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Stars in Gummistiefeln

Die Gartentricks der Prominenten

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Stars in Gummistiefeln — Inhalt

Warum die Queen die schönsten Rosen hat und Musical-Stars gerne Rasen mähen

Klatsch-Reporter Frank Gerdes hat genug von Sektempfang und Promi-Gala – er tauscht Smoking gegen Gummistiefel ein und erfüllt sich seinen Traum vom verwunschenen Garten. Das Problem ist nur: Weder weiß er, wie man einen anlegt, noch wie man ihn pflegt. Aber zum Glück sind da all die gartenverrückten Freunde aus Showgeschäft und Adelskreisen, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und wenn Musical-Star Angelika Milster oder TV-Ikone Ruth-Maria Kubitschek mal nicht wissen, warum Magnolie, Agapantus-Töpfchen oder Narzissenwiese zicken, dann sind da ja immer noch Pflanzenversteher Prinz Charles oder Rasenmäher-Profi Carl Gustav von Schweden, an denen er sich ein Vorbild nehmen kann.

Von grünen Daumen und Lieblingsplätzen - im Garten mit den Stars

Gartentipps von Prince Charles, Jutta Speidel und Dagmar Koller

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.03.2019
256 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-23851-9
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.03.2019
240 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99362-3

Leseprobe zu »Stars in Gummistiefeln«

Einleitung
Es ist einer dieser Morgen, von denen ich früher nur träumen konnte. Na ja, vielleicht hatte ich so einen mal im Urlaub, aber nie waren sie Teil meines gewöhnlichen Alltags. Wenn ich ehrlich bin, kannte ich solche Momente nur aus der Werbung. Aber jetzt ist das anders. Nun scheint die Sonne, und ich sitze auf der Terrasse, schlürfe meinen Tee und genieße den Blick auf blühende Hortensien, duftende Rosen und in Form geschnittene Buchsbaumkugeln. Neben mir liegt die druckfrische Tageszeitung, und zu meinen Füßen rekelt sich mein Golden Retriever [...]

