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Stillstandsturm

Briefe aus dem Lockdown

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Stillstandsturm — Inhalt

Leben im Lockdown: Zwei befreundete ZEIT-Journalisten teilen ihre Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Geschichten

Als die Corona-Krise Deutschland erreicht, beschließen Ursula März und Stephan Lebert, sich täglich E-Mails zu schreiben, in denen sie sich von ihrem Umgang mit der veränderten Lage erzählen. Und von allem, was sie sonst noch beschäftigt. Persönlich, reflektiert, politisch informiert. Sie eröffnen dem Leser die Möglichkeit, sich zu erinnern und eine andere Perspektive einzunehmen. Eine berührende Auseinandersetzung mit einer Situation, die uns alle noch lange beschäftigen wird.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 03.08.2020
272 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-07078-2
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 06.07.2020
272 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99776-8

Leseprobe zu „Stillstandsturm“

Von: Ursula März

Datum: Mittwoch, 18. März 2020 um 15:11

An: Stephan Lebert

Betreff: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

ich hole ein bisschen aus: Wir kennen uns, weil wir Kollegen bei der ZEIT sind. Vor ungefähr zwei Jahren hast Du ein paar von uns eingeladen, um jenseits des laufenden Berufsgeschäfts über neue Themen nachzudenken – vor allem über neue Formen, die irgendwie frischer, origineller, vielleicht auch persönlicher sind als die gewohnten. Themen sind uns immer leichtgefallen, bei den Formen waren wir eher ratlos. Und ehrlich gesagt habe ich [...]

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Von: Ursula März

Datum: Mittwoch, 18. März 2020 um 15:11

An: Stephan Lebert

Betreff: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

ich hole ein bisschen aus: Wir kennen uns, weil wir Kollegen bei der ZEIT sind. Vor ungefähr zwei Jahren hast Du ein paar von uns eingeladen, um jenseits des laufenden Berufsgeschäfts über neue Themen nachzudenken – vor allem über neue Formen, die irgendwie frischer, origineller, vielleicht auch persönlicher sind als die gewohnten. Themen sind uns immer leichtgefallen, bei den Formen waren wir eher ratlos. Und ehrlich gesagt habe ich auch nicht hundertprozentig verstanden, worauf Du hinauswillst. Ich dachte: Es gibt tolle und fade Reportagen, spritzige und mittelmäßige Essays, das hat mit der Genreform nichts zu tun. Vielleicht ist Lebert einfach ein wenig zeitungsmüde (sorry) …

Jetzt haben wir Corona. Wir sind nicht nur virologisch in einer „dynamischen Situation“, wir sind es auch gesellschaftlich, intellektuell, emotional. Was man heute schreibt, kann morgen überholt sein. Ich selbst denke alle zwei Stunden was anderes. Am Wochenende (heute ist Mittwoch, der 18. März) fand ich es toll, wie gelassen die Deutschen mit dem Shutdown umgehen. Am Montag war ich mir sicher, zwischen klopapierraffenden Idioten zu leben, die eine Revolte anfangen werden, wenn ihr Kanarenurlaub platzt. Gestern Abend war ich so frustriert über die ganzen Absagen an beruflichen Terminen, dass ich mehr getrunken habe, als mir guttut. Heute Morgen bin ich in regelrechter Kriseneuphorie.

Spinne ich oder ist die BILD-Zeitung momentan wirklich so seriös wie noch nie? Finde ich Jens Spahn nur gut, weil mich Corona politisch infantil macht? Wäre eine sofortige Ausgangssperre richtig oder rational betrachtet Quatsch? Keine Ahnung. So geht es ja nicht nur mir. Das ganze Land befindet sich im Experimentzustand, in Vorläufigkeitsstimmung. Und da bieten sich vielleicht wirklich andere, offenere Schreibformen an. Hast Du gewollt! Deshalb mein Vorschlag mit den Briefen bzw. Mails. Das meine ich mit Schreiben, das „auf Sicht fährt“.

Wir versuchen’s mal, okay?

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Mittwoch, 18. März 2020 um 19:11

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

zwei Jahre ist es also schon wieder her, dass wir mit den Treffen angefangen haben? Zwei Jahre. Heute habe ich mit meiner alten Tante telefoniert, sie lebt in Zürich, allein in ihrer Wohnung, draußen tobt auch bei ihr die Corona-Hölle. Sie ist tapfer. Und sie hat heute gesagt: früher. Und meinte: vor zwei Wochen, als sie noch einkaufen konnte, als sie im Park spazieren gehen konnte. Wird man später mal sagen können, dass mit Corona eine neue Zeitrechnung begonnen hat? Was tippst Du?

