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Spurensammler

Thriller

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Spurensammler — Inhalt

Als einer der gefährlichsten Schwerverbrecher Englands von seinen Komplizen aus dem Hochsicherheitsgefängnis befreit wird, holt Detective Mark Heckenburgs spektakulärster Fall ihn plötzlich wieder ein. Zwei Jahre nachdem unzählige Opfer entführt und ermordet wurden, beginnt der Albtraum von Neuem. Immer mehr Menschen werden getötet. Kaltblütig, brutal, am helllichten Tag. Und Heck weiß, dass es nicht lange dauern wird, bis auch er an der Reihe ist …

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.06.2015
Übersetzt von: Bärbel Arnold, Velten Arnold
496 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30683-6
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.06.2015
Übersetzt von: Bärbel Arnold, Velten Arnold
496 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96945-1

Leseprobe zu »Spurensammler«

1

 

Gull Rock war so ziemlich der letzte Ort auf Erden.

Er befand sich auf einer trostlosen Landspitze südlich von jener weitläufigen »The Wash« genannten Meereseinbuchtung fernab jeglicher Zivilisation und war fortwährend dem unerbitt­lichen Ansturm der Elemente ausgesetzt. Selbst an Englands Ostküste gab es keinen einsameren, trostloseren Ort, und keinen, der, was seine totale Isolation anging, bedrohlicher wirkte. Doch letzten Endes war all dies gut, denn im Gull-Rock-Gefängnis (auch bekannt als Her Majesty’s Prison Brancaster) saßen die Übelsten der [...]

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1

 

Gull Rock war so ziemlich der letzte Ort auf Erden.

Er befand sich auf einer trostlosen Landspitze südlich von jener weitläufigen »The Wash« genannten Meereseinbuchtung fernab jeglicher Zivilisation und war fortwährend dem unerbitt­lichen Ansturm der Elemente ausgesetzt. Selbst an Englands Ostküste gab es keinen einsameren, trostloseren Ort, und keinen, der, was seine totale Isolation anging, bedrohlicher wirkte. Doch letzten Endes war all dies gut, denn im Gull-Rock-Gefängnis (auch bekannt als Her Majesty’s Prison Brancaster) saßen die Übelsten der Übelsten. Und das war keine Übertreibung, nicht einmal im Vergleich mit anderen Gefängnissen der höchsten Sicherheitsstufe. Keiner der Insassen von Gull Rock verbüßte eine Haftstrafe von unter zehn Jahren, unter ihnen befanden sich einige der heimtückischsten Mörder, der gewalttätigsten Räuber und der gnadenlosesten Vergewaltiger Großbritanniens, ganz zu schweigen von Gangstern, Terroristen und in den Städten ihr Unwesen treibenden Straßenkriminellen, für deren Beschreibung das Wort »gestört« hätte erfunden worden sein können.

Als Detective Superintendent Gemma Piper an jenem trüben Morgen auf dem Besucherparkplatz des Gefängnisses vorfuhr, war ihr aquamarinblauer Mercedes das einzige Auto dort, doch das war keine Überraschung. Besuche von Häftlingen waren in Gull Rock streng limitiert.

Sie stieg aus und betrachtete das in der Ferne aufragende Betongebäude. Es war Anfang September, doch dies war ein dem Wetter ausgesetzter Ort. Von der Nordsee blies eine steife Brise, die unzählige Schaumkronen vor sich hertrieb und Hunderte krächzende Seevögel gen Himmel trug. Gemmas lange, aschblonde Haare wurden noch mehr zerzaust, als sie es ohnehin schon waren. Sie knöpfte ihren Regenmantel zu und rückte die in Schutzumschlägen steckenden Mappen unter ihrem Arm zurecht.

Ein weiteres Auto rumpelte von der Zufahrt auf den Parkplatz und bog in die Parkbucht direkt neben ihr ein: ein weißer Toyota GT.

Sie ignorierte den Wagen und starrte die Umrisse des Gefängnisses an. Es war ein Hochsicherheitsgefängnis, entsprechend hatte es keine Fenster. Die grauen Mauern der verschiedenen Häftlingsblöcke waren kalt und anonym, die Verbindungsgänge zwischen ihnen verliefen allesamt unterirdisch. Diese seelenlose innere Gebäudestruktur war von einer hohen Außenmauer umgeben, deren obere Kante zusätzlich mit Stacheldraht gesichert war. Den einzigen Zutritt bot ein massives Tor aus verstärktem Stahl. Außerhalb der Mauer verliefen konzentrische Elektrozaunringe.

Der Fahrer des Toyotas stieg aus. Sein hochgewachsener, athletischer Körper steckte in einem wie angegossen sitzenden maßgeschneiderten Armani-Anzug. Das Grau an seinen Schläfen verriet sein fortgeschrittenes Alter – er ging auf die fünfzig zu –, doch er hatte ein schlankes, sonnengebräuntes Gesicht, in das sich ein nahezu ständiges nachdenkliches Stirnrunzeln eingeprägt hatte, das gleichermaßen bedrohlich wie attraktiv wirkte. Es handelte sich um Commander Frank Tasker von Scotland Yard, und er hatte ebenfalls jede Menge Unterlagen bei sich, die in Plastikmappen steckten.