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Einleitung
Es ist einer dieser Morgen, von denen ich früher nur träumen konnte. Na ja, vielleicht hatte ich so einen mal im Urlaub, aber nie waren sie Teil meines gewöhnlichen Alltags. Wenn ich ehrlich bin, kannte ich solche Momente nur aus der Werbung. Aber jetzt ist das anders. Nun scheint die Sonne, und ich sitze auf der Terrasse, schlürfe meinen Tee und genieße den Blick auf blühende Hortensien, duftende Rosen und in Form geschnittene Buchsbaumkugeln. Neben mir liegt die druckfrische Tageszeitung, und zu meinen Füßen rekelt sich mein Golden Retriever Bruno.
Vor drei Jahren hätte ich mir das nicht einmal im Traum vorzustellen gewagt. Zu oft hetzte ich von Konferenz zu Konferenz, jagte Schlagzeilen hinterher und schnüffelte schon fast manisch im Privatleben diverser Prominenter. Dann kam der Burn-out, und ich zog mich zurück in mein Haus im Hamburger Umland. Umgeben von einem kleinen Garten, versteckt es sich am Ende einer Sackgasse. Im Frühling blühen im Vorgarten die Tulpen mit der japanischen Zierkirsche um die Wette, und im Sommer versuchen mittlerweile Fingerhut und Echinacea den englischen Rosen die Show zu stehlen. Selbst im Herbst und im Winter lässt mein kleines Refugium mein erwachtes Gärtnerherz höherschlagen.
Mein Haus ist meine Burg. Hier begann mein neues, anderes Leben – abseits vom Scheinwerferlicht, roten Teppichen und knisternden Abendroben. Rückblickend kann ich nur sagen: Das war die richtige Entscheidung!
Heute weiß ich, dass ich das Glück gefunden habe. Natürlich ist in diesen drei Jahren auch viel passiert – meine Mutter ist an Krebs gestorben, bei meinem Vater haben die Ärzte einen Tumor im Magen diagnostiziert, und für meinen behinderten Bruder musste ich einen Platz in einem betreuten Wohnen finden. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich diese schmerzhaften Schicksalsschläge so einfach weggesteckt habe, aber mein Garten hat mir geholfen, das alles zu verkraften.
Und es ist immer noch so: Jedes Mal, wenn ich mit den Händen in der Erde wühle, überkommt mich eine Ruhe und Gelassenheit, die ich vorher so nicht kannte. Wenn ich meine Rosen setze und sie später ausputze, also von allem toten Holz und dem Verblühten befreie, breitet sich in meinem Herzen ein Frieden und ein Optimismus aus, der dort lange Jahre kaum einen Platz fand.
Aber einmal abgesehen von meiner Gefühlslage, die der Garten korrigiert hat, hat er mir auch noch eine berufliche Zukunft aufgezeigt.
Knapp ein Jahr nachdem ich mich von der Show-Branche verabschiedet hatte und schon wie ein fleißiger Maulwurf durch meinen Garten wühlte, launchte ich im Internet mein eigenes Blogazin. frankskleinergarten.de hat sich mittlerweile zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Blogazine entwickelt. Tausende Gartenfreunde schauen dort jeden Monat vorbei, um sich Tipps zu holen oder um sich ein bisschen aufmuntern zu lassen.
Ich schreibe auch wieder für Zeitschriften. Allerdings verliere ich kein Wort mehr über Prominente. Meine Stars sind jetzt die schönsten Gärten und die Menschen, die sie erschaffen haben. Am liebsten schreibe ich allerdings über meinen eigenen kleinen Garten und die Lebewesen, die sich dort so gerne tummeln. Egal, ob gern gesehene Gäste oder ungebetene – wie damals, als ich noch über Promi-Partys schrieb.
Nachdem ich nun mein eigenes, kleines Reich zum Blühen gebracht habe, möchte ich auch noch selbst gesätes Gemüse ernten. Schon lange träume ich von schmackhaften Tomaten aus dem eigenen Garten, von Zucchini, Auberginen, Gurken. Nur zu gerne möchte ich frischen Blattsalat direkt vor meinem Küchenfenster pflücken können. Am liebsten täglich. Damit auch dieser Traum wahr wird, habe ich mir ein Gewächshaus bei einer kleinen Firma im niedersächsischen Apen ausgesucht, gleich um die Ecke liegt das schöne Bad Zwischenahn.
Mein Gewächshaus ist nicht groß, vielleicht acht Quadratmeter, aber es sieht verdammt hübsch aus. Das Sicherheitsglas wird gehalten von grünen Alustreben, auf dem First thront eine Zierleiste, wie man sie von englischen Gewächshäusern kennt, und die Tür ist zweiteilig. Sie kann untenrum geschlossen bleiben, während sie oben offen die frische Luft ins Gewächshaus strömen lässt. Innen kann ich L-förmige Regale auf zwei Etagen anbringen, auf denen ich wunderbar meinen eigenen Salat in Töpfen ziehen werde.
Gestern wurden die Kartons mit den ersten Einzelteilen geliefert, heute kommt das Glas für Wände und Dach. Seit einer knappen Woche bin ich schon dabei, Platz zu schaffen, für mein Gewächshaus. Säckeweise habe ich Unkraut gezupft und zur Müllhalde gebracht. Erst gestern habe ich noch einige der Pflastersteine zwischen Haus und Acker ausgebuddelt. Heute geht’s endlich mit dem Aufbau gleich hinterm Carport los. Für das Gewächshaus ist es der schönste Platz im Garten: Ab dem späten Vormittag scheint hier die Sonne. Erst am frühen Abend breitet sich dort der kühle Schatten im Sommer aus. Natürlich hoffe ich nun, dass dieses Plätzchen unter Glas mich künftig mit reichen Ernten beschenken wird.
So wie Musical-Star Angelika Milster mich in mein Gartenleben schubste (»Es wird Zeit, dass du dich schmutzig machst«), hat mich Ex-Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel zu meinem neuen Abenteuer verleitet. In höchsten Tönen schwärmte sie in unserem Gespräch von ihrem neuen, schönen Gewächshaus aus Italien. Ein Geburtstagsgeschenk ihres Lebensgefährten Helmut Markwort, wenn ich mich richtig erinnere. Er, der Erfinder des Nachrichtenmagazins Focus und jetziger Landtagsabgeordnete in München, erfüllte seiner Lebensgefährtin damit einen ihrer größten Wünsche. Was dort alles machbar sei, wie gut doch die eigenen, dort gezüchteten Tomaten schmecken würden – Patricia kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Das hat mich angesteckt.
Noch stapeln sich die Kartons in meinem weißen Carport. Aber sie warten schon begierig darauf, nach und nach geöffnet zu werden. Damit beginnt wieder eine neue Gartenreise für mich, ein neues Abenteuer. Und das, obwohl er noch immer nicht perfekt ist, mein Garten. Nein, das ist er wirklich nicht, wird er wahrscheinlich auch nie sein. »Aber das ist auch egal«, erklärt mir Marlene Charell nur zu gern. »Dein Garten muss dir guttun. Deinem Herzen, deiner Seele. Dafür ist er da. Wie andere ihn sehen, kann dir wirklich egal sein.«
Die deutsche Bühnenlegende weiß, wovon sie spricht. Für ihren schwerkranken Mann Roger ist er Medizin und Psychiater-Coach gleichermaßen. »Wenn Roger morgens im Garten steht und die Vögel beobachtet, vielleicht ein neues Nest entdeckt, kommt er anschließend glücklich ins Haus. Dann sind die Schmerzen, die seine Krankheit verursachen, mit einem Mal und für einen Moment vergessen.«
So erging es mir auch, so geht es mir noch immer. Mein Garten ist meine Welt. Sie hält jedem Sturm, jedem äußerlichen Unbill stand. Hier kann ich sein, hier bin ich. Nur die Natur stellt auf meinen ganz eigenen achthundert Quadratmetern Regeln auf. Sonst niemand.
Natürlich war am Anfang nicht alles Gold, was glänzte, und ich erlebte in meinem Garten Niederlage um Niederlage, wie ich es vorher nicht kannte. Ich musste aber auch feststellen, dass der Garten hin und wieder erschreckende Parallelen zu der Welt aufzeigte, in der ich vorher lebte und arbeitete. Meinem Humor hat es aber nicht geschadet. Meiner Gesundheit auch nicht. Im Gegenteil: Mit zunehmendem Abstand konnte ich über so vieles lachen, was mich vorher enttäuschte. Auch in diesem Punkt hat mein Garten mir geholfen.
Als Klatschreporter fühlte ich mich natürlich sicherer auf dem Society-Parkett. Die Regeln dort kannte ich – egal ob Fürstenhochzeit oder Filmball. Im Garten war das anders. Da brauchte und brauche ich noch immer hin und wieder Hilfe oder wenigstens einen guten Ratschlag aus erfahrenem Munde.
Wie gut, dass ich auch als ehemaliger Klatschreporter noch ein dickes Telefonbuch voll mit den Nummern gartenverrückter Prominenter besitze. Sie konnte und kann ich anrufen, mich mit ihnen verabreden und mir schließlich wichtige Tipps geben lassen.
Die wichtigsten Momente und schönsten Gespräche habe ich hier niedergeschrieben. Ich hoffe, damit wunderbar zu unterhalten und aus diesen Gesprächen ebenso viel Gartenwissen wie Gartenweisheiten weiterzugeben.
Frank Gerdes


