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Stolz und Demut

Stolz und Demut

Roman

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Stolz und Demut — Inhalt

Mit 26 glaubt Sophie Weiss, alles über Sex zu wissen, alles über das, was zwischen Männern und Frauen passieren kann. Dann lernt Sophie die Welt des S/M kennen: Auf einer Sklavenversteigerung begegnet sie Richard. Er ist ein prominenter Wirtschaftsboss und kennt sich bestens aus in der diskreten Welt des SM. Sie ist noch blutige Anfängerin. Richard führt sie in exklusive Kreise ein, sie treffen sich in Hotels und zu privaten Orgien. Sophie verliebt sich in ihn, der Familie hat und seine Frau mit großer Selbstverständlichkeit betrügt. Als er merkt, dass ihre Beziehung außer Kontrolle gerät, will er die Affäre beenden... Erbarmungslos offen erzählt Sophie Weiss aus der Welt des S/M - »Stolz und Demut« ist ein autobiografischer Roman über sexuelle Abhängigkeit, die irrwitzige Gratwanderung zwischen Dominanz und Lust, Schmerz und Liebe. Explizit und authentisch.

€ 3,99 [D], € 3,99 [A]
Erschienen am 27.02.2013
160 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96171-4

Leseprobe zu »Stolz und Demut«

Kapitel 1

 

Ich war eine gute Sklavin. Ich weiß nicht, warum. Ob es ein Talent war oder so etwas wie ein Instinkt. Ich war einfach gut. Wenn ich vor ihm kniete, habe ich ihm immer in die Augen gesehen. Direkt und trotzdem unterwürfig, gedemütigt und gleichzeitig ein kleines bisschen provozierend. Eine schwierige, aber gute Mischung. Ich habe mir die Lippen geleckt, ab und zu. Und irgendwann habe ich den Kopf ein bisschen nach vorne gesenkt, auf die Brust. So, als schmerze mein Nacken oder als schäme ich mich zu sehr, um seinem Blick standhalten zu [...]

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Kapitel 1

 

Ich war eine gute Sklavin. Ich weiß nicht, warum. Ob es ein Talent war oder so etwas wie ein Instinkt. Ich war einfach gut. Wenn ich vor ihm kniete, habe ich ihm immer in die Augen gesehen. Direkt und trotzdem unterwürfig, gedemütigt und gleichzeitig ein kleines bisschen provozierend. Eine schwierige, aber gute Mischung. Ich habe mir die Lippen geleckt, ab und zu. Und irgendwann habe ich den Kopf ein bisschen nach vorne gesenkt, auf die Brust. So, als schmerze mein Nacken oder als schäme ich mich zu sehr, um seinem Blick standhalten zu können. In Wirklichkeit habe ich ihm nur die Gelegenheit geboten, mich zu bestrafen. Mich an den Haaren zu packen, mit einer schnellen Bewegung den Kopf zurückzuziehen und mir ins ungeschützte Gesicht zu schlagen. Wie gesagt, ich war eine gute Sklavin.

 

–––––

 