Es stimmt: Ich bin ein bisschen müde geworden, was das Lesen von Zeitungen angeht. Ich sehe so oft die gleichen Szenen, die gleichen Anfänge, die gleichen Erzählmuster. Deshalb unsere Treffen damals. Die Suche nach … tja, irgendwas Neuem. Jetzt läuft es irgendwie andersherum. Draußen passiert etwas Unglaubliches und wir schreiben uns Briefe. Wenigstens nicht mit Tinte und Löschblatt. Obwohl, vielleicht wäre auch das nicht so schlecht, denn ich finde gerade alles gut, was langsam ist. Jeder Blick auf BILD online – ich gucke da auch ziemlich oft drauf – ist eine Art rasender Science-Fiction-Film. Ich habe heute drei Dosen Ravioli von Maggi gekauft. Das war nicht unbedingt mein Hamstertrieb. Diese Ravioli habe ich als Kind immer gern gegessen. Und später habe ich sie mir immer gekauft, wenn ich krank war. Ich bin nicht krank, keine Sorge, noch nicht jedenfalls, aber die Ravioli sind für mich so etwas wie Geborgenheit. Hat sich gut angefühlt, als ich sie vorhin ins Regal gestellt habe.

In meinem Kopf läuft gerade einiges rückwärts. Mir fällt eine Szene in einem alten „Don Camillo“-Film ein. Es ist eine Flutkatastrophe in dem kleinen Ort in Italien(!) passiert, das ganze Dorf steht unter Wasser. Die Menschen sind in ein Zeltlager geflüchtet, auf einer Anhöhe über dem Ort. Don Camillo, der Pfarrer, predigt ganz alleine in seiner Kirche, die auch unter Wasser steht. Auch Don Camillo steht bis zur Hüfte im Wasser. Sehr pathetische Worte spricht er. Über das Leben, wie es vorher war, und dass sich jetzt alle danach zurücksehnen, obwohl alle immer vor allem darüber gemeckert haben, über alles …

An diese Szene musste ich heute denken. Und fragte mich, wo ist eigentlich in Zeiten von Corona der Papst, wo sind die anderen Kirchenfürsten? Wo sind ihre pathetischen, tröstenden Worte?

Ich muss aufhören. Jetzt kommt gleich Angela Merkel im Fernsehen. Mit ihrer Rede an die Nation. Es ist Mittwoch, der 18. März, 19:08 Uhr.

Liebe Grüße,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Donnerstag, 19. März 2020 um 09:35

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Guten Morgen,

Stephan, ganz ehrlich: Ich hätte nicht gedacht, dass mir bei einer Rede von Angela Merkel mal die Tränen runterlaufen! Tun sie aber auch jetzt noch in der Erinnerung an gestern Abend. Und da bin ich mir ganz sicher, es hat nicht mit coronabedingter Infantilisierung zu tun.

Dass die Rede inhaltlich genau richtig war, ist eh klar. Und zu Deiner Frage, ob es eine Zeitrechnung vor und nach Corona geben wird: Das weiß man jetzt. Aber was mich unter anderem so gerührt hat, war der Eindruck, dass und wie Merkel alles tat, um über ihren Schatten zu springen, den sie natürlich auch kennt, um Emphase in die Wohnzimmer zu transportieren. Es wurde ihr schon tausendmal vorgehalten, wie sie Politik technokratisch verwaltet, wie wenig sie kommuniziert, wie wenig Charisma sie hat. Und man sieht tatsächlich, dass sie sich nicht genießt in so einer Rede an die Nation, anders als Macron mit seinem „Krieg gegen Virus“. Aber genau dieser Mangel an Selbstgenuss hat mich umgehauen, vielleicht auch, weil er die echte, komplett strategiefreie SORGE einer, jetzt sag ich es, sehr großen Kanzlerin beglaubigt, die ich nie gewählt habe. Meine Tochter (sie hat am Sonntag ihren 24. Geburtstag, das wird auch eher was Klein-Improvisiertes) hat Merkel sozusagen noch weniger je gewählt. Wir haben die Rede zusammen angeschaut, und sie fand sie „sehr gut“. Dann kann ich nicht falschliegen.

