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Straße der SchattenStraße der Schatten

Straße der Schatten

Roman

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Straße der Schatten — Inhalt

Beste Unterhaltung, Dramatik und große Gefühle

1890, New York. Für Josephine Montfort scheint das Leben vorgezeichnet: eine arrangierte Ehe und ein häusliches Leben. Dabei möchte sie viel lieber Journalistin werden. Doch eine Tragödie reißt sie aus ihren Träumen – ihr Vater stirbt durch seine eigene Waffe. Josephine glaubt nicht an einen Unfall, und der attraktive Journalist Eddie Gallagher bestärkt sie in ihrem Verdacht. Zu zweit beginnen sie eine Spurensuche, die sie in die gefährlichsten Viertel der Stadt führt ...

Erschienen am 01.12.2016
Übersetzer: Ulrike Budde
448 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30997-4
Erschienen am 09.11.2015
Übersetzer: Ulrike Budde
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97110-2

Leseprobe zu »Straße der Schatten«

Darkbriar-Sanatorium, New York City

 


29. November 1890
Josephine Montfort starrte auf den frischen Grabhügel, auf das Holzkreuz und den Namen.
»Da liegt er drunter. Kinch. Den sucht ihr doch«, sagte Flynn, der Totengräber, und deutete auf das Kreuz. »Am Dienstag gestorben.«
Am Dienstag, dachte Jo. Vor vier Tagen. Bestimmt hat die Verwesung schon eingesetzt. Und auch der Gestank.
»Ich hätte jetzt gern mein Geld«, sagte Flynn.
Jo stellte ihre Laterne ab, zog Geldscheine aus der Manteltasche und zählte sie Flynn auf die Hand.
»Wenn euch einer hier draußen [...]

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Darkbriar-Sanatorium, New York City

 


29. November 1890
Josephine Montfort starrte auf den frischen Grabhügel, auf das Holzkreuz und den Namen.
»Da liegt er drunter. Kinch. Den sucht ihr doch«, sagte Flynn, der Totengräber, und deutete auf das Kreuz. »Am Dienstag gestorben.«
Am Dienstag, dachte Jo. Vor vier Tagen. Bestimmt hat die Verwesung schon eingesetzt. Und auch der Gestank.
»Ich hätte jetzt gern mein Geld«, sagte Flynn.
Jo stellte ihre Laterne ab, zog Geldscheine aus der Manteltasche und zählte sie Flynn auf die Hand.
»Wenn euch einer hier draußen erwischt, bist du mir nie begegnet. Klar, Mädchen?«
Jo nickte. Flynn steckte die Scheine ein und stapfte in die Dunkelheit davon. Mondlicht ergoss sich über die Reihen der Gräber und die schemenhaft aufragenden Gebäude der Irrenanstalt. Dünn und gespenstisch stieg nächtliches Geheul auf.
Plötzlich verließ Jo ihr Mut.
»Mach mal Platz, Jo. Das erledigen jetzt wir, Oscar und ich«, sagte Eddie.
Er stand ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Grabhügels. Mehr sagte er nicht, als sich ihre Blicke trafen. Er musste nichts sagen. Sein herausfordernder Blick sprach Bände.
Wie ist das alles passiert? Wie bin ich hierhergekommen?, fragte sich Jo. Sie wollte das hier jetzt nicht machen. Sie wollte zu Hause sein. In ihrer komfortablen, behüteten Stadtvilla am Gramercy Square, in Sicherheit. Wäre sie doch nie Eddie Gallagher begegnet. Dem Tailor. Madame Esther. Oder Fairy Fay. Aber vor allem hätte sie am liebsten niemals etwas von dem Mann erfahren, der jetzt fast zwei Meter tief vor ihr in der Erde lag.
»Warte an der Gruft. Geh dahin zurück«, sagte Eddie. Nicht einmal unfreundlich.
Jo lachte. Zurückgehen? Wie denn? Es gab kein Zurück. Nicht in ihr altes Leben der Salons und Tanzsäle. Nicht zu Miss Sparkwell ins Pensionat. Nicht zu ihren Freundinnen oder zu Bram. Diese ganze Geschichte hier hatte längst alle Grenzen gesprengt.
»Jo …«
»Du wartest an der Gruft, Eddie«, sagte Jo knapp.
Eddie schnaubte. Er warf ihr eine Schaufel zu. Jo zuckte zusammen, als sie sie auffing, und begann dann zu graben.