Als ich sie das erste Mal sah, fielen mir sofort ihre Augen auf. Ich weiß, das klingt banal, und vielleicht waren es auch gar nicht ihre Augen selbst, sondern vielmehr ihr Blick, der sie von den anderen unterschied. Sie war offensichtlich unerfahren und etwas zu jung, sie hatte keine Ahnung von der Materie, aber sie stand dort in ihrer schlichten schwarzen Wäsche, mit hochhackigen Pumps und den Händen hinter dem Rücken, und sie hatte diesen Blick.
Ich hätte an diesem Abend nicht dort sein dürfen. Aus heutiger Sicht war es einer der größten Fehler meines Lebens, aber auch damals schon wusste ich, dass es ein Risiko war, zu einer öffentlichen Veranstaltung dieser Art zu gehen.
Ich hatte einen festen Kreis von Eingeweihten. Männer in ähnlichen Positionen wie ich, Frauen mit Lust auf Macht, Dominanz, vielleicht auch am Geld. Und wir hatten unsere Orte. Exklusive Hotelsuiten in den Dachgeschossen der Hauptstadt, private Studios, den ein oder anderen Keller in aufwändig umgebauten Gutshäusern. Alle ein, zwei Monate trafen wir uns, wir hatten Spaß, wir hatten Geld, wir hatten ein Geheimnis. Es gab keinen Grund, ein solches Risiko einzugehen, aber genau das tat ich.
Ich ging an einem frühen Samstagabend ins »Jeux dangereux«. Es gab mittlerweile ein paar Locations wie diese in der Stadt, es ist leider so, dass unsere kleine Vorliebe in den letzten Jahren etwas in Mode gekommen ist, die ersten Mutigen aus den Großstädten besuchten nun diese Art von Clubs, noch ein paar Jahre und es wird so etwas wie ein Trend werden. Mir kann es egal sein, ich spiele normalerweise im Untergrund. Nur an diesem Abend nicht.

 

Das »Jeux dangereux« war der älteste und etablierteste Club in Berlin, ein Club, der mittlerweile der Szene in ganz Europa bekannt ist. Einer, der Männer nur im Anzug hereinließ und in dem Frauen im Abendkleid, in Unterwäsche oder eben gleich nackt erschienen.
Das Mädchen, das auf der Bühne stand, trug Strapse wie die meisten Mädchen dort. Als ich genauer hinsah, fiel mir auf, dass sie unter den Strapsen ihr Höschen trug, ein klassischer Anfängerfehler. Wahrscheinlich war sie genau eine dieser mutigen ersten Großstadtmädchen, die von der Szene gehört hatten, und so, wie man ein paar Monate zuvor die ersten Burlesque-Clubs besucht hatte, war sie nun hierhergekommen, um sich in der Welt von Sadismus, Masochismus, Macht und Devotheit umzu sehen.
Unter normalen Umständen hätte sie mich nicht interessiert. Sie war das dritte von sieben Mädchen, das an diesem Abend auf die Bühne geführt worden war, und als der Auktionator begonnen hatte, ihre Vorzüge anzupreisen, sie bat, sich umzudrehen und ihren Hintern herauszustrecken, ihr ohne zu fragen durch die rotbraunen Locken fuhr und in die straffe Haut am Oberarm kniff, hatte sie die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Ich hatte erwartet, dass sie Gebote bis weit über tausend Euro erzielen würde, aber als der Auktionator verkündete, dass man lediglich darum steigern konnte, ihr den Arsch zu verhauen, wandten sich einige enttäuscht ab. Falls es sie verletzte, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie blickte stur geradeaus, das Kinn erhoben, die Beine leicht gespreizt, mit geraden Schultern. Nur ab und zu schaute sie jemandem in die Augen.
Die Auktion wurde mit zwanzig Euro eröffnet und schaukelte sich hoch bis hundertfünfzig, doch dann kam die Sache ins Stocken. Nur zwei Männer boten sich in lahmen Zehnerschritten gegenseitig hoch, keinen von ihnen hätte ich dem Mädchen gewünscht. Bei hundertneunzig stieg dann einer aus, übrig blieb nur der schmierigere der beiden, zu seinen Füßen saß schon ein Mädchen aus der vorangegangenen Auktion, ihr hatte man jedoch die Augen verbunden, sie sah weder das selbstgefällige Grinsen, mit dem er ihr über die Wange streichelte, noch das billige Lederimitat seiner Anzugschuhe.
Der Auktionator merkte, dass er sich nun langsam dem Endpreis näherte, und versuchte ein letztes Mal, sein Publikum zu motivieren, indem er die Frau unterm Kinn packte und ihr zugegebenermaßen schönes Gesicht noch einmal zu allen Seiten drehte, doch für zweihundert Euro wollte dem Mädchen keiner den Hintern versohlen, so hinreißend dieser Hintern auch war. »Hundertneunzig Euro zum Ersten«, rief er. Und das war der Moment, in dem mich ihr Blick traf. »Hundertneunzig Euro zum Zweiten …« Sie rührte sich noch immer nicht, stand weiter da und spielte die Rolle der stolzen Sklavin, aber ihr Blick hatte sich verändert. Er war herausfordernd geworden, er provozierte mich.
»Sehen Sie sich diesen Mann an«, sagte ihr Blick. »Wollen Sie wirklich zulassen, dass ich mich gleich von ihm anfassen lassen muss?«
Sie wusste, dass ich sie retten würde, bevor ich es wusste. Ich hob die Hand und rief: »Dreihundert.«
Der Auktionator drehte sich zu mir um und lächelte. Das Publikum verstummte. Nur das Mädchen auf der Bühne zuckte nicht mal mit der Wimper.
»Dreihundert Euro zum Ersten, dreihundert Euro zum Zweiten, dreihundert Euro zum Dritten«, rief der Auktionator, zog sie dicht an sich heran, kniete sich so, dass sein Kopf auf Höhe ihrer Hüfte war und drückte mit weit ausholendem Schwung den großen Stempel so fest auf ihren Arsch, dass ihre Backe zitterte. Dann nahm er ihre Hand und führte sie zu meinem Platz. Ich stand auf, das Publikum applaudierte, er überreichte mir das Mädchen, und ich drückte sie an den Schultern sanft nach unten. Sie ließ sich auf den Boden neben meinen Sessel sinken, ohne mich anzusehen. Ich setzte mich ebenfalls wieder, ließ aber zu ihrer Beruhigung meine Hand auf ihrer Schulter liegen. Gemeinsam sahen wir uns die restliche Versteigerung an, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln.