Überhaupt habe ich den Eindruck, in diesen Wochen lernen sich Politik und Gesellschaft noch mal neu kennen. Wie in einer alten Ehe, wo man sich eigentlich nicht mehr viel zu sagen und gegenseitig ziemlich satthat. Dann passiert was, das Haus brennt ab, das Kind bekommt eine schwere Krankheit, und die Ehe schüttelt sich neu. In den ersten Wochen von Corona hat die Bevölkerung ihre Politiker neu kennen- und schätzen gelernt, ich sage nur: Jens Spahn. Jetzt, mit den drastischen Maßnahmen und Schließungen, ist es fast umgekehrt. Die Politik ist dabei, das Volk kennenzulernen. Jetzt merkt man auch, dass das Misstrauen schon lange gegenseitig war. Wir schauten angewidert auf den Parteiensumpf der Politik, und die Politiker schauten genervt zurück. Auf uns unverlässliches Wahlvolk, pöbelndes Fußballvolk, ordinäres Social-Media-Volk, Staatsvertreter beleidigendes Düstervolk.

Das ist nur ein Momenteindruck, kann alles noch ganz anders werden. Ich denke oft an den Sommer/Herbst 2015 der Flüchtlingskrise. Erst die Welcome-Euphorie und dann der Absturz in die kollektive Gereiztheit.

Anfang der Woche habe ich noch gedacht: Na gut, dann ist jetzt mal wirklich freie Zeit. Keine Termine, keine Lesungen, keine Reisen. Ich ziehe mich schön zurück und mache, was ich immer mal machen wollte. Lese ein paar Tausend Seiten Proust, sortiere das Durcheinander von Fotos, tue was gegen mein miserables Englisch. Seit gestern weiß ich, dass das nicht klappt und mir auch nicht guttut. Es sind eben keine richtigen kontemplativen Ferien. ich komme besser zurecht, wenn ich „dran“ bleibe, diszipliniert arbeite. Ich habe eine große Begabung zum Fernsehjunkie, das würde eine Woche Spaß machen, aber dann wär’s der gefühlte Niedergang.

Über Deine Frage, ob die Stimmen der Kirchenoberen fehlen, muss ich noch nachdenken. Nur vorläufig: Wann warst Du zum letzten Mal sonntags in der Kirche? Wir haben uns schon über einiges unterhalten. Aber haben wir uns je gefragt, ob wir protestantisch oder katholisch oder überhaupt in der Kirche sind? Ich habe, was Dich betrifft, keinerlei Ahnung. Und nun plötzlich die Arme Richtung Rom ausstrecken?

Jetzt ist es 9:20 Uhr am Donnerstagmorgen, den 19. März, ich fahre mit dem Auto an den Schlachtensee und laufe. Dann sitz ich wieder hier am Schreibtisch.

Mach’s gut, danke für Deine Antwort (apropos: Merkel hat auch gesagt, jetzt sei die Zeit für Skypen, Telefonieren oder „mal wieder einen Brief“. Ha!)

Liebe Grüße,

Ursula

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Donnerstag, 19. März 2020 um 18:57

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

heute im Büro jagte ein Gerücht das andere: Immer wieder ein anderer will von irgendjemanden gehört haben, dass jetzt ganz sicher eine Ausgangssperre kommt. Angeblich, ganz sicher, echt, wird heute Abend der Regierende Bürgermeister Müller, selbst in Quarantäne, die Ausgangssperre für ganz Berlin verkünden.

Da frage ich mich: Darfst Du morgen dann noch joggen? Oder schwimmen? Gehört das zum verbotenen Ausgang? Was macht dann ein Hund?

Es ist alles nicht lustig. Gar nicht. Und trotzdem fragte ich mich heute, wann eigentlich die Corona-Witze anfangen. Wahrscheinlich gibt es sie längst, ich kenne aber noch keinen (nur heitere Videos im Netz haben schon Konjunktur). Ein Kollege, Spezialgebiet Terror, erzählte mir von seiner Komödienidee: Terroristen planen einen Anschlag auf das KaDeWe in Berlin, jahrelang bereiten sie alles vor – und einen Tag, bevor es losgehen soll, wird das KaDeWe wegen Corona geschlossen. Wird wahrscheinlich keine berühmte Komödie werden.

