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SterbensstilleSterbensstille

Sterbensstille

Kriminalroman

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Sterbensstille — Inhalt

Frühlingserwachen auf Gotland, und doch liegt ein eiskalter Todeshauch in der Luft. Denn in einer Villa an der Westküste der Insel wird der schwedische Millionär Michael Nordborg kaltblütig ermordet aufgefunden. Der Unternehmer muss vor seinem Tod Höllenqualen erlitten haben. Sein Körper wurde an einen Stuhl gefesselt, sein Gesicht grausam zugerichtet. Doch kaum haben Kommissar Fredrik Broman und sein Team mit den Ermittlungen begonnen, tauchen weitere Opfer auf. Sie alle waren Freunde und Nachbarn Nordborgs. Und sie alle mussten sterben, weil sie eine tödliche Schuld verband …

Erschienen am 13.07.2015
Übersetzer: Katrin Frey
352 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30722-2
Erschienen am 13.07.2015
Übersetzer: Katrin Frey
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97013-6

Leseprobe zu »Sterbensstille«

1

Ein Pool.

Ein Pool, ein Pool, ein Pool.

Bei jedem Schwimmzug im gechlorten Wasser dröhnten die Worte in seinem Kopf. Kindisch, aber er konnte die innere Stimme nicht abstellen. Wozu auch? Das erste Bad des Jahres im eigenen Schwimmbecken. Vergangenen Herbst war er nur ein einziges Mal schlotternd hineingesprungen, bevor es winterfest gemacht wurde.

Freibäder in Schweden – im Grunde eine maßlose Verschwendung, dachte er grinsend. Doch er hatte es sich redlich verdient. Den Pool und alles andere. Das Haus mit Blick auf die Ostsee. Das Wohnzimmer mit den [...]

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1

Ein Pool.

Ein Pool, ein Pool, ein Pool.

Bei jedem Schwimmzug im gechlorten Wasser dröhnten die Worte in seinem Kopf. Kindisch, aber er konnte die innere Stimme nicht abstellen. Wozu auch? Das erste Bad des Jahres im eigenen Schwimmbecken. Vergangenen Herbst war er nur ein einziges Mal schlotternd hineingesprungen, bevor es winterfest gemacht wurde.

Freibäder in Schweden – im Grunde eine maßlose Verschwendung, dachte er grinsend. Doch er hatte es sich redlich verdient. Den Pool und alles andere. Das Haus mit Blick auf die Ostsee. Das Wohnzimmer mit den Dimensionen eines Kirchenschiffs und dem majestätischen Kamin. Wie in einer mittelalterlichen Burg. Auch das eine maßlose Verschwendung.

Noch eine Bahn, bevor er aus dem Wasser stieg. Die Maisonne wärmte bereits. Michael Nordborg schlüpfte in einen Bademantel aus dickem weißem Frottee und ließ sich auf einem der Liegestühle nieder. Er streckte die Arme über den Kopf und spürte, wie der Stoff an den Ärmeln spannte. Mit seinen siebenundvierzig Jahren war er noch jung und durchtrainiert. Na ja, zumindest jugendlich. Erst letzte Woche hatte er auf dem Tennisplatz einen Fünfundzwanzigjährigen fertiggemacht, und sein Schwanz stand wie eine Eins. Bis jetzt hatte er ihn noch nie im Stich gelassen.

Er stand schon stramm, wenn er nur an Johanna dachte. Am Nachmittag würden sie sich sehen. Diesen Freitag hatte er sich freigenommen. Auch das hatte er sich verdient. Johanna ebenso wie den freien Tag.

Michael Nordborg hatte ein hartes Jahr hinter sich. Diese verdammten Ökofreaks hätten ihm beinahe den letzten Nerv geraubt, aber nun schien die Angelegenheit endlich überstanden zu sein. Formal gab es nur noch ein einziges Hindernis: Der Beschluss des Umweltgerichts stand noch aus.

Doch das war nicht sein Problem. Als Chef der Öffentlichkeitsarbeit kämpfte er nicht an der juristischen Front, und er wusste, dass die Zeit für sie arbeitete. Bald würde die öffentliche Aufmerksamkeit erlahmen. Auch wenn die Fanatiker nicht lockerließen, hatte der Durchschnittsbürger von Kalkbrüchen und Abholzung irgendwann die Nase voll. Und sobald der kleine Mann auf der Straße genug von einem Thema hatte, verloren auch die Journalisten das Interesse daran.

