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StachelbeerjahreStachelbeerjahre

Stachelbeerjahre

Familiensaga aus dem Schwarzwald

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Stachelbeerjahre — Inhalt

Deutschland nach dem Krieg, ein Dorf im Schwarzwald. Frieden? Von wegen! Es knallt ordentlich in Mariannes Familie, wo Großeltern, Mutter und Schwester nur eines verbindet: ungelebte Träume. Einzig Marianne, die Kluge, Bildungshungrige, scheint ihre Chancen realistisch genug einzuschätzen. Doch eines Tages platzt der attraktive Gastarbeiter Enzo in dieses Leben. Und die Frauen in Mariannes Familie verlieren den Kopf.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 14.05.2012
352 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-27283-4
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.05.2016
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95038-1

Leseprobe zu »Stachelbeerjahre«

27. Oktober 1962

Kurz vor Mitternacht

 

Langsam hob sie die Lider, sie waren so unendlich schwer, fast schien es ihr, als habe man schwere Steine auf sie gelegt. Aber dann gelang ihr unter unendlichen Mühen, die Lider einen Spaltweit zu öffnen, und sie bemerkte sofort, dass etwas falsch war. Blitzschnell schloss sie die Augen wieder – welche Wohltat, der Last nachgeben zu können! Und dann bemerkte sie den Geruch und auch der war falsch. Es roch nach diesem billigen Veilchenzeug, das ihre Mutter immer benutzte und das sie nicht ausstehen konnte. [...]

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27. Oktober 1962

Kurz vor Mitternacht

 

Langsam hob sie die Lider, sie waren so unendlich schwer, fast schien es ihr, als habe man schwere Steine auf sie gelegt. Aber dann gelang ihr unter unendlichen Mühen, die Lider einen Spaltweit zu öffnen, und sie bemerkte sofort, dass etwas falsch war. Blitzschnell schloss sie die Augen wieder – welche Wohltat, der Last nachgeben zu können! Und dann bemerkte sie den Geruch und auch der war falsch. Es roch nach diesem billigen Veilchenzeug, das ihre Mutter immer benutzte und das sie nicht ausstehen konnte. Vorsichtig hob sie noch einmal die Augenlider, die Steine schienen leichter geworden zu sein, denn sie konnte die Augen offen halten.

Das war es! Der langfingrige Mondstrahl traf ihr Gesicht nicht von vorne, wie sie es gewohnt war, sondern von der Seite. Konturen schälten sich heraus, vor ihr stand die Kommode mit dem Waschkrug und daneben dieser unglaublich hässliche runde Stuhl mit dem rosafarbenen Plüschbezug – »den Stuhl mit Ausschlag« hatte sie ihn immer genannt – und plötzlich drang die Erkenntnis unter die bleiernen Lider, dass sie im Zimmer ihrer Mutter war. In ihrem Bett lag.

Diese Erkenntnis war so verblüffend, dass sie mit einer ruckartigen Bewegung aufstehen wollte, aber sofort schoss ein heißer Schmerz in ihren Kopf und sie ließ sich mit einem leisen Stöhnen zurück in die Kissen fallen. Kein einziges Mal, seit sie denken konnte, hatte sie im Bett ihrer Mutter schlafen dürfen, nicht einmal, als sie damals – mit fünf oder sechs Jahren – diese Lungenentzündung hatte, von der ihr noch die grässlichen Senfpflaster in Erinnerung geblieben waren, die man auf den Rücken geklebt bekam und die höllisch schmerzten.

Von unten hörte sie Stimmen, murmelnde, unterdrückte Stimmen, dazwischen die schrille und viel zu laute Stimme ihrer Halbschwester, aufgeregt, sich fast überschlagend und immer wieder von der Alten zur Ruhe ermahnt. »Großmutter« oder »Oma Hedwig« hatte sie die Alte nie genannt, nur wenn andere Leute dabei waren, ansonsten war sie »die Alte« und damit Schluss.

Was war denn los? Und warum lag sie mitten in der Nacht in Mutters Bett? Wie war sie überhaupt hierhergekommen? Sie lag bewegungslos da, aber trotz aller Schmerzen war jetzt jede Sehne ihres Körpers gespannt. Und plötzlich schoben sich Bilder vor das silberne Mondlicht, das in das Fenster floss, doch auf einmal war es nicht mehr silbern, sondern rot vor Blut.

Und jetzt waren auch andere Stimmen da, laute Stimmen, ganz laute, und dazwischen ein Schrei und dann noch ein Schrei … Nein, nicht diese Bilder und nicht diese Stimmen! Es musste ein Albtraum gewesen sein, ganz bestimmt war es ein Albtraum. Hatte sie nicht den ganzen Tag Fieber gehabt? Sie wollte jetzt nach unten gehen, zu den anderen, und das würde alle diese Bilder verscheuchen.

