte die Sache durchaus glimpflich ausgehen.«

Wenn sie aus einem solchen Traum erwachte, galt ihre erste Sorge Dagg und Mitha. Ob sie sich hatten retten können? Gehört hatte sie nichts von ihnen, sodass sie nur hoffen konnte, ihre Freunde hätten den Angriff auf die Schule ebenfalls überstanden. Zwei Tage lang hatte sich Algha in dem Viertel der Händler versteckt und auf die anderen gewartet. Doch niemand war gekommen …

An die Herrin Gilara dachte sie lieber gar nicht erst. Tief in ihrem Herzen wusste sie jedoch, dass ihre Lehrerin gestorben war.

Nach zwei Tagen hatte sie das Regenbogental verlassen, um nach Loska zu gehen. Als sie die Stadt endlich erreicht hatte, musste sie die nächste böse Überraschung verkraften: Die Schreitenden hatten sich nach Burg Donnerhauer begeben, der Turm gab den Süden preis und stellte sich im Norden dem Kampf.

In der Stadt machten allerlei Gerüchte die Runde. Eines besagte, mehrere Einheiten der Nabatorer rückten gegen Loska vor, um den letzten Hafen im Süden des Imperiums einzunehmen. Obwohl Algha im Grunde nichts auf dieses Geschwätz gab, wollte sie sich doch nicht leichtsinnig irgendeiner Gefahr aussetzen. Deshalb verließ auch sie Loska, trat den Weg durch die Berge in Richtung von Burg Donnerhauer an.

Ihre einzige Hoffnung bestand darin, zu anderen Schreitenden vorzustoßen.

»Und morgen habe ich es geschafft«, murmelte sie verschlafen. »Dann erreiche ich die Burg, dann bin ich nicht mehr allein.«

Kurz darauf erbarmte sich ihrer der Schlaf – nur um ihr den Traum von leeren Gängen im Regenbogental zu bescheren.

Alexey Pehov

Über Alexey Pehov

Biografie

Alexey Pehov, geboren 1978 in Moskau, studierte Medizin. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen. Er ist neben Sergej Lukianenko der erfolgreichste phantastische Schriftsteller Russlands. »Die Chroniken von Siala« wurden zu millionenfach...

Kommentare zum Buch

Amberlin
Anastasia am 28.01.2014

Hello. A wonderful book.) Who illustrated the cover?

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