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Stromschnellen

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Roman

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Stromschnellen — Inhalt

Die sechzehnjährige Margo ist am Stark River aufgewachsen und hat zu Fluss und Natur ein sehr viel innigeres Verhältnis als zu den Menschen. Sie spricht wenig bis gar nicht, schwimmt wie ein Fisch und ist eine erstklassige Schützin. Zu ihrem Pech ist sie ungewöhnlich hübsch, und irgendwann geraten die Dinge deshalb außer Kontrolle. Margo flieht und vertraut sich dem Fluss an. Mit  ihrem Ruderboot und einem geklauten Gewehr beginnt sie ein Vagabundenleben zu Wasser …. Ein großartiger Roman, in dem die moderne Schwester von Huckleberry Finn versucht, ihren Platz in einer Welt zu finden, auf die niemand sie vorbereitet hat. Nach einem von der Kritik schon hoch gelobten, für den National Book Award nominierten Band Kurzgeschichten gelang Bonnie Jo Campbell mit diesem Roman der literarische Durchbruch. „Bonnie Jo Campbells Menschen wirken so lebendig, als beobachte man sie durch ein offenes Fenster.“ Joyce Carol Oates

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.04.2013
Übersetzer: Carina von Enzenberg
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96186-8

Leseprobe zu »Stromschnellen«

Für Susanna

 

My home is on the water, I don’t like no land at all.
Home is on the water, I don’t like no land at all.

My home is on the water, I don’t want no land at all.
I’d rather be dead than stay here an be your dog.

 

»SEE SEE RIDER«, Blues

 

ERSTER TEIL

 

1. KAPITEL

 

Der Stark River floss durch die Flussschleife bei Murrayville wie das Blut durch Margo Cranes Herz. Sie ruderte stromaufwärts, um nach Braut-, Riesentafelenten und Fischadlern Ausschau zu halten und im Farn nach einem Tigersalamander zu suchen. Sie ließ sich flussabwärts treiben, [...]

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Für Susanna

 

My home is on the water, I don’t like no land at all.
Home is on the water, I don’t like no land at all.

My home is on the water, I don’t want no land at all.
I’d rather be dead than stay here an be your dog.

 

»SEE SEE RIDER«, Blues

 

ERSTER TEIL

 

1. KAPITEL

 