»Ich will Ihnen ja nicht erzählen, wie Sie Ihren Job zu erledigen haben, Gemma«, sagte Tasker und zog sich seinen Regenmantel an. »Aber wir müssen mit dieser Sache bald mal vorankommen.«

Gemma nickte. »Das ist mir klar, Sir. Aber es ist alles im Zeitplan.«

»Ich wünschte, ich wäre mir da so sicher wie Sie. Wir haben ihn schon sechs Mal in die Zange genommen. Wird er zusammenbrechen oder nicht?«

»Typen wie Peter Rochester brechen nicht zusammen, Sir«, erwiderte sie. »Man muss sie zermürben, langsam, aber sicher.«

»Der Zeitfaktor …«

»… den haben wir im Blick. Ich verspreche Ihnen, Sir, wir werden ihn kleinkriegen.«

Tasker rümpfte die Nase. »Ich begreife nicht, wem gegenüber er glaubt, sich loyal zeigen zu müssen. Ich meine, sie scheren sich doch einen Dreck um ihn … Warum sollte er sich also um sie scheren?«

»Wahrscheinlich steckt was Militärisches dahinter«, entgegnete sie. »Rochester hat es bis in den Rang des Adjudant-Chefs gebracht. Das schafft man in der Fremdenlegion eigentlich nicht, wenn man nicht die französische Staatsbürgerschaft hat … jedenfalls nicht, wenn man nicht ein paar Leute wirklich beeindruckt hat. Außerdem heißt es, dass er seinen Männern absolute Loyalität abverlangt hat. Und diesen Anspruch hat er auch als Söldner beibehalten. So eine Loyalität gewinnt man bei seinen Leuten nicht, wenn man nicht auch ein bisschen was davon zurückgibt.«

»Sie meinen also, die Leute aus Rochesters Truppe mögen einander?«

»Ja, aber das ist nur eins von mehreren Dingen, die sie von dem dahergelaufenen Allerweltspöbel unterscheiden, mit dem wir uns sonst abgeben müssen.«

Er zuckte mit den Achseln. »Das stelle ich nicht in Abrede. Was diesen Fall angeht, haben Sie schließlich den größten Teil der Hausaufgaben gemacht. Aber meine ursprüngliche Frage bleibt: Wie lange noch?«

»Ein paar Sitzungen noch. Ich glaube, wir haben ihn fast so weit.«

»Und haben Sie auch noch im Hinterkopf, was ich Ihnen bezüglich Detective Sergeant Heckenburg gesagt habe?«

Sie lächelte halb. »Ja, Sir.«

»Wir wollen nicht, dass er mit dem Ganzen auch nur annähernd in Berührung kommt, Gemma.«

»Das tut er nicht.«

»Er ist im besten Fall unberechenbar, aber er könnte das Ganze total vermasseln.«

»Es ist alles in bester Ordnung, Sir.«

»Mich wundert, dass er nicht zumindest Fragen gestellt hat.«

»Tja, das hat er.«

»Und?«, fragte Tasker ungehalten.

»Ich bin seine Chefin. Wenn ich ihm sage, dass er sich da raushalten soll, akzeptiert er das.«

»Weiß er, wie oft Sie Rochester in die Mangel genommen haben?«

»Dazu hatte er zu viel zu tun. Dafür habe ich gesorgt.«

Tasker nahm die Umgebung in Augenschein, während er über Gemmas Worte nachdachte. Gewaltige Gewitterwolken rückten über dem Meer auf sie zu und zogen unter sich eine düstere, unheilverkündende Nebelwand mit sich. An den Rändern des Parkplatzes wurden blasse Sandwölkchen aufgewirbelt. Das harte Drahtgeflecht der Zäune summte im Wind. Inmitten all dessen erhob sich das Gefängnis, mächtig und still, ein ewiger Fels an dieser windgepeitschten Landspitze. Dahinter gab es nichts mehr, nur noch die heranrollenden, brechenden Wellen.

»Ein ziemliches Drecksloch, dieser Knast«, stellte Tasker mit einem Schaudern fest. »Ich meine, er ist zwar sauber … sogar steril. Aber wenn man da drinnen ist, denkt man wirklich, man hat die Endstation erreicht. Erst recht in diesem speziellen Überwachungstrakt. Wie eine Zelle in einer Zelle.«

Er sah unruhig über seine Schulter.

»Stimmt was nicht, Sir?«, fragte Gemma.

»Nennen Sie mich ruhig paranoid, aber ich rechne jeden Augenblick damit, dass Heckenburg hier aufkreuzt.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Heck beschäftigt ist.«

»Wie beschäftigt?«

»Er steckt bis zum Hals in Arbeit«, entgegnete sie. »Mit einem der abscheulichsten Fälle, die mir in letzter Zeit untergekommen sind. Machen Sie sich keine Sorgen … Wir haben Mad Mike Silver und was auch immer vom Nice-Guys-Club übrig geblieben ist ganz für uns alleine.«

 

 

2

 

Greg Matthews’ Aussehen passte merkwürdigerweise irgendwie zu seinem Namen. Detective Sergeant Mark Heckenburg, oder »Heck«, wie seine Kollegen ihn nannten, konnte nicht genau sagen, wie er darauf kam, aber bei diesem Namen – Greg Mat­thews – schwangen irgendwie Eigenschaften wie Entschlossenheit und energische Bestimmtheit mit. Als ob es sich bei dem Träger dieses Namens um einen Typen handelte, der seine Zeit nicht sinnlos vertrödelte. Außerdem klang der Name nach verbohrter, konservativer englischer Mittelschicht und implizierte »gebildet« und »gut betucht«. Und all dies floss in dem Eindruck zusammen, den Heck von dem Mann selbst gewann, als er sich die Videoaufnahme von dem Verhör im Vernehmungsraum der Polizeiwache Gillbridge Avenue in Sunderland ansah.

Matthews war zwischen Anfang und Mitte dreißig, stämmig gebaut und hatte eine aschgraue Gesichtsfarbe und borstiges, kupferfarbenes Haar. Bei seiner Verhaftung hatte er designete Kampfklamotten getragen: eine grüne gefütterte Militärweste und ein graues Kapuzenshirt, Stonewashed-Jeans und Doc-Martens-Stiefel, wie sie mal geheißen hatten. Natürlich war ihm all dies abgenommen worden, und er war für die Untersuchungshaft in einen weißen Häftlingsoverall zur Einmalverwendung gesteckt worden, allerdings war ihm gestattet worden, seine rundglasige »John-Lennon«-Brille zu behalten, ohne die er offenbar blind wie ein Maulwurf war.