1. Kapitel
Manchmal kommt es anders und zweitens als man denkt
Hamburg schmuddelt sich mal wieder durch den Februar. Es ist kalt, feucht und grau – das ist so typisch für diese Stadt. Man spürt regelrecht, wie dieser hanseatische Winter die Hosenbeine heraufkrabbelt und bleiben will. Er lässt sich selbst dann nur schwer verscheuchen, wenn man, wie ich gerade, in einem gut geheizten Büro hockt. Reflexartig wünscht sich doch jeder an so einem Kuddelmuddel-Tag den nächsten Frühling herbei, oder? Wenigstens einen Hauch davon.
Mir geht es jedenfalls so, denn eigentlich bin ich ein Sonnenkind. Ich liebe den Sommer, sitze gerne auf der Café-Terrasse und schlürfe einen Latte oder plansche bei schönstem Sonnenschein im Pool und gönne mir mal ein leckeres Eis. Ich liege auch gerne auf einem Rasen im Park und beobachte die vorbeiziehenden Wolken, während der warme Wind meinen Bauch kitzelt. Das ist herrlich!
Aber noch ist das alles ganz, ganz weit weg. Leider. Statt in der Sommersonne zu brutzeln, halte ich mich an einer Tasse dampfendem Tee fest und lasse die Ausführungen von Frau Doktor Eva Schmidt-Neuenfels über mich ergehen. Wenigstens ein bisschen Frühling wäre schön, denke ich und schaue zum Fenster hinaus. In Bayern liegt wenigstens Schnee. Aber Winter im Norden ist ja nichts Halbes und nichts Ganzes.
Also lümmle ich mich jetzt auf dem braunen Ledersofa von Frau Doktor. Mein Hausarzt hat mich zu ihr geschickt. Sie sei in Hamburg die Beste ihres Faches, erklärte er mir. »Da gehen Sie mal hin, verlieren können Sie ohnehin nichts«, lautete sein Befehl. Also habe ich mir einen Termin geben lassen. Mir blieb nichts anderes übrig. Meinem Hausarzt widerspricht man besser nicht. Und nun bin ich hier.
Es stimmt: Mir geht es nicht gut. Und dennoch gebe ich mich fröhlich. So schlimm kann das schließlich alles nicht sein. Ist doch nichts Körperliches. Immerhin. Ich fühle mich nur leer, schlapp, ausgelaugt. Immerzu den Tränen nahe. Oder wütend. So wütend, dass ich am liebsten die ganze Einrichtung zertrümmern würde. Und mir fehlen die Worte. Immer wieder fehlen mir die Worte. Das ist tödlich in meinem Job. Schließich bin ich Journalist, genauer gesagt: Klatschreporter. Meine Geschichten werden in den bunten Blättern veröffentlicht, einige sogar weltweit. Früher hat mir dieser Job großen Spaß gemacht. Jetzt schleppe ich mich nur noch zur Arbeit. Kaum hinterm Schreibtisch, würde ich am liebsten wieder gehen.
Seit zwanzig Jahren verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit Geschichten aus der Welt der Promis und erlebte wunderbare, aber auch skandalöse Momente: Ich habe mit der englischen Königin das Abendbrot geteilt und am Krankenbett eines mir lieb gewordenen Stars gewacht. Er starb, während ich bei ihm saß. Das war vielleicht ein Theater! Fürchterlich traurig, aber eine gute Story. Ein Prinz betrog vor meinen Augen seine Frau. Das war eine noch bessere Geschichte.
Ich durfte auf Fürstenhochzeiten unterm Sternenhimmel tanzen und habe Models beim Koksen erwischt. Eine Zeit lang aß ich des Öfteren mit einem Bundeskanzler in Berlin zu Mittag und diskutierte mit amerikanischen Präsidenten auf Empfängen in New York. Der schwedischen Kronprinzessin gratulierte ich in Stockholm zur Hochzeit, und das Formel-Eins-Rennen in Monaco schaute ich mir vom Achterdeck einer noblen Jacht aus an. Einer unserer größten Schlagersänger traf sich zum Essen mit seiner heimlichen Geliebten – natürlich saß ich am Nebentisch.
Klatschreporter ist man rund um die Uhr. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Aber das hatte mir bisher nichts ausgemacht. Denn kaum etwas anderes hat mich so sehr fasziniert, wie die Welt der Reichen und Schönen, der Berühmten und Berüchtigten. Ihre falsche Moral, das liderliche Leben, die Scheinheiligkeit. Allerdings zerrt die Leidenschaft für diesen Beruf an der Gesundheit. Sie kostet Freundschaften, die Familie leidet, und so manche Beziehung ist daran gescheitert.
»Frank, das geht so nicht weiter. Sie brauchen eine Auszeit, und zwar dringend«, erklärt mir Frau Doktor Eva Schmidt-Neuenfels nun in ihrer noblen Hamburger Klinik. »Das Beste ist, Sie ziehen erst einmal für acht Wochen bei uns hier ein. Machen Sie das nicht, werde ich Sie mit Sicherheit bald für längere Zeit aus dem Verkehr ziehen müssen, und das wollen wir doch nicht, oder?«
Also ehrlich! »Eva, wie stellen Sie sich das vor? Ich habe Termine, Verpflichtungen, dann der Druck aus der Redaktion«, erkläre ich leise und streiche dabei meine rote Chino glatt. Ich zupfe das Hemd aus dem rechten Jackettärmel, richte den silbernen Manschettenknopf und stehe langsam auf. »Vielen Dank für das Gespräch, Eva. Sie haben mir sehr geholfen. Ich werde Ihre Ratschläge sehr ernst nehmen. Aber jetzt muss ich los. Die Redaktion ruft.« Mit dem Mantel über dem Arm verlasse ich das Zimmer. Fluchtartig.