 

 



1
Sparkwell’s Institut für junge Damen,
Farmington, Connecticut

 


17. September 1890
»Trudy, sei bitte so lieb und lies mal für mich über diese Geschichten«, sagte Jo Montfort und breitete auf einem Teetisch Artikel für die Schulzeitung aus. »Fehler kann ich nicht leiden.«
Gertrude van Eyck, ein blonder Lockenkopf mit Grübchen, blieb abrupt mitten im Gemeinschaftsraum stehen. »Woher weißt du, dass ich es bin? Du hast doch gar nicht hergeschaut!«
»Duke hat’s mir verraten«, antwortete Jo. Die Cameos von Duke rauchte Trudy am liebsten.
Trudy schnupperte an ihrem Ärmel. »Rieche ich etwa?«
»Riechen ist gar kein Ausdruck. Was hält eigentlich Gilbert Gros­venor davon, dass du Zigaretten rauchst?«
»Gilbert Grosvenor weiß nichts davon. Weder von den Zigaretten noch von der Flasche Gin unter meinem Bett und auch nichts von dem schrecklich süßen Jungen, der die Äpfel liefert«, zwinkerte Trudy.
»Eine von Farmington sollte nicht so ordinär reden, Gertrude, das passt einfach nicht«, ereiferte sich Libba Newland, die mit ihrer Freundin May Delano in der Nähe saß.
»Diese Fransen passen aber genauso wenig zu einer von Farmington, Lib«, sagte Trudy mit einem Seitenblick auf Libbas unordentlich gekringelte Stirnlocken.
»Ich krieg das halt nicht hin!«, antwortete die beleidigt.
»Das wird nie etwas bei dir«, sagte Trudy selbstgefällig.
»Sei nicht so ekelhaft, und lies hier jetzt mal drüber, Tru«, sagte Jo. »Ich muss morgen abgeben.«
Trudy setzte sich an den Tisch und nahm ein Törtchen mit Marmelade von Jos Teller. Es war drei Uhr – Teezeit in dem Pensionat –, und der Gemeinschaftsraum füllte sich mit Studentinnen, die eine Pause machten. Alle unterhielten sich und aßen, außer Jo, die noch einiges am Layout der aktuellen Ausgabe der Jonquil korrigierte.
»Was haben wir denn in dieser Woche?«, fragte Trudy. »Den üblichen Unsinn?«
Jo seufzte. »Ich fürchte, ja. Ein Artikel über die richtige Art, Tee zu kochen. Ein Gedicht über kleine Kätzchen. Miss Sparkwells Eindrücke aus dem Louvre und Tipps, wie man Sommersprossen bleichen kann.«
»Du liebe Güte. Sonst noch was?«
Jo zögerte, machte es spannend. »Doch, es gibt da etwas. Eine Geschichte über die Ausbeutung von jungen Arbeiterinnen in der Textilfabrik von Fenton«, sagte sie und gab ihrer Freundin einen der Artikel.
»Ha! Das soll wohl ein Witz sein, Liebe!«, erwiderte Trudy lächelnd. Doch ihr Lächeln verschwand, als sie die ersten Zeilen las. »O Gott, du hast das ernst gemeint.«
Trudy las gefesselt weiter, und Jo beobachtete sie gespannt. Jo war in der Abschlussklasse und hatte schon in den vergangenen drei Jahren für die Jonquil geschrieben, aber dies hier war ihre erste wichtige Geschichte. Sie hatte hart daran gearbeitet. War einige Risiken dafür eingegangen. Wie eine richtige Reporterin.
»Und, was meinst du?«, fragte sie neugierig, als ihre Freundin alles gelesen hatte.
»Ich glaube, du hast den Verstand verloren«, antwortete Trudy.
»Aber findest du das gut?«, fragte Jo drängend.
»Sehr gut.«
Jo, die auf der Stuhlkante gesessen hatte, sprang hoch und fiel Trudy mit einem breiten Grinsen um den Hals.
»Aber darum geht’s überhaupt nicht«, meinte Trudy ernst, nachdem Jo sich wieder gesetzt hatte. »Wenn du Sparky das Layout gibst und dieser Artikel ist drin, bist du dran. Eine Woche Arrest und ein Brief nach Hause.«
»So schlecht ist der Text doch nicht. Die von Nellie Bly sind viel provokanter«, sagte Jo.