 

–––––

 

Seine Hand auf meiner Schulter fühlte sich kalt und glatt an, das weiß ich noch, und der Boden, auf den er mich drückte, war feucht. Es hielten sich zu viele Menschen in dem kleinen Kellergewölbe auf, und ich hatte den Verdacht, dass sich an den Wänden langsam Kondenswasser sammelte. Schon als ich in den Club gekommen war, hatte ich geschwitzt in meinem Bleistiftrock und dem schwarzen, engen Korsett. Zu Hause hatte ich versucht, mich ein bisschen wie ein Pin-up-Girl aus den Fünfzigerjahren zu stylen, mit knallrotem Lippenstift und dickem, schwarzen Lidstrich. Es erschien mir die einfachste Möglichkeit, Sex auszudrücken, ohne gleich wie eine Nutte auszusehen. Ich hatte noch zwei Martini runtergekippt und dann ein Taxi bestellt. Im Club angekommen, hatte ich Rock und Korsett praktisch sofort wieder ausgezogen, als mir in der Eingangshalle feuchtwarme Luft und halbnackte Frauen entgegenkamen. Ich war in Unterwäsche und High Heels zur Bar gegangen, ohne nach links und rechts zu schauen, und hatte mir einen weiteren Martini bestellt, als würde ich das jeden Samstagabend so tun. Ich hatte mich umgedreht und den dritten Drink an diesem Abend geext, während ich versuchte, mich zu orientieren. Ein Kellergewölbe, schwach ausgeleuchtet, die Wände mit violettem Samt verkleidet, hier und da ein paar Kerzenleuchter. An den wenigen Tischen ein paar Gäste, vereinzeltes Flüstern. Ich hatte viel Haut gesehen, viel Schwarz und ein bisschen Leder. Mit dem Drink in der Hand und einem Kopf wie Watte hatte ich ein paar Schritte gewagt, mich umgesehen, der Raum war verwinkelter, als es auf den ersten Blick schien. Und dann erst sah ich das Kreuz an der Wand. Die in den Boden eingelassenen Ketten. Ein paar Meter weiter eine Streckbank und mehrere Käfige aus Metall. Einen großen, schweren Mann, der den Raum betrat, in der Hand einen dunklen Haarschopf, der zu einer völlig nackten Frau gehörte, die barfuß und in gebückter Haltung neben ihm herstolperte. Und plötzlich einen anderen Mann, der mich anlächelte und mir trotzdem sofort unsympathisch war: »Ein schöner Platz zum Spielen, was meinen Sie?« In einer Mischung aus Panik und Verlegenheit hatte ich genickt und war zur Bar geflüchtet, um mir einen letzten Drink zu bestellen und die verbleibende Viertelstunde bis zur Versteigerung den immer gleichen Satz in meinem Kopf zu wiederholen. »Wenn du tust, was du schon immer getan hast, wirst du bekommen, was du schon immer bekommen hast.«
Ich wollte etwas Neues, und deswegen war ich geblieben, und als die Auktion begann und der Auktionator mich auf die Bühne holte, hatte ich gedacht, es wäre der Alkohol, der die Dinge plötzlich leichter erscheinen ließ, aber es war etwas ganz anderes.