Sanft fällt die Autotür ins Schloss. Ich kuschle mich in den Fahrersitz, schließe die Augen und atme tief durch. In meinem Landrover ist die Welt noch in Ordnung. Hier fühle ich mich sicher und geborgen. Das warme Leder der Sitze schenkt mir Behaglichkeit. Ist es wirklich so schlimm? Mein Bauch brüllt unumwunden: »JA!« Mein Kopf flüstert dagegen: »Nein.« Ja, was denn nun? Aus den Lautsprechern rieselt leise das Doppelkonzert für zwei Violinen und Streichorchester von Johann Sebastian Bach. Erst vor Kurzem habe ich irgendwo gelesen, dass diese Musik Blutdruck und Herzfrequenz in ähnlicher Weise wie Medikamente senken soll. Wenn’s auch so geht, warum sollte ich mich dann in einer Klinik einquartieren? Nein! Noch einmal tief Luft holen, und dann geht’s ab in Richtung Innenstadt. Auf in die Redaktion. Auf in den Trubel. Langsam versuche ich, Frau Doktor hinter mir zu lassen. So ganz klappt das nicht.
Frau Doktors Diagnose kommt mit in die Stadt. Das ist kein leichtes Gepäck. Wirklich nicht. Immerhin hat sie mir mit klaren Worten deutlich gemacht, dass ich mich in einem Burn-out befinde. Mittendrin quasi. So wie bisher könne es also nicht weitergehen. Auf gar keinen Fall! In diesem Punkt war sie sich ziemlich sicher.
Ich sei total ausgebrannt. In einem Zustand der Frustration. Schuld seien unrealistische Erwartungen an mich und andere. Das habe zu einem Energieverschleiß geführt, hat sie mit fester Stimme erklärt. Ich und andere haben mich überfordert. Nun sei ich eben einfach erschöpft. Das würde alles erklären – die Wut, die Tränen, die Müdigkeit, den Sprachverlust.
Aber keine Sorge, ich sei nicht der Erste, dem das passiert, und schämen müsste ich mich schon gar nicht dafür. Vor allem Männer im mittleren Management seien davon betroffen. Und Menschen, die beruflich intensive Beziehungen zu anderen Menschen unterhalten. Nun, beides träfe wohl auf mich zu. Da dürfe ich mich nicht wundern. Allerdings müsste ich mein Leben ändern. Und zwar rucki zucki.
Immerhin bin ich in prominenter Gesellschaft, tröste ich mich: Skispringer Sven Hannawald hat es auch schon erwischt, erfuhr man aus den Medien. Schlimm war das damals. Oder Fernsehkoch Tim Mälzer. Der wollte wohl Trost im Alkohol finden, war überall zu lesen. Das war aber eine Sackgasse. Auch Schlagerstar Michelle musste da durch. Damit sich die Schlagersängerin erholt, wurde sie schließlich in ein künstliches Koma versetzt. Oder Hollywood-Sunnyboy Owen Wilson. Er litt ebenfalls jahrelang an einem Burn-out, zudem noch an Depressionen. Eine Therapie hat das Schlimmste verhindert. »Toll, da bin ich ja mal wieder in prominenter Gesellschaft«, murmle ich, als mich das Klingeln meines Handys aus dieser bunten Gedankenwelt reißt. Auf dem Display blinkt eine Schweizer Telefonnummer.
»Süßer, wo bist du? Ich hab schon versucht, dich in der Redaktion zu erreichen. Da sprang leider nur der Anrufbeantworter an«, flötet Musical-Star Angelika Milster ins Telefon. Mit der beliebten Schauspielerin bin ich seit rund zwanzig Jahren befreundet. Berühmt wurde sie als Grizabella im Musical »Cats«. Der Song »Memory« machte sie zum Star. Das war in Wien. In Berlin wurden wir Freunde.
»Gerade komme ich vom Arzt und überlege nun so grundsätzlich, wie es weitergehen soll«, erkläre ich. Dabei versuche ich, ruhig und souverän zu klingen. Stille am anderen Ende. Unachtsam rase ich mit meinem Auto durch eine Pfütze. Das dreckige Wasser spritzt auf den Gehweg. Ein Fußgänger bekommt es ab und schimpft.
Ich erzähle ihr von der Diagnose und zucke mit den Schultern, als ich auf das Wie-soll’s-weitergehen zu sprechen komme. Am Horizont schimmert das Klinkerrot des Verlagsgebäudes. Die Ampel wird gelb. Ich gehe vom Gas.
»Du willst doch jetzt wohl nicht in die Redaktion? Kommt gar nicht in Frage! Ab nach Hause – und nachdenken«, Angelika wird resolut. »Wir reden weiter, sobald du dort angekommen bist.« Alles klar. Recht hat sie. So wird’s gemacht. Also fahre ich brav nach Hause. Raus aufs Land.
Während ich über die Autobahn rase, schweifen meine Gedanken ab. Die Erinnerung an ein Gespräch mit TV-Liebling Ruth-Maria Kubitschek kommt mir in den Sinn. Wir trafen uns in München und haben danach noch mehrmals telefoniert. Ich hielt die Grande Dame der deutschen Fernsehunterhaltung immer für, nun ja, leicht exzentrisch. Der Eindruck verfestigte sich, als sie mir von ihrem Garten »Aphrodite« erzählte.
Ende der 1990er hatte sie ein viertausend Quadratmeter großes Grundstück unterhalb ihres Hauses am Bodensee gekauft. Danach verschwand sie für ein ganzes Jahr von der Bildfläche, um aus der Wildnis zu ihren Füßen eine parkähnliche Landschaft zu zaubern. Sie wollte das Fleckchen der Natur zurückgeben, versicherte sie gerne und pflanzte Apfelbäume, Rosen, Jasmin, Flieder. Dazwischen kamen in Form geschnittene Buchsbaumkugeln, griechische Statuen und Buddha-Figuren.
»Wir brauchen alle eine Zeit der Stille, um wieder gesund zu werden«, behauptete sie in einem unserer Gespräche. Kubi schwärmte schließlich auch gerne davon, wie sie morgens barfuß über ihren nassen Rasen wandert. Kurz nach dem Aufstehen, ungeduscht, ungeschminkt, noch vor dem ersten Tee. Dann hört sie die Vögel zwitschern und spürt die ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer nackten Haut. Klingt irgendwie schön, war bisher aber nicht meins. Das kann sich jetzt ändern.