Der Stark River floss durch die Flussschleife bei Murrayville wie das Blut durch Margo Cranes Herz. Sie ruderte stromaufwärts, um nach Braut-, Riesentafelenten und Fischadlern Ausschau zu halten und im Farn nach einem Tigersalamander zu suchen. Sie ließ sich flussabwärts treiben, um Zierschildkröten zu beobachten, die sich auf umgestürzten Baumstämmen sonnten, und die Fischreiher im Reiherhorst am Friedhof von Murrayville zu zählen. Sie vertäute ihr Boot und folgte seichten Seitenarmen, um Flusskrebse, Brunnenkresse und winzige Wilderdbeeren zu sammeln. Ihre abgehärteten Füße trotzten den scharfkantigen Steinen und Glasscherben. Beim Schwimmen schluckte Margo kleine lebende Fische, und dann spürte sie, wie der Stark River sich in ihr regte.
Sie watete durch verschlungene Baumwurzeln, griff nach glitschigen Wasserschlangen und ließ den Fluss die Wunden der ungiftigen Bisse reinigen. Manchmal überlistete sie eine Schnappschildkröte und brachte sie dazu, sich in einen Ast zu verbeißen, damit sie sie nach Hause zu Grandpa Murray tragen konnte. Er kochte dann aus dem Fleisch eine Suppe und machte den Kindern weis, dass Schnappschildkröten wie Dinosaurier schmecken. Margo war die Einzige, die der Alte mitnahm, wenn er zum Angeln oder seine Fallen kontrollieren ging, weil sie stundenlang schweigend im Bug seines kleinen Teakholzbootes The River Rose sitzen konnte. Sie lernte, dass sie besser still war und Augen und Ohren offenhielt, anstatt etwas zu sagen oder zu rufen. Der alte Mann nannte sie »Elfe« oder »Flussnymphe«. Ihre Cousins riefen sie »Nympho«, aber nie, wenn der Alte in Hörweite war.
Margo, die eigentlich Margaret Louise hieß, und ihre Cousins kannten sich mit dem trüben Wasser und der starken Strömung aus, sie kannten den Sand und den Schlamm zwischen ihren Zehen, schöpften ihn in leere Hüttenkäse- oder Plastikeisbecher, ließen ihn durch die Finger rieseln und bauten damit einsackende Stalagmiten und Tropfburgen. Sie untergruben das Flussufer, buddelten sich durch Erdreich und Wurzelwerk und schufen einsturzgefährdete Höhlen und Tunnel. Stand ein Kind zu lange an einer weichen Stelle und versank bis zu den Knien, brauchte es nur zu schreien, schon zog es jemand heraus. Sie verbrachten die Sommer mehr oder weniger nackt, sammelten Regenwürmer im moosigen Wald und im Wasser Froscheier im Glibber unter dem Totholz. Sie bauten Flöße aus Schwemmholz und Ballengarn. Sie lernten, an der Wasseroberfläche Hinweise auf ein Unglück darunter zu erkennen. Einmal – Margo war damals acht und ihr Lieblingscousin Junior neun – retteten sie einen Onkel, der betrunken in den Fluss gestürzt war.
Sie alle angelten zwischen den abgestorbenen Bäumen am Flussrand nach Sonnen- und Felsenbarschen, mieden aber den Abschnitt gleich unterhalb der Metallfabrik der Murrays, weil dort ein Abflussrohr ein Gemisch aus Abwasser, Maschinenöl und Lösungsmitteln in den Fluss leitete – ein paar der Fische dort unten hatten seltsame Tumore, fleischige Bläschen an den Lippen und fransige Kiemen. An windigen Tagen waberte der lehmfarbene Qualm aus der Fabrik über den Fluss bis zu ihren Häusern und drang selbst bei geschlossenen Fenstern durch die Ritzen zwischen den Bodendielen und in den Türstöcken ins Innere.