Vorsichtig stand sie auf und tappte hinüber zur Kommode, wo neben dem »Ausschlagsessel« der Bademantel der Mutter lag. Sie versuchte hineinzuschlüpfen, ganz vorsichtig, mit zusammengebissenen Zähnen, denn jede Bewegung entfachte eine neue Flamme des Schmerzes in ihrem Kopf. Schließlich hatte sie es geschafft und sie ließ sich erschöpft auf den Hocker sinken. Aus dem Spiegel, der über der Kommode befestigt war, starrte sie ein fremdes Gesicht an. Für einen Augenblick wusste sie nicht, wem dieses Gesicht gehörte. Die Augen lagen so tief in den Höhlen, als habe man sie ausgekratzt und mit Kohlestücken gefüllt. Aber alles andere, das gehörte noch zu ihr, die dunklen, halblangen Locken – Haare wie Draht, sagte die Alte immer –, das schmale Oval des Gesichts und der kleine Leberfleck unter dem rechten Auge. Und der Mund, der war das Schönste an ihr, das Schönste in diesem doch eher durchschnittlichen Gesicht.

Enzo hatte das auch gesagt.

»Ein Kussmund, mia bella«, hatte er immer gesagt.

Aber sie durfte jetzt nicht an Enzo denken, denn sonst kamen die Bilder wieder, die Stimmen und die Schreie.

Sie musste nach unten gehen, zu den anderen, musste reden, den Albtraum verscheuchen. Aber sie blieb sitzen, starrte ihr Spiegelbild an und auch die Gesichter, die dahinter auftauchten; ein Reigen schemenhafter Gestalten tanzte an ihr vorbei und auf einmal wusste sie ganz sicher, dass es kein Albtraum gewesen war!

Seltsamerweise waren es nicht Enzos Gesicht oder das ihrer Schwester Sieglinde oder ihrer Mutter oder die Gesichter der beiden Alten, die dieses blitzartige Aufscheinen einer Erkenntnis bewirkten.

Es waren die Kaninchen, die Großvater Gottfried in der großen Hütte hinter dem Haus hielt, in Käfigen hockend, aneinandergereiht, stumpfsinnig stierende, mümmelnde Kaninchen, schwarze, weiße oder auch grau gescheckte. Diese Kaninchen hatte sie gesehen, hatte sie angeschaut, als sie dann den Blick abgewandt hatte und meinte, in den Augen der Tiere furchtsame Verwirrung und blankes Entsetzen lesen zu müssen. Aber da war nichts gewesen, nur das stumpfe Stieren. Ja, die Kaninchen hatte sie gesehen, hatte in ihre Gesichter und ihre Augen gestarrt, als seien sie Spiegel des Entsetzlichen, aber nichts wurde zurückgeworfen von dem, was geschehen war. Und sie hatte das Grün, das bleiche Grün des Heus auf dem Boden gesehen, das sich mit dem Rot des Blutes vermischte.

Das Grauen packte sie jetzt und schien ihr die Kehle zuzudrücken. Was sollte sie bei denen da unten? Sie gehörten nicht zu ihr, hatten niemals zu ihr gehört!

 

1946 bis 1953

Eine der frühesten Erinnerungen, die Marianne an ihre Kindheit hatte, waren die vier Tischbeine des Küchentisches und eine an allen vier Seiten herabhängende Wachstuchtischdecke, hinter der sie sich verstecken konnte. Sie bildete sich fest ein, unter dem Küchentisch wäre sie quasi unsichtbar, aber das war natürlich Unsinn, und wenn jemand fragte: »Wo steckt sie denn wieder?«, kam als stereotype und gelangweilte Antwort: »Hockt wieder unter dem Tisch.« Trotzdem blieb der Küchentisch ihr Zufluchtsort. Meist kauerte sie an eins der Tischbeine gelehnt, das Gesicht gegen die Tischdecke gepresst, und atmete den süßlich pappigen Geruch ein, bis ihr übel wurde. Die Tischdecken waren blau kariert, meistmit braunen oder olivgrünen Streifen, manchmal waren auch gelbe oder rote Blümchen verstreut, was Marianne damals als ungewohnter Luxus erschien.

Das Versteck bildete allerdings keinen Schutz gegen die Stimmen. Und manchmal, wenn die Stimmen, besonders die der Alten, zu laut wurden, presste sie die Hände gegen die Ohren und der Lärm verebbte zu einem undefinierbaren Summen.

Bald aber entdeckte sie noch etwas anderes! Sie bemerkte früh, dass man sich an ihr Versteck gewöhnte und sie gewähren ließ, und keiner mühte sich mehr, sie hervorzulocken. So wurde die Höhle des Tisches auch ein wunderbarer Ort der Beobachtung. Man konnte dort unten nur die Füße und Beine sehen, und die Menschen, die so groß und bedrohlich erschienen, verloren ihre Schrecken. Mehr noch, die Art, wie sie standen oder gingen, welche Schuhe sie trugen, gaben einigen Aufschluss. Wenn die Mama beispielsweise die alten, schief getretenen Pantoffeln trug, schlurfte sie meistens und das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie müde war und man sie in Ruhe lassen musste. Sie kam dann meistens von der Arbeit beim Tournier, einer großen Fabrik, wo man geheimnisvolle Geräte herstellte, unter denen sich Marianne nichts vorstellen konnte. Dort musste sie den ganzen Tag irgendwelche Rädchen hineinschrauben, und wenn sie heimkam, war sie oft auch sehr gereizt. Dann gab es Streit mit der Alten.

