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Sommer in EdenbrookeSommer in EdenbrookeSommer in Edenbrooke

Sommer in Edenbrooke

Roman

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Sommer in Edenbrooke — Inhalt

Ein Roman wie Downton Abbey

Marianne Daventry würde alles dafür geben, der Langweile in Bath zu entkommen, wo ein lästiger Verehrer immer wieder versucht, sie für sich zu gewinnen. Deswegen zögert sie nicht, als sie eines Tages eine Einladung von ihrer Zwillingsschwester Cecily erhält, sie auf dem großen Landsitz Edenbrooke zu besuchen. Marianne hofft, dort in aller Ruhe entspannen und die schöne Landschaft erkunden zu können, während ihre Schwester damit beschäftigt ist, den attraktiven Erben von Edenbrooke zu umwerben – doch spätestens, als sie dem sehr unfreundlichen, aber sehr gut aussehenden Sir Philip in die Arme läuft, wird Marianne allmählich klar, dass man manche Dinge einfach nicht planen kann. Denn der geheimnisvolle Mann wird nicht nur ihr Herz in Aufruhr versetzen, sondern auch ihr ganzes Leben durcheinanderwirbeln ...

Erschienen am 20.03.2017
Übersetzer: Heidi Lichtblau
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86612-428-8
Erschienen am 02.05.2018
Übersetzer: Heidi Lichtblau
432 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31321-6
Erschienen am 01.03.2017
Übersetzer: Heidi Lichtblau
432 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97675-6

Leseprobe zu »Sommer in Edenbrooke«

1. Kapitel

Bath, England, 1816

 

 

 

Letztlich war es die Eiche, durch die ich gedanklich auf Abwege geriet. Denn während ich unter ihrer ausladenden, grünen Baumkrone entlangschritt, sah ich zufällig empor. Der Wind fuhr in ihre Blätter und ließ sie auf ihren Stielen herumwirbeln, und da ging mir jäh auf, wie lange ich selbst nicht mehr vor Freude herumgewirbelt war. Ich blieb stehen und sann darüber nach, wann mir das letzte Mal auch nur im Geringsten danach zumute gewesen war.

Just in diesem Augenblick pirschte sich Mr Whittles heran.

»Miss Daventry! [...]

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1. Kapitel

Bath, England, 1816

 

 

 

Letztlich war es die Eiche, durch die ich gedanklich auf Abwege geriet. Denn während ich unter ihrer ausladenden, grünen Baumkrone entlangschritt, sah ich zufällig empor. Der Wind fuhr in ihre Blätter und ließ sie auf ihren Stielen herumwirbeln, und da ging mir jäh auf, wie lange ich selbst nicht mehr vor Freude herumgewirbelt war. Ich blieb stehen und sann darüber nach, wann mir das letzte Mal auch nur im Geringsten danach zumute gewesen war.

Just in diesem Augenblick pirschte sich Mr Whittles heran.

»Miss Daventry! Was für eine unerwartete Freude!«

Erschrocken fuhr ich zusammen und sah mich verzweifelt nach Tante Amelia um, die auf dem Kiesweg weitergegangen sein musste, während ich im Schatten des Baumes verweilt hatte.

»Mr Whittles! Ich … ich habe Sie gar nicht kommen hören.« Gewöhnlich horchte ich immer mit zumindest einem Ohr, ob er mir nachstellte. Doch die Eiche hatte mich vollkommen in Anspruch genommen.

Er strahlte mich an und verbeugte sich so tief, dass sein Korsett knarzte. Mein Blick fiel auf sein schütteres Haar, das er sich mit Pomade über den Schädel drapiert hatte, und auf sein breites, schweißglänzendes Gesicht. Dieser Mann war mindestens doppelt so alt wie ich und von unerträglicher Lächerlichkeit. Aber keine von all seinen abstoßenden Eigenschaften löste ein solch fasziniertes Entsetzen in mir aus wie sein Mund. Wenn er sprach, flatterten seine Lippen derart, dass sich darauf ein Speichelfilm bildete, der sich sodann in seinen Mundwinkeln sammelte. Ich bemühte mich, diese Stelle nicht ungebührlich anzustarren.