Die Murrays waren eine starrköpfige Sippe, und Bernard Crane war nicht weniger starrköpfig, war er doch als unehelicher Sohn von Dorothy Crane und dem alten Murray in einer untreuen Phase gezeugt worden, was ihm dessen Ehefrau, die trotz (oder gerade wegen) ihres nachsichtigen Wesens jung verstorben war, jedoch beizeiten verziehen hatte. Der Alte hatte Dorothy Crane bekniet, ihrem gemeinsamen Kind seinen Nachnamen zu geben, doch sie ließ in die Geburtsurkunde Vater unbekannt eintragen. Manche sagten, Dorothy habe indianisches Blut, und deshalb sei Bernard so klein geraten; andere behaupteten, sie habe ihrem Kind die Muttermilch vorenthalten, weil der Alte sein angetrautes Weib nicht habe verlassen wollen; und wiederum andere, darunter auch Cal Murray selbst, bestritten, dass Bernard in irgendeiner Weise mit Cal verbrüdert war. Jahre später aber, als Bernard Crane, den alle einfach nur »Crane« nannten, und seine Frau Luanne ein bildhübsches Töchterchen mit grünen Augen zur Welt brachten, schlug die Versöhnung auf magische Weise eine Brücke über den Fluss, und sämtliche Murrays erhoben Anspruch auf Margo. Eine Weile genoss die Kindsmutter sogar das Wohlwollen der anderen Frauen. Meist aber nannten sie Luanne einen »Freigeist«, und das war nicht als Kompliment gemeint.
Wenn das Wetter es zuließ, schwammen Margo und ihre Cousins den ganzen Tag. Selbst wenn die Dürre den Fluss so seicht machte, dass man hindurchwaten konnte, schwammen sie zum großen Farmhaus der Murrays am Nordufer, wo Tante Joanna Wäsche aufhängte oder Brot backte und Onkel Cal sie manchmal mit Flinten Tontauben schießen oder mit Kleinkalibergewehren auf Blechziele ballern ließ. Von dort schwammen sie dann quer über den Fluss zum tief im Schatten liegenden Haus der Cranes, wo Luanne am Ende des Schwimmstegs auf dem einzigen sonnigen Fleckchen des Grundstücks bäuchlings mit aufgehaktem Bikinioberteil auf einem Liegestuhl lag. Sie bräunte vor sich hin wie einer von Joannas Brotlaiben, und nur, um von dem mit Wasser verdünnten Weißwein zu trinken, den sie in ein Einmachglas voll schmelzender Eiswürfel gestellt hatte, hob sie den Kopf und öffnete die Augen. Ihr Kakaobutterduft wehte aufs Wasser hinaus, und die Jungs konnten die Augen nicht von ihr losreißen.
Gegen Abend ruderte, schwamm oder trieb Margo schließlich nach Hause. Dann erwachte ihre Mutter, die Rückkehr der Tochter vorausahnend, stellte sich – mitunter ein wenig schwankend – auf den Steg und hielt ihr ein Handtuch hin, Margos Lieblingshandtuch, das extragroße mit dem grünen Dschungelmuster. Zähneklappernd ließ Margo sich von ihrer Mutter ins Handtuch hüllen und drücken. Erst dann roch sie die süßliche Weinfahne inmitten der Kakaobutterwolke. Luanne sagte »Gleich sind wir da, Margaret Louise«, während sie eng umschlungen über den Steg und das Ufer entlang zum Haus gingen. Im Windfang suchten sie Margo nach Blutegeln ab und bestreuten die Nachzügler mit Salz. Kaum hatten sie beide geduscht, verzog Luanne sich mit ihrer Weinflasche ins Bett, um fernzusehen oder ihren Zwölf-Stunden-Schlaf in Angriff zu nehmen, während Margo sich auf die Couch legte und darauf wartete, dass ihr Vater von der Spätschicht in der Metallfabrik heimkam. Dann blätterte sie manchmal in ihrem Buch über Annie Oakley, an deren düsterem Gesicht sie sich nicht sattsehen konnte. Annie wirkte mit ihren Büchsen und Flinten so natürlich, dass Margo glaubte, jedes Mädchen würde gern ein Gewehr tragen. Als sie dies einmal zu ihrer Mutter sagte, erwiderte Luanne müde, sie verstehe nicht, wie Annie Oakley so viel »schießen konnte, ohne mal irgendwen zu töten, ja, ohne einfach alle abzuknallen«. Margo brachte anschließend nie wieder die Sprache darauf.