»Du vergleichst dich mit Nellie Bly?«, fragte Trudy ungläubig. »Muss ich dich daran erinnern, dass sie als Frau ein Skandal ist, eine Reporterin, die im Leben anderer Leute herumschnüffelt und niemals einen anständigen Mann heiraten wird? Du allerdings bist eine Montfort, und die Montforts verheiraten sich. Und zwar früh und gut. Darum geht es.«
»Diese Montfort wird ein bisschen mehr tun«, erklärte Jo. »Beispielsweise Artikel für Zeitungen schreiben.«
Trudy hob eine perfekt geformte Augenbraue. »Ach ja? Weiß deine Mutter davon?«
»Eigentlich nicht. Noch nicht«, räumte Jo ein.
Trudy lachte. »Du meinst wohl: niemals. Jedenfalls wenn du nicht in einem Kloster enden willst, weggesperrt, bis du fünfzig bist.«
»Tru, von dieser Geschichte muss man berichten«, entgegnete Jo voller Leidenschaft. »Diese armen Mädchen werden ausgebeutet. Sie schuften hart und verdienen wenig. Eigentlich wie Sklaven.«
»Jo, bitte. Woher willst du das denn wissen?«
»Ich habe mit einigen gesprochen.«
»Hast du nicht.«
»O doch. Am Sonntag. Nach dem Gottesdienst.«
»Aber nach der Kirche bist du gleich auf dein Zimmer gegangen. Du hast gesagt, du hättest Kopfweh.«
»Und dann bin ich aus dem Fenster gestiegen und runter zum Fluss gegangen. Zu einer der Pensionen dort.« Jo senkte ihre Stimme. Sie wollte nicht, dass irgendjemand lauschte. »Ein Bauer hat mich ein Stück weit auf seinem Karren mitgenommen. Ich habe mit drei Mädchen gesprochen. Eine war siebzehn, so alt wie wir. Tru, die anderen waren noch jünger. Zehn Stunden am Tag stehen sie an diesen höllischen Webstühlen. Immer wieder verletzt sich jemand. Der Umgangston ist total grob und manchmal … passiert etwas. Man hat mir gesagt, dass es Mädchen gibt, die sich auf üble Typen einlassen und dann vom rechten Weg abkommen.«
Trudy riss die Augen auf. »Josephine Montfort. Glaubst du im Ernst, dass Mr Abraham Aldrich damit einverstanden wäre, wenn seine Zukünftige überhaupt etwas darüber weiß, dass es solche gefallenen Mädchen gibt, geschweige denn, dass sie darüber schreibt? Die zukünftige Mrs Aldrich muss rein sein, an Körper und Geist rein. Nur Männer sollten etwas über …«, jetzt senkte auch Trudy ihre Stimme, »… über Sex wissen. Wenn sich herumspricht, was du getan hast, musst du nicht nur die Schule hier verlassen, du kannst auch den begehrenswertesten Junggesellen von New York abschreiben. Überleg doch mal, um Gottes willen. Kein Fabrikmädchen, egal ob gefallen oder nicht, ist die Millionen der Aldriches wert!«
May Delano schaute von ihrer Lektüre hoch. »Was ist ein gefallenes Mädchen?«, fragte sie.
Jo stöhnte.
»Egal«, sagte Trudy.
»Sag schon«, drängte May.
»Na, dann«, antwortete Trudy und drehte sich zu May um. »Ein Mädchen mit Kind, aber ohne Ehemann dazu.«
May lachte. »Was du schon wieder redest, Trudy Van Eyck. Der Storch bringt die Babys erst nach der Hochzeit, nicht davor.«
»Komm, May, wir gehen«, sagte Libba Newland und sah Trudy giftig an. »Der Gemeinschaftsraum wird mir ein wenig zu gewöhnlich.«
»Ich wette um einen Dollar, dass Lib das bei Sparky petzt«, prophezeite Trudy, während die beiden gingen. »Ich habe gerade einen Arrest wegen Rauchen hinter mir. Jetzt hast du mir wieder einen eingebrockt!«
Jo nahm ihren Text wieder an sich, enttäuscht von Trudys mangelnder Begeisterung für ihre Geschichte. Wenn doch Trudy sie verstehen würde! Wenn irgendjemand sie verstehen würde! Sie hatte Blys Buch Zehn Tage im Irrenhaus gelesen und von Jacob Riis Wie die andere Hälfte lebt, und beide hatten sie sehr berührt. Erschüttert las sie darin vom Leid der Armen und beschloss, dem Beispiel dieser zwei Journalisten zu folgen, wenn auch nur mit ihren bescheidenen Mitteln.