All dies hatte der Wut des Häftlings keinen Abbruch getan.

Nach drei Stunden Verhör gab er sich immer noch so unflätig und selbstgerecht wie bei seiner Festnahme. »Ist doch nicht mein Problem, wenn irgendjemand die Schnauze von diesen Neonazi­schweinen voll hat!«, stellte er in einem kultivierten Akzent klar, der nichts von dem »Mackem« genannten Sunderland-Dialekt hatte, mit dem man es in dieser Gegend normalerweise zu tun hatte. »Das Einzige, was mich wirklich nicht überrascht, ist, dass eine weitere Bande von Nazischweinen, sprich Ihre Leute, wie wild darauf aus ist, herauszufinden, wer dahintersteckt.«

»Die Frage bleibt, Mr Matthews«, entgegnete Detective Inspector Jane Higginson. Sie war eine geschmeidige, sehr coole Beamtin. Ihr dunkles Haar war kurz geschnitten, aber schick gestylt. Sie sprach einen sehr viel deutlicheren lokalen Akzent als Matthews, was darauf schließen ließ, dass sie aus einfachen Verhältnissen kam. »Warum sind Sie nicht in der Lage, uns zu sagen, was Sie am Abend des 15. Augusts gemacht haben?«

»Weil das fünf verdammte Wochen her ist! Und weil ich im Gegensatz zu Ihnen und Ihren kleinen wie aufgezogene Uhren funktionierenden Kuschelfreunden nicht alles, was ich mache, geflissentlich in einem Notizbüchlein festhalte. Nicht, dass ich glaube, dass Sie das tun. Wir könnten hier und jetzt Ihre Aufzeichnungen durchgehen, und ich bezweifle, dass wir irgendwelche Hinweise auf Belästigungen von Angehörigen ethnischer oder sexueller Minderheiten finden würden oder auf Einschüchterungen von Demonstranten, illegale Durchsuchungen von privaten Grundstücken und Wohnungen, brutale Übergriffe gegen einfache Angehörige der Arbeiterklasse oder auf jegliche andere gelegentliche Missbräuche Ihrer Amtsgewalt, die Sie sich zwei­fellos Tag für Tag in der einen oder anderen Weise zuschulden kommen lassen …«

Matthews war redegewandt, dass musste Heck ihm zugestehen, aber das war vermutlich auch nicht anders zu erwarten. Er war der Anführer einer selbst ernannten »Aktionsgruppe«, die eine lockere Verbindung zu diversen militanten Studentenvereinigungen unterhielt. Er und seine Kumpane waren politische Aufwiegler, die sich selbst als Anarchisten bezeichneten … Aber machte sie das zu Mördern?

»Was ist mit dem 15. August?«, hakte Higginson hartnäckig nach. »Lassen Sie mich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen … Es war ein Samstag. Vielleicht erinnern Sie sich jetzt besser.«

»Ich mache an Samstagen alles Mögliche.«

»Sie machen sich keine Aufzeichnungen und haben keinen Terminkalender? Ein gewissenhafter Mann wie Sie?«

Das war eine vernünftige Frage, dachte Heck. Er war dabei gewesen, als Matthews an jenem Morgen in seinem sogenannten Hauptquartier festgenommen worden war, bei dem es sich, im Grunde genommen, um einen Fahrradschuppen handelte, der jedoch mit Flugblättern und Broschüren vollgestopft war und dessen Wände mit Plakaten und Aktionsplänen zugekleistert waren. Zwei supermoderne Computer waren ebenfalls beschlagnahmt worden. Matthews war nicht nur ein Sprücheklopfer.

»Der einzige Grund, weshalb Sie sich weigern, in dieser Sache zu kooperieren, Mr Matthews, ist, dass Sie etwas zu verbergen haben«, stellte der Detective Constable fest, der Detective Inspector Higginson bei dem Verhör assistierte.

»Oder weil Sie so verblendet sind, dass Ihnen Ihre Glaubwürdigkeit auf der Straße wichtiger ist als Ihre persönliche Freiheit«, schlug Higginson vor.

Matthews verzog die Lippen. »Sie sind eine richtig piefige, besserwisserische Zicke, was?«

»Passen Sie auf, was Sie sagen, und mäßigen Sie Ihren Ton«, warnte der Detective Constable ihn.

»Und wenn nicht? Vermöbeln Sie mich dann?« Matthews lachte. »Es überrascht mich sowieso, dass Sie das nicht bereits getan haben. Nur zu. Tun Sie sich keinen Zwang an. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.«

Das entmutigte Heck, zumindest im Hinblick auf die Aussicht, dass diese Festnahme zu einer Verurteilung führen würde. Der Typ schien sich nicht einmal dessen bewusst zu sein, dass die Film- und Tonaufnahmen, die von Verhören während der Untersuchungshaft gemacht wurden, sorgfältig geprüft und aufbewahrt wurden; sie konnten nicht einfach verschwinden. Wenn man zu­­dem bedachte, dass Matthews darauf verzichtet hatte, die Hinzuziehung eines Anwalts zu verlangen, und dass die Durchleuchtung seiner Person und seiner Gruppe, der sie ihn und seine Mitstreiter mithilfe der Special Branch unterzogen hatten, nichts ergeben hatte, dann lag der Schluss nahe, dass sie es eher mit einem großmäuligen Angeber zu tun hatten als mit einem wirk­lichen Aktivisten, der zur Tat schritt.