Nach einem schweren Sturm oder plötzlichem Tauwetter konnte es vorkommen, dass der Fluss sprunghaft anschwoll und jede Menge Unrat mit sich führte: laienhaft vertäute Boote etwa oder Bruchstücke von Flößen und Stegen, die gegen Bäume geschmettert worden waren. Dann wurde alles Mögliche an die Ufer geschwemmt: riesige Fässer, veralgte Bojen an Nylonschnüren, Tierkadaver. Und die Fluten rissen auch das mit sich fort, was die Murrays nicht gesichert hatten oder nicht sichern konnten: Sand aus der Sandkiste, Schweinemist von dem halben Dutzend Schweine auf der Weide, Gartenpfähle und Tomatenranktürme, die seit dem Vorsommer draußen standen, Spielzeug und Hundenäpfe, Tausende Schrot- und Patronenhülsen auf dem Boden neben der Scheune. Die jährlichen Überflutungen durchspülten die Höhlen der Bisamratten, ersäuften die Maulwürfe, rissen Feuertonnen mit sich, trugen Grund ab und wuschen ganze Landstriche sauber. Einmal verloren die Cranes im Februar nach einer frühen Schneeschmelze ein Klafter Brennholz, das sie allzu nah am Wasser gestapelt hatten.
Der Tod von Margos Großvater, als sie vierzehn war, traf die Familie wie eine dieser Fluten zum Ende des Winters. Er ließ alles gefrieren und spülte nicht nur die alte Generation fort, sondern auch den unsichtbaren Kitt und die Bande, die die Murrays zusammengehalten hatten. Margo hatte so oft, wie man es ihr erlaubt hatte, am Krankenbett ihres Großvaters im Wintergarten gesessen. Nach der Beerdigung ging sie mit Onkel Cal hinaus, schob wie Annie Oakley fünfzehn Patronen in Cals Marlin-Lever-Action-Büchse Kaliber .22, fädelte den Arm durch die Schlinge und zielte über Kimme und Korn auf die Zielscheibe aus Papier. Als der erste Schuss danebenging, riet ihr Cal, sich im Schneidersitz hinzusetzen und die Schlinge enger zu ziehen. Die folgenden vierzehn Schuss trafen die Scheibe dicht nebeneinander gleich links von der Mitte. Zwölf davon schlugen ein einziges Loch von nur knapp einem Fingerbreit Durchmesser. »Was zur Hölle war das?«, fragte Cal und fuhr mit dem Finger über das zerfetzte Papier. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so geschossen! Teufel noch mal!« Onkel Cal hielt es für sein Verdienst, Margo das Schießen beigebracht zu haben, und Margo hatte seine Anleitung zwar gespürt, aber noch stärker hatte das Gewehr selbst sie geführt. Es hatte ihr Halt gegeben, und die Trauer hatte ihre Treffsicherheit perfektioniert.
Als Cal dann in der Metallfabrik der Murrays den Posten des Direktors übernahm, hielt er seine Söhne dazu an, in den Sommern zu arbeiten, statt sich den ganzen Tag am Fluss herumzutreiben. Etwa zur selben Zeit begann Margos Mutter, sich zu schminken und nachmittags stundenlang zu verschwinden. Bei Einbruch der Dunkelheit kam sie nach Hause – bis zu einem Abend im Juli, an dem Margo allein schwimmen gegangen war. In Margos extragroßem Kescher lag ein riesiger Bovist, weiß wie der Mond und größer als ihr eigener Kopf. Margo stieg aus dem Fluss und stand allein auf dem Steg mit dem totenkopfweißen Pilz in der Hand, den sie in Scheiben schneiden und braten wollte. Das kleine Haus der Cranes lag im Dunkeln. Als Margo in der Küche Licht machte, sah sie den Zettel auf dem Tisch. Sie las ihn ein ums andere Mal, aber begriff die Bedeutung nicht. Wie oft hatte Luanne geklagt, dass sie das Leben an diesem Ort nicht ertrug, und doch war sie immer da gewesen! Margo kratzte sich am Knöchel und entdeckte einen vollgesaugten Blutegel. Sie hatte nicht die Geduld, ihn mit Salz zu bestreuen und zu warten, bis er verschrumpelte. Stattdessen nahm sie ein Fleischermesser, stieß dem Biest mit dem hölzernen Griffende auf den Kopf und zog es mit einer Drehbewegung heraus, bis die blutige Masse auf die Küchenfliesen fiel.