Im Moment wollte er nicht an die Arbeit denken. Er griff nach seinem Handy und rief Johanna an.

Sie meldete sich nach dem ersten Klingeln. »Hallo, ich habe gleich eine Besprechung.«

»Das weiß ich. Ich wollte nur deine Stimme hören.«

»Das hast du ja jetzt.«

Ein Lachen kräuselte ihre Worte wie ein zarter Windhauch. Oder eine Liebkosung. Eine Hand auf einem nackten Bauch in der Sonne.

»Sag noch was«, bat er.

Wieder plätscherte ihre Stimme auf ihn ein und füllte seine Brust mit Jubel.

»Ich liebe dich«, brach es aus ihm heraus.

Das hatte er noch nie gesagt. Am anderen Ende wurde es still. Hatte er eine Grenze überschritten? Doch da war sie wieder.

»Ich muss jetzt gehen. Wir sehen uns um drei.«

Sie konnte nicht frei reden.

»Um drei«, wiederholte er.

Es rauschte im Handy, Absätze klapperten.

»Ich liebe dich auch. Mein geiler Bock.«

Nur für seine Ohren hingehaucht, dann war sie weg. Mit dem Handy in der Hand blieb Michael sitzen und spürte die Meeresbrise im Gesicht und den Ständer in der nassen Badehose.

Camilla hatte die morgendliche Fähre genommen und würde nicht vor Montagnachmittag zurückkommen. Sie hatten das ganze Wochenende für sich. Ein ungewohnter Luxus.

Er lachte laut und kam sich wunderbar kindisch vor. Kraftstrotzend, unvernünftig und geil. Johanna und er trafen sich seit fast zwei Jahren, und sein Schwanz wurde immer noch so hart wie bei einem ersten Date.

Ohne Johanna hatte er auch düstere Momente. Mit ihr fühlte er sich frei. Mit ihr zusammen war er immun.

Michael atmete die frische Luft tief ein. Er war ein Überlebenskünstler, so einfach war das. Er schloss die Augen, hielt sein Gesicht in die Sonne und lag eine Weile so da, bis ihn etwas aufhorchen ließ.

Die Verandatür stand weit offen. Sein Blick irrte in die Dunkelheit, aber die weiße Fassade blendete ihn. Am Boden bewegte sich etwas. War ein Tier ins Haus eingedrungen? Mäuse gab es um diese Jahreszeit bestimmt nicht. Vielleicht eine Katze?

Er stand auf, schloss seinen Bademantel und marschierte auf das Haus zu. Dann sah er sie. Zwei dunkle Augen.

 

2

Alles war so neu, blitzblank. Glänzende Kacheln, ein makelloses Spülbecken. Nichts war schief oder abgenutzt wie in ihrem alten Steinhaus auf Gotland.

Während Ninni mit dem Makler in der Küche blieb, ging Fredrik Broman die Treppe hinunter. Der Vertrag war unterzeichnet, es gab kein Zurück mehr.

Die Dreizimmerwohnung war nicht groß, wirkte aber geräumig und hell. Vom Wohnzimmer hatte man eine fantastische Aussicht auf den Järlasee. Das Haus stand praktisch mit den Füßen im Wasser. Fredrik öffnete die Tür zur Terrasse, die von Sanddornsträuchern vor Blicken geschützt war. Er ging durch eine Pforte und ein paar Stufen hinunter an den Steg, der zur Strandpromenade gehörte.

Als er in etwa dreißig Metern Entfernung ein großes Motorboot reglos im Wasser liegen sah, zuckte er vor Schreck zusammen. Es war eher eine Jacht als ein Boot und konnte sich annähernd mit denen messen, die während der vom Jetset dominierten Stockholmwoche im August vor Visby ankerten.

Das protzige Schiff bereitete ihm Unbehagen. Passten sie wirklich hierher? Ein Kriminalpolizist und eine Mittelstufenlehrerin?

Kein Zurück mehr. Die Wortwahl war möglicherweise etwas zu pathetisch, aber für ihr Leben war dies tatsächlich ein großer Schritt. Aufs Festland ziehen. Zurück nach Stockholm.

Joakim hatte seine gesamte Jugend auf Gotland verlebt und war dort erwachsen geworden, bevor er vor fast einem Jahr zum Studieren nach Stockholm gegangen war. Simon hatte einen Großteil seines Lebens auf der Insel verbracht. Er war der Gotländischste von ihnen. Fredrik hatte geglaubt, das Leben auf Gotland wäre ihre Zukunft. Nun zeigte sich, dass es nur eine Episode gewesen war.