Wieder klingelt mein Handy. Es ist die Redaktion. Das Chef-Sekretariat. Ob ich denn heute noch kommen würde? Was los sei? Und überhaupt. Ich hätte mich ja wenigstens mal melden können. Muss ich jetzt nicht mehr. Ich bin krank. Ich bleibe zu Hause. Wie lange? Weiß ich noch nicht. Auf alle Fälle den Rest der Woche. Jaja, die Krankschreibung folgt. Der Chef will mich noch sprechen. Nein, geht jetzt nicht. Er soll mir eine Mail schicken, wenn’s was Dringendes ist. Was denn nun mit meinen offenen Storys sei? Weiß ich nicht. Die müssen warten. Meine Termine? Neu besetzen, verschieben, absagen. Ich lege auf. Atme tief ein und langsam aus.
Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Ich trommle ungeduldig mit den Fingern auf das lederne Lenkrad. Meine Ausfahrt kommt. Im Radio gibt TV-Star Hendrik Duryn gerade ein Telefoninterview.
Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte ich ihn selbst an der Strippe. Ein Meinungsforschungsinstitut hatte herausgefunden, dass der Leipziger zu den Top-Drei der beliebtesten, deutschen Serienstars gehört. Grund genug für ein Gespräch. Hendrik erzählte mir von dem Freiheitsgefühl, das er empfindet, wenn er durch die Kronen der hohen Bäume in seinem Garten klettert oder die Bäume im nahe gelegenen Wald erobert.
Ob ich mir vorstellen könne, wie das sei, dort oben in schwindelerregender Höhe, wollte er wissen. Nein, konnte ich nicht, kann ich immer noch nicht. Ich klettere ja nicht einmal auf eine Haushaltsleiter. Ich habe Höhenangst! Aber Hendrik beschrieb voller Leidenschaft, wie es ist, wenn man auf einem Baumwipfel sitzt und sich dem Himmel nah fühlt. Die Zweige wiegen sich sachte im Wind, der Blick wandert über die anderen Wipfel hinweg. Man ist befreit. Von allem so weit weg. Herrlich. Da oben kann man angeblich unbeschwert durchatmen. Aber muss man denn unbedingt so hoch hinaus, um den täglichen Ärger zu vergessen? Um Abstand zu gewinnen und wieder runterzukommen?
Die Füße hochlegen, die Sterne beobachten und dazu ein kühles Bier. Hauptsache draußen. Frische Luft atmen, nicht den Redaktionsmief. Versuch’s mal. Ein eigener Garten ist was Feines, schwärmte der Schauspieler im Interview. Auch wenn der Garten nicht groß ist, er schenkt dir Seelenfrieden. Hast du die Hände im Dreck, fällt der Stress ab. Zupfst du Unkraut, findest du Zufriedenheit. Und Holzhacken ist wie Meditation.
»Garten ist für jeden aber etwas anderes. Die einen mögen den englischen Rasen, die anderen die wilde Wiese. Für mich darf er wild und natürlich sein, will aber auch gepflegt werden«, erklärt mir Schauspieler Sascha Hehn in einem Interview. Der »Traumschiff«-Kapitän lebt auf dem Land. Abgeschieden, idyllisch, bodenständig. Vor dem Haus dichter Wald, dahinter ein kleiner Bach. »Ein Garten soll dich glücklich machen. Klingt kitschig, ist aber so.«
Erst Kubi, dann Duryn und nun auch noch »Traumschiff«-Star Sascha Hehn. Na, super! Also einfach die Lackschuhe gegen ein Paar Gummistiefel tauschen? Den roten Teppich gegen den grünen Rasen? Noch kann ich nicht glauben, dass das wirklich helfen soll. Aber immerhin komme ich ins Grübeln. Wenn ein bisschen Erde und ein paar Blümchen einen Menschen wirklich glücklich machen, dann könnte das vielleicht eine Lösung sein. Zugegeben: Ich bin skeptisch. Sehr skeptisch. Aber da ich schon einmal ein Haus auf dem Lande besitze, könnte ich diesen Weg doch eigentlich in Erwägung ziehen. Ein Versuch ist es wert – oder? Nur, wie soll das gehen? So ganz genau?
Seit rund zehn Jahren pendle ich mittlerweile nahezu täglich zwischen Stadt und Land. Morgens geht’s rein in die Stadt, abends wieder raus aufs Land. Insgesamt achtundachtzig Kilometer Fahrweg täglich. Macht aber nix. Dafür wohnen wir sehr schön. Damals hatte uns, also meinen Mann und mich, das Landlust-Fieber gepackt. Plötzlich wollten wir unsere Marmelade selber kochen, Gemüse auf dem eigenen Acker ziehen und im Sommer an den Rosen vor der Terrasse schnuppern. Viele unserer Freunde fanden das bescheuert, einige finden das heute noch dämlich. Aber die haben auch keine Terrasse, auf der sie sich zur Cocktail-Stunde fläzen und Gin-Tonics schlürfen können. Wir hingegen machen es uns dann in unseren Deckchairs aus zertifiziertem Teak-Holz gemütlich und tüdeln uns einen an. Vorausgesetzt, wir sind zu Hause.
My Home is my Castle – unseres steht im Heidedorf Jesteburg, direkt vor den Toren Hamburgs. Ein niedliches Örtchen: reetgedeckte Häuser, viel Wald und noch mehr Wiesen. Drei Supermärkte, vier Apotheken, fünf Friseure, ein Buchladen, ein Piercingstudio, vier Nutten und ein diskussionsfreudiger Gemeinderat. Also ein ganz entspanntes Dörfchen. Das Grundstück ist nicht so wahnsinnig groß, vielleicht achthundert Quadratmeter. Aber das reicht uns. Den Kaufvertrag haben wir übrigens per Handschlag abgeschlossen. Unfassbar, aber so läuft das noch immer auf dem Land.
Gebaut hat unser Haus ein Unternehmer aus einem Nachbarort. Modell niedersächsisches Landhaus: roter Klinker, anthrazitfarbene Dachziegel, Regenrinnen aus Kupfer, Stichbögen über den Fenstern, vorne und hinten ein Erker. Alles auf antik getrimmt und natürlich viel zu groß für zwei, aber wir haben es so gewollt. Und was habe ich davon? Viel zu wenig! Jedenfalls bislang.