 

Vielleicht waren nach dem Tod des alten Murray der Niedergang der Metallfabrik und die daraus folgende Arbeitslosigkeit in Murrayville unvermeidlich, noch dazu vor dem Hintergrund der Wirtschaftslage Ende der Siebzigerjahre; vielleicht war aber auch Onkel Cals schlechtes Management schuld. Vielleicht musste auch geschehen, was zwischen Onkel Cal und Margo am Tag nach Erntedank geschah. Als Margo zwei Spülbecken voll Geschirr abgewaschen hatte, scheuchte Tante Joanna sie aus der Küche.
»Geh mit den anderen feiern, amüsiert euch«, forderte Joanna sie auf. »Husch!«
»Ich zieh mir nur schnell Jeans an«, erwiderte Margo. Sie trug ein langärmliges Kleid, das sie auf Joannas Geheiß immer dann anziehen musste, wenn sie ihre Tante in die Kirche begleitete, und sei es auch nur, um ein paar Lebensmittelkonserven zu spenden. Obenherum war das Kleid gar nicht so übel, aber es reichte Margo bis über die Knie.
»Was ist schlimm daran, sich wie ein Mädchen zu kleiden?«, wollte Joanna wissen. »Geh raus und sag deinem Cousin Junior, er soll nicht nur Rock-’n’-Roll-Platten auflegen. Wir wollen ein bisschen Country Music hören.«
Das Fest war in vollem Gang, und aus den in den Bäumen festgezurrten Lautsprechern dröhnte gerade »Smoke on the Water«. Joanna bugsierte Margo zur Tür, drückte ihr die Jacke in den Arm und schob sie hinaus in die Kälte. Margo raffte ihr Kleid und krempelte es an der Hüfte um, um es kürzer zu machen. Es war das erste Fest ohne Grandpa Murray, und Margo vermisste seine starke Präsenz. Sie schlenderte über das gefrorene Gras zu ihrem Vater, doch der war in ein Gespräch vertieft. Da er sie nicht beachtete, ging sie weiter zu der Stelle, an der das Spanferkel zerlegt wurde. Hal Slocum, der Mann, den Margo einst vor dem Ertrinken gerettet hatte, schnitt das Fleisch in Streifen und legte diese in eine große Aluminiumschale. Margo sah, wie ein langer weißer Knochen zum Vorschein kam, an dem er dicht entlangschnitt. Hal wohnte mit Frau und sechs Kindern in zwei Wohnwagen eine halbe Meile flussaufwärts auf dem Land der Murrays. Julie Slocum, die für ihre dreizehn Jahre noch eine ganz schöne Petze war, flirtete gerade mit ihrem Cousin Junior, der im Schneidersitz neben dem Plattenspieler hockte und sie ignorierte. Billy Murray, ein paar Monate jünger als Margo, kommandierte ein paar kleine Kinder herum, darunter auch seine Zwillingsbrüder Toby und Tommy. Margo beobachtete, wie er sie anwies, auf allen vieren zu der Stelle zu kriechen, an der die Männer Hufeisen warfen, und in ihr schäumendes Fassbier zu spucken. Die Männer merkten es nicht, und jedes Mal, wenn einer von ihnen seinen Plastikbecher an die Lippen setzte, kreischten Billy und die Kinder vor Vergnügen. Margo lag gerade neben dem schwarzen Labrador Moe auf dem Boden und unterhielt sich knurrend und bellend mit ihm, als Onkel Cal ihr mit der Stiefelspitze in die Rippen stupste. »Hey, Nympho, wenn du auf die Jagd gehen willst, musst du zuerst lernen, wie man einen Hirsch aus der Decke schlägt.«
Margo stand auf und krempelte ihr Kleid abermals an der Taille um. Cal war dafür bekannt, dass er Mädchen Komplimente machte, wenn sie hübsch aussahen, und deshalb gaben sich alle Mühe.
»Wenn du es gleich lernen willst, zeige ich es dir.« Er lallte ein bisschen.
Obwohl ihr Vater ihr geraten hatte, sich von betrunkenen Männern – ihn selbst eingeschlossen – fernzuhalten, folgte Margo ihrem Onkel in den weiß getünchten Schuppen. Sie strich ihr Haar glatt, um sicherzugehen, dass es nicht abstand. Der Holzofen war ausgegangen, aber es war noch warm im Raum. Cal zog seine Jacke aus und warf sie auf den Lehmboden. Margo hatte nicht damit gerechnet, dass Cal sie an sich ziehen würde, und als er es tat, stolperte sie und stieß ihn gegen den von der Decke hängenden aufgebrochenen Tierkadaver, sodass dieser hin und her schwang und sich der Geruch von Blut breitmachte.
Als Cal sie auf den Kopf küsste, drückte Margo ihr Gesicht an seine breite Brust. Sie spürte sein dickes Flanellhemd an ihrer Wange. Sie liebte Cals ledrigen Duft, in den sich ein Hauch von Schweinebraten und Bier mischte. Er griff nach unten, schlang die Arme fest um ihre Beine und hob sie hoch, sodass sich ihre Gesichter auf einer Höhe befanden. Das hatte er früher manchmal getan, als sie noch ein Kind gewesen war. Unlängst war sie fünfzehn geworden.
»Willst du morgen mit mir auf die Jagd gehen? Um fünf Uhr früh?«
Margo nickte, obwohl sie das Entsetzen auf Tante Joannas Gesicht gesehen hatte, als Cal vor ein paar Tagen laut überlegt hatte, Margo und nicht etwa einen ihrer fünf Söhne zum Auftakt der Jagdsaison mitzunehmen. Sie strampelte wie beim Schwimmen mit den Beinen.
Cal hielt sie noch immer einen Fußbreit über dem Boden. Er küsste sie auf den Mund und fragte leise: »Und, wie ist das? Ist das so schlimm?«