Ich verstehe Deine Rührung von gestern Abend sehr gut. Ich fand Angela Merkel auch beeindruckend. Von großen Schauspielern heißt es doch, sie würden sich ganz leer machen, damit die jeweilige Rolle in sie reinschlüpfen kann. So wirkte das für mich, der Ernst der Lage schlüpfte in sie hinein – und sie als Kanzlerin wird aber davon nicht aufgefressen, sondern sie versucht die Dramatik zu steuern. Robert Habeck sagte nach der Rede im ZDF, ihm habe gefallen, dass sie den Dialog mit den Menschen begonnen hat.

Das macht sie anders als zum Beispiel Macron. Der spricht vom Krieg. Was kommt da als Nächstes? Atomkrieg?

Ich war gestern in meinem Lieblingscafé, im Manzini in der Ludwigkirchstraße. Ein paar Leute saßen draußen an den Tischen – im gebotenen Abstand natürlich. Dann kam Ferdinand von Schirach, der hier ein Stammgast ist, und setzte sich an einen Tisch an der Ecke, stellte ein Desinfektionsfläschchen vor sich hin, rieb sich die Hände ein und sagte fröhlich in die Runde: „Ist Distanz nicht was Herrliches?“ Ein paar Meter weiter, in der Uhlandstraße, fuhr einige Momente später ein Mannschaftswagen der Polizei vor. Die Polizisten gingen in die Geschäfte, die noch geöffnet waren. Sie verklickerten den Ladenbesitzern anscheinend, dass sie zumachen müssen. Eine Frau in einem Design-Geschäft fing laut zu weinen an.

Ich bin übrigens katholisch. Auch noch in der Kirche. Als ich ganz klein war, hat meine Mutter vor dem Einschlafen mit mir gebetet: Maria breit den Mantel aus … In Kirchen bin ich öfters, meistens zum Kerzenanzünden für irgendjemanden. Ich mag Kirchen. Das letzte Mal in einem Gottesdienst war ich am Heiligen Abend in der Mitternachtsmesse – in Italien, am Lago Maggiore, Maccagno heißt der Ort. Wir haben kein Wort verstanden, aber es war irgendwie schön. Menschen kommen zusammen, weil sie wissen, wie klein und zerbrechlich sie sind, das hat mir immer gut gefallen. Ich feiere in Maccagno immer mit meinem Bruder Weihnachten, seit unsere Mutter gestorben ist. Nur wir beide. Er hat da ein sehr hübsches Häuschen. Maccagno ist Corona-Sperrgebiet. Dieser kleine, fröhliche Ort. Unseren Freunden und Bekannten dort geht es gut, sagen sie. Und sie fügen hinzu: Wir leben noch.

Du kannst über mich spotten, aber ich fände es gut, wenn die Kirche gerade in diesem Moment eine Stimme hätte und die Geschichte von Gott und Teufel erzählen würde. Ich würde gerne zuhören, auch wenn ich mich vielleicht ärgern würde, aber es kommt nichts. Ein Religionswissenschaftler hat heute Morgen im Deutschlandfunk gesagt, glücklicherweise habe der Kinderglaube vom lieben Gott in Deutschland abgedankt. Er lese mit seinen Studenten schon immer Die Pest von Albert Camus, da stünde alles Wesentliche zum Thema Religion drin.

Kinderglaube. Da häng ich anscheinend noch drin fest.

Sag mal, wir erleben einen Ausnahmezustand. Was, glaubst Du, wird passieren mit unserer Gesellschaft? Wird sie auseinanderplatzen? Oder wird es ein Gemeinschaftsgefühl geben? Was hält uns eigentlich zusammen? Was könnte es sein?

Ich bin eher pessimistisch heute Abend. Liegt vielleicht daran, dass heute kein guter Tag war. So viele Enden, keine Verbindung. Ich versuche mich nachher zu entspannen mit alten Folgen der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Es ist 18:54 Uhr. Gerade kommt die Meldung, dass es in Italien mehr Corona-Tote gibt als in China.

Bis morgen.

Lieben Gruß,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Freitag, 20. März 2020 um 13:09

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

ein paar Sachen muss ich geraderücken.

Zum einen, ich jogge nicht. Mit Laufen meine ich Laufen, zügiges Spazieren.