Heute, ein knappes Jahr später, weiß ich, was es war. Ich kenne das Gefühl der Leichtigkeit, das einen überkommt, wenn man geführt wird, nicht mehr nach seiner Meinung gefragt wird, Verantwortung abgibt. Und das war es, was ich an diesem Abend seit langer Zeit zum ersten Mal wieder tat. Ich gab die Verantwortung ab, ließ mich auf die Bühne bringen, begutachten, verkaufen und abführen. Plötzlich saß ich zu Füßen dieses Mannes, seine Hand auf meiner Schulter, und fühlte mich leicht und frei. Es war paradox, aber gleichzeitig war es wahr, und weiter wollte ich fürs Erste nicht darüber nachdenken.
Als die Versteigerung vorbei war, löste sich das Publikum schnell, fast ein bisschen hektisch auf, die meisten Männer verschwanden mit ihren Sklavinnen in eine der Nischen, um sich zu nehmen, wofür sie bezahlt hatten. Um sie herum entstanden Trauben von Schaulustigen, die ihnen dabei zusahen. Auch an uns blieben ein paar fragende Blicke hängen, natürlich waren die Leute interessiert daran zu sehen, wie jemand mir für dreihundert Euro den Arsch verhaut und ob ich das Geld wohl wert wäre. Auch ich schaute fragend, aber er verneinte mit einer winzigen Bewegung des Kopfes, und erst nachdem er sicher war, dass sich niemand mehr für uns interessierte, beugte er sich zu mir herunter, half mir auf und führte mich zur Bar. Dort bestellte er, ohne mich zu fragen, zwei Gin Tonic und wandte sich das erste Mal an mich: »Einen verdammt teuren kleinen Hintern haben Sie da.«
Ich lächelte auf meine Zehenspitzen in den offenen Pumps und sah ihm dann in die Augen. »Würde ein billigerer Hintern Sie glücklicher machen?«
Er lachte und drückte mir auf beruhigend freundschaftliche Weise das Glas in die Hand. »Verraten Sie mir, wie Sie heißen?«
»Sophie.« War es richtig, meinen echten Namen zu nennen?
»Richard.« Okay, den Namen hatte er sich ja wohl auch nicht ausgedacht.
»Ich bin jedenfalls froh, liebe Sophie, dass Sie Ihre ersten Erfahrungen in der Szene nicht mit diesem Typen da drüben machen werden.« Er deutete auf den Mann, der mich fast für zweihundert Euro ersteigert hätte. Er saß an einem der runden Tische, ließ sich von der Frau mit den immer noch verbundenen Augen einen blasen und unterhielt sich dabei betont lässig mit den Umsitzenden.
Richard wandte sich ab. »Schauen Sie nicht hin. Auch hier gibt es ein paar schwarze Schafe.«
Wir drehten uns zur Bar.
»Woher wissen Sie, dass ich keine Erfahrung in der Szene habe?«
»Haben Sie welche?«
»Nein.«
Er nickte. »Um in diesem Spiel gut zu sein, braucht es vor allem Beobachtungsgabe.«
»Aha. Und was haben Sie beobachtet?«
»Nun ja. Alles, worauf man bei Ihnen steigern konnte, waren ein paar Schläge auf den Hintern. Das spricht dafür, dass Sie zum ersten Mal hier sind und es nur mal ausprobieren wollten.«
»Sie meinen, die Erfahrenen hier erkennt man daran, dass sie sich von wildfremden Männern ersteigern und ficken lassen?«
»Nicht unbedingt. Die Erfahrenen erkennt man daran, dass sie ihr Höschen über den Strapsen tragen, damit man es ihnen besser ausziehen kann, wenn man ihnen den Hintern versohlen möchte.«
Die Sache begann langsam Spaß zu machen.