»Ein prachtvoller Morgen, nicht wahr? Eigentlich fühle ich mich sogar bewogen zu sagen: ›Oh, welch prachtvoller Morgen, oh, welch prachtvoller Tag, und welch prachtvolle Lady habe ich vor mir, ganz ohne Frag!‹« Er verbeugte sich, als würde er Applaus erwarten. »Aber heute kann ich mit etwas Besserem als diesem Verslein aufwarten. Ich habe ein neues Gedicht geschrieben, eigens für Sie.«

Ich ging einen Schritt in die Richtung, in der ich Tante Amelia vermutete. »Meine Tante wäre entzückt, sich Ihr Gedicht anhören zu dürfen, Mr Whittles. Sie ist uns bestimmt nur ein paar Schritte voraus.«

»Aber Miss Daventry, ich hoffte doch, Sie mit meiner Dichtung zu erfreuen.« Er bewegte sich immer weiter auf mich zu. »Die Verse gefallen Ihnen doch, nicht wahr?«

Für den Fall, dass er meine Hand ergreifen wollte, verbarg ich sie hinter meinem Rücken. Eine unerfreuliche Erfahrung dieser Art reichte vollauf. »Ich fürchte, ich habe nicht dasselbe Verständnis für Dichtung wie meine Tante …« Ich sah mich um und atmete beim Anblick von Tante Amelia erleichtert auf, die auf der Suche nach mir den Weg entlangeilte. Meine unverheiratete Tante war eine ausgezeichnete Anstandsdame – eine Tatsache, die ich bis zu diesem Augenblick nie so recht zu schätzen gewusst hatte.

»Marianne! Da bist du ja! Ach, Mr Whittles, aus der Ferne habe ich Sie gar nicht erkannt. Wissen Sie, mein schlechtes Augenlicht …« Sie lächelte ihn glückstrahlend an. »Wollen Sie ein weiteres Gedicht zum Besten geben? Ich schätze Ihre Dichtung wirklich sehr. Sie sind so überaus wortgewandt!«

Meine Tante war das perfekte Gegenstück zu Mr Whittles. Durch ihr schlechtes Sehvermögen wurde die abstoßende Natur seiner Gesichtszüge abgemildert. Und da sie mehr Haare hatte als Verstand, entsetzten sie seine Abgeschmacktheiten im Gegensatz zu mir nicht. Tatsächlich hatte ich schon seit einiger Zeit versucht, Mr Whittles’ Aufmerksamkeit von mir auf sie umzulenken, wenn auch bislang vergebens.

»Ein neues Gedicht habe ich tatsächlich.« Er zog ein Schriftstück aus seiner Rocktasche, strich zärtlich darüber und leckte sich die Lippen. Dabei blieb ein großer Speicheltropfen an der Unterlippe hängen. Unwillkürlich starrte ich darauf. Als Mr Whittles zu lesen anfing, wackelte der Tropfen, fiel aber nicht ab.

»Gar schmuck ist Miss Daventry anzuschaun, die Augenfarbe ziert sie sehr! Nicht ganz grün, durchaus nicht braun, sind sie vom Tone wie das Meer, äh, und sie sind rund.«

Ich riss meinen Blick von dem zitternden Speicheltropfen los. »Was für eine entzückende Idee – vom Ton des Meeres! Allerdings wirken meine Augen oft eher grau als blau. Daher würde mir ein Gedicht zusagen, in dem meine Augen grau sind.« Ich lächelte unschuldig.

»J-ja, natürlich. Ich habe mir selbst schon viele Male gedacht, dass Ihre Augen eher grau wirken.« Er legte seine Stirn in Falten. »Ah, ich hab’s!«, rief er. »Ich werde sagen, dass sie den Ton eines stürmischen Meeres haben, da ein stürmisches Meer oft grau wirkt, wie Sie wissen. Das lässt sich leicht abändern, und ich muss das Gedicht deswegen nicht völlig umschreiben wie die letzten fünf Male.«

»Wie klug von Ihnen«, murmelte ich.

»Allerdings!«, bekräftigte Tante Amelia.