Zum anderen hat sich der Pegel meines gestrigen Merkel-Pathos auf Maß und Mitte gesenkt. „Sehr große Kanzlerin“ war schon peinlich übertrieben, sie ist nicht Churchill. Da hat mich die Sentimentalität weggetragen. Die Rede war gut, finito.

Zum Dritten: Ich bin katholisch und in der Kirche, besuche Gotteshäuser ungefähr so wie Du. Aber mein Glaube ist schon sehr schütter. Ich will es mal so sagen: Aus Respekt vor den wirklich Gläubigen und vor dem, was viele Kirchenmitglieder für die Gesellschaft nach wie vor leisten, verbiete ich es mir, in einer Ausnahmesituation wie jetzt auf einen Zug aufzuspringen, neben dem ich sonst nur herlaufe. Verstehst Du, was ich meine? Ich finde es auch zweifelhaft, wenn Leute, die mit der Kirche eigentlich komplett abgeschlossen haben, sie plötzlich als Eventbude mit Feierlichkeitsfaktor für Hochzeiten und Beerdigungen beanspruchen. Oder sich im August schnell taufen lassen, damit das Kind im September auf eine katholische Schule kommt, wo „die Werte abendländischer Bildung vermittelt werden“, wo, im Klartext, nicht so viele Kinder mit muslimischem Migrationshintergrund vermutet werden …

Aber Du hast recht: Es herrscht ein seltsames, fast gespenstisches Schweigen seitens der Kirchenoberhäupter. Wo ist die niederdonnernde Stimme aus Rom, die die augenblickliche Evakuierung der Lager auf Lesbos verlangt und die Untätigkeit der Menschheitsgemeinde verdammt? (Guter Text gestern von Caterina Lobenstein auf der S. 1 der ZEIT.)

Warum bist Du, sind die Kollegen eigentlich im Büro? Müsst Ihr? Wollt Ihr? Was hat sich denn im beruflichen Firmenumgang verändert? Ich arbeite ja sowieso zu Hause und bin generell, auch abends, gern dort zu Hause. Bis jetzt spüre ich keine grundstürzende Veränderung in meinem Alltag. Und fürs Alleinsein bin ich eh sehr begabt. Ich kenne alles Mögliche an schlimmen Gemütszuständen, zum Ausgleich hat mich die Natur vom Gefühl der Langeweile verschont. Sage ich jetzt. Wie es nach sechs Wochen Ausgangssperre aussähe, habe ich keine Ahnung. Auf Café, Kino, Restaurant zu verzichten ginge. Aber radikal drinzubleiben wäre schon schwierig. Was würde Dir am meisten fehlen?

Zu Deiner Frage, was ich denke, ob Corona die Gesellschaft positiv verändert oder zerreißt – ich weiß es nicht. Und ich denke, das kann man jetzt nicht wissen. Momentan ist ja durchaus solidarisches Miteinander da. Aber ich habe eben 2015 als Blaupause im Kopf. Vorstellen kann ich mir, dass der individuelle Egoismus vorübergehend herunterfährt, aber der nationale erheblich hochfährt.

Ich überlege noch was anderes, nur eine vage Idee: Vielleicht können wir, wenn diese Pandemie und ihre sicher gewaltigen Folgen irgendwann hinter uns liegen, die Not unserer Eltern und Großeltern besser verstehen, von den Schrecken zu erzählen, die sie erlebten. „Das kann sich heute niemand mehr vorstellen“ kenne ich als Standardsatz. Er hatte immer etwas Resigniertes den Nachkommen gegenüber, die nicht wissen, wovon die Rede ist. Versteh mich nicht falsch: ich verwechsle Corona nicht mit Krieg und Hungersnot … Aber es könnte ja sein, dass Enkel nichts anderes kennen als eine Welt, in der die Medizin ad hoc mit jedem Virus fertigwird. Wie erzählt man dann, dass es 2020 nicht so war?

Für die wirklich guten Corona-Witze ist es noch zu früh. Oder zu spät, weil die neue Moralzensur dem richtig scharfen schwarzen Humor die Luft abschneidet. Spannend wäre, was Harald Schmidt, der ja schwarzen Humor kann, als Vollhypochonder jetzt einfiele.

Das war etwas viel auf einmal, entschuldige. Morgen kürzer. Heute Abend kommt „Let’s Dance“, das schaue ich.

Jetzt ist Freitag, der 20. März, 13:08 Uhr.