Margo unterdrückte ein Stöhnen. In der Schule hatte sie im Treppenhaus ein paar Jungs und in der verlassenen Hütte flussaufwärts einen Freund von Junior geküsst, sie hatte alle möglichen Arten zu küssen ausprobiert – weich und hart, schnell und langsam. Als der Junge und sie sich sicher gewesen waren, dass Junior eingenickt war, hatten sie sich ausgezogen. Margo hatte geglaubt, niemand wüsste, dass sie mit dem Jungen bis zum Letzten gegangen war, aber vielleicht wusste Cal es doch. Cal drehte sie und nahm sie auf den Arm wie eine Braut, die über die Türschwelle getragen wird. Er war der bestaussehende Mann weit und breit, hatte ihre Mutter immer gesagt. Als er Margo auf seine große Jacke legte, versuchte sie ruhig weiter zu atmen. Schon waren seine Hände auf ihr, und sie musste daran denken, wie er ihr das Schießen beigebracht hatte, wie er die Haltung ihrer Hände und Arme korrigiert und ihr erklärt hatte, dass sie den Abzug drücken und nicht ziehen musste. »Der Schuss muss für den Schützen überraschend kommen«, hatte er gesagt, »auch wenn alles, was er tut, darauf ausgerichtet ist.«
»Du bist so schön«, raunte er. »Teufel noch mal!«
Cal war der beste Mann in der Stadt, hatte ihre Mutter gesagt, aber was hätte ihre Mutter hierzu gesagt? Margo wusste, dass es falsch war; sie wusste, dass ihr Vater wütend werden würde, aber sie sagte trotzdem nicht Nein. Nein zu sagen wäre so, als würde man eine Kugel abfeuern – es gab keine Möglichkeit, sie zurückzuholen. Nein zu rufen konnte sie üben, wenn das hier vorbei war, aber zunächst einmal wollte sie Cal vertrauen. Die Jacke unter ihr verrutschte, und als sie den Kopf zur Seite drehte und zur Tür blickte, wurde ihr Ohr auf den schmutzigen Boden gedrückt. Sie roch Blut und Moder und Mäusepisse, während Cal sich in ihr bewegte. Das goldene Licht, das durch das westliche Fenster fiel, wärmte ihre Wange. Plötzlich entdeckte sie das Gesicht eines Mädchens hinter der Scheibe. Zuerst hielt Margo es für ihr eigenes Spiegelbild, doch es war Julie Slocum. Julie hob die Hand an den Mund und war gleich darauf verschwunden.
»Das war doch nicht so schlimm, oder?«, erkundigte sich Cal danach.
Ihr war klar, dass Cal keine Antwort von ihr erwartete. Niemand erwartete von ihr, dass sie etwas sagte, nicht einmal ihre Lehrer. Bevor sie eine im Unterricht gestellte Frage beantworten konnte, musste sie immer erst herausfinden, wie sich das Gefragte zu all den anderen Dingen verhielt, die sie wusste. So konnte es geschehen, dass sie erst Stunden später eine Antwort fand, wenn sie allein in ihrem Boot saß und die Wasserläufer auf der Oberfläche des Flusses beobachtete. Ihr fiel es leichter, beim Rudern Matheaufgaben im Kopf zu lösen oder beim Tauchen die Zellteilung nachzuvollziehen.
War es so schlimm gewesen? Margo zog ihre Unterhose hoch. Wenn sie sich nicht auf ihre Atmung konzentrierte, würde sie das Atmen vergessen und sterben, dachte sie. Sie sah sich um, ob sich etwas verändert hatte. Der Tierkadaver nicht, die Spinnweben nicht und auch nicht der Blutgeruch. Onkel Cal lächelte sein typisches Lächeln. Sie musste raus aus diesem Schuppen, musste ihn von außen sehen und sich darüber klar werden, was gerade passiert war.
Da stürmte Margos Vater herein. Cal stand gerade auf und knöpfte sich die Hose zu, als ihr Vater, der kaum größer als sie selbst war, mit dem Fuß die Tür aufstieß und Cal mit seinem Arbeitsstiefel in den Mund trat. Margo hörte Knochen knacken, und zwei rot-weiße Klümpchen – Onkel Cals Zähne – hüpften auf den Boden. Die beiden für ihr hitziges Temperament berüchtigten Halbbrüder fauchten sich an wie Bären.
Tante Joanna betrat den Schuppen, kurz nachdem Margos Vater Cal den Kopf in die Brust gerammt und ihm eine Rippe gebrochen hatte. Rund ein Dutzend Gaffer fand sich ein und schaute zu, die einen im Innern des Schuppens, die anderen durch die offene Tür oder die schmutzige Fensterscheibe. Julie Slocum schlüpfte herein und strich Margo mit der Hand übers Haar. Sie roch nach dem Kerosin der Heizgeräte, die ihre Familie in den Wohnwagen benutzte. Cal lag jetzt am Boden, und Joanna beugte ihren langen Rücken über seinen Körper. Sie wischte ihm mit einem Taschentuch das Blut vom Mund und zischte ihn wütend an. Als Cal sich flüsternd verteidigte, wurde es schlagartig still. »Das kleine Flittchen hat mich hergelockt, Joanna, aber ich schwöre dir, ich habe sie nicht angerührt«, beteuerte er.
Schweigend und wie erstarrt standen alle da. Erst als Julie rückwärts zur Tür schlich, hüstelte jemand, und ein Raunen setzte ein.
Joanna sah Margo an. »Zum Teufel mit dir!«
Margo fixierte Cal mit zusammengekniffenen Augen, als nähme sie ihn mit der Marlin ins Visier. Sie wartete auf eine Erklärung oder Geste von ihm, die klarstellte, dass er seine Worte nicht so gemeint hatte. Mit dem Tod ihres Großvaters im Januar und dem Fortgang ihrer Mutter im Juli hatte es begonnen, und nun war der Bruch zwischen ihr und den anderen endgültig vollzogen. Selbst ihr Vater, der neben ihr stand und »Steh auf!« sagte, schien weit weg.