»Wenn Sie und Ihre Truppe es bloß dabei belassen würden, jemanden zu vermöbeln«, sagte der Detective Constable. »Wann haben Sie beschlossen, Nathan Crabtree tatsächlich umzubringen?«

»Das ist doch totaler Schwachsinn.«

»Vor oder nachdem Sie ihm zum zwanzigsten Mal im Netz gedroht haben, ihn umzubringen?«, hakte Higginson nach.

Matthews tat so, als wäre er belustigt. »Wenn das das Beste ist, was Sie gegen mich in der Hand haben, tun Sie mir leid.«

Matthews hatte regelmäßig im Internet irgendwelche zusammengeschusterten Webseiten sozialer Netzwerke aufgerufen, die normalerweise im Ausland registriert waren und als Plattform für extremistische Ideologien dienten. Der Inhalt dieser Seiten be­­stand aus verbitterten, hasserfüllten Beiträgen miteinander kommunizierender anonymer Individuen, die sich durchweg lächer­liche Spitznamen zugelegt hatten. In normalen Zeiten wäre es höchst unwahrscheinlich gewesen, dass ein ungehobeltes Pack wie Nathan Crabtree und die anderen beiden Opfer, John Selleck und Simon Dean, auf irgendeiner politischen Plattform gelandet wären – sie waren nichts weiter gewesen als sich politisch gebärdende Anhänger hooliganartiger Fußtruppen, die kaum eine mit Bildung in Kontakt gekommene Hirnzelle in ihren Köpfen gehabt hatten –, doch nach allem, was Heck mitbekam, erlaubte das Inter­­net durchgeknallten Aktivisten zusehends, sich Gehör zu verschaffen.

Er wandte sich vom Monitor ab und schlenderte durch die Einsatzzentrale der »Sonderkommission Bulldogge« zu den Schau­tafeln mit den Tatortfotos. Es gab insgesamt drei Tatorte, und sie befanden sich allesamt in unterschiedlichen Ecken von Hendon, Sunderlands altem Hafenviertel.

Der erste Tatort, an dem Selleck umgekommen war, befand sich in einer verlassenen Garage; der zweite, wo Dean das Zeit­liche gesegnet hatte, an einem Kanalufer; und der dritte – der Schauplatz der Ermordung von Nathan Crabtree selbst – unter dem Bogen einer Eisenbahnbrücke. Es hätte eigentlich ein Leichtes sein sollen, die Opfer auf diesen Hochglanz-Nahaufnahmen als weiße Männer im Alter von Mitte bis Ende zwanzig zu identifizieren, doch dem war nicht so. Von den vielfachen Schädelverletzungen, die ihnen zugefügt worden waren, war so viel Blut über ihre Gesichter und ihre Oberkörper geströmt und hatte sich derart sturzbachartig aus den klaffenden, karmesinroten Öffnungen ergossen, die einmal ihre Kehlen gewesen waren, dass keine Gesichtszüge mehr zu erkennen waren. Selbst besondere Merkmale wie Tattoos, Narben und Piercings waren nicht mehr zu erkennen gewesen – zumindest bis es den Gerichtsmedizinern gestattet worden war, die Leichen abzutransportieren und zu waschen.

Die Morde hatten sich im zurückliegenden August innerhalb von drei Wochen ereignet und bei der Polizei zwar für einiges Stirnrunzeln gesorgt, aber eher aus Verwunderung als aus Bestürzung, da Crabtree und seine Truppe bestens bekannte, üble Schurken gewesen waren. Sie waren Mitglieder einer locker organisierten Gruppe namens Nationalsozialistische Elite und im Wesentlichen Skinheads gewesen, wenn auch ohne die entsprechenden Frisuren, und zudem Fußballhooligans und Kleindealer. Sie hatten den größten Teil der vergangenen Jahre damit zugebracht, vor Ort Hausbesitzer zu bedrohen, sich zu betrinken, zu randalieren und jüngere Anwohner entweder zu tyrannisieren oder zu indoktrinieren und zu dem von ihnen vertretenen britischen Hardcorepatriotismus zu bekehren. Sie waren gegen Muslime, Homosexuelle, Linke und – unabhängig von ihren politischen Ansichten, um auch bei den sogenannten Normalbürgern ein paar Pluspunkte zu sammeln – auch noch gegen Sexualstraftäter gewesen. Sie wurden für die Täter gehalten, die einen Rentner in seinem eigenen Haus brutal zusammengeschlagen hatten, nachdem das Gerücht die Runde gemacht hatte, dass sein Name in der Sexualstraftäterdatei geführt wurde. Das Gerücht hatte sich im Nachhinein als falsch erwiesen, aber ungeachtet dessen hatte sich nicht beweisen lassen, dass sie für den Übergriff verantwortlich gewesen waren.

»Ach was, er war auf jeden Fall ein Pädophiler – und das wussten die Jungs«, hatte jemand Crabtree sagen gehört, nachdem ­herausgekommen war, dass das Opfer sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. »Irgendjemand musste sich ihn ja mal vorknöpfen.«

Das Problem war nur, dass sich nun jemand die Jungs vorgeknöpft hatte.

Und zwar in aufsehenerregender Weise.

Das erste Opfer war einfach in eine Garage gezerrt und dort bewusstlos geschlagen worden, bevor ihm mit einer schweren, scharfen Klinge die Kehle durchgeschnitten worden war. Zu jenem Zeitpunkt hätte es alles Mögliche gewesen sein können, von einem missratenen Raubüberfall bis hin zu einer persön­lichen Abrechnung. Doch dann hatte es in den folgenden zwei Wochen die anderen beiden erwischt, und es war klar geworden, dass etwas Übleres im Gange war. Das zweite Opfer war mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen und anschließend am Ufer eines Kanals an einen Zaun gefesselt worden, wo ihm mit der gleichen Klinge wie im ersten Fall die Kehle durchtrennt ­worden war. Im Fall von Nathan Crabtree waren der oder die Gewalttäter weiter gegangen. Seine Leiche war unter dem Bogen einer Eisenbahnbrücke gefunden worden, doch er war zunächst mit Sta­chel­draht an einen Backsteinpfeiler gefesselt worden, bevor ihm die Kehle aufgeschlitzt worden war.