Liebe Grüße,

Ursula

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Freitag, 20. März 2020 um 18:15

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

ich bin bisschen enttäuscht. Zügiges Spazieren? Ich hatte schon anderes im Kopf: joggen, schwimmen, Iron Ursula. Aber Spazieren soll ja auch gut sein fürs Denken.

Ich fahre bisher noch jeden Tag für einige Stunden ins Büro, die meisten sind schon weg. Bei uns auf der Etage sind nette Leute, es ist besser, da zu sein als nicht da zu sein. Aber wahrscheinlich wird bald alles dichtgemacht, wenn ein erster Coronafall auftritt. Ich mag das Büro, weil man – wie heute – auch lustige Geschichten erfährt. Ein Kollege von einer anderen Zeitung hat sich krankgemeldet und will sich schnell testen lassen, weil er mit einer Frau aus dem Politikbetrieb in Kontakt war, die positiv getestet wurde. Alle wunderten sich, vor allem seine Ehefrau, dass er diese Frau überhaupt kennt. Und um überhaupt einen Test machen lassen zu können, musste er einräumen, dass er sie viel näher kennt … So was nennt man wohl Kollateralschaden. Es kam zum großen Ehekrach, er wollte ausziehen, aber wohin in diesen Zeiten? Die Hotels haben schon alle zu – und welcher Freund nimmt so jemanden ungetestet bei sich auf? Wahrscheinlich keine guten Zeiten für Affären jeglicher Art.

In jeder Rede sagen Wissenschaftler und Politiker: Bleiben Sie einfach zu Hause! Was denken wohl Obdachlose, wenn sie das hören? Sind ja nicht wenige in einer Stadt wie Berlin. Sollen sich diese Menschen in die Heime verkriechen, um sich dort zu stapeln? Wohl auch keine Lösung. Wenn eine Ausgangssperre in Kraft tritt, was heißt Ausgang für Menschen ohne Wohnsitz?

Eine Frage möchte ich Dir noch zurufen: Wir erleben gerade, wie entscheidend wichtig ein starker Staat ist. Alle schauen auf die Politik: Was macht sie? Macht sie doch hoffentlich bitte das Richtige? Ich finde, die Politiker sind eigentlich ganz überzeugend bislang. Wenn diese Krise irgendwann vorbei und die große Katastrophe ausgeblieben ist: Ist die Rückkehr des starken Staates gut? Die Sehnsucht nach einer starken Hand? Was meinst Du?

Wenn der Shutdown kommt, würde mir am meisten die Möglichkeit fehlen, mich in ein Café zu setzen oder ein Restaurant. Ich liebe das sehr. Dass einem verboten wird rauszugehen, halte ich für ausgeschlossen.

Ich merke übrigens, ich trinke abends mehr Wein als vor der Krise.

Es ist jetzt Freitag, der 20. März, 18:13 Uhr. Heute ist übrigens Frühlingsanfang.

Lieben Gruß,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Samstag, 21. März 2020 um 12:47

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

wir haben einen etwas schwierigen Tag hier und müssen was erfinden, um nicht in so eine Mama-Tochter-Gereiztheit reinzurutschen. Beziehungsweise in eine Zeit zurückzufallen, die für eine erwachsene junge Frau und ihre Mutter längst nicht mehr stimmt. Antonia wollte ja nur für zwei Wochen zu Besuch sein. Die verlängern sich jetzt auf unbestimmte Zeit. Ich weiß: Andere haben es echt dramatischer. Gott sei Dank können wir gut reden. Machen wir jetzt. Ich schreibe später wieder.

Liebe Grüße,

Ursula

Stephan Lebert

Über Stephan Lebert

Biografie

Stephan Lebert, geboren 1961 in München, arbeitet seit 2004 als Redakteur bei der ZEIT. Er hat verschiedene Journalistenpreise gewonnen, darunter den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Mit seinem Bruder Andreas schreibt er nebenbei Krimis, sein erfolgreichstes Sachbuch „Denn Du trägst meinen Namen“ behandelt...

Ursula März

Über Ursula März

Biografie

Ursula März, geboren 1957 in Herzogenaurach, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie in Köln und Berlin. Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitete sie als Literaturkritikerin und Feuilletonistin unter anderem für die Kulturzeitschrift Kursbuch, für die Frankfurter Rundschau und für die...

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