 

Im Pick-up wollte ihr Vater von ihr wissen, was passiert war, aber Margo schwieg sich aus. Er fuhr auf den Parkplatz vor der Polizeiwache und flehte sie an, mit ihm hineinzugehen. Als er einen halbherzigen Versuch unternahm, sie aus dem Pick-up zu ziehen, griff sie mit der linken Hand nach dem Schalthebel und mit der rechten nach der Armstütze und klammerte sich fest. Sie hatte gegen Cal keinen Widerstand geleistet, aber Widerstand war eine Lektion, die sie rasch lernte. Als sie an diesem Abend zu Hause im Bett lag und nicht einschlafen konnte, hörte sie eine Eule. Huhu, wer ruft mir zu?, ahmte sie den Vogel leise nach. Sie stellte sich vor, wie sie auf die Eule zielte und sie von ihrem dämlichen Sitzplatz in den Zedern schoss. Durchs Fenster sah Margo, dass gegenüber bei den Murrays noch Licht brannte, und sie vernahm leise Musik.
Am nächsten Morgen wurde sie vom Stöhnen ihres Vaters wach, das durch die Wand zu ihr drang. Mit einem Buttermesser öffnete sie seine abgeschlossene Tür. Er lag mit geschwollenem, blutverkrustetem Gesicht im Bett und roch nach Brombeerschnaps. Als er sie bat, ihm ein Bier zu bringen, zerrte sie sein noch nicht angebrochenes Zwölferpack Bierdosen neben dem Kühlschrank hervor, trat es mit dem Fuß von der Veranda und stieß es vor sich her in den Wald, wobei es sich immer wieder überschlug, bis der Karton aufriss. Margo öffnete eine Bierdose, ließ den Schaum über ihre Hand laufen, nahm einen kräftigen Schluck und spuckte ihn aus. Dann stellte sie die Dose auf einen Baumstumpf. Eine zweite platzierte sie ungeöffnet in der Astgabel eines Baums und hielt kurz inne, um dem Gurren einer Trauertaube auf dem gefrorenen Boden zu lauschen. Mit einem ebenso traurigen Gurren riet sie der Taube wegzufliegen. Die dritte Dose stellte sie unter ein Geflecht aus dornigen Himbeerranken. So machte sie weiter, bis sie alle zwölf Dosen im Wald verteilt hatte. In einer Hand hielt sie die Schrotflinte ihres Vaters; in ihrer Tasche steckte ein Dutzend Patronen. Margo stellte sich rund zehn Schritt von der ersten Dose entfernt hin, schob vier Schrotpatronen ins Magazin, lud durch, drückte ab und pulverisierte die Dose. Den Rückstoß steckte sie ohne zu zucken weg. Sie zog den Ladehebel nach hinten, presste den Kolben noch fester gegen die Schulter, feuerte erneut und sah, wie die zweite Dose explodierte. Mannshoch spritzte das schäumende Bier heraus. Eine nach der anderen zerschoss sie die Dosen im Morgengrauen und setzte das Gewehr nur ab, um nachzuladen. Tief atmete sie den süßlichen Geruch des Schießpulvers ein. Jeder einzelne Schuss hallte durch den Wald und übers Wasser.