 

–––––

 

Ich habe ihr an jenem Abend nicht den Hintern versohlt. Es war unvernünftig genug gewesen, sich überhaupt an diesem Ort blicken zu lassen. Sie zu ersteigern war eine weitere Leichtsinnigkeit gewesen. Sie an diesem Abend auch noch in aller Öffentlichkeit zu benutzen hätte zu viel Aufsehen erregt. Also zahlte ich die dreihundert Euro, streichelte ihr mit kurzem Bedauern über den Arsch und entschuldigte mich bei ihr dafür, dass ich sie an diesem Abend ungeschlagen nach Hause gehen lassen musste. Dann gab ich ihr die Karte mit der geheimen Nummer und brachte sie zum Taxistand. Sie wirkte erhitzt und enttäuscht über das abrupte Ende des Abends, es war nicht einmal halb elf.
»Ich würde Sie gerne wiedersehen. In etwas privaterer Atmosphäre. Rufen Sie mich an?«, fragte ich sie.
Sophie nahm die Karte und zuckte betont gelangweilt mit den Schultern. »Und was wollen Sie dann mit mir machen? Mir tausend Euro dafür geben, dass ich mit Ihnen einen Kaffee trinke?«
Ich nahm ihre Hand und streichelte über die Innenfläche, während sie mich leicht spöttisch ansah. »Normalerweise bezahle ich Frauen nicht dafür, dass sie sich mit mir treffen.« Ich hörte auf zu streicheln und drückte meinen Daumennagel fest in ihr weiches Fleisch. Sie verzog das Gesicht, aber ich redete ruhig und in gleichem Tonfall weiter. »Und ich habe auch nicht vor, das zu ändern.« Ich drückte fester zu und sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. »Falls Sie mich trotzdem wiedersehen wollen, rufen Sie mich an.«
Ich öffnete mit der freien Hand die Hintertür des ersten Taxis in der Reihe, der Fahrer startete den Motor. Langsam löste ich den Daumennagel aus ihrer Haut und hörte, wie sie aufatmete. Ich drehte ihre Hand, die nun geschmeidig und spannungslos in der meinen lag, und küsste ihren Handrücken. Dann stieg sie ein. Das Letzte, was ich von ihr sah, war wieder dieser Blick. Sie sah mich durch das Fenster der geschlossenen Taxitür hindurch an. In ihrem Blick lagen gleichzeitig Verwunderung und eine Art tiefer Ruhe. Der Fahrer setzte den Blinker, ich trat einen Schritt nach hinten, und das Auto rollte langsam auf die Straße. Ich hob die Hand und winkte ihr zu. Dann drehte ich mich um und ging zu meinem Dienstwagen. Dieses Mädchen hatte Blut geleckt.
Eine halbe Stunde später war ich am Stadtrand von Berlin. Im Wohnzimmer brannte noch Licht, meine Frau war auf dem Sofa eingeschlafen. Ich ging ins obere Stockwerk. Die Kinder lagen friedlich in ihren Betten. Es war alles in Ordnung.