Heck vermutete, dass diese Hinrichtung am längsten gedauert hatte.

Der Stacheldraht war ein ziemlich fieses Martergerät. Seine Verwendung war nicht nur eine sadistische Methode, um dem Opfer ein Maximum an Schmerzen und Qualen zuzufügen, sondern auch ein Hinweis darauf, dass der Mörder die Tat genossen hatte. Wer auch immer der Täter war – Heck war sicher, dass sie es nur mit einem einzigen zu tun hatten, aber er leitete die Ermittlungen in diesem Fall ja nicht –, hatte gegenüber den drei Opfern eine von außerordentlichem Hass geprägte Aggressivität an den Tag gelegt, insbesondere gegenüber Crabtree. Na schön, damit kam Greg Matthews wieder ins Spiel – er war mit diesen rechten Vollidioten im Internet so oft aneinandergeraten, dass Heck aufgehört hatte zu zählen –, aber in der Vergangenheit des Mannes gab es nichts, was darauf hinwies, dass er zu einer derartigen Gewalt fähig war.

Und dann war da dieser verdammte Stacheldraht.

Heck hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Verwendung eines derartigen Materials in ihm eine ferne, dunkle Erinnerung an irgendetwas wecken sollte – aber er kam nicht darauf, was es sein mochte.

»Sie glauben nicht, dass wir die Richtigen haben, stimmt’s?«, fragte jemand.

Heck drehte sich um. Links neben ihm stand Detective Sergeant Barry Grant und hatte sein übliches spöttisches Lächeln aufgesetzt. Wenn Heck in seiner Eigenschaft als Berater – oder eher als Sonderermittler – des Dezernats für Serienverbrechen in einen der Counties geschickt wurde, schlug ihm oft eine gewisse Reserviertheit entgegen, allerdings nicht im Fall von Detective Sergeant Grant, dem bei der »Sonderkommission Bulldogge« für die Zusammenstellung sämtlicher Fallunterlagen zuständigen Beamten, der sich bisher eigentlich als ein sehr zugänglicher Kollege erwiesen hatte.

Grant war ein eher kleiner, älterer und sehr adretter Typ, der sich gerne in Jacketts mit dazu passender Fliege, zugeknöpftem Hemd und gebügelter Hose zeigte. Er hatte einen gepflegten kalkgrauen Haarschopf und trug eine Hornbrille, was ihn für einen aktiven Polizisten unterm Strich ein bisschen zu alt aussehen ließ – was wiederum auch keine falsche Beobachtung war, da er deutlich über fünfzig war. Doch Heck hatte bereits herausgefunden, dass Grant wegen seines Scharfsinns da war, nicht wegen seiner Muskelkraft.

Heck zuckte mit den Schultern. »Ich sage nicht, dass wir nicht genug in der Hand hatten, um uns Matthews zu schnappen, aber wer auch immer diese Dumpfbacken aufgeschlitzt hat, war wirklich besessen. Ich meine, sie waren auf einer Mission … Die haben die Aktion geplant und haargenau ausgeführt.«

Sie betrachteten die grauenhaften Fotos gemeinsam. Neben Grant sah Heck noch größer aus, als er mit seinen eins dreiundachtzig ohnehin schon war. Er war schlank, jedoch solide gebaut, hatte markante, vom Leben gezeichnete Gesichtszüge und unbändiges dunkles Haar, das nie ordentlich und gepflegt aussah, nicht einmal, wenn er sich gerade gekämmt hatte. Wie immer sah sein Anzug getragen und zerknittert aus, obwohl er ihn sich am Morgen frisch angezogen hatte.

»Wie ich höre, glauben Sie, dass wir nur nach einem einzigen Verdächtigen suchen?«, fragte Grant. »Und nicht nach einer Gruppe – wie die Truppe von Matthews und seinen Leuten.«

Heck schürzte die Lippen. Er hatte diese Möglichkeit während der Nachbesprechung nach dem Verhör ein paarmal erwähnt, hatte aber den Eindruck gehabt, dass niemand davon Notiz ge­­nommen hatte.

»Mir ist schon klar, dass das auf den ersten Blick nicht als besonders wahrscheinlich erscheint«, sagte er. »Aber ich glaube Folgendes: Crabtree und seine gewalttätige Bande treiben in der Stadt ihr Unwesen und gehen normalerweise als Gruppe vor. Es gibt mindestens noch fünf oder sechs von ihnen, die es noch nicht erwischt hat. Außerdem stehen sie mit diversen Fußballhooligangruppen in Verbindung, was bedeutet, dass sie jederzeit eine Armee anfordern können, wenn sie das für erforderlich halten. Außerdem sind sie lokale Platzhirsche. Sie kennen jede Gasse und jede Unterführung. Das ganze East End von Sunderland ist ihr Revier.«

»Was es noch unwahrscheinlicher macht, dass ein einzelner Typ das alles ganz allein bewerkstelligen konnte«, wandte Grant ein.