Bonnie Jo Campbell

Über Bonnie Jo Campbell

Biografie

Bonnie Jo Campbell lebt in Kalamazoo, Michigan. Für ihre Short Stories hat sie etliche Preise gewonnen und war Finalistin bei den American Book Awards. »Stromschnellen« ist ihr erster literarischer Roman.

Pressestimmen

Westdeutsche Allgemeine

»Bonnie Jo Campbell hat mit ›Stromschnellen‹ einen modernen Huckleberry- Finn-Roman geschaffen, so mitreißend wie das wilde Wasser selbst: eine Frau, ein Boot, ein Gewehr – was für ein amerikanisches Idyll.«

buzzaldrins.wordpress.com

»Bonnie Jo Campbell erzählt in ›Stromschnellen‹ eine mitreißende Geschichte, die nicht nur von einer wunderbar gezeichneten Hauptfigur getragen wird, sondern vor allem auch durch die intensiven Naturbeschreibungen.«

Bücher

»Präzise und schonungslos beschreibt die Autorin die Härten der Natur und des Lebens. ›Stromschnellen‹ ist keine romantische Flussgeschichte, sondern ein kompromissloser Coming-of-Age-Roman, in dessen Zentrum eine Protagonistin voller Widerhaken versucht, das amerikanische Ideal der Freiheit zu leben.«

WeiberDiwan

»Ein fesselnder Roman für Abenteuerinnen.«

Cosmopolitan

»Eine Hommage an die Freiheit«

an.schläge (A)

»Ein fesselnder Roman für Abenteuerinnen.«

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