 

–––––

 

Alles war anders seit diesem Abend. Wenn mich heute die Anwälte fragen, wie und wo unsere Beziehung begonnen hat, erzähle ich etwas von einem zufälligen Treffen in einer Bar. Ich schütze damit nicht nur mich. Ich schütze auch ihn, immer noch. Und vielleicht noch ein paar andere Beteiligte. Ich lasse sie gerne noch eine Weile leiden. Aber ich werde sie nicht verraten.
Nach dem ersten Treffen mit Richard ahnte ich noch nichts von all dem. Alles, was ich wusste, war, dass sich etwas verändert hatte. Ich an nichts anderes mehr denken konnte. Ich nicht mehr schlafen konnte. Und dass ich wissen wollte, wer und was hinter diesem Mann steckte. Ich war sechsundzwanzig und hatte bis dahin das Gefühl gehabt, im Bett schon alles erlebt zu haben. Jedenfalls die normalen Erfahrungen eines Mädchens aus der Großstadt. Inklusive Oralsex, Analsex, ein paarmal Sex zu dritt.
Ich erinnerte mich daran, wie aufregend es sich angefühlt hatte, etwas zum ersten Mal zu tun. Aber irgendwann hatte es kein erstes Mal mehr gegeben. Alles, was es noch gab, waren Wiederholungen mit ab und zu wechselnden Männern. Ich langweilte mich circa drei Jahre lang. Und dann kam diese Idee. Dieser Club. Irgendwoher der Mut. Und dann kam Richard.
Ich schrieb ihm noch in der gleichen Nacht, mein Hintern brannte, obwohl er ihn fast gar nicht berührt hatte, und ich machte ihm einen kleinen, provokanten Vorwurf daraus.
Er brauchte eine unverschämt lange Zeit, um zu antworten: »Wir sehen uns am Freitagabend um neunzehn Uhr im Mandala«, schrieb er, und: »Den Fehler mit dem Höschen machst du nicht noch mal.«
Mir gingen die üblichen Telefonate durch den Kopf, die ich mit Männern geführt hatte: »Sollen wir uns bei dir oder bei mir treffen? Lieber in ein Café oder eine Bar gehen? Thai oder Italienisch? Ruhig oder szenig?«
Ich seufzte und schob das Handy neben mich unters Kissen.
Die dreihundert Euro investierte ich am nächsten Montag in drei durchsichtige Spitzenhöschen, neue Strapse und einen BH, der meine Brüste stützte, ohne sie zu verdecken, sodass meine Brustwarzen wie auf kleinen, schwarzen Präsentiertellern lagen. Am Freitag gegen halb sechs zog ich über die Präsentiertellerbrüste eine cremefarbene Spitzenbluse zu einem schwarzen, halblangen Wildlederrock. Die Haare band ich mir zu einem Dutt. Ich sah aus wie ein braves Mädchen. Bis ich mir die Lippen rot anmalte. Dann sah ich plötzlich aus wie ein braves Mädchen, das darauf wartete, gefickt zu werden.

 

–––––

 