Ich wohne zwar dort, lebe aber bisher nicht in dem Haus und noch weniger in dem Dorf. Das eine hat wenig mit dem anderen zu tun. Meine Nachbarn kenne ich nur flüchtig, das Örtchen kaum. Morgens geht es ab nach Hamburg, abends über Autobahn und Landstraße wieder zurück – falls ich nicht gerade anderswo in der Weltgeschichte unterwegs bin. Da hätte ich eigentlich auch in der Stadt bleiben können, höre ich nur zu oft. Ich hatte mir das eigentlich auch ganz anders vorgestellt.
Zu Hause angekommen, klingelt mein Handy. Schon wieder. Angelika. »Bist du draußen? Gut! Ab mit dir in den Garten. Jetzt schaust du dort erst einmal nach dem Rechten«, verlangt der Musical-Star.
»Wonach soll ich sehen? Nach dem Rechten? Im Garten? Du bist ja lustig. Worauf soll ich denn achten?«
»Ist jetzt egal. Guck dir deine Beete an. Bei diesem Wetter kannst du auch über den Rasen laufen. Es liegt schließlich kein Schnee, und gefroren hat es bei euch auch nicht.«
Na, die ist ja gut drauf. Sommercocktails trinken auf der Terrasse – okay, aber mitten im Februar durch das tote Grünzeug stapfen? Ich bin doch nicht bescheuert und ruiniere mir meine teuren Schuhe!
»Geh einfach mal in Richtung Beete, und guck, was da los ist. Vielleicht hat der letzte Frost den einen oder anderen Staudenballen nach oben gequetscht, oder der Winterschutz für deine Hortensien muss in Ordnung gebracht werden. Und was ist mit deinen Rosen? Hast du genügend Erde angehäufelt?«
»Angelika, wovon sprichst du? Winterschutz? Anhäufeln? Keine Ahnung, was du meinst.«
»Nun stell dich mal nicht dümmer, als du bist.«
»Bisher hat sich Herr Schmidt um unser Grundstück gekümmert. Ich hab dafür keine Zeit.«
Also gut: Nahezu todesmutig begebe ich mich in der heranbrechenden Dämmerung auf den Rasen. Er ist matschig. Glitschig. So ganz anders als der Sommerrasen, auf dem ich gerne liege. Nein, so mag ich ihn nicht. Aber wenn’s Angelika befiehlt, bleibt mir wohl nichts anderes übrig.
Ich schlage den Kragen meines Burberry-Trenchcoats höher, werfe rasch einen Blick auf meine gewienerten Budapester, und schon tapse ich los, das Handy am Ohr.
»Es wird Zeit, dass du dich schmutzig machst«, verkündet La Milster. »Steck deine Hände in die Erde. Das ist die beste Medizin – glaub mir. Das wird dir jeder sagen, der ein wenig Ahnung hat. Abgesehen davon, macht es irre viel Spaß. Ich mach’s auch.«
Irgendwo habe ich gelesen, dass sich kranke Menschen bei der Arbeit im Grünen als nützlich erleben, der Garten hilft ihnen beim Erkennen und Akzeptieren der Krankheit. Die ollen Ägypter sollen Gartenarbeit zur Heilung von geistig Umnachteten eingesetzt haben. Ob’s geholfen hat, weiß heute allerdings keiner mehr. Dennoch sind solche Heilgärten gerade der ganz große Trend in der Medizin.
Erst vor Kurzem habe ich während der Recherche für einen Bericht gelesen, dass bestimmte Gärten viel mehr als nur schön sind, sie sind Kraftquellen. Man kann die Natur dort sehen, hören, riechen, fühlen und manchmal auch schmecken. Kindheitserinnerungen werden geweckt und der Körper beansprucht. Ein Garten hat also therapeutische Wirkung. Meiner auch? Unfassbar, auf was für Ideen ich komme, während ich über einen patschnassen Rasen schliddere. Typisch.
»Was bedeutet dir denn dein Garten?«, frage ich. Angelika schweigt, denkt nach. Die Sekunden verstreichen. »In meinem Garten kann ich wieder richtig durchatmen. Vergessen. Gärtnern ist für mich wie Yoga. Bin ich in meinem Garten, komme ich mit mir und der Welt ins Reine«, erklärt sie schließlich mit leiser, warmer Stimme.
»Das Schönste für mich ist immer, dass ich leise mit den Blumen sprechen kann«, erzählt La Milster. »Ich bin aber nicht so eine vor sich hin brabbelnde Alte. Um Himmels willen, nein! Das findet alles in meinem Kopf statt und nur, wenn ich mit meinen Pflanzen zu Gange bin.«
»Du willst mir doch jetzt nicht sagen, dass du wirklich mit deinen Pflanzen sprichst?«
»Klar, warum denn nicht. Wenn so ein Busch nicht mehr kann, dann muntere ich ihn eben wieder etwas auf. Dann sage ich auch mal: ›Los komm, Kleiner. Das wird schon wieder.‹ So helfen wir uns gegenseitig – mein Garten und ich.«
Jetzt ist es dunkel. Der Garten, die Beete – alles sieht noch trostloser aus. Tot. Traurig. Das passt zu meiner Stimmung. Die Arme eng um den Körper geschlungen und in matschverschmierten Schuhen gehe ich zur Terrasse und setze mich auf einen der Gartenstühle. Mir ist kalt.
»Meine Großeltern hatten einen tollen Garten, in dem ich als Kind viel gespielt habe. Natürlich musste ich auch mal mithelfen. Unkraut jäten, Äpfel ernten. Ich denke, so fing meine Liebe zum Gärtnern an. Heute könnte ich mir ein Leben ohne Garten gar nicht mehr vorstellen«, schwärmt Angelika. Sie ist in Plauderlaune.
»Kannst du dich noch an meinen Berliner Balkon erinnern? Als ich dort noch lebte, habe ich ihn immer bepflanzt und mit Grünzeug zugestellt, bis gar nichts mehr ging. Mein Mann André hat dann irgendwann den Befehl ausgegeben, dass nur noch Pflanzen gekauft werden, wenn eine Machete mitgeliefert wird – damit er sich einen Weg durch diesen Dschungel freischlagen kann.« Sie lacht, ich lächle.