»Nicht, wenn er die Gegend genauso gut kennt«, stellte Heck klar. »In allen drei Fällen wurde das Opfer geschickt in eine Falle gelockt. Zeugen zufolge hat Crabtree irgendjemanden achthundert Meter weit verfolgt, bevor er umgebracht wurde – mit anderen Worten: Er wurde angelockt. Die Zeugen konnten natürlich nicht sagen, von wem. Sie haben den Lockvogel nicht richtig ge­­sehen.«

»Sie sehen ja nie jemanden richtig, ist es nicht so?«

»Und wie es aussieht, hat der Lockvogel ihn ordentlich vorgeführt – und ihn kreuz und quer durch die Siedlungen geführt.«

Auf einer anderen Schautafel war ein großer detaillierter Straßenplan des Hendon-Viertels angebracht. Mit rotem Filzstift gezogene Striche, deren Verläufe auf den Aussagen der Zeugen beruhten, die zugegeben hatten, flüchtig etwas gesehen zu haben, zeichneten die zickzackartigen Routen nach, die die drei Opfer genommen hatten, von denen jedes – aus noch nicht bekannten Gründen – plötzlich aus ganz gewöhnlichen Alltagssituationen heraus jemandem nachgestellt hatte. Die anschließende Verfolgungsjagd hatte jedes einzelne Opfer zu der Stelle geführt, an der es schließlich ermordet worden war. Zu dem Zeitpunkt, als sie angelockt worden waren, waren alle drei Opfer allein gewesen, was die Vermutung nahelegte, dass sie zuvor ausgespäht und wie Beutetiere einer Hatz ausgesetzt worden waren.

»Wir haben es hier mit einer sorgfältigen Vorausplanung und guten Ortskenntnissen zu tun«, stellte Heck fest. »Greg Matthews und seine Leute sind keine Stadtguerillas. Sie sind Studenten, die das Maul aufreißen. Und dazu kommt noch, dass keiner von ihnen aus Sunderland stammt.«

»Ich versteife mich auch nicht darauf, dass Matthews es war«, stellte Grant klar. »Aber es könnte genauso gut eine andere Gruppe sein. Ich verstehe nicht, warum die Taten von einem einzelnen Mann verübt worden sein sollen.«

»Nennen Sie es Bauchgefühl, aber ich glaube immer noch, dass wir es mit einem Rambo zu tun haben.«

»Mit einem Rambo?«

»Erstens haben wir alle bedeutenden Gangs im Osten der Stadt unter die Lupe genommen. Keine von ihnen kommt für die Taten infrage. Zweitens hat keiner Ihrer Spitzel etwas verlauten lassen, also kann man auch den Rest der hiesigen Unterwelt ausschließen. Damit wären wir wieder auf dem Feld der Politik – also bei Matthews und seinesgleichen. Nur dass sie nicht infrage kommen … Sie mögen ja behaupten, dass sie einen Krieg führen, sie mögen sich kleiden wie Angehörige einer Kommandotruppe, aber was auch immer sie sein mögen – das sind sie nicht.« Heck rieb sich das Kinn. »Wir suchen nach jemandem, den wir nicht auf dem Radar haben. Nach jemandem, der hier jeden Winkel kennt, jedoch ein Einzelgänger ist, ein Außenseiter …«

»Könnte es sein, dass Sie vergessen haben, dass wir uns hier in Nordostengland befinden?«, fragte Grant und runzelte die Stirn. »Wir suchen einen gewalttätigen Außenseiter? Dürfte nicht ganz einfach sein, den richtigen ausfindig zu machen.«

 

Heck dachte in der Kantine der Polizeiwache über sein Gespräch mit Grant nach.

Es war Mittagszeit, weshalb sich die Kantine mit, Beamten in Zivilkleidung, Politessen und Verwaltungspersonal gefüllt hatte. Heck war erst seit fünf Wochen oben in North­umberland und hatte sich außer mit Grant noch mit keinem der örtlichen Beamten angefreundet, weshalb er sich alleine an einem Tisch in einer Ecke niederließ und an seinem Tee nippte. Er hoffte, dass der Detective Superintendent, der die Ermittlungen leitete, den Verdächtigen endlich gegen Kaution auf freien Fuß setzen würde. Es war wenig hilfreich, dass man keine weiteren Verdächtigen im Visier hatte, doch selbst wenn dies der Fall gewesen wäre … Heck hatte bisher zu wenig Erhellendes zu den Ermittlungen beigetragen, er konnte nicht erwarten, dass seiner Meinung irgendwelches Gewicht beigemessen wurde. Seinem Status als Angehöriger des Dezernats für Serienverbrechen wurde zwar höflich Respekt gezollt, doch er konnte damit keinen großen Eindruck schinden – was er in gewisser Weise verstand. Das Dezernat für Serienverbrechen mochte in dem, was es tat, zwar gute Arbeit leisten, aber es hatte seinen Sitz in London, was – so sahen es zumindest viele Polizisten im Norden – eine andere Welt war. Es spielte keine Rolle, dass der Aufgabenbereich des Dezernats für Serienverbrechen sich auf sämtliche Polizeidienststellen in England und Wales erstreckte und es somit »beratende Beamte« wie Heck entsenden konnte, die mit Ermittlungen bei allen möglichen Serienverbrechen unter allen möglichen Umständen vertraut waren und daher über entsprechende Erfahrungen verfügten – es gab nach wie vor jede Menge örtlich Dienst tuende Kollegen, die dies eher als Einmischung denn als Hilfe ansahen.

»Kommt bloß nicht auf die Idee, mir was von meinen Whips and stottie zu stibitzen!«, dröhnte eine Stimme in sein Ohr.

Neben Heck wurde ein Stuhl vom Tisch zurückgezogen und schabte über den Boden.

»Oh … tut mir leid«, sagte der Uniformierte, der den Stuhl hervorgezogen hatte und merkte, dass er Heck am Arm angestoßen hatte, dessen Tee daraufhin übergeschwappt war. Allerdings sah er nicht wirklich so aus, als ob es ihm leid täte.

Heck gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass nichts weiter passiert war.