Sie dachte an die Mädchen in der Textilfabrik, mit denen sie gesprochen hatte. So abgrundtief müde hatten sie ausgesehen. Ihre Gesichter bleich wie Milch, dunkle Ringe unter den Augen. Sie hatten die Schule abbrechen und in die Fabrik zum Arbeiten gehen müssen. Miteinander sprechen und zur Toilette durften sie nur in den Essenspausen. Eine sagte ihr, dass sie abends kaum nach Hause laufen konnte, weil ihre Beine nach dem langen Stehen so schmerzten.
Ihre Geschichten machten Jo traurig – und erfüllten sie mit einem glühenden Zorn. »Trudy, wieso bin ich Redakteurin der Jonquil geworden?«, fragte sie unvermittelt.
»Keine Ahnung«, antwortete Trudy. »Du hättest in den Chor gehen sollen. Sogar dir dürfte es nicht schwerfallen, Come Into the Garden, Maud zu singen.«
»Also, dann sag ich es dir.«
»Wusste ich’s doch«, meinte Trudy trocken.
»Ich hab das gemacht, weil ich meine Leserinnen informieren will. Weil ich diesen Schleier zerreißen möchte, der die Ungerechtigkeiten um uns herum verbirgt«, sagte Jo immer lauter. »Wir haben die Möglichkeiten dazu, und uns hört man zu, und das müssen wir einsetzen für diejenigen, die das alles nicht zur Verfügung haben. Aber wie sollen wir ihnen helfen, wenn wir nichts über sie wissen? Und wie können wir etwas über sie erfahren, wenn niemand darüber schreibt? Ist es denn so falsch, wenn man etwas wissen möchte?«
Als sie geendet hatte, drehten sich einige Mädchen in dem Raum nach ihr um und glotzten sie an. Sie starrte zurück, bis sie wieder wegschauten. »Diese Fabrikmädchen leiden«, sagte sie nun etwas ruhiger, doch immer noch voller Mitgefühl. »Sie sind so unglaublich unglücklich.«
Trudy nahm ihre Hand. »Liebste Jo, niemand ist mieser dran als wir. Wir beide, du und ich, sind noch nicht verlobt. Wir sind dumme Fräuleins. Bedauernswerte Niemande. Allein dürfen wir nirgendwo hingehen. Wir dürfen weder mit dem, was wir sagen, noch wie wir uns kleiden oder mit öffentlich gezeigten Gefühlen zu sehr auffallen, weil wir sonst einen möglichen Verehrer abschrecken könnten. Wir dürfen kein eigenes Geld haben und vor allem …«, und hier drückte sie Jos Hand ganz fest, »keine eigene Meinung.«
»Geht dir das nicht auf die Nerven, Trudy?«, fragte Jo niedergeschlagen.
»Natürlich tut es das! Deshalb will ich so schnell wie möglich heiraten.« Sie sprang auf, schlug einen imaginären Fächer auf und stolzierte herum wie eine Dame der feinen Gesellschaft. »Wenn ich erst Frau Gilbert Grosvenor bin und glücklich mein großzügiges Heim in der Fifth Avenue bezogen habe, werde ich nur noch tun, wozu ich Lust habe. Ich sage, was ich will, lese, was ich will, und jeden Abend gehe ich in Seide und Diamanten gewandet aus und lächle aus meiner Loge in der Met meinen Verehrern zu.«
Jetzt hob Jo eine Augenbraue. »Und Mister Gilbert Grosvenor? Wo ist der dann?«
»Zu Hause. Sitzt gemütlich am Kamin mit einer Ausgabe vom Wall Street Journal«, sagte Trudy und machte Gilberts unendlich langweiligen Gesichtsausdruck nach.
Jo lachte, obwohl ihr gar nicht danach war. »Ich werde nie verstehen, wie man dich bei der Hauptrolle im Schultheater übergehen konnte. Du gehörst auf die Bühne.«
»Man hat mich nicht übergangen, besten Dank dafür. Man hat mir die Hauptrolle angeboten, aber ich habe abgelehnt. Mr Gilbert Grosvenor findet Theater furchtbar.«