Järlasee war teuer, aber das Haus auf Gotland hatte zum Glück so stark an Wert gewonnen, dass sie sich die Gegend trotzdem leisten konnten. Zumindest die Wohnung. Ihre direkten Nachbarn spielten zwar in einer vollkommen anderen Liga, aber Fredrik hoffte von Herzen, dass sie die Ausnahme darstellten.

Er betrachtete das weiße Boot, das schwerfällig und offenbar von seiner Umwelt völlig unbeeindruckt zwischen den Leinen vor sich hin dümpelte. Hatten sie Stockholm nicht wegen genau solcher Sachen den Rücken gekehrt?

Oben im Haus unterhielten sich Ninni und der Makler begeistert über Natur, den Outdoorpark Hellas, das Naturreservat Nacka und af Petersens Familienfideikommiss Erstavik. Die Ländereien erstreckten sich bis zum Vorort Saltsjöbaden.

»Ursprünglich gehörte Saltsjöbaden ja auch zu Erstavik, wurde aber Ende des neunzehnten Jahrhunderts verkauft«, plapperte der historisch bewanderte Makler.

Sie waren nicht einmal eingezogen, doch die Klassengesellschaft rückte ihnen bereits auf die Pelle.

»Sind wir fertig?«, fragte Fredrik.

Der Makler, ein rothaariger Mann von Mitte dreißig im grauen Anzug, hielt inne und strahlte übers ganze Gesicht. »Aber sicher. Wenn Sie keine Fragen mehr haben oder sich noch ein Weilchen umsehen wollen, sind wir so weit fertig.«

Fredrik sah Ninni an.

»Ich bin zufrieden«, sagte sie.

»Ich auch.«

»Gut.« Der Makler grinste. »So haben wir es gerne.«

Er deutete auf die Tür. Ninni und Fredrik gingen voran, der Makler schloss hinter ihnen ab.

»Dann sehen wir uns in einem Monat bei der Übergabe. Falls Sie noch Fragen haben, melden Sie sich ruhig.«

Er gab ihnen die Hand und ging mit großen Schritten den Hügel zum Parkplatz hinauf.

Fredrik und Ninni legten den guten Kilometer bis Sickla, wo Fredriks Vater wohnte, zu Fuß zurück. Sie waren gestern Abend mit der Nachmittagsfähre gekommen und würden bis morgen bleiben. Um elf fuhr ihre Fähre in Nynäs ab. Simon war am Morgen mit der ganzen Klasse und vier Elternteilen auf Abschlussfahrt nach Polen gegangen und würde am Mittwochabend zurückkommen.

Das Ganze hatte damit begonnen, dass Fredrik halb im Scherz und leicht ironisch vorgeschlagen hatte, sie könnten sich ja eine Wohnung in der Nähe seines Vaters und in fußläufiger Entfernung vom Einkaufszentrum Sickla suchen, einem praktischen, aber abstoßenden Gewerbegebiet. Nun würden sie tatsächlich in einem Monat hierherziehen.

Hatten sie sich von der Lage am Wasser und dem wunderbaren Blick blenden lassen? Andererseits war es wirklich schön hier. Durchaus möglich, dass sie sich wohlfühlen würden. Vielleicht regte sich da nur seine protestantische Erziehung. Es würde sicher alles gut werden. Zumindest solange nicht der Nachbar im Clubblazer bei ihnen aufkreuzte und sich ungefragt über den typisch schwedischen Neid ausließ.

Gunnar Broman reinigte seine Pfeife, stopfte sie neu, zündete sie laut schmatzend an und paffte große Wolken über den Küchentisch. Fredrik verband den bläulichen Rauch mit seiner Kindheit. Immer präsent. Auf dem Land, abends, zu Weihnachten und an Geburtstagen, nach dem Essen und sogar im Auto.

Manchmal auf Reisen oder wenn sie bei anderen Leuten zu Gast waren, hatte sein Vater eine Zigarette geraucht. Ein schwindelerregendes Erlebnis. Denn er schien sich bei solchen Gelegenheiten zu verwandeln. Für einen Moment bekam Fredrik einen Eindruck von einem Erwachsenenleben, das nichts mit ihm zu tun hatte. Ein Leben, in dem sein Papa ganz anders war: gefährlicher und ein bisschen cooler.