Der Uniformierte, der Heck angestoßen hatte, war in Begleitung von zwei ebenfalls uniformierten Kollegen, alle drei hielten mit Essen beladene Tabletts in den Händen. Die anderen beiden waren jünger, vielleicht Mitte bis Ende zwanzig, aber der Rempler war älter als sie, dickbäuchiger, und sah insgesamt ein wenig grobschlächtig aus. Er hatte eine fliehende Stirn, eine platte Nase und einen breiten Mund voller gelb werdender, schief stehender Zähne. Als er seinen neonfarbenen Regenmantel auszog und über die Lehne seines Stuhls hängte, kam ein fassförmiger Körper zum Vorschein, unter der Stichschutzweste ragten schwabbelige, behaarte Arme hervor. Als er seine Kappe abnahm, enthüllte er einen kahl werdenden Schädel, über dessen lichte Stellen notdürftig fettige, dünne Haarsträhnen gekämmt worden waren. Er witzelte mit seinen Kollegen herum, die sich ebenfalls niederließen und sich über ihr Mittagessen hermachten.

Die Pausen der Uniformierten fielen normalerweise nicht in die Mittagszeit, die war auf der Wache in der Regel den Nine-to-five-Leuten vorbehalten, was bedeutete, dass das laute Trio aus irgendeinem Grund zur Verstärkung abgestellt worden war, höchstwahrscheinlich, um der »Sonderkommission Bulldogge« zu assistieren. Heck gab sich wieder seinen Gedanken hin, obwohl es, da er nun mal Schulter an Schulter mit ihnen saß, schwer war, sich von ihrer genuschelten Unterhaltung nicht ablenken zu lassen. Die drei hatten einen starken Akzent, aber Heck war selbst ein Nordlicht. Er hatte zu Beginn seiner Polizeilaufbahn in Manchester Dienst geschoben, bevor er sich zur Metropolitan Police nach London hatte versetzen lassen. Auch wenn er nun schon seit fünfzehn Jahren in London arbeitete, erschien ihm der Norden immer noch in vielerlei Hinsicht vertrauter als der Süden, wobei der Norden natürlich durchaus kein kleines Gebiet umfasste und Sunderland von Manchester ziemlich weit weg war.

Der Police Constable, der ihn am Arm gestoßen hatte, führte immer noch das Wort. Heck konnte gerade so verstehen, was er sagte. »Jau, kann man wohl sagen. Der abgedrehteste Typ, der mir je untergekommen ist.«

»Redest du von Ernie Cooper?«, fragte ihn einer seiner jüngeren Kollegen; er war blond und hatte einen gerade geschnittenen Pony.

»Jau. Ein ziemlicher Spinner.«

»Hast du in der Wear Street eine Haus-zu-Haus-Befragung durchgeführt?«, fragte der andere Kollege, der Asiate war.

»Ja.«

»Ich schätze mal, aus dem hast du nicht viel rausgekriegt.«

»Würdest kaum erwarten, einen wie Ernie Cooper da anzutreffen«, fuhr der ältere Police Constable fort. »Es ist eine von diesen Nullachtfünfzehn-Buden, zwei Zimmer unten, zwei oben. Sieht von außen ein bisschen nach einem Drecksloch aus. Tun diese Häuser übrigens alle, aber das nur nebenbei. Als er die Tür aufmacht, steht er da im Anzug, mit Fliege und Strickjacke. Als ob er gerade in die Kirche gehen wollte oder so.«

»Ich weiß, was du meinst«, sagte der Blonde. »Wie’s drinnen in seiner Bude aussieht, stimmt’s?«

»Genau.«

»Ich war letztes Jahr mal bei ihm im Haus. Anzeige wegen eingeschlagener Fensterscheiben. Kinder, die mit Steinen geworfen haben.«

»Ich dachte, er wäre auf dem Weg zur Arbeit oder so«, fuhr der ältere Police Constable fort. »Also sage ich: ›Hab Sie wohl in einem ungünstigen Moment erwischt, oder?‹ Aber er: ›Nein, kommen Sie rein.‹ Was für eine abgefahrene Bude!«

»Das reinste Museum über den Zweiten Weltkrieg«, sagte der Blonde.

Heck spitzte die Ohren.

»Überall«, bestätigte der ältere Police Constable. »Hab noch nie so viel Kriegszeug gesehen. Und alles blitzblank. Alles fein säuberlich geordnet. Als ob es ihm was bedeuten würde.«

Der Blonde überlegte laut. »Ich glaube, der Typ ist ein Beses­sener. Sein Vater, Bert, war Angehöriger einer Kommandotruppe oder so was. Hat ’ne Tapferkeitsmedaille gewonnen.«

Heck kamen seine eigenen Worte in den Sinn – »sie mögen sich kleiden wie Angehörige einer Kommandotruppe, aber was auch immer sie sein mögen – das sind sie nicht.«

»Und dann hängt da auch noch dieses verdammte Riesenmesser an seiner Wohnzimmerwand«, fuhr der ältere Police Con­stable fort. »Das Teil flößt dir einen Höllenrespekt ein.«

Heck wandte sich zu ihm um. »Könnten Sie das noch mal wiederholen?«

Im ersten Moment begriffen die drei Police Constables gar nicht, dass er mit ihnen redete. Als es ihnen klar wurde, starrten sie ihn völlig baff an.

»Verzeihen Sie … Detective Sergeant Heckenburg. Ich gehöre auch der ›Sonderkommission Bulldogge‹ an.«

»Aha«, entgegnete der ältere Police Constable, kein bisschen klüger.

»Das Londoner Dezernat für Serienverbrechen hat mich in die Sonderkommission entsandt.«

»Na so was.« Das war Blondie. Er klang alles andere als beeindruckt.

»Was Sie da gerade über diesen Typen gesagt haben … irgendeinen Cooper.«

»Ernie Cooper.«

»Hab ich das richtig verstanden: Sein Vater war Veteran?«, fragte Heck.