Einen Moment lang vergaß Jo ihren eigenen Kummer. Sie kannte Gilbert. Er war eingebildet, mäkelte viel herum, mit zwanzig Jahren schon ein alter Mann. Stinkreich war er auch.
»Wirst du ihn wirklich heiraten?«, fragte sie. Sie konnte sich die schöne, lebhafte Trudy genauso wenig als Gilberts Gattin vorstellen wie die Paarung einer Hummel mit einer Kröte.
»Aber ja. Warum denn nicht?«
»Weil du … du wirst …«, sie konnte das nicht aussprechen.
»Mit ihm ins Bett gehen müssen?«, ergänzte Trudy.
Jo wurde rot. »Das wollte ich nicht sagen!«
»Aber du hast es gemeint.«
Trudy sah aus einem der Fenster. Ihr Blick wanderte über die Rasenflächen zu den Wiesen weiter draußen, dann noch weiter, in eine Zukunft, die nur sie erkennen konnte.
»Nachts ein bisschen unangenehmes Herumgetue, im Gegenzug dafür entspannte Tage. Kein ganz schlechtes Geschäft«, meinte sie und lächelte dabei kläglich. »Einige hier sind nicht so gut gestellt wie andere. Mein Papa bringt kaum das Geld für die Schulgebühren auf, und bei den Rechnungen für die Schneiderin wird es ganz eng. Davon einmal abgesehen, mache ich mir nicht um mich Sorgen. Sondern um dich.« Trudy wandte sich wieder Jo zu. »Du kennst die Regeln. Sieh zu, dass du dir einen angelst, danach kannst du tun, was du willst. Aber bis du einen Mann hast, lächle wie blöd und sprich über Tulpen, aber bloß nicht über Fabrikmädchen!«
Jo wusste, dass Trudy recht hatte. Sparky wäre entsetzt, wenn sie erführe, was Jo getan hatte. Ebenso entsetzt wären ihre Eltern, die Aldriches und der ganze Rest von New York. Ihr New York jedenfalls – das alte New York. Wohlerzogene Mädchen aus guten Familien wurden in die Gesellschaft eingeführt, wurden verheiratet und kehrten wieder zurück, zurück in die Salons, zu den Dinnerpartys und Tanzabenden. Sie zogen nicht hinaus in die gefährliche, schmutzige, weite Welt, um als Reporterinnen – oder überhaupt als irgendetwas – zu arbeiten.
Die Jungs dagegen mussten raus in die Welt. Reporter konnten auch sie nicht werden – eine viel zu anrüchige Tätigkeit für einen Gentleman –, aber sie konnten eine Zeitung besitzen, Geschäftsmann werden, als Rechtsanwalt arbeiten, Pferde züchten, sich für die Landwirtschaft interessieren oder eine Aufgabe in der Regierung übernehmen, wie die Jays und die Roosevelts. Jo wusste das genau, konnte es aber nicht akzeptieren. Das war alles so eng, wie die Korsettstangen, die ihren Körper einzwängten.
Wieso, fragte sie sich jetzt, können Jungs alles Mögliche tun und werden, und Mädchen können immer nur zuschauen?
»Jo?«
Jo sah auf. Vor ihr stand Arabella Paulding, eine Mitschülerin.
»Du sollst zu Sparky in ihr Büro kommen«, sagte sie. »Sofort.«
»Weswegen?«, fragte Jo.
»Hat sie nicht gesagt. Sie hat mir aufgetragen, dich zu suchen und dir das auszurichten. Gefunden habe ich dich, also geh.«
»Libba hat gepetzt«, sagte Trudy ahnungsvoll.
Jo nahm ihre Papiere und war etwas beunruhigt wegen des Gesprächs mit der Direktorin. Jetzt ging es ihr an den Kragen.
»Mach dir keine Sorgen, Liebe«, sagte Trudy. »Du bekommst nur ein paar Tage Arrest, da bin ich sicher. Es sei denn, Sparky wirft dich von der Schule.«
»Du bist ja so eine Hilfe, ehrlich.«
Trudy lächelte betrübt. »Was soll ich denn sonst sagen? Ich rauche einfach gern. Das kann Sparky verzeihen. Du dagegen möchtest unbedingt ganz viel wissen. Und das verzeiht einem Mädchen niemand.«