Die Pfeife und die bläuliche Wolke symbolisierten Sicherheit, auch wenn Fredrik auf der Rückbank ihres kleinen R4 davon schlecht geworden war.

Mit der Pfeife in der Hand stand sein Vater auf und holte drei Weingläser und eine langhalsige Flasche, die ihre elsässische Herkunft verriet, bevor man das Etikett lesen konnte. Sein liebstes Weinanbaugebiet.

»Während wir auf das Essen warten, würde ich euch gern einen kleinen Aperitif anbieten.« Er drückte sich bewusst feierlich aus.

»Herrlich«, sagte Ninni.

Fredrik warf einen Blick auf die Küchenuhr. Erst zehn nach drei. Seine protestantische Erziehung schon wieder. Was würde der Nachbar mit dem imaginären Clubblazer dazu sagen? Doch der war wahrscheinlich längst besoffen. Oder auf dem Golfplatz.

Sein Vater entkorkte den Wein, wie erwartet ein Gewürztraminer, und schenkte verschwenderisch ein. Zwischen den langstieligen Gläsern bildete sich eine kleine Weinlache. Seine Hand war schon ein wenig zitterig.

An seinem Platz war der Tisch mit Asche und Tabakkrümeln bedeckt, obwohl Fredrik ihn am Morgen abgewischt hatte. Ihm war aufgefallen, dass in den Ecken Staub lag und die Arbeitsplatte hinter der Kaffeemaschine und an anderen schwer zugänglichen Stellen hartnäckige Flecken aufwies. Ganz zu schweigen von dem braungelben Belag an der Decke, gegen den nur ein neuer Anstrich etwas ausrichten könnte.

Fredriks Vater wirkte für seine dreiundachtzig Jahre noch rüstig. Die meisten schätzten ihn auf zehn Jahre jünger. Fredrik und Ninni hatten zwar nicht an ewige Jugend geglaubt, aber doch gedacht, er werde immer ein Mann mittleren Alters bleiben.

Doch langsam wurde er alt. Richtig alt. Als Fredrik den Gedanken an sich heranließ, verflüchtigte sich die Ironie. Vielleicht war es gar keine schlechte Idee, in die Nähe seines Vaters zu ziehen. Wer wusste, wie lange er noch alleine zurechtkommen würde?

Doch wenn man ihn gut gelaunt über das Essen und den Wein dozieren hörte, traten solche Überlegungen wieder in den Hintergrund.

»Es gibt Saibling in Morchelsoße, zum Dessert eine charmante Käseauswahl und als krönenden Abschluss Moltebeeren mit Vanilleeis.«

Sein Vater sprach mit einer Begeisterung und Freude, als hätte er einen göttlichen Geistesblitz empfangen und würde ihnen nun ein himmlisches Überraschungsmenü kredenzen. Dabei hatte er bei besonderen Anlässen schon immer genau diese Speisefolge auf den Tisch gebracht.

»Herzlich willkommen und zum Wohl!« Sein Vater hob das Glas.

Sie stießen an und tranken den aromatischen Wein, der mit sanfter Selbstverständlichkeit die Kehle hinunterglitt.

Fredrik betrachtete seinen Vater und stellte sich vor, wie sie gemeinsam im neuen Wohnzimmer am Fenster stehen und sich über das große Motorboot lustig machen würden.

 

3

Die zusammengerollte Kunststoffabdeckung des Pools knarrte im Wind. Das Geräusch erinnerte an Schritte im Schnee. Die Türen zur Terrasse standen noch offen.

Michael Nordborg war an einen der Liegestühle gefesselt. Dickes, silbergraues Gafferband an Handgelenken und Knöcheln. Ein Seil um die Brust, fest verzurrt und an der Rückenlehne verknotet. Ein weiteres Seil an den Oberschenkeln. Klebeband an den Fußgelenken. Ein Küchenlappen im Mund, ebenfalls mit Klebeband befestigt. Immer wieder stieß er mit der Zunge gegen das Schwammtuch, um nicht zu ersticken.

Er starrte voller Hoffnung zur Terrassentür, und obwohl er gar nicht gläubig war, betete er zu Gott, dass dort jemand erscheinen würde. Ein Nachbar, ein Drücker oder jemand von den Stadtwerken, der den Stromzähler ablesen wollte.