»Ja, war er«, erwiderte Blondie. »Er hat vor fünf Jahren das Zeitliche gesegnet.«

»Wie alt ist der jüngere Cooper?«

Der ältere Police Constable, der offen erkennen ließ, wie sehr es ihm missfiel, dass er bei seiner Mahlzeit gestört wurde, zuckte mit den Schultern. »Ende fünfzig … oder älter.«

»Kennen Sie ihn?«

»Nicht gut.«

»Ist er vorbestraft?«

Der ältere Police Constable runzelte die Stirn. »Da war mal was. Ist aber schon lange her.«

»Wegen Gewalttätigkeit?«

»Nichts Ernstes.«

»Aber Sie haben gesagt, er hat ein großes Messer?«

»Ja, aber nicht, was Sie denken. Ein Mitbringsel aus dem Krieg. Etwas von seinem Vater. Ein Kukri, Sie wissen schon. Ist inzwischen ein Museumsstück.«

Hecks Gedanken rasten. Das Kukri – oder Khukuri, um genau zu sein – war jene scharfe, schwere, kunstvoll gekrümmte Waffe, die die Gurkha-Bataillone der britischen Armee immer noch benutzten. Es war perfekt dazu konstruiert, Gegnern tödliche Stichwunden zuzufügen, war jedoch gleichzeitig als ein hervor­ragendes Schneide- und Hackwerkzeug bekannt. Was hatte einer der Rechtsmediziner, der die drei Mordopfer untersucht hatte, noch vor Kurzem gesagt? Etwas wie: »Die Schnittwunden sind tief. Die Muskeln der Speiseröhre wurden glatt mit einem einzigen Einschnitt durchtrennt. Wir haben es also mit einer extrem scharfen, aber zugleich sehr schweren Klinge zu tun …«

»War Ernie Cooper auch beim Militär?«, fragte Heck.

Der ältere Polizist zuckte mit den Schultern. »Nicht dass ich wüsste.«

»Fabrikarbeiter«, sagte der asiatische Police Constable. »Im Vorruhestand.«

»Ist er sportlich?«, bohrte Heck weiter nach. Die drei sahen einander an, angesichts der immer neuen Fragen inzwischen eher verblüfft als genervt. »Ich meine … ist er ein guter Läufer? Im Ernst, Leute, das könnte wichtig sein.«

Blondie zuckte mit den Schultern. »Ich hab ihn schon joggen gesehen. Ich glaube, er war Mitglied des Osprey Running Club … Ultramarathon. Vermutlich ist er inzwischen ein bisschen zu alt für so was.«

»Nö. Ich sehe ihn immer noch laufen. Alleine. Hab ihn jedenfalls nicht mit jemandem zusammen laufen sehen. Eigentlich noch nie.«

»Und Sie sagen, sein Vater war Angehöriger einer Kommandotruppe?«

»Genau«, bestätigte Blondie. »Bert Cooper. Im East End bestens bekannt. Eine Art Kriegsheld.«

»Angehöriger eine Kommandotruppe?«, wiederholte Heck. »Ginge das vielleicht auch ein bisschen genauer?«

»Er war kein Angehöriger einer Kommandotruppe«, sagte der Asiate. »Ich habe in der Zeitung den Nachruf auf ihn gelesen. Er war Fallschirmjäger. Er hat an der Schlacht in der nordafrikanischen Wüste teilgenommen und war bei der Eroberung der Pegasusbrücke dabei.«

»Genau, die Pegasusbrücke«, meldete sich Blondie zu Wort. »Da hat er sich seine Auszeichnung verdient. Ich erinnere mich, dass mein Vater das mal erwähnt hat.«

Heck lehnte sich zurück. »Ich würde diesen Ernie Cooper gerne kennenlernen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Der ältere Police Constable zuckte mit den Schultern. »Wir haben nichts dagegen. Warum sollten wir?« Er stöberte in seiner Jackentasche herum. »Ich kann Ihnen jetzt gleich seine Adresse geben.«

»Wäre vielleicht von Vorteil, wenn Sie mich mit ihm bekannt machen würden«, stellte Heck fest. »Könnte dazu beitragen, das Eis zu brechen.«

Der ältere Police Constable sah seine Kollegen an, als könne er nicht glauben, was da für ein dreistes Anliegen an ihn herangetragen wurde. »Vor oder nach meinem Mittagessen?«

Heck stand auf. »Ich brauche wahrscheinlich noch eine Stunde. Können wir uns um zwei unten treffen?«

»Ich denke, in einer Stunde sollte ich das verdrückt haben.« Der ältere Police Constable zeigte auf seinen Teller, auf dem sich Pommes, Eier, Würstchen, Bohnen und mit Butter bestrichene Brotscheiben türmten. In einem seiner weniger nachsichtigen Momente hätte Heck dem Typen vermutlich entgegnet, dass er sich angesichts der Wampe, die jetzt, da er saß, wie ein Stapel Autoreifen über seinem Hosenbund und seinem Gerätegürtel hervorquoll, glücklich schätzen könne, wenn er die nächste Stunde überhaupt überlebe, aber das wäre wenig hilfreich ge­­wesen.

Außerdem war er mit seinen Gedanken bereits woanders.

Zum Beispiel bei der Leibstandarte.

Paul Finch

Über Paul Finch

Biografie

Paul Finch hat als Polizist und Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Neben zahlreichen Drehbüchern und Kurzgeschichten veröffentlichte er auch Horrorromane und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem British Fantasy Award und dem International Horror Guild...

Medien zu »Spurensammler«

Pressestimmen

Ruhr Nachrichten

»Dieses Buch ist nichts für zartbesaitete Gemüter.«

dpa

»rasante Action und Hochspannung (...) perfekt inszeniert.«

Neue Woche

»Nervenkitzel.«

Alles für die Frau

»Spannung pur!«

Kommentare zum Buch

Spurensammler
YvetteH / LovelyBooks am 07.10.2015

Rasant und spannend von der ersten bis zur letzten Seite! Dieser Leseeindruck ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

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