Jennifer Donnelly

Über Jennifer Donnelly

Biografie

Jennifer Donnelly wuchs im Staat New York auf. Mit ihrer »Rosentrilogie« begeisterte sie in Deutschland unzählige Leserinnen. Auch ihre anderen Romane »Das Licht des Nordens«, »Das Blut der Lilie« und »Straße der Schatten« wurden preisgekrönt und ernteten bei Presse und Lesern großen Beifall....

Pressestimmen

General-Anzeiger

»Ein spannender historischer Krimi mit Sozialkritik.«

Böhme-Zeitung

»spannend und unterhaltsam geschrieben und zeigt deutlich die gesellschaftlichen Unterschiede der damaligen Zeit auf. Ein schöner Schmöker mit einem gewissen Anspruch«

Schweizer Buchhandel

»Ein richtiges Frauenbuch, ein Roman für gemütliche Stunden.«

Luzerner Rundschau

»Ein spannender Schmöcker mit einem guten Mix von großen Gefühlen und einer geheimnisvollen Spurensuche im historischen New Yorker Stadtdschungel.«

LoveLetter Magazin

»ein absolutes Highlight«

Kommentare zum Buch

Straße der Schatten
Petra am 09.02.2016

3,5 Sterne StoryIch habe bereits alle anderen Romane der Autorin gelesen, man könnte sogar sagen, förmlich verschlungen. Besonders die >>Rosentrilogie<< hat mich wahnsinnig begeistert. Da es sich auch hier wieder um einen historischen Roman handelt, konnte ich nicht widerstehen. Leider musste ich aber recht bald feststellen, das es sich hier um einen historischen Kriminalroman handelt, was mich bisher noch nicht begeistern konnte. Als Leser wird man ins 19. Jahrhundert nach New York entführt, was sehr atmosphärisch dargestellt wird. Man begleiten die 17. jährige Josephine Montfort auf ihrer Suche nach der Wahrheit über den Tod ihres geliebten Vaters. Schnell stellt sich heraus, dass es eventuell kein Selbstmord gewesen ist, sondern viel mehr dahinter steckt, als es den Anschein hat. Hilfe bekommt sie von dem netten Zeitungsreporter Eddie Gallagher., an den sie schnell ihr Herz verliert, denn eine Lovestory muss es natürlich auch geben. Die Handlung ist wirklich teilweise sehr spannend, leider gibt es aber auch Momente in denen ich mich zwingen musste am Ball zu bleiben, da es doch einige Längen gab und die Handlung leicht vorhersehbar war. Jennifer Donnelly bringt die Atmosphäre der damaligen Zeit sehr gut rüber. Das Buch handelt von einer starken, mutigen und dennoch recht naiven Protagonistin, in einer Zeit, in der Frauen noch nichts zu sagen hatten und lediglich zu heiraten und Kinderkriegen nützlich wahren. Schreibstil Jennifer Donnelly hat einen Schreibstil, der den Leser schnell in seinen Bann zieht. Er ist sehr bildhaft, leicht zu lesen und man fühlt sich einfach wohl damit. Die Story wird aus der Sicht von Josephine erzählt, was ich ein wenig einseitig fand.   Charaktere Das Buch hat zwei Charaktere die ich sofort in mein Herz geschlossen habe, Josephine und Eddie. Josephine mochte ich, weil sie sich nicht unterkriegen lies. Ihre teilweise sehr naive Art passt zwar hervorragend in die damalige Zeit, in der Frauen nichts zu sagen hatten, dennoch ging mir die Naivität manchmal mächtig auf die Nerven. Aber genau das macht die Person dann doch wieder real. Alle Charaktere konnte man sich gut vorstellen. Sie hatten die nötige Tiefe.   Mein Fazit   Ein Roman in dem die Atmosphäre der damaligen Zeit gut rüber kommt. Die Story war teilweise recht spannend, aber es gab auch einige Längen, die meinen Lesefluss dann doch gehemmt haben. Ein Roman mit starken Charakteren, die sehr viel Tiefe hatten und einem sofort sympathisch waren. Dennoch hatte ich mir mehr davon erhofft. Ich vergebe hier 3,5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung für alle, die historische Kriminalromane mögen.

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