Krampfhaft versuchte er, die aufkeimende Gewissheit zu verdrängen, dass die Sache böse ausgehen würde, dass dies schlicht und einfach das Ende war und er, falls er wider Erwarten mit dem Leben davonkommen sollte, einen hohen Preis dafür zu zahlen hätte.

Michael Nordborg saß mit dem Rücken zum offenen Kamin und starrte das andere Ende des Raumes an, wo eine Kücheninsel die Grenze zum Wohnzimmer markierte. Dort hantierte der fremde Mann herum, der ihn beim Hereinkommen überrascht und an den Stuhl gefesselt hatte. Was genau er trieb, war nicht zu erkennen, weil die Kücheninsel ihn verdeckte. Michael nahm jedoch an, dass er die Schränke und Schubladen durchsuchte. Er hatte keine Ahnung, warum, aber es machte ihm Angst. Es gab dort nichts von Wert. Wäre es ein Raubüberfall gewesen, hätte der Fremde sich nicht die Mühe gemacht, die Küchenschränke zu durchwühlen. Und falls es kein Raub war, was war es dann?

Der Fremde trug einen weißen Schutzanzug mit Kapuze, einen hellblauen Mundschutz, blaue Schuhüberzieher und dünne weiße Einmalhandschuhe. Das machte ihm mehr Angst als der Umstand, dass er gefesselt war. Wenn es dem fremden Mann so wichtig war, keine Spuren zu hinterlassen, war er offenbar drauf und dran, ein Verbrechen zu begehen, das ihn für lange Zeit hinter Gitter bringen konnte. Dass Michael fröstelte, lag nur teilweise an seiner nassen Badehose. Vor allem hatte er Angst.

Der fremde Mann im Schutzanzug war aus seinem Sichtfeld verschwunden. Offenbar hockte er hinter der Kücheninsel. Michael Nordborg hörte ein leises Rascheln, dann tauchten die weiße Haube und der blaue Mundschutz wieder auf. Eine Weile saß der Mann so da und war mit irgendetwas beschäftigt, schließlich stand er auf und sah ihn an.

Michael fürchtete sich vor dem Blick des Mannes, wollte ihn aber auch nicht aus den Augen lassen. Er versuchte, in seine Richtung zu sehen, ohne ihn direkt anzustarren. Es war wie mit der Sonne. Man durfte sie nicht ansehen, weil man sonst geblendet wurde und sich eine ernsthafte Augenverletzung zuzog. Aber vielleicht konnte man einen raschen Blick riskieren.

Der fremde Mann kam ganz ruhig auf ihn zu. Die Überzieher, die er über seine Schuhe gestreift hatte, knisterten auf den großen Fliesen aus dunklem Kalkstein.

Verzweifelt bemühte sich Michael, etwas aus seinem Gedächtnis auszugraben, was ihm in dieser Situation nützen würde, aber ihm fiel nur ein, dass man eine Beziehung zum Täter aufbauen sollte, weil dieser dann größere Hemmungen hätte, einem etwas anzutun. Allerdings war er sich auch ziemlich sicher, dass dies für Entführungsopfer galt, die Tage oder sogar Wochen mit ihrem Entführer verbrachten, und irgendetwas sagte ihm, dass er nicht mehr so viel Zeit hatte. Außerdem war es mit einem Schwammtuch im Mund nicht ganz einfach, eine Beziehung aufzubauen.

Der Mann im Overall zog einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber. Er bewegte sich ruhig und kontrolliert und schien nicht im Geringsten unter Druck zu stehen. Offenbar hatte er keine Angst, dass jemand hereinkommen und ihn auf frischer Tat ertappen könnte.

Michael dachte an Johanna. Wenn er heute Nachmittag nicht kam, würde sie sich wundern. Aber würde sie besorgt genug sein, um zu ihm nach Hause zu fahren, nachdem sie ihn telefonisch nicht erreicht hätte? Besorgt genug, um die Polizei einzuschalten? In Anbetracht ihres Verhältnisses war das eher unwahrscheinlich. Außerdem waren es noch Stunden bis dahin.

Der Fremde rückte seinen Stuhl zehn Zentimeter näher. Michael sah, dass er etwas in der Hand hielt, genauer gesagt zwischen Daumen und Zeigefinger. Etwas Rotes, das ihn an diese Kaugummis aus dem Automaten erinnerte, die es in seiner Kindheit gegeben hatte.