Scheinbar macht Gärtnern wirklich selig und schenkt ein gutes Gefühl. »Wer in meinen Garten schaut, schaut in mein Herz«, wird der legendäre Gartenarchitekt Hermann von Pückler-Muskau gerne zitiert. Dieser wunderbare Gärtner hat nicht nur ein Eis erfunden, sondern auch die schönsten Schlossgärten angelegt, klärte mich einst Farah Diba auf, die letzte persische Kaiserin, mit der ich mich auf einer Party unterhielt.
»Auf meinem Berliner Balkon stand einmal eine große Schale, in der wuchsen Hornveilchen. Eines Tages schaue ich zum Fenster hinaus und sehe, wie dort eine Ente ihre Eier ausbrütet. Wunderbar. So findet die Natur immer einen Weg. Selbst in der Stadt. Das ist doch großartig – findest du nicht?«, lacht Angelika durchs Handy.
Je länger ich meinem liebsten Musical-Star zuhöre, desto mehr überzeugt sie mich: Ein Garten kann wirklich glücklich machen. Und wenn dann auch noch Ruth-Maria Kubitschek, Hendrik Duryn und Sascha Hehn ins selbe Horn tröten, muss ja etwas dran sein.
Aber was ist Glück eigentlich? Nur ein Gefühl? Ein Zustand? Schaffe ich das mit meinem Garten auch? Und wie lange dauert das überhaupt? Vielleicht sollte ich meinen Job als Klatschreporter erst einmal dafür aufgeben. Wenigstens für kurze Zeit. Sechs Monate, ein Jahr – für immer? Werde ich ihn vermissen?
Schon als kleiner Junge wollte ich unbedingt Klatschreporter werden. Damals saß ich bei meiner Großmutter auf dem Sofa und blätterte fasziniert durch die bunten Zeitschriften. Für so ein Magazin wollte ich auch arbeiten. Raus aus dem miefigen Ostfriesland, rein in die große, bunte Glitzerwelt. Eines Tages. Das habe ich mir geschworen. Und jetzt die Rolle rückwärts? Mit Ende vierzig?
Groß ist mein Garten nun wirklich nicht. Im Vergleich zu Kubis Garten »Aphrodite« ist er eher ein Schrebergarten. Aber auch Schrebergärtner sollen glücklichere Menschen sein. Dennoch frage ich mich: Ist Rasen trimmen, Rosen schneiden oder Unkraut zupfen wirklich das Richtige für mich?
»Du könntest dir einen Komposthaufen zulegen und darauf Kürbisse ziehen. Das ist toll. Auf meinem wuchs ein so schöner Kürbis! Als er reif war, habe ich ihn golden angemalt und in der Weihnachtszeit als Deko vor die Tür gestellt. Das sah großartig aus«, erinnert sich Angelika Milster.
»Aber ich habe doch überhaupt keine Ahnung, kann nicht einmal Staude von Unkraut unterscheiden.«
»Mach es dir einfach. Verzichte auf eigensinnige Pflanzen, und setz bloß keine Dahlien oder andere Knollenpflanzen, die du zum Herbst wieder ausbuddeln musst. Das braucht Zeit, Kraft und Platz. Schließlich müssen die von dir auch noch irgendwo gelagert werden.«
»Ach so? Na, wenn du das sagst …«
»Deine Pflanzen sollten vor allem winterfest sein. Setze Stauden und Sträucher, sodass du das ganze Jahr etwas davon hast. Egal, zu welcher Jahreszeit.«
»Was würdest du denn gar nicht pflanzen?«
»Ich habe zum Beispiel keine Rosen, weil sie viel Pflege brauchen und ich dafür zu oft von zu Hause weg bin. Ich könnte mich gar nicht genügend um sie kümmern. Darum habe ich Cosmeen. Das sind bescheidene Pflanzen. Und von Kapuzinerkresse bekomme ich nicht genug.«
Warum lange sabbeln? Lieber gleich Nägel mit Köpfen machen! Und gleich gibt es eine Gebrauchsanweisung. So ist Angelika. Wunderbar! Stimmt ja auch. Gar nicht lange und unnötig zögern. Viel besser ist es, mit geradem Blick nach vorne weiterzumarschieren – immer dem Glück entgegen. Die Trübsal muss doch besiegt werden, die Traurigkeit abklingen.
Ich will meine Leichtigkeit zurück, meine Fröhlichkeit. Früher saß ich zwanglos mit den Prominenten zusammen. Wir hatten Spaß, lachten, tanzten und tranken – meine Berichte über die Glamour-Society schrieben sich fast wie von alleine. Das ist vorbei. Heute bin ich ausgebrannt, wie mir Frau Doktor Neuenfels noch am Vormittag erklärte. Also muss sich etwas ändern. Aber zackig.
Angelika legt auf. Ich gehe rein. Aufwärmen. Jetzt erst einmal eine Tasse Ostfriesentee vor dem Kamin. Als der Kluntje im heißen Tee zerspringt, kommt mir meine letzte Sitzung mit Attila in den Sinn. Attila ist Coach. Einer, der Führungskräfte beruflich wieder auf den richtigen Weg bringt, wenn die Karriere in Schieflage geraten oder die Unzufriedenheit im Job zu groß ist. Attila berät mich einmal die Woche.
»Woran hast du Spaß? Was könnte dir nachhaltig Freude bereiten?«, fragte er mich das letzte Mal. Ich musste wirklich sehr lange nachdenken, bevor ich ihm nur eine halbwegs passable Antwort geben konnte. Und natürlich kam auch unweigerlich die Frage nach dem Glück. Ja, er wollte tatsächlich wissen, was mich im Job glücklich machen könnte. Auch da musste ich lange überlegen, und mir fiel nichts mehr ein.
Vielleicht sollte ich jetzt erst einmal mit meinem Garten beginnen. Vielleicht haben die ja alle recht. Warum auch nicht? Nach mehr als zwanzig Jahren Promi-Partys, dem Gejette rund um die Welt und dem Wühlen in der Wäsche anderer Leute ist die Gelegenheit doch günstig, um etwas Neues zu beginnen. Erst einmal versuchsweise. Wer weiß, was daraus werden kann.
Erfordert das Mut? Nein! Angst habe ich keine. Auch nicht vor der Niederlage. Ich probiere mich aus. Vielleicht eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Wer weiß?