»Könntest noch die Stachelbeeren pflücken«, keifte die dann, »von dem bisschen Rumstehen in der Fabrik kann man doch nicht so müde sein.« Und die Mama schrie zurück: »Du hast doch keine Ahnung.« Und: »Wer verdient denn hier das Geld?« Das ging noch eine ganze Weile so hin und her und irgendwann fiel auch ihr Name im gleichen Atemzug mit dem Wort »Kuckuck«. Das hatte sie lange nicht verstanden. Sie war doch schließlich kein Vogel. Aber irgendwann dämmerte die Erkenntnis. Die Mama zog nämlich manchmal abends die »vornehmen Schuhe« an, wie Marianne sie insgeheim nannte. Sie waren schwarz und glänzend und hatten vorne eine Schleife und sehr hohe Absätze. Dann ging sie ganz anders, sie trippelte , machte kleine Schritte und schien richtig zu schweben, so kam es Marianne jedenfalls vor.

»Aha, es geht mal wieder zum Hoppsassa!«, rief die Alte. »Aber merk dir eines, noch einen Kuckuck bringst du mir nicht ins Haus!«

Doch schon war die Tür zu und man hörte Mama lachen. An solchen Abenden kam sie erst sehr spät nach Hause. Marianne wachte dann nämlich regelmäßig auf, weil es unten an der Treppe ein unterdrücktes, aber doch deutlich hörbares Gezänk gab. Ob die Alte extra darauf wartete, bis die Mutter nach Hause kam?

Überhaupt, die Alte! Eigentlich durfte sie sie nicht so nennen, dachte sie manchmal reumütig. Sie hatte die Bezeichnung von Großvater Gottfried übernommen, der heimlich so von ihr sprach.

Den Großvater konnte sie gut leiden. Im Haus trug er Schuhe aus braunem Wollstoff. Er ging fast unhörbar, es war faszinierend zu sehen, wie behutsamer auftrat, so als wolle er jede Aufmerksamkeit vermeiden. Marianne konnte das gut verstehen, denn jeder im Haus war froh, wenn er den schrillen Befehlen der Alten entkommen konnte. Jeder, außer ihrer Schwester Sieglinde, dem Schätzchen, dem Augenstern, wie die Alte sie nannte. Und das gab Marianne jedes Mal einen Stich ins Herz, denn sie war doch auch ihre Großmutter, aber sie, Marianne, war stets nur der Kuckuck. Und deshalb nannte sie sie nur die Alte. Das war ihre Rache. Sie trug übrigens graue Hausschuhe aus Filz, die vorne an den Zehen ganz abgestoßen waren. Sie ging merkwürdig, der rechte Fuß war leicht nach außen gedreht, sodass es aussah, als ob sie watschelte. »Dumme Gans, dumme Gans«, flüsterte Marianne immer wieder und hielt die Hand vor den Mund, um nicht laut zu lachen. Auch das war eine schöne Rache. Am Sonntag trug die Alte ihre guten Schuhe, schwarze, hochgeschnürte Stiefel, mit denen sie zur Kirche ging, und Marianne kam es so vor, als seien nicht nur die Füße, sondern als sei auch der ganze Mensch eingeschnürt in diese Unfreundlichkeit und Bosheit.

Warum sie nur der Kuckuck war und die Alte sie nicht leiden konnte, das sollte sie ganz genau im Alter von sieben Jahren erfahren: Sie war in der zweiten Klasse und an irgendeinem Frühsommertag mussten sie eine besondere Hausaufgabe machen. Die Namen der Großeltern, Eltern und Geschwister sollte man aufschreiben, um dann in der Schule einen Stammbaum anzufertigen, was immer das auch sein sollte. So hatte es ihnen jedenfalls Fräulein Schwarz, die Klassenlehrerin, erklärt.

Marianne hatte Großvater Gottfried gefragt und der hatte ihr das Familienstammbuch gegeben. Aber die Schrift hatte Marianne nicht lesen können und so diktierte er ihr die Namen. Er buchstabierte ihr sogar alles genau vor und wieder musste sie daran denken, wie gern sie Großvater doch hatte, auch wenn die Leute behaupteten, er sei wunderlich. Marianne fand, er sei normal, jedenfalls normaler als die meisten Leute, die Alte mit eingeschlossen, die ihn immerzu anschrie, denn er war auf einem Ohr taub. Das habe er sich in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs geholt, hatte er Marianne erzählt, eine Granate, direkt neben ihm – alle Kameraden zerrissen …

Inge Barth-Grözinger

Über Inge Barth-Grözinger

Biografie

Inge Barth-Grözinger wurde 1950 in Bad Wildbad im Schwarzwald geboren. Sie unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung am Peutinger-Gymnasium in Ellwangen die Fächer Deutsch und Geschichte. Sie veröffentlichte mehrere sehr erfolgreiche Bücher, unter anderem die Schwarzwald-Familiensaga »Beerensommer«.

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