Plötzlich wurde ihm alles klar. Die Küche, das Durchsuchen der Schränke, das Rascheln, die rote Kugel. Es war die Kugel auf den blauen Spülmaschinentabs, die in einem Karton unter der Spüle standen.

Der Mann streckte die linke Hand aus und drückte sie fest an Michaels Stirn. Er wollte sich abwenden, aber der Kopf saß wie festgeschraubt auf seinem Rumpf. Seine Atmung wurde schneller, und er begann zu keuchen oder vielmehr zu schnaufen, da er nur durch die Nase Luft bekam. Sein Körper zuckte und spannte sich an, um aufzustehen und zu fliehen, aber er kam nicht von der Stelle. Er wehrte sich, obwohl es sinnlos war. Adrenalin wurde in seinen Blutkreislauf gepumpt, sodass sich sein Gesichtsfeld auf einen Tunnel verengte. Außer der Spülmittelkugel im Fokus nahm er kaum noch etwas wahr.

Als der Mann die rechte Hand hob, sah Michael keine andere Möglichkeit, als die Augen so fest wie möglich zuzukneifen. Die Lider waren das Einzige, was er noch mehr als einen Millimeter bewegen konnte. Der Mann presste die Kugel gegen einen seiner Augendeckel und drückte sie mit einer derart gnadenlosen Härte gegen den Wimpernkranz, dass er das Gefühl hatte, sein Augapfel würde platzen. Michael brüllte in das Schwammtuch und schaffte es mit einem übermenschlichen Ruck, seinen Kopf ein paar Zentimeter zur Seite zu drehen.

Er hörte einen Gegenstand auf den Steinfußboden fallen, einige Male davon abprallen und schließlich davonrollen. Das musste die Kugel gewesen sein. Das heftige Heben und Senken seines Brustkorbs beruhigte sich ein wenig. Ein Etappensieg, dachte er. Trotz seiner hoffnungslosen Lage hatte er den Mann daran gehindert, ihm das Ding ins Auge zu stecken.

Schritte. Nicht mehr ganz so kontrolliert. Schneller, gereizt. Er riskierte einen Blick. Mit dem Rücken zu ihm riss der Mann Klebeband von der breiten Rolle ab. Dann drehte er sich um und kam auf ihn zu. Sicherheitshalber schloss Michael die Augen wieder.

Das klebrige Gewebe wurde an seine Stirn gedrückt. Er versuchte, sich dem Griff zu entwinden, war aber nach weniger als einer Minute an der Stuhllehne fixiert. Zwei Finger zupften an seinem Lid, dann wurde die Kugel eingeführt. Es brannte, als hätte ihm jemand Kies ins Auge gestreut.

Er öffnete die Augen, weil er das in diesem Moment für das Klügste hielt. Vielleicht konnte er die Kugel hinausblinzeln. Bislang spürte er keine Schmerzen außer denen, die von der unsanften Behandlung herrührten und dem Unbehagen, weil sich ein Fremdkörper in seinem Auge befand. Möglicherweise würden seine schlimmsten Befürchtungen nicht eintreten.

Der fremde Mann durchbohrte ihn mit seinem Blick. Nachdem er bisher alles getan hatte, um den direkten Augenkontakt zu vermeiden, fühlte sich Michael nun gezwungen, ihm ins Gesicht zu sehen. Er hatte auch ohne Anweisung begriffen, dass der Mann genau das von ihm wollte. Er beendete das ohnehin wirkungslose Blinzeln. Langsam führte der Mann die Hand zum Kinn und entfernte den Mundschutz.

Michael Nordborg hatte den Mann noch nie gesehen, aber nun begriff er, dass er gekommen war, um ihn zu töten.

Über Håkan Östlundh

Biografie

Håkan Östlundh, geboren 1962 im schwedischen Uppsala, ist Journalist und Autor erfolgreicher Kinderbücher, Romane und Drehbücher. Seine Kriminalromane um den Inspektor Fredrik Broman spielen auf Gotland, wo der Autor mit seiner Familie seit vielen Jahren seine Sommer verbringt. Im Winter wohnt er...

Weitere Titel der Serie »Fredrik-Broman-Reihe«

Kommissar Fredrik Broman und sein Team ermitteln auf und in der Nähe der schwedischen Insel Gotland.

Pressestimmen

Ostthüringer Zeitung

»Östlundh versteht sein Handwerk und entwickelt eine vielschichtige, verschlungene Geschichte mit zahlreichen Akteuren, die mit einem gut durchdachten Plot überrascht.«

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