»Es geht noch weiter: Gar schmuck ist Miss Daventry anzuschaun, das gilt durchaus auch für ihr Haar! Von einem warmen, goldnen Braun, schimmert’s im Kerzenschein gar wunderbar.«

»Bravo!«, lobte ich ihn. »Nur war mir bisher nicht bewusst, dass meine Haare einen goldenen Braunton haben.« Ich sah zu meiner Tante. »Ist dir dieser Gedanke schon einmal gekommen, Tante Amelia?«

Sie legte den Kopf schräg. »Nein. Noch nie.«

»Sehen Sie? Verzeihen Sie, dass ich Ihre Meinung nicht teile, Mr Whittles, aber ich möchte Sie gern zu Bestleistungen anspornen.«

Er nickte. »Fanden Sie es besser, als ich die Farbe Ihres Haares mit der meines Pferdes verglichen habe?«

»Ja«, seufzte ich. »Das war unendlich viel besser.« Allmählich hatte ich von meinem Spielchen genug. »Vielleicht sollten Sie sich schnurstracks auf den Heimweg begeben und das Gedicht umschreiben.«

Meine Tante hob einen Finger. »Aber ich habe schon oft gedacht, dass deine Haare dieselbe Farbe wie Honig haben.«

»Honig! Ja, das trifft es genau.« Mr Whittles räusperte sich. »Von einem warmen Honigbraun, schimmert’s im Kerzenschein gar wunderbar.« Sein Grinsen lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf seinen feuchten Mund.

Ich schluckte krampfartig. Wie in aller Welt konnte eine einzelne Person so viel Speichel erzeugen?

»Nun ist es perfekt. Am Freitag werde ich es auf der Dinnerparty der Smith’ vortragen.«

Mich schauderte. »Oh, Mr Whittles, das würde die Sache gänzlich verderben. Als Herzensangelegenheit behält man ein so schönes Gedicht doch für sich!« Ich griff nach dem Schriftstück. »Dürfte ich es bitte haben?« Nach kurzem Zögern reichte er es mir. »Vielen Dank!« Die Worte kamen aus tiefstem Herzen.

Nun erkundigte sich Tante Amelia nach dem Befinden seiner Mutter. Sobald Mr Whittles sich an die Schilderung der schwärenden Wunde am Fuß seiner Mutter machte, drehte sich mir der Magen um. Wie abstoßend! Um mich abzulenken, entfernte ich mich ein Stück von den beiden und sah in die Krone der Eiche hinauf, die schon zuvor meine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Es war ein herrlicher Baum, und mich packte eine frische Sehnsucht nach dem Land. Noch immer wirbelten die Blätter im Wind, und ich stellte mir die Frage, die mich vorhin hatte innehalten lassen: Wann war ich denn das letzte Mal richtig herumgewirbelt?

Einst war das Herumwirbeln eine Gewohnheit von mir gewesen, auch wenn Großmutter es als eine schlechte Angewohnheit bezeichnet hätte. Das wilde Herumwirbeln hatte sich zu meinen anderen schlechten Neigungen gesellt, wie stundenlang mit einem Buch im Obstgarten zu sitzen oder auf dem Rücken meiner Stute durch die Landschaft zu streifen.

Es musste über vierzehn Monate her sein, seit ich das letzte Mal vor Freude herumgewirbelt war. Vor vierzehn Monaten hatte ich, noch in unmittelbarer Trauer, mein Zuhause verlassen müssen. Ich war an der Türschwelle meiner Großmutter in Bath abgesetzt worden, während sich mein Vater für seine eigene Art der Trauerbewältigung nach Frankreich aufgemacht hatte.

Vierzehn Monate – das waren zwei Monate länger, als ich anfänglich befürchtet hatte, in dieser stickigen Stadt bleiben zu müssen. Ich hatte gehofft, ein Jahr der getrennten Trauer sei Strafe genug, auch wenn man mir nie einen Anlass zu dieser Annahme gegeben hatte. Daher hatte ich vor zwei Monaten, als sich der Todestag meiner Mutter zum ersten Mal jährte, den ganzen Tag die Rückkehr meines Vaters erwartet. Immer und immer wieder hatte ich mir vorgestellt, wie ich sein Klopfen an der Tür vernehmen und mein Herz vor Freude hüpfen würde. Ich hatte mir ausgemalt, wie ich zur Tür laufen und sie aufreißen würde. Hatte schon vor mir gesehen, wie Vater mir mit einem Lächeln verkünden würde, dass er gekommen sei, um mich wieder mit nach Hause zu nehmen.

Und doch war er an jenem Tag vor zwei Monaten nicht erschienen. Ich hatte die Nacht bei Kerzenschein aufrecht sitzend in meinem Bett verbracht und auf das Klopfen an der Tür gewartet, das mich aus meinem goldenen Käfig befreien würde. Doch der Morgen dämmerte, und noch immer war nichts dergleichen geschehen.

Seufzend sah ich wieder zu den im Wind tanzenden grünen Blättern empor. Schon seit geraumer Zeit hatte ich keinen Grund mehr zum Herumwirbeln gehabt – und das im Alter von siebzehn! Das war in der Tat ein Problem.

»Es sickert«, forderte Mr Whittles meine Aufmerksamkeit zurück. »Es sickert richtiggehend heraus.«

Tante Amelia, die ein bisschen grün um die Nase wirkte, hielt sich die behandschuhte Hand vor den Mund. Ich beschloss einzuschreiten. »Meine Großmutter wartet. Bitte entschuldigen Sie uns.«

»Selbstverständlich.« Wieder verbeugte er sich unter dem unvermeidlichen Knarzen des Korsetts. »Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen, Miss Daventry. Vielleicht in der Wandelhalle?«

Natürlich schlug er ausgerechnet den gesellschaftlichen Mittelpunkt von Bath für eine weitere »zufällige« Begegnung vor. Wie gut er meine Gewohnheiten doch kannte! Ich lächelte höflich und machte mir im Geiste eine Notiz, mindestens eine Woche lang keinesfalls in der Wandelhalle Tee zu trinken. Dann zog ich Tante Amelia zu der ausgedehnten grünen Rasenfläche, die den Kiesweg vom Royal Crescent trennte. Das aus buttergelben Steinen errichtete Gebäude beschrieb – gleich einem Paar ausgestreckter Arme – einen anmutigen Halbkreis. Großmutters Wohnung innerhalb des Royal Crescent befand sich unter den schönsten, die Bath zu bieten hatte. Doch Luxus machte die Tatsache nicht wett, dass man in Bath städtischem Leben der übelsten Art ausgesetzt war. Ich vermisste das Landleben so sehr, dass ich mich Tag und Nacht danach verzehrte.

Ich entdeckte Großmutter in ihrem Salon, wo sie auf ihrem Sessel thronte und einen Brief las. Noch immer trug sie Trauer. Bei meinem Eintreten sah sie auf und beäugte mich kritisch von Kopf bis Fuß. Ihren scharfen, grauen Augen entging nichts.

»Wo warst du den ganzen Vormittag? Bist du wieder wie eine dahergelaufene Bauerngöre auf dem Land herumgestrolcht?«

Als ich diese Frage zum ersten Mal vernahm, hatten mir die Knie geschlottert. Nun lächelte ich in dem Wissen, dass es sich dabei um ein Spielchen handelte: Großmutter genoss es einfach, sich mindestens einmal am Tag einen guten Schlagabtausch mit mir zu liefern. Zudem war mir klar, wenngleich ich ihr das niemals vorgehalten hätte, dass ihre raue Schale das verbarg, was sie als größte aller Schwächen betrachtete – einen weichen Kern.

»Nein, Großmutter, das tue ich nur an ungeraden Tagen. Die geraden verbringe ich damit, das Melken zu lernen.« Ich beugte mich zu ihr hinunter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Einen Augenblick hielt sie mich am Arm fest. Für ihre Verhältnisse ein Ausdruck höchster Zuneigung.

»Ich schätze, du hältst dich für amüsant«, bemerkte sie.

»Eigentlich nicht. Um eine Kuh melken zu können, bedarf es fleißiger Übung. Derzeit betrachte ich mich noch als blutige Anfängerin.«

Ich sah, dass es um ihre Mundwinkel zuckte, was bedeutete, dass sie ein Lächeln zu verbergen suchte. Sie zupfte an ihrem spitzenbesetzten Schultertuch und bedeutete mir, mich auf den Sessel neben sie zu setzen.

Ich spähte zum Briefstapel auf dem Beistelltisch. »Habe ich heute Post bekommen?«

»Solltest du dich nach einem Brief von deinem gedankenlosen Vater erkundigen, dann leider nein.«

Um meine Enttäuschung zu verbergen, wandte ich den Blick ab. »Vermutlich reist er gerade umher und hat keine Gelegenheit zu schreiben.«

»Oder vielleicht hat er während seines egoistischen Trauerns seine Kinder vergessen«, murmelte sie. »Und überträgt seine Aufgaben an eine Person, die nie darum gebeten hat, schon gar nicht in ihrem hohen Alter.«

Ich zuckte zusammen. Manche von Großmutters spitzen Bemerkungen trafen mehr als andere. Gerade hatte sie ein besonders schmerzliches Thema angeschnitten, da ich mich nur ungern als Last betrachtete. Doch ich kam nun mal nirgendwo anders unter.

»Möchtest du, dass ich bei dir ausziehe?«, kam ich nicht umhin zu fragen.

Großmutter sah mich finster an. »Jetzt stell dich nicht dümmer, als du bist! In dieser Hinsicht bin ich mit Amelia weiß Gott schon genug geschlagen.« Sie faltete den Brief zusammen, den sie gerade gelesen hatte. »Mir sind weitere schlechte Nachrichten von meinem Neffen zu Ohren gekommen.«

Ah, der Ruchlose Neffe! Das hätte ich mir denken können. Nichts versetzte meine Großmutter mit solcher Gewissheit in schlechte Laune, wie von dem letzten Skandal zu hören, in den ihr Erbe, Mr Kellet, verwickelt war. Er war ein Schwerenöter und Schurke, der all sein Geld verspielt hatte und nun darauf wartete, an das ansehnliche Vermögen seiner Tante zu gelangen.

Meine Zwillingsschwester Cecily hielt ihn für fesch und romantisch, ich hingegen fand ihn alles andere als das. Einer der vielen Punkte, in denen sie und ich verschiedener Meinung waren.

»Was hat Mr Kellet denn diesmal angestellt?«

»Nichts, was für deine unschuldigen Ohren bestimmt wäre.« Sie seufzte und fuhr dann in sanfterem Ton fort: »Marianne, ich glaube, ich habe einen Fehler begangen. Er rennt ins Verderben. Der Schaden, den er dem Namen der Familie damit zufügt, ist beträchtlich und nicht wiedergutzumachen.« Sie hob eine zitternde Hand an ihre Stirn. Plötzlich wirkte sie gebrechlich und matt.

Ich starrte sie überrascht an. Nie zuvor hatte Großmutter mir gegenüber solch eine Verletzlichkeit an den Tag gelegt. Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Ich beugte mich zu ihr und ergriff ihre Hand. »Großmutter? Fühlst du dich nicht gut? Kann ich dir irgendetwas bringen?«

Sie schüttelte meine Hand ab. »Kind, hör auf, mich so zu beglucken. Du weißt, dass ich das nicht ausstehen kann. Ich bin einfach müde.«

Ich verkniff mir ein Lächeln. Wenn sie in dieser Weise reagierte, konnte es ihr so schlecht nicht gehen. Normalerweise sah sie über Mr Kellets schlechtes Benehmen hinweg und rief sich ins Gedächtnis, warum er immer einer ihrer Lieblinge gewesen war. (Vermutlich mochte sie ihn, weil er keine Angst vor ihr hatte.) Doch ich hatte sie bisher weder so besorgt noch so niedergeschlagen erlebt wie jetzt.

Großmutter deutete auf den Briefstapel. »Dort befindet sich ein Brief an dich. Aus London. Lies ihn dir durch und lass mich ein paar Minuten allein.«

Ich nahm den Brief, ging ans Fenster und ließ das Sonnenlicht auf die vertraute Handschrift fallen. Mich hatte Papa nach Bath gebracht, doch für meine Zwillingsschwester Cecily hatte er eine noch besser geeignete Unterkunft aufgetan: Sie hatte die vergangenen vierzehn Monate bei unserer Cousine Edith in London verbracht und schien jede Sekunde dort zu genießen.

Cecily und ich waren dafür, dass wir Zwillinge waren, bemerkenswert unterschiedlich. Sie übertraf mich in sämtlichen weiblichen Fertigkeiten. Sie war viel schöner und kultivierter. Sie spielte auf dem Pianoforte und sang engelsgleich. Mit einem Gentleman konnte sie mühelos flirten. Ihr gefiel das Stadtleben, und sie träumte davon, einen Mann mit einem Titel zu heiraten. Sie war ehrgeizig.

Mir stand der Sinn nach ganz anderen Dingen. Ich wollte auf dem Land leben, auf meinem Pferd ausreiten, in einem Obstgarten sitzen und malen, mich um meinen Vater kümmern, das Gefühl haben, irgendwo dazuzugehören und mit meiner Zeit etwas Nützliches und Gutes anzustellen. Im Vergleich zu Cecilys Träumen wirkten meine bieder und langweilig. Mitunter befürchtete ich, dass ich selbst neben Cecily auch beschränkt und langweilig wirken könnte.

In letzter Zeit hatte Cecily von nichts anderem mehr geschrieben als von ihrer liebsten Freundin Louisa Wyndham und deren gut aussehendem adeligem Bruder, den Cecily fest entschlossen war zu heiraten. Seinen Namen hatte Cecily nie genannt – in ihren Briefen hieß er schlicht »der Bruder«.

Vermutlich befürchtete sie, ihre Zeilen könnten von jemand weniger Diskretem als mir gelesen werden. Vielleicht hatte sie dabei meine Zofe Betsy im Hinterkopf. In der Tat war mir noch nie eine so unverbesserliche Plaudertasche begegnet wie sie.

Das hatte ich Cecily gar nicht erzählt, aber kürzlich hatte ich Betsy nach dem Namen des ältesten Wyndham-Sohnes gefragt, und sie hatte herausgefunden, dass es sich dabei um einen gewissen Charles handelte. Sir Charles und Lady Cecily – wenn das nicht gut klang! Natürlich verstand es sich von selbst, dass Cecily, wenn sie sich denn zu einer Heirat mit ihm entschloss, ihren Entschluss auch in die Tat umsetzen würde. Bislang hatte sie noch alles erreicht, was sie sich in den Kopf setzte.

Ehe ich das Briefsiegel erbrach, schickte ich mit geschlossenen Augen einen stummen Wunsch gen Himmel: Bitte mach, dass sie sich nicht wieder in einem fort über die liebe Louisa und ihren gut aussehenden Bruder auslässt! Gegen die Wyndhams an sich hatte ich nichts einzuwenden – schließlich waren unsere Mütter als Kinder Busenfreundinnen gewesen, und ich konnte mich genauso auf diese Bekanntschaft berufen wie Cecily –, aber ich hatte von meiner Schwester in den vergangenen zwei Monaten kaum etwas anderes zu hören bekommen und fragte mich allmählich, ob ihr die Wyndhams nicht wichtiger waren als ich. Ich öffnete den Brief und las.

 

Liebste Marianne,

es tut mir so leid, dass Dir Bath wie ein Gefängnis vorkommt. Nachdem ich London so liebe, kann ich dieses Gefühl gar nicht recht nachvollziehen. Vielleicht schlägt von uns Zwillingen mein Herz ja ganz und gar für das Urbane und Deines für die Natur. In dieser Hinsicht wurden wir ungleich bedacht, nicht wahr?

(Als Deine Schwester kann ich Dir, nebenbei bemerkt, verzeihen, dass Du Dinge schreibst wie: »Mir ist es lieber, wenn mein Haupt von Sonnenschein, Wind und Himmel geschmückt wird, denn von einer hübschen Haube.« Aber ich flehe Dich an, solche Dinge bitte nicht gegenüber anderen zu äußern. Ich fürchte, es würde sie ziemlich schockieren.)

Da ich Deinen gegenwärtigen Kummer kenne, werde ich Dich nicht mit alldem behelligen, was ich in der vergangenen Woche getrieben habe. Nur eines sei gesagt: Meine erste Saison in London ist genauso amüsant, wie ich es mir erhofft hatte. Aber ich stelle Deine Geduld heute nicht auf die Probe, indem ich diesen Punkt weiter ausführe, denn womöglich würdest Du in der Folge diesen Brief zerreißen, ehe Du die wichtige Neuigkeit liest, die ich Dir sende.

Meine liebste Freundin Louisa Wyndham hat mich eingeladen, sie auf ihrem Landsitz zu besuchen. Wenn ich es recht verstehe, ist er sehr herrschaftlich, nennt sich Edenbrooke und liegt in Kent. In zwei Wochen brechen wir dorthin auf. Doch nun kommt das Wichtigste: Du bist ebenfalls eingeladen! Lady Caroline hat die Einladung nämlich auf Dich ausgeweitet, da wir beide Töchter der »liebsten Freundin« ihrer Kindheit sind.

Oh, sag bitte, dass Du kommst! Wir werden die herrlichste Zeit haben, die man sich vorstellen kann. Möglicherweise werde ich sogar Deine Unterstützung in meinem Bestreben brauchen, »Lady Cecily« zu werden (klingt das nicht großartig?), denn natürlich wird auch der Bruder anwesend sein – meine Chance, ihn mir zu angeln! Außerdem bekommst Du auf diese Weise die Gelegenheit, meine zukünftige Familie kennenzulernen.

Hingebungsvoll
Cecily

 

Das Gefühl der Hoffnung erfasste mich mit solcher Wucht, dass mir die Luft wegblieb. Ich würde wieder auf dem Land sein! Und damit Bath und seinen grauenvollen Einschränkungen entfliehen! Und ich würde nach der langen Trennung wieder mit meiner Schwester zusammen sein! Es war zu viel, um alles in mich aufzunehmen. Ich las den Brief abermals durch, bedächtiger diesmal, und kostete dabei jedes Wort aus. Eigentlich benötigte Cecily gar nicht meine Hilfe, um Sir Charles’ Zuneigung zu gewinnen. Ich vermochte ihr nichts anzubieten, was sie selbst nicht besser machen konnte, wenn es darum ging, jemandes Gunst zu gewinnen. Dieser Brief war jedoch ein Beweis, dass ich ihr immer noch wichtig war – und dass sie mich nicht vergessen hatte. Oh, was für eine Schwester! Vielleicht waren nun alle meine Probleme gelöst. Und es gab womöglich einen Grund, wieder herumzuwirbeln.

»Nun? Was schreibt deine Schwester?«, erkundigte sich Großmutter.

Ich wandte mich freudig zu ihr um. »Sie hat mich eingeladen, zusammen mit ihr auf den Landsitz der Wyndhams in Kent zu reisen. In zwei Wochen verlässt sie London.«

Großmutter schürzte die runzligen Lippen, sah mich forschend an, schwieg jedoch. Mir wurde bang zumute. Sie würde sich doch nicht etwa weigern, mich reisen zu lassen? Nicht, wenn sie wusste, wie viel es mir bedeutete?

Ich drückte den Brief an meine Brust, und mein Herz schnürte sich bei dem Gedanken zusammen, mir würde dieses unerwartete Geschenk Gottes verwehrt werden. »Wirst du mir deine Erlaubnis geben?«

Sie sah auf den Brief, den sie noch immer in Händen hielt – denjenigen, der die schlechte Neuigkeit über Mr Kellet enthielt. Dann warf sie ihn auf den Tisch und richtete sich auf ihrem Sessel gerade auf.

»Du darfst hinfahren, doch nur unter einer Bedingung. Du musst deine wilden Gewohnheiten ablegen. Jetzt ist Schluss damit, den ganzen Tag im Freien herumzustreunen! Du musst lernen, dich wie eine elegante junge Dame zu benehmen. Nimm Unterricht bei deiner Schwester. Sie weiß, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hat. Ich kann nicht zulassen, dass sich meine Erbin wie ein wildes Kind benimmt. Ich möchte durch dich nicht in Verlegenheit gebracht werden, wie mein Neffe es getan hat.«

Ich starrte sie mit großen Augen an. Ihre Erbin? »Wie meinst du das?«

»Genau so, wie du denkst, dass ich es meine. Ich enterbe Mr Kellet und lasse stattdessen dir den Großteil meines Vermögens zuteilwerden. Derzeit beläuft sich dein Anteil auf etwa vierzigtausend Pfund.«

Julianne Donaldson

Über Julianne Donaldson

Biografie

Julianne Donaldson ist eine hoffnungslose Romantikerin. Sie hat Englische Literatur studiert, was ihre Leidenschaft fürs Schreiben nur noch verstärkt hat. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Salt Lake City, reist aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach England.

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