Frank Gerdes

Über Frank Gerdes

Biografie

Frank Gerdes, Jahrgang 1971, wuchs in Emden/Ostfriesland auf und wurde an der Axel-Springer-Journalistenschule in Berlin ausgebildet. Als Reporter arbeitete er für GALA, BUNTE und SUPERIllu. Für die Berliner B.Z. verfasste er eine tägliche Klatsch-Kolumne, für DAS NEUE BLATT und DAS NEUE...

Veranstaltung
Lesung
Samstag, 27. April 2019 in Bremen
Zeit:15:00 Uhr
Ort:Blumen Peters,
Hans-Bredow-Str. 36
28307 Bremen
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Inhaltsangabe
Einleitung
Manchmal kommt es anders und zweitens als man denkt
Vom roten Teppich auf die grüne Wiese
Es soll blühen, das ganze Jahr!
Mit Jutta ins Blumenbeet
Was ist denn nun mit dem Rasen?
Wieder ab ins Garten-Center
Boah, ist das ekelig!
Buddeln, so wie Gott mich schuf
Eine Rose ist eine Rose, ist eine Rose – oder vielleicht doch nur eine nervige Zicke ?
Von Promis und vergessenen Gartenhäusern
Veronica und die Welpen
Jetzt geht’s der Hecke an den Kragen
Herbst im Sommer
Wenn es dunkel wird im Garten
Auf Stippvisite bei Prinz Charles
Abschied vom Gartenkitsch
Alles zu seiner Zeit
Danksagungen und eine Bitte

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