Ich liebe meine Frau, und ich liebe meine Kinder. Meine Familie ist mir das Wichtigste auf der Welt. Das war eines der ersten Dinge, die ich ihr damals gesagt habe, als wir uns in der Bar des »Mandala« trafen. Ich habe ihr erklärt, dass die Nummer, die ich ihr gegeben hatte, zu einem Prepaid-Handy gehörte, von dem niemand etwas wusste. Dass das Letzte, was ich gebrauchen konnte, ein Mädchen war, das eines Tages vor meiner Tür stehen würde, um unsere Abenteuer mit meiner Frau zu teilen. Oder mit der Presse. Sie nickte irritiert und trank zum wiederholten Mal mehrere Schlucke Wein hintereinander. Sie wusste noch immer nicht, wer ich war. Ich nahm ihr das nicht übel, im Gegenteil. Einer Sechsundzwanzigjährigen, die nicht gerade regelmäßig den Wirtschaftsteil der Zeitung studierte, konnte mein Gesicht schon mal durch die Lappen gehen. Aber sie interessierte sich weder für meine Familie noch für meinen Job. Ein gutes Zeichen. Sie interessierte sich einzig und allein für meine Erfahrungen in der Szene. Ich erzählte ihr, was sie wissen wollte. Nicht alles, aber genug, um sie aufzuheizen und ihre Reaktion zu testen. Bei ein paar Details bekam sie hektische rote Flecken, die sich an ihrem Hals ausbreiteten, ansonsten blieb sie relativ ruhig. Sie hörte zu, hakte ab und zu nach, und ihre Fragen erschienen mir von fast kindlicher Neugier. Sie staunte über uns, über unsere Art zu spielen. Und sie gab sich keine Mühe zu verbergen, dass sie mitspielen wollte.
Als ich ihr von einer der letzten Partys erzählte, vom guten Essen und Wein, einer Handvoll Männer und Frauen und ein paar Sklavenmädchen, die nur dazu da waren, um sich von uns schikanieren zu lassen, unterbrach sie mich zum ersten Mal: »Darf ich mir so etwas mal … ansehen?«
»Sicher, irgendwann vielleicht, wenn Sie möchten …«, sagte ich vage und schenkte ihr Wein nach.
»Was soll das heißen, irgendwann mal?«, fragte sie und drückte das gefüllte Glas sofort wieder an ihre Lippen.
»Das soll heißen, dass ich Sie erst mal näher kennenlernen müsste. Auf diesen Partys treffen sich Menschen, die gern unter sich sind. Männer, die die Öffentlichkeit scheuen.« Ich musste grinsen. »Jedenfalls was dieses Thema angeht. Das Letzte, worüber die sich freuen, ist eine Anfängerin wie Sie, die mit großen Augen staunend in der Ecke steht, um dann nachher all die Perversitäten, die sie gesehen hat, ihren Freundinnen beim Brunchen zu erzählen.«
»Verstehe«, antwortete sie und stellte endlich ihr Glas auf den Tisch. »Sie wollen mich also besser kennenlernen. Ich nehme an, dass es dabei nicht darum geht, welches Fach ich studiere, was meine Lieblingsfarbe ist oder wohin ich das letzte Mal in Urlaub gefahren bin …«
»Da könnten Sie recht haben.«
»Also«, schloss sie daraus und schaute mich herausfordernd an, »was kann ich dann für Sie tun?«
Ich beugte mich in aller Ruhe vor und sagte dann: »Die Sache mit dem Höschen – haben Sie sich hoffentlich gemerkt?«
Sie lächelte etwas schief und sah mir direkt in die Augen.
»Habe ich.«
»Gut. Dann dürfte es ja kein Problem sein, jetzt auf die Toilette zu gehen, das gute Stück auszuziehen und mir zu bringen?«
Sie zögerte einen netten kleinen Moment lang. Dann stand sie auf. »Ich werde sehen, was sich machen lässt.« Sie verschwand in Richtung Toiletten. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück.
Das Spiel hatte begonnen.

Über Sophie Weiss

Biografie

Sophie Weiss ist das Pseudonym einer deutschen Romanautorin, die in diesem Buch von ihren persönlichen Erfahrungen erzählt.

Medien zu »Stolz und Demut«

Pressestimmen

Eschborner Zeitung

»Großartiges Buch! Ohne Wenn und Aber, offen, bedrückend aber auch sehr erhellend. Meine unbedingte Empfehlung wenn Sie zu sehr von Shades of Greys fasziniert waren, denn der Boden der Realität ist nun einmal ein